Im Wirbel der Gefühle

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
03.11.2016
03.11.2016
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Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass mein Leben innerhalb kürzester Zeit völlig auf dem Kopf stehen würde, dass ich Herzklopfen und Seelenflimmern kriegen würde, sobald ich nur an diese Sache denke, hätte ich denjenigen mit höchster Wahrscheinlichkeit für völlig verrückt erklärt. Wenn jemand mir erzählt hätte, dass ich mich Hals über Kopf verlieben würde – ausgerechnet in ihn – dass ich seine Hand halten und Küsse mit ihm tauschen würde, ich hätte denjenigen ganz bestimmt nur ausgelacht.
Nie und nimmer hätte ich einen derartigen Quatsch geglaubt, geschweige denn, mir vorgestellt, dass er sich eines Tages tatsächlich bewahrheiten würde. Wenn irgendwer versucht hätte, mir weiszumachen, dass ich Schmetterlinge im Bauch kriegen, meine Vernunft abschalten und mich auf ihn einlassen würde, ich wäre vermutlich vor Ekel und Abscheu an die Decke gesprungen.
So sehr kann man sich also in sich selbst täuschen, dachte ich verwundert und schüttelte kurz den Kopf, um ihn wieder freizubekommen von all den merkwürdigen und fremdartigen Gedanken, die sich in diesem Augenblick meines Bewusstseins bemächtigt hatten. Ich hatte mir doch selbst versprochen, nie wieder darüber nachzudenken und die Dinge so zu akzeptieren, wie sie nun einmal waren. Ich hatte mir vorgenommen, meine alten und abgedroschenen Ansichten ein für alle Mal abzulegen und mich mit Herz, Verstand und gutem Gefühl und Gewissen auf diese Sache einzulassen. Ich wollte nicht mehr darüber spekulieren, was die anderen wohl davon hielten, wenn sie uns zusammen sahen oder uns dabei beobachteten, wie wir eindeutige Gesten miteinander austauschten.
Es war nun einmal so, wie es eben war. Er und ich waren zusammen. Wir waren fest zusammen. Wir hatten uns richtig ineinander verliebt. Unsere Beziehung zueinander ließ sich nicht mehr nur auf die innige Freundschaft begrenzen, die uns jahrelang miteinander verbunden hatte. Sie ließ sich nicht mehr mit natürlicher, gegenseitiger Sympathie erklären. Es war mehr daraus geworden. Viel mehr.
Wenn ich ihm heute in die Augen schaute, dann hatte ich das Gefühl, mich darin wiederzuerkennen, einen Teil von mir selbst in ihm zu sehen. Wenn ich ihn in die Arme schloss, dann war das nicht nur ein Zeichen meiner freundschaftlichen Zuneigung, sondern meiner innigen, abgrundtiefen Liebe zu ihm. Wenn ich ihm einen Kuss gab, wenn ich das Gefühl erlebte, seinen Mund auf meinem zu spüren und mich voll und ganz darauf einließ, wusste ich, dass er mein Seelenverwandter war.
Er war der eine und einzige Mensch, dem ich meine Gefühle schenken wollte. Er war der, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen, meine Seele offenbaren und mein Herz öffnen wollte. Er war es, in dessen Armen ich Nacht für Nacht einschlafen und Morgen für Morgen aufwachen wollte. In ihm vereinten sich all meine Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume. Mit ihm an meiner Seite wusste ich, dass ich jedes noch so fernliegende Ziel erreichen, jede Kette sprengen und jeden Wunsch Wirklichkeit werden lassen konnte. Durch ihn schien auch der entfernteste Stern plötzlich in greifbarer Nähe und die absurdeste oder abgedrehteste Fantasie plötzlich realistisch zu sein. Durch ihn spürte ich zum allerersten Mal, was die wahren Werte einer zwischenmenschlichen Beziehung ausmachte, worauf es im Leben wirklich ankam und was echte, unerschütterliche Liebe eigentlich bedeutete.
Nach all den Jahren, nach langer, vergeblicher und stets erfolgloser Suche nach dem wahren, dem eigentlichen Sinn meines Daseins lag die Antwort auf meine sämtlichen Fragen plötzlich so klar auf der Hand wie der Schnee auf den Feldern einer malerischen Winterlandschaft. Ich war im Leben angekommen. Ich hatte mein Ziel erreicht. Und der Name dieses Ziels hatte sich ganz tief in mein Bewusstsein, in mein Herz und meine Seele eingebrannt: Timmy Turner. Der Junge, um den meine komplette Welt sich von nun an drehen würde. Bis ans Ende aller Zeiten.

Flammendes Abendrot lag über der Stadt und tauchte sie in ein schillerndes Lichtermeer, während ich aus dem Fenster unserer kleinen Sechs-Zimmer-Wohnung auf die belebten, menschenüberfluteten Straßen hinunterschaute und dabei zusah, wie die Leute rasch von einer Straßenseite zur anderen hasteten, bevor die Fußgängerampel auf Rot umschalten und ihnen damit einen Strich durch die Rechnung machen konnte.
Selbst durch das geschlossene Zimmerfenster ließ sich das ungeduldige Hupen einiger Autos vernehmen, die es allem Anschein nach ziemlich eilig hatten und es gar nicht erwarten konnten, sich endlich wieder vom Fleck bewegen zu können.
Mit einem stillen Lächeln auf den Lippen beobachtete ich sie noch eine Weile, ehe ich mich schließlich vom Fenster abwandte und einen raschen Blick hinüber zur Wanduhr warf, die gerade kurz nach halb sechs anzeigte. Ihr Zifferblatt wurde von einem Fotodruck geschmückt, auf dem Timmy und ich im Garten zu sehen waren. Einst war sie ein Geschenk von Chester gewesen, Timmys Kommilitonen und bestem Freund – er hatte sie uns kurz nach dem Einzug in diese Wohnung bei einem gemeinsamen Abendessen überreicht.
Bis heute war es mir zwar ein Rätsel, wie er an dieses Foto von uns beiden gekommen war, die Vermutung lag allerdings nahe, dass Timmy es ihm irgendwann einmal ohne mein Wissen, geschweige denn Einverständnis, zugesteckt haben musste. Das störte mich jedoch nicht weiter, ganz im Gegenteil: Ich hatte mich unheimlich über diese kleine Aufmerksamkeit gefreut, handelte es sich hierbei doch um das erste Foto von uns, das je die Wände dieses Zimmers geschmückt hatte.
Im Laufe der Zeit waren natürlich ein paar weitere Bilder dazugekommen, unter anderem eine Aufnahme vom Sommerfest in Dimmsdale, ein gemeinsamer Schnappschuss von meinem siebzehnten Geburtstag vor zwei Jahren, zahlreiche Portraits von Timmy und mir, sowie noch einige andere, die sich mit den Jahren angesammelt und die wir für zu gelungen befunden hatten, um sie in irgendeinem Fotoalbum verstauben zu lassen. Mein Lieblingsfoto von ihm, welches ihn schlafend auf unserem schwarzen Ledersofa zeigte, eingehüllt in eine grüne Samtdecke – ich hatte es heimlich an einem verregneten Herbstabend aufgenommen – war natürlich auch mit dabei. Es hatte sein Plätzchen direkt unter der großen Wanduhr gefunden, damit es jedem, der unsere Wohnung betrat, bereits beim ersten Blick ins Auge fiel.
Mit verzücktem Lächeln betrachtete ich es kurz und musste ein Kichern unterdrücken, als ich daran dachte, wie lange ich mit Engelszungen auf Timmy hatte einreden müssen, bis er sich endlich geschlagen gegeben und zugestimmt hatte, das Bild an den Zimmerwänden aufzuhängen. Seinem eigenen Bekunden nach wirkte er darauf alles andere als fotogen und er wurde auch jedes Mal rot, wenn irgendjemand ihn, wenn auch nur beiläufig, darauf ansprach. Doch für mich war und blieb ebendieses Foto das schönste und vor allen Dingen süßeste, das ich von ihm je hatte machen können.
Lächelnd ließ ich mich auf das schwarze Sofa fallen, während ich einen letzten Blick darauf warf und im Anschluss daran nach der Fernbedienung auf dem Wohnzimmertischchen vor mir griff. Timmy würde erst in knapp fünfundvierzig Minuten hier sein, somit hatte ich also noch genügend Zeit, um ein bisschen fernzusehen, ehe ich mich daran machen würde, das Abendessen für uns beide vorzubereiten.
Bereits am Anfang unserer Beziehung hatten wir klar festgestellt, dass ich der bessere Koch von uns beiden und somit für diese Aufgabe geeigneter war als er. Zu diesem Entschluss bewogen hatten uns unter anderem ein Topf übergelaufener Milch, ein misslungenes Sonntagsmenü, diverse versalzene oder ungenießbare Salate und Suppen, sowie der von ihm gebackene Marmorkuchen – oder besser gesagt – Backstein, mit dem man ohne besondere Schwierigkeiten einen Mord hätte verüben können. Ein gezielter Schlag auf den Hinterkopf hätte ausgereicht, um den betrügerischen Ex-Freund, die lästige Nachbarin oder meinetwegen auch die verhasste Schwiegermutter ein für alle Mal aus dem Weg zu räumen.
Um diesen oder ähnlichen kulinarischen Katastrophen zukünftig vorzubeugen, hatten Timmy und ich nach seinen fehlgeschlagenen Kochversuchen einstimmig beschlossen, dass ich mich fortan um die Küche und alle damit verbundenen Erledigungen kümmern würde. Lediglich den Abwasch – oder um genauer zu sein – das Befüllen und Entleeren der Spülmaschine, sowie den Einkauf teilten wir uns. Zwar war auch ich bei weitem kein kulinarisches Genie, im Gegensatz zu ihm gelang es mir aber zumindest, einen Apfelstrudel zu machen, ohne dabei Feuerlöscher und Notrufnummer zum Einsatz bringen zu müssen.
Als Dank für meine aufopferungsvolle Hingabe in Sachen Nahrungsversorgung hatte er mir sogar eine Kochschürze geschenkt, die von einem blauen Blümchenmuster verziert wurde. Ein gewöhnungsbedürftiges Stück Körperbekleidung, das ich zu Anfang stetig abgelehnt hatte, mittlerweile aber wie selbstverständlich umlegte, wenn ich in der Küche beschäftigt war. Sogar dann, wenn wir Besuch bekamen, trug ich sie, um unseren Gästen dadurch unmissverständlich zu vermitteln, wer von uns beiden das Sagen am Herd hatte.
Ausgelacht oder verspottet worden war ich deswegen noch niemals – und ich wusste auch, dass keiner unserer Freunde es jemals wagen würde, sich darüber lustig zu machen. Zu groß war dazu ihr Respekt vor dem offenen und selbstverständlichen Umgang mit unserer Sexualität und unserem gegenseitigen Pflichtbewusstsein füreinander. Timmy und ich sahen uns als ganz normales Paar, wie jedes andere auch. Wir führten eine gleichgeschlechtliche Beziehung, aber das bedeutete deshalb noch lange nicht, dass wir sämtliche Klischees erfüllten, die homosexuellen Paaren von den Leuten stetig nachgesagt und angedichtet wurden. Wir waren nicht zwei aufgedrehte Schwule, die sich in die schillerndsten, buntesten und ausgefallensten Outfits warfen, nur um der Welt zu zeigen, was wir hatten. Wir wollten uns nicht durch auffallende oder außergewöhnliche Verhaltensweisen in den Mittelpunkt jeder Masse stellen, sondern genossen es vielmehr, abseits von dem ganzen Rummel zu stehen und unser Glück nur mit denen zu teilen, die es auch wirklich schätzen konnten.
Wir lebten unsere Beziehung so aus, wie wir das wollten und für richtig hielten. Und falls irgendjemand ein Problem darin sah oder sich nicht damit zurechtfinden konnte, dass ich beim Kochen eine Schürze, im Schlafzimmer ein Negligee oder zum Ausgehen eine Strumpfhose trug, weil ich mich darin nun einmal wohlfühlte, dann war das ganz allein sein Problem. Wenn jemand glaubte, ich wollte dadurch die Massen von ebenjenen Klischees überzeugen und sie einmal mehr in ihren irrtümlichen Annahmen bestätigen, dann sollte er das von mir aus ruhig tun.
Solange man Timmy und mich damit in Ruhe ließ und uns gegenüber nicht feindselig oder gar gewalttätig wurde, war mir die Meinung anderer, um es mal milde auszudrücken, schnurzpiepegal. Wenn jemand glaubte, sich ein Loch in den Bauch lachen zu müssen, wenn ich mit einer schwarzen Strumpfhose und einem Cocktailkleid bekleidet das Lokal betrat, weil diese Sachen zum einen Timmy sehr gefielen und ich mich zum anderen sehr wohl darin fühlte, dann konnte er das meinetwegen gerne machen. Mit der Erfüllung irgendeines, von der Gesellschaft in die Welt gesetzten Klischees hatte das nicht das Geringste zu tun. Denn weder war ich ein Transvestit, noch irgendetwas Ähnliches dieser Art. Ich zog diese Sachen einfach an, weil sie mich ansprachen und ich mich gut darin fühlte. Wer das nicht verstehen oder akzeptieren wollte, konnte sich von mir aus in das nächste Loch verkriechen und dort versauern. Auf solche Leute konnten Timmy und ich gut und gerne verzichten.
Fairerweise sollte allerdings gesagt werden, dass keiner unserer Freunde sich jemals abfällig über meinen Kleidungsstil oder damit verbundene Auffälligkeiten geäußert hat. Als bekannt geworden war, dass Timmy und ich eine Beziehung führten, wurde das von ihnen so selbstverständlich und offen aufgenommen, als wäre es niemals anders gewesen. Ausnahmslos jeder hatte sich für uns gefreut und mehrfach seine besten Wünsche für unser junges Glück zum Ausdruck gebracht.
Sogar Timmys Eltern hatten die Tatsache akzeptiert, dass ihr Sohn homosexuell veranlagt war, wenngleich sie auch ein bisschen verwundert gewesen waren, als ich mich ihnen gegenüber das erste Mal in einem meiner zahlreichen Outfits präsentiert hatte. Ein wirkliches Problem oder gar einen Anlass zum Streit stellte diese Entdeckung allerdings nie dar, sie hatten lediglich eine Weile gebraucht, um sich an meinen – wie Timmys Mom es einmal ausgedrückt hatte – auffallenden Look zu gewöhnen.
Mit der Zeit hatte sich das jedoch gelegt und heute war es sozusagen schon eine Selbstverständlichkeit. Inzwischen waren wir sogar schon so weit, dass ich regelmäßig Komplimente von ihnen bekam, wenn ich mich ihnen gegenüber beispielsweise mit einer weißen Bluse zeigte. Meist waren sie hin und weg von dem breiten Spektrum an Farben und Kombinationen, mit dem ich meinen Körper verhüllte. Eine bessere und herzlichere Form der Akzeptanz konnte es meiner Meinung nach überhaupt nicht geben.
Darüber hinaus besaß mein femininer Kleidungsstil noch einen ganz anderen Vorzug, den ich zu Beginn meiner Vorliebe gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Es hatte eine Zeit lang gedauert, bis mir der interessante Nebeneffekt meiner Bevorzugung von Miniröcken statt Jeans, Negligees statt Pyjamas und High Heels statt Sneakers aufgefallen war. Mittlerweile jedoch registrierte ich ihn sehr genau und fühlte mich durch ihn von Timmy nicht nur so akzeptiert, wie ich war, sondern darüber hinaus auch sehr geschmeichelt. Dieser Nebeneffekt lag nämlich ganz klar darin, dass ich Timmy durch meinen außergewöhnlichen Stil meistens sehr stark erregte, und das in vielerlei Hinsicht. Er liebte es beispielsweise, mich in knappen, aufreizenden Outfits zu sehen und konnte oft gar nicht genug davon kriegen, wenn ich mich auf dem Sofa in eine sexy Pose warf und ihn dann mit einer eleganten Handbewegung dazu aufforderte, zu mir zu kommen. Auch machte es ihn unheimlich an, wenn ich zu ihm unter die Bettdecke schlüpfte und dabei nichts weiter anhatte als eines meiner Negligees. Jedes Mal, wenn ich ihn auf diese Art und Weise in sinnliche Versuchung führte, war er fast atemlos vor Lust und seine private Zone entwickelte quasi ein Eigenleben. Seine Hände zitterten dann immer vor Spannung und sein Blick sprach Bände, erzählte mir ganz ohne Worte, wie sehr ihm das gefiel und forderte mich völlig unmissverständlich dazu auf, mich endlich meiner Kleidung zu entledigen.
Meistens erwiderte ich diese Aufforderung nur durch eine sanfte Berührung seiner Hände, die ich geschickt an meinen Beinen entlangführte, bis er schließlich ganz eindeutig erkennen konnte, dass ich wirklich nichts weiter trug als nur dieses Negligee. Mehr musste ich für gewöhnlich nicht mehr tun, denn der Rest erledigte sich sozusagen wie von selbst. Mit einem kurzen, zufriedenen Blick ließ er sich dann auf meine Verführung ein und schenkte mir damit ein Gefühl, das ich nicht einmal mit den aussagekräftigsten Worten zum Ausdruck bringen konnte. Ein Gefühl, das ich noch viel näher und intensiver erlebte als ich es mir jemals vorzustellen gewagt hätte.
Erneut huschte ein sanftes Lächeln über mein Gesicht, als ich mir vor Augen führte, wie oft Timmy und ich dieses schönste aller Spiele, diese unwiderstehliche Versuchung schon miteinander geteilt hatten. Ich dachte an die Empfindungen, die mich jedes Mal durchströmten, wenn ich ihn so nah bei mir spürte wie noch keinen anderen Menschen in meinem Leben. Dachte an die Wärme, die von seinem Körper ausging, wenn er mich zu einem Teil von sich selbst werden ließ, mit mir verschmolz, während sich der Rhythmus unseres Spiels von Minute zu Minute steigerte und wir beide unsere Lust schließlich nicht mehr aufhalten konnten.
Eine angenehme Gänsehaut überfiel mich, als ich mit meinen Gedanken in dieses Gefühl eintauchte und all die Szenen, die den krönenden Höhepunkt unserer Beziehung darstellen, vor meinem inneren Auge ablaufen ließ. Ich dachte an ihn und daran, was für ein unglaublich guter Liebhaber er doch war. Mein Timmy. Mein einzigartiger, unwiderstehlicher Traumprinz. Der Einzige, der mich dafür liebte, was ich war und nicht dafür, wer ich war.
Er ließ mich so sein, wie ich mich fühlte und versuchte nicht, mich nach seinen Idealen und Vorstellungen zu verbiegen. Er ließ mir die Freiheit, meine Persönlichkeit so zu entfalten, wie ich das wollte und wie es meinen Wünschen entsprach. Er ließ mich immer geradeheraus sagen, was ich dachte und war nicht gleich eingeschnappt, nur weil meine Meinung zu einer bestimmten Sache mal nicht mit seiner übereinstimmte.
Ihm war es stets egal gewesen, ob ich nun einen Pyjama oder ein Negligee anhatte, ob ich eine Jeans oder einen Minirock trug, ob ich mein Haar nun schwarz, braun, rot oder blond färbte. Das Einzige, hatte er einmal gesagt, das für ihn wirklich zählte, war das Wissen, dass ich mich wohlfühlte in dem, was ich tat. Und diese Einstellung, den anderen so zu lieben, wie er war, die eigentlich die Grundlage einer jeden zwischenmenschlichen Beziehung bilden und als selbstverständlich angesehen werden sollte, es aber leider nicht immer wurde, rechnete ich ihm sehr hoch an.
Und natürlich akzeptierte ich auch ihn so, wie er nun einmal war und versuchte nicht, ihn mit allen Mitteln von irgendeiner bestimmten Sache zu überzeugen, wenn er sich nicht aus freien Stücken darauf einlassen wollte. Schließlich war es ja auch eine Frage von Respekt, die Meinung des anderen anzunehmen, egal, ob sie nun mit der eigenen übereinstimmte oder nicht.
Auch wenn ich es nicht mit Sicherheit sagen konnte, aber ich glaube, diese offene Art der Toleranz dem anderen gegenüber, diese Selbstverständlichkeit, einander ohne jegliche Bedenken zu lieben war der Hauptgrund dafür, dass wir beide so selten Streit hatten und so wunderbar miteinander auskamen. Das hieß, natürlich flogen zwischen Timmy und mir hin und wieder genauso die Fetzen wie zwischen allen anderen auch, das stand völlig außer Frage.
Aber sowohl er als auch ich besaßen sowohl die Größe als auch den nötigen Respekt voreinander, um einzusehen, wenn wir einen Fehler gemacht hatten und diesen ganz offen und ehrlich zuzugeben. Zwischen uns war es nicht so, dass wir tage- oder wochenlang nicht miteinander sprachen, nur weil wir uns nicht eingestehen konnten, dass wir dem anderen Unrecht getan hatten. Wenn es mal eine Meinungsverschiedenheit gab, welcher Art auch immer, dann wurde diese vernünftig ausdiskutiert und nach einer zufriedenstellenden Lösung für beide Parteien gesucht. Klar war das auch bei uns nicht immer leicht, aber bis jetzt war es uns noch jedes Mal gelungen, zu einem akzeptablen Ergebnis für alle Beteiligten zu kommen.
Mit einem zufriedenen Seufzen kehrte ich schließlich aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit, warf noch einmal einen Blick hinüber zur Uhr und drehte dabei die Fernbedienung einige Male in meiner Hand herum. Vermutlich war es besser, das Fernsehen auf später zu verschieben und mich sofort an die Vorbereitungen für das Abendessen zu machen. Heute hatte ich Timmy italienischen Nudelsalat versprochen und der sollte schließlich fertig auf dem Tisch stehen, wenn er nach Hause kam.

Knapp zwanzig Minuten später, nachdem ich alle notwendigen Vorkehrungen für unser gemeinsames Abendessen getroffen hatte, saß ich wieder im Wohnzimmer und war in einen fesselnden Roman von Dean Koontz vertieft. Relativ weit war ich damit allerdings noch nicht gekommen. Gerade mal neun Seiten hatte ich bis jetzt geschafft, und das, obwohl ich mit dem Buch bereits vor fast einem Monat angefangen hatte.
Das lag zum Großteil daran, dass ich meistens ziemlich wenig Zeit zum Lesen hatte, weil mir irgendwie immer etwas dazwischenkam. Tagsüber war ich entweder damit beschäftigt, den Haushalt zu schmeißen oder sonstige organisatorische Dinge zu erledigen, während Timmy seinem Job im Fitnessstudio nachging. Und nachts gingen wir entweder zusammen aus oder ich war schon so erledigt, dass ich nur noch das dringende Verlangen danach hatte, ins Bett zu fallen und einzuschlafen.
Logischerweise blieben mir daher sehr wenig Möglichkeiten, um mich in aller Ruhe auf mein Buch konzentrieren und ganz ungestört lesen zu können. Hin und wieder ergaben sich jedoch Gelegenheiten dazu, etwa an Tagen wie heute, an denen ich mit meinen Erledigungen schneller als geplant vorankam und daher noch einige Minuten dafür erübrigen konnte, bis Timmy zu Hause war.
Ziemlich viel hatte sich mir vom Inhalt des Romans bisher allerdings noch nicht erschlossen. Im Moment erzählte die Handlung von zwei Schwestern, die sich auf einer Fahrt in das idyllische Dörfchen Snowfield befanden und sich währenddessen angeregt über dies und jenes unterhielten. >Unheil über der Stadt< lautete der Titel des Romans, welcher übrigens ein Geschenk von Timmy gewesen war, der ganz genau wusste, wie sehr ich gute Mystery-Thriller oder unheimliche Erzählungen schätzte.
Irgendwo hatte ich mal davon gelesen, dass dieses eines der erfolgreichsten Koontz-Bücher überhaupt sein sollte und soweit ich wusste, existierte dazu sogar ein Film, in dem Ben Affleck eine der Hauptrollen spielte. Gesehen hatte ich ihn bisher noch nicht, allerdings würde ich das mit Sicherheit nachholen, sofern mir der Roman gut gefiel. Das setzte jedoch voraus, dass ich es irgendwann mal schaffen würde, ihn zu Ende zu lesen und das konnte meiner Meinung nach noch eine ganze Weile dauern.
Gerade als ich die nächste Seite aufschlagen wollte, konnte ich hören, wie der Schlüssel sich im Schloss drehte und bereits einen Augenblick später waren draußen im Flur Schritte zu vernehmen. Timmy war zu Hause. Eilig schlug ich mein Buch zu, legte es auf dem kleinen Holztischchen vor mir ab und erhob mich vom Sofa. Danach lief ich noch einmal kurz rüber in die Küche, um zu überprüfen, ob ich auch wirklich nichts vergessen hatte und schickte mich dazu an, Timmy herzlich zu begrüßen, der bereits einen Moment später das Wohnzimmer betrat.
„Hi Tim-Tim“, sagte ich mit einem Lächeln und ging auf ihn zu, während er seine schwarze Umhängetasche ablegte und in der Ecke neben der Tür abstellte. „Wie war dein Tag?“. „Hi Baby“, antwortete er, mein Lächeln erwidernd und schloss mich kurz in die Arme. Er drückte mir einen raschen Kuss auf die Wange, ehe er meine Frage mit seiner üblichen, beinahe einstudierten Aussage beantwortete: „Wie immer“.
„Verstehe“, meinte ich und musste grinsen. „Keine besonderen Vorkommnisse also, ja?“. „Nicht dass ich wüsste“, entgegnete er, während er mir zum Sofa hinüber folgte und sich kurzerhand mit einem entspannten Seufzen darauf fallen ließ. Rasch tat ich es ihm gleich, nahm neben ihm Platz und schwang meinen Arm um seine Schultern. Dabei fühlte ich, dass sein dunkelblaues Shirt wie üblich ziemlich durchgeschwitzt war und ihm bereits am Rücken festklebte. Doch das hielt mich keineswegs davon ab, näher zu ihm heranzurutschen und ihm meinen Kopf auf die Schultern zu legen.
Sofort fühlte ich seine Hand durch meine Haare streicheln und blickte mit einem zufriedenen Lächeln zu ihm hoch. „Kaputt, was?“, wollte er wissen, was ich mit einem leichten Nicken bestätigte. „Ich auch“, meinte er daraufhin und schob mich ganz sanft von sich herunter, bevor er sich seines Shirts entledigte und es sich mit einer raschen Handbewegung über die Schulter schwang. „Ich verschwinde rasch unter die Dusche, ja?“, informierte er mich und ich nickte erneut.
„Ist gut“, erwiderte ich dann. „Ich warte solange in der Küche auf dich. Essen steht schon auf dem Tisch“. „Was gibt's denn Leckeres?“, erkundigte er sich und sah mich erwartungsvoll an. „Italienischen Nudelsalat“, antwortete ich, während ich nach meinem Buch griff und es in der Schublade des kleines Wohnzimmertischchens verstaute. „Garantiert ohne gesundheitsschädliche Wirkung“.
Auf diese Aussage hin verpasste er mir einen leichten Klaps mit seinem T-Shirt und ich musste leise kichern. Dieses kleine Späßchen erlaubte ich mir so gut wie jeden Abend und er verstand jedes Mal ganz genau, dass ich damit auf seine eingeschränkten Kochkünste anspielte. Aber er wusste auch, dass ich es nicht böse meinte. Es war einfach eine Art Routine-Witz, der sich mit der Zeit so bei uns eingespielt hatte.
„Du bist ganz schön frech, Garylein“, entgegnete er und grinste mich an. „Das muss ich dir wohl noch austreiben“. Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, schwang er sein Shirt erneut nach mir, verfehlte mich allerdings ganz knapp. Anstatt es jedoch noch einmal zu versuchen, griff er rasch nach meiner Hand, bevor ich die Möglichkeit dazu hatte, ihm auszuweichen, und stieß mich ganz sanft rückwärts aufs Sofa.
Grinsend nagelte er mich dort fest und begann, seine freie Hand unter mein weißes T-Shirt zu schieben, auf dem in grünen Druckbuchstaben der Spruch >Live your dreams – don't dream your life< zu lesen war. Gekonnt kitzelte er mich einige Male am Bauch und ich musste mich sehr stark zusammenreißen, um nicht lauthals loszulachen. Erfolglos versuchte ich, mich aus seinem Griff zu befreien, doch er dachte überhaupt nicht daran, an dieser Stelle aufzuhören. Stattdessen schob er seine Hand noch ein Stück nach oben und näherte dabei sein Gesicht dem meinen immer weiter, bis nur noch ein paar kleine Millimeter zwischen unseren Lippen lagen.
„Gibst du auf?“, wollte er breit grinsend wissen und intensivierte seine kleine Kitzelattacke noch stärker. Zur Antwort stieß ich ein Kichern aus und nickte kurz, woraufhin er seine Lippen vorsichtig über meine führte und mich dann in Gnade aus seinem sanften, aber dennoch festen Griff entließ. Im Anschluss daran nahm er noch einmal neben mir Platz und warf mir ein zufriedenes Lächeln zu, wohlwissend, dass er aus diesem zärtlichen Kampf ein weiteres Mal als Sieger hervorgegangen war.
Erneut fuhr er mit der Hand durch mein Haar und verursachte mir dadurch eine angenehme Gänsehaut. Mein Blick suchte den seinen, bis sie sich schließlich begegneten und eine wortlose, aber dennoch unmissverständliche Unterhaltung miteinander führten. Ein zärtliches Lächeln umspielte sein Gesicht, als er langsam nach meiner Hand tastete, sie fest umschloss und mich durch eine kurze Bewegung dazu aufforderte, ihn ins Badezimmer zu begleiten. Auf die Bewegung folgte ein zarter Streichler über meine Wange und ein neuer Kuss huschte über meine Lippen. Mit einem Blick, in dem ein sehr vielversprechender Ausdruck lag, wies er mich dazu an, seiner wortlosen Aufforderung Folge zu leisten und gab mir deutlich zu verstehen, dass jeglicher Widerspruch absolut zwecklos war.
Einen kurzen Augenblick lang spielte ich ihm vor, darüber nachzudenken, ehe ich mich schließlich seinem Wunsch ergab und ihm mit einem sanften Lächeln ins Bad folgte. Wie hätte ich ihm auch diese herzerweichende Bitte verweigern können?

Eine Dreiviertelstunde später, nachdem wir sowohl unsere gemeinsame Dusche, als auch das Abendessen beendet hatten, war ich in der Küche gerade damit beschäftigt, den Tisch abzuräumen und sauberzumachen. Während dieser Tätigkeit hatte ich selbstverständlich meine Schürze umgebunden, auf deren Frontseite sich mittlerweile ein paar Flecken eingenistet hatten.
Timmy war inzwischen auf den Balkon verschwunden, um in aller Ruhe eine Zigarette zu rauchen – die einzige Angewohnheit an ihm, mit der ich mich nie so richtig abgefunden hatte und die ich ihm seit zwei Jahren vergeblich auszutreiben versuchte. Natürlich hatte ich mir schon alle möglichen Tricks zu Hilfe genommen, um ihn davon abzubringen, bisher hatte jedoch keiner von ihnen effektiv Wirkung gezeigt. Unter anderem hatte ich ihm das Rauchen in der Wohnung untersagt und ihn mit dieser Sucht auf den Balkon verbannt, doch selbstverständlich hatte das nicht das Geringste bewirkt. Ein anderes Mal hatte ich ihm aus dem Internet ein Video mit den gesundheitsschädigenden Auswirkungen von Tabakkonsum gezeigt, was er abweisend mit der Aussage kommentiert hatte, dass ihm so etwas bestimmt nicht passieren würde.
Schlussendlich musste ich mich geschlagen geben und seine, wenn auch lästige, Angewohnheit wohl oder übel akzeptieren. Immerhin hatte ich ihm einst geschworen, ihn so zu lieben, wie er war. Und das schloss nun einmal all seine Fehler und Macken mit ein. Darüber hinaus war ich selbst auf diesem Gebiet auch kein unbeschriebenes Blatt. Auch ich hatte, als ich siebzehn gewesen war, eine Zeit lang das Rauchen ausprobiert, es jedoch relativ rasch wieder aufgegeben, als mir bewusst geworden war, was ich mir und meinem Körper damit zufügte. Darüber hinaus hatte ich den Zigarettenrauch nicht sonderlich gut vertragen und davon Schwindel- und Übelkeitsgefühle, Hustenanfälle, sowie starken Brechreiz bekommen.
Alles in allem war es eine aufschlussreiche Erfahrung für mich gewesen, die ich aber auf keinen Fall ein zweites Mal erleben wollte. Aus diesem Grund überließ ich das Rauchen von Zigaretten Timmy und hoffte dabei inständig, dass es mir eines Tages doch noch gelingen würde, ihn von dieser Sucht loszureißen und ein für alle Mal einen Strich unter diesem Kapitel zu ziehen. Bis dahin blieb mir wohl oder übel nichts anderes übrig als mich damit abzufinden.
Gedankenversunken machte ich mich schließlich daran, die Spülmaschine einzuräumen und bemerkte zunächst überhaupt nicht, dass Timmy sich von hinten an mich heranschlich, da ich noch immer der irrtümlichen Annahme war, er würde sich draußen auf dem Balkon befinden. Erst, als sich mir plötzlich zwei Arme um die Taille legten und meine Arbeit unterbrachen, registrierte ich ihn und stieß einen teils überraschten, teils erschrockenen Aufschrei aus. Der Teller, den ich gerade noch in den Händen gehalten hatte, entglitt mir dabei und hinterließ eine Ansammlung von asymmetrischen Scherben auf dem Küchenboden.
Mit einem lauten Seufzen drehte ich mich zu ihm um und warf ihm einen kritischen Blick zu, voller Erwartung, wie er denn vorhatte, diesen, wenn auch nur geringfügigen, Sakrileg zu rechtfertigen. Doch er grinste mich nur schelmisch an und zuckte kurz mit den Schultern, als wäre er sich überhaupt keiner Schuld bewusst. Ich schüttelte den Kopf, während ich mir das kleine Malheur genauer betrachtete und mich schließlich abwandte, um aus dem Schränkchen neben der Spülmaschine Besen und Schaufel herauszuholen.
„Sorry, Black Baby“, entschuldigte sich Timmy unterdessen bei mir, noch immer mit dem unschuldigsten Lächeln, das er zu bieten hatte. „Ich konnte ja nicht wissen, dass du heute so schreckhaft bist“. „Wenn du dich so anschleichst“, entgegnete ich und fegte den Scherbenhaufen zusammen. Im Anschluss daran kippte ich den Inhalt meiner Kehrschaufel in den Mülleimer neben der Tür und wandte mich wieder meiner Arbeit an der Spülmaschine zu, Timmys unschuldiges Lächeln dabei großzügig ignorierend.
„Tut mir Leid“, wiederholte er schließlich noch einmal und räusperte sich unangenehm berührt. „Das wollte ich wirklich nicht, Gary. Aber die Sache hat immerhin auch was Gutes. Scherben bringen doch schließlich Glück, hab ich Recht?“. „Hast Recht“, bestätigte ich ihm, weder in der Lage noch in der Lust dazu, wegen dieser unbedeutenden Lappalie einen Streit vom Zaun zu brechen und den Beleidigten zu spielen, und schenkte ihm über meine Schulter hinweg ein sanftes Lächeln.
Er erwiderte es, dankbar für diesen großzügigen Akt der Vergebung, und kam erneut zu mir herüber. Dieses Mal allerdings mied er vorsorglich jegliche Form von Körperkontakt, lehnte sich stattdessen gegen die Küchenzeile und sah mir geduldig beim Einräumen der Spülmaschine zu. Eine Weile lächelten wir uns nur an, trauten uns nicht recht, die beruhigende Stille, die das Zimmer füllte, zu durchbrechen. Das einzige Geräusch, das, vom leisen Ticken der Küchenuhr mal abgesehen, diese Stille akustisch untermalte, war das sanfte Schlurfen meines Putzlappens, mit dem ich gerade den Esstisch saubermachte.
Währenddessen ließ ich meinen Blick einige Male zu Timmy hinüberschweifen, der mich mit einem Lächeln auf den Lippen bei meiner Tätigkeit beobachtete, und tastete dabei jede einzelne Stelle seines Körpers mit den Augen ab. Nach unserer gemeinsamen Dusche war er rasch in eine verwaschene Jeans geschlüpft, die am rechten Bein schon einen leichten Einriss hatte. Darüber trug er ein weißes, ärmelloses Sweatshirt, sowie ein Paar schwarze, bereits ziemlich abgenutzte Sandalen, durch die stellenweise die freie Sicht auf seine Füße verdeckt wurde.
Ein weiteres Mal – wie es mir schon so oft passiert war – ertappte ich mich selbst dabei, wie ich meine Augen darauf fixierte, als könnte ich dadurch unterbewusst das Material der beiden Schuhe beeinflussen und sie auf diese Art und Weise zum Verschwinden bringen. Doch selbstverständlich funktionierte diese Technik nicht, wenngleich sie mit starker Willenskraft meinerseits ausgestattet war.
Als Timmy registrierte, worauf ich die ganze Zeit über starrte, worauf ich mich regelrecht konzentrierte, breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus und er begann damit, lässig mit den Füßen auf- und abzuwippen. Das machst du doch mit Absicht, dachte ich leicht frustriert, wohlwissend, dass er sich über den sexuellen Reiz, den diese Art seiner Bewegung bei mir auslöste, vollstens bewusst war.
Er wusste über diese außergewöhnliche Vorliebe von mir bestens Bescheid, kannte alle Details, die damit zusammenhingen und eine Rolle darin spielten. Er verstand es, diese kleine Schwäche von mir geschickt zu seinem Vorteil einzusetzen und mich, so oft sich die Möglichkeit dazu anbot, damit zu reizen. Er beherrschte die Kunst, mich durch ein paar gezielte, für einen Außenstehenden völlig unscheinbare, Bewegungen seiner Füße in sinnliche Versuchung zu führen und mich ihm damit erlegen zu machen.
Dabei hatte ich damals, als es zwischen uns angefangen hatte, niemals geglaubt, dass wir eines Tages einen so selbstverständlichen Umgang mit dieser Neigung von mir pflegen, geschweige denn, sie tatsächlich einmal zum Einsatz bringen würden. Dieser Glaube war mitunter Schuld daran gewesen, dass ich mich lange Zeit nicht getraut hatte, Timmy in meine sexuelle Vorliebe einzuweihen, aus Angst, dass er mich deswegen auslachen könnte oder gar nicht ernst nehmen würde, was ich sage. Aufgrund dieser Angst hatte ich die ganze Angelegenheit stets geheimgehalten, wenn unsere gemeinsamen Unterhaltungen erotische Züge angenommen oder sich sonst irgendwie in diese Richtung entwickelt hatten und mich auch sehr lange Zeit geweigert, auf seine körperlichen Annäherungsversuche, die ganz unmissverständlich seine tatsächliche Absicht preisgaben, einzugehen.
Erst, als er mich an einem verregneten Frühlingsabend beiseite genommen und mich auf meine abweisende Haltung gegenüber seinen Zärtlichkeiten angesprochen hatte, hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und ihm die ganze Sache von A bis Z geschildert. Ich hatte ihm von meiner Vorliebe erzählt und von der Angst, dass er sich deswegen über mich lustig machen würde. Doch entgegen meiner Erwartung hatte er es ganz entspannt aufgefasst und mir versichert, dass er nicht das kleinste Bisschen dagegen einzuwenden hatte und ich mich deswegen keineswegs zu schämen brauchte. Alles, hatte er gesagt, was mir Spaß machte, wollte auch er sehr gerne ausprobieren. Darüber hinaus vertraute er mir im Laufe dieses Gesprächs sogar seine außergewöhnliche Vorliebe an, die wir seitdem genauso aufgeschlossen miteinander teilten wie die meine. Nach dieser klärenden Unterhaltung hatte ich mich unglaublich befreit gefühlt und mich – zum ersten Mal in meinem Leben – auf eine sexuelle Verführung eingelassen. Auf eine Erfahrung, die mit absolut nichts auf dieser Welt vergleichbar war.
Seit diesem Abend sprachen wir ganz offen über solche Dinge und hatten auch keinerlei Hemmungen mehr davor, uns gegenseitig unsere intimsten Gedanken und Geheimnisse anzuvertrauen. Es war ein unheimlich gutes Gefühl, zu wissen, dass der andere einen so nahm, wie man war – mit sämtlichen Fehlern und Schwächen.
Und das tat Timmy wirklich. Er hatte mir schon unzählige Male den Beweis dafür erbracht, dass er meine Vorliebe voll und ganz akzeptierte, sie mit mir teilte und darüber hinaus sogar selbst Gefallen daran gefunden hatte. Nicht umsonst legte er immer sofort seine Schuhe ab, wenn er nach Hause kam und schlüpfte in dieses Paar abgenutzter, schwarzer Sandalen. Nicht umsonst vollführte er die ausgefallensten und sinnlichsten Bewegungen, von denen er ganz genau wusste, was sie früher oder später bei mir auslösen würden.
Er wusste um die Reize, die von ihm ausgingen und auch, wie er sie am geschicktesten zum Einsatz bringen konnte. Er wusste, dass ich seine Füße unwiderstehlich fand, weil sie für mich die schönsten waren, die ich jemals gesehen hatte. Ich liebte – ja, liebte – sie, und zwar mehr als jede andere seiner Körperpartien.
Nun gut, vielleicht nicht ganz jede. Natürlich gab es da die ein oder andere Stelle, die mir noch weitaus mehr gefiel als seine Füße. Aber unter all diesen gab es nicht eine einzige, mit der er mich auch nur halbwegs so bezirzen konnte wie mit ihnen.
Das bewies er mir auch in diesem Moment noch einmal ganz unmissverständlich. Beinahe hypnotisiert beobachtete ich ihn dabei, wie er sie langsam übereinander hinweggleiten ließ, die Augen dabei stets auf mich gerichtet und sich der Verführung, die er gerade ausübte, mit einem zufriedenen Lächeln bewusst. Geschickt führte er diesen Tanz noch eine Weile fort, ehe er sich schließlich auf die Küchenzeile setzte und grinsend zu mir herüberschaute.
Einen Moment lang hielt er inne, nur um das Spiel dann aufs Neue beginnen zu lassen, dieses Mal jedoch noch eine Spur intensiver als zuvor. Seine Füße entwickelten ihren eigenen Rhythmus und entledigten sich kurzerhand ihrem Gefängnis aus schwarzem Leder, streifen die beiden Sandalen vollständig ab – einem Striptease nicht ganz unähnlich –, um sich mir in ihrer vollen Schönheit präsentieren zu können.
Sie streichelten sich eine Weile, lockten mich, flirteten mit mir, während sich ihr Besitzer mit einem stillen Grinsen auf die Auswirkungen seiner kleinen Darbietung und den damit verbundenen Triumph über meinen schwachen Willen freute. Ein letztes Mal tanzten sie für mich, zeigten sich mir von allen Seiten, als ich schließlich durch eine wohl bekannte und angesichts der mir offerierten Versuchung unvermeidbare Empfindung aus meinem tranceähnlichen Zustand zurück in die Realität geholt wurde.
Für Timmys Füße, die sich nach wie vor in aphrodisierendem Reigen drehten, für Timmy selbst und natürlich auch für mich war mittlerweile das Endergebnis dieser gezielten Verlockung zu erkennen. Sogar unter meiner fleckengetränkten Schürze konnte man eindeutig die Spur sehen, die sich auf ihrer Vorderseite abzeichnete und völlig unzweifelhaft erkennen ließ, dass die wortlose Verführung einwandfrei funktioniert hatte.
Mein Herzschlag zitterte, als Timmy sich wieder erhob und mir grinsend ein kurzes Zwinkern schenkte, bevor er schließlich über seine schwarzen Sandalen hinwegstieg und auf mich zukam. Noch ehe ich in der Lage war, es richtig zu realisieren, traf ein heißer Kuss meinen Mund, beraubte ihn damit jedes Wortes, das sich über ihn Ausdruck zu verleihen gedachte.
Atemlos fühlte ich, wie sich seine Zunge zwischen meine Lippen schlängelte, Einlass suchend über meine Zähne streichelte, um schließlich nach einem flüchtigen Zögern von meiner eigenen in Empfang genommen zu werden. Sie umarmten sich kurz zur Begrüßung, bevor sie sich voll und ganz auf das Spiel einließen, das sich ihre erneute Zusammenkunft für sie bereitzuhalten erlaubt hatte. Hingebungsvoll erkundeten sie sich gegenseitig wie bisher ungesehenes Land, nur um am Ende ihrer Entdeckungsreise festzustellen, dass sie tatsächlich jenem alten Freund gegenüberstanden, den sie bereits seit Stunden so schmerzlich vermisst hatten.
Weiter unten an unseren Körpern schienen zwei ähnliche Freunde dasselbe Vorhaben zu planen und sich ebenfalls auf ein Wiedersehen vorzubereiten, aus eigener Kraft gelang es ihnen allerdings nicht, die Fesseln, die ihrer erneuten Begegnung im Augenblick noch den Weg versperrten, abzuwerfen. Sowohl Timmy als auch ich konnten eindeutig ihre Rebellion spüren, den verbissenen Kampf darum, endlich ihre Ketten aus unzähligen Stofffasern zu sprengen und sich wieder in die Arme zu schließen. Gierig rieben sie sich aneinander, tanzten im Takt ihrer eigenen, tonlosen Melodie und fieberten sehnlichst der zeitnahen Entlassung aus ihrem Gefängnis entgegen.
Timmy ließ unsere Zungen sich zum Abschied noch einmal umarmen, bevor er sie schließlich mit einem vorsichtigen Ruck wieder auseinanderriss, ihrem herzlichen Wiedersehen damit ein abruptes Ende bereitete und mit einem zufriedenen Lächeln das Geschehen beobachtete, das sich ein Stückchen weiter unten abspielte. Gekonnt presste er mich einen Moment lang näher an sich heran, streichelte mit seiner jetzt eng anliegenden Jeans über meine Schürze, bevor er mich mit einem kurzen Blick dazu anwies, auf der Küchenbank Platz zu nehmen und mich auf ihn einzulassen.
Nicht in der Lage dazu, ein Zögern zu unterdrücken, musterte ich ihn kurz, nicht ganz sicher, ob ich mich der von ihm geplanten Verführung tatsächlich ergeben sollte. Denn zwar handelte es sich hierbei um unser allseits bekanntes und beliebtes Lieblingsspiel, dessen breitgefächerte Möglichkeiten sich mir allem Anschein nach noch nicht vollständig erschlossen hatten, wenn man die Tatsache bedachte, wo wir uns im Augenblick befanden. Allerdings, so überlegte ich, würde eine reizvolle Verführung in diesem Zimmer bedeuten, die Küche ihrer lupenreinen Jungfräulichkeit zu berauben und sie mit unserer sexuellen Begierde zu verschmutzen. Ich wusste nicht, ob es wirklich richtig war, dem einzigen Raum, der noch mit vollkommener Unschuld gesegnet war, so einfach seine Makellosigkeit wegzunehmen und ihn zu füttern mit sexuell bedingten Reizen und Trieben.
Überrascht von meiner zurückhaltenden Reaktion zog Timmy eine Augenbraue hoch und warf mir einen fragenden Blick zu. „Was denn, Gary Baby?“, wollte er dann wissen, als ich noch immer keinerlei Anstalten dazu machte, seiner Aufforderung nachzukommen.
„Tim-Tim...“, erwiderte ich mit unsicherer Stimme. „Doch nicht wirklich hier, oder?“. „Warum denn nicht, Baby?“, antwortete er und zuckte kurz mit den Schultern, bevor sich wieder ein Grinsen über sein Gesicht zog. „Wäre doch eine Erfahrung wert, findest du nicht?“. „Mmmh...“, entgegnete ich unentschlossen, woraufhin er mich ganz sanft rückwärts Richtung Bank schubste und mir wieder zuzwinkerte.
„Jetzt komm schon, Süßer“, fügte er dann hinzu, allem Anschein nach fest dazu entschlossen, sein begonnenes Vorhaben zu einem gebührenden Ende zu bringen und die Unbeflecktheit der Küche vollständig ignorierend. „Entspann dich einfach. Es wird dir ganz bestimmt gefallen, meinst du nicht auch?“. „Mmh... vielleicht“, antwortete ich zögernd, während ich mich sanft von ihm auf die Küchenbank drücken ließ und dadurch die Spuren, die sein spontaner Striptease von gerade eben bei mir hinterlassen hatte noch deutlicher zum Vorschein traten.
Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht, als ihm sein Erfolg in vollem Ausmaß bewusst wurde und er ohne jeden Zweifel wusste, dass er erreicht hatte, was er erreichen wollte. Er wusste, dass ich in dieser Situation überhaupt nicht mehr dazu imstande war, mich gegen seine zärtlichen Versuchungen zur Wehr zu setzen und mich ihm wohl oder übel ergeben musste, wenngleich das bedeutete, die Küche zum ersten Mal in der Geschichte unserer Beziehung an unseren sexuellen Praktiken teilhaben zu lassen. Aber schließlich währte keine Unschuld ewig.
Sein Lächeln jetzt erwidernd, gab ich ihm flüchtig zu verstehen, dass er gewonnen hatte und ich dazu bereit war, mich auf seine geschickt ausgespielten Reize einzulassen. Dass ich bereit war, ein weiteres Mal meine vollständige Lust mit ihm zu teilen – begleitet von einem guten Gefühl und in freudiger Erwartung der neuen, aufregenden Erfahrungen, die dieses Experiment unweigerlich mit sich bringen würde.

Zwei Stunden und einen innigen Austausch feuriger Intimitäten und Küsse später ließ ich mir im Badezimmer gerade das Wasser für ein entspannendes Mandelblütenölbad ein. Timmy hatte es sich unterdessen im Wohnzimmer gemütlich gemacht und zappte, soweit mein Gehör das richtig zu beurteilen vermochte, gelangweilt durch alle verfügbaren Fernsehkanäle, stets auf der Suche nach einer halbwegs interessanten oder zumindest sehenswerten Sendung.
Selbstverständlich hatte er mir den reizvollen Vorschlag unterbreitet, mich einfach in die Badewanne zu begleiten, so wie ich ihn schon des öfteren unter die Dusche begleitet hatte, um mir so ein weiteres, seines Versprechens nach unvergessliches Erlebnis zu schenken, doch ich hatte mit bestem Dank abgelehnt, wenngleich ich ihn für einen kurzen Moment ernsthaft in Erwägung gezogen hatte.
Aber so sehr ich Timmy liebte und so verlockend sein Angebot auch für mich war, dieses Mal musste ich es bedauerlicherweise ablehnen und ihn während meines geplanten Entspannungsbades aus dem Badezimmer verbannen. Das war natürlich nichts gegen ihn oder seine zweifelsfrei erwiesenen Massagekünste, die er mir mit Sicherheit noch einmal deutlich demonstriert hätte, wäre ich auf seinen Vorschlag eingegangen. Aber ich brauchte auch mal ein paar Momente für mich, in denen ich die Welt um mich herum einfach vergessen und vollständig abschalten konnte.
Gedankenversunken holte ich aus einem der Badezimmerschränkchen ein paar Dinge hervor, die ich gleich für mein Bad brauchen würde, unter anderem einen Peelingschwamm, das dazugehörige Körperpeeling, welches ganz nebenbei gesagt ein Geschenk von Timmy gewesen war, eine Flasche Duschgel mit Orangenduft, die ich bereits knapp zur Hälfte ausgeleert hatte, meinen Epilierer, eine kleine Flasche Body Lotion, sowie natürlich auch mein Lieblingsparfum, das mir später – aufgetragen an den richtigen Körperstellen – dabei helfen würde, Timmy schnellstmöglich zu mir ins Bett zu locken.
Nachdem ich alles herausgesucht hatte, was ich benötigte, träufelte ich ein paar kleine Tropfen von meinem Ölbad ins einlaufende Wasser und begann im Anschluss damit, mich meiner Kleidung zu entledigen und in die Wanne zu steigen. Langsam lehnte ich mich kurzerhand zurück, schloss meine Augen und ließ mich von dem zarten Mandelblütenduft in meine eigene kleine Welt entführen, heraus aus dem üblichen Trott des Alltags.
Im Wohnzimmer waren die Geräusche inzwischen verstummt, was mich die Vermutung anstellen ließ, dass Timmy noch einmal nach draußen verschwunden war, um in aller Ruhe noch ein oder zwei Zigaretten zu rauchen, bis ich mein traditionelles Körperpflege- und Entspannungsritual zu Ende gebracht hatte. Womöglich war er aber auch schon ins Bett verschwunden und gerade dabei, dieselbe Überraschung für mich zu planen, die ich mir für ihn als krönenden Abschluss unseres Tages ausgedacht hatte.
Bei diesem Gedanken legte sich unweigerlich ein Lächeln über mein Gesicht und ich ließ mich noch ein Stück tiefer sinken, hüllte mich voll und ganz in die angenehme Temperatur des Wassers ein. Meine Sinne begaben sich unterdessen auf eine kleine Traumreise, während mein Kopf sich in stiller Euphorie den Anblick ausmalte, der mich unter Umständen im Schlafzimmer erwarten würde: Timmy in einer eleganten, verführerischen Pose, mit nichts weiter bekleidet als unserer Bettdecke, dazu bereit, diesen Abend gebührend ausklingen zu lassen und mich ein weiteres Mal mit seinen Reizen zu betäuben. Timmy, mit einem Hauch von nichts auf seinem Körper im Bett liegend, sich windend unter meinen erregten Blicken und die Kunst der Verführung mit allen ihm gebotenen Möglichkeiten einsetzend.
Unweigerlich fühlte ich, dass mir heiß wurde bei diesem Gedanken. Eine Hitze, die nichts mit der Temperatur des Wassers zu tun hatte, sondern die tief aus meinem Innersten kam und mich voll und ganz ausfüllte. Eine angenehme, erotische Art von Hitze, die sich jedes Mal meines Körpers bemächtigte, wenn mir solche Gedanken über Timmy durch den Kopf gingen. Er war schlicht und ergreifend sexy und wusste genau, wie er seine unwiderstehlichen Züge geschickt zum Einsatz bringen konnte. Er wusste, wie er mich herumkriegte, ohne sich dabei groß anstrengen zu müssen.
Ich war verrückt nach ihm. Herz über Kopf in ihn verschossen. Weil er unwiderstehlich war. Von Anfang bis Ende unwiderstehlich. Jede Berührung von ihm versetzte mich unweigerlich in einen tranceähnlichen Zustand, ließ mich die Welt um uns beide herum vergessen, als wäre sie überhaupt nicht existent. Jedes Wort, das ihm über die Lippen kam, klang so weich und melodisch wie der liebliche Gesang der Seraphim. Jede Bewegung, die er machte, zog mich vollständig in seinen Bann und zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Jeder Streichler, den er mir schenkte, machte mich fast atemlos und versprühte seinen Zauber über mein ganzes Bewusstsein. In seinen Augen spiegelte sich ein zärtliches Feuer, das die Kälte aus meiner Seele vertrieb und mich mit seiner Wärme ausfüllte. In jeder einzelnen seiner braunen Haarsträhnen lockte die Sünde – die Versuchung eines neuen, unvergleichlichen Abenteuers.
Er war für mich wie ein Engel. Ein Engel ohne Flügel, der meine Welt Tag für Tag mit den Farben unserer Träume ausmalte, der in meinem Herzen las wie in einem Buch und mich durch seine Liebe teilhaben ließ an einem Glück, das die Ketten jeglicher Vorstellungskraft sprengte, das mir noch viel tiefer unter die Haut ging als ich es mir jemals vorzustellen gewagt hätte. Durch ihn hatte mein Leben einen neuen Sinn bekommen. Durch ihn spürte ich jeden einzelnen Tag, was es bedeutete, mit ganzem Herzen zu lieben. Und ich wusste genau, dass dieses Band, diese magische Anziehung, die sich zwischen uns entwickelt hatte, durch nichts und niemanden abgerissen werden konnte. Dass niemand es je schaffen würde, sich zwischen uns beide zu drängen.
Natürlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass in wenigen Wochen etwas passieren sollte, das mein Bild von der unbeschwert glücklichen Beziehung in tausend Scherben zerschlagen und mich an den Rand der Verzweiflung treiben würde. Ich konnte nicht wissen, dass Timmy die ganze Zeit über ein falsches Spiel mit mir spielte und ich zeitnah auf eine Katastrophe mit verheerendem Ausmaß zusteuern würde. Dass ich in einer Flut aus tausend salzigen Tränen ertrinken und mir wünschen würde, nie geboren zu sein. Auch wenn ich noch nichts davon ahnte, befand ich mich bereits mitten im Sturm. In einem Orkan, der all meine Hoffnungen, meine Sehnsüchte und Träume mit sich fortreißen und meine Welt in sich zusammenbrechen lassen sollte wie ein Kartenhaus im Wind.

In der nächsten Zeit blieb der Himmel zwischen Timmy und mir wie immer sonnig und wolkenlos. Alles ging seinen gewohnten Gang und ließ mich noch immer in dem irrtümlichen Glauben, unsere gemeinsame Welt wäre perfekt und wir beide wunschlos glücklich. Irgendwo auf den Straßen unserer Liebe bildeten sich zwar erste Nebelschleier, doch ich lächelte sie nur an und vertrieb so die zweifelnden Gedanken, die unweigerlich mit ihnen einhergingen.
Mögliche Gründe für Misstrauen oder Spuren von Skepsis erstickte ich mit meiner abgrundtiefen Liebe zu ihm und versuchte, die kleinen Widersprüchlichkeiten, in die er sich immer häufiger verstrickte, einfach zu übersehen. Immerhin, so nahm ich wenigstens zu dieser Zeit noch an, liebte er mich und würde es aus diesem Grund noch nicht einmal in seinen Träumen wagen, mir etwas vorzuspielen oder mich gar zu belügen.
Selbstverständlich erkannte ich mit dieser Einstellung nicht die Zeichen, die selbst das ungeübteste Auge eindeutig erkennen ließen, dass irgendetwas zwischen uns anders war als bisher. Ich registrierte nicht, dass er sich immer weiter von mir entfernte und glaubte, es hinge mit seinem Job im Fitnessstudio zusammen, dass er abends hundemüde war und keine Lust mehr dazu hatte, irgendeine Form der Annäherung zuzulassen, geschweige denn, Zärtlichkeiten mit mir auszutauschen.
Ich nahm es hin, wenn er meine Küsse abblockte und auf Abstand ging, sobald ich ihm nur die Hand auf sein Knie legte. Ich akzeptierte die Tatsache, dass wir den Tausch von Streicheleinheiten auf ein Minimum reduzierten und redete mir ein, dass sich das bestimmt bald wieder legen würde und ich ihm einfach ein bisschen Zeit geben musste. Immerhin, so hielt ich mir stets vor Augen, hatte Timmy eben einen stressigen Job und war infolgedessen einfach kaputt, wenn er nach Hause kam.
Dass wir uns voneinander entfernten und dass dabei unser Liebesleben auf der Strecke blieb, konnte und wollte ich mir einfach nicht eingestehen. Timmy, das wusste ich ohne jede Bestätigung, war mindestens genauso verrückt nach mir wie ich nach ihm. Zwischen uns hatte sich in den zwei Jahren, die wir jetzt zusammenlebten, einfach eine gewisse Art von Routine eingespielt und natürlich konnte ich da keineswegs erwarten, dass er mich jeden Tag auf Händen trug und mir in Dauerschleife erzählte, wie viel ich ihm bedeutete.
Er liebte mich über alles, da war ich mir sicher. Deshalb ließ ich mich von so einem kleinen Tief bestimmt nicht aus der Bahn werfen oder mich gar verunsichern. Unsere Liebe war nach wie vor etwas ganz Besonderes und ich spürte, dass sich dies auch durch nichts und niemanden auf dieser Welt ändern lassen würde. Ich musste ihm einfach nur ein bisschen Zeit geben, ihm die Erholung vom Alltagsstress, die er meiner Ansicht nach zweifellos verdiente, zugestehen, und alles würde sich im Nu wieder einrenken. Wir würden wieder regelmäßig Intimitäten tauschen und zärtlich zueinander sein. Ich brauchte nur ein bisschen Zeit und Geduld.
Wie hätte ich auch wissen sollen, dass ausgerechnet diese beiden Faktoren sich dazu entschieden hatten, gegen mich zu spielen und meine bisher perfekte, heile Welt völlig aus dem Gleichgewicht zu werfen?

Der erste Verdacht, der mich bereits vier Tage später innerlich zerfressen und meinen Glauben an Liebe und Ehrlichkeit bis in die Grundmauern erschüttern sollte, beschlich mich an einem ruhigen, lauen Montagabend. Timmy ging wie üblich seinem Job im Fitnessstudio nach, während ich mich zu Hause um die Vorbereitungen für das Abendessen und noch einige andere Dinge im Haushalt kümmerte.
Meine Kochschürze um die Hüften gebunden und meine Gedanken versunken in ein paar schönen Erinnerungen, die natürlich unweigerlich mit Timmy zu tun hatten, arbeitete ich gerade an einem gemischten Salat mit Kräuterdressing, den er sich für heute Abend gewünscht hatte. Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich mich von meinen Erinnerungen einhüllen und forttragen ließ eine aufregende, unbeschwerte und mit Sicherheit auch unvergessliche Zeit.
Ich dachte an unser Spiel, an die einmaligen Stunden der Zärtlichkeit, die wir zusammen in unserem Schlafzimmer verbracht hatten und daran, dass auf diese bestimmt noch unzählige folgen würden. Sofern es mir gelingen würde, Timmy endlich einmal wieder zu verführen natürlich. Denn leider schien sich die Distanz zwischen uns immer mehr auszuweiten – unser Intimitätentausch beschränkte sich auf das Unvermeidbare. Der Rest versank mehr und mehr in trübem Alltagsgrau, wurde von Tag zu Tag bedeutungsloser und zu meinem großen Bedauern schien Timmy das nicht einmal sonderlich zu stören. Er schien gar nicht richtig mitzubekommen, dass irgendetwas zwischen uns anders war als bisher, dass wir uns aus irgendeinem Grund voneinander entfernten und nicht einmal den Hauch eines Versuchs dazu machten, uns zumindest wieder ein bisschen anzunähern.
Wenn er nach Hause kam, grenzte sich unser Gesprächsstoff auf das Nötigste ein, der Rest ging unter in einer Welle unbehaglichen Schweigens. Gemeinsame Unternehmungen blieben vollends auf der Strecke und gegenseitige Zeichen der Zuneigung fielen – seinerseits zumindest – ebenfalls vollständig aus.
Doch auch wenn ich mich wirklich bemühte und ihm durch eindeutige Gesten zu vermitteln versuchte, wie sehr unsere Nächte mir fehlten, wie sehr er mir fehlte, schien er das entweder komplett zu ignorieren oder er konnte tatsächlich nicht begreifen, was der verstohlene Wink mit meiner Hand in seine Richtung wirklich bedeutete. Dass ich ihn durch dieses kleine Zeichen darauf aufmerksam zu machen versuchte, was ich mir von ihm wünschte und was ich mir erhoffte. Dass ich ihn dazu animieren wollte, endlich einmal wieder ein bisschen Zeit mit mir zu verbringen und mir ein paar kleine Liebkosungen zu schenken, die mir zeigten, dass ihm all das nicht egal war. Dass ich ihm nicht egal war.
Denn auch wenn ich es mir selbst nicht richtig eingestehen wollte oder konnte, aber im Moment fühlte es sich ganz genau danach an. Als wären ihm ich und meine Bemühungen um seine Zärtlichkeit vollkommen egal, als gingen sie ihn nicht das Geringste an. Auch wenn ich es vor mir selbst verleugnete, aber irgendetwas zwischen uns beiden stimmte nicht mehr. Es war irgendeine Blockade vorhanden, die ihn allem Anschein nach davon abhielt, mir seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen und meine Wünsche zu erkennen.
Mehrere Versuche hatte ich mittlerweile unternommen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, wie sehr ich seine kleinen Streichler oder seine Wangenküsschen vermisste, doch nicht einer davon hatte bisher richtig funktioniert. Sobald ich auch nur eine winzige Andeutung in diese Richtung machte, entweder durch ein Wort oder durch eine unmissverständliche Geste, dann blockte er sofort ab und zog sich mit der Ausrede, dass er einen stressigen Tag gehabt hatte und schon viel zu müde dafür war, aus der Affäre. Zwar mochte es ein bisschen albern erscheinen, aber mehr und mehr beschlich mich das leise Gefühl, dass es da irgendeine Sache geben musste, die er mir bewusst verschwieg. Sein ganzes Verhalten mir gegenüber und die offenkundige Abneigung gegen meine Annäherungsversuche sprachen ganz eindeutig Bände. Er hatte irgendein Problem, über das er auf gar keinen Fall mit mir sprechen wollte, das spürte ich ganz deutlich. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, irgendein Vorfall, den mir anzuvertrauen er nicht in der Lage war. Vielleicht, so stellte ich meine Überlegungen an, hatte er Probleme mit seinem Job oder es gab klärungsbedürftige Differenzen zwischen ihm und seinen Eltern. Was auch immer der ganzen Angelegenheit zugrunde liegen mochte, ich würde auf keinen Fall Ruhe geben, bis er mir nicht ausdrücklich erklärt hatte, was Sache war. Ich würde mich mit ihm zusammensetzen und das Gespräch suchen. Ihn auf sein eigenartiges Verhalten der letzten Zeit ansprechen und sehen, wie seine Reaktion darauf ausfiel. Wenn ich nur lange genug nachbohrte, das wusste ich genau, würde er mich früher oder später in sein Geheimnis einweihen, worum auch immer es sich dabei handeln mochte.
Mit diesem Entschluss im Hinterkopf wandte ich mich schließlich wieder meiner Arbeit am Herd zu und überlegte währenddessen, wie ich das Gespräch mit ihm am besten beginnen sollte. Schließlich wollte ich nicht einfach so mit der Tür ins Haus fallen, sondern ihn ganz einfühlsam darauf vorbereiten und dann sehen, ob er mir von sich aus sein Geheimnis anvertrauen würde oder ob ich noch ein bisschen nachhelfen musste.
Auf jeden Fall würde ich mich nicht so schnell geschlagen geben, das war sicher. Wenn er irgendein Problem mit sich herumtrug, dann hatte ich als sein Lebensgefährte auch das Recht dazu, dass er mich einbezog. Vielleicht konnten wir ja zusammen eine Lösung finden und die ganze Sache aufklären. Wenn er sich erst alles von der Seele geredet hatte, würde es ihm ganz bestimmt wieder besser gehen und er wäre dann mit Sicherheit auch nicht mehr so gereizt gegenüber meinen Annäherungsversuchen.
Zufrieden mit diesem Vorhaben und der Unterhaltung mit Timmy optimistisch entgegenblickend, machte ich mich daran, den Tisch für uns beide zu decken und den vorbereiteten Salat noch ein kleines bisschen zu verfeinern. Im Anschluss daran stellte ich auch diesen auf dem Esstisch ab und wollte gerade rüber ins Wohnzimmer gehen, als mein Blick rein zufällig auf die Eckbank fiel und mir etwas ins Auge stach.
Unter dem kleinen Stapel Zeitschriften und Werbeprospekten lugte ganz unscheinbar die Spitze eines Briefumschlags hervor. Vermutlich ein Brief von den Behörden, von der Bank oder etwas Ähnlichem, die irgendeine Sache mit Timmy zu klären hatten. Aber wenn dem wirklich so war, warum hatte er ihn dann hier abgelegt und nicht zu seinen Unterlagen ins Arbeitszimmer? Hatte er ihn nur zufällig hier liegenlassen oder bewusst vor mir versteckt? Hatte dieser kleine Brief vielleicht etwas mit seinem eigenartigen, abweisenden Verhalten der letzten Zeit zu tun? Oder handelte es sich hier tatsächlich nur um menschliche Vergesslichkeit?
Bestimmt, sagte ich mir selbst und schüttelte diese ganzen, merkwürdigen Gedanken einfach ab. Bestimmt hatte er dieses Schreiben hier einfach liegenlassen und dann vergessen, es in sein Arbeitszimmer zu räumen. Trotzdem musste ich zugeben, dass mich dieser Fund ein kleines bisschen neugierig machte, wenngleich ich mich sonst nicht in seine private Post einmischte. Aber nachdem sie hier schon einmal so offen herumlag, konnte doch ein kleiner Blick nicht schaden.
Seine Angelegenheiten waren schließlich auch meine Angelegenheiten und ich war mir sicher, dass er bestimmt nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn ich das Schreiben ganz kurz überflog. Vielleicht handelte es sich ja um irgendeine wichtige Mitteilung, die auch mich etwas anging. In diesem Fall hatte ich natürlich ganz klar das Recht, darüber in Kenntnis gesetzt zu werden.
Ohne mich weiter mit dem Gedanken zu beschäftigen, ob Timmy nun etwas dagegen haben würde oder nicht, holte ich den Brief aus seinem Versteck hervor und drehte ihn im Anschluss nach allen Seiten um. Einen kurzen Augenblick zögerte ich, spielte mit der Idee, mein Vorhaben wieder abzubrechen, entschied mich dann jedoch dazu, einen kurzen Blick zu riskieren und zog den Brief schließlich aus seinem Umschlag heraus.
Absender des Schreibens war, wie man jetzt unschwer erkennen konnte, das Fitnessstudio, in dem Timmy arbeitete. Natürlich dachte ich mir nichts weiter dabei, wenngleich mir die ganze Sache langsam ein bisschen spanisch vorkam. Doch als mein Blick kurz darauf das Schreiben überflog, wurde mir langsam aber sicher bewusst, aus welchem Grund dieser Brief das Privileg hatte, ein Versteck aus Zeitschriften und Prospekten sein Heim nennen zu dürfen.
Dies war nicht irgendeine Mitteilung an Timmy. Es war eine Kündigung. Eine fristlose Kündigung, aus der sich entnehmen ließ, dass er für das Unternehmen nicht mehr tragbar wäre und das Beschäftigungsverhältnis aus diesem Grund mit sofortiger Wirkung beendet sei. Ungläubig über den Inhalt las ich wieder und wieder die Zeilen, die sich auf dem Stück Papier in meiner Hand verewigt hatten und versuchte, sie zu begreifen.
Timmy war entlassen worden? Er hatte seinen Job verloren? Den Job, von dem er mir stets so vorgeschwärmt hatte und über den er so erfreut gewesen war, als er ihn bekommen hatte? Wie konnte das denn bitte sein? Was konnte er nur verbrochen haben, um seine Arbeitgeber zu der Aussage zu bewegen, dass er für das Unternehmen nicht mehr tragbar war? Und natürlich die wichtigste Frage überhaupt: Warum hatte er mir nicht einen Ton davon gesagt?
Rasch besah ich mir das Datum des Schreibens und stellte fest, dass er es wohl schon seit mindestens zwei Wochen hier versteckt halten musste. Aber warum? Wenn er gekündigt worden war, warum hatte er mir das denn nicht einfach gesagt? Warum hatte er nicht einfach mit mir gesprochen, anstatt mir etwas vorzuspielen und so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung? Und viel wichtiger noch: Wohin verschwand er bitteschön jeden Tag, wenn er nicht zur Arbeit ging?
War er deswegen so komisch gewesen in letzter Zeit? Hatte er deshalb kein Interesse mehr an meinen Annäherungsversuchen und ging auf Distanz? War das vielleicht des Rätsels endgültige Lösung? Fragen über Fragen fluteten meinen Verstand, während ich mir vergeblich einen Reim auf die ganze Sache zu machen versuchte. Hatte ich also doch richtig gelegen mit meinen Spekulationen. Es gab tatsächlich ein Geheimnis, das er mir nicht anvertrauen wollte oder konnte. Es gab eine Sache, die ihn wahrscheinlich Tag und Nacht beschäftigte. Deswegen war er so komisch zu mir gewesen. Das war der Grund für seine Frustration und seine gereizten Reaktionen mir gegenüber. Aber warum hatte er nichts gesagt? Warum nur verschwieg er mir diese Angelegenheit? Und das seit über zwei Wochen?
Ein Geräusch an der Wohnungstür schreckte mich aus meinen Gedanken hoch und ich steckte den Brief rasch in den Umschlag zurück, ebendiesen verstaute ich im Anschluss daran wieder dort, wo ich ihn gefunden hatte und wandte mich wieder meinen Vorbereitungen für das Abendessen zu. Auf keinen Fall sollte Timmy jetzt merken, dass ich längst über alles Bescheid wusste. Ich wollte ihm eine Falle stellen. Eine unscheinbare, aber effektive Falle.
„Black Baby?“, hörte ich ihn im Wohnzimmer nach mir rufen und bereitete mich gedanklich auf meine Rolle des völlig Ahnungslosen vor. „In der Küche“, antwortete ich dann und bemühte mich, ein ehrliches, herzliches Lächeln aufzulegen, wenngleich mir dies im Augenblick nicht gerade leicht fiel. Aber in der Not heiligte der Zweck schließlich alle Mittel. „Hi Baby“, hörte ich Timmy hinter mir sagen, als er die Küche betrat, und wandte mich mit ebendiesem aufgesetzten Lächeln zu ihm um. „Hi“, erwiderte ich kurz und tauschte einen flüchtigen Wangenkuss mit ihm – den ersten seit langem.
„Wie war dein Tag, Tim-Tim?“, stellte ich ihm schließlich meine obligatorische Frage, ebenfalls ein Mittel zum Zweck, um die Falle in aller Ruhe zuschnappen zu lassen. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“. „Ach weißt du, eigentlich nicht“, antwortete er und zuckte kurz mit den Schultern. „War alles wie immer“. „Aha“, erwiderte ich, wohlwissend, dass er mir gerade eine fette Lüge auftischte, ließ mir jedoch noch immer nicht das Geringste anmerken, sondern wandte mich stattdessen wieder von ihm ab und holte aus dem obersten Küchenschränkchen eine kleine Schüssel heraus.
„Ich hab heute ein bisschen aufgeräumt“, erzählte ich ihm, während ich die Schüssel zum Esstisch hinübertrug, nach wie vor falsch lächelnd. „Und kurz bevor du gekommen bist, wollte ich diesen Stapel Zeitschriften da hinten in den Papierkorb werfen“. Demonstrativ wies ich mit der Hand zur Eckbank hinüber und wartete gespannt auf seine Reaktion dazu. Doch er ließ sich, im Schauspielern ebenso gut wie ich, nichts anmerken und zuckte nur mit den Schultern.
„Allerdings dachte ich, ich warte damit besser noch, bis du da bist“, setzte ich noch einen drauf. „Könnte ja sein, dass irgendwelche wichtigen Papiere drunter sind“. Diese Aussage ließ ihn leicht nervös werden und trieb ihm geradezu die Röte ins Gesicht. Ihm war längst klar, dass ich Bescheid wusste, das konnte ich mehr als nur deutlich erkennen. Nichtsdestotrotz gab ich mein Schauspiel noch nicht auf, sondern mimte stattdessen weiterhin den Unwissenden, begierig darauf, ihn so richtig schön in Verlegenheit zu bringen. „Wichtige Papiere...?“, fragte er ganz leise, sich darüber im Klaren, dass sämtliche Ausflüchte in dieser Situation zwecklos bleiben würden und ich ihn eiskalt ertappt hatte. Eine kurze Weile schwieg ich, kostete meinen Sieg über seine Flunkerei voll und ganz aus, ehe ich ihn schließlich von seiner Qual erlöste und die Bombe geschickt platzen ließ.
„Ja“, erwiderte ich siegessicher und verschränkte meine Arme vor der Brust. „Du weißt schon. Rechnungen, Kontoauszüge, Kündigungsschreiben von Fitnessstudios...“. Bei diesen Worten konnte ich sein Herz förmlich hüpfen sehen und genoss den Anblick von Scham und Reue, der sich kurzerhand über sein ganzes Gesicht ausbreitete.
„Du weißt es“, musste er deprimiert feststellen und ließ einen betrübten Seufzer verlauten. Angespannt biss er sich auf die Lippe, vermutlich in Erwartung eines niederschmetternden Vorwürfehagels, gefolgt von ein paar kritischen Blicken, sowie einem eingeschnappten Black Baby. Doch nichts dergleichen trat ein. Wortlos stand ich da, nach wie vor mit verschränkten Armen, und musterte ihn eine Weile, kostete sein Reuegefühl vollständig aus. Wahrscheinlich glaubte er, dass ich jetzt aufs Heftigste mit ihm diskutieren und ihn verbal auspeitschen würde für seine Lüge.
Aber das wollte ich nicht. Das konnte ich auch überhaupt nicht. Natürlich war ich mehr als enttäuscht darüber, dass er mir diese Kündigung vorenthalten und mir nichts davon gesagt hatte. Natürlich stellte ich mir die unvermeidbare Frage, was er die letzten Wochen getrieben hatte, wenn er behauptete, arbeiten zu gehen. Natürlich hatte ich mir mehr Vertrauen von ihm gewünscht und geglaubt, dass es nichts gab, worüber wir nicht miteinander reden konnten.
Ich war auch sauer. Ziemlich sauer sogar. Aber ich hatte keineswegs die Absicht, meine Wut und Enttäuschung an ihm auszulassen und ihm Vorwürfe zu machen. Das verdiente er nicht, wenngleich es nicht die feine englische Art war, seinen Lebensgefährten einfach zu belügen. Ich würde mich mit ihm zusammen hinsetzen und die Sache ganz vernünftig ausdiskutieren, so wie das zwischen zwei zivilisierten Menschen üblich war. Ich würde ihm sehr wohl erklären, wie sehr er mich damit gekränkt hatte und dass ich mir mehr Vertrauen seinerseits erhofft hatte. Aber weder würde ich ihn anschreien, noch ihn beleidigen und schon gar nicht meine Wut gegen ihn richten.
Er hatte einen Fehler gemacht, ja. Einen großen Fehler sogar. Aber wie jeder Angeklagte hatte auch er das Recht auf einen fairen Prozess. Er hatte das Recht dazu, sich zu verteidigen und seine Version der Geschichte zu erzählen. Erst danach konnte ich unvoreingenommen entscheiden, welche Strafe für ein solches Vergehen als angemessen erschien, falls ich ihn überhaupt dafür bestrafen würde.
Aus diesem Grund schluckte ich meine Enttäuschung für den Moment hinunter und bat ihn mit einem raschen Wink, auf der Küchenbank Platz zu nehmen. Zögernd kam er meiner wortlosen Aufforderung nach und setzte sich, immer noch in Erwartung des Sturms, der von meiner Seite her in wenigen Augenblicken über ihn hereinbrechen würde. Doch statt damit anzufangen, ihm Vorwürfe zu machen und meine tiefe Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, ließ ich mich ganz gelassen neben ihm nieder und zog die Kündigung des Fitnessstudios unter dem Papierstapel in der Ecke hervor.
Sich der Schuld, die er sich mit dem Verstecken dieses Schreibens aufgeladen hatte vollstens bewusst, warf er einen angespannten Blick darauf und sah mir im Anschluss daran beschämt ins Gesicht. „Wir sollten uns dringend über diesen Brief unterhalten“, meinte ich und brach damit das unangenehme Schweigen, das sich zwischen uns ausgebreitet hatte. „Und zwar am besten sofort“.
„Ich...“, wollte er beginnen, brach dann allerdings wieder ab, hatte allem Anschein nach keine Ahnung, was er auf meine Aussage entgegnen sollte. „Ja?“, erwiderte ich gespannt und verschränkte die Arme auf dem Tisch. „Ich wollte es dir sagen. Das wollte ich wirklich, Gary“, erklärte er mir teils beschämt, teils verlegen. „Aber ich schätze, du hast nicht damit gerechnet, dass ich es von selbst herausfinde, nicht wahr?“, antwortete ich mit leicht sarkastischem Unterton. „Du hast nicht erwartet, dass ich diesen Papierstapel durchwühlen und dir auf die Schliche kommen würde, stimmt's?“.
„Genau“, musste er mir Recht geben und räusperte sich vor Verlegenheit. „Ich wollte einfach den richtigen Moment abwarten, verstehst du?“. Ich beantwortete seine Frage mit einem kurzen Kopfschütteln, während ich den Brief einige Male in meiner Hand drehte. „Nein“, lehnte ich schließlich ab. „Nein, Timmy, das verstehe ich nicht. Ich hatte gedacht, dass wir über absolut alles miteinander sprechen können. Aber anscheinend hast du dazu nicht genug Vertrauen zu mir“.
„Doch!“, rief er aus, plötzlich ganz aufgeregt. „Doch, natürlich habe ich Vertrauen zu dir. Mehr als zu irgendjemand anderem, das musst du mir glauben“. „Danach sieht es im Moment aber nicht aus“, lehnte ich seinen Einspruch ab und seufzte. „Wenn du wirklich Vertrauen zu mir hast, warum bist du dann nicht einfach zu mir gekommen und hast mir alles erzählt? Wozu dieses Versteckspiel? Was hast du denn geglaubt, was ich tue, wenn du es mir sagst? Hattest du Angst, ich würde dir den Kopf abreißen?“.
„Nein“, erwiderte er leise. „Nein, das ist es nicht. Aber ich habe gedacht, dass du mich für einen totalen Versager hältst, wenn ich dir davon erzähle. Ich meine, du bist doch jetzt bestimmt ganz enttäuscht von mir, weil ich es noch nicht einmal hinkriege, diesen einfachen, blöden Job zu behalten“.
„Ich bin enttäuscht“, musste ich ihm Recht geben und nickte zur Bestätigung. „Aber nicht, weil du deinen Job verloren, sondern weil du mir wochenlang etwas vorgespielt hast. Jeden einzelnen Tag hast du so getan, als würdest du ganz normal zur Arbeit gehen. Und jetzt muss ich erfahren, dass du die ganze Zeit über gelogen hast. Darüber bin ich enttäuscht. Ich bin wirklich enttäuscht. Ein bisschen mehr Vertrauen und Ehrlichkeit hätte ich schon von dir erwartet“.
„Bist du jetzt sauer auf mich?“, wollte er wissen und biss sich angespannt auf die Unterlippe. „Nein“, antwortete ich mit einem weiteren Seufzen. „Nein, Timmy, ich bin nicht sauer auf dich. Aber ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum du nicht mit mir geredet hast. Du weißt doch ganz genau, dass es nichts gibt, womit du nicht zu mir kommen kannst. Wir hätten die Sache ganz in Ruhe klären und eine Lösung suchen können, wenn du von Anfang an ehrlich gewesen wärst“. Vorsichtig griff ich nach seiner Hand und streichelte sie zärtlich, während ich versuchte, ein sanftes Lächeln aufzulegen.
„Es tut mir Leid“, entschuldigte er sich noch einmal. „Ich wollte einfach nicht, dass du mich für einen totalen Versager hältst“. „Du bist doch kein Versager, Tim-Tim“, erwiderte ich und fuhr ihm mit der anderen Hand durch sein Haar. „Hör bitte damit auf, über so einen Quatsch zu spekulieren, okay? Du bist kein Versager, nur weil du blöderweise deinen Job verloren hast. Du bist doch noch jung und die ganze Welt steht dir offen. Glaub mir, wenn du es nur willst, dann kannst du jedes Ziel erreichen, das du dir setzt. Ich glaube an dich, Timmy. Vergiss das nicht, okay?“.
„Ach Gary“, meinte er, bewegt von meiner motivierenden Ansprache und schloss mich in die Arme. „Womit habe ich dich nur verdient?“. „Das frage ich mich manchmal auch“, neckte ich ihn kichernd, bevor ich ihm einen langen, intensiven Kuss auf die Lippen drückte und meine Finger mit seinen seidigen Haarsträhnen spielen ließ.
Der Kuss hielt einige Momente an, bevor er schließlich durch mich wieder aufgelöst wurde und ich mich mit erwartungsvollem Blick an Timmy wandte, da ich in diesem Moment eine Entscheidung getroffen hatte: Ich würde ihn auf sein merkwürdiges Verhalten der letzten Zeit ansprechen und sehen, was er dazu zu sagen hatte. Vielleicht hatten seine abweisenden Reaktionen ja tatsächlich etwas mit der Kündigung zu tun und er war deshalb so auf Distanz zu mir gegangen, wenn ich versucht hatte, mich ihm anzunähern.
„Du, Tim-Tim...“, setzte ich meine Überlegung nach kurzem Zögern in die Tat um. „Ja?“, wollte er wissen und wunderte sich, als er meinen ernsten Blick bemerkte. „Ich muss dich etwas fragen“, antwortete ich und sah ihm direkt in die Augen. „Nur raus damit“, meinte er, immer noch mit einem Lächeln auf seinen Lippen und wahrscheinlich nicht mit der Frage rechnend, die ich ihm jetzt gleich stellen würde.
„Hast du ein schlechtes Gewissen?“, erkundigte ich mich schließlich und beobachtete dabei jede einzelne seiner Körperreaktionen mit den Augen eines Adlers. Seine Hand zuckte einen kurzen Augenblick lang, sein Fuß wippte auf und ab und seine Stirn legte sich in Falten. „Was... was meinst du?“, fragte er, scheinbar ein bisschen nervös und zog seinen Arm zurück, als ich ihn streifte. „Wegen deinem Job“, klärte ich ihn schließlich auf, ein bisschen irritiert. „Warst du deshalb in letzter Zeit so komisch zu mir? Hattest du mir gegenüber ein schlechtes Gewissen? Bist du deshalb ständig auf Abstand gegangen, wenn ich dich streicheln oder küssen wollte?“.
„Ach, das meinst du!“, rief er aus und war kurz davor, vor Erleichterung aufzulachen, überlegte es sich jedoch schnell anders, als er meine offenkundige Verwirrung über sein Verhalten registrierte. „Äh... ja...“, stimmte ich ihm zu, nicht in der Lage, meine Verwunderung zu verbergen. „Was hast du denn gedacht?“. „Oh... nichts. Nichts weiter“, antwortete er schnell und schüttelte den Kopf, um seine Aussage demonstrativ zu unterstreichen, dabei völlig unschuldig lächelnd.
„Ähm... gut...“, meinte ich und zuckte mit den Schultern, wenngleich mich seine Reaktion ein bisschen durcheinanderbrachte. „Dann hätten wir die Sache ja geklärt, oder nicht?“. „Sicher“, stimmte er mir zu, scheinbar begierig darauf, endlich das Thema wechseln zu können. „Alles wieder okay. Sofern du mir meine Lüge verzeihen kannst und nicht mehr böse auf mich bist“.
„Ach Tim-Tim...“, entgegnete ich lächelnd und schmiegte mich an ihn heran, ebenfalls einverstanden damit, dieses Kapitel abzuhaken und über etwas anderes zu sprechen. „Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht böse auf dich sein kann, mein Süßer“. Kaum hatte ich diese Worte gesagt, zog er mich in einen neuen, aufregenden Kuss, mit dem er mich ein weiteres Mal verzauberte und meine Sinne streichelte.
Wie gut er das doch macht, dachte ich zufrieden und fegte die Kündigung mit einer kurzen Handbewegung vom Esstisch, voll und ganz bereit dazu, mich auf das Spiel, das er mir durch diesen Kuss offerierte, einzulassen und die ganze Angelegenheit zu vergessen. Meine Gedanken stellten sich zwar noch immer die Frage, worauf er mit seiner Andeutung von gerade eben angespielt hatte, doch ich blendete sie einfach aus und ließ mich vollkommen auf seine Verführung ein.
Selbstverständlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, dass es da noch ein ganz anderes Geheimnis gab, von dem ich keine Ahnung hatte und dass ich in wenigen Tagen gegen eine riesige Flutwelle ankämpfen würde, die alles, woran ich aus ehrlicher Überzeugung heraus glaubte, mit sich zu reißen drohte.

Vier Tage später hatte Timmy drei unserer gemeinsamen Freunde zum Abendessen eingeladen und mich damit beauftragt, ein erstklassiges Menü auf den Tisch zu zaubern, das sie so schnell nicht wieder vergessen würden. Der erste in der kleinen Gruppe war natürlich Chester McBadbat, sein bester Freund seit Kindertagen, der uns schon öfter einen spontanen Besuch abgestattet hatte und der stets für eine Überraschung gut war. Als nächstes war da Remy Buxaplenty, sein Ex-Rivale aus Grundschulzeiten, mit dem er sich in der Highschool ausgesprochen und mit den Jahren schließlich angefreundet hatte. Den Abschluss des Trios bildete Chloe Carmichael, seine ehemalige Nachbarin, für die er zwar anfangs nur Abneigung empfunden hatte, sich aber mittlerweile so blendend mit ihr verstand als wäre sie seine Schwester.
Auch ich konnte die drei richtig gut leiden, weil auch sie mich meine Persönlichkeit so ausleben ließen, wie ich es für richtig hielt. Keiner von ihnen hatte es jemals gewagt, sich über meine Outfits oder mein Aussehen, geschweige denn meinen Hang zu diesem Kleidungsstil lustig zu machen. Sie alle hatten mich so akzeptiert, wie ich mich fühlte und sich sehr für Timmy und mich gefreut, als sie von unserer Beziehung erfahren hatten.
Deswegen war ich sehr glücklich, sie nach langer Zeit endlich einmal wiederzusehen und sogar die Ehre zu haben, für sie zu kochen. Verständlich, dass ich mir aus diesem Grund unzählig viele Gedanken darum machte, was ich ihnen servieren sollte und womit ich ihnen eine Freude machen konnte. Denn eine Sache konnte man ganz ohne Scham und Schande behaupten: Ihre Geschmäcker waren so unterschiedlich, dass es beinahe schon mit einem Wunder gleichzusetzen war, wenn man es schaffte, sie alle drei gleichermaßen zufriedenzustellen.
Während Chester sich zum Typ 'Allesesser' zählte und für gewöhnlich schon im siebten Himmel schwebte, wenn man ihm ein einfaches Thunfischsandwich auf den Teller legte, pflegte Remy dagegen eher exklusivere Kost wie beispielsweise gebackene Garnelen, Hummer in Buttersauce oder Kaviarhäppchen. Der schwierigste Fall jedoch, der mich schon manches Mal an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte, war ganz unumstritten Chloe. Nicht, dass sie in irgendeiner Weise besondere Ansprüche hatte, daran lag es keineswegs. Allerdings war sie seit ihrer Geburt dazu verurteilt, selbst auf die einfachsten Lebensmittel und Zutaten allergisch zu reagieren. Darüber hinaus hatte sie seit einiger Zeit ihre Liebe zur vegetarischen Ernährung entdeckt, was die Sache für mich jedoch nicht einfacher, sondern um das Zehnfache schwieriger gestaltete.
Immerhin wollte ich sie alle drei beeindrucken und mir weder von Remy – wenn auch nur dezent angedeutet – sagen lassen, dass er nicht zufrieden war, noch mir von Chloe halbstündige Vorträge darüber anhören müssen, welche allergischen Reaktionen und damit verbundene Folgen der Genuss meiner Speisen bei ihr hervorrufen konnte. Ich musste eine Mitte finden, einen Kompromiss, mit dem wir alle gut auskommen konnten, ohne auch nur den geringsten Anlass zur Bemängelung zu geben.
Zog man diese Tatsache in Betracht, hing der Erfolg unseres gemeinsamen Abendessens ganz allein von mir ab. An mir lag es, ein Gericht aus meinem kulinarischen Repertoire zu finden, das bei allen Beteiligten sowohl Eindruck machte als auch hinterließ. Meine Spekulationen und Bemühungen waren ausschlaggebend für das gute Gelingen unseres Beisammenseins – und schon der klitzekleinste Fehler konnte ungeahnte, katastrophale Folgen nach sich ziehen. Deswegen durfte ich mich nicht einfach Hals über Kopf in irgendwelche Vorbereitungen stürzen, sondern musste mit klarem Blick und Verstand, sowie viel Fingerspitzengefühl und unter Einbeziehung aller entscheidenden Faktoren an die ganze Sache herangehen.
Möglicherweise, so überlegte ich für mich, war es das Beste, mich zuallererst mit Timmy zu besprechen und gemeinsam mit ihm ein Menü auszusuchen, von dessen Erfolg wir beide voll und ganz überzeugt waren. Immerhin kannte er unsere drei Ehrengäste am längsten und wusste über all ihre Eigenheiten, Ansprüche und Sonderwünsche zur Genüge Bescheid. Wenn mir also jemand dabei helfen konnte, das Passende auszuwählen, dann mit Sicherheit er.
Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf, meiner Kochschürze um die Hüften und meinem Rezeptbuch in der Hand, machte ich mich schließlich auf den Weg zu ihm ins Wohnzimmer, um den Menüplan für heute Abend zu besprechen und mich auf die anstehende Herausforderung vorzubereiten. Wenn wir es nur einigermaßen geschickt anstellten, davon war ich fest überzeugt, würde dem Erfolg unseres gemeinsamen Abendessens nichts mehr im Wege stehen und unsere Freunde wären ganz bestimmt hellauf begeistert.
Klar hatte ich in diesem Augenblick noch nicht die geringste Ahnung davon, dass sich unter unseren Gästen ein schwarzes Schaf eingeschlichen hatte und ich am Ende des Abends vor den Trümmern meiner Beziehung stehen würde.

Einige Zeit später, nachdem Timmy und ich den Speiseplan in aller Ausführlichkeit besprochen und ich unter Einhaltung sämtlicher ungeschriebenen Gebote die entsprechenden Vorbereitungen getroffen hatte, stand ich wieder in der Küche und war vollkommen vertieft in meine Arbeit an dem Menü, das in knapp zwei Stunden auf dem Tisch stehen und Eindruck bei unseren Freunden machen würde.
Schlussendlich hatten wir uns für einen Avocado-Apfel-Salat mit grünen Linsen, Chili und Minze als Vorspeise, Lasagne mit gerösteter Paprika, Zucchini und Ricotta als Hauptgang und ein Schoko-Chili-Mousse als Dessert entschieden. Zwar hatte ich diese Rezepte in mein Buch mit aufgenommen, weil ich sie mir als durchaus interessant vorstellen konnte, bisher hatte ich jedoch nicht eines davon tatsächlich in die Praxis umgesetzt, was zum Großteil natürlich daran lag, dass Timmy und ich uns nicht an vegetarischer Ernährung orientieren und uns solche Gerichte als zu ausgefallen erschienen. Wir bevorzugten gängigere Kost, wie etwa einen gemischten Salat mit Putenbruststreifen, und konnten mit solch exklusiven Dingen eher wenig anfangen, waren allerdings immer gerne bereit dazu, etwas Neues auszuprobieren.
Mit diesem Menü, so hoffte ich wenigstens, während ich mich vom Herd abwandte und mich daran machte, den Tisch zu decken, konnte garantiert nichts schiefgehen. Schließlich nahm ich dadurch sowohl Rücksicht auf Chloes Allergien und ihre Vorliebe für vegetarische Ernährung, als auch auf Remys Gelüste nach mehr als nur gewöhnlicher Hausmannskost. Die einzige Sache, die es jetzt noch zu organisieren galt, war die Auswahl der passenden Getränke – und die hatte ich mit gutem Wissen und Gewissen Timmy überlassen. Zwar war er, genauso wenig wie ich, ein herausragender Weinkenner, allerdings war ich mir sehr sicher, dass er bestimmt den ein oder anderen passenden Tropfen zu meinem Menü finden würde.
Unterdessen machte ich mich daran, den Tisch zu decken und holte aus gegebenem Anlass sogar das elegant verzierte Porzellangeschirr heraus, das Timmys Mom uns als Einzugsgeschenk in unsere Wohnung überreicht hatte und das seit nunmehr zwei Jahren unbenutzt in den Küchenschränken verstaubte. Aber heute war schließlich ein ganz besonderer Abend, für den das Beste vom Besten gerade mal gut genug war.
Als ich auch diese Aufgabe ausgeführt hatte und der Esstisch ganz meinen Vorstellungen entsprach, sah ich noch einmal kurz nach dem Essen und machte mich im Anschluss daran auf den Weg zu Timmy in die Speisekammer, um ihm, falls nötig, bei der Auswahl der passenden Getränke zur Hand zu gehen. Ich hatte noch nicht einmal den halben Weg dorthin zurückgelegt, als ich ihn ganz aufgeregt irgendetwas sagen hörte, und wunderte mich.
Allem Anschein nach schien er mit irgendjemandem zu telefonieren und seinem Tonfall nach zu urteilen war er über diesen Anruf alles andere als begeistert. Mit leisen Schritten schlich ich mich noch näher zur Speisekammer heran, während ich mich voll und ganz auf seine Worte konzentrierte und versuchte, die Unterhaltung am Telefon – welchen Inhalt sie auch haben mochte – zu verstehen.
„Ich kann das nicht tun“, hörte ich ihn aufgeregt murmeln, und spähte ganz vorsichtig in den kleinen Raum, der bis obenhin vollgestopft war mit Zutaten, Weinen und sonstigen Spirituosen, Mineralwasserflaschen, sowie einigen, sich selten in Gebrauch befindlichen Kochgeräten, die in unserer kleinen Küche keinen Platz hatten. Er hatte mir den Rücken zugewandt und bemerkte dadurch gar nicht, dass ich all seine Aussagen, die er regelrecht ins Telefon plärrte, mitanhören konnte. Allerdings tat ich mich sehr schwer damit, den Inhalt des Gesprächs zu rekonstruieren, da ich so gut wie kein Wort von dem begriff, was er da sagte.
„Versteh doch, es geht nicht“, wiederholte er in diesem Augenblick noch einmal und klang dabei ernsthaft besorgt. „Ich kann ihm das einfach nicht antun. Er würde es mir niemals verzeihen. Bitte versuch doch, mich zu verstehen. Er ist schon ziemlich misstrauisch geworden und deswegen kann ich... – ja, ja, ich weiß. Ja, natürlich habe ich dir das fest versprochen. – Gut, ich werde sehen, was ich machen kann. Aber bitte gib mir dein Wort darauf, dass du nichts sagst, okay? Ich werde schon zusehen, dass ich ihn irgendwie außer Haus schaffe, in Ordnung? – Ja, okay, mach ich. – Ja, ich dich auch. Bis später“.
Mit diesen Worten beendete er das Telefonat und stieß im Anschluss daran einen lauten Seufzer aus. „Verdammter Mist, verdammter!“, murmelte er aufgeregt, hatte noch immer nicht registriert, dass ich ihm die ganze Zeit über zuhörte und sichtlich verwirrt von seiner heftigen Reaktion war. Unweigerlich stellte sich mir die entscheidende Frage, mit wem er wohl gerade gesprochen hatte. Gab es irgendwelche Probleme? Warum war er plötzlich so merkwürdig? Und vor allem: Was hatten all diese seltsamen Aussagen zu bedeuten? Wer würde ihm nicht verzeihen, wenn er ihm was antat? Wem hatte er gerade von der Kündigung im Fitnessstudio erzählt? Und wen wollte er außer Haus schaffen?
Hatte er etwa von mir gesprochen? Verbarg er irgendein Geheimnis, von dem ich unter keinen Umständen erfahren durfte? Warum verhielt er sich nur so rätselhaft?
Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf, während ich vergeblich versuchte, mir einen Reim auf diese ganze Sache zu machen. Doch egal, in welche Richtung ich auch spekulierte, seine am Telefon geäußerten Worte ergaben keinen Sinn. Sie ergaben absolut keinen Sinn. Vielleicht war es das Allerbeste, ihn einfach darauf anzusprechen und zu sehen, wie er mir das erklären wollte. Denn falls er wirklich noch ein Geheimnis mit sich herumtrug, dann wollte ich verdammt noch einmal wissen, worum es sich dabei handelte. Und zwar auf der Stelle.
„Tim-Tim?“, rief ich schließlich, woraufhin er mit einem erschrockenen Ruck herumfuhr und mich völlig perplex anstarrte. „Gary...“, brachte er nervös hervor und ließ sein Mobiltelefon rasch in der Tasche seiner Jeans verschwinden. „Was... was gibt es denn?“. „Mit wem hast du gerade gesprochen?“, erkundigte ich mich gespannt, ohne lange um den heißen Brei herumzureden. „Wer hat dich da gerade angerufen? Oder wen hast du angerufen?“.
„Ich... ähm...“, setzte er an und schüttelte kurz den Kopf, als könnte er sich dadurch eine Antwort auf meine Frage herbeizaubern. „Ja?“, hakte ich nach und verschränkte erwartungsvoll die Arme vor der Brust. „Ich... ich habe nicht... ich...“, setzte er unsicher fort, bevor sein Tonfall ein paar herausfordernde Züge annahm und er mir einen ernsten Blick zuwarf. „Wie... wie kommst du eigentlich dazu, mir nachzuspionieren?“, rief er aus, als könne er dadurch meine vollkommen berechtigte Frage außer Kraft setzen.
„Ich habe nicht spioniert“, verteidigte ich mich ganz ruhig und mehr denn je daran interessiert, diese Sache jetzt aufzuklären. „Ich habe nur zufällig mitbekommen, dass du mit jemandem telefoniert hast und deshalb möchte ich jetzt wissen...“.
„Das geht dich nichts an!“, rief er aus, ganz offenkundig verärgert über meinen, wenn auch nur rein zufälligen, Lauschangriff. „Das geht dich überhaupt nichts an!“. Wütend starrte er mir in die Augen und warf meinem Misstrauen dadurch nur noch zusätzliches Futter vor. „Warum geht es mich nichts an?“, fragte ich, verwundert von seiner abweisenden Haltung und lehnte mich gegen den Türrahmen, um ihm damit jeden Fluchtweg aus dieser Diskussion abzuschneiden. „Ich will doch bloß wissen, mit wem du gesprochen hast und was diese ganze Sache zu bedeuten hat. Das ist noch lange kein Grund, mich so anzubellen. Ich werde mich doch wohl noch erkundigen dürfen, mit wem du telefonierst, oder nicht?“.
Ein weiteres Seufzen drang aus ihm heraus, während sich seine Miene wieder ein bisschen aufhellte und er den Versuch machte, mir ein sanftes Lächeln zu schenken. „Es tut mir Leid“, entschuldigte er sich schließlich und kam ein paar Schritte auf mich zu. „Ich habe das nicht böse gemeint, Gary. Und natürlich darfst du wissen, mit wem ich telefoniert habe. Es war Remy. Er hat sich die Freiheit genommen, eine kleine Überraschung für dich zu organisieren und mich sozusagen zu seinem Komplizen gemacht. Er hat mich damit beauftragt, dich später unter einem Vorwand aus dem Haus zu locken, damit er sich um die letzten Vorbereitungen kümmern kann. Natürlich musste ich ihm hoch und heilig versprechen, dass ich dir nichts davon erzähle. Aber dieses Versprechen habe ich gerade eben gebrochen. Ich hab die schöne Überraschung total versaut. Das verzeiht Remy mir bestimmt nie. Und du ganz sicher auch nicht, hab ich Recht?“.
„Eine... Überraschung?“, erwiderte ich perplex und musste mich stark zusammenreißen, um nicht laut zu kichern. „Mhm“, stimmte er mir zu und biss sich auf die Unterlippe. „Remy hat sich was Tolles einfallen lassen, um dir eine kleine Freude zu machen. Aber nachdem ich jetzt alles ausgeplappert habe, habe ich sowohl dir als auch ihm den Spaß daran verdorben. Jetzt bist du sicher böse auf mich, nicht wahr?“.
„Ach Tim-Tim...“, rief ich aus und musste herzlich lachen, während ich auf ihn zuging und ihn kurz auf die Wange küsste. „Deswegen warst du eben so komisch. Jetzt kapiere ich die ganze Sache“. „Tut mir ehrlich Leid, Gary Baby“, sagte er und zog eine Schnute. „Jetzt hab ich dir bestimmt alles verdorben“. „Ach Quatsch“, wehrte ich schnell ab, erleichtert, dass sich die Angelegenheit so schnell aufgeklärt hatte. „Warum sollte ich denn böse sein, mein Süßer? Ich weiß ja noch nicht einmal, um welche Überraschung es sich handelt. Außerdem finde ich es total niedlich, dass ihr euch meinetwegen solche Mühe macht“.
„Naja, du findest es vielleicht niedlich...“, wiederholte er meine Aussage und räusperte sich. „Aber Remy wird mir den Kopf abreißen, wenn er herausfindet, dass ich getratscht habe“. „Nun, er muss ja nichts davon erfahren, oder?“, entgegnete ich zuversichtlich lächelnd. „Wenn er kommt, dann tue ich einfach so, als wüsste ich von überhaupt nichts. Und das ist ja noch nicht einmal komplett gelogen, schließlich habe ich keinen Schimmer, um welche Überraschung es sich dabei handelt“.
„Das würdest du für mich tun?“, antwortete Timmy geschmeichelt und legte ein Lächeln auf. „Wirklich?“. „Klar“, versicherte ich ihm und nickte zur Bestätigung. „Ich werde dich ganz sicher nicht verraten, versprochen“. „Danke, Baby“, flüsterte er und küsste mich ganz sanft. „Du bist ein Goldstück, weißt du das?“. „Aber sicher“, meinte ich leise kichernd, während ich meine Arme um ihn legte und ihn eng zu mir heranzog. „Du kannst mir glauben, Tim-Tim, ich weiß von überhaupt nichts“.
Und mit dieser einfachen Aussage behielt ich schlussendlich sogar Recht. Ich wusste von nichts. Ich hatte keine Ahnung, dass ich am Ende dieses Abends noch eine ganz andere Überraschung erleben sollte. Und zwar eine, die mein bisheriges Leben total aus der Bahn werfen würde.

Um kurz vor sieben Uhr trafen schließlich nach und nach unsere Gäste ein. Chloe war die erste, die uns, überpünktlich wie immer, mit ihrer Anwesenheit erfreute und noch dazu ein paar kleinere Aufmerksamkeiten dabeihatte. Neben einer Schachtel Pralinen und einer edlen Flasche Cognac für mich, brachte sie Timmy darüber hinaus eine Stange italienischer Markenzigaretten mit und unterstützte dadurch seine von mir so häufig kritisierte und ungeliebte Sucht. Allerdings hielt ich es für das Beste, jede, wenn auch noch so kleine, Andeutung in diese Richtung zu unterlassen, um nicht gleich zu Beginn unseres Abendessens schlechte Laune zu verbreiten.
Also lächelte ich einfach nur und bat sie nach einer ausführlichen Begrüßung, sowie gegenseitigen Umarmungen, mir in die Küche zu folgen und Platz zu nehmen. Zuvorkommend wie sie nun einmal war, bot sie mir natürlich sofort ihre Hilfe am Herd an, die ich jedoch dankend ablehnte. „Ich komm schon zurecht“, versicherte ich ihr mit einem Lächeln und bedeutete ihr mit einer kurzen Handbewegung, sich zwanglos am Tisch zu platzieren.
„Ist das neu?“, erkundigte sie sich interessiert, als ihr Blick auf das Gedeck aus Porzellan fiel, und besah sich ganz ausführlich den vor ihr stehenden, elegant verzierten Teller. „Nein, das haben wir schon lange“, gab ich ihr zur Antwort, während ich mich vom Herd abwandte und lächelnd zu ihr hinüberging. „Timmys Mom hat es uns damals zum Einzug geschenkt“. „Sehr ausgefallen“, kommentierte sie ehrlich begeistert und erwiderte mein Lächeln.
„Möchtest du was trinken?“, bot ich ihr an und deutete mit der Hand zu dem von ihr mitgebrachten Cognac hinüber, den ich auf der Küchenanrichte abgestellt hatte. „Keinen Alkohol“, lehnte sie konsequent ab und hob abweisend ihre Hände. „Du weißt ganz genau, dass ich solche Sachen nicht vertrage. Ein Glas Wasser wäre allerdings nicht schlecht, wenn es keine Umstände macht“.
„Sehr gerne“, erwiderte ich höflich und wandte mich wieder der Anrichte zu. „Wir haben allerdings nur welches mit Kohlensäure. Ich hoffe, das macht dir nichts aus“. „Passt schon“, meinte sie mit einem Lächeln, gerade in dem Augenblick, als Timmy die Küche betrat, eine Flasche Chardonnay in den Händen haltend. „Der sollte doch passen, oder?“, erkundigte er sich, an mich gewandt. „Einen anderen konnte ich bedauerlicherweise nicht finden“.
„Mmh... ja...“, meinte ich nachdenklich und runzelte die Stirn. „Müsste gehen. Stell ihn einfach auf die Anrichte, ja?“. Mit diesen Worten griff ich nach einer Flasche Mineralwasser und machte mich daran, Chloes Glas zu befüllen. Im Anschluss warf ich noch einmal einen prüfenden Blick zum Herd hinüber und nahm dann gegenüber Chloe Platz, die sich inzwischen einen kleinen Schluck aus ihrem Glas genehmigt hatte.
„Also, dann erzähl doch mal“, setzte ich kurzerhand zum üblichen Small Talk an. „Wie geht es dir? Was machen die Renovierungsarbeiten in der Wohnung?“. „Läuft ganz gut soweit“, erzählte sie mir und verschränkte ihre Arme auf dem Tisch. „Trevor und ich haben uns neulich nach einem neuen Sofa und einer Schrankwand umgesehen. Soweit er mir mitgeteilt hat, werden die Sachen nächsten Mittwoch geliefert. Bis alles fertig ist, wird es aber trotzdem noch eine Zeit dauern. Aber gut Ding will eben Weile haben, nicht wahr?“.
„Da hast du Recht“, stimmte ich ihr entschlossen zu. „Timmy und ich spekulieren auch schon lange darauf, uns endlich mal wieder was Neues zu gönnen, aber du kennst ja sein Motto: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen“. Chloe kicherte amüsiert über diesen kleinen Witz, woraufhin Timmy, der im Türrahmen lehnte und unserem Gespräch lauschte, mir einen eingeschnappten Blick zukommen ließ.
„Du weißt genau, dass ich nicht gerne mit dir einkaufe, weil du jedes Mal den ganzen Laden ausräumst“, verteidigte er sich, ein bisschen gekränkt von meiner Aussage. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, lehnte ich schulterzuckend ab und gab mich ahnungslos, woraufhin er nur den Kopf schüttelte und sich abwandte. „Ich geh mal kurz eine rauchen“, wich er daraufhin aus, wohlwissend, dass jede Debatte über dieses Thema zu nichts führen würde. „Bin gleich wieder da“.
„Nicht böse sein, Tim-Tim“, erwiderte ich und schenkte ihm ein Lächeln. „Du weißt, dass das nur als Spaß gemeint war, ja?“. „Natürlich weiß ich das“, versicherte er mir, mein Lächeln erwidernd. „Aber nichtsdestotrotz werde ich jetzt eine rauchen gehen“. Er wandte sich rasch Chloe zu. „Ich möchte nämlich unbedingt die Zigaretten probieren, die du mir mitgebracht hast“.
„Ich hoffe, das war in Ordnung“, flüsterte Chloe mir zu, wohlwissend, was ich von Timmys Zigarettenkonsum hielt. Ich nickte rasch zur Antwort, ehe ich mich wieder an Timmy wandte und ein Lächeln auflegte. „Bis gleich, Tim-Tim“, sagte ich und warf ihm mit der Hand einen Kuss zu, was Chloe dazu veranlasste, ein aufgeregtes Kichern auszustoßen. Timmy grinste, ein bisschen verlegen, warf ebenfalls einen Kuss in die Luft und verschwand dann rasch nach draußen, unangenehm berührt von der Tatsache, dass ich seinen Kosenamen in Gegenwart unserer Freunde benutzt hatte.
„Tim-Tim?“, wollte Chloe wissen, noch immer kichernd, was ich durch ein kurzes Nicken bejahte. „Tim-Tim“, wiederholte ich bestätigend. „So habe ich ihn schon immer genannt. Passt einfach zu ihm, finde ich“. „Ja, ganz unumstritten“, entgegnete sie vollkommen verzückt. Dann hielt sie kurz inne und räusperte sich, als wäre sie sich über etwas nicht ganz sicher.
„Was ist?“, fragte ich sie gespannt und schaute sie an, doch sie senkte schnell ihren Kopf, vermied jeglichen Blickkontakt. „Nun, also...“, begann sie schließlich nach einigem Zögern. „Ich... ähm... ich hab mich gerade gefragt, ob Timmy wohl auch einen Kosenamen für dich hat. Sorry, wenn ich dir jetzt neugierig vorkomme. Im Prinzip geht es mich ja auch überhaupt nichts an, aber... nun ja... interessant ist es schon“.
„Ach was“, wehrte ich rasch ab, während ich nun auch mein Glas mit Mineralwasser auffüllte und einen tiefen Schluck davon nahm. „Ich kann verstehen, dass du neugierig geworden bist. Und eigentlich sehe ich keinen ersichtlichen Grund, weshalb ich es dir nicht anvertrauen sollte. Allerdings...“. Ich hielt kurz inne, um den Spannungseffekt ein bisschen zu steigern. „Allerdings...?“, wiederholte sie meinen begonnenen Satz und sah mich gespannt an. „Allerdings erwarte ich eine Gegenleistung“, fügte ich schließlich hinzu. „Name gegen Name. Ich verrate dir, wie Timmy mich nennt und du verrätst mir, wie Trevor dich nennt, einverstanden?“.
„Ja, einverstanden“, stimmte sie mir zu und atmete kurz auf, zufrieden mit dieser nur fairen Vereinbarung. „Aber du musst mir hoch und heilig versprechen, dass du nicht lachst, in Ordnung?“. „Würde ich nie“, versicherte ich ihr verständnisvoll. „Solange du auch nicht über meinen lachst“. „Natürlich nicht“, versprach sie und hob wie zum Schwur ihre Hand. „Gut“, setzte ich fort und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Dann löse ich das Rätsel mal auf. Timmy hat seit längerer Zeit Gefallen daran gefunden, mich als sein Black Baby zu bezeichnen“.
„Black Baby?“, wiederholte sie fragend. „Wie kommt er denn auf diesen... oh, ja, natürlich“. Sie schüttelte kurz den Kopf, als ihr bewusst wurde, aus welchem Grund ich diesen Kosenamen erhalten hatte und zeigte mit dem Finger auf meine Frisur. „Deine Haarfarbe, richtig?“, wollte sie wissen, was ich durch ein Nicken bestätigte. „Korrekt“, stimmte ich ihr dann zu und musste kichern. „Anfangs kam mir das noch ziemlich komisch vor, aber heute bin ich voll und ganz zufrieden damit“.
„Ziemlich süß“, bemerkte sie verzückt und begann zu grinsen. Dann hielt sie einen Moment lang inne und räusperte sie aufgeregt, wohlwissend, dass ich schon ganz neugierig auf ihren Spitznamen war. „Nicht lachen, bitte“, bat sie mich noch einmal, woraufhin ich abweisend die Hand hob. „Ich versprech's“, sicherte ich ihr fest zu, zunehmend gespannter. „Erdbeertörtchen“, gab sie schließlich bekannt und konnte es nicht vermeiden, dass sie bei diesem Wort ein bisschen rot wurde. „Weil das meine absolute Lieblingsnachspeise ist“. Auch wenn ich es wirklich versuchte, konnte ich ein verzücktes Quieken nicht unterdrücken, woraufhin sie ganz verlegen ihren Blick senkte. „Wie niedlich!“, meinte ich schließlich, nachdem ich mich wieder ein bisschen beruhigt hatte, und lächelte sie an.
„Eher peinlich“, entgegnete sie, noch immer unangenehm berührt und fixierte sich im Anschluss daran auf mich, schaute mir eindringlich ins Gesicht. „Kein Wort zu niemandem“, verlangte sie in ernstem Tonfall. „Verstanden, Gary?“. „Du hast mein Wort“, sicherte ich ihr felsenfest zu und hob wie zum Schwur meine Hand. „Ich schweige wie ein Grab“. „Das will ich dir auch geraten haben“, erwiderte sie und kniff kurz die Augen zusammen. „Sonst liegst du bald in einem“.
Auf diese Aussage hin mussten wir beide lachen und überhörten aus diesem Grund das Klingeln an der Wohnungstür. Erst, als draußen im Flur Stimmen zu vernehmen waren, registrierte ich, dass unsere restlichen Besucher eingetrudelt waren und erhob mich kurzerhand von meinem Platz, um die beiden herzlich in Empfang zu nehmen. „Du entschuldigst mich einen Augenblick, ja?“, sagte ich zu Chloe und verließ die Küche, hielt jedoch auf halbem Weg inne, als Timmy mir entgegenkam, gefolgt von Chester und Remy.
„Ich hab gehört, hier steigt eine Party“, sagte Chester zur Begrüßung und schloss mich im Anschluss daran kurz in die Arme. Seitens Remy erfolgte ein kurzes Händeschütteln, sowie das allseits bekannte Küsschen rechts, Küsschen links. „Gut siehst du aus, Gary“, meinte er, nachdem wir dieses traditionelle Ritual abgeschlossen hatten, und schenkte mir ein Lächeln.
„Danke, du auch“, entgegnete ich, sein Lächeln erwidernd. Timmy trat rasch neben mich und legte mir eine Hand um die Hüften, mit der anderen strich er mir eine Haarsträhne aus der Stirn, was mich, in Anbetracht der Tatsache, dass wir nicht unter uns waren, ein bisschen verlegen machte. „Gary sieht immer gut aus“, ließ er unsere beiden Gäste wissen und führte seine Hand weiter hinab zu meiner Wange. „Stimmt's, mein Black Baby?“.
„Tim-Tim, bitte...“, erwiderte ich und konnte ganz eindeutig spüren, dass ich rot wurde. „Doch nicht vor den beiden“. „Wieso denn nicht?“, erwiderte er schulterzuckend und grinste mich frech an. „Chester und Remy dürfen doch ruhig wissen, dass ich total verrückt nach dir bin“. Chester musste lachen, als Timmy diesen Satz zu Ende gesprochen hatte und beobachtete uns ganz verzückt. „Sind sie nicht ein süßes Paar?“, flüsterte er Remy zu, laut genug, damit auch ich seine Worte deutlich verstehen konnte. „Sicher“, erwiderte dieser knapp und nickte zur Bestätigung. „Das sind sie“.

Zweieinhalb Stunden später, nachdem alle mein mit viel Aufwand zubereitetes Drei-Gänge-Menü verzehrt, ihre Begeisterung darüber in aller Ausführlichkeit zum Ausdruck gebracht und mich für meine herausragenden Kochkünste in den siebten Himmel gelobt hatten, saßen wir alle noch bei einem Gläschen Chardonnay zusammen und erzählten uns währenddessen die aufregendsten und unglaublichsten Anekdoten aus unserem Leben.
Chloe hatte mich im Zuge dieser Unterhaltung ganz unscheinbar und wie immer auf ihre eigene, unnachahmlich raffinierte Art auf meine Beziehung zu Timmy, sowie eventuelle gemeinsame Zukunftspläne angesprochen und mich gefragt, ob denn zeitnah eine Verlobung zur Debatte stünde. Selbstverständlich war sie mit dieser Frage nicht direkt herausgeplatzt, sondern hatte sie geschickt in ein paar nicht näher bestimmte Andeutungen dieser Richtung eingeflochten, wohlwissend, dass ich als einziger ihren zarten Wink begreifen würde.
Doch Timmy war ohnehin viel zu angeregt in seine Unterhaltung mit Chester vertieft, die, soweit ich es mitbekam, die Dimmsdale Tigers, unser heimisches Fußballteam, zum Thema hatte, als dass er Chloes Andeutung auch nur ansatzweise hätte bemerken können. Stattdessen fachsimpelte er über die möglichen Endergebnisse des nächsten Spiels und registrierte überhaupt nicht, dass er zum Hauptthema des Gesprächs zwischen Chloe und mir geworden war.
Remy dagegen, ganz und gar unbeteiligt an beiden Konversationen, lächelte nur und tat so, als würde er hochinteressiert die Debatte zwischen Timmy und Chester verfolgen, in Wahrheit jedoch, das wusste ich genau, langweilte er sich dabei fast zu Tode und erhoffte sich stillschweigend einen zügigen Themenwechsel. Allerdings stieß dieser unausgesprochene Wunsch, zumindest was die beiden Fußballfanatiker anbelangte, auf gänzlich taube Ohren, weshalb ich mich kurzerhand dazu entschloss, ihn aus seinem Schweigen zu erlösen und in das Gespräch zwischen Chloe und mir miteinzubeziehen.
„Sag mal, Remy“, begann ich schließlich und wandte mich mit einem freundlichen Lächeln an ihn. „Wie sieht's eigentlich bei dir in Sachen Liebe aus? Hast du schon eine Freundin in Aussicht?“. Kaum hatte ich diese eigentlich völlig selbstverständliche Frage in den Raum geworfen, brach Timmy seine angeregte Diskussion mit Chester abrupt ab und fixierte sich voll und ganz auf mich.
Es kam mir so vor, als wäre er ziemlich überrascht von meinem plötzlichen Interesse für Remys Liebesleben, wodurch er mich ein kleines bisschen irritierte. „Eine... eine Freundin?“, brachte Remy schließlich zur Antwort heraus und wich rasch meinem Blick aus, schielte ganz verstohlen zu Timmy hinüber und nagte angespannt an seiner Unterlippe. Dieser warf ihm daraufhin einen prüfenden Blick zu, fast so, als hätten die beiden ein stillschweigendes Abkommen miteinander getroffen, dieses Thema um jeden Preis zu vermeiden.
„Hab ich etwas falsches gesagt?“, wollte ich verwundert wissen und ließ meinen Blick für einen Moment zwischen den beiden hin- und hergleiten. „Ähm... nein“, antwortete Remy schließlich nervös und schluckte schwer. „Nein, natürlich nicht, Gary. Es ist nur... diese Frage kommt so plötzlich. Ich... ähm... ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“. „Na, ganz einfach die Wahrheit“, insistierte ich, zunehmend gespannter, weswegen er aus meiner vollkommen natürlichen Erkundigung so ein Spektakel machte, als hätte ich ihn damit eines Verbrechens beschuldigt.
„Nun, ich... ich...“, begann er aufgeregt, brach dann allerdings wieder ab und tauschte mit Timmy erneut einen flüchtigen Blick. „Weißt du was, das ich nicht weiß?“, wollte ich daraufhin wissen und schaute ihn über den Tisch hinweg eindringlich an. „Habt ihr zwei irgendetwas abgesprochen, oder was?“. „Nein, natürlich nicht“, versicherte Timmy mir und schüttelte bekräftigend zu seiner Aussage den Kopf. „Allerdings hast du zum Teil schon Recht mit dem, was du sagst. Es gibt da etwas, das Remy mir ganz im Vertrauen erzählt hat und wovon niemand sonst bisher etwas weiß“.
„Was ist los?“, wandte ich mich wieder an Remy und griff behutsam nach seiner Hand, die unruhig gegen die Tischplatte trommelte. „Worum geht es? Du weißt doch, dass du uns allen vertrauen kannst. Also, nun erzähl schon. Was ist los?“. „Ich... ich muss da glaube ich etwas loswerden“, antwortete Remy nach kurzem Zögern und schluckte schwer. „Aber es fällt mir ein bisschen schwer, darüber zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie ihr darauf reagieren werdet“.
„Sag es einfach“, schaltete sich Chloe plötzlich ein und warf ihm von ihrem Platz aus ein sanftes Lächeln zu. „Wie Gary gerade so schön erklärt hat, gibt es absolut nichts, was du uns nicht erzählen kannst. Wir sind deine Freunde, Remy. Du kannst uns vertrauen“. Auf dieses Argument hin folgte ein weiterer Blicketausch, sowie ein leichtes Nicken seitens Timmy, durch das er scheinbar auszudrücken versuchte, dass es jetzt an der Zeit war, sein Geheimnis – worum es dabei auch immer gehen mochte – zu lüften.
„Gut“, begann Remy schließlich und atmete für einen Augenblick tief durch. „Gut, ich sage es euch“. Er hielt kurz inne und erwiderte mein sanftes Streicheln seiner Hand, bevor er mir unsicher in die Augen schaute und seine Erklärung fortsetzte. „Gary, du hast mich gefragt, ob ich schon eine Freundin in Aussicht habe...“, sagte er leise, was ich durch ein kurzes Nicken bestätigte. „Hätte ich das nicht machen sollen?“, wollte ich wissen und legte einen besorgten Blick auf. „War dir die Frage zu privat?“.
„Nein“, antwortete er mir rasch. „Nein, die Frage war völlig in Ordnung, daran liegt es nicht. Es ist nur...“. Abermals unterbrach er seinen Satz und biss sich noch einmal auf die Unterlippe. „Ja?“, fragte ich erwartungsvoll, woraufhin er seine Hand kurz zurückzog und seine Augen durch die Runde schweifen ließ, bevor er sie wieder auf mich fixierte. „Du... du hast dich nach dem falschen Geschlecht erkundigt“, erwiderte er schließlich und konnte es nicht verhindern, dass er bei diesen Worten rot wurde.
„Was?“, fragte ich überrumpelt und wandte mich kurz Chloe zu, die von diesem Geständnis ebenso überrascht zu sein schien wie ich. „Nach dem falschen Geschlecht?“, wollte ich wissen, was er durch ein flüchtiges Nicken bestätigte. „Ganz recht“, gab er dann bekannt und räusperte sich aufgeregt. „Ich... ich bin schwul“.
Ein verblüfftes „Wow“ war in diesem Augenblick alles, was ich hervorbringen konnte, während ich mich noch einmal Timmy zuwandte, der mir, beinahe wie zur Bestätigung von Remys Bekenntnis, sanft zunickte. Sowohl Chloe als auch Chester blieben stumm im Angesicht dieser Tatsache und hefteten ihre Augen rasch Richtung Boden, als ich versuchte, sie anzusehen.
Remy selbst, inzwischen so tiefrot angelaufen wie der Abendhimmel bei Sonnenuntergang, seine Finger nach wie vor angespannt gegen die Tischplatte klopfend, nagte wieder an seiner Unterlippe und wartete unruhig auf unsere Reaktion zu seinem völlig unerwarteten Geständnis. Doch nicht einer der Anwesenden machte irgendwelche Anstalten, sich dazu zu äußern. Niemand startete den Versuch, einen Schritt auf ihn zuzugehen und dadurch das unangenehme Schweigen zu brechen, das in diesem Moment den Raum ausfüllte.
Schlussendlich, das war mir klar, würde es von mir abhängen, der erstickten Konversation wieder Leben einzuhauchen und Remy zu erklären, dass wir alle ihn so akzeptierten, wie er war, egal, welcher Sexualität er sich zugehörig fühlte. Denn natürlich wusste ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie es ihm damit jetzt gehen musste und welche Gedanken ihm gerade durch den Kopf schossen. Schließlich hatten Timmy und ich vor zwei Jahren denselben Schritt gemacht und uns gegenüber unseren Freunden zu unserer Beziehung bekannt. Mit einem aufmunternden Lächeln schaute ich ihm ins Gesicht und umschloss ganz fest seine vor Anspannung zitternde Hand, um ihm so gut ich eben konnte seine Aufregung zu nehmen.
„Mach dir keinen Kopf“, munterte ich ihn auf, um seiner Nervosität Einhalt zu gebieten. „Wir sind nur gerade ein wenig überrascht und müssen diese Neuigkeit erst einmal sacken lassen. Aber das heißt nicht, dass wir dich nicht so akzeptieren, wie du bist. Ganz im Gegenteil: Ich für meinen Teil freue mich sehr, dass du uns gegenüber so offen und ehrlich bist. Das erfordert eine Menge Mut und zeugt von einem sehr starken Vertrauen in uns. Deshalb sollst du auch wissen, dass niemand von uns dich deshalb verurteilen oder gar auslachen wird. Wir mögen sich so, wie du bist, das weißt du. Deshalb denke ich, dass ich im Namen aller Anwesenden spreche, wenn ich dir sage, wie sehr wir uns für dich freuen. Wir haben dich alle sehr lieb, Remy. Vergiss das bitte nicht, okay?“.
„Danke“, brachte er gerührt hervor, mein Lächeln erwidernd, während die übrigen drei mir einen kurzen Applaus für meine offenen Worte schenkten. „Danke, das ist so lieb von euch. Ich weiß überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll“. „Komm her, du“, erwiderte ich, während ich mich von meinem Platz erhob und ihn fest in die Arme schloss. Daraufhin war noch einmal Applaus zu vernehmen, der sowohl Remy als auch mich zum Lachen brachte.
„Schön gesagt, Gary Baby“, kommentierte Timmy meine kleine Ansprache, als ich mich wieder hinsetzte und warf mir mit der Hand einen Kuss zu. „Ich denke, damit hast du es wie immer voll auf den Punkt gebracht“. „Ich danke euch von ganzem Herzen, Leute“, meinte Remy, geschmeichelt und gerührt zugleich und schenkte mir ein Lächeln. „Ich hoffe, ihr wisst, wie viel mir das bedeutet und wie glücklich ich darüber bin, solche wunderbaren Freunde wie euch zu haben. Vor allem aber...“, Er unterbrach sich kurz und wandte sich an mich. „...möchte ich mich bei dir bedanken, Gary. Wenn du mich nicht rein zufällig auf meinen Beziehungsstatus angesprochen hättest, hätte ich mich vermutlich niemals getraut, euch die Wahrheit zu erzählen“.
„Ich glaube, das ist ein Grund zum Feiern!“, schaltete sich Chester plötzlich ein und sprang ruckartig von seinem Platz auf. „Ich hab gehört, in der Rainbow Street hat ein neuer Club aufgemacht. Was haltet ihr davon, wenn wir mal vorbeischauen? Ich lade euch ein“. „Wie? Jetzt?“, wollte Chloe verwundert wissen, was Chester durch ein kurzes Nicken bestätigte. „Carpe diem“, antwortete er und grinste sie bis über beide Ohren an. „Also, was sagt ihr? Seid ihr dabei?“.
„Also von mir aus gern“, meinte ich und zuckte kurz mit den Schultern, während ich Timmy über den Tisch hinweg einen Blick zuwarf. „Was hältst du davon, Tim-Tim?“. „Mmmh...“, antwortete er und schenkte mir ein kurzes Schulterzucken, bevor er sich noch einmal auf Remy fixierte. „Naja, wieso eigentlich nicht“, fügte er dann hinzu und sprang ebenfalls auf. „Wird sicher ein unvergessliches Erlebnis“.
„Was ist mit euch?“, erkundigte sich Chester bei Remy und Chloe. „Ihr kommt doch hoffentlich auch mit, oder nicht?“. „Kann ja nicht schaden“, antwortete Chloe schließlich und grinste Remy zu. „Ich glaube, wir sind ohnehin schon längst überstimmt“. Remy räusperte sich kurz, bevor er sich mit einem unsicheren Lächeln an Chester wandte. „Vielen Dank für dein Angebot“, erklärte er ihm, ein bisschen verlegen. „Aber ich hab morgen früh einen wichtigen Termin und deshalb ist es vermutlich nicht so gut, wenn ich mitkomme. Ihr habt doch sicher vor, länger zu bleiben, nicht wahr?“.
„Naja, bis vier Uhr morgens geht immer“, antwortete ihm Chester und musste im Anschluss heftig lachen. „Eben“, erwiderte Remy leise. „Deshalb halte ich es für besser, wenn ich mich langsam mal auf den Heimweg mache. Ich muss morgen wirklich topfit sein. Seid mir bitte nicht böse, okay? Wir holen das einfach irgendwann anders nach, ja?“. „Wie schade“, meinte Chester und versuchte noch ein paar ausgefeilte Tricks, um ihn doch noch von seinem Vorhaben zu überzeugen, doch Remy blieb konsequent. „Tut mir wirklich Leid, Leute“, entschuldigte er sich noch einmal. „Nehmt es mir bitte nicht übel. Beim nächsten Mal komme ich ganz bestimmt mit, versprochen“.
„Nun, ich kann dich natürlich nicht zwingen“, erklärte Chester ein bisschen enttäuscht. „Aber ich sage dir: Du weißt nicht, was du verpasst“. „Nächstes Mal, ganz sicher“, versicherte ihm Remy nochmals und lächelte. „Aber trotzdem danke für dein Angebot“.
„Gary...“. Timmy tippte mir vorsichtig auf die Schulter und riss meine Aufmerksamkeit damit von der Unterhaltung zwischen Chester und Remy los. „Ja?“, wollte ich wissen, als ich mich an ihn wandte und bemerkte, dass er sich mit einer Hand den Bauch hielt. „Wäre mein Black Baby mir sehr böse, wenn ich auch zu Hause bleibe?“, fragte er und versuchte, mich anzulächeln, was ihm allerdings nicht so richtig gelingen wollte.
„Ist etwas nicht in Ordnung mit dir?“, wollte ich wissen und legte einen besorgten Blick auf, woraufhin er kurz mit den Schultern zuckte. „Ich hab ein bisschen zu viel gegessen, schätz ich“, antwortete er schließlich und legte sich auch die zweite Hand an den Bauch. „Mir ist irgendwie nicht gut. Ich glaube, ich sollte mich ein bisschen hinlegen“. Automatisch legte ich ihm eine Hand auf die Stirn, um zu prüfen, ob er sich irgendwie heiß anfühlte.
„Du wirst mir doch nicht krank, Tim-Tim?“, erkundigte ich mich leicht besorgt, konnte jedoch keine Auffälligkeiten an seiner Körpertemperatur feststellen. „Nein, nein, keine Angst“, versicherte er mir und schüttelte kurz den Kopf. „Ich hab wirklich nur ein bisschen viel gegessen, das ist alles. Deshalb halte ich es für das Beste, wenn ich auch zu Hause bleibe und mich hinlege“.
„Soll ich bei dir bleiben?“, bot ich ihm rasch an, noch immer leicht in Sorge. „Du weißt, ich muss nicht mit in den Club gehen. Wenn du willst, dass ich hier bleibe, dann kann ich auch...“. „Nein, nein, nicht nötig“, antwortete er, bevor ich die Gelegenheit dazu hatte, meinen Satz zu Ende zu sprechen. „Geh du ruhig mit. Du kannst ohnehin nicht viel für mich tun. Geh mit Chester und Chloe aus und macht euch zusammen einen schönen Abend, ja? Und mach dir bitte keine Sorgen um mich. Ich brauche nur ein bisschen Ruhe, das ist alles. War ein anstrengender Tag heute“.
„Bist du sicher?“, wollte ich wissen, woraufhin er mir ein kleines Küsschen auf die Wange drückte und lächelte. „Absolut sicher“, erklärte er mir und fuhr kurz mit den Fingern durch mein Haar. „Mach dir mit den beiden noch einen schönen Abend und feier die ausgelassene Stimmung. Ich komme schon klar, mach dir keine Sorgen“.
„Naja, wenn du meinst“, erwiderte ich und gab ihm schließlich nach, wenngleich ich kein gutes Gefühl hatte, ihn in diesem Zustand alleinzulassen. „Das meine ich“, entgegnete er lächelnd. „Nachdem du schon so fleißig für uns alle gekocht hast, hast du dir das doch wirklich mehr als verdient“.
„Also, was ist jetzt?“, unterbrach Chester unsere Unterhaltung und grinste dabei von einem Ohr zum anderen. „Seid ihr dabei oder seid ihr dabei?“. „Timmy fühlt sich nicht gut“, erklärte ich rasch, sein Lächeln erwidernd. „Aber ich komme natürlich sehr gerne mit“.

Es war bereits kurz nach Mitternacht, als Chloe und ich den Club verließen und uns zusammen auf den Heimweg machten. Chester hatte sich dazu entschlossen, noch ein bisschen zu bleiben und weiterzufeiern, wenngleich sein Alkoholbedarf mindestens für die nächsten zwölf Wochen ausreichend gedeckt war. Aber Chloe und ich hatten wirklich mehr als genug und nur noch das dringende Verlangen danach, in unsere Betten zu fallen und einzuschlafen.
Nichtsdestotrotz war es ganz zweifellos ein gelungener und darüber hinaus auch ziemlich aufschlussreicher Abend für uns alle gewesen, vor allem was Remy und sein Liebesleben betraf. „Hättest du gedacht, dass ausgerechnet Remy schwul ist?“, fragte Chloe, während wir den Bürgersteig entlanggingen, der, vom fahlen Licht des Mondes und der flackernden Beleuchtung der Straßenlaternen mal abgesehen, völlig im Dunkeln lag.
„Nein, ich war genauso überrascht wie du“, antwortete ich ihr und konnte mir bei dem Gedanken daran ein Grinsen nicht verkneifen, das jedoch dank der Dunkelheit Chloes Augen vollständig verborgen blieb. „Aber irgendwie finde ich das total niedlich. Hast du gesehen, wie rot er geworden ist, als er es uns erzählt hat? Total süß“. „Du findest ihn also süß, ja?“, neckte sie mich und stieß ein Kichern aus. „Interessant, interessant“.
„So war das jetzt natürlich nicht gemeint“, verteidigte ich mich augenblicklich, auch wenn ich wusste, dass sie das nur im Spaß gesagt hatte. „Außerdem finde ich nicht ihn süß, sondern die Art, wie er sich uns gegenüber geoutet hat. Das war wirklich sehr mutig von ihm“. „Ja, das finde ich auch“, gab sie mir Recht. „Genauso mutig wie es damals von dir und Timmy war. Dafür habt ihr bis heute meinen allergrößten Respekt“.
„Wir haben damals auch lange überlegt, ob wir es euch sagen sollen“, gestand ich ihr und räusperte mich. „Aber nachdem wir uns ausführlich darüber unterhalten hatten, haben wir einstimmig beschlossen, dass es das Beste ist, wenn ihr es von uns persönlich erfahrt und nicht durch irgendjemand anderen. Umso überwältigter waren wir natürlich, dass ihr diese Tatsache so herzlich aufgefasst habt“.
„Ich bitte dich, Gary, das ist doch selbstverständlich“, erwiderte sie und tastete im Dunkeln nach meiner Hand, bedeutete mir dadurch, einen Augenblick stehenzubleiben. „Für mich ist es nicht wichtig, welcher Sexualität sich ein Mensch zugehörig fühlt, sondern nur, dass es ihm gut geht in dem, was er tut. Deshalb ist es für mich auch ganz normal, dass ich dich so nehme, wie du bist. Dasselbe gilt natürlich auch für Timmy und Remy. Es kommt nicht darauf an, in welches Geschlecht man sich verliebt, sondern nur darauf, dass man dabei glücklich ist. Und wie man bei Timmy und dir unschwer erkennen kann, seid ihr das. Sehr glücklich sogar, habe ich Recht?“.
„Du hast Recht“, stimmte ich ihr zu und schloss sie kurz in die Arme. „Tim-Tim und ich sind einfach füreinander bestimmt. Das habe ich gleich vom ersten Moment an gespürt. Ich bin so unsterblich in ihn verschossen wie ich es mir in meinem ganzen Leben nicht hätte ausmalen können. Ich schätze mal, das ist das, was man als wahre, große Liebe bezeichnet“. „Ich freue mich für euch“, versicherte Chloe mir noch einmal und ich fühlte ihre Hand vorsichtig durch mein Haar streicheln. „Ich freue mich wirklich sehr. Und ich wünsche euch beiden auch für die Zukunft nur das Allerbeste. Ich habe dich und Timmy sehr lieb, Gary. Darum möchte ich dir auch sagen, dass meine Tür immer für dich offensteht. Egal, was ist, du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich habe stets ein offenes Ohr für dich, okay? Und dasselbe gilt selbstverständlich auch für Timmy“.
„Danke“, erwiderte ich, tief berührt von diesem sentimentalen Augenblick und legte ihr meinen Arm um die Schultern. „Es bedeutet mir wirklich sehr viel, dass du das sagst. Und ich denke, dass ich auch in Timmys Namen spreche, wenn ich dir sage, dass wir unendlich dankbar dafür sind, eine Freundin wie dich zu haben. Und natürlich gilt das, was du gerade gesagt hast, von unserer Seite her genauso für dich. Auch du kannst immer zu uns kommen, wenn du jemanden zum Reden brauchst oder dein Herz ausschütten möchtest. Dafür sind Freunde doch schließlich da, nicht wahr?“.
„Das weiß ich doch, Gary“, meinte sie, als wir unseren Weg fortsetzten. „Trotzdem danke, dass du es noch einmal gesagt hast“. „Gerne“, erwiderte ich und beschleunigte mein Tempo ein bisschen, als ihre Wohnung in Sichtweite kam. In einem der Fenster brannte noch Licht, woraus ich schloss, dass ihr Freund Trevor sie bereits sehnsüchtig erwartete.
„Also dann“, sagte ich schließlich, als ich sie vor ihrer Haustür absetzte, und schenkte ihr noch ein kleines Lächeln. „Da wären wir. Dann würde ich mal sagen, mach es gut und richte Trevor bitte einen ganz lieben Gruß von mir aus, ja? Ich hoffe, wir können so einen Abend wie heute bald mal wiederholen“. „Herzlich gerne“, stimmte sie mir zu und nahm mich zum  Abschied noch einmal in die Arme. „Ich bin sicher, da lässt sich etwas arrangieren. Ich freu mich auf jeden Fall jetzt schon darauf“. „Ich mich auch“, erklärte ich ihr, bevor ich mich umwandte und ihr kurz zuwinkte. „Bis zum nächsten Mal“, rief ich, während ich mich langsam auf den Nachhauseweg machte. „Gute Nacht“. „Nacht, Gary“, rief sie zurück, ehe sie die Tür aufschwang und einen Augenblick später im Hausflur verschwand.
Was für ein toller Abend, dachte ich für mich und lächelte, während ich die Hände in die Taschen meiner schwarzen Jacke steckte, um sie vor dem kalten Nachtwind zu schützen. Ich hoffe, Chloe kommt bald wieder bei uns vorbei.
Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, unter welchen Umständen unser allzu baldiges Wiedersehen stattfinden würde. Ich hatte keine Ahnung davon, dass noch in dieser Nacht etwas passieren sollte, gegen das selbst meine schlimmsten Ängste und Befürchtungen wie Kinderkram wirkten. Ich hatte keine Ahnung, dass ich bereits in nicht einmal ganz drei Stunden erneut vor Chloes Wohnungstür und zeitgleich vor den Scherben meiner angeblich makellosen Beziehung stehen würde.

Knapp fünfundvierzig Minuten später kramte ich in meiner Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel und wollte kurz darauf die Haustür aufsperren, musste allerdings zu meiner Überraschung feststellen, dass sie noch gar nicht abgeschlossen war. Dies verwunderte mich zwar ein bisschen, da Timmy diesbezüglich eigentlich immer sehr gewissenhaft war, allerdings, so spekulierte ich, konnte es natürlich auch sein, dass er trotz seiner Ankündigung, sich hinzulegen, auf mich gewartet und aus diesem Grund die Tür offengelassen hatte. Mit einem kurzen Schulterzucken warf ich meine Überlegungen schließlich ab, trat in den Hausflur und knipste kurzerhand das Licht an, um auf der Treppe nicht über meine eigenen Füße zu stolpern.
Als ich oben bei unserer Wohnung ankam, schlüpfte ich rasch aus meiner schwarzen Jacke heraus und kramte erneut nach dem Schlüssel, bemerkte dann jedoch auch hier, dass die Tür nur angelehnt war und einen kleinen Spalt breit offen stand. Allerdings lag der Flur völlig im Dunkeln, nicht einmal der Hauch eines Lichtscheins drang zu mir heraus. Auch wenn ich nicht genau wusste warum, aber langsam beschlich mich ein ganz komisches Gefühl.
Warum hatte Timmy die Wohnungstür nur angelehnt, wenn ich doch ohnehin einen Schlüssel dabeihatte, mit dem ich aufsperren konnte? Viel wichtiger als das war allerdings die Frage, warum kein Licht brannte, wenn er sich tatsächlich dazu entschlossen hatte, auf mich zu warten. Meine Güte, ihm wird doch wohl nichts passiert sein, schoss es mir plötzlich durch den Kopf und dieser Gedanke verursachte mir unweigerlich eine Gänsehaut.
So vorsichtig ich konnte öffnete ich schließlich die Tür und spähte den Flur entlang zur verglasten Wohnzimmertür. Auch aus diesem Raum war nicht einmal der kleinste Lichtschimmer wahrzunehmen, was meiner Besorgnis nur zusätzliches Futter verschaffte. Leise schloss ich hinter mir die Tür und schlich mich, meine schwarze Jacke über die Schulter gehängt, den Flur entlang ins Wohnzimmer.
Dabei entdeckte ich, dass weder in der Küche, noch im Badezimmer Licht angemacht war und diese Feststellung jagte mir abermals einen Schauer über den Rücken. War Timmy vielleicht doch schon ins Bett gegangen? Aber wenn ja, warum hatte er dann die Wohnungstür nicht ordentlich verschlossen, von der Haustür ganz zu schweigen? War ihm vielleicht doch irgendetwas passiert? Waren seine Bauchschmerzen doch schlimmer als er mir weiszumachen versucht hatte? War er am Ende vielleicht sogar zusammengebrochen, weil ich nicht dagewesen war und es hatte verhindern können?
Hör auf, Gary, schalt ich mich selbst für meine immense Vorstellungskraft, während ich zuerst die Küche, sowie im Anschluss daran das Wohnzimmer gründlich unter die Lupe nahm. Timmy liegt ganz bestimmt wohlbehalten im Bett und ruht sich aus. Es gibt absolut keinen Grund dazu, sich unnötig Sorgen um ihn zu machen. Bestimmt hat er ganz einfach nur vergessen, die Tür richtig abzuschließen, das ist alles. Also mach dir keinen Stress. Es gibt ganz sicher eine völlig logische und einleuchtende Erklärung dafür.
Mit diesen positiven Gedanken im Kopf verließ ich schließlich das Wohnzimmer und wollte meine Jacke gerade an einem der Garderobenhaken aufhängen, als ich aus dem Schlafzimmer ein lautes Rumpeln vernehmen konnte. Na bitte, er liegt im Bett, dachte ich und ein beruhigtes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Absolut kein Grund, sich verrückt zu machen. Es ist alles in bester Ordnung.
Rasch verschwand ich im Badezimmer, dabei selbstverständlich so leise wie möglich, um Timmy nicht aus Versehen zu wecken, falls er schon schlief, und sprang unter die Dusche. Im Anschluss daran schlüpfte ich in eine schwarze Strumpfhose und ein passendes Negligee, in freudiger Erwartung der Tatsache, dass ich in wenigen Augenblicken neben meinem Tim-Tim liegen würde und ihn zufrieden beim Schlafen beobachten oder – falls er noch wach war – etwas viel Aufregenderes mit ihm anstellen konnte.
Schnell machte ich im Bad das Licht aus, wohlwissend, dass ich auch morgen noch genügend Zeit hatte, um aufzuräumen, und eilte den Flur entlang zur Schlafzimmertür. Dort angekommen blieb ich kurz stehen und lauschte, horchte auf irgendein Anzeichen darauf, dass Timmy sich bereits im Land der schönen Träume befand. Doch allem Anschein nach schien das noch nicht der Fall zu sein, denn ich konnte ein leises, aber dennoch ganz eindeutiges Stöhnen vernehmen.
Timmy, Timmy, dachte ich und musste grinsen, weil ich ganz genau wusste, was sich hinter der verschlossenen Tür in diesem Augenblick abspielte. So wie es aussah, hatte er meine Rückkehr bedauerlicherweise nicht mehr erwarten können und aus diesem Grund damit begonnen, ein bisschen mit sich selbst zu spielen. Insgeheim fragte ich mich natürlich, was genau er wohl machte und hoffte dabei, dass er seine Lust noch nicht bis zum Äußeresten ausgereizt hatte, sodass ich auch noch einen Teil davon abbekommen würde.
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht öffnete ich schließlich ganz leise die Zimmertür, setzte dabei voll und ganz auf das Überraschungsmoment, und tastete ganz vorsichtig nach dem Lichtschalter. „Hallo Tim-Tim...“, flüsterte ich in einem sexy Tonfall, als ich das Licht anknipste. „Ich bin wieder...“.
Die Worte blieben mir im Hals stecken, als meine Augen den Anblick erfassten, der sich ihnen auf unserem gemeinsamen Bett bot, und mein Verstand vergeblich versuchte, das Gesehene richtig zu begreifen. Mein Herz machte regelrecht einen Kopfstand und mein Puls beschleunigte sich um das Dreifache, während ich vollkommen verdattert auf die unmissverständliche Szene starrte, die sich hier gerade abspielte.
Ich blinzelte gefühlte tausend Male, jeder Versuch von der vergeblichen Hoffnung getrieben, dass dieses grauenerregende Bild sich im Nichts auflösen und Timmy ganz allein im Bett liegen würde. Doch egal, wie stark ich mich auch bemühte, er war nicht allein. Remy lag neben ihm, sein Oberkörper völlig nackt und seine Hand in Timmys braunen Haaren vergraben. Auch Timmy selbst war, zumindest so weit ich es sehen konnte, vollkommen nackt und starrte mich mit ebenso erschrockenem Blick an wie ich ihn.
„G-Gary“, brachte er schließlich hervor und entwand sich rasch aus Remys Griff, ehe er hastig die Bettdecke über sie beide zog und so rot anlief wie noch nie zuvor in seinem Leben. „Was ist das?“, fragte ich mit vollkommen emotionsloser Stimme, wenngleich ich die Antwort auf diese Frage bereits haargenau kannte. Auch wenn ich bereits wusste, was diese eindeutige Situation zu bedeuten hatte, wollte ich es trotzdem nicht wahrhaben.
Es konnte einfach nicht sein. Es war viel zu surreal. Timmy und Remy konnten nicht miteinander geschlafen haben. Das war nicht wahr! Das alles hier war einfach nicht wahr! Timmy hatte mir doch geschworen, dass er mich liebte. Er konnte nicht fremdgehen. Das konnte er mir nicht antun. Und schon gar nicht mit Remy! Nein, verdammt! Nein!
„Gary...“, wiederholte Timmy, noch immer vollkommen erschrocken, während er sich die Bettdecke bis zum Hals hochzog. „Gary, es... es ist nicht das, wonach es aussieht. Es ist ganz anders als du denkst“. „Ach ja?“, erwiderte ich knapp. „Was denke ich denn?“.
Auch wenn die Situation selbst für einen Blinden ganz eindeutig erkennbar war, war ich trotzdem noch immer nicht in der Lage dazu, auch nur die geringste Regung eines Gefühls zuzulassen. Ich war weder sauer, noch verletzt, noch enttäuscht oder sonst etwas. Ich empfand in diesem Augenblick nichts. Schlicht und ergreifend nichts. Es kam mir so vor, als wären all meine Emotionen mit dem Erblicken dieses Bildes einfach ausradiert worden. Ich konnte nicht schreien, nicht weinen, mich noch nicht einmal vom Fleck bewegen, weil mein Verstand noch immer nicht dazu fähig war, diese Situation anzuerkennen. Auch wenn ich alle Fakten unübersehbar vor Augen hatte – ich konnte es nicht fassen.
Ich wollte nicht glauben, dass Timmy und Remy gerade wirklich miteinander geschlafen hatten. Ich wollte nicht glauben, dass mein über alles geliebter Tim-Tim sich dazu herabgelassen hatte, einen Seitensprung oder womöglich sogar eine Affäre anzufangen. Ich wollte nicht glauben, dass er mich vorhin angelogen hatte, als er behauptete, ihm wäre schlecht.
Was ich wollte, war, dass Remy sich augenblicklich in Luft auflöste und ich diese ganze Sache nur als Produkt meiner ungezügelten Vorstellungskraft abstempeln konnte. Ich wollte, dass Timmy mich aufweckte und mir erzählte, dass das alles nur ein ganz furchtbarer Albtraum war. Dass er mich ganz zärtlich wachküsste, seine starken Arme um meinen Körper legte, mir ein unwiderstehliches Lächeln schenkte und mir schwor, dass er mich niemals mit einem anderen betrügen würde.
Doch ganz egal, wie verzweifelt ich meine Gedanken auch darauf konzentrierte, Remy wollte und wollte einfach nicht verschwinden. Er lag nach wie vor neben Tim-Tim – neben MEINEM Tim-Tim – im Bett und starrte mich mit mindestens genauso leerem Blick an wie ich ihn. Und auch wenn ich in meinem Bauch grenzenlose Wut kochen spürte, weil ich tief in mir längst wusste, was Sache war, konnte und wollte ich nicht eine einzige Überlegung darüber zulassen, dass Timmy mich betrogen hatte.
Es durfte ganz einfach nicht wahr sein. Egal, ob ich es gerade mit eigenen Augen sah. Es durfte nicht der Wirklichkeit entsprechen. Es musste eine Illusion sein. Eine Schreckensvision, hervorgerufen durch zu viel Alkohol und grenzenlose Übermüdung. Timmy durfte mich nicht betrügen. Er war mein Engel. Mein heißgeliebter, unsterblich schöner Engel. Engel gingen nicht einfach fremd. Engel stürzten sich nicht völlig kopflos in irgendwelche Abenteuer für eine Nacht, sondern blieben ihr Leben lang dem einen Menschen treu, der sie mit ganzem Herzen liebte und verehrte. Engel verletzten ihre Liebsten nicht durch irgendeinen unüberlegten Seitensprung. Es konnte nicht sein. Es konnte einfach nicht sein, was ich da sah. Nein! Nein, verdammt noch einmal!
„Das ist nicht wahr“, murmelte ich leise für mich, auch wenn ich mit dem Kopf längst wusste, dass das, was ich sah, tatsächlich der Realität entsprach. Aber mein Herz wollte es nicht glauben. Mein Herz konnte sich nicht damit zurechtfinden, dass Timmy es tatsächlich gewagt hatte, mich mit einem anderen zu hintergehen. Es hatte zu große Angst davor, verletzt zu werden. In zwei Teile zerbrochen und jeglicher Illusion beraubt zu werden, die bis vor wenigen Augenblick noch in ihm gelebt hatte. Mein Herz konnte es nicht verstehen. Es wollte nicht akzeptieren, dass Timmy und Remy miteinander geschlafen hatten. Weil es Timmy liebte. Viel mehr als mir bis zu diesem Zeitpunkt klargewesen war.
Doch mein Verstand konnte das Bild von der alkoholbedingten Halluzination einfach nicht länger aufrechterhalten. Er wusste, dass es den Tatsachen entsprach, was sich vor meinen Augen abspielte. Er wusste, dass Timmy und Remy Sex gehabt hatten. Sich geliebt und womöglich auch noch Spaß dabei gehabt hatten.
Es hatte keinen Sinn, die Realität zu verleugnen. Timmy ging fremd. Er betrog mich mit Remy. Remy und er schliefen miteinander. Sie hintergingen mich eiskalt und hatten daran auch noch ihren Spaß. Timmy und Remy. Remy und mein Tim-Tim. Mein Tim-Tim und Remy.
Wie eine automatische Ansage wiederholten sich diese Worte in meinem Kopf und rissen mir dadurch auch noch die letzte Illusion aus den Händen. Die Säulen meiner bis gerade eben noch völlig heilen Welt stürzten abrupt in sich zusammen wie ein Kartenhaus im Wind und konfrontierten mich mit der bitteren Erkenntnis, dass Timmy, mein über alles geliebter Timmy, mich betrogen hatte. Mich betrogen hatte mit meinem angeblich besten Freund.
Als ich mir dieser Tatsache endlich in vollem Ausmaß bewusst wurde, kehrten auch meine Gefühle wieder zurück, die ich bis zu diesem Augenblick völlig ausgesperrt und verdrängt gehabt hatte. Trauer, Zorn, Enttäuschung, Verzweiflung, Scham, Ekel, Abscheu und Verachtung – sie alle prasselten gleichzeitig auf mich ein und beförderten mich mitten in einen Orkan der Emotionen.
Tränen strömten mir eiskalt über das Gesicht, während die Wut in meinem Bauch sich immer weiter ausdehnte, immer heftiger in mir vibrierte, bis ich ihr schließlich durch einen markerschütternden Schrei Ausdruck verlieh und mich so von ihr befreite. „Nein!“, brüllte ich so laut, dass ich befürchtete, meine Stimmbänder würden jeden Augenblick zerreißen, und hatte für einen kurzen Moment das Verlangen danach, mir sämtliche Haare auszurupfen, um meinem seelischen Schmerz durch einen körperlichen Linderung zu verschaffen.
„Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!“. Beinahe mantraartig wiederholte ich diese Worte, während meine Beine den Geist aufgaben und ich schluchzend auf die Knie fiel. „Nein!“, schrie ich immer wieder, auch wenn ich genau wusste, dass es an der Situation nicht das Geringste verändern konnte. „Nein! NEIN!“.
„Gary, es ist nicht wie du denkst...“, begann Timmy schließlich, als er sich endlich von dem Schock, dass er eiskalt von mir beim Fremdgehen ertappt worden war, erholt hatte und setzte sich ruckartig ein Stückchen hoch. „Es ist nicht so, wie...“. „Wie ist es dann?!“, fuhr ich ihn heftig an und ignorierte dabei die Halsschmerzen, die mein lauter Schrei mir verursacht hatte. „Wie ist es, Timmy? SAG ES MIR!“.
„Remy und ich wollten nur...“, begann er zögernd, brach dann jedoch wieder ab und schüttelte heftig den Kopf, als könnte er die Situation dadurch irgendwie beeinflussen. „WAS wolltet ihr?!“, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Euren Spaß haben, während der naive kleine Gary außer Haus ist und rein gar nichts davon mitbekommt?“.
„Nein!“, rief Timmy rasch aus. „Nein, Gary! Wir haben nicht... wir konnten nicht...“. Weiter kam er allerdings nicht, denn er wurde lautstark von mir unterbrochen. „Was?!“, zischte ich aufgebracht. „Was habt ihr nicht, hä?! Ihr habt nicht gerade miteinander geschlafen, während ich weg war und nichts davon mitgekriegt habe?!“.
„Gary, so ist das nicht, ich...“, wollte er erneut erwidern, doch ich schnitt ihm barsch das Wort ab. „Du hast mich hintergangen!“, fuhr ich ihn außer mir an. „Du hast es mit Remy getrieben! Du hast ihn hemmungslos gefickt und dich dabei wahrscheinlich über mich kaputtgelacht! Hab ich Recht? HAB ICH RECHT?!“. „Nein, Gary... Gary, so ist es nicht... bitte lass mich doch erklären...“, antwortete Timmy aufgeregt und schüttelte heftig den Kopf.
„Du hast ihn gefickt, Herrgott noch einmal!“, fauchte ich vollkommen außer mir und zerschmetterte in meiner grenzenlosen Wut mit voller Wucht die Keramikvase, die auf der Schlafzimmerkommode neben mir stand. „Wie kannst du mir das antun, Timmy?!“, wollte ich wissen und stieß ein lautes, markerschütterndes Schluchzen aus. „Wie zum Teufel kannst du das tun?! Du bist alles für mich, Timmy! Ich habe dir mein ganzes Leben geschenkt! Und was tust du? Vögelst einfach meinen besten Freund und scherst dich einen verdammten Dreck um meine Gefühle! Du bist so ein ekelhaftes Schwein, weißt du das? Ich hasse dich dafür! Hörst du, Timmy?! ICH HASSE DICH!“.
Mit diesen Worten wandte ich mich ab, rannte tränenblind aus dem Schlafzimmer und stieß abermals einen lauten Schrei aus. Meine hemmungslose Wut auf Timmy trieb mich dazu an, die Wohnung kurz und klein zu schlagen und alles zu zerstören, was mich jemals mit ihm verbunden hatte. Die einzige Farbe, die ich in diesem Augenblick noch sehen konnte, war rot. Flammendes Infernorot.
Von Schmerz und Zorn überwältigt, stieß ich die Tür zum Wohnzimmer auf und stürmte geradewegs auf das Sofa zu. Mit ganzer Kraft riss ich einige der Kissen in tausend Fetzen und fegte mit einer schnellen Handbewegung den kompletten Tisch leer – Fernbedienungen, Zeitschriften, Kerzenhalter und Taschentücher verstreuten sich quer über den ganzen Fußboden.
Als nächstes nahm ich mir die Schrankwand vor und zerdepperte nach und nach Dekofiguren, Porzellangeschirr, Wein- und Sektgläser, sowie Timmys heißgeliebten Fußball-Siegerpokal, den er und sein Team vor einem halben Jahr gewonnen hatten. Zum Abschluss meiner Verwüstungsattacke kümmerte ich mich noch um unsere Fotos und machte auch ihrem bisher friedlichen Dasein endgültig den Garaus. Eines nach dem anderen riss ich von den Wänden und schleuderte es mit voller Wucht zu Boden, zerstörte damit all die kostbaren Augenblicke, die Timmy und mich so lange Zeit miteinander verbunden hatten.
Doch diese Zeit war jetzt endgültig vorbei. Er hatte mich betrogen. Er hatte mich eiskalt mit Remy betrogen. Hatte seinen Spaß mit ihm gehabt, ohne sich ein einziges Mal zu fragen, wie es mir dabei ging. Ich hasste ihn. Ich hasste und verabscheute ihn in diesem Augenblick so abgrundtief. Er hatte nichts besseres verdient als die Zerstörung seiner ach so geliebten Habseligkeiten. Dann konnte er wenigstens mal am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, wenn man etwas verlor, das einem mehr als alles andere bedeutete.
„Gary? Um Gottes Willen, Gary!“, hörte ich Timmy ausrufen, als er ins Wohnzimmer stürmte und sich die von mir verursachte Katastrophe betrachtete. „Gary, was... was hast du nur angerichtet?“. „Was ICH angerichtet habe?!“, rief ich völlig außer mir. „Was DU angerichtet hast solltest du fragen! Du hast mich betrogen, du Schwein! Du hast mich eiskalt betrogen! Du und Remy, ihr habt weiß Gott was miteinander getrieben und mich von vorne bis hinten verarscht! Ist das für dich Liebe, Timmy? Nennst du das wirklich Liebe?!“.
„Gary, bitte... ich...“, wollte er zur Antwort ansetzen, doch ich ließ ihm überhaupt nicht die Gelegenheit dazu. „Warum, Timmy?!“, fauchte ich und spürte brennend heiße Tränen über mein Gesicht laufen. „Warum hast du das getan?! Warum hast du das nur getan?!“.
„Gary, ich wollte das nicht...“, versuchte er es noch einmal, doch abermals schnitt ich ihm das Wort ab. „Wie lange?“, wollte ich wissen und stieß ein aufgelöstes Schluchzen aus. „Wie lange hattet ihr schon diese Affäre? Wie lange geht dieses kranke Spiel zwischen euch beiden schon? Sag es mir, Timmy! Sag es mir jetzt!“. „Gary, bitte, ich wollte...“, erwiderte er mit zitternder Stimme. „SAG ES!“, forderte ich noch einmal und schrie so laut ich nur konnte.
„Seit vier Monaten“, antwortete er beinahe flüsternd, während auch ihm ein paar Tränen über die Wangen liefen. „Seit... seit Monaten?“, hakte ich ungläubig nach, da ich dachte, mich verhört zu haben. Doch er nickte bestätigend, schloss mit dieser Reaktion jeden möglichen Irrtum vollständig aus. „SEIT MONATEN?!“, wiederholte ich brennend vor Wut. „Du treibst es seit Monaten hinter meinem Rücken mit Remy?!“.
„Es hatte nichts zu bedeuten!“, erwiderte er, als könnte er damit diesen tiefgehenden Vertrauensbruch rechtfertigen. „Ich liebe Remy nicht! Ich habe immer nur dich geliebt, das musst du mir glauben!“. „Einen Dreck muss ich!“, fauchte ich, während ich mir die Dauer seines Verhältnisses mit Remy noch einmal deutlich vor Augen führte: Vier Monate.
Vier Monate lang, in denen ich immer geglaubt hatte, glücklich zu sein, hatte Timmy einen anderen gefickt. Vier Monate lang hatte er mir etwas vorgespielt. Vier Monate lang hatte er mich belogen und betrogen, mein abgrundtiefes Vertrauen zu ihm ausgenutzt und schamlos missbraucht.
„Du Scheißkerl“, stieß ich zischend hervor und ballte meine Hände zu Fäusten. „Du elender Scheißkerl! Wie kannst du mir das eigentlich antun, hä? Was habe ich denn verbrochen, dass du mir so verdammt wehtust? Was habe ich dir getan? Ich habe dich geliebt, zum Teufel noch einmal! VERGÖTTERT habe ich dich! Und was tust du?! Vögelst einfach mal so mit meinem besten Freund! Das verzeihe ich dir niemals, Timmy. Niemals, hast du kapiert?! Du bist für mich gestorben! Von mir aus kannst du dich weiter mit deinem Betthäschen amüsieren und mit ihm glücklich werden!“.
Mit diesen Worten stürmte ich an ihm vorbei aus dem Wohnzimmer und in den Flur hinaus, doch er kam mir eilig hinterhergelaufen und packte mich an der Schulter. „Bitte geh nicht, Gary“, flehte er mich winselnd an. „Du kannst doch nicht zwei Jahre Liebe und Glück einfach so wegwerfen. Gib mir doch wenigstens die Chance...“. Er unterbrach sich, als ich wutgeladen herumfuhr und ihm mit voller Wucht meine Hand ins Gesicht klatschte.
„Fass mich nicht an, du dreckiges Schwein!“, schrie ich ihn aufgelöst an. „Und erzähl mir bloß nichts von Liebe und Glück. DU hast unsere Beziehung mit deiner beschissenen Affäre zerstört, nicht ich. DU hast mit Remy gevögelt und dich einen Dreck darum geschert, wie es mir dabei geht. DU hast mein Vertrauen ausgenutzt und mich nach Strich und Faden verarscht. Also hör mit deinem dämlichen Gequatsche von wegen Liebe und Glück auf und erzähl mir nicht, dass du deine Affäre ach so sehr bereust. Der einzige, der hier etwas bereut, bin ich. Ich bereue den gottverfluchten Tag, an dem ich mich auf dich eingelassen habe, du verdammter Scheißkerl!“.
Kaum hatte ich diese Worte gesagt, ergriff ich die Flucht und stürmte wutgeladen und zutiefst gekränkt aus der Wohnung. Ich musste hier einfach nur aus. Wenn ich noch länger mit ihm in diesem Zimmer blieb, das wusste ich genau, dann würde ich ihm ganz sicher etwas antun. Ich würde ihn ernsthaft verletzen oder noch etwas weitaus Schlimmeres mit ihm machen. Und das Letzte, das ich jetzt noch gebrauchen konnte, war, wegen einer Kurzschlussreaktion ins Gefängnis zu kommen.
„Gary, bitte warte doch!“, rief Timmy mir heulend nach, doch ich schenkte ihm nicht einmal den kleinsten Hauch von Beachtung, sondern rannte stattdessen die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Im Freien angekommen sank ich noch einmal auf die Knie und brüllte mir den ganzen Schmerz von der Seele. Elender Scheißkerl, dachte ich dabei immer wieder und spürte die Tränen, die erbarmungslos über meine Wangen hinunterkullerten und auf das kalte Steinpflaster unter mir tropften.
Ich hasste und verabscheute ihn in diesem Augenblick so abgrundtief. Hasste ihn dafür, dass er fremdgegangen war. Dass er mir monatelang die heile Welt vorgespielt und sich in Wahrheit hinter meinem Rücken mit Remy amüsiert hatte. Mehrmals verfluchte ich ihn und wünschte ihm jede nur erdenkliche Krankheit an den Hals. Ich wünschte ihm die schrecklichsten Höllenqualen und betete, dass er eines Tages bitter für diesen Verrat, für diese Zerstörung all meiner Träume und Hoffnungen bezahlen würde.
Ich hatte ihm alles gegeben – mein Herz, meine Liebe, mein ganzes Leben – und er hatte es ausgenutzt. Er hatte mein tiefes Vertrauen zu ihm ausgenutzt und mich schamlos belogen und betrogen. Er hatte all meine Hoffnungen, meine Träume und Wünsche zerschlagen und mich in einem Meer aus Schmerzen und Tränen zum Ertrinken zurückgelassen. Er war ein Verräter. Ein eiskalter, skrupelloser Verräter. Er hatte es gar nicht verdient, dass ich ihm nachweinte. Hatte es nicht verdient, dass mich seinetwegen der schlimmste Liebeskummer plagte und mir beinahe den Verstand raubte.
Und dennoch hatte ich keine andere Wahl. Ich konnte nicht anders als mit tausenden Tränen Abschied von ihm zu nehmen, weil ein Teil von mir ihn trotz allem immer noch liebte. Auch wenn er mich zutiefst verletzt und betrogen hatte. Mein lautes Herzklopfen erzählte mir ganz ohne Worte, dass ich ihn noch immer liebte, dass er noch immer mein kleiner, süßer Engel war. Ich konnte ihn nicht einfach von einer Sekunde zur anderen vergessen und so tun, als wäre zwischen uns nie etwas passiert.
Er war ein Teil von mir. Meine ganz große Liebe. Ich konnte nicht einfach loslassen und mir selbst vormachen, dass ich ihn hasste. Sowohl mein Herz als auch mein Verstand erzählten mir ganz unmissverständlich, dass ich dazu überhaupt nicht in der Lage war. Ich konnte ihn nicht hassen. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn trotz allem immer noch über alles. Zwei Jahre Beziehung ließen sich nicht einfach so über den Haufen werfen. Auch wenn ich sauer, verletzt und enttäuscht war, aber ich konnte ihn nicht so mir nichts, dir nichts vergessen. Ich brauchte Zeit dazu. Zeit, um zu begreifen, was genau ich noch für ihn empfand. Zeit, um meine Gefühle zu ergründen, zu ordnen und mit mir selbst zu vereinbaren. Zeit, um zu klären, wie es jetzt mit uns weitergehen sollte.
Ich brauchte jemanden zum Reden. Jemanden, bei dem ich die Nacht verbringen und dem ich in vollem Vertrauen mein Herz ausschütten konnte. In dessen Gegenwart ich mich meiner Tränen nicht zu schämen brauchte, weil ich wusste, dass man mich verstand. Ich brauche jemanden, der mich in den Arm nahm und mir wieder Mut dazu gab, weiterzumachen und mich nicht aufzugeben. Jemanden, der mir Halt und Trost schenkte. Ich brauchte eine Freundin. Eine gute, verständnisvolle und fürsorgliche Freundin.

Am ganzen Körper zitternd und mit den Kräften so gut wie am Ende, erreichte ich schließlich um kurz nach halb zwei Chloes Wohnung und blieb ein paar Augenblicke regungslos davor stehen, im Unklaren darüber, wie ich ihr das, was sich heute Nacht zwischen Timmy und mir abgespielt hatte, verständlich machen konnte. Wie ich ihr erklären konnte, dass Timmy seit Monaten eine Affäre mit Remy hatte.
Der Nachtwind fegte über mich hinweg und ließ mich für einen Augenblick zusammenzucken. Mir war so kalt. So verdammt kalt. Meine nackten Füße fühlten sich vollkommen taub an, würden mit Sicherheit jeden Moment ihren Dienst versagen und mich hier draußen zusammenbrechen lassen. Auch der Rest meines Körpers hatte jegliche Wärme verloren, ließ mich von Sekunde zu Sekunde mehr in die eisige Kälte der Nacht eintauchen.
Meine letzte Kraft aufbringend, drückte ich schließlich mit zitternden Händen auf die Klingel und spürte, dass mir langsam aber sicher die Luft wegblieb. Schleier begannen vor meinen Augen zu tanzen und verursachten mir starke Kopfschmerzen. Schlussendlich hielten meine Beine der immensen Zusatzbelastung nicht mehr stand und gaben nach. Geschwächt und verzweifelt nach Atem ringend sank ich zusammen und schürfte mir beim Aufprall auf den steinernen Treppenstufen mein rechtes Knie auf, kämpfte krampfhaft darum, das Bewusstsein nicht zu verlieren.
Wenige Augenblicke später, die mir allerdings wie eine Ewigkeit vorkamen, ging das Licht im Hausflur an und leise Schritte waren zu vernehmen, die ich zwar hören, aber trotzdem nicht richtig wahrnehmen konnte. Mein Puls raste und mein Herzschlag spielte regelrecht verrückt, als sich endlich die Tür öffnete und Chloe mit übermüdetem Blick in die Dunkelheit heraustrat. „Ja, bitte, was...?“, wollte sie gähnend ansetzen, brach jedoch abrupt wieder ab, als sie ihren Blick auf mich herabsenkte und registrierte, wen sie da gerade vor sich hatte.
„Gary!“, rief sie überrascht und stieß einen erschrockenen Seufzer aus, während sie sich fester in ihren Bademantel einwickelte und vor mir in die Hocke ging. „Gary, um Himmels Willen, was...?“, begann sie und tastete sanft nach meiner Hand, schreckte allerdings ruckartig wieder zurück, als sie fühlte, wie eiskalt ich war. „Mein Gott, was machst du denn hier um diese Zeit?“, rief sie aufgeregt, plötzlich ganz hellwach.
„Hilf mir, Chloe“, flehte ich sie unter Tränen an und stieß ein lautes Keuchen aus. „Bitte hilf mir. Ich...“. Meine Stimme verlor sich unter dem starken Zittern meines Körpers und ich war viel zu erschöpft, als dass ich mich noch länger hätte aufrecht halten können. Ein leises Winseln drang aus mir heraus, als ich vollständig vor ihr zusammenbrach und mit dem Kopf auf den Treppenstufen aufschlug.
„Steh auf“, rief Chloe aus und griff abermals nach meiner Hand, doch ich realisierte ihre Forderung gar nicht richtig, sondern blieb stattdessen weiterhin winselnd auf der Treppe liegen. „Mein Gott, Gary“, stieß sie noch einmal hervor, noch immer völlig ahnungslos, was denn eigentlich mit mir los war und aus welchem Grund ich so spät in der Nacht vor ihrer Wohnung auftauchte. „Wie siehst du nur aus?“, fragte sie besorgt und streichelte mit der Hand über meine nackte Schulter. „Was ist denn bloß mit dir geschehen? Bitte steh doch endlich auf. Du holst dir noch den Tod“.
Mit diesen Worten packte sie mich fest unter den Armen und zog mich schließlich mit all ihrer verfügbaren Kraft in die Höhe. „Trevor!“, schrie sie ins Haus hinein, während sie mich so gut wie sie konnte abstützte, damit ich nicht noch einmal zusammensackte. „Trevor, komm schnell her!“. Einige Momente später kam ihr Freund den Flur entlanggelaufen und war zunächst völlig überrascht, als er mich schluchzend und jammernd in ihren Armen erblickte.
„Was ist denn hier los?“, wollte er wissen, ebenfalls noch ziemlich müde, doch sie reagierte überhaupt nicht auf diese Frage, wies ihn stattdessen dazu an, mich abzustützen und ins Haus zu bringen. „Hilf Gary“, sagte sie schließlich, sich nach wie vor damit abmühend, mich wieder auf die Füße zu bekommen, doch sie gaben jedes Mal unter meinem Gewicht nach und ließen mich zurück auf den Boden sinken.
„Das hat so keinen Sinn“, stellte Trevor nach einigen erfolglosen Versuchen fest und bat Chloe, mich kurz an den Schultern zu halten. Im Anschluss daran schwang er seine Arme um meine Hüften und hob mich rasch vom Boden hoch. „Ins Wohnzimmer“, erklärte Chloe ihm, während sie hinter uns her lief und, nachdem wir eingetreten waren, die Haustür wieder absperrte.

„Hier, für dich“, sagte Chloe zu mir, als sie eine heiße Tasse Holundertee vor mir auf den Tisch stellte, mir eine Wärmflasche auf den Bauch legte und mich im Anschluss daran fest in eine braune Wolldecke einwickelte. Vorsichtig griff sie mir an die Stirn, um meine Körpertemperatur festzustellen und nahm danach neben mir auf dem Sofa Platz. „Meine Güte, Gary, was machst du nur?“, fragte sie mich zutiefst besorgt und streichelte mir über die tränennassen Wangen. „Was um Himmels Willen ist denn bloß mit dir passiert? Was hat man dir nur angetan?“.
Zur Antwort stieß ich ein tiefes Schluchzen aus, gerade in dem Moment, als Trevor das Zimmer betrat, mit einem Paar Wollsocken und einer zweiten Wärmflasche in den Händen. „Hier“, sagte er zu mir, als er sie mir überreichte und mir vorsichtig das Paar Socken über die Füße streifte. Dann setzte auch er sich zu mir und zog die Decke um mich noch etwas fester.
„Besser, ich rufe gleich Timmy an“, meinte er zu Chloe, doch noch ehe diese in der Lage war, etwas darauf zu erwidern, schüttelte ich so heftig ich konnte den Kopf. „Nein!“, stieß ich hervor und fing an, unter der Decke zu zappeln. „Nein, nicht!“. „Aber Gary, er macht sich bestimmt Sorgen um dich“, insistierte Chloe, verwundert über meine abweisende Reaktion. „Er sollte doch wissen, wo du bist und...“.
„NEIN!“, brüllte ich erneut und stieß ein markerschütterndes Schluchzen aus. „Nicht diesen dreckigen Scheißkerl! Ich will ihn niemals wieder sehen! Nein!“. „Meine Güte, Gary, was ist denn los mit dir?“, fragte Chloe perplex und starrte mich total überrumpelt an. „Wegen ihm bin ich weggelaufen!“, erwiderte ich lautstark und hielt mir die Hand vor den Mund, um einen Schrei zurückzuhalten. „Dieses Schwein! Dieses verdammte Schwein!“.
„Aber Gary, was ist denn nur...?“, begann Chloe irritiert, woraufhin ich meine Hände zu Fäusten ballte. „Er hat eine Affäre!“, rief ich aus und fühlte, dass mein ganzer Körper dabei vibrierte. „Dieser Scheißkerl hat seit vier Monaten eine Affäre!“. „Er... er hat was?“, fragte Chloe, die allem Anschein nach gar nicht glauben konnte, was ich ihr da gerade erzählte. „Er betrügt mich seit vier Monaten!“, wiederholte ich aufgeregt. „Dieser Schweinehund! Dieser elende Schweinehund!“.
„Timmy...? Eine Affäre...?“, sagte Chloe, mehr zu sich selbst als zu mir und verzog nachdenklich das Gesicht. „Ja!“, bestätigte ich ihr winselnd und stieß aus einem Reflex heraus mit meinem Fuß gegen das hölzerne Wohnzimmertischchen. „Seit vier beschissenen Monaten belügt und betrügt er mich nach Strich und Faden! Was glaubst du denn, warum ich abgehauen bin?“.
„Aber... wie hast du das herausgefunden?“, fragte sie nach, tat sich immer noch schwer damit, meine Worte richtig zu begreifen. „Ich hab ihn erwischt“, antwortete ich, inzwischen mehr wütend als aufgelöst. „In flagranti habe ich ihn erwischt, als er sich gerade mit Remy amüsiert hat, dieser Mistkerl“. „Mit... mit Remy?“, erwiderte Chloe ungläubig. „Timmy... Timmy hat eine Affäre mit Remy?“.
Zur Antwort schluchzte ich laut auf, woraufhin sie ein Stück näher zu mir heranrutschte und meinen Kopf auf ihrer Schulter ablegte. „Bist du dir wirklich sicher?“, erkundigte sie sich dann noch einmal, weil sie es scheinbar noch immer nicht richtig fassen konnte. Aber wie sollte sie das auch? Ich tat mich ja selbst noch immer schwer damit, zu begreifen, was ich heute Nacht gesehen hatte.
„Ich bin nicht verrückt, Chloe“, weinte ich mit zitternder Stimme. „Ich denke mir das alles nicht aus!“. „Niemand hat das behauptet“, entgegnete sie und bemühte sich nach Kräften, mir ihren Trost zu schenken, wenngleich sie ganz genau wusste, dass es für so eine Situation, für so ein grauenvolles Erlebnis überhaupt keinen wirklichen Trost gab. Trotzdem war ich ihr in diesem Augenblick dankbar. Dankbar dafür, dass sie mir zuhörte und zumindest den Versuch machte, mich zu beruhigen. Dafür, dass sie für mich da war und meinen Schmerz mit mir teilte. Sie war wirklich eine wunderbare Freundin. Die beste, die ich mir wünschen konnte.
„Du bist immer noch ganz kalt“, stellte sie fest, als sie mir langsam über die Wange streichelte und mich ganz fest an sich drückte. „Warum hast du dich denn nicht wärmer angezogen? Du hättest zumindest eine Jacke mitnehmen sollen“. „Glaubst du wirklich, dass ich daran noch gedacht habe?!“, fuhr ich sie an und riss mich von ihr los, bereute meinen rauen Ton jedoch im nächsten Augenblick. „Es tut mir Leid“, entschuldigte ich mich tränenüberströmt. „So habe ich das nicht gemeint. Ich...“.
„Psst“, flüsterte sie mir fürsorglich zu und legte mir sanft einen Finger auf die Lippen. „Du musst dich nicht entschuldigen, Gary. Ich kann verstehen, dass du weg wolltest. Ich habe das auch keineswegs als Vorwurf gemeint. Ich mache mir einfach Sorgen um dich, Gary. Du bist doch mein bester Freund“.
Ich erwiderte ihre Aussage durch ein kurzes Nicken und vergrub im Anschluss daran mein Gesicht wieder in ihrer Schulter. Ganz fürsorglich streichelte sie über mein Haar, ließ mich durch und durch ihre ganze Wärme spüren. Doch egal, wie sehr sie sich darum bemühte, mich wieder aufzuwärmen, mir war immer noch von Kopf bis Fuß eiskalt.
„Soll ich dir noch eine zweite Decke bringen?“, bot Trevor mir an, der mein starkes Zittern ebenso registrierte. „Nein, ich weiß etwas anderes“, antwortete Chloe, bevor ich die Chance dazu hatte, auf sein Angebot zu reagieren. Sie löste sich sanft von mir und wickelte mich wieder fest in die Decke ein, bevor sie sich erhob und vor mir auf die Knie ging. „Ich lasse dir ein heißes Bad ein, okay?“, sagte sie und versuchte, mir trotz meiner verzweifelten Lage ein optimistisches Lächeln zu schenken. „Ein heißes Bad mit viel Mandelöl. Das beruhigt die Nerven und entspannt alle Sinne. Ist das in Ordnung für dich?“.
„Aber es ist doch schon so spät“, widersprach ich ihrem Vorschlag. „Du bist doch bestimmt todmüde und möchtest dich am liebsten wieder ins Bett legen. Und plötzlich tauche ich hier auf und bringe dir alles durcheinander. Das...“. „Gary, du redest Quatsch“, unterbrach sie mich, als sie mir erneut ihren Finger auf die Lippen legte und mich auf diese Weise zum Schweigen brachte. „Du bist mein allerbester Freund, das weißt du doch. Wenn du Hilfe brauchst, dann bin ich natürlich für dich da. Darum mach dir bitte um mich keine Sorgen, okay? Ich kann mich auch morgen noch ausschlafen, da habe ich ohnehin noch nichts vor. Du bist jetzt das Allerwichtigste“.
„Sie hat Recht“, stimmte Trevor ihr zu, als er mir seine Hand auf die Schultern legte und ebenfalls ein zuversichtliches Lächeln aufzulegen versuchte. „Mach dir nicht unnötig Gedanken um uns beide. Du bist im Augenblick alles, was zählt. Nimm ein heißes Bad und versuch, dich ein bisschen zu entspannen, ja? Chloe wird dir in der Zwischenzeit noch eine Tasse Holundertee machen und einen Pyjama für dich raussuchen, einverstanden?“.
„Genau so machen wir das“, erwiderte Chloe, noch ehe ich die Gelegenheit bekam, etwas dazu zu sagen. „Außerdem werde ich unser Gästebett für dich herrichten und mit einem Heizkissen vorwärmen, ja? Es ist ja wohl selbstverständlich, dass du heute Nacht bei uns schläfst“. Leise weinend fiel ich ihr noch einmal um den Hals, dankbar für ihre aufopfernde Fürsorge für mich.
„Ihr seid so lieb zu mir“, flüsterte ich ihr gerührt zu, während sie mir einige Male beruhigend auf den Rücken klopfte. „Und ich mache euch solche Umstände...“. „Das sind doch keine Umstände, Gary“, erwiderte sie abweisend und streichelte mein Haar. „Du bist unser Freund. Natürlich müssen wir dir da zur Seite stehen. Besonders nach dieser schrecklichen Sache, die Timmy da mit dir abgezogen hat“.
„Dieser Dreckskerl!“, stieß Trevor aufgebracht hervor und ballte seine Hände zu Fäusten. „Am liebsten würde ich jetzt gleich zu ihm fahren und seine Herzlosigkeit aus ihm herausprügeln. Ich schwöre euch, wenn dieses Schwein mir noch einmal unter die Augen kommt, dann...“. „Trevor, bitte lass gut sein“, schaltete Chloe sich ein und schüttelte kurz den Kopf. „Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Gary braucht jetzt unseren ganzen Beistand“.
„Du hast Recht“, stimmte er ihr zu und griff ganz behutsam nach meiner Hand. „Komm mit mir, Gary. Ich lasse dir das Wasser für ein entspannendes Bad ein, okay? Chloe kümmert sich währenddessen um den Tee und den Pyjama für dich“. Mit diesen Worten wies er mich sanft dazu an, ihm zu folgen und schenkte mir das optimistischste Lächeln, das er in diesem Augenblick zu bieten hatte. „Es wird wieder gut“, versuchte er, mich aufzumuntern und löschte durch ein paar Streichler die letzten meiner Tränen aus. „Glaub mir, Gary. Alles wird ganz bestimmt wieder gut“.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Schlaf erwachte, der trotz den Ereignissen der vorangegangen Nacht verhältnismäßig ruhig gewesen war, brauchte ich zunächst einige Momente, um mich zu orientieren und festzustellen, wo genau ich mich überhaupt befand.
In Chloes Gästezimmer, wurde mir wieder bewusst, als ich mich gründlich nach allen Seiten umgesehen hatte, und die Erinnerungen an die furchtbaren Dinge, die ich in der Nacht zuvor erlebt hatte, kehrten mit einem Schlag wieder zurück, trieben mir erneut Tränen in die Augen.
Timmy und Remy, blitzte es wieder vor meinen Augen auf wie die Leuchtschrift auf einer riesigen Werbetafel. Timmy und Remy hatten miteinander geschlafen. Und ich hatte sie erwischt. Ich hatte sie eiskalt dabei erwischt. Hatte erfahren, dass sie sich bereits seit vier Monaten hinter meinem Rücken verabredeten, um jenes Spiel miteinander zu spielen, das Timmy und mich so oft im siebten Himmel hatte schweben lassen.
Sie hatten mich schamlos hintergangen. Mich nach Strich und Faden belogen und betrogen. Sich höchstwahrscheinlich auch noch über mich lustig gemacht, weil ich so verblendet gewesen war und nicht das Geringste mitbekommen hatte. Weil ich in meiner blinden Verliebtheit gar nicht begriffen hatte, dass Timmy die ganze Zeit über ein falsches Spiel mit mir trieb. Dass er mein abgrundtiefes Vertrauen zu ihm ausnutzte und missbrauchte und daran wahrscheinlich auch noch Spaß hatte.
Dabei war er doch immer mein Prinz gewesen. Mein Märchenprinz, der mir jeden erdenklichen Wunsch erfüllt und mich auf Händen getragen hatte. Mit dem ich immer so glücklich gewesen war wie noch niemals vorher in meinem gesamten Leben. Timmy hatte mir die Kraft und den Mut dazu gegeben, ich selbst zu sein und mich so zu akzeptieren, wie ich war. Die Kraft dazu, meinen Weg so zu gehen, wie ich es für richtig hielt und wie es mir guttat.
Doch das war jetzt vorbei. Er hatte mich vier Monate lang betrogen. Hatte sich weder um mich, noch um meine Gefühle gekümmert und sich ohne Scham auf Remy und dessen Spielchen eingelassen. Er hatte mein Herz gebrochen und meine bisher so farbenfrohe Welt in tiefstes Schwarz eingetaucht. Hatte meine Sonne zum Verlöschen gebracht und meine Seele in Eis eingefroren.
Es war aus. Mein unsterblich schöner Engel war gefallen. Der Traum von der großen Liebe war ein für alle Mal ausgeträumt. Ich konnte ihm diese Affäre nicht verzeihen. Ich konnte nicht all seine Lügen hinunterschlucken und so tun, als wäre alles wieder gut und die Welt völlig in Ordnung. Denn das war sie nicht. Und sie würde es auch nie wieder sein. Nicht das diesem Vertrauensmissbrauch. Nicht nach diesem abgrundtiefen Verrat. Gary Baby und Tim-Tim waren Geschichte. Er und ich waren Geschichte. Da gab es nichts mehr zu retten. Es war vorbei. Endgültig.
Die Tür zum Gästezimmer schwang vorsichtig auf und ich schreckte ruckartig aus meinen Gedanken hoch, als Chloe den Raum betrat, eine rote Samtdecke auf ihrem Arm tragend. „Guten Morgen“, sagte sie freundlich und versuchte, ganz optimistisch zu sein, auch wenn sie genau wusste, dass an diesem Morgen überhaupt nichts Gutes zu finden war. „Ich dachte, du schläfst noch“.
„Nein, bin wach“, antwortete ich knapp und kam mir im Nachhinein ein bisschen blöd vor, weil dies natürlich ganz offenkundig war. Doch Chloe lächelte nur, so gut sie eben konnte, und setzte sich ganz vorsichtig zu mir ans Bett. „Ich hab dir noch eine Decke mitgebracht“, sagte sie, während sie das rote Tuch zu meinen Füßen ablegte. „Falls du frierst“.
„Tu ich nicht“, versicherte ich ihr kopfschüttelnd und setzte mich ein kleines Stückchen hoch, bevor mich ein herzhaftes Gähnen überkam.
„Konntest du gut schlafen?“, wollte sie wissen und tastete fürsorglich nach meiner Hand, streichelte sie ein paar Augenblicke lang. „Mmh“, antwortete ich knapp und warf einen flüchtigen Blick hinüber zum Digitalwecker auf dem hölzernen Nachttischchen neben meinem Bett. „9:34 Uhr“, hielt ich für mich selbst fest und streckte mich ganz kurz, bevor ich mich wieder Chloe zuwandte, die sich noch immer darum bemühte, mir ein Lächeln zu schenken.
„Soll ich dir Frühstück machen?“, bot sie mir zuvorkommend an, während sie sich wieder erhob, damit ich aufstehen konnte. „Vielleicht eine Tasse Tee und ein frisches Buttercroissant? Trevor hat extra für dich welche beim Bäcker geholt“. „Mann, Chloe“, erwiderte ich unangenehm berührt. „Ich habe doch gesagt, dass ihr euch meinetwegen nicht solche Umstände machen sollt“.
„Und ich sage dir, dass wir das sehr gerne tun“, erwiderte sie und nahm kurz meine Hand. „Du bist uns wichtig, Gary“, ließ sie mich noch einmal wissen. „Natürlich kümmern wir uns da um dich so gut wir können. Das ist vollkommen selbstverständlich. Deswegen kann von Umständen überhaupt keine Rede sein, okay? Wir machen das gerne, ehrlich. Weil du uns wirklich sehr am Herzen liegst“.
„Danke, Chloe“, sagte ich bewegt und nahm sie fest in die Arme. „Was würde ich denn bloß ohne euch beide tun?“. „So, nun aber ab ins Bad mit dir“, meinte sie und gab mir einen sachten Schubs. „Ich mach uns inzwischen eine heiße Schokolade und decke den Tisch. Mach du dich währenddessen in aller Ruhe zurecht, okay? Duschgel und Body Lotion stehen neben dem Waschbecken. Kosmetika, Parfum und dergleichen findest du im obersten Badezimmerschränkchen. Schau dich in aller Ruhe um und scheu dich nicht davor, dich ausreichend zu bedienen, ja? Was meins ist, ist auch deins“.
„Vielen Dank“, wiederholte ich, geschmeichelt von ihrem lieben Angebot. „Keine Ursache“, entgegnete sie und wandte sich zum Gehen, hielt dann jedoch noch einmal inne und schaute zu mir herüber. „Bevor ich es vergesse“, fügte sie rasch hinzu und lächelte. „Ich habe mir die Freiheit genommen, dir ein paar Klamotten von mir herauszusuchen. Liegen alle auf der Kommode neben dem Waschbecken. Ich hoffe, dass sie dir passen“.
„Bestimmt“, antwortete ich und erwiderte ihr Lächeln, endlos glücklich darüber, eine Freundin wie sie an meiner Seite zu haben. „Vielen, vielen Dank, Chloe. Danke für alles“.

Nachdem ich mich im Bad zurechtgemacht und zusammen mit Chloe und Trevor ausreichend gefrühstückt hatte – eine Tasse heiße Schokolade und zwei Buttercroissants –, hatte Chloe mich dazu überredet, einen Film mit ihr anzusehen, damit ich gar nicht erst die Gelegenheit dazu bekam, mir trübsinnige Gedanken bezüglich Timmy zu machen. Dabei handelte es sich um einen Horrorstreifen – passenderweise auch ein idealer Ausdruck für den Trümmerhaufen, den ich im Augenblick als mein Leben bezeichnete. Zwar bemühte ich mich wirklich darum, mich auf den Inhalt des Films zu konzentrieren und die Handlung so gut wie möglich mitzuverfolgen, doch dies war definitiv leichter gesagt als getan. Völlig egal, wie stark ich mich auch konzentrierte oder wie sehr ich es auch auszublenden versuchte, meine sämtlichen Gedanken kehrten ununterbrochen zu Timmy und den Bildern der vergangenen Nacht zurück.
Immer wieder tauchte das Bild von Timmy und Remy vor meinem geistigen Auge auf, die sich schamlos auf dem Bett – auf UNSEREM Bett – geliebt und ihren Spaß miteinander gehabt hatten. Meine Gedanken standen völlig Kopf und malten sich die wildesten und ekelerregendsten Liebesszenen aus, ließen die hemmungslose Wut in mir erneut hochkochen. Ohne es richtig zu realisieren, begann ich mit der Faust auf Chloes Sofakissen einzuschlagen, während ich darum kämpfte, die ekelhaften Bilder aus meinem Kopf zu verjagen. „Verdammt!“, stieß ich immer wieder hervor, ganz dem Rhythmus meiner Schläge angepasst. „Verdammt! Verdammt! Verdammt!“.
„Gary...“. Chloe hielt meine Faust zurück, als ich sie ein weiteres Mal gegen das unschuldige Kissen schmettern wollte, und warf mir einen sehr beunruhigten Blick zu. „Das hat doch keinen Sinn“, fügte sie hinzu, während sie ein Stück zu mir heranrutschte und den Fernseher ausmachte, wohlwissend, dass ich gar nicht mehr in der Lage war, mich auch nur ansatzweise auf den Film zu konzentrieren.
„Ich hasse ihn!“, rief ich wütend aus und unterdrückte mit ganzer Kraft die Tränen, die sich bei diesen Worten in mir hochzudrängen versuchten. „Verstehst du mich, Chloe? Ich hasse ihn!“. Fürsorglich nahm sie mich in die Arme und lehnte meinen Kopf gegen ihre Schulter, begann damit, mir behutsam über das Haar zu streicheln und mich auf diese Weise zu trösten.
„Du hasst ihn nicht“, erklärte sie mir dann, von meiner aus Wut und Schmerz resultierenden Behauptung ebenso wenig überzeugt wie ich selbst. „Du kannst ihn überhaupt nicht hassen. Denn wenn das wirklich so wäre, dann würdest du nicht so heftig reagieren. Es wäre dir völlig egal, was mit ihm ist oder dass er dich betrogen hat. Aber es ist dir nicht egal. Es kann dir auch überhaupt nicht egal sein, weil du immer noch unendlich viel für ihn empfindest. Du liebst ihn immer noch, habe ich Recht?“.
Inzwischen wieder in Tränen versunken nickte ich bestätigend und vergrub dann mein Gesicht in ihrer Schulter. „Klar liebe ich ihn noch!“, rief ich aufgelöst aus und schluchzte laut. „Ich kann doch nicht von einem Tag zum nächsten alles vergessen, was zwischen uns gewesen ist. Er war doch immer mein süßer Engel. Ich...“. Nicht in der Lage dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen, ließ ich meinem ganzen Schmerz noch einmal freien Lauf und weinte mich an Chloes fürsorglicher Schulter aus.
„Das wusste ich, Gary“, flüsterte sie mir leise und verständnisvoll ins Ohr. „Glaub mir, das habe ich ganz genau gewusst. Liebe lässt sich nun einmal nicht einfach so mir nichts, dir nichts löschen. Sie hat ihren eigenen Willen, der oftmals ganz andere Wege einschlägt als man es möchte. Auch wenn du Timmy im Augenblick am liebsten zur Hölle schicken möchtest, weil dein Kopf dir sagt, dass das die einzig richtige Entscheidung wäre, weiß ich trotzdem ganz genau, dass du es nicht kannst. Dein Herz ist nicht in der Lage, ihn einfach so ohne weiteres zu vergessen und so zu tun, als wäre zwischen euch nie etwas gewesen. Du bist wütend auf ihn und zutiefst verletzt über seinen Verrat und den schamlosen Missbrauch deines Vertrauens. Das ist auch völlig normal nach dieser Sache, die er sich da geleistet hat. Aber hassen tust du ihn nicht. Auch wenn er dir wehgetan hat. Du liebst und vermisst ihn trotz allem unheimlich. Ist es nicht so, Gary?“.
„Ja“, heulte ich unter Tränen, weil ich ganz genau wusste, dass sie mit allem, was sie da sagte, absolut Recht hatte. Natürlich liebte ich Timmy noch immer über alles. Natürlich konnte ich unsere atemberaubend schöne Zeit nicht einfach so vergessen und hinter mir lassen. Natürlich hatte ich immer noch starkes Herzklopfen, wenn ich an ihn und sein unwiderstehlich süßes Lächeln dachte. Er war doch schließlich meine ganz große Liebe. Ich war nicht in der Lage dazu, ihn zu hassen. Ich liebte ihn über alles.
Doch das änderte trotzdem nichts an der Tatsache, dass er mich endlos tief verletzt und schamlos hintergangen hatte. Egal, was ich im Augenblick fühlte oder nicht – er hatte mich eiskalt mit Remy betrogen. Hatte mein Vertrauen missbraucht und meine Gefühle für ihn ohne Weiteres aufs Spiel gesetzt. Hatte mir vier Monate lang etwas vorgespielt und mir das Herz gebrochen.
Das konnte ich ihm einfach nicht verzeihen. Auch wenn er mir noch immer viel bedeutete, wollte ich ihn im Augenblick nicht sehen. Ich konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, ihm gegenüberzustehen und mir seine billigen Erklärungsversuche und Entschuldigungen anhören zu müssen. Ich brauchte jetzt erst einmal sehr viel Zeit für mich, um mir über alles klarzuwerden, meine Gefühle für ihn ausführlich zu ergründen und Herz und Verstand miteinander in Einklang zu bringen.
Nur dann, wenn ich eindeutig wusste, was ich empfand, konnte ich mir Gedanken darüber machen, ob ich ihm die Chance dazu gab, noch einmal mit mir zu sprechen. Ob ich in der Lage war, ihm diesen Vertrauensbruch zu verzeihen und nach vorne zu schauen. Aber im Moment brauchte ich Abstand. Zeit, um mein Herz zu befragen und herauszufinden, ob meine Liebe zu Timmy stark genug war, um ihm diese Sache zu vergeben und sie hinter mir zu lassen.
Erst, sobald die Wunden in meiner Seele verheilt waren, konnte ich mir alles Weitere überlegen und sehen, was die Zukunft brachte. Doch das – so viel wusste ich bereits zu diesem Zeitpunkt – war ein langer Prozess. Ein langer, schwieriger und mit absoluter Sicherheit auch tränenreicher Prozess.

Die nächsten drei Tage krochen im wahrsten Sinne des Wortes an mir vorbei, ohne dass ich es überhaupt richtig registrierte. Nach wie vor wohnte ich bei Chloe und Trevor, die mir ganz fürsorglich versichert hatten, dass ich so lange es nötig war bei ihnen bleiben und mir für die Ergründungen meiner Gefühlswelt so viel Zeit nehmen konnte wie ich brauchte.
Sie bestärkten mich sogar darin und warnten mich mehrmals davor, ja keine unüberlegten Entscheidungen zu treffen, sondern ganz tief in mich zu gehen und meine Gefühle für Timmy zu ordnen, sowie die Geschehnisse jener Nacht ganz in Ruhe zu verarbeiten und mich ausgiebig damit auseinanderzusetzen. Nur mit klarem Herzen und Verstand, so sagte Chloe, war es mir möglich, herauszufinden, ob und wie es mit Timmy und mir weitergehen sollte.
Wenn im Zuge dieser Überlegungen und inneren Konflikte mit mir selbst die Emotionen doch wieder hochkochten und ich kurz davorstand, mich meinen Tränen zu ergeben, beherrschte Chloe es außerdem, mich ganz liebevoll von meinem Kummer abzulenken, damit das Gefühlswirrwarr nicht die Oberhand über mich gewann und mich vor Schmerz zusammenbrechen ließ – beispielsweise indem sie mich einer speziell von ihr kreierten Wellnessbehandlung oder einem dezenten, aber dennoch effektiven Umstyling unterzog.
Sie tat wirklich ihr Bestmögliches dafür, um meiner trübsinnigen Stimmung den Garaus zu machen und mich durch ein paar doppeldeutige oder ganz beabsichtigt humorvolle Anekdoten, nun, vielleicht nicht gerade zum Lachen, aber immerhin zum Schmunzeln zu bringen.
Darüber hinaus gab sie mir ein paar wirklich nützliche und zum Teil auch ausgefallene Tipps in puncto Haar- und Körperpflege und erzählte mir die witzigsten Zwischenfälle aus ihrem Beziehungsalltag mit Trevor, durch die ich mich auf seltsame Art und Weise ein Stück in meinem Schmerz getröstet fühlte. Denn aus ihnen ging ganz unmissverständlich hervor, dass wahre Liebe dazu in der Lage war, absolut jedes noch so kompliziert erscheinende Hindernis zu überwinden und jede sich nur erdenkbare Kette zu sprengen.
Durch diese kleinen Geschichten fasste ich wieder Mut und schöpfte neue Hoffnung auf eine klärende Aussprache mit Timmy. Vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren. Vielleicht würde ich es ja mit der Zeit doch noch schaffen, die Fesseln meines Schmerzes abzuwerfen und noch einmal darüber nachzudenken, ob ich ihm diese Affäre mit Remy verzeihen konnte und wieder glücklich mit ihm zu sein.
Denn auch wenn die Verletzungen, die er meinem Herzen und meiner Seele zugefügt hatte, noch lange nicht verheilt waren und ich deswegen noch immer viele Tränen weinte, konnte ich die Tatsache nicht abstreiten, dass ich immer noch endlos tiefe Liebe für ihn empfand. Auch wenn in mir immer noch das Verlangen brannte, ihm die Augen auszukratzen für seinen Verrat und sein schamloses Spiel mit meinen Gefühlen, musste ich mir eingestehen, dass ich immer noch in ihn verliebt war. Dass mein Herz noch immer ganz laut für ihn schlug und ihn mit jedem Tag, der ohne ihn vorüberging, unendlich vermisste.
Er war trotz allem noch immer mein süßer Engel. Er war mein Prinz, der mir einst beigebracht hatte, wie sich echte Liebe anfühlte und was es bedeutete, mit dem einen Menschen zusammen zu sein, der sie mit einem teilen wollte. Durch ihn hatte ich so viele Dinge erfahren, hatte so viel gelernt und nicht einen einzigen Moment unserer zweijährigen Beziehung jemals bereut oder in Frage gestellt. Er war die starke Schulter, an die ich mich anlehnen konnte, wenn jegliche Hoffnung mich zu verlassen drohte und ich keinen Ausweg mehr wusste. Er war der Anker, der mich davor bewahrte, an den felsigen Klippen dieser Welt zu zerschellen und im endlosen Strom der Zeit unterzugehen. Er war die Hand, die mich auch dann noch festhielt, wenn der letzte Stern am Himmel sein Leben aushauchte und in der Schwärze der Nacht verglühte. Der Kompass, der mich durch mein Leben führte und mich vor Irrwegen und Fehlentscheidungen schützte.
Kurz gesagt: Er war mein Ein und Alles. Mein ganzes Leben hatte durch ihn erst einen wirklichen Sinn bekommen und mein Herz hatte erkannt, was auf dieser Welt wirklich zählte. Ich konnte ihn nicht vergessen. Ich konnte ihn nicht hassen für das, was er getan hatte. So sehr sein Verrat mich auch schmerzte und so gern ich ihn dafür zur Hölle schicken wollte – ich konnte es nicht.
Ich konnte nicht die unzählig vielen Augenblicke vergessen, die wir zusammen geteilt und erlebt hatten. Die vielen Momente, in denen wir uns sanft in den Armen gehalten und Küsse miteinander getauscht hatten. Die Stunden, in denen ich Halt bei ihm gesucht und er mich fest in seine Arme geschlossen hatte, um meine Ängste zu vertreiben und mir zu zeigen, dass er für mich da war. Dass ich immer zu ihm kommen konnte, egal, wie unlösbar mir meine Probleme auch schienen.
Natürlich war ich noch immer unglaublich wütend und hatte das dringende Bedürfnis danach, ihn so lange anzuschreien, bis ich heiser war. Natürlich brauchte ich noch Zeit, um mir ganz klar zu überlegen, ob ich ihm seine Affäre verzeihen konnte. Aber hassen konnte ich ihn nicht. Ich konnte nicht mit dem Gedanken leben, ihn für immer aus meinem Leben streichen und aus meiner Kopf verbannen zu müssen.
Dafür klopfte mein Herz viel zu laut, wenn ich an ihn dachte. Es klopfte noch immer so heftig wie am ersten Tag, als es zwischen uns beiden angefangen hatte. Es sehnte sich nach den kleinen Streichlern, die er ihm so oft geschenkt hatte. Rief unaufhörlich seinen Namen und verlangte seine Wärme. Seine Nähe und seinen süßen Duft, die mir so vertraut waren wie nichts anderes jemals zuvor.
Er war meine Welt. Und ich wusste ganz genau, dass er immer meine Welt bleiben würde, völlig gleich, was die Zeit auch mit sich brachte.

Als gegen Abend dieses Tages das Telefon klingelte, hatte ich im Badezimmer gerade eine heiße, entspannende Dusche beendet und war damit beschäftigt, mein Haar trockenzufönen. Wie Chloe mir in unserem gemeinsamen Gespräch am Nachmittag noch einmal deutlich vor Augen geführt hatte, brauchte ich jetzt erst einmal viel Zeit für mich, um in aller Ruhe über die ganze Sache nachdenken zu können und herauszufinden, wie stark meine Gefühle für Timmy noch immer waren und ob ich dazu in der Lage war, unserer Beziehung noch eine Chance zu geben.
Nach dieser Unterhaltung hatte sie für uns beide einen starken Kaffee gemacht und mich nach ein bisschen Hin und Her schlussendlich dazu überredet, den Film, den wir aufgrund meines Aussetzers vor einigen Tagen unterbrechen mussten, zu Ende anzusehen und mich dadurch auf andere Gedanken zu bringen. Schließlich war ich ihrem gut gemeinten Rat einfach gefolgt und hatte für den Rest des Tages jegliche Überlegungen bezüglich Timmy aus meinem Kopf verbannt. Es brachte ohnehin nichts, endlos lange darüber zu spekulieren, was wohl passiert sein mochte, nachdem ich in jener Nacht die Flucht ergriffen hatte. Außerdem war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das überhaupt so genau wissen wollte.
Deswegen war es bestimmt erst einmal das Beste, mich nicht mit solch haltlosen Schreckensvisionen herumzuplagen, sondern mich voll und ganz auf das zu konzentrieren, was ich seit dieser Entdeckung im Schlafzimmer völlig außen vor gelassen hatte – nämlich mich selbst. Ich musste mein Selbstvertrauen wieder zurückgewinnen und meine ganzen Kräfte sammeln, um die schmerzenden Wunden in meinem Herzen und meiner Seele zumindest ein kleines bisschen zu lindern.
Verheilen würden sie so schnell nicht, das war mir selbstverständlich klar. Doch ich konnte zumindest versuchen, sie auszublenden und mich an den schönen Dingen zu erfreuen, die mein Leben mir zu bieten hatte. Beispielsweise die einzigartige Freundschaft mit Chloe. Seit ich hier bei ihr war, hatte sie wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan, um für mich da zu sein und mich von meinem Kummer abzulenken. Sie bemühte sich nach Kräften, mir Optimismus und Stärke zu schenken und gab mir den Glauben an mich selbst und an meine Träume zurück. Sie zeigte mir, dass ich nicht allein auf der Welt war und Freunde hatte, auf die ich mich hundertprozentig verlassen konnte. Und dafür war ich ihr dankbar. Unendlich dankbar.
Ruckartig schreckte ich aus meinen Gedanken hoch, als ich draußen im Wohnzimmer ihre Stimme vernehmen konnte. Sie schien offensichtlich noch immer mit jemandem zu telefonieren und natürlich fragte ich mich insgeheim, um wen es sich bei dem mysteriösen Anrufer wohl handeln mochte. Ein kleiner Verdacht keimte bereits in mir auf, als ihr Tonfall plötzlich gereizte und vorwurfsvolle Züge annahm.
Doch die endgültige Bestätigung meiner Vermutung kam erst, als sich aus dem Gesprächsverlauf ganz deutlich die Worte 'Er will es nicht, also lass ihn in Ruhe' heraushören ließen. Sofort wurde mir klar, dass es nur eine einzige Person geben konnte, die in diesem Augenblick am anderen Ende der Telefonleitung saß: Timmy.
Natürlich Timmy. Wer auch bitte sonst? Wer sollte so spät am Abend noch bei Chloe anrufen und sie belästigen, wenn nicht er? Bestimmt hatte er inzwischen herausgefunden, dass ich vorübergehend bei ihr untergekommen war und suchte jetzt mein Verständnis und meine Vergebung. Doch an diesem Punkt war ich noch nicht. Ich war noch nicht bereit dazu, ihm seine Affäre mit Remy zu verzeihen und so zu tun, als wäre sie niemals passiert.
Chloe hatte absolut Recht mit dem, was sie ihm da gerade unterbreitet hatte. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. Noch nicht. Mein Herz war noch nicht bereit dazu, seine Stimme zu hören und sich mit ihm über seinen schwerwiegenden Fehler zu unterhalten. Es konnte die Bilder nicht vergessen, die es in dieser Nacht zu Gesicht bekommen hatte. Die Wunden waren noch zu tief und frisch. Sie brauchten noch Zeit, um zumindest halbwegs wieder zu verheilen.
Erst dann konnte ich weitere Entscheidungen treffen und mich möglicherweise dazu durchringen, mir seine Version dieser ganzen Geschichte anzuhören. Aber nicht vorher. Nicht, bevor ich nicht ganz zweifelsfrei wusste, was ich fühlte. Nicht, bevor ich nicht Herz und Verstand wieder miteinander in Einklang gebracht hatte.
„Ja, ja, mach ich“, hörte ich Chloe sagen, nach wie vor in deutlich rauem Tonfall und im Anschluss daran leise seufzen. „Gut, okay. Ciao“. Nach diesen Worten herrschte nebenan ein paar Augenblicke lang Stille und ich wandte mich wieder der Pflege meiner Haare zu, wurde allerdings in meinem Vorhaben durch ein sanftes Klopfen an der Badezimmertür ein weiteres Mal unterbrochen.
„Sekunde“, rief ich hastig und schlang mir ein weißes Handtuch um die Hüften, bevor ich mich auf den Rand der Badewanne setzte und versuchte, mich so zu verhalten, als hätte ich von dem Telefonat gerade eben nicht das Geringste mitbekommen. „Ja, bitte“, sagte ich schließlich und schlug meine Beine übereinander, während ich mit einer Bürste die letzten Strähnen meines Haares in die richtige Form brachte.
„Hey Gary“, sagte Chloe fürsorglich, als sie ihren Kopf zur Tür hereinsteckte, und schenkte mir ein sanftes Lächeln. „Ich wollte nur kurz mal schauen, ob alles in Ordnung ist oder ich dir irgendetwas bringen kann“. „Nein“, lehnte ich dankend ab und versuchte, ihr Lächeln zu erwidern. „Aber vielen Dank für die Nachfrage. Ich sage dir einfach Bescheid, falls ich irgendetwas brauche, einverstanden?“.
Sie nickte mir kurz zu und wandte sich zum Gehen, hielt dann jedoch einen Augenblick in ihrem Vorhaben inne, so als wäre sie sich nicht ganz sicher, was sie als Nächstes tun sollte. Natürlich wusste ich genau, was ihr leichtes Zögern zu bedeuten hatte, wenngleich sie es geschickt zu kaschieren versuchte. „Ist noch was?“, erkundigte ich mich und gab mich noch immer vollkommen ahnungslos, woraufhin sie sich wieder zu mir umdrehte und kurz mit den Schultern zuckte.
„Nein“, antwortete sie dann. „Was soll denn sein?“. „Ach, nichts“, antwortete ich so beiläufig wie möglich. „Ich hab nur gedacht, es gäbe irgendetwas Wichtiges. Hab gerade mitbekommen, dass du einen Anruf bekommen hast. Darf ich fragen, von wem?“. „Ach, nur ein alter Schulfreund“, schwindelte sie mir vor und legte eine Unschuldsmiene auf. „Wir haben ein bisschen über alte Zeiten gequatscht, weißt du“.
„Mhm“, erwiderte ich, wohlwissend, dass sie mir gerade eine Lüge aufzutischen versuchte, und erhob mich vom Rand der Badewanne. „Es war nicht zufällig jemand, den ich auch kenne, oder?“. „Nein“, entgegnete sie rasch und schüttelte demonstrativ dazu den Kopf. „Wie... wie kommst du denn darauf?“. „Ach, ich dachte nur“, meinte ich schulterzuckend. „Es hat sich so angehört, als würde er sich nach mir erkundigen“.
Ertappt, dachte ich für mich, als ich bemerkte, dass sie bei diesen Worten rot wurde, und verschränkte meine Arme vor der Brust. „Dein alter Schulfreund heißt nicht ganz zufällig Timmy, oder?“, setzte ich noch einen drauf, woraufhin sie sich einen Moment lang auf die Unterlippe biss. „Er war's, nicht wahr?“, insistierte ich und warf ihr einen ernsten Blick zu. „Jetzt komm schon, Chloe. Ich hab mitbekommen, dass er sich nach mir erkundigt hat. Du kannst es ruhig zugeben. Ich bin stark genug, damit umzugehen. Also erzähl schon, was wollte er?“.
„Er hat nach dir gefragt“, gab sie schließlich meiner Frage nach und stieß ein kaum vernehmbares Seufzen aus. „Er wollte wissen, wie es dir geht und hat mich darum gebeten, dich mit ihm sprechen zu lassen. Doch ich habe konsequent abgelehnt und ihm deutlich gemacht, dass er nicht das geringste Recht dazu hat, irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich habe ihm gesagt, was du die letzten Tage seinetwegen durchgemacht hast und dass du so schnell mit Sicherheit nicht nach Hause kommen wirst. Daraufhin hat er mir gesagt, wie Leid ihm das alles tut mich darum gebeten, dir eine Nachricht zu überbringen, der er im Anschluss an seinen Anruf auf meiner Mailbox hinterlassen hat. Er hat unbedingt darauf bestanden, dass ich sie dir vorspiele, aber ich bin nicht sicher, ob das gut für dich ist“.
„Auf deiner Mailbox?“, wiederholte ich, was sie mit einem zögernden Nicken bestätigte. „Er hat sie direkt nach seinem Telefonat mit mir draufgesprochen“, erklärte sie dann noch einmal. „Und es war ihm sehr wichtig, dass du sie dir anhörst. Aber ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist“.
„Ich will sie hören“, erwiderte ich entschlossen und ging ein paar Schritte auf sie zu. „Bitte spiel sie mir vor, Chloe. Ich muss wissen, was er mir zu sagen hat. Ich muss es einfach“. „Mmh... okay, einverstanden“, gab sie meiner eindringlichen Forderung schließlich nach und holte ihr Handy aus ihrer Hosentasche hervor. „Ich habe sie selbst noch nicht gehört“, fügte sie im Anschluss hinzu und sah mich nervös an. „Bist du dir wirklich absolut sicher, dass du...?“.
„Spiel sie“, beharrte ich noch einmal. „Bitte spiel sie mir vor, Chloe. Jetzt gleich“. „Na schön“, meinte sie daraufhin und atmete kurz tief durch. „Aber ich sage dir noch einmal: Ich habe keine Ahnung, was Timmy alles draufgesprochen hat. Deshalb sei bitte auf alles gefasst, in Ordnung?“. Ich nickte zustimmend und setzte mich wieder an den Rand der Badewanne, während Chloe die Nachricht schließlich ablaufen ließ.
„Hallo Gary Baby“, sprach seine Stimme nach Tagen zum ersten Mal wieder zu mir. „Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich dir jetzt überhaupt sagen soll. Ich weiß nicht, ob du dir diese Nachricht anhören wirst oder gar nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Mir ist bewusst, dass ich einen ganz schrecklichen Fehler begangen und dir damit das Herz gebrochen habe. Ich weiß, dass sich das, was ich dir angetan habe, nicht einfach so entschuldigen lässt. Ich habe dich so sehr verletzt, mein Baby. Dabei war das doch immer das, was ich niemals wollte. Ich wollte dir nicht wehtun, Gary, glaub mir. Ich wollte mich nicht auf diese Affäre einlassen, weil mir bewusst war, dass ich dich dadurch verlieren würde. Aber auch wenn es sich für dich wie eine billige Ausrede anhören mag: Ich habe das nicht freiwillig getan. Ich habe mich nicht freiwillig zu dieser Affäre hinreißen lassen. Remy hat mich erpresst. Er hat mich mit einer Sache erpresst, von der du eigentlich niemals etwas erfahren solltest. Das ist hier am Telefon wirklich ganz schwierig zu erklären. Aber du musst mir glauben, Baby: Es ist die Wahrheit. Es ist die reine Wahrheit. Ich bin sehr gerne bereit dazu, dir alles ganz in Ruhe zu erzählen und dir zu erklären, dass ich keine andere Wahl hatte als mit Remy diese bescheuerte Affäre anzufangen. Und noch eine Sache musst du mir glauben: Es hatte absolut nichts zu bedeuten. Du bist der Einzige, den ich von ganzem Herzen liebe und verehre. Du bist mein Baby, Gary. Mein süßes, heißgeliebtes Baby. Ich hasse mich selbst so sehr dafür, dass ich mich auf diesen unmoralischen Deal mit Remy eingelassen und dadurch den einzigen Menschen verletzt habe, den ich wirklich über alles liebe: Dich, Black Baby. Nur dich ganz allein. Natürlich verstehe ich, dass du Zeit brauchst, um über alles nachzudenken und deshalb sollst du wissen, dass ich dir alle Zeit dieser Welt gebe. Bitte denk in Ruhe über die Sache nach, in Ordnung? Wenn du zu einer Entscheidung gekommen bist, dann ruf mich einfach an und teil mir mit, ob du mir die Chance gibst, dir alles zu erklären oder ob ich dich für immer verloren habe. Mehr kann und möchte ich dazu nicht sagen. Ich will nur, dass du weißt, wie unendlich wichtig du mir bist. Wichtiger als alles andere auf der Welt. Mach es gut, mein Baby. Tausend Küsse. Ich liebe dich“.
Tränen flossen über meine Wangen hinunter, als die Nachricht zu Ende und Timmys sanfte Stimme verklungen war. Tränen des Schmerzes und der Wut, aber gleichzeitig auch der Rührung und Hoffnung. Timmys Worte hatten etwas in mir bewegt und ich hätte mich wahrscheinlich nur selbst belogen, hätte ich das starke Herzklopfen, das der Klang seiner Stimme bei mir ausgelöst hatte, ignoriert.
Die Antwort auf die zentrale Frage, die seit Tagen in meinem Kopf herumschwirrte, schien endlich ganz klar auf der Hand zu liegen. Und diese Antwort hieß ganz eindeutig: Ja, ich liebte Timmy noch immer. Ich vermisste ihn jede einzelne Sekunde, die ich nicht mit ihm verbrachte und wünschte mir, seine Nähe auf meinem Körper zu fühlen. Ich vermisste den Duft seiner weichen, warmen Haut, das seidige Gefühl seiner Haare zwischen meinen Fingern, den warmen Blick aus seinen himmelblauen Augen, die zärtlichen Streichler seiner Hände über meine Wangen.
Kurz gesagt: Ich vermisste ihn. Ich vermisste ihn mit jedem Tag mehr. Wollte endlich wieder in seiner Nähe sein und seine Berührungen auf meinem Körper spüren. Ich wollte meinen Kopf gegen seine Schulter lehnen und mich voll und ganz dem unvergleichlichen Gefühl seiner Zärtlichkeiten ergeben. Ich brauchte ihn. Ich brauchte ihn wieder nah an meiner Seite, wollte endlich wieder das Glück in mir spüren, das ich nur durch ihn empfinden konnte.
Egal, wie sehr mich die Tatsache, dass er über Monate hinweg fremdgegangen war, noch immer verletzte. Meine Sehnsucht nach ihm besiegte in diesem Augenblick den quälenden Schmerz, den seine Untreue verursacht hatte und die vertraute Wärme, die mich in meiner Liebe zu ihm immer bestärkt hatte, war mit einem Schlag wieder da. Mein Engel war wiedergeboren. Er war endlich wieder zurück, um die quälende Ungewissheit und jegliche Angst ein für alle Mal zu vertreiben und von mir fernzuhalten. Ich wollte wieder mit ihm zusammen sein. Weil ich ihn liebte. Noch viel mehr, als mir selbst bis zu diesem Zeitpunkt klargewesen war.
„Mensch, Gary...“, flüsterte Chloe fürsorglich, als sie zu mir herüberkam und mich ganz fest in ihre Arme schloss. „Du armer Schatz. Ich wusste doch, dass es keine gute Idee war, dir diese Nachricht vorzuspielen“. Rasch löste ich mich wieder von ihr und warf dann einen langen Blick in ihre Augen. „Doch“, protestierte ich gegen ihre Aussage und zum ersten Mal seit Tagen gelang es mir, ein richtiges, echtes Lächeln aufzulegen. „Doch, das war eine gute Idee. Die beste, die ich mir vorstellen kann“.
„Ja, aber...“, wollte sie verwirrt erwidern, doch ich schüttelte nur leicht meinen Kopf und deutete dann mit einer kurzen Handbewegung auf ihr Handy. „Noch einmal“, bat ich sie eindringlich und wischte mir die Tränen, die inzwischen aus Freude und Hoffnung flossen, aus dem Gesicht. „Bitte spiel es noch einmal ab. Lass mich nochmal Tim-Tims Stimme hören“.
„Tim-Tim?“, fragte sie, sichtlich überrascht, dass ich plötzlich wieder seinen Kosenamen benutzte. „Tim-Tim“, bestätigte ich und fühlte mein Herz dabei laut schlagen. „Ich liebe ihn noch immer über alles, Chloe. Egal, was auch war. Er bedeutet mir noch immer mehr als alles andere auf der Welt“. „Gary...“, entgegnete sie, als sie sich zu mir setzte und mich vorsichtig an die Hand nahm. „Nochmal“, beharrte ich dann, woraufhin sie ein unsicheres Seufzen ausstieß, sich aber schließlich meinem Willen beugte und die gesprochene Nachricht noch einmal ablaufen ließ.
„Ich schicke dir auch tausend Küsse, mein Tim-Tim“, sagte ich laut, als ich sie ein weiteres Mal gehört hatte und schluchzte laut auf. Chloe begann damit, mir über das Haar zu streicheln und drückte mich ganz fest an sich heran. „Mein Prinz“, fuhr ich fort, durch und durch von der mir so vertrauten Wärme durchströmt, die der Klang seiner Stimme stets in mir auslöste. „Mein süßer Prinz“.
„Ach Gary“, erwiderte Chloe fürsorglich, schien bereits ganz genau zu ahnen, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf ging und versuchte, mich aufmunternd anzulächeln. „Liebe kann man eben nicht löschen, hab ich Recht?“, fügte sie leise hinzu, was ich durch ein flüchtiges Nicken bejahte. „Zwischen uns stehen so viele Gefühle“, erklärte ich ihr dann. „Da sind so viele Momente in meiner Erinnerung, die mich mit ihm verbinden und mir unsere unglaublich schöne Zeit wieder und wieder vor Augen führen. Ich will ihn nicht vergessen, Chloe. Ich will ihn zurück. Ich will meinen Tim-Tim endlich wieder zurück“.
„Du willst dich versöhnen?“, wollte sie wissen und blickte mir dabei tief in die Augen. „Ja“, antwortete ich entschlossen. „Ich will ihm die Chance geben, seine Version der Geschichte zu erzählen und mir zu erklären, was genau es mit dieser Erpressung auf sich hat, von der er spricht. Ich will die ganze Wahrheit wissen und ihm noch einmal sagen, wie viel er mir bedeutet. Ich kann ihn nicht einfach so aufgeben, Chloe. Er bedeutet mir zu viel“.
„Bist du dir ganz sicher, dass du so weit bist?“, erkundigte sie sich, augenscheinlich nicht ganz überzeugt von meinen Argumenten. „Hast du dir das auch wirklich ganz genau überlegt? Du weißt, dass du alles ausführlich überdenken solltest, bevor du irgendwelche Entscheidungen triffst“. „Ich habe mich schon entschieden“, erwiderte ich und griff kurzerhand nach ihrem Handy. „Ich hatte die letzten Tage genug Zeit, um mir über alles richtig klarzuwerden. Und jetzt bin ich endlich an dem Punkt angekommen, an dem ich genau weiß, was ich will: Ich will meinen süßen Tim-Tim wiederhaben“.
„Okay“, gab sie schließlich nach und überließ mir widerstandslos ihr Handy. „Ich bin zwar der Ansicht, dass du noch einmal gründlich nachdenken solltest, bevor du handelst und hielte es für besser, noch eine Weile zu warten, ehe du Kontakt zu ihm aufnimmst. Aber wenn dein Herz dir sagt, dass das die richtige Entscheidung ist und du noch immer starke Gefühle für ihn hast, dann tu es. Ruf ihn an. Sag ihm, was du fühlst und sprich dich in aller Ruhe mit ihm aus. Hier“.
Sie drückte mir ihr Handy fest in die Hand und schenkte mir ein kleines, unsicheres Lächeln. „Hör auf dein Herz, Gary“, riet sie mir und machte sich auf den Weg zur Tür. „Folge einfach deinem Herzen. Sprich in aller Ruhe mit Timmy. Erzähl ihm, was in dir vorgeht und was du dir von ihm erwartest. Du bist stark. Du schaffst das. Und falls irgendetwas sein sollte – ich bin direkt nebenan, okay?“.
Ich nickte ihr kurz zu, um ihr zu vermitteln, dass ich verstanden hatte und senkte meinen Blick dann auf das kleine, schwarze Mobiltelefon in meinen Händen. Sie verließ unterdessen das Zimmer und schloss die Tür hinter sich, damit ich ganz ungestört mit Timmy sprechen und ihm sagen konnte, was ich ihm sagen wollte. Was das überhaupt war, wusste ich zwar selbst noch nicht ganz genau und spielte deshalb für einen Moment mit der Idee, mein Vorhaben ganz einfach auf morgen zu verschieben, überlegte es mir jedoch wieder anders, als ich mir die Worte aus der Nachricht ins Gedächtnis rief, der er auf Chloes Mailbox hinterlassen hatte.
Mit zitternden Händen suchte ich schließlich seinen Eintrag im Adressbuch und wählte dann unter lautem Herzklopfen seine Nummer an. Es klingelte einige Male durch und ich fühlte genau, dass sich mein Puls mit jedem Piepton beschleunigte, doch ich war fest entschlossen dazu, die Mission, die ich mir selbst auferlegt hatte, zu Ende zu bringen und mich mit ihm zu unterhalten – wenn auch vielleicht nur ein paar Minuten lang.
Nachdem es zum fünften Mal durchgeklingelt hatte, stieß ich ein enttäuschtes Seufzen aus und wollte wieder auflegen, als ich am anderen Ende der Leitung ein Geräusch und im Anschluss daran ein kurzes Gähnen zu hören bekam. „Hallo? Chloe?“, meldete er sich, scheinbar aus tiefem Schlaf gerissen und wenig erfreut über diese späte Störung.
„Ich bin's“, erwiderte ich mit kratziger, nervöser Stimme und diese kurze Aussage schien seine sämtlichen Sinne mit einem Schlag völlig wachzurütteln. „Gary...“, stieß er hervor und atmete deutlich hörbar auf, offensichtlich völlig überrascht von dem unerwarteten Lebenszeichen meinerseits.
„Hi Timmy“, antwortete ich so ruhig wie es mir möglich war und kämpfte gegen die heißen Tränen an, die der Klang seiner melodischen Stimme erneut in mir auslöste. „Du hast mir eine Nachricht auf Band gesprochen“. „Ja...“, wisperte er leise, offensichtlich ebenfalls emotional berührt von diesem Moment. „Du wolltest, dass ich dir meine Entscheidung mitteile“, fügte ich hinzu und hielt ein Schluchzen zurück.
„Genau“, gab er mir Recht. „Aber bitte überstürz nichts. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst und...“. „Ich brauche keine Zeit mehr“, antwortete ich unter heißen Tränen. „Ich habe mich schon entschieden“. „Und... und wie?“, erkundigte er sich, gespannt und nervös zur selben Zeit. „Ich brauche dich, Tim-Tim“, erwiderte ich laut schluchzend. „Ich kann ohne dich nicht leben. Auch wenn es mir immer noch unheimlich wehtut, was du getan hast, möchte ich dich trotzdem wiedersehen. Ich möchte, dass wir uns darüber aussprechen und bin bereit, mir deine Geschichte anzuhören. Ich will dir verzeihen, Tim-Tim. Ich will es so gerne. Weil du der wichtigste Mensch in meinem Leben bist“.
„Gary Baby...“, flüsterte Timmy, ehrlich bewegt von meinen Worten und ich konnte hören, dass auch er mit Tränen kämpfte. „Baby, du weißt gar nicht, wie Leid mir diese ganze Sache tut. Ich weiß, dass ich durch diese bescheuerte Aktion dein Vertrauen missbraucht und dein Herz gebrochen habe. Aber glaub mir, Gary, das habe ich niemals gewollt. Ich habe immer nur dich geliebt. Und ich werde auch immer nur dich lieben, ganz egal, was auch kommt“.
„Du fehlst mir, Tim-Tim“, erwiderte ich darauf und weinte. „Du fehlst mir so schrecklich. Als ich vorhin deine Nachricht gehört habe, da ist mir plötzlich bewusst geworden, wie sehr ich dich trotz allem immer noch liebe. Wie sehr ich dich vermisse und wie gut mir deine Nähe tut. Darum bitte, auch wenn es schon spät ist – kannst du dich ins Auto setzen und zu mir kommen? Ich halte es ohne dich einfach nicht mehr länger aus“.
„Gary, ich...“, wollte er entgegnen, doch ich ließ nicht locker. „Bitte komm zu mir“, flehte ich ihn noch einmal an und spürte dabei dieses wohlvertraute Kribbeln im Bauch, das mir ganz deutlich vor Augen führte, wie sehr ich mich auf das Wiedersehen mit ihm freute. „Egal, was zwischen uns vorgefallen ist. Ich muss dich jetzt sehen. Ich halte es nicht mehr aus“.
„Gut, ich komme“, gab er meiner eindringlichen Bitte schließlich nach. „Ich komme zu dir, Gary, okay? Ich mache mich sofort auf den Weg und bin in ungefähr einer halben Stunde bei dir. Dann sprechen wir ganz in Ruhe miteinander und ich erkläre dir alles, in Ordnung?“. „Mhm“, antwortete ich unter Tränen und legte ein Lächeln auf, wenngleich mir bewusst war, dass er es nicht sehen konnte.
„Bis gleich, Black Baby“, sagte er und gab mir durchs Telefon einen Kuss. „Ich liebe dich“. „Ich dich auch“, erwiderte ich, bevor ich auflegte und den unzähligen Gefühlen in meinem Bauch, sowie den Freudentränen auf meinem Gesicht die freie Hand überließ.

Ungefähr eine halbe Stunde später saß ich mit Chloe im Wohnzimmer und bereitete mich emotional auf das anstehende Wiedersehen mit Timmy vor. Zwar hatte sie noch einmal auf mich eingeredet und mich gefragt, ob ich es mit meiner Entscheidung, ihn heute noch zu treffen nicht ein bisschen überstürzte, doch ich hielt eisern dagegen, indem ich ihr ganz deutlich zu verstehen gab, wie sehr ich ihn vermisste.
Darüber hinaus hatte ich ihr klargemacht, dass es nicht mein Kopf gewesen war, der sich nach einem Wiedersehen mit ihm sehnte und mir gesagt hatte, ich sollte ihn anrufen. Mein Herz hatte diese Entscheidung für mich getroffen. Und ich konnte einfach nicht anders, als mich seinem Verlangen zu beugen. Ich wollte heute noch mit Timmy sprechen. Ich wollte ihm sagen, was ich ganz tief in mir fühlte und wie oft ich die letzten Tage an ihn gedacht hatte.
Ich hatte nichts überstürzt. Ich hatte ihn nicht aus einer sehnsüchtigen Laune heraus angerufen, sondern diesen Entschluss mit klarem Verstand und klopfendem Herzen gefasst. Und mein Herz hatte gesagt, dass ich ganz sicher durchdrehte, wenn ich ihn nicht so schnell wie möglich wieder in meine Arme schließen konnte. Wenn ich mich nicht heute noch mit ihm aussprach, das wusste ich, dann würde ich in dieser Nacht nicht eine einzige Sekunde lang schlafen können.
Sehnsucht ließ sich nun einmal nicht unter Kontrolle halten. Sehnsucht kam und ging wie es ihr gefiel und kümmerte sich herzlich wenig darum, ob sie gerade erwünscht war oder nicht. Sie hatte ihren eigenen Kopf, spielte ihr eigenes Spiel mit eigenen Regeln. Sie ließ sich nicht einfach so ausblenden oder vertreiben wie eine lästige Mücke. Wenn sie es wollte, dann blieb sie und nistete sich tief in den Herzen ihrer ausgewählten Opfer ein, um sie voll und ganz unter ihre Macht zu bringen. Sehnsucht konnte man nicht beherrschen. Sie kämpfte mit Waffen, gegen die man als Mensch vollkommen wehrlos war.
Darum hatte ich vorhin überhaupt nichts anderes tun können als mich ihrem eindringlichen Willen zu beugen. Die Sehnsucht in mir verlangte nach Timmy. Sie wollte ihn heute noch wiedersehen. Und mir als ihr Opfer blieb keine andere Wahl als diesem Wunsch nachzugeben.
„Alles in Ordnung, Gary?“. Chloes Stimme neben mir riss mich abrupt aus meinen Gedanken und ließ mich den Blick in ihre Richtung wenden. Für einen Moment lang musterte sie mich, so als wüsste sie ganz genau, was in meinem Kopf gerade vor sich ging, und versuchte dann, mir ein optimistisches Lächeln zu schenken. „Mmh“, antwortete ich mit nervöser Stimme und schielte kurz hinüber zur Wanduhr, die bereits ein paar Minuten vor Mitternacht anzeigte.
„Er ist ganz bestimmt gleich da“, sagte sie, um mich aufzumuntern und streichelte behutsam über meine vor Anspannung zitternde Hand. Unsicher nickte ich auf diese Aussage hin und stieß ein kaum vernehmbares Seufzen aus. „Ich mach dir einen heißen Tee, einverstanden?“, bot sie mir an und lächelte. „Der beruhigt die Nerven und entspannt alle Sinne“. „Mhm“, murmelte ich in Gedanken, woraufhin sie mich kurz an sich drückte und sich im Anschluss daran auf den Weg in die Küche machte. „Bin gleich zurück“, fügte sie hinzu, bevor sie sich abwandte und mich allein im Wohnzimmer zurückließ.
Abermals warf ich einen Blick auf die Uhr und begann, unruhig mit meinen Füßen auf- und abzuwippen. Wahrscheinlich überflüssig, zu erwähnen, dass ich in diesen Minuten, während ich auf ihn wartete, so aufgeregt war wie noch niemals je zuvor. In Gedanken malte ich mir aus, wie ich wohl reagieren würde, wenn er mir ganz plötzlich gegenüberstand: Sein zierliches Gesicht umspielt von dem Versuch eines sanften Lächelns, seine seidigen, braunen Haare ein kleines Stück in seine Stirn fallend und seine beiden Hände nervös in den Taschen einer verwaschenen Jeans vergraben.
Mein Tim-Tim, dachte ich glücklich, noch immer nicht in der Lage dazu, das Meer an Emotionen, das meinen Körper überflutete, richtig unter Kontrolle zu bekommen. Mein heißgeliebter, süßer Tim-Tim. Heute werde ich dich endlich wiedersehen. Heute will ich dir die Chance dazu geben, mir alles zu erklären und dich in Ruhe mit mir auszusprechen. Heute will ich mir anhören, was um Himmels Willen dich nur dazu gebracht hat, auf dieses unmoralische Angebot von Remy einzugehen. Was mag nur der Grund dafür sein, dass du dich in diese Geschichte hast verwickeln lassen? Was ist es, das ich unter keinen Umständen erfahren soll? Was ist dein Geheimnis, Tim-Tim? Was hast du mir die ganze Zeit über verschwiegen?
Vergeblich war ich darum bemüht, eine Antwort auf all diese Fragen zu finden, als ein Klingeln an der Wohnungstür mich ruckartig aus meinen Gedanken aufschreckte und zurück in die Wirklichkeit beförderte. Mein Herz fing an, heftig in meiner Brust zu pochen, weil ich ganz genau wusste, was das zu bedeuten hatte: In wenigen Augenblicken würde ich Timmy gegenüberstehen. Das erste Mal, seit ich in jener Nacht fortgelaufen war, würde ich ihn wiedersehen und mich mit ihm unterhalten.
Noch ehe ich überhaupt dazu kam, mir auszumalen, wie das Gespräch wohl verlaufen würde, trat Chloe aus der Küche und warf mir dabei einen unsicheren Blick zu. „Er ist da“, sagte ich zu ihr, wenngleich ich wusste, dass sie das Klingeln an der Tür ebenso gehört hatte wie ich. Sie nickte mir kurz zu, eine heiße Tasse Pfefferminztee in den Händen, die sie rasch zu dem hölzernen Tischchen herübertrug und sich im Anschluss daran einen Moment zu mir setzte.
Eilig griff sie nach meiner Hand, als sie meine innere Unruhe bemerkte und bemühte sich, mir möglichst viel Zuversicht für die anstehende Unterhaltung zu geben. „Bereit?“, fragte sie dann und fuhr mir kurz durch das Haar, was ich mit einem zögerlichen Nicken bestätigte und danach noch einmal ganz tief Luft holte. „Hör mal, Gary. Du musst das nicht machen...“, setzte sie ganz fürsorglich an, doch ich schüttelte nur leicht den Kopf und blickte ihr dann in die Augen.
„Doch, ich muss“, widersprach ich ihr und griff nach ihrer freien Hand. Vorsichtig führte ich sie an meinem Körper entlang und legte sie schließlich auf meiner Brust ab. „Spürst du das?“, wollte ich mit beinahe flüsternder Stimme wissen, woraufhin sie ihre Handfläche ein bisschen fester gegen mich drückte und mir einen verständnisvollen Blick zukommen ließ. „Du hast Herzklopfen“, sagte sie sanft und lächelte, allerdings konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob aus Freude oder aus Mitgefühl. „Kein Wunder“, setzte sie kurzerhand fort, während sie sich wieder erhob. „An deiner Stelle wären meine Nerven bestimmt auch bis zum Zerreißen angespannt“.
„Ich... ich hab ein bisschen Angst“, musste ich offen zugeben und biss mir auf die Unterlippe. „Es ist das erste Mal, dass er und ich... ich weiß nicht, ob ich das alles hier durchstehe“. „Gary, du musst nicht“, wiederholte Chloe fürsorglich und streichelte sanft meine Wange. „Du musst das nicht tun, wenn du noch nicht bereit dazu bist. Wenn du noch mehr Zeit brauchst, dann werde ich Timmy ganz einfach wieder wegschicken und ihm sagen, dass du noch nicht so weit bist. Bitte zwing dich jetzt zu nichts, Gary. Das ist nicht gut für dich“.
„Doch“, protestierte ich ein weiteres Mal. „Doch, ich will das jetzt tun. Ich will meinen Tim-Tim jetzt wiedersehen. Ich halte es ohne ihn keine Sekunde länger aus. Ich muss wissen, dass es ihm gut geht und mit ihm sprechen. Bitte versteh das, Chloe. Ich muss einfach“. „Na gut“, willigte sie schließlich in meine Forderung ein und seufzte leise. „Gut, ich werde ihn reinlassen. Aber bitte, Gary, du musst mir eine Sache ganz fest versprechen: Wenn es dir zu viel wird oder du seine Gegenwart nicht mehr erträgst, dann brich ab. Beende das Gespräch und schick ihn raus, wenn du das Gefühl hast, dass dir alles über den Kopf wächst. Es hat keinen Sinn, wenn du dich unnötig selbst quälst und die Wunden, die gerade dabei sind zu verheilen, wieder neu aufreißt. Das könntest du nicht verkraften. Du würdest daran kaputtgehen. Darum bitte versprich mir, dass du dich nicht übernimmst. Versprich, dass du abbrichst, wenn du es nicht mehr erträgst“.
„Okay“, gab ich mit einem Seufzen nach. „Okay, Chloe, ich verspreche es dir“. „Gut“, erwiderte sie und machte sich schließlich auf den Weg zur Tür. „Dann lasse ich ihn jetzt rein, ja? Und bitte denk daran: Übernimm dich nicht“. Mit diesen Worten verschwand sie draußen im Flur, um Timmy in Empfang zu nehmen, und ließ mich mit gemischten Gefühlen, einem heftigen Kribbeln im Bauch und starkem Herzklopfen allein im Zimmer zurück.
Mehrmals atmete ich tief durch, um zumindest den Hauch einer Kontrolle über meine Emotionen zu behalten und mich voll und ganz auf die anstehende Begegnung einzustellen. Instinktiv nahm ich einen großen Schluck von dem Tee, den Chloe mir gebracht hatte und fing an zu zittern, als ich von draußen seine Stimme vernehmen konnte.
Sei stark, Gary, ermahnte ich mich selbst und kämpfte gegen die Tränen an, die sich in diesem Moment meines Willens zu bemächtigen versuchten. Sei stark und bleib einfach ganz ruhig. Es wird sicher alles gut. Du musst dich nur zusammenreißen und darfst dich nicht von deinen Gefühlen überwältigen lassen. Du hast ihn doch einmal so sehr geliebt. Und du liebst ihn immer noch über alles. Er ist dir so vertraut wie kein anderer Mensch es jemals sein könnte. Du brauchst ihn. Du musst um ihn kämpfen. Jetzt oder nie.
Meine sämtlichen Sinne erstarrten, als die Wohnzimmertür sich wieder öffnete und Chloe zurückkam, gefolgt von Timmy, der sich in eine schwarze Jacke eingehüllt hatte und wie stets seine pinke Mütze auf dem Kopf trug. Sein Markenzeichen. Sein unverkennbares, niedliches Markenzeichen. „Hallo Gary“, sagte er zu mir mit rauer, brüchiger Stimme, die mir verriet, dass auch er kurz zuvor geweint haben musste.
Ich erwiderte seinen Gruß nicht, sondern musterte ihn stattdessen ausgiebig von Kopf bis Fuß, als würde ich ihn das allererste Mal in meinem ganzen Leben zu Gesicht bekommen. Doch wenn ich genau darüber nachdachte, war dies ja auch irgendwie der Fall. Auch wenn ich haargenau wusste, dass es mein Tim-Tim war, der gerade das Zimmer betreten hatte, kam es mir trotzdem so vor, als würde ich ihn überhaupt nicht kennen. Als würde ich einem völlig Fremden gegenüberstehen. Die Wärme, die der Klang seiner Stimme am Telefon in mir ausgelöst hatte, war verschwunden.
Ich fühlte in diesem Moment nichts. Schlicht und ergreifend nichts. Da war keine Wut, die ich gegen ihn richten konnte. Keine Tränen, die über meine Wangen hinunterflossen. Kein Schmerz mehr über das, was er mir in jener Nacht angetan hatte. Ich fühlte mich leer. Ganz einfach nur leer und verlassen. Als wäre ich ein Stein, der nicht dazu in der Lage war, auch nur die kleinste Regung eines Gefühls zu empfinden. Er war tatsächlich wie ein Fremder für mich. Ein Fremder, den ich noch niemals zuvor gesehen hatte.
„Ich lasse euch beide allein“, unterbrach Chloe meine Spekulationen und kam kurz zu mir herüber. Sacht legte sie ihre Hand auf meine und streichelte sie eine Weile, während sie mich aufmunternd anlächelte. „Alles Gute, Gary“, flüsterte sie mir so leise zu, dass nur ich in der Lage war, ihre Worte zu verstehen. „Du bist stark, das weiß ich. Unterhaltet euch  in Ruhe, worüber ihr euch unterhalten wollt. Und denk an das Versprechen, das du mir gegeben hast. Mute dir selbst nicht zu viel zu. Wenn du keine Kraft mehr hast, brich das Gespräch ab, ja? Und falls irgendetwas ist – ich bin direkt nebenan, okay?“.
„Danke“, flüsterte ich zurück, darum bemüht, mein Gefühlschaos nicht erneut die Macht über mich ergreifen zu lassen, und nahm sie kurz in die Arme. Sie lächelte aufmunternd, bevor sie sich schließlich Timmy zuwandte und ihn ein paar Augenblicke lang eindringlich musterte. „Wehe dir, Timmy“, sagte sie dann und starrte ihm in die Augen. „Wehe dir, wenn du es wagst, Gary noch einmal zu verletzen. Dann fliegst du hier schneller wieder raus als du dich umschauen kannst. Hast du das verstanden?“.
Ohne seine Antwort auf diese Frage abzuwarten, drehte sie sich um und verschwand ein paar Momente später in der Küche. Die Tür hinter ihr fiel ins Schloss und ließ mich ganz allein mit ihm zurück, woraufhin ich noch aufgeregter wurde als ich es ohnehin bereits war.
„Sie scheint sich stark von mir zu distanzieren“, stellte Timmy überrascht fest, was mich einen Augenblick lang in die Versuchung brachte, mit den Augen zu rollen. „Wundert dich das?“, erwiderte ich mit völlig emotionsloser Stimme und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Nein“, antwortete er und räusperte sich verlegen. „Nein, natürlich nicht. Kann... kann ich mich zu dir setzen?“.
„Bitte, tu dir keinen Zwang an“, entgegnete ich und machte mit der Hand eine kurze Geste, um ihm zu vermitteln, dass ich nichts dagegen einzuwenden hatte. Wie aus einem Reflex heraus verschränkte ich meine Arme vor der Brust und rutschte ein paar Zentimeter, als er einen Versuch startete, ganz dicht neben mir Platz zu nehmen. So viel Nähe ertrug ich im Moment nicht. Noch nicht. Ich brauchte erst einmal endgültige Klarheit darüber, welche Beweggründe er für seine Affäre gehabt und weswegen er angedeutet hatte, dass er von Remy erpresst worden war. Erst dann, wenn ich alle Fakten kannte, konnte ich ganz unvoreingenommen entscheiden, ob ich unserer Beziehung noch eine Chance gab oder nicht.
„Gary...“, begann er schließlich und tippte nervös mit seinen Füßen auf den Boden. „Bevor du irgendetwas sagst und damit anfängst, mir Vorwürfe zu machen, möchte ich dir eine Frage stellen, wenn du es mir gestattest“.
„Sicher“, antwortete ich, noch immer völlig emotionslos. „Frag“. „Warum hast du mich angerufen?“, wollte er wissen und musterte mich kurz. „Warum sollte ich so spät noch hierherkommen?“. „Kannst du dir das nicht denken?“, entgegnete ich seine Frage und lehnte mich ein kleines Stückchen zurück. „Du bist mir eine Erklärung schuldig, findest du nicht auch?“, fügte ich hinzu, als er keinerlei Anstalten machte, auf meine Aussage zu reagieren. „Außerdem hast du mir gefehlt. Ich wollte dich sehen“.
„Ich... ich habe dir...?“, erwiderte er erstaunt. „Heißt das, dass du mich noch... also dass du noch... ich meine...“. „Du willst wissen, ob ich dich noch liebe?“, beendete ich seinen Satz, woraufhin er zögernd nickte. „Was ist das für eine Frage, Timmy?“, setzte ich fort und unterdrückte meine Emotionen mit aller Kraft. „Natürlich liebe ich dich immer noch, was denkst du denn? Ich frage mich nur, ob du mich auch noch immer liebst“.
„Aber natürlich, Gary“, antwortete er und wollte nach meiner Hand tasten, doch ich machte ihm verständlich, diese Handlung zu unterlassen. „Natürlich liebe ich dich. Ich liebe dich über alles, Baby. Das musst du mir glauben“. „Wenn du mich wirklich liebst, warum hast du mich dann betrogen?“, wollte ich wissen und spürte, dass sich Tränen in meinen Augen bildeten. „Warum hast du mit Remy geschlafen, Timmy? Was hat es dir gebracht? War ich dir nicht mehr gut genug im Bett? War das eine Art Racheaktion von dir?“.
„Nein!“, protestierte er aufgeregt und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Gary, so war das nicht. Die Sache ist ganz anders als du denkst. Ich habe nicht freiwillig mit Remy geschlafen. Er hat mich dazu gezwungen“.
„Dasselbe hast du am Telefon auch gesagt“, erwiderte ich knapp. „Du hast gemeint, Remy würde dich mit irgendetwas erpressen. Aber womit, Timmy? Was kann so schlimm sein, dass du dich auf diese verfluchte Affäre eingelassen hast?“. „Ich habe Schulden bei ihm“, antwortete er und senkte beschämt seinen Blick. „Sehr hohe Spielschulden. Fast fünfeinhalbtausend Dollar. Er hat damit gedroht, dir etwas anzutun, wenn ich sie nicht so schnell wie möglich begleiche. Verzweifelt wie ich war habe ich ihn darum angefleht, mir Aufschub zu geben, doch er war in dieser Hinsicht unerbittlich. Allerdings, so hat er gemeint, muss ich meine Schulden nicht unbedingt mit Geld zurückzahlen, sondern könnte sie auch anderweitig loswerden“.
„Aha“, entgegnete ich, fassungslos von dem, was ich da gerade zu hören bekam. „Mit anderen Worten: Er hat dir angeboten, dass er dir deine Schulden erlässt, wenn du dafür mit ihm vögelst? Verstehe ich das gerade richtig?“. „Genau“, gab Timmy beschämt zu und ließ seinen Kopf hängen. „Genau so war das. Ich... ich weiß, dass es falsch war, mich auf diesen unmoralischen Deal einzulassen. Aber ich...“.
„Warte, nur damit ich das richtig sehe“, unterbrach ich ihn und hob reflexartig beide Hände. „Du willst mir also sagen, dass du deine Spielschulden bei Remy weggevögelt hast? Ist das gerade wirklich dein Ernst, Timmy?“. „Ich hatte keine Wahl“, erwiderte er mit beschämter Stimme und wich meinem Blick aus, als ich ihn kritisch musterte. „Ich musste auf seinen Deal eingehen. Andernfalls hätte er seine Drohung womöglich wahrgemacht und dir irgendetwas angetan. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Ich konnte nicht...“.
„Wieso?“, fiel ich ihm ins Wort und spürte heiße Tränen über mein Gesicht laufen. „Wieso hast du das getan, Timmy? Warum bist du nicht zu mir gekommen und hast mit mir darüber gesprochen? Warum hast du diese verfluchte Affäre angefangen? Wie konntest du mir das antun? Wie konntest du nur?!“.
Meine Stimme bebte vor innerer Anspannung und Fassungslosigkeit. Die Wut kochte erneut in mir hoch und ließ mich ruckartig vom Sofa aufspringen, während ich mir die Hintergründe für Timmys Seitensprung wieder und wieder vor Augen führte. Während mir schmerzlich bewusst wurde, dass Timmy es vorgezogen hatte, mit Remy ins Bett zu steigen, anstatt zu mir zu kommen und offen und ehrlich über seine Probleme zu sprechen.
„Ich glaub das grade nicht“, stieß ich hervor und lief unruhig vor ihm auf und ab, versuchte vergeblich, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen und mich auf das Wesentliche zu besinnen. Doch was zum Geier war überhaupt das Wesentliche? Wie sollte ich mit dieser Offenbarung jetzt umgehen? Was sollte ich Timmy jetzt sagen? Was sollte ich tun? Wie sollte ich in der Lage sein, diese Hiobsbotschaft zu verdauen, geschweige denn zu verarbeiten?
„Ich weiß, dass du wütend bist“, unterbrach er meine Überlegungen und stieß ein niedergeschlagenes Seufzen aus. „Ich kann es gut verstehen, wenn du mich jetzt hasst und nie wieder etwas von mir wissen willst. Darum mach schon. Lass deine Wut an mir aus. Schrei mich an und mach mir Vorhaltungen. Peitsch mich aus für das, was ich getan habe. Ich habe es nicht besser verdient. Ich habe dein Vertrauen missbraucht und mit deinen Gefühlen gespielt. Wie konnte ich allen Ernstes glauben, dass du mir das jemals verzeihen würdest? Ich bin so bescheuert“.
Tränen schwangen in seiner Stimme mit und er vergrub aufgelöst seinen Kopf in den Händen. „Ich bin nicht ein Stück besser als Remy“, stieß er winselnd hervor und sank in sich zusammen. „Du hasst mich nach dieser Geschichte bestimmt von ganzem Herzen. Und ich kann es dir nicht einmal übel nehmen. Ich selbst hasse mich auch. Ich hasse mich so sehr für all das, was ich getan habe. Ich bin ein Schwein. Ein mieses, dreckiges Schwein“.
„Timmy...“. Meine Stimme kam nur als ein leises Flüstern heraus, verlor sich beinahe, als ich wieder zum Sofa hinüberging und noch einmal neben ihm Platz nahm. Eine Welle des Mitleids überflutete mich und ließ mich meinen eigenen Schmerz für ein paar Augenblicke hintenanstellen. Egal, wie verletzt ich von seinem Verhalten noch immer war – egal, wie weh er mir durch seine Affäre getan hatte – er bedeutete mir immer noch unendlich viel. Natürlich hatte er sich völlig falsch verhalten, das stand vollkommen außer Frage. Natürlich war ich tief getroffen von dieser Geschichte und konnte noch immer nicht begreifen, warum er nicht einfach zu mir gekommen war, anstatt sich auf Remys unmoralisches Angebot einzulassen.
Aber das hier hatte er nicht verdient. Er durfte sich nicht selbst so sehr quälen und fertigmachen. Er durfte sich nicht schlechter machen als er es war. Er verdiente es nicht, dass ich ihn jetzt durch weitere Vorwürfe noch zusätzlich abwertete und auch noch den Rest seines ohnehin bereits stark beschädigten Selbstvertrauens zunichte machte. Er brauchte jetzt keine moralischen Predigten oder endlose Vorhaltungen der Fehler, die er begangen hatte.
Was er jetzt brauchte, war eine Hand. Eine Hand, die ihn hielt und diese schwere Phase mit ihm durchstand. Eine Schulter, an der er sich anlehnen und seinen Schmerz herauslassen konnte. Ein paar fürsorgliche Worte, die ihm wieder ins Gedächtnis riefen, dass er überhaupt kein so schlechter Mensch war wie er es sich selbst gerade einredete. Er brauchte jemanden, der ihn in die Arme nahm und ihm zeigte, dass er nicht allein war. Er brauchte jetzt sein Black Baby.
„Timmy“, flüsterte ich noch einmal und tastete ganz behutsam nach seinen Händen, in denen er immer noch sein Gesicht vergraben hatte. „Timmy, schau mich an. Komm schon. Schau mir in die Augen, Tim-Tim“. Als er diese Worte registrierte, hob er zögernd seinen Kopf und starrte mir für einen langen Moment in die Augen. „Ich hasse dich doch nicht“, fügte ich hinzu, ebenfalls mit Tränen in den Augen, und legte meine Hand an seine Wange. „Ich könnte dich niemals hassen, Tim-Tim. Niemals, hörst du? Ich liebe dich. Ich liebe dich über alles“.
„Gary, ich...“, versuchte er aufgelöst zu erwidern, doch ich legte ihm den Finger auf die Lippen und wies ihn dazu an, kein Wort mehr zu verlieren. „Sag nichts“, flüsterte ich ihm zärtlich zu. „Sag bitte nichts mehr, okay? Komm einfach her zu mir“. Mit diesen Worten legte ich meine Arme um ihn und drückte ihn so fest ich konnte an mich heran. Zärtlich streichelte ich über sein braunes Haar, zeigte ihm, dass ich jetzt voll und ganz für ihn da war und keinerlei Absichten hatte, noch länger wütend auf ihn zu sein.
Dazu war ich auch überhaupt nicht mehr in der Lage. Ich konnte mich nicht mehr länger von ihm distanzieren, weil ich ganz genau spürte, wie sehr er jetzt meine Nähe brauchte. Es war völlig egal, ob er mich tief verletzt hatte oder nicht. Er war trotz allem noch mein süßer Tim-Tim. Und ich liebte ihn. Mehr als alles andere auf der Welt.
„Psst“, flüsterte ich ihm ins Ohr und schmiegte mein Gesicht dicht an seines heran. „Ist ja gut. Ist ja wieder gut, Tim-Tim“. „Gary, es... es tut mir so Leid“, stieß er unter Tränen hervor. „Es tut mir alles so Leid“. „Ich weiß“, erwiderte ich und schenkte ihm ein paar fürsorgliche Streichler. „Ich weiß, dass es dir Leid tut. Aber deine Selbstvorwürfe bringen überhaupt nichts. Du darfst dich selbst nicht so schlecht machen, Timmy. Du bist trotz allem ein einzigartiger, wundervoller Mensch. Das darfst du niemals vergessen. Darum hör bitte auf, dich selbst so zu quälen und über deine Fehler zu grübeln. Was passiert ist, ist nun einmal passiert und lässt sich nicht mehr ändern. Aber das zwischen uns, Timmy, das lässt sich noch ändern“.
„Wie... wie meinst du das?“, fragte er beinahe piepsend und starrte mich völlig verwirrt an. „Ganz einfach“, antwortete ich und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. „Das heißt, dass du die Vergangenheit hinter dir lassen musst. Sie ist für immer vorbei. Aber das zwischen uns nicht“. „Gary...“, stieß er hervor und hielt sich rasch eine Hand vor den Mund, um ein leises Schluchzen zurückzuhalten. „Ich will wieder mit dir zusammen sein, Tim-Tim“, entgegnete ich und legte die Hand an seine tränennasse Wange. „Wir beide haben schon so viel miteinander erlebt und durchgestanden. Wir sind Seelenverwandte. Das lassen wir uns doch von diesem Mistkerl Remy nicht kaputtmachen, oder?“.
„Gary!“, rief Timmy bewegt aus und fiel mir um den Hals. „Sag doch einfach Black Baby“, erwiderte ich, ebenfalls emotional ergriffen von diesem Moment und klopfte ihm ein paar Mal auf den Rücken. „Das gefällt mir nämlich viel besser“.
Kaum hatte ich diese Worte verlauten lassen, schwang die Tür zur Küche auf und Chloe betrat das Wohnzimmer. „Nein, wie schön“, sagte sie, begeistert und gerührt zugleich von der herzlichen Versöhnungsszene. „Dimmsdales Traumpaar ist wieder zusammen“. „Hast du etwa gelauscht?“, wollte ich wissen, während ich mich aus Timmys Umarmung löste und mir die Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Sagen wir einfach, ich hab's zufällig mitbekommen“, entgegnete sie mit einem verzückten Schmunzeln und nahm dann auf dem Rand des Sofas Platz. Sie schenkte uns beiden ein Lächeln und richtete ihren Blick dann auf mich. „Wie ich sehe, bist du meinem Ratschlag gefolgt“, stellte sie glücklich fest und griff langsam nach meiner Hand. „Ratschlag?“, erwiderte ich verwirrt, da ich ihr nicht ganz folgen konnte.
„Du hast auf dein Herz gehört“, antwortete Chloe zufrieden. „Und dein Herz hat dir gesagt, dass du Timmy noch immer über alles liebst“. „Ja“, erwiderte ich, während ich mich fest an ihn heranschmiegte. „Ja, das tue ich. Und das werde ich auch immer tun, egal, was auch passiert“.

Als Timmy mich am nächsten Morgen abholte, nachdem ich noch eine letzte Nacht bei Chloe verbracht hatte, schwebte ich nach langen Tagen voller Angst, Verzweiflung und Wut das erste Mal wieder auf der allseits bekannten Wolke sieben. Seit ich mich am Abend zuvor ganz in Ruhe mit ihm ausgesprochen hatte, war ich ohne jeden Zweifel zu dem Schluss gekommen, dass ein Leben ohne ihn für mich überhaupt nicht in Frage kam.
Darüber hinaus kannte ich jetzt die wahren Gründe für seine Affäre mit Remy und war infolgedessen überhaupt nicht mehr in der Lage dazu, noch länger wütend auf ihn zu sein. Dazu war er mir einfach viel zu wichtig. Ich liebte ihn zu sehr, als dass ich es noch länger geschafft hätte, mich hinter dem Schmerz, den er mir dadurch zugefügt hatte, zu verstecken und meine wahren Gefühle für ihn zu verleugnen. Außerdem, so führte ich mir ganz deutlich vor Augen, hatte er nur aus Angst, dass Remy womöglich seine Drohung wahrmachen und mir etwas antun würde, so gehandelt. Er hatte es für mich getan. Weil er das Risiko nicht hatte eingehen können, dass mir etwas passierte.
Und wenn man diese Tatsache in Betracht zog, welches Recht hatte ich da denn bitte noch dazu, ihn dafür zu verurteilen und meine Wut gegen ihn zu richten? Schließlich zeigte er mir dadurch, dass ich für ihn das Wichtigste in seinem Leben war. Er hatte nur aus Liebe so gehandelt. Aus echter, unerschütterlicher Liebe.
„Du wirst uns fehlen“, unterbrach Chloe meine Gedanken, als sie aus der Küche kam und überreichte mir – sozusagen als kleines Abschiedsgeschenk – eine Packung von dem Holundertee, mit dem sie mich die letzten Tage ausreichend versorgt hatte. „Danke“, sagte ich und schloss sie kurz in die Arme, bevor ich mich wieder Timmy zuwandte, der wartend im Türrahmen lehnte und mich anlächelte.
„Ihr mir auch“, erwiderte ich dann auf ihre Aussage hin und streichelte aufmunternd ihre Hand. „Aber ich kann einfach nicht länger warten. Ich will zurück zu Timmy. Außerdem bin ich euch bereits lange genug auf den Geist gegangen, findest du nicht auch?“. „Davon kann doch überhaupt keine Rede sein, Gary“, lehnte sie ab und schüttelte verneinend den Kopf. „Trevor und ich haben das wirklich sehr gerne gemacht. Du weißt doch, dass meine Tür immer für dich offensteht. Ich habe mich wirklich über deinen Aufenthalt hier gefreut. Und ich würde lügen, wenn ich nicht sagte, dass ich dich sehr vermissen werde“.
Eine kleine Abschiedsträne huschte ihre Wange hinunter, als sie diesen Satz beendet hatte und ich streichelte zärtlich über ihre Hand. „Hey Chloe“, sagte ich dann und lächelte. „Du wirst doch wohl jetzt nicht weinen, oder?“. „Tut mir Leid“, erwiderte sie und versuchte mit aller Kraft, sich zu beherrschen. „Ich weiß ja, wie albern das jetzt aussehen mag und dass es eigentlich vollkommener Quatsch ist, deswegen zu heulen. Aber das Zusammenleben mit dir hat wirklich Spaß gemacht und...“.
Sie konnte ihr Schluchzen nicht mehr unterdrücken und ich nahm sie noch einmal ganz fest in die Arme. „Mir hat es auch Spaß gemacht“, erklärte ich ihr, ebenfalls sehr ergriffen von diesem Moment. „Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal die Gelegenheit nutzen, mich für alles bei dir zu bedanken. Danke, dass du mich aufgenommen und mir zugehört hast. Das werde ich dir nie vergessen, Chloe. Du bist die allerbeste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Ich hab dich lieb“.
„Ich dich auch, Gary“, schluchzte sie zur Antwort, gerade in dem Moment, als Trevor das Zimmer betrat. „Was ist hier denn los?“, wollte er verblüfft wissen und wandte sich mit verwirrtem Gesichtsausdruck an Timmy. „Warum heulen die zwei wie die Irren? Ist irgendwer gestorben oder was?“. „Nein“, antwortete Timmy und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. „Nur ein sentimentaler Weiberabschied“.
Auf diese Worte hin musste Trevor ebenfalls lachen und ich löste mich rasch von Chloe, bevor ich ein leises Knurren ausstieß. „Pass auf, was du sagst, Tim-Tim“, mahnte ich ihn in gespielt vorwurfsvollem Ton. „Noch kann ich es mir anders überlegen und hier bleiben“. „Sorry, Black Baby“, entschuldigte er sich bei mir, bevor er auf mich zukam und mir ein Lächeln schenkte. „War nicht böse gemeint, okay?“.
„Das bin ich also für dich, ja?“, neckte ich ihn spielend und in bewusster Absicht. „Ein sentimentales Weibsbild?“. „Aber nein, Gary“, wehrte er ab und küsste mich sanft auf die Stirn. „Das war doch bloß Spaß. Du bist mein süßer Prinz. Mein kleines Black Baby. Außerdem liebe ich deine sentimentale Seite über alles, das weißt du doch“. „Na bitte, geht doch“, entgegnete ich und kicherte leise, woraufhin Chloe uns schelmisch angrinste.
„Wie in alten Zeiten“, meinte sie mit einem Kichern und zwinkerte mir zu, was ich durch ein Nicken bestätigte. „Oh ja“, sagte ich dann und schlang meine Arme fest um Timmy. „Ganz wie in alten Zeiten“.

Während der Fahrt nach Hause musste ich die ganze Zeit über lächeln, weil ich in diesem Moment so glücklich war wie schon seit langem nicht mehr. Timmy blieb meine Fröhlichkeit selbstverständlich nicht verborgen und er schenkte mir einen zärtlichen Blick, der mir ganz genau verriet, dass er im Moment auch über alle Maßen glücklich war. „Freust du dich schon auf Zuhause?“, wollte er wissen, während er ein Stückchen sein Tempo beschleunigte. „Mmh“, bestätigte ich ihm und hätte ihn am allerliebsten sofort niedergeknutscht, doch selbstverständlich wusste ich, dass ich mich noch eine Weile gedulden musste, bevor ich mir diese Geste erlauben konnte.
Timmy seufzte leise und biss sich kurz auf die Unterlippe, ehe er ein verlegenes Räuspern verlauten ließ. „Ähm, es kann sein, dass du dich ziemlich erschrecken wirst“, erklärte er mir dann, was mich dazu veranlasste, verwundert eine Augenbraue hochzuziehen. „Wieso denn das?“, erkundigte ich mich gespannt, weil ich keine Ahnung hatte, was er mir dadurch andeuten wollte.
„Weil ich noch nicht zum Aufräumen gekommen bin“, gestand er dann und verringerte seine Geschwindigkeit wieder. „Mir hat irgendwie die Kraft dazu gefehlt, Ordnung zu schaffen und alles wieder sauberzumachen“. „Au“, rief ich aus und hielt mir beschämt eine Hand vor den Mund, als mir bewusst wurde, worauf er damit anspielte. Mit endlos tiefer Scham in mir erinnerte ich mich an meine Verwüstungsattacke, mit der ich unsere gemeinsame Wohnung komplett auf den Kopf gestellt hatte.
„Ist... ist es sehr schlimm?“, wollte ich wissen und konnte dabei ganz genau fühlen, dass ich blutrot anlief. „Ich meine... habe ich wirklich alles...?“. Meine Stimme verlor sich und ich ließ bedrückt den Kopf hängen. „Sagen wir es so: Ordentlich sieht anders aus“, antwortete Timmy und lachte, um mich aufzumuntern, doch ich konnte mich keineswegs darüber amüsieren.
„Mein Gott, was habe ich getan?“, stieß ich aufgeregt hervor, während die Szenen meiner Kurzschlussreaktion in meinem Kopf auftauchten und mir jedes kleine Detail ungeschminkt vor Augen hielten. „Ich habe unsere Wohnung kurz und klein geschlagen. Ja, bin ich denn meschugge geworden? Was ist da bloß in mich gefahren?“. „Enttäuschung und Wut“, antwortete Timmy in verständnisvollem Ton und legte mir sanft seine Hand aufs Knie. „Du warst ganz einfach verletzt. Kein Wunder, dass du nur noch Rot gesehen hast. Ich an deiner Stelle hätte wahrscheinlich nicht anders reagiert“.
„Und die Wohnung auseinandergenommen?“, fragte ich mehr sarkastisch als wirklich ernst gemeint und senkte voller Scham meinen Kopf. „Wenn ich so wütend gewesen wäre wie du, dann bestimmt“, erwiderte Timmy, noch immer darum bemüht, mich wieder aufzumuntern. „Mach dir bitte keinen Kopf. Es ist nicht so schlimm wie du es dir vielleicht ausmalst. Unsere Fotos brauchen einen neuen Rahmen, die Sofakissen müssen ersetzt werden und das Geschirr ist hinüber. Aber das kann man alles wieder nachkaufen. Überhaupt kein Problem“.
„Und... dein Fußballpokal?“, erkundigte ich mich und hatte den dringenden Wunsch, vor lauter Scham in meinem Sitz zu verschwinden. „Der ist hin“, erklärte er und stieß ein kurzes Seufzen aus. „Ich hab alles versucht, um ihn wieder zu reparieren, aber leider vergeblich. Absolut nichts zu machen“. „Oh nein!“, rief ich aus und hätte am liebsten angefangen zu heulen. „Dein toller Pokal. Das war immer dein ganzer Stolz. Und jetzt... und jetzt...“.
„Hey Gary“, unterbrach er mich und lächelte mich zärtlich an. „Beruhig dich doch. Das ist doch überhaupt nicht schlimm“. „Doch!“, protestierte ich lautstark, den Tränen nahe. „Du warst immer so stolz darauf. Du hast ihn geliebt. Und ich habe ihn einfach ruiniert. Wie konnte ich das denn bloß tun? Das verzeihst du mir doch nie!“. „Aber Gary“, lehnte Timmy mit sanfter Stimme ab und legte seine freie Hand an meine Wange. „Da gibt es doch gar nichts zu verzeihen. Was ist denn bitte so ein blöder Pokal im Vergleich zu meinem wunderschönen Black Baby, hm?“.
„Ja, aber... aber...“, wollte ich entgegnen, doch er gab mir gar keine Gelegenheit dazu. „Kein Aber, Gary“, unterbrach er mich, als er seinen Finger an meine Lippen führte. „Diese Fußballtrophäe ist nichts weiter als ein billiges Stück Glas, das man genauso gut durch jedes x-beliebige ersetzen kann. Aber dich, Baby, dich kann man nicht ersetzen. Du bist einzigartig, Gary. Und du bedeutest mir doch tausendmal mehr als irgend so ein dämlicher Pokal“.
„Wirklich?“, fragte ich gerührt und versuchte, trotz meiner Tränen zu lächeln. „Aber natürlich, Baby“, machte er mir noch einmal deutlich. „Du bist mein Engel, Gary. Das schönste Geschenk, das ich in meinem Leben jemals bekommen habe. Und ich verspreche dir, dass ich dich niemals wieder hergebe. Niemals wieder, mein Hübscher, okay?“.
„Danke, Tim-Tim“, flüsterte ich leise und wischte mir rasch über das Gesicht. „Ich liebe dich auch über alles. Darum möchte ich auch, dass mein Herz wieder ganz alleine dir gehört. Aber wenn ich es dir noch einmal schenke, kannst du mir dann bitte etwas versprechen?“.
„Natürlich“, antwortete er und nickte zur Bestätigung. „Ich verspreche dir, was immer du willst“. „Bitte lüg mich niemals wieder an“, bat ich ihn und streichelte seine Hand. „Sei bitte immer ehrlich und sag mir die Wahrheit, egal, wie weh sie mir auch tut. Mach mir nie mehr etwas vor und versuch nicht, mich zu täuschen. Wenn du mir das versprichst, dann wird mein Herz für alle Zeiten für dich schlagen“.
„Ich verspreche es dir, mein Black Baby“, gelobte Timmy und hob wie zum Schwur seine Hand. „Ich verspreche, dass ich dir von jetzt an immer alles erzählen und dir nie wieder etwas verschweigen werde. Ich werde immer ehrlich zu dir sein und dich niemals wieder anlügen, darauf gebe ich dir mein Wort“. Ich nickte ihm lächelnd zu, bevor ich mich in meinem Sitz zurücklehnte und aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Straße schaute.
Eine Zeit lang schwieg ich, malte mir in Gedanken aus, wie man unsere Versöhnung gebührend feiern konnte und hatte dabei natürlich schon ein paar bestimmte Dinge im Sinn. „Du, Tim-Tim“, sagte ich mit einem Grinsen, als ich meinen Kopf wieder in seine Richtung drehte. „Ließe sich dein Versprechen vielleicht noch um ein kleines Kriterium erweitern?“. „Wie meinst du das?“, wollte er verwundert wissen und zog verwirrt eine Augenbraue hoch.
„Nun, ich würde gerne noch eine klitzekleine Bedingung hinzufügen, sofern du damit einverstanden bist“, erklärte ich ihm und grinste. „Und die wäre?“, erkundigte er sich gespannt und lachte kurz auf. „Sofern es dir nichts ausmacht...“, setzte ich schließlich zu meiner Bekanntgabe an. „...würde ich dir von heute an gerne jeden Abend die Füße massieren. Ich denke, du weißt schon, warum, oder?“. Timmy lachte erneut, als ich diese Worte gesagt hatte, und warf mir einen geschmeichelten Blick zu. „Ich habe da so eine Idee“, erwiderte er dann. „Du bist scharf auf meine Füße, kann das sein?“.
„Wie hast du das erraten?“, kicherte ich zur Antwort, wohlwissend, dass ich mir durch diese, wenn auch unscheinbare, Bedingung einen kleinen Vorteil verschaffte. „Weil ich dich kenne“, erwiderte er und musste sich zusammenreißen, um keinen Lachanfall zu bekommen. „Also, was ist?“, wollte ich gespannt wissen. „Bist du mit der Bedingung einverstanden?“. „Hab nichts dagegen“, meinte er und zuckte mit den Schultern. „Sofern es dir nicht zu blöd ist, mir jeden Abend die Stinkefüße zu massieren“.
„Keine Sorge, Tim-Tim“, wehrte ich schnell ab und kostete den Triumph, den ich durch seine Zustimmung gerade erhalten hatte, in vollen Zügen aus. „Ganz bestimmt nicht“.
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