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I am not throwing away my (One)shot!

von Antinous
DrabbleDrama, Freundschaft / P16 / Gen
05.11.2016
13.11.2016
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3.904
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06.11.2016 2.257
 
Kurze Anmerkung: Hamiltons Geburtsjahr ist nicht sicher, verschiedene Quellen geben 1755 oder 1757 an. Allerdings deutet mehr auf 1755 hin, und da das Musical von diesem Jahr ausgeht, tue ich das auch.
Außerdem sind die Charaktere hier dem Musical entnommen, das heißt, wenn ich z.B Eliza oder Lafayette beschreibe, beschreibe ich Phillipa Soo und Daveed Diggs und nicht die historischen Persönlichkeiten.
Sonst halte ich mich größtenteils präzise an die geschichtlichen Fakten.
Ach und natürlich: Die Idee und die Charaktere, von denen diese Fanfic inspiriert ist, gehören dem genialen Lin-Manuel Miranda und nicht mir ;)
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Auf Nevis war es warm. Ich weiß noch, wie die Händler, die aus England gekommen waren, sich über den Schnee im Winter beschwerten. Ich war vier, als ich das Wort das erste Mal gehört hatte.
Schnee.
Ich konnte mir nichts darunter verstellen.
Ich kannte nur unsere Siedlung auf Nevis, unser Dorf, die Sonne, die stetig warm schien, die hohe Luftfechtigkeit und die etwas kühlen Nächte, in denen man aber oft trotzdem nur eine dünne Decke brauchte.
Ich war zu meinem Bruder James gelaufen, aufgeregt und enthusiastisch wegen des neuen Wissen, das ich aber nich nicht ganz zuordnen konnte.
James war älter als ich, fast genau drei Jahre. Er maßte sich aber nie an, über mir zu stehen oder mich belehren zu müssen. Er forderte mich heraus, sah mich als ebenbürtig an.
Wenn wir als Kinder gespielt hatten, hatte meine Mutter James oft zu sich gerufen und gefragt :"Wieso lässt du deinen Bruder nicht auch einmal gewinnen und gibst etwas nach?"
Und James hatte geantwortet :"Wieso? Ist er etwa schwächer als ich? Ich glaube, er schafft das auch so. Er kann das! Wenn ich nachgeben würde, wäre das doch kein echter Sieg für ihn, Mummy!"
Und ich mochte das. Ich mochte diese Herausforderung.
Über Schnee konnte mir James allerdings nichts sagen. Also lief ich zu meinem Vater. Ich wusste zu diesem Augenblick nur, dass er nicht von hier kam, sondern von weit weg. Er war blasser als die anderen und sprach auch etwas anders. Das hatte ich schon recht früh bemerkt. Meine Mutter war regelrecht begeistert gewesen von meinen genauen Beobachtungen.
Dass mein Vater aus Schottland kam, wusste ich da noch nicht.
"Schottland" sagte mir nichts. "England" hingegen hatte ich schon oft gehört. Und obwohl die Leute es fast immer mit einem abfälligen Unterton sagten, faszinierte mich diese Idee – dass es weit weg von hier, von Nevis, einen Ort gab, der so ganz anders war.
Mein Vater verstand meine Neugier und erklärte mir, dass es im Winter in Schottland sehr kalt wurde und dass dann weiße Flocken vom Himmel fielen, der "Schnee",
Meine Mutter schien sich über meinen Lerneifer zu amüsieren, trotzdem nahm sie mich ernst.
Ich fragte sie eines Abends :"Mummy, ist die Welt da draußen sehr groß?"
Und sie nahm mich bei den Händen und sagte :"Ja, Alex. Und irgendwann wirst du sie entdecken."
Als ich noch sehr jung war, stellte ich mir die Welt jenseits der Karibik als einen bizarren, aber schönen, einen phantastischen, magischen Ort vor.
Mit den Jahren war mein Eifer nüchterner und rationaler geworden, aber nie kleiner.

Auf unserer Insel wurde ein Mischmasch aus Englisch, Französisch und Spanisch gesprochen. Englisch und Französisch lernte ich sehr schnell. Meine Mutter stammte aus Frankreich und half mir damit.
Mit vier lernte ich das Alphabeth, mit fünf konnte ich fließend Französisch und Englisch lesen, mein Spanisch war noch stockend.
Ich mochte Gedichte, die begann ich mit sieben zu lesen. Ich fand es einfach unglaublich, wie Worte in meinem Kopf solche faszinierenden Bilder herausbeschworen. Und was sie in einem bewegen konnten.
Worte hatten eine Kraft, die nicht pysisch war. Das mochte ich schon als Kind.
Worte waren stark, konnten als Waffe oder als Werkzeug der Kreation eingesetzt werden.
Meine Mutter war erstaunt, dass ich in so einem jungen Alter schon "fortgeschrittene Literatur", wie sie es nannte, lesen konnte.
Mit neun las ich Homers Ilias, mit zehn Othello und Macbeth. Shakespeare gefiel mir. Die Wortgewalt und die geniale Dramatik begeisterten mich, auch wenn  ich damals noch nicht alle Querverweise, religiösen Symbole oder Interpretationsmöglichkeiten verstand.
Und dann verschwand mein Vater. Er ging einfach.
Ich wusste nicht, ob ich ihn hassen sollte oder versuchen sollte, ihn irgendwie zu verstehen.
Er hatte sicher seine Gründe, redete ich mir ein.
Ja, klar, empörte sich James dann immer, er will ja was ereichen. Und wie will er das hier bitte, auf dieser Kackinsel, in diesem Kackdorf, mit dieser gottverdammten Familie, um die er sich kümmern muss, wie soll er hier denn bitte Karriere machen, der Arme?


Nachdem mein Vater verschwand, sank unser Ansehen. Ich war ja nicht dumm, ich wusste, woran das lag. Meine Eltern waren nicht verheiratet gewesen, hatten aber trotzdem Kinder gezeugt.
Das galt als ehrlos.
Ich und James, wir waren die "Hurenkinder".
Unsere Mutter wurde oft mit verächtlichen Blicken bedacht, auch wenn viele noch zu uns standen.
Trotzdem hieß es :"Diese Rachel, nicht mal eine würdevolle Witwe ist das. Ein Flittchen, das ist sie."
Sobald ich verstand, was da über meine Mutter geredet wurde, wurde ich sehr wütend.
Es war ungerecht, so verdammt ungerecht. Und das schrie ich auch jedem ins Gesicht, der etwas in die Richtung sagte.
Ich war stets bereit zu kämpfen, ob mit Worten oder mit meinen Fäusten.
Wenn mich jemand abschätzig geradezu auslachte, konterte ich.
Ich argumentierte die Leute regelrecht un den Boden, worin ich sehr gut war, wie ich mit der Zeit merkte.
Die Menschen wussten, dass ich recht hatte und dass eine weitere Diskussion sinnlos wäre, also gingen sie einfach davon, als wäre ich irgendein dummes kleines Kind, dem man nicht zuhören sollte, wenn man seine Zeit sinnvoll verwenden will.
Das machte mich noch wütender. Ich wollte respektiert werden.
Doch die Wut in meinem Alltag wich bald Hilflosigkeit und Verzweiflung . Meine Mutter wurde krank, und auch ich begann mich schwächer zu fühlen. Meine Mutter hatte es allerdings viel schlimmer erwischt.
Mein Bruder war einen Monat  zuvor weggegangen, um sich zum Handwerker ausbilden zu lassen und hat davon nicht viel mitbekommen.
Es war ein schmerzhaftes halbes Jahr. Tropisches Fieber, sagte der Artz. Man könne nichts machen.
Ich war zwölf und nicht dumm; ich wusste, dass ich mir keine falschen Hoffnungen machen sollte.
Trotzdem machte es dieser Gedanke nicht leichter.
Dann, ganz plötzlich, verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter rapide.
Zu diesem Zeitpunkt laß und schrieb ich sehr viel. Tatsächlich besaß ich wohl ein gewisses literarisches Talent.
Im Nachhinnein frage ich mich, ob ich mich so in die Literatur hineingesteigert hatte, um mich von dem nahenden Tod meiner Mutter abzulenken.
Ich erinnere mich, wie ich an ihrem Krankenbett saß, einen schmerzhaft großen Kloß im Hals.
Ein schmächtiger Zwölfjähriger, zitternd die fahlen Hände seiner Mutter haltend.
Und sie fragte mich :"Alex, willst du immer noch die Welt sehen? Willst du immer noch ganz nach oben?"
Ich hatte genickt.
"Alex... ich hatte kein einfaches Leben, genauso wie dein Vater. Niemand hier auf Nevis hat eine besonders große Zunkunft. Ich will nicht, dass es dir auch so ergeht. Du bist sehr klug und unglaublich talentiert. Du schaffst es raus aus dem Elend, ich weiß es einfach. Du bist ein Kämpfer, Liebling.
Ich weiß, dass du etwas erreichen wirst. Ich weiß es einfach."
Am nächsten Tag starb sie. Einfach so.
Und eine seltsame Taubheit legte sich für nächsten Wochen über mich.
Sie war weg. Nicht mehr da. Ich konnte das nur halb realisieren, obwohl es sich doch so deutlich angebahnt hatte.
Sie war tatsächlich weg.
Ich war allein. Tagelang saß ich in meinem Zimmer, die Decke anstarrend.
Und dann überkam mich die Erkenntnis, dieses Mal mit voller Wucht, und die Taubheit war wie weggefegt.
Ich war auf mich gestellt.
Das Leben fängt an, Alex.
Und es ist erbarmungslos.


Ein paar Tage später kam ein Mann namens Johann Lavien, der unser Haus und alle Besitztümer versteigerte. Ich fragte ihn, mit welchem Recht er das tat, doch er schob mich nur zur Seite wie ein nerviges Insekt.
Ich erfuhr, dass er der ehmalige Gatte meiner Mutter war. Er hatte sie wegen vermeintlichem Ehebruch eingesperrt, und nachdem die freikam, floh sie auf Nevis.
Aber dass er sich anmaßte, über unseren Besitz verfügen zu dürfen, wollte ich nicht akzeptieren.
Ich bereitete mich also von. Ich informierte mich. Es schien juristisch nicht direkt geregelt, aber es konnte ihm nicht erlaubt sein, sich einfach zum Herr über diese Güter zu erklären.
Ich wusste nicht, ob man mich ernstnehmen, aber meine Worten würden nicht weniger richtig sein, weil sie aus dem Mund eines Kindes kommen.
Ich ging zu Lavien und verlangte ein Gespräch. Doch er sah mich nur abschätzig an.
Ich spürte das dringende Bedürfnis, ihn in sein schmieriges Gesicht zu schlagen. Aber ich hielt mich zurück.
"Du bist doch Alexander, oder? Großer Name für so einen Knirps. Wie alt bist du Bursche, zehn?"
"Zwölf", knurrte ich. "Naja, jedenfalls, ich würde gerne meine Skepsis bezüglich ihres Verhaltens zum Ausdruck bringen."
Lavien stieß einen seiner Freunde in die Seite. "Haste den Knaben reden gehört, Gordron? Ist wohl ein Miniaturanwalt."
Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. Er machte sich über mich lustig.
Also kam ich gleich zum Punkt :"Mister Lavien. Das Haus gehörte meiner Mutter. Da sie gestorben ist, geht es automatisch auf mich über."
Er drehte sich ruckartig zu mir um. "Rede keinen Mist, Bursche. Nichts gehört dir. Du bist ein Hurenkind. Unehlich, verstehst du? Kein Erbe, gar nichts. Und jetzt mach die Fliege."



Ich war machtlos. Mein Standpunkt war zwar nicht falsch, aber ich war nur ein Kind.
Und nicht nur das, ich war heimatlos. Glücklicherweise nahm mich kurz daraus mein Vetter Peter Lytton auf. Ich hatte ihn bisher nur einige Male gesehen, aber er schien sich meiner zu erbarmen und ließ mich bei sich wohnen.
In dieser Zeit spornte mich ein Gedanke an: Meine Mutter hatte recht. Ich bin begabt. Ich kann etwas erreichen.
Ich werde etwas erreichen.
Und ich begann wieder viel zu schreiben und zu lesen. Ich hatte nie eine Schule besucht, doch wenn ich mich mit meinem Heimstudium ranhalten würde, könnte ich das locker aufholen.
Etwa acht Monate ging alles gut, doch dann kam ich an einem warmen Tag im Juli zurück und fand Peter tot auf.
Es war ziemlich offensichtlich, dass er sich selbst umgebracht hatte.
Doch ich gab nicht auf. In diesem Moment wusste ich es einfach, instinktiv.
Ich würde nicht aufgeben. Mein Ehrgeiz war erwacht.
Peters Vater nahm mich nach einigem Murren auf.
Ich schrieb.
Ich schrieb Gedichte.
Ich schrieb Essays.
Ich schrieb über mein Leben.
Ich schrieb über Politik und Wirtschaft.
Und ich fing auch an, meinem Vater zu schreiben.
Etwa ein Jahr stürtzte ich mich ins Lernen. Ich lernte alles mögliche.
Über politische Streitthemen, über Geschichte, über Wissenschaften und Kultur und Kunst und den Krieg und das Leben.
Und dann begann ich, in der örtlichen Zeitung, der Royal Danish American Gazette, Gedichte zu veröffentlichen.
Alle zwei Wochen ein Gedicht, mal kritisch-satirisch, mal poetisch und philosohisch, mal melancholisch und traurig. Der Redakteur kannte mich und meine Werke recht gut, trotzdem murmelte er jedes mal aufs Neue :"Junge, Junge, das ist doch nicht mehr nomal!"
Dann holte mich das Leben wieder ein, und mein Hochflug wurde zu einer Bruchlandung.
Mein Onkel starb.
Ich fragte mich, ob ich den Tod vielleicht magisch anziehe, ob ich vielleicht eine Aura des Unglücks ausstrahlte. Es war Blödsinn, trotzdem schien es damals Sinn zu machen.
Aber ich gab nicht auf.


Wir hatten in St. Croix eine Handelsfirma namens Beekman&Kruger. Ich wusste, dass es in meiner Lage nur zwei Wege gab, um aufzusteigen – im Militär oder in der Wirtschaft.
Also begann ich bei der Firma zu arbeiten. Ich kümmerte mich um die Finanzen, führte Buch und koordinierte Aufträge, da war ich vierzehn.
Alles verlief gut. Die nächsten drei Jahre waren meine bisher besten. Ich hatte er weit gebracht, hatte etwas erreicht, und das aus eigener Kraft.
Nachdem ich dort nicht einmal ein Jahr gearbeitet hatte, wurde ich zum Chef der Firma gemacht.
Es ging beinahe schon zu gut.
Ich hätte es wissen müssen.
Am 31 August meines dritten Jahres zerstörte ein Hurrikan St. Croix.
Alles war hin.
Desillusioniert schrieb ich einen langen und ausführlichen Brief über die Katastrophe an meinen Vater.
Einige Wochen später kam ein uniformierer Mann zu mir. Der Gouverneur unserer Kolonie, das legte seine Uniform nahe.
Und er kam auf mich zu, legte mir eine Hand auf die Schulter und sagte :"Glückwunsch mein Sohn, bald beginnt für dich ein neues Leben. Grüß uns vom Festland!"

Es stellte sich heraus, dass der Brief an meinen Vater in der Zeitung abgedruckt wurde. Und die Leute waren von seiner Qualität anscheinend so begeistert, dass man für ein Stipendium für mich gesammelt hatte. Sie wollten mich aufs Festschicken.
Aufs gottverdammte Festland!
Ich konnte es nicht fassen.


Eine Woche später stand ich am Deck der Elizabeth, eines großen Passagierschiffs, als ich etwas sah.
Dieses Etwas war eine Küste.
Amerika.
Dieser Moment bestärkte mich nochmal. In meinem Ehrgeiz, in meinem Überlebenswillen, in meinem Enthusiasmus.
Ich war nicht mehr irgend ein armes Kind aus Nevis.
Ich war Alexander Hamilton.
Und eines Tages würde die ganze Welt meinen Namen kennen.

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Daaaamn, ist das lang geworden. Habs eigentlich kürzer eingeplant....
Ich weiß, das war n bisschen trocken, aber Alexander Hamilton ist ja auch ein erzählendes Lied ohne Dialog.
Die Kapitel werden sich an der Stil der Lieder anpassen, keine Sorge XD
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