Dieser Tag, er sei Finsternis

OneshotDrama, Angst / P16
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
01.11.2016
01.11.2016
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1932
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Dieser Tag, er sei Finsternis


„'Warum?' heißt nicht: 'Was war die Ursache?' Es ist mehr Klage als Frage. Ein Protest gegen einen quälenden Mangel an Logik in der Welt. Eine Reaktion auf eine offenbar rohe Sinnlosigkeit der Dinge.“
- aus 'Das Böse', Terry Eagleton

Ein Zischen war das erste, das er hören konnte, als er langsam wieder zu Bewusstsein kam. Dazu gesellte sich bald ein Knacken, so als würde Glas auftauen und fast zerbersten.
Er roch Wasser – so sehr man Wasser eben riechen konnte – und einen Anflug von Kühlmittel und menschlicher Haut. Der Geruch war unangenehm. Er zwickte ihm in der Nase und er atmete ein paar Mal tief ein und aus.
Es wurde nicht besser dadurch. Eher im Gegenteil.
Mühsam bewegte er seine Augen hinter verschlossenen Lidern hin und her. Noch konnte er nichts sehen. Sein Geist kämpfte sich an die Oberfläche und seine erste Empfindung war so stark und penetrant, dass er darüber den Verstand zu verlieren drohte – panische Angst.
Sofort beschleunigte sich sein Atem und er öffnete leicht den Mund, um mehr Luft zu bekommen, doch hatte er direkt das Gefühl, ersticken zu müssen.
Irgendwann vernahm er ein schleifendes Geräusch und warme Luft umströmte ihn in einer Welle, die eine Gänsehaut auf seinem Körper hervorrief. Kraftvoll bewegte er seinen Arm und seine Beine und versuchte sich aus der Position zu lösen, doch wurde er von Gurten zurückgehalten.
Warme Hände auf seiner Haut und die Gurte lockerten sich. Hektisch riss er die Augen auf und sah sich von menschlichen Schatten umgeben. Sie sahen ihn alle an und griffen nach ihm. Zorn machte sich in ihm breit, denn er wollte nicht angefasst werden.
Er holte mit seinem Arm aus und stieß zwei Männer von sich, die ihn zu greifen versucht hatten. Dann stürzte er aus seiner Befestigung nach vorne und landete unsanft auf den Knien. Der Boden unter ihm war weiß gefliest und er sah aus dem Augenwinkel mehrere Schuhe.
Sie behielten ihm im Blick, er hatte keine Chance. Schon wieder.
„Aufhören, Sie verstören ihn doch nur“, rief die Stimme eines Mannes, der aber anscheinend auch zurückgehalten wurde.
Aus einem Impuls heraus erhob er sich plötzlich aus seiner knienden Position und griff dem nächsten Mann an den Hals, um ihn bei Seite zu schleudern. Sein linker Arm fehlte ihm seltsamerweise und er verdrängte die Frage nach der Ursache dafür sofort wieder.
Er wollte nicht wissen, was sie mit ihm angestellt hatten.
Der Mann stürzte in ein Regal zu seiner rechten, doch konnte er danach nicht erkennen, was vor sich ging, denn auf seinen Augen war noch ein schmieriger Film zurückgeblieben. Er wusste, dass er jetzt laufen müsste, um überhaupt eine Chance auf Flucht zu haben.
Sie sollten ihn endlich in Ruhe lassen. Er wollte das nicht mehr...
Es griffen noch mehr Hände nach ihm, doch schüttelte er sie ab und begann auf dem glatten Boden so schnell wie möglich zu laufen. Nicht umblicken, einfach rennen so schnell du kannst.
Seine gesamte Umgebung bestand aus Weiß und Glas. Diese Räume hier waren anders als die in seinen diesigen Erinnerungen, doch wollte er trotzdem so bald wie nur irgend möglich hier weg. Sie würden ihm wieder wehtun, er wollte das nicht, denn er hatte Angst davor.
Er hatte doch nichts getan. Er hatte sich an die Regeln gehalten, wieso wollten sie ihn dann wieder festhalten?
Die Füße schmerzten, denn er war noch nicht vollständig aufgetaut, das spürte er. Die Kälte hatte sich in seinem Fleisch festgesetzt wie ein Parasit, der ihn von innen heraus aufzufressen versuchte. Was hatte er nur getan, dass sie ihn wieder so unerbittlich jagten?
Er wusste es nicht.
Erschöpft fiel er seitlich gegen eine der schräg nach außen ragenden Glaswände und sah nach draußen. Das was er erkennen konnte, war ein tiefer, grüner Abgrund. Es sah aus, als würde er in den ewigen Urwald stürzen, der sich vor ihm ausbreitete.
Es war beängstigend, doch gleichzeitig beruhigend. Das Grün hatte etwas Belebendes, und zugleich etwas Verschlingendes. Es würde ihn verschlucken und nie wieder hergeben. Die Kraft verließ ihn und er lag nur noch auf der schräg gestellten Scheibe, um in den Abgrund unter sich zu blicken.
„Vorsichtig“, murmelte eine Stimme hinter ihm und er schloss die Augen.
Sie waren da.
Und sie würden ihn holen...
Mit einem Arm entkäme er ihnen nicht, er war eingeschränkt und hatte nicht annähernd die Kraft, die er benötigte, um sich zu wehren. Er war ihnen ausgeliefert. Und er würde wieder bestraft werden, obwohl er nicht einmal wusste wofür.
Jemand berührte ihn an der Schulter und er spürte sofort die Wärme aus dessen Körper auf seinen übergehen. Sein Fluchtinstinkt wich einem seltsamen Gefühl, er wurde schlagartig so müde, dass ihm die Augen zu fielen.
Er wollte einfach nur schlafen und vor ihnen sicher sein. Er wollte wieder eingefroren werden. Er wollte nicht für sie töten...
„Bucky, nicht erschrecken. Ich bin's. Steve“, sagte eine andere Stimme, er erkannte sie wieder von vorhin, als er aufgewacht war in diesem Raum mit den weißen Fliesen. Die warme Hand gehörte wohl zu ihm. Steve.
Steve...
Von einer auf die nächste Sekunde beschleunigte sich sein Atem so heftig, dass seine Kehle schmerzte und er die Augen aufriss. Die Müdigkeit war so plötzlich verschwunden, wie sie Besitz von ihm ergriffen hatte.
Er konnte sich nicht bewegen, war vollkommen ausgelaugt.
Dann vernahm er Schritte, die sich um ihn herum bewegten und in seinem Blickfeld tauchte ein Mann auf. Er war groß und blond, hatte blaue Augen, die sein Gesicht aufmerksam musterten. Sie strahlten Freundlichkeit und eine genau so wohltuende Wärme aus wie die Hand, die er ihm zuvor auf die Schulter gelegt hatte.
„Bucky. Bist du da?“ fragte Steve nun mit dunkler Stimme.
Sie war Balsam für seine geschundene Seele, denn ihm war klar, dass Steve ihm nicht wehtun würde. Selbst wenn er einen Fehler gemacht hatte, Steve würde dafür sorgen, dass sie ihm nicht wehtaten, wenn sie hier herkämen.
Er nickte langsam und immer noch schweigend, während sich sein Kreislauf und auch seine Atmung normalisierten und er sich annähernd wieder stabil fühlte. Laufen könnte er trotzdem nicht.
Also blieb er einfach so da halb liegen, während Steve ihn immer noch musterte.
„Willst du erst einmal so liegen bleiben?“ fragte Steve sachte und Bucky nickte wieder, denn er wollte sich wirklich noch nicht bewegen. Seine Augen tränten und brannten und er wollte sich eigentlich darüber reiben, doch konnte er seinen Arm nicht koordiniert bewegen.
Kurzerhand brach er seinen kläglichen Versuch ab und blinzelte mehrmals.
Steve zupfte sich den Ärmel seines Pullovers über die Hand und näherte sich langsam seinem Gesicht, um wie mit einem Tuch darüber wischen zu können.
„Soll ich?“ fragte er leise und Bucky schloss einfach die Augen, um Steve sein Vorhaben zu erleichtern. Behutsam wischte er ihm die nassen Spuren von den Wangen und verharrte noch ein paar Sekunden in seiner Position.
Er öffnete derweil wieder die Augen und spürte, wie sich ihm die Müdigkeit erneut aufdrängte. Seine Angst verblasste weiter, doch löste sie sich nicht vollständig auf. Diese anderen Menschen waren ihm nicht geheuer.
Steve schon.
Denn ihn kannte er.
„Deine Vitalzeichen spielten verrückt. Wir mussten dich auftauen“, erklärte Steve nun, doch wusste er nicht, was er damit meinte. Hatte Steve ihn etwa eingefroren?
Weil er keinen Laut von sich gab, sah Steve ihn erschrocken an.
„Kannst du dich überhaupt erinnern, wo du bist?“ fragte der blonde Hüne vor ihm und runzelte die Stirn. Da er keine Antwort auf die Frage wusste, schüttelte er erschöpft den Kopf und murmelte etwas vor sich hin, das er selbst nicht verstand.
Steve seufzte und sein Blick veränderte sich erneut. Doch konnte er ihn dieses Mal nicht zuordnen. Er sah gequält aus, beinahe erschüttert.
„Du bist in Wakanda. Hier bist du sicher, niemand will dir wehtun. T'Challa gehört dieser Komplex hier und er hat uns geholfen, damals in Sibirien. Erinnerst du dich?“
Tatsächlich, etwas klingelte da bei ihm. Langsam schlichen sich Bilder von Begebenheiten in sein Bewusstsein, doch nicht nur das, auch Gesichter von Menschen, die er kennengelernt hatte. Meistens waren sie bewaffnet. Doch kämpften sie nicht gegen ihn.
Eine Flutwelle aus Erinnerungen bestürmte dann seinen Geist und ihm wurde schlecht, weil er auch blutbeschmierte Leichen, schlecht behandelte Wunden und Trümmer von ehemaligen Wohnorten sah.
Er war dafür verantwortlich, für all das Leid, an das er sich nun erinnern konnte.
Ich erinnere mich an alles“, röchelte er mühsam und streckte seine rechte Hand aus, um sich von Steve in eine aufrechte Position ziehen zu lassen.
Hier wollte ihm wirklich niemand wehtun, niemand wollte ihn bestrafen oder leiden sehen. Dabei war es genau das, was er eigentlich verdient hätte. Er war weggelaufen, ohne eine Berechtigung dafür zu haben.
Und wegen dieser Erinnerungen war er hier. Er hatte sich ihretwegen einfrieren lassen. Um andere in Sicherheit zu wissen. Er hatte geschlafen, um andere Menschen zu schützen.
Doch nun würde er von Schlaflosigkeit geplagt werden. Weil er wusste, dass alle Menschen in seiner Nähe nun der Gefahr ausgesetzt waren. Der Gefahr, ihm ausgesetzt zu sein.
„Friert mich bitte wieder ein“, flüsterte er, bevor er sich kraftlos auf den Boden sinken ließ. Er wollte nicht wach sein und mit der Schuld leben müssen. Sie war nämlich unerträglich.
Und er hatte nicht die Kraft sie länger auszuhalten.
Er hatte Angst. Doch nicht vor den anderen.
Schon lange nicht mehr.

Anmerkung: Wenn wir schon einmal bei den alternativen Gedankengängen der Hauptfiguren nach „Civil War“ sind, dann könnt ihr im OS Keine Reue ohne Scham bei Steve weiterlesen, wenn ihr mögt.
Natürlich würde mich interessieren, was ihr von diesem Ausflug in Buckys Gedankenwelt nach dem Auftauen in Wakanda haltet, mich hat es jedenfalls brennend interessiert, was in seinem Köpfchen so los sein könnte.
LG, Erzaehlerstimme
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