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Das Lichtschwert

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
31.10.2016
10.12.2016
24
61.116
4
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04.11.2016 3.416
 
Der Käufer war ein Mann namens Rodrigo Fernandez. Seine Anschrift war nicht mit angeführt. Allerdings gab es drei Personen dieses Namens in Atlanta. Die Adressen herauszufinden war dagegen kein Problem gewesen. Mit zwei der drei hatte Badger inzwischen schon telefoniert. Beide hatten vorgegeben, noch nie etwas von Mr. Garrison oder dem Schwert gehört zu haben. Dies musste Badger zunächst so akzeptieren. Es war nun auch nicht so gewesen, dass er den Eindruck gewon-nen hatte, dass diese Leute ihm was vorgemacht hätten. Das wusste man nie, aber er glaubte nicht dran. Sollte bei der dritten Person das gleiche Ergebnis herauskommen, musste er sich einen neuen Plan einfallen lassen. Im schlimmsten Fall lebte die gesuchte Person gar nicht in Seattle oder hatte nie hier gelebt. Aber eine Chance hatte er noch. Telefonisch hatte er niemanden erreicht. Daher blieb ihm vorerst nichts anderes übrig als zu warten. Für einen persönlichen Besuch war es noch zu früh – und zu hell. Immerhin gelang es ihm noch eine Bestätigung der Beschreibung des Schwertes durch Edward Kingsly zu erhalten. Sie stimmte mit der vorliegenden überein. Auf der einen Seite wusste er nun, wonach er suchte, aber auf der anderen war es doch sehr merkwürdig, dass es über ein solch verziertes Schwert rein gar nichts an Informationen in der Matrix gab. Solan-ge er noch konkrete Anhaltspunkte für seine Suche hatte, war dieser Umstand nur ein geringeres Ärgernis. Bedeutend würde es erst werden, wenn er am Ende seiner Kette war und das Schwert weiterhin verschollen blieb.

Bei einem zweiten Anruf gegen sechs Uhr abends erreichte Badger die Ehefrau von Mr. Fernandez. Von ihr erfuhr er, dass ihr Mann noch bei der Arbeit war. Er besaß ein Architektenbüro in Decatur. In diesem Distrikt von Atlanta lag unter anderem der Regierungssitz der CAS. Zufällig wollte Arman sowieso bei einem Freund in der Nähe ein paar technische Spie-lereien abholen. Daher beschloss Badger, nicht bei Fernandez anzurufen, sondern selbst vorbeizufahren. Nachher konnte er dann Arman beim Tragen helfen. So passte eins zum anderen. Das Büro von Mr. Fernandez lag am Rande vom Decatur – Distrikt. Nur eine Straße weiter schloss sich ein Industriegelände an. Das Büro war etwas größer, wie sich herausstellte, und nahm ein ganzes Gebäude ein. Das zweigeschossige, freistehende Haus war vollständig verglast. Ringsherum gab es eine Rasenfläche, deren Grün eine willkommene und wohltuen-de Unterbrechung in der kalten Umgebung aus Stahl und Glas darstellte. Neben dem Gebäu-de gab es einen Parkplatz für die Angestellten und Gäste der Firma. Gegen neunzehn Uhr parkte Badger seinen Ford Americar auf dem halbgefüllten Parkplatz, welcher durch einige Laternen gut beleuchtet wurde. Badger und Arman betraten den Eingangsbereich. Gleich auf der rechten Seite befand sich der Empfangstresen. Dort stand ein junger Mann, zirka zwan-zig bis fünfundzwanzig Jahre, kräftiger Körperbau, Mensch, Afroamerikaner.

„Kann ich Ihnen helfen?“
„Wir möchten zu Mr. Fernandez.“ antwortete Badger.
„Haben Sie einen Termin?“
„Nein, tut mir leid. Ich hoffte, dass es heute mal ohne gehen würde. Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit und wird nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.“
Es schien, als würde Badger den jungen Mann damit etwas überraschen. Gut so.
„Ähm. Ich weiß nicht, aber ohne Termin sieht das schlecht aus.“
„Verstehe, könnte ich dann mit seiner Sekretärin sprechen, um einen Termin zu vereinbaren?“
Vielleicht konnte er da mehr erreichen.
„Seine Sekretärin sitzt im ersten Stock. Zimmer ... Augenblick.“ Der junge Mann blickte su-chend auf den Tresen vor ihm. Auch Badger ließ seine Augen über den Tresen schweifen. „Zimmer 101. Dort drüben befinden sich der Aufzug und die Treppe.“ sagte der Mann freundlich und wies die beiden zu einem Quergang hinter ihnen.
„Vielen Dank. Dann mal auf zum Fahrstuhl.“ sagte Badger.
Badger und Arman entfernten sich vom Tresen. Als sie außer Hörweite waren, sagte Arman:
„Für jemanden, der am Empfang arbeitet, lässt der sich ganz schön schnell überfahren. Und Ahnung hat er auch keine.“
„Das stimmt und ich denke auch nicht, dass er »Misses Chang« ist.“
„Wieso sollte er das sein?“
„Weil das auf dem Namensschild vor dem Tresen stand. Wir nehmen daher besser mal die Treppe und passen gut auf.“
Die Eingänge von Fahrstuhl und Treppe befanden sich nicht in Sichtweite des Tresens, so dass es nicht auffallen sollte, wenn sie nicht den Aufzug benutzen würden. Badger öffnete die Tür zum Treppenhaus. Es war leer. Die Treppe war in zwei Abschnitte unterteilt. Der Zu-gang zur ersten Etage befand sich direkt über der Tür, durch welche Badger und Arman das Treppenhaus betreten hatten. Langsam ging Badger die Treppen hinauf. Seine rechte Hand lag auf dem Griff seiner Browning Ultra-Power unter seiner linken Schulter. Sein geschultes und durch KI-Kraft verbessertes Gehör vernahm ein Geräusch. Jemand öffnete vorsichtig die Tür im ersten Stock. Badger selbst hatte die erste der zwei Halbtreppen erreicht. Er hielt inne. Sein Blick blieb auf die obere Tür gerichtet. Erst nur ein Spalt, dann machte er eine Gestalt aus. Sie trug eine Pistole mit Schalldämpfer. Der Spalt wurde nun immer größer. Der Lauf bewegte sich auf Badger zu und war gerade auf ihn gerichtet, als sich aus dessen Waffe zwei Schüsse lösten. Beide Kugeln schlugen in Brusthöhe ein und die Gestalt wich zurück.

„Raus hier!“ rief er Arman zu.
Dieser war noch am Treppenanfang und wandte sich nun zu der sich schließenden Tür hinter ihm. Als Badger die untere Tür erreichte, war Arman schon durch die Tür gegangen. In der Hand hatte der Zwerg seine Remington Roomsweeper, ohne die er nie seine Wohnung ver-ließ. Als nächstes vernahm Badger deren Klang. Nachdem er ebenfalls das Treppenhaus ver-lassen hatte, sah er den Mann vom Empfangsbereich. Er lag auf dem Boden eine Ingram Smartgun Maschinenpistole noch in der Hand haltend. Im Bauchbereich verfärbte sich dessen graue Anzugsjacke violett. Für Badger ein Problem weniger.
„Komm Arman! Wir müssen hier schnellstens raus!“
Ganz gleich, was hier abging, dies war nicht der Ort und nicht die Zeit für einen Häuser-kampf. Weder der Zwerg noch der Adept hatten Panzerkleidung dabei. Zudem wussten sie nicht wie viele Typen da noch auftauchen würden. Badger rannte bis zur Ecke vor, um einen Blick in den Eingangsbereich zu werfen. Arman sicherte in Richtung von Fahrstuhl und Trep-pe ab. Bis zur Tür schien alles frei zu sein.
„Komm Arman, komm!“ rief Badger.
Der Zwerg rannte, so schnell er konnte, an Badger vorbei. Letzterer sicherte nun nach hin-ten. Arman war fast bei der Tür. Badger bewegte sich jetzt auch in diese Richtung. Fahrtstuhl und Treppentür behielt er solange wie möglich im Auge. Arman hatte das Gebäude bereits verlassen und Badger befand sich auf dem halben Weg zur Tür als ein elektrisches Signal ertönte. Der Fahrstuhl. Nun aber los, dachte Badger. Als er die Eingangstür passiert hatte, war Arman schon auf dem Weg zu ihrem Auto. Leider gehörte Schnelligkeit nicht zu den Stärken des Zwerges. Er kam dementsprechend nur langsam voran. Zu langsam für die mo-mentane Situation. Badger hatte keine Zeit zu verlieren. Er rannte hinter Arman her. Als er ihn fast erreicht hatte, griff Badger auf seine antrainierten Fähigkeiten zurück. Ein jäher Ad-renalinstoß durchfuhr seinen Körper, verlieh ihm die Kraft, den Zwerg zu packen und das restliche Stück zum Fahrzeug zu tragen. Nun haben Zwerge von Natur aus etwas dagegen getragen zu werden und Arman bildete hier keine Ausnahme. Er begann wie wild zu fluchen und forderte Badger auf, ihn herunter zu lassen. Dieser blieb davon aber völlig unbeein-druckt. Erst als er bei seinem Wagen angekommen war, stellte er seinen Freund wieder auf dessen eigene Beine. In diesem Augenblick wurde die Eingangstür des Gebäudes geöffnet. Aus der Tür, aus der sie soeben herausgelaufen waren, trat ein Ork. Er war über 1.90m groß und sehr muskulös. Bekleidet war er mit einem dunkelblauen Anzug. In der Hand hielt er ebenfalls eine Ingram Smartgun, mit der er nun das Feuer auf Badger eröffnete. Badger und Arman saßen zu diesem Zeitpunkt bereits im Ford Americar. Die erste Salve traf ein nebenan stehendes Fahrzeug am vorderen linken Reifen. Badger startete den Wagen und war froh darüber, dass er ihn rückwärts eingeparkt hatte. Er konnte nun einfach Gas geben und los-fahren. Die zweite Salve schlug im Kofferraumdeckel von Badgers Wagen ein, ohne aller-dings jemanden zu verletzen. Zum Glück konnte Badger über ein Stück Wiese und den Bürgersteig abkürzen und musste nicht die näher am Gebäude gelegene Ausfahrt nehmen. Die dritte Salve des Orks schlug wieder am Heck des Fahrzeuges ein. Im Rückspiegel sah Badger nun, dass ein Mensch aus der Tür herausgetreten war und nun neben dem Ork stand. Er war fast genauso groß wie der Ork. Seine kräftigen Arme sprachen entweder für einen Bodybuil-der oder jede Menge Bio- und Cyberware. Er hatte eine Glatze und trug einen schwarzen, gefütterten Mantel. Sein Gesicht schien aus Stein zu sein. Er zeigte überhaupt keine Regung. Gerade wollte der Ork eine vierte Salve hinter dem flüchtenden Wagen herjagen, als der Neue seine Hand auf die Ingram legte und den Lauf nach unten drückte. Dann war es still. Nur noch der Lärm der anliegenden Industrie und ihres Autos waren zu hören, als Badger an der nächsten Kreuzung abbog und die Angreifer außer Sicht gerieten.

„Holla!“ rief Arman aus.
„Was war denn das gerade?“ fuhr er fort.
„Keine Ahnung ...“ meinte Badger besorgt. Er blickte angestrengt aus der Frontscheibe nach vorne und ins Leere. Dann wieder ein Blick in den Rückspiegel. Zwei Straßen weiter war er sich sicher, dass sie nicht verfolgt wurden. Seine Gedanken rasten. Wer war das und was wollten sie. Gab es eine Verbindung zu seiner eigenen Suche? Wenn ja, wären er und Arman dann auch in Gefahr? Dieser Wagen war nicht auf ihn zugelassen. Über das Fahrzeug konnte man nicht an ihn oder Arman herankommen. Aber er musste sich was Neues suchen. Gab es Kameras in dem Gebäude? Er hatte keine gesehen. Das musste aber nichts bedeuten. Der Ork war schnell mit der Waffe dabei und es hatte ihn auch nicht gestört, sie in aller Öffent-lichkeit abzufeuern. Was hatte das alles zu bedeuten? Was wäre der für ihn, Badger, schlimmste Fall? Klar, Fernandez wäre tot und hinter ihm wäre eine Gruppe von Killern her. Ersteres war zumindest nicht unwahrscheinlich. War letzteres überhaupt eine realistische Einschätzung. Er wusste es nicht. Er konnte sich aber nicht leisten, etwas anderes als den schlimmsten Fall anzunehmen. Daher mussten jetzt einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Arman schwieg. Er kannte diesen Tonfall und diesen Gesichtsausdruck bei seinem Freund. Badger dachte nach. Es war besser ihn jetzt nicht zu stören und so hing er seinen eigenen Gedanken nach. Nach gut fünf Minuten brach Badger die Stille.

„Arman, ruf Mickey an! Sag ihm, dass wir Probleme haben. Er soll mir einen Wagen besor-gen und Du brauchst einen sicheren Ort von dem aus Du in die Matrix kommst. Wir treffen uns am alten Platz. Ach ja, der Wagen sollte möglichst ganz verspiegelt sein und nicht nur noch vom Rost zusammengehalten werden.“
„ O.k., aber willst mir nicht erzählen, was Du vorhast?“
„Zuerst der Anruf!“
Arman gehorchte. Das Gespräch mit Mickey dauerte nicht einmal eine Minute. Mickey war ein alter Freund von Badger. Badger hatte dem Troll vor ein paar Jahren aus einer misslichen Lage geholfen, wofür dieser ihm bis heute dankbar war. Mickey hatte seine Karriere als Rausschmeißer in einer der übelsten Ecken von Southtown begonnen und sich inzwischen zum Teilhaber an einer Kneipe hochgearbeitet. Er war zwar nicht der hellste aber eine durch und durch treue Seele. Auch seine Teilhaberschaft hatte er Badger zu verdanken, der damals für ihn alle Formalitäten geregelt hatte. Ein weiterer Grund, weshalb Mickey in der Schuld Badgers stand.
„Arman, Du musst herausfinden, was bei Fernandez geschehen ist. Vor allem muss ich jetzt wissen, ob irgendjemand schon etwas bemerkt hat und wenn ja, wer sich jetzt da herumtreibt. Außerdem will ich wissen, wer die Typen von vorhin waren.“
„Is’ klar und was machst Du?“
„Ich fahre zu Fernandez Privathaus. Wenn Fernandez tot ist, dann könnte uns seine Frau viel-leicht Hinweise auf die Täter geben und vielleicht sogar wissen, was aus dem Schwert geworden ist.“
„Du willst jetzt mit ihr reden?“
„Nein natürlich nicht, aber wenn unsere Freunde von vorhin auch auf der Suche nach dem Schwert sind, könnten sie vielleicht dort auftauchen.“
„Und was willste dann tun?“
„Das sehen wir, wenn es soweit ist.“

Diese Antwort schmeckte Arman gar nicht, aber im Moment war nicht der richtige Augenblick für Diskussionen. Außerdem wusste er schon, was er zu tun hätte.

Der Treffpunkt war ein geschlossener Schrottplatz in Southtown. Erwartungsgemäß trafen Badger und Arman vor Mickey dort ein. Sie suchten sich eine geschützte Ecke, von der aus sie den Eingang im Blick hatten. Es dauerte eine halbe Stunde bis sich etwas tat. Zwei Fahr-zeuge fuhren auf den Hof des Schrottplatzes. Der erste war ein silbergrauer Chrysler Menace, der zweite Mickeys grüner Dodge Ram. Badger und Arman blieben zunächst in ihrer sicheren Position. Sie warteten bis Mickey ausgestiegen war. Der Troll sah sich noch einmal um, ob ihm wirklich niemand hierher gefolgt war. Mickey war selbst für einen Troll ein richtiges Kraftpaket. Kein Wunder, dass er es als Rausschmeißer zu was gebracht hatte. Wer legte sich schon gerne mit einem Bergmassiv an. Sie traten nun beide heraus, um Mickey zu begrüßen. Obwohl Badger sich gerne mit Mickey unterhalten hätte, drängte er zur Eile. Es blieb daher bei einem freundlichen »Hallo« und »Bis dann«. Badger übernahm den Chrysler vom zweiten Fahrer, einem bei Mickey angestellten Menschen, der sich auch um Badgers Ford Americar kümmern würde. Und so kam es, dass die ganze Übergabe nach nicht mehr als fünf Minuten beendet war und Badger sich schon wieder auf dem Weg zu Fernandez’ Haus befand, als Arman und Mickey den Schrottplatz verließen.

Wie Badger zu seiner Erleichterung feststellte, lag das Haus von Rodrigo Fernandez in einem Ortsteil, dessen Sicherheitsstufe etwas höher war. Eine solche Geschichte wie in Fernandez Büro sollte sich hier hoffentlich nicht so schnell wiederholen. Fernandez wohnte in einem typischen, mittelständischen Einfamilienhaus mit zwei Garagenplätzen und einem kleinen Gartenstück vor der Haustür. Am besten war jedoch, dass das Haus sich am Ende einer Sack-gasse befand, in der ein Dutzend Parkplätze für Besucher eingerichtet worden waren. Dort konnte er sich bequem postieren und sein Zielobjekt im Auge behalten. Mickey hatte eine gute Wahl getroffen, denn das Fahrzeug fiel hier zwischen den anderen ähnlicher Größe nicht auf. Die Garage war verschlossen, so dass Badger nicht erkennen konnte, ob sich dort ein Auto, vorzugsweise das Fahrzeug von Ms. Fernandez, befand. Allerdings brannte im Haus Licht. Aber das reichte nicht aus, um sicher sagen zu können, dass Ms. Fernandez zuhause war. Er bediente sich daher eines alten, aber manchmal noch sehr wirkungsvollen Tricks. Er schaltet die Ruferkennung seines Handys aus und wählte Fernandez’ Nummer. Und es wirkte, Ms. Fernandez nahm ab. Mit leicht verstellter Stimme entschuldigte er sich. Er hätte sich verwählt und beendete das Gespräch. Nun hatte er seine Bestätigung. Momentan konnte er nur hoffen, dass sich niemand bei ihr befand, der ihr eine Knarre an den Kopf hielt. Er über-legte kurz, ob er sich vergewissern sollte, ob alles in Ordnung war, entschied sich aber dagegen. Das Haus besaß eine deutlich sichtbare Alarmanlage. Er konnte schließlich nicht einfach hereinplatzen und fragen. Dann hätte er erklären müssen, warum er hier sei. Dies wollte er allerdings erst dann, wenn Arman herausgefunden hatte, was sich hinsichtlich des Zwischenfalls im Büro ergeben hatte. So blieb ihm nichts anderes zu tun als zu warten und zu hoffen, dass er mitbekommen würde, wenn etwas geschah. Insgesamt standen aber seine Karten mehr als nur schlecht und er wusste es.
Er wartete so gut eine halbe Stunde und es geschah nichts. Badger saß in seinem Wagen und spielte gedankenverloren mit einem silbernen Reif, welcher sich an seinem rechten Arm befand. So war es immer, wenn er nichts zu tun hatte. Die Erinnerungen kamen zurück und er dachte an die letzte Trägerin des Schmuckstückes, Lesley. Seine Gedanken wanderten gerade zurück zu ihr, als dieser Tag Badger die nächste Überraschung bereitete. Eine schwarze BMW Victory fuhr auf den Wendehammer der Sackgasse. Das schwere Rennmo-torrad hielt am Straßenrand. Der Fahrer trug eine blau-rote Lederkombination. Er stellte die Maschine ordnungsgemäß ab und sicherte sie. Dann nahm er den Helm ab. Wie Badger nun erkannte, handelte es sich um eine Fahrerin. Es war Erin, eine Berufskollegin wenn man so wollte. Badger kannte sie noch länger als Arman. Was wollte sie denn hier? Nun wurde es wirklich interessant. Während Badger immer auf dem Grat zwischen Detektiv und Sha-dowrunner hin- und herschwankte, hatte sich Erin gänzlich für ein Leben in den Schatten entschieden. Sie hatte sich inzwischen zu einem gefürchteten Straßensamurai entwickelt. Der Großteil ihrer Cyberware war unsichtbar für das menschliche Auge im Inneren ihres Körpers eingebettet. Sie war fast so groß wie Badger und erfreulicherweise war ihre weibliche Figur kein Opfer von Technik und Training geworden. Ebenso wie bei Badger verbarg sich ihre wahre Stärke unter einem unscheinbaren Äußeren. Sie nahm einen Rucksack vom Motorrad auf und trug ihn nun lässig über der rechten Schulter. Der Wind spielte mit ihren langen, braunen Haaren, als sie sich in Bewegung setzte. Anhand ihrer Bewegung erkannte Badger, dass sie ihren Reflexbooster deaktiviert haben musste. Dann wurde es jedoch wirklich rätselhaft. Erin ging direkt auf ihn, auf sein Fahrzeug zu. Sie konnte dieses Auto unmöglich kennen. Er kannte es ja selbst erst seit knapp einer Stunde. Nun stand sie an der Beifahr-ertür. Badger war völlig perplex. Was war hier los? Erin wartete vor der Beifahrertür. Bad-ger wusste nichts Besseres zu tun, als die Tür zu öffnen. Erin setzte sich nun auf den Sitz ne-ben Badger.

„Ich dachte schon, dass ich klopfen müsste, damit Du die Tür aufmachst. Hast Du geschlafen oder was war los?“ fragte sie im scheinbar genervten Ton.
„Äh, hey, was machst DU hier?“
„Das erzähle ich Dir gleich, aber zunächst mal das Wichtigste. Zeig her!“
„Was ist los?“
„Nun komm schon!“
Sie drehte sich zu Badger um. Ungeduldig nahm Erin Badgers rechte Hand und schob den Ärmel seines Hemdes ein Stück nach oben, bis sie sah, was sie interessierte.
„Du trägst das Ding ja immer noch.“ sagte sie mit einer Mischung aus Ärger und Enttäuschung und drehte sich wieder mit dem Gesicht nach vorn.
„Erstens geht Dich das gar nichts an und zweitens: Was willst Du hier?“ entgegnete Badger ärgerlich und zog den Ärmel wieder zurecht, so dass er den silbernen Reif wieder verdeckte.
„Also da bin ich anderer Meinung. Es ist Zeit, dass Du diese Sache hinter Dir lässt. Es lenkt Dich nur ab und es bringt nichts, da Du es sowieso nicht mehr ändern kannst. Lesley ist weg und wird auch nicht wiederkommen. Das weißt Du auch. Aber darüber reden wir später noch einmal. Arman rief mich an und meinte, dass Du eine ganz blöde Idee hättest und vielleicht meine Hilfe gebrauchen könntest. Er hat mir erzählt, was vorhin passiert ist. Wir beide fan-den Deine Idee, hier alleine abzuwarten, ob die Burschen hier noch auftauchen würden, nicht wirklich gut.“
„Was Besseres ist mir in der kurzen Zeit nicht eingefallen.“ meinte Badger halb entschuldi-gend.
„Ist ja zum Glück nichts passiert. Also warten. – Was ist, wenn sie schon drin sind?“
„Das gleiche wie wenn sie schon da waren oder sich von hinten dem Haus nähern. Wir ha-ben Pech gehabt.“
„Toller Plan.“
„Wir können ja auch ohne Hilfe von Arman losstürmen, die Alarmanlage auslösen und die Frau entführen.“ schlug Badger im ironischen Ton vor.
„Könnten wir tun.“

Diese Antwort trug Erin einen ärgerlichen Blick von Badger ein. Sie hatte da einfach weniger Skrupel. Ein Klingeln von Badgers Telefon setzte diesen Überlegungen ein vorzeitiges und willkommenes Ende.
„Badger, hier Arman.“
„O.k., was gibt’s?“
„Die APF ist bei Fernandez Büro vor Ort. Eine freundliche Seele bei der APF hat mich ein bisschen aufgeklärt.“
Badger überlegte sich gerade wie gierig »freundlich« wohl war.
„Fernandez Büro gleicht ’nem Schlachtfeld“, fuhr Arman fort. „Insgesamt liegen da ’nen Dut-zend Kalte rum. Fernandez is’ einer davon. Alle säuberlich mit wenigen Schüssen niederge-streckt. Nette Arbeit. Waren Profis. Sie hab’n alle Sicherheitsaufzeichnungen gelöscht. Auch ’ne gute Arbeit, wie man so hört. Deren Decker hat alles ausradiert. Nicht einmal wir beide sind erfasst. Der Chip der Überwachungsgeräte war quasi wieder jungfräulich. Auch sonst gibt’s wenig Spuren, sagen die Jungs und Mädels von den Spurenlesern. Auch keene Hinwei-se auf den Grund für die Schweinerei. APF rätselt wie verrückt. Ich will mal versuchen-“
„Tut mir leid Dich zu unterbrechen, Arman, aber wir müssen los. Merk Dir, was Du mir sa-gen wolltest.“
„Was...“ konnte Arman noch sagen, bevor die Verbindung abbrach.
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