Moralischer Kompass

GeschichteDrama / P12
James "Krone" Potter Lily Potter
01.11.2016
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Moralischer Kompass


Sie saßen am Ufer des schwarzen Sees, wie sie es schon so oft gemeinsam getan hatten. Früher noch als Freunde – in einer Gruppe, gemeinsam lachend, immer ein wenig näher beieinander als die anderen es zu tun pflegten; dann in ihrer Beziehung – händchenhaltend, verträumt, überglücklich. Nun saßen sie wieder hier, kurz vor dem Ende ihrer Beziehung. Doch das wusste bloß Lily, die mit einem brennenden Knoten im Hals Grashalme ausrupfte und sie über ihre übereinander geschlagenen Beine rieseln ließ. James ahnte nichts, er lachte und scherzte wie sonst auch, fuhr sich über das Haar und grinste seine Noch-Freundin an. Die lächelte zurück und hoffte, dass James nicht sah, dass sie nur mühsam Tränen zurückhielt. Doch andererseits hoffte sie genau das, nämlich dass er es bemerken würde und somit nicht ganz so selbstbezogen und rücksichtslos war, wie es manchmal den Anschein hatte. Noch jedoch merkte er nichts sondern ließ freudestrahlend den letzten Streich, den er und Sirius McGonagall gespielt hatten, Revue passieren, und Lily kam nicht umhin, ebenfalls loszuprusten. Das würde sie vermissen. Diese Leichtigkeit, die James und seine Freunde immer zu umgeben schien. Natürlich waren er und Sirius die treibende Kraft, doch auch wenn Peter und Remus zurückhaltender waren, taten sie ihr übriges, das Schloss durch Streiche und Scherze zu beleben. Lily fragte sich, ob sie wohl mit den anderen würde befreundet bleiben können, wenn sie Schluss machte. Oder, was am Schönsten wäre, ob sie sogar mit James würde befreundet werden können. Gleichzeitig jedoch wollte sie das ja lieber nicht, dass war ja gerade der Grund, warum sie Schluss machen wollte … Sie seufzte und ließ sich nach hinten sinken, bis sie auf dem Rücken lag und das Kitzeln des Grases in ihrem Nacken spürte. Moralische Konflikte waren schwer. Noch schwerer, wenn der Junge, um den es ging, gerade neben einem lag und so gut roch und man seine Körperwärme am liebsten noch ein wenig näher gespürt hätte.

„Was ist denn los, Lils? Du bist heute so still.“ Er hatte also doch etwas bemerkt. Lily hielt die Augen geschlossen, doch daran, dass sich ein Schatten vor ihr Gesicht schob, merkte sie, dass James sich nun über sie gebeugt hatte. Sie sagte nichts und öffnete auch nicht die Augen. Auch James blieb ganz still, schien sie einfach nur stumm anzusehen. Plötzlich spürte sie seine warmen Finger an ihrem Schlüsselbein und schrak unwillkürlich zusammen und riss die Augen auf. „Hey, ganz ruhig! Da war nur ein Maikäfer. Den habe ich natürlich runtergeschubst. Dich teile ich doch nicht mit Insekten!“ Er sah liebevoll auf sie hinunter und sie wollte in seinen braunen Augen, die sich so sehr nach Zuhause anfühlten, versinken. Als er dann vorsichtig seine Lippen auf ihre legte, ließ sie es nicht nur geschehen, sondern schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herunter. Sie seufzte in seinen Mund. So wurde das mit dem Schlussmachen doch nie etwas!

Als die beiden schließlich wieder zu Atem gekommen waren und ruhig und Hand in Hand dalagen, fühlte Lily sich entsetzlich. Dieser Nachmittag verlief ganz anders als geplant. Sie musste jetzt endlich Mut fassen, und sagen, was sie zu sagen hatte, auch wenn das nach all dem eben schrecklich paradox wirken musste.

Sie richtete sich auf und sah zu James. Nun war er es, der mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Doch im Gegensatz zu Lily vorhin umspielte ein Lächeln seine Lippen. Er lächelte eigentlich fast immer und gerade diese Fähigkeit, seine ganze Umgebung aus seinem Inneren zu erleuchten war es, die Lily so anzog. Sie wünschte sich, er könnte immer so sein, und nicht manchmal so … anders. So schrecklich gemein und nahezu entsetzlich. „James, ich – eigentlich wollte ich heute mit dir reden.“

Er öffnete die Augen, grinste. „Wenn das der Plan ist, ist es immer eine ganz schlechte Idee, anzufangen, zu küssen. Dann ist der Mund nämlich anderweitig beschäftigt.“ Lily verdrehte die Augen und streckte die Zunge raus. Ein ernsthaftes Gespräch mit James zu beginnen war immer ein unheimlich komplizierter Akt.

„Also, sei mal bitte ernst für ein paar Sekunden. Oder Minuten. Oder …“ Ihre Stimme verflog sich. Wenn sie gesagt hatte, was sie sagen wollte, würde James wohl für länger als ein paar Minuten ernst sein. Vielleicht würde er richtig wütend auf sie sein. Das konnte sie sich zwar nicht vorstellen, da er zu ihr, bis auf kleinere Scherze immer nett gewesen war, doch sie wusste, wie er von scherzhaft plötzlich in skrupellos umschlagen konnte, wenn ihn etwas wirklich wütend machte.

Sie holte tief Luft und legte dann einfach los. Vielleicht etwas zu schnell, aber das war egal, Hauptsache, es war endlich draußen: „Ich bin ja mit dir zusammengekommen, weil ich dachte, du hättest dich endlich verändert. Also, du wärst endlich erwachsen geworden. Einfach weniger … weniger Arschloch, um das mal so zu sagen. Entschuldige. Aber mit der Zeit merke ich mehr und mehr, dass das gar nicht stimmt. Du bist immer noch der selbe James, der fast nie ernst ist, sich über alles lustig macht – was Spaß machen kann, das gebe ich ja zu – aber dann schlägt dein Humor in Grausamkeit um und was soll ich sagen, ich möchte einfach nicht mit jemandem zusammen sein, der aus Vergnügen andere fertig macht.“ Es war still. Für Lily war es, als sei das einzige, was sie hören konnte, James tiefes aber stockendes Atmen.

Er richtete sich nun auf und sah sie an, absolut fassungslos: „Du machst also Schluss, ja?! Weil ich so bin, wie ich nun eben bin?“ Sie sah zu Boden. „Es wäre ja blöd, Schluss zu machen, wegen irgendwas, das du gar nicht bist“, murmelte sie. Er lachte spöttisch auf. „Aber es ist ja so, dass du wusstest, wie ich bin, bevor wir zusammen kamen. Du dachtest, ich habe mich verändert – und ich habe mich auch verändert. Ich weiß, dass ich früher oft Grenzen überschritten habe. Aber das tue ich nicht mehr. Meine Witze sind meistens harmlos, und wenn wir mal richtig gemein werden, dann auch zu Leuten, die das verdienen. Und wenn du willst dass ich immer nur lieb und sanft und passiv und nett zu allen bin, dann hast du einfach den falschen Freund, das bin nämlich nicht ich.“ Seine Stimme klang so verletzt, dass es Lily schmerzte, doch da war eine unerbittliche Schärfe in seinem Ton, die sie gleichzeitig zurückschrecken ließ.

„Dann ist das wohl so“, antwortete sie tonlos. „Dann war es einfach ein Fehler, das mit uns. Du bist lieb und lustig und ich kann leider nicht mal sagen, ich wäre nicht in dich verliebt, aber ich glaube, ich brauche jemanden erwachseneren. Mit einem stärkeren moralischen Kompass.“

Er war aufgesprungen und warf in einer verweifelt-höhnischen Geste die Arme in die Luft. „Erwachsen, moralischer Kompass? Lily, hörst du dich eigentlich selbst reden, wie du klingst? Verdammt, wir sind nun einmal faktisch nicht erwachsen, und das Spaßhaben und die Freiheit werde ich mir bewahren, so lange ich kann. Und wenn du nicht siehst, dass ich trotzdem eine Moral haben kann, dann ist das nicht mein Problem.“ Er stürmte davon.

Lily blieb noch auf dem Gras liegen bis es dunkel und kühl wurde. Die Wärme von James‘ Körper, die sie vor kurzem noch gefühlt hatte, war wie ein Wunschtraum. Etwas, das sie sich immer ersehnt hatte, aber nie erlebt.

Verflucht, war das frustrierend! Hatte sie James ganze Persönlichkeit wirklich so verkannt? Hatte sie wegen völlig überzogener Ansprüche das Beste, was ihr je passieren könnte, weggegeben? Aber konnte man in ihrem Alter überhaupt schon von 'Dem Besten, was einem passieren könnte' sprechen? Passierte so etwas nicht irgendwann wenn man erwachsen war? Aber wollte sie nicht gerade das sein, erwachsen, zumindest moralisch? So ein Mist.

Sie drehte sich um und presste ihr Gesicht in das kühle, duftende Gras. Sie wollte doch nur das Richtige tun und ein guter Mensch sein. Allerdings wusste sie, irgendwo in sich drinnen, dass manchmal der erste Schritt zum Gutsein darin lag, sich selbst glücklich zu machen. Und den, der sie am glücklichsten machte, hatte sie gerade weggeschickt. Und auch wenn ihr moralischer Kompass wohl gerade stolz auf sie war, der Rest ihres Herzens und ihrer Seele und ihres Körpers bereute jedes Wort, das sie vorhin gesagt hatte.

Sie wusste, dass ein distanzierter Betrachter, der sie sehen könnte, wie sie so melodramatisch heulend im Gras lag, sie wahrscheinlich auslachen würde. Allerdings spürte der distanzierte Betrachter auch nicht das schmerzhafte Fehlen von James‘ Wärme, das sich nun kühl und farblos in ihr Leben bahnte.


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Wettbewerb: Konsequent Inkonsequent, Runde 1

Vorgaben:

Pairing: Lily Evans x James Potter | Alastor Moody x Hestia Jones | Albus Dumbledore x Gellert Grindelwald | Luna Lovegood x Ginny Weasley
Wortvorgaben (drei müssen enthalten sein): Maikäfer│gähnen│Legende│auslachen│verschweigen│Puzzle│erleuchten│sieben
Länge: zwischen 750 und 5000 Wörtern
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