Würdet ihr die Wahrheit kennen...

von Nymphen
OneshotSchmerz/Trost / P6
01.11.2016
01.11.2016
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Mit Tränen in den Augen saß Sam mit Rücken an die Wand gepresst auf den kalten Teppichboden. Ihre Beine hatte sie eng angewinkelt und hielt sie mit ihren Armen fest an sich gepresst. Das Kinn des Mädchens konnte so ruhig in der Kuhle zwischen den Kniegelenken verweilen. Die braunen Haare waren nicht mehr in der Enge des Kopftuches gefangen und breiteten sich über Arme und Beine aus.
Diese Gekauerte Stellung bot ihr Schutz vor noch mehr Kummer. Natürlich war sie, Samirah al-Abbas, kein Waschlappen, der über Kleinigkeiten weinte. Nein, sie war eine stolze Walküre von Walhalla und Odin persönlich hatte das Mädchen erwählt. Über so etwas zu weinen war doch kindisch.

Energisch sprang die Jugendliche auf, nur um kurz darauf sich mit einem Plumpsen auf die Bettdecke fallen zu lassen. Ach, sie war auch wirklich dämlich. Gunilla würde wahrscheinlich lachen, hätte sie die Tochter des Loki so gesehen. Bei den Gedanken an die Walküren Kommandantin schmiss die Jugendliche ein Kissen auf den Boden.

Doch auch die Wut auf Gunilla half nichts. Sam war in ein Loch des Kummers gefallen. Dies kam alle paar Wochen mal zustande und jedes Mal war es schlimmer als beim letzten Mal. Der Auslöser war es immer, wenn sie ihre Großeltern so glücklich und gläubig sah. Ihre Großeltern waren zwar streng, doch sie liebten Samirah wirklich und darauf kam es an.

Sie wissen nichts über ihren Irrglauben. Sie wissen nichts über meinen Walkürenjob. Sie wissen nichts von Monstern. Sie wissen nichts.

Sie wussten wirklich nichts und dass machte die Braunhaarige noch wahnsinnig. Wenn das Ehepaar nämlich Bescheid wüsste, dann müsste sie keine Fragen über ihr langes Wegbleiben beantworten. Dann müsste sie nicht ständig lügen. Müsste auch nicht mehr aus den Fenster steigen, während ihre Großeltern dachten, ihre Enkelin würde schlafen. All das müsste Sam dann nicht mehr tun. Sie könnte dann auch endlich die Wahrheit über ihren Vater und ihre Mutter erzählen.

Nein. Das ging nicht. Sie konnte es ihnen nicht sagen. Das hätte bedeutet ihnen ihren Glauben zu nehmen. Ihre gesamte Erziehung zunichte zu machen. Angst über das Leben ihrer Verwandten zu streuen.
Die Schattenseite des Glücks war zu groß, als dass sie die Wahrheit offenbart hätte. Diese gesamten Überlegungen hatte die Walküre sich schon so oft gemacht und obwohl es das Richtige war, fühlte es sich falsch an. So unbeschreiblich falsch. Das war der Grund für die Finsternis, die wahrscheinlich erst morgen verschwinden würde. Das war der Grund für diese salzige Flüssigkeit, die erneut den Weg von ihren Wangen zum Boden suchte.
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