Die Zwischenräume der Liebe

von Exita
GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
04.11.2016
31.10.2017
41
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Die Zwischenräume der Liebe.


Kapitel 1



Merlin schaute aus dem Zugfenster, an dem die Landschaft vorbeirauschte, die doch sehr vielfältig war. Er saß allein in dem Abteil des Zuges, der ihn bald an sein Ziel bringen würde und er lächelte leicht in Vorfreude. Es war lange her, das er eine Reise dieser Art machte; hatte er doch nie die Zeit oder die Ruhe, sich darauf zu konzentrieren. Doch nun war die Anspannung vorbei und er freute sich auf seinen Urlaub.

Merlin war deshalb so entspannt, da er sein Examen so gut wie in der Tasche hatte. Die Prüfungen waren vorüber und er war zufrieden mit dem Ergebnis. In vier Wochen war die Abschlussfeier der Universität in London und er bekam das Ganze schriftlich. Merlin hatte in Geschichte und Kunst studiert und beides mit Bravour abgeschlossen.

Und nun war er auf dem Weg nach Schottland, um sich die Burg anzusehen, über die er in seinem Examen geschrieben hatte. Auch was die Kunst anging, war er sich sicher, dort sehr schöne, alte Bilder zu sehen. Es gab viele Burgen in Schottland, teils Ruinen aber auch noch erhalten. Da er mit seiner Zeit begrenzt war, hatte er sich eine Burg seines Interesses ausgesucht. Sie lag ziemlich weit weg, aber ihre Geschichte hatte ihn schon immer fasziniert. Was auch ein Teil seines Examens war.

Sein Vater war nicht begeistert, das er seine Freizeit dem Thema widmete, denn er wollte das Merlin die Zeit mit ihm in Florida in ihrem luxuriösen Ferienhaus verbrachte. Doch er war nicht begeistert, hatte er diese Reise schon lange geplant und immer wieder aufgeschoben. Dazu kam, das er sich mit seinem Vater nicht so verstand, wollte er doch mit Gewalt, das Merlin in das Familienunternehmen einsteigt. Doch Merlin hatte ganz andere Pläne für seine Zukunft, was seinem Vater nicht behagte. Dazu kam, das sie in ständigen Clinch lagen, was seine sexuellen Neigungen anging. Merlin mochte Männer, was seinem Vater ein gewaltiger Dorn im Auge war.

Zwei Tage mit seinem Vater unter einem Dach und sie hatten Streit, da sein Vater ihm ständig vorhielt, das er nicht normal war oder ihm Vorwürfe machte, das er nicht in das millionenschwere Unternehmen einstieg. Oft drohte er mit Enterbung, wenn er seine sexuellen Neigungen nicht sein lassen würde. Doch Merlin scherte das wenig; er hatte seine eigene Pläne fürs Leben, auch was seine Partner anging. Er würde gerne in einer bekannten Galerie arbeiten oder in  Geschichte promovieren. Noch war er sich nicht sicher; er hatte ja noch Zeit. Doch er würde sich nicht dem Willen seines Vaters beugen, weder was das Unternehmen anging, noch seine Neigungen. Es war sein Leben und er gestaltete es nach seinen Vorstellungen. Was dem Ganzen immer neue Nahrung gab, was Streit mit seinem Vater anging und er hatte keine Lust, sich das wieder und wieder anzuhören.

Merlin hatte diverse Partnerschaften während seiner Uni Zeit, teils langfristig...teils auch nicht und einige kurzzeitige Affären. Doch es hatte nie so gefunkt, wie das eigentlich so sein sollte. Die große Liebe oder die einzige Liebe; Merlin glaubte nicht wirklich daran. Dafür hatte er genug negative Erfahrungen und die wahrhafte Liebe? So etwas gab es nicht; er glaubte nicht daran, denn er war schon oft verliebt und das Resultat? Es hatte nie gehalten. So etwas gab es in Romanen oder im Kino, aber die Realität sah anders aus. Es gab keine einzige und ewige Liebe; nicht für ihn. Doch darüber machte er sich im Moment keine Gedanken; er war im Moment Single und zufrieden wie es war.

Der Zug wurde langsamer und sie fuhren in einen Bahnhof ein. Der Ort auf dem Schild sagte ihm, das er bald ankommen würde. Ein älterer Mann öffnete die Tür zu seinem Abteil und fragte.

„Ist hier noch frei?“

Er sprach englisch mit einem ausgeprägten, schottischen Akzent und Merlin nickte freundlich.

„Natürlich.“

Der ältere Mann kam herein. Er hatte weißes Haar und auch einen Bart in der selben Farbe. Seine hellblauen Augen blickten wach und klar; sein Gesicht leicht gebräunt und faltig. Merlin könnte nicht auf Anhieb schätzen, wie alt er war. Er könnte sechzig, aber auch neunzig sein. Er setzte sich Merlin gegenüber ans Fenster, als der Zug wieder anfuhr und lächelte den jungen Mann an.

„England?“

„Wie bitte?“, fragte Merlin.

„Ich höre es an Ihrer Aussprache. Sie sind Engländer.“

Merlin lächelte.

„Ach so. Ja, bin ich.“

„Eine Urlaubsreise?“, fragte er weiter.

Anscheinend war er sehr gesprächig. Merlin war das recht; war es doch etwas langweilig so allein in dem Abteil.

„Sozusagen...Ja. Seit Langem mal endlich wieder“, antwortete er freundlich.

Der ältere Mann streckte ihm seine Hand entgegen.

„Ich bin Colin Mackenzie.“

„Merlin Emrys“, antwortete er und erwiderte den Gruß „Freut mich sehr.“

„Es ist doch immer wieder erfrischend, wie viele Menschen man auf so einer Reise kennen lernt“, sagte Colin „Diesmal einen jungen Mann.“

„So jung auch nicht mehr“, lachte Merlin „Ich bin sechsundzwanzig.“

Colin winkte ab.

„Gott, Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich. Es ist lange her, da ich in Ihrem Alter war. Ich bin achtundsiebzig.“

„Und immer noch auf Reisen“, lächelte Merlin „Bewundernswert.“

„Ich war schon immer reiselustig. Früher noch mehr, aber jetzt schränke ich mich schon ein. Und da ich nie wirklich sesshaft war, sind mir die Frauen davon gerannt. Ich war drei Mal verheiratet, doch das hielt mich nie davon ab, zu reisen. Frauen mögen ihre Männer lieber zu Hause. Ich fürchte, das war der Grund warum sie es nicht ausgehalten haben. Sie waren irgendwann nicht mehr da, wenn ich nach Hause kam. Wie auch immer; das Reisen habe ich nie aufgegeben.“

„Das kann ich verstehen“, antwortete Merlin „Es gibt in der Welt viel zu sehen.“

„Und darf ich fragen, wohin es Sie verschlägt?“, fragte er nach einem Moment Merlin.

„Sicher. Ich bin mit meinem Studium fertig und mache jetzt die Reise, die ich lange aufgeschoben habe.“

„Studium? In was?“

„ Geschichte und Kunst“, antwortete Merlin „Und nun bin ich auf dem Weg nach Inverness. Danach weiter mit einem anderen Zug nach Drumnachdrochit. Ich möchte mir die Burg Dragon Hill ansehen. Es gibt viele Burgen hier in Schottland, doch diese ist vollkommen erhalten. Ich freue mich wirklich darauf, sie zu sehen.“

Das Gesicht des alten Mannes wurde düster und Merlin schaute ihn verwirrt an. Hatte er etwas gesagt, was nicht in Ordnung war?

„Sie hätten sich lieber eine andere Burg aussuchen sollen“, sagte er schließlich.

„Warum?“

„Ich bin auf dem Weg nach Hause und wohne in einem Nachbarort von Drumnachdrochit. Und ich kenne alle Geschichten der Burg.“

Merlin lächelte.

„Natürlich. Wenn man in unmittelbarer Nähe davon wohnt, kennt man auch die Geschichte der Burg. Ich vermute, das sie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ich finde das auch hochinteressant; deshalb die Wahl meines Studiums.“

„Das meinte ich nicht damit“, sagte er und beugte sich etwas vor zu Merlin „Ich spreche von den Geistergeschichten.“

Merlin lachte und schüttelte den Kopf.

„Oh je...Nicht das. Ich weiß, das jede Burg irgendeine Geistergeschichte hat und finde es wirklich lustig, das es anscheinend wirklich so ist. Doch ich glaube nicht an Geister, die nachts in der Burg spuken, weil sie keinen Frieden finden. Das sind doch nur Attraktionen, die Besucher anlocken sollen. Es würde mich nicht wundern, wenn jemand als Gespenst dort herumlaufen würde, um den Besucher Angst zu machen. Es wäre nicht das erste Mal, das sich jemand so etwas ausdenkt. Eine kleine Einlage während der Führung.“

Colin schaute ihn ernst und fast tadelnd an. Anscheinend fand er das nicht lustig. Merlin schwieg und schaute aus dem Fenster. Er fand das einfach idiotisch, das die Menschen irgendwelche Geschichten erfanden, um die Burg interessant zu machen. Für ihn war sie mehr als interessant, auch ohne die bescheuerten Geistergeschichten.

„Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen, junger Mann“, sagte Colin ernst „Mag ja sein, das man manche Geschichten aufbauscht, um Besucher anzulocken, doch es verhält sich anders mit Burg Dragon Hill. Ich lebe schon seit ich geboren wurde dort und viele haben den Geist schon gesehen. Nachts ist sie manchmal beleuchtet und man hört Musik.“

Merlin kicherte.

„Ja? Geister, die feiern? Mit einem weißen Leinentuch und gruseligen, dunklen Augen, die mit Ketten rasseln und mit schaurigen Lauten durch die Verliese spuken? Oder geisterhafte Erscheinungen, die nach einer Melodie tanzen, die lange in Vergessenheit geraten ist? Nichts für ungut“, lachte er „Aber ich halte nichts davon. Ich glaube nicht an Geister, die nachts durch die Burg schweben. Das ist Unfug.“

„Es gab schon Menschen, die dort verschwunden sind und nie mehr aufgetaucht sind.“

Merlin seufzte.

„Wahrscheinlich sind sie nach der Führung abgereist, weil sie niemand mehr gesehen hat. Ich hatte schon damit gerechnet“, antwortete Merlin „Das man bei der Führung von schrecklichen Ereignissen redet und von Geister, die keine Ruhe finden. Es wäre doch einfallslos, wenn man auch für Burg Dragon Hill nichts erfinden würde. Wahrscheinlich eine junge Frau, die dort ermordet wurde und nachts weinend durch die Burg geistert.“

Der ältere Mann schüttelte den Kopf.

„Nein. Keine Frau...Ein Mann.“

„Oh...Ist ja ganz was Neues“, sagte Merlin belustigt.

Er glaubte nicht an Geister, so wenig wie er an die einzige und wahrhafte Liebe glaubte. Dazu war er zu realistisch. Doch es machte ihm Spaß, die Geschichten zu hören, die sich anscheinend Menschen mit viel Fantasie ausgedacht hatten. Oder von irgendwelchen Geschäftsleuten, die das Geschäft mit dem Tourismus ankurbeln wollten.

Er lehnte sich zurück und machte es sich etwas bequem und sagte grinsend.

„Okay...Wir haben noch etwas Zeit bis wir ankommen. Dann erzählen Sie mir die Geistergeschichte. Bin ja richtig neugierig.“

„Sicher?“

Merlin lachte.

„Ja. Sicher.“

Colin lehnte sich zurück.

„Also gut. Es handelt sich um den Earl Arthur Pendragon, der keinen Frieden findet. Er starb sehr jung, ungefähr als er achtundzwanzig war und er wurde ermordet und hintergangen. Und das von seinem eigenen Vater, der sehr herrschsüchtig und streng war. Er war der einzige Sohn des Grafen Pendragon. Damals legte man sehr viel Wert auf Etikette und ein junger, adliger Earl musste sie wahren.“

„Wie starb er?“, fragte Merlin neugierig.

„Es war in der Walburgisnacht. Wie immer veranstaltete der Graf ein rauschendes Fest. In dieser Nacht verschwand der junge Earl spurlos; niemand hatte ihn danach jemals wiedergesehen. Man geht davon aus, das sein eigener Vater ihn ermordet hatte, weil er dem Ansehen der Grafschaft Pendragon Schande brachte. In dieser verhängnisvollen Nacht verließ das Glück die Burg Dragon Hill. Ein Cousin des Grafen, Artis Cummingham, der die Burg wollte, überfiel sie und tötete alle, die dort auf dem Ball waren, auch den Grafen. Doch niemand fand seinen Sohn...Niemals. Und nun geistert er durch die Burg, weil er keine Ruhe findet... für das Unrecht, das man ihm angetan hat.“

„Was hat er getan, das sein eigener Vater ihn tötete? War er verunstaltet oder nicht bei klarem Verstand?“

„Das weiß niemand. Viele vermuten, das er so hässlich war, das man Angst bekam, wenn man ihn ansah. Andere denken, das er verrückt war und nicht bei klarem Verstand. Damals war es eine Schande, solche Erben zu haben und eine Schande der Familie. Er war wohl nicht der Einzige, der von seiner Familie entsorgt wurde.“

Merlin nickte andächtig.

„Nun, da ich Geschichte mit Schwerpunkt schottische Geschichte studiert habe, weiß ich, das es da mal ein Artis Cunningham gab, der Eigentümer der Burg war, indem er sie erobert hatte. Und auch einen Grafen Pendragon, der die Burg in einem Kampf verlor. Schottland war lange besetzt von den Engländer, daher die Grafschaften, die verschwanden, als sie unabhängig wurden. Aber so etwas kam damals oft vor. Das man sich der Schande der Familie entledigte. Das waren ganz andere Zeiten und Stolz und Ehre waren da nicht nur Worte. Das Ansehen einer Grafschaft war damals sehr wichtig. Doch die Burg wurde im Laufe der Zeit oft belagert, angegriffen und eingenommen. Das war in dieser Zeit normal, das untereinander Krieg und Feten waren, zumal man immer noch im Krieg mit Schottlands lag. Es steht auch in den Geschichtsbüchern, das es einen englischen Grafen Gavin Pendragon gab, aber nichts von einem Sohn, der plötzlich verschwunden ist oder getötet wurde. Ich denke eher, das dies wieder eine erfundene Geschichte von irgendjemand ist, der sich das ausgedacht hatte.“

„Ich sehe, ich kann Sie nicht davon überzeugen, das es so war. Aber nehmen Sie einen guten Rat von mir an...Gehen Sie nie nachts zu der Burg. Wenn die Sonne untergeht, sollten Sie nicht dort sein. Beherzigen Sie das.“

„Warum?“

„Wie ich schon sagte, einige Menschen sind spurlos verschwunden. Der Geist ist rachsüchtig und verbittert, das er so jung sterben musste.“

Merlin grinste, doch anscheinend war es dem alten Mann ernst damit. So versuchte er ein neutrales Gesicht zu machen, damit Colin nicht das Gefühl hatte, das er sich lustig über ihn machte.

„Ich denke, das die Führung vor dem Abend zu Ende ist, also werde ich nicht dort sein“, sagte Merlin schließlich und sah aus dem Fenster.

Der Zug hielt an und sie standen beide auf.

„Hier muss ich raus“, sagte Merlin und nahm seine Reisetasche „In einer halben Stunde fährt mein Anschlusszug. Nehmen Sie den auch?“

Colin schüttelte den Kopf.

„Nein. Meine Tochter lebt hier in Inverness. Ich werde noch einige Tage bei ihr und ihrer Familie verbringen.“

Sie stiegen aus und Colin hielt Merlin am Arm fest und sah ihn durchdringend an.

„Denken Sie an meine Worte.“

„Werde ich“, nickte Merlin „War nett, Sie kennenzulernen. Leben Sie wohl.“

Colin nickte und Merlin machte sich auf zu seinem nächsten Zug. In zwei Stunden würde er auch an seinem Ziel sein und in der kleinen Herberge sein Zimmer beziehen, das er schon gebucht hatte.


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In dem kleinen Bummelzug, der ihn weg von Großstädte in ein kleines Dorf bringen sollte, schaute sich Merlin die Landschaft an. Grüne Wiesen, Hügeln und Wälder wechselten sich ab; es war ein trüber verregneter Tag auf seiner Reise, eigentlich typisch schottisches Wetter, auch wenn es Sommer war. Er dachte an Colins Geschichte und schmunzelte vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.

Geister und ihre Geschichten. Merlin fand das eher belustigt als unheimlich. Lag wohl daran, das er auf das Fantasie Gespinste der Menschen nicht herein fiel. Er glaubte an vieles nicht. Auch nicht an liebevolle Familien. Er war ein Einzelkind, seine Mutter hatte seinen Vater verlassen als er noch klein war. Und er hatte nicht viel Zeit für seinen Sohn gehabt; schlussendlich war sein Kindermädchen Merlin vertrauter als sein eigener Vater gewesen. Er sah sehr früh alles sehr realistisch; für Träume und Fantasien war da kein Platz.

Und sollte er einen Traum haben, dann wünschte er sich, das er geliebt wurde, so wie er war. Doch sein Vater und liebevolle Familie in einem Satz zu erwähnen, wäre der reine Hohn. Da er der missratene Sohn war und Männer hinterher schaute, nicht die Familie Tradition wahrte und in das Familienunternehmen einstieg, hatte sein Vater eigentlich nur Verachtung für ihn übrig.

Was sollte es? Er würde sein Leben gestalten, dafür brauchte er nicht das Familienvermögen. Der Zug pfiff und schreckte ihn aus seinen Gedanken hoch. Draußen kam eine Erhöhung in Sicht und...Burgschloss Dragon Hill. Einsam und still stand die Burg auf der Anhöhe, umgeben von dunklen Wolken, die ihr nasses Gut auf ihr ausschütteten. Merlin konnte den Blick nicht abwenden, obwohl ihm jetzt ein Schauer über den Rücken lief. Sie sah bedrohlich aus...dunkel und geheimnisvoll. Sie trug die Jahrhunderte alte Geschichte von sich in den Gemäuer; erzählte von Kriegen, Intrigen und Tod. Von den Menschen, die in ihr lebten und starben; von berauschenden Festen und schrecklichen Kriegen. Auch von Liebe und Freundschaft, Tragik und Glück. Alles, was in den Jahrhunderten geschah, seit sie hier erbaut wurde und Merlin lange nicht geboren war.

Fasziniert schaute er die Burg an, in Bewunderung und Demut versunken. Es war etwas anderes, darüber zu schreiben, als wahrhaft davorzustehen. Lange hatte Merlin darauf gewartet und er wollte nirgendwo anders sein. Er hatte sich in der Uni einige Burgen angeschaut, doch immer wieder kam er zu dieser Burg zurück und letztendlich war sie sein Ziel seiner Reise geworden. Sie übte auf Merlin eine nicht zu erklärende Faszination aus, das er nicht beschreiben konnte.

Der Zug hielt in einem kleinen Bahnhof und Merlin stieg aus. Es war Abend und niemand hielt sich hier auf. Es war nicht so wie im Bahnhof in den Städten, in dem ein stetiges Kommen und Gehen war. Hier war niemand und es regnete und war frisch. Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch und machte sich auf in das Dorf, das beleuchtet vor ihm lag. Auch hier war es still in den Straßen, ab und zu huschte jemand im Schatten davon. Als wäre die Zeit hier stehen geblieben, lag das Dorf still vor ihm. Es klirrte in einer der Seitenstraßen und Merlin zuckte zusammen, als ein großer, schwarzer Hund aus dem Dunkeln vor ihm aus der Gasse sprang.

„Verdammt“, sagte er leise amüsiert zu sich selbst „Colin hat wohl doch mit seiner Geistergeschichte Eindruck auf mich gemacht.“

Vor einer kleinen Gaststätte blieb er stehen und las das Schild, das sich im Wind bewegte.

Guildford Arms.

Merlin trat ein. Es wurde still in der Gaststätte. Alle sahen ihn neugierig an, was ihn etwas wunderte. Normalerweise mussten sie daran gewöhnt sein, das Touristen kamen. Er ging zu den Tresen und lächelte.

„Guten Abend. Ich habe hier ein Zimmer reserviert...Auf den Namen Merlin Emrys.“

„Ja. Willkommen“, lächelte der Mann hinter den Tresen. Inzwischen war wieder reges Treiben in der Gaststube.

„Kann ich hier etwas zum essen bekommen?“, fragte Merlin, als ein junger Mann ihn zum Zimmer führte.

„Sicher; die anderen Gäste essen auch hier. Es sind noch zwei Paare hier, die eine Wanderung machen und hier ein paar Tage bleiben“, antwortete er „Normalerweise kommen nicht viele hierher.“

„Das wundert mich etwas, denn hier in der Nähe ist eine schöne Burg und vollständig erhalten.“

„Schon“, antwortete der junge Mann „Aber meistens reisen sie dann weiter oder kommen aus der Stadt zu einer Besichtigung und fahren dann zurück. Sind Sie auch wegen der Burg hier?“

Merlin nickte und trat in das überraschend, gemütliche Zimmer.

„Ja und auch, um mich ein paar Tage auszuruhen und zu erholen. Ich hatte die letzte Zeit viel Stress.“

„Verstehe“, sagte der Mann, der wohl der Sohn war „Dann mal erholsame Tage. Essen ist gleich fertig; sie können dann herunterkommen.“

„Danke.“

Der Mann ging und Merlin stellte seine Tasche ab, ging zum Fenster und öffnete die Vorhänge. Hoch oben lag die Burg im Dunklen; nur die Umrisse waren zu sehen. Er drehte sich um und betrachtete das Zimmer. Es sah gemütlich aus, ein großes Bett mit einem blauen Überwurf und Kissen, ein Schrank und eine kleine Sitzgruppe. Einfach, aber gemütlich, mehr wollte Merlin nicht. Er war ja nur ein paar Tage hier. Nachdem er sich frisch gemacht hatte, ging er hinunter in die Gaststätte. Als der Wirt ihm sein Essen brachte fragte er.

„Wann sind denn die Führungen auf der Burg?“

„Es gibt nur eine und das einmal in der Woche...Mittwochs“, antwortete er „Um zehn Uhr morgens. Sie geht ungefähr vier Stunden. Am Abend ist sie verschlossen und niemand mehr dort.“

„Warum?“

Er zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung. Ich war noch nie dort und auch nicht die Leute, die hier leben. Es ist wie mit allem so; hat man so etwas jeden Tag vor Augen, ist es nicht mehr so interessant.“

„Vielleicht wegen den Geistergeschichten“, sagte Merlin etwas belustigt. Der Mann schaute finster drein.

„Sie haben davon gehört?“

Merlin lächelte.

„Ja, aber fast jede Burg hat solche Geschichten. Das ist doch nichts Besonderes, eigentlich ein blödes Klischee...Entsprungen aus der Fantasie der Menschen.“

„Mag sein“, antwortete er „Sie kommen aus einer Stadt und finden das vielleicht amüsant. Doch hier in den kleinen Dörfer, obwohl wir nicht mehr im Mittelalter leben, ist der Hang zum Aberglauben immer noch vorhanden. Wir leben hier abgeschieden von der Welt; ein kleines Dorf mit Geschichte, so wie viele andere. Vielleicht kommen deshalb Leute, weil sie das Gefühl haben, hier würde die Zeit stehen bleiben. Viele Gebäude stammen noch aus alter Zeit. Doch hier leben meistens nur die Älteren, die jungen zieht es in die Städte und ins Leben.“

„Sicher“, sagte Merlin und der Wirt ging.

Merlin widmete sich seinem Essen. Er war hungrig von der Reise und auch müde. Die Gaststätte war fast leer, als er in sein Zimmer ging. Er öffnete sein Fenster und zog die feuchte Nachtluft ein. Er sah zu der dunklen Burg. Morgen würde er eine Wanderung dorthin machen. Es war Montag und er musste noch warten, bis er die Burg besichtigen konnte. Merlin schloss das Fenster und etwas später legte er sich ins Bett und schlief gleich ein.


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