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Das Lichtschwert

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
31.10.2016
10.12.2016
24
61.116
3
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01.11.2016 2.278
 
Kaum hatte Badger wieder seinen Ford Mustang bestiegen, legte er bereits Krawatte und Anzugjacke ab. Noch während er auf dem Heimweg war, tätigte er den ersten Anruf. Über die Freisprechanlage in seinem Wagen rief er Arman an. Wie er erwartet hatte, sagte Arman seine Mitarbeit schon zu, bevor Badger irgendwelche Informationen preisgegeben hatte. Arman war ein Zwerg und ein beglaubigtes Genie, wenn es um Elektronik und Compu-ter ging. Gleich ob es Maschinen oder Computer waren, solange Strom durchfloss, war es für Arman interessant. Kaum ein Gerät, das er nicht bereits mehrfach auseinander- und wieder zusammengebaut hatte. Nichts, was er an technischer Ausrüstung besaß, befand sich noch in Originalzustand. Jeder Gegenstand wurde von ihm für seinen persönlichen Gebrauch modifiziert und seinen speziellen Bedürfnissen angepasst. Badger würde seine Hilfe dringend brauchen, denn er konnte ihm die Beinarbeit in der Matrix abnehmen, die Badger zwar nicht gerade hasste, aber trotzdem gerne mied, wo immer es auch ging. Außerdem arbeiteten die beiden gut zusammen. Sie kannten sich jetzt seit fast fünf Jahren, wobei sie in den letzten drei fast immer als Team tätig waren. Arman war ein Freund, auf den sich Badger in jeder Situation hundertprozentig verlassen konnte. Badger fuhr nicht ganz nach Hause. Gut zwei Kilometer von seiner Wohnung entfernt gab es ein paar Garagen, die den Vorteil hatten, dass sie von dem Betreiber nicht überwacht wurden. Die einzelnen Mieter sorgten selbst für die Sicherheit ihrer Sachen. Die Garagen waren groß genug, um dort neben einem Auto auch noch ein, zwei Schränke unterzubringen und ein wenig Platz übrig zu behalten. Badger verfügte dort über zwei nebeneinander liegende Garagenplätze. In dem ersten stellte er nun seinen Ford Mustang ab, um dann in einen Ford Americar umzusteigen, der nebenan stand. Der Mustang war Badgers Liebling und sollte auf keinen Fall bei einem Run auch nur in Ge-fahr geraten, beschädigt werden zu können. Der schwarze Ford Americar konnte ruhig etwas abkriegen. Nun konnte er weiter zu Arman fahren. Dessen Wohnwerkstatt lag ebenfalls in Norcross, so dass der Weg zu ihm nicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Es war auch nicht so, dass dort irgendeine Gefahr drohte, aber Badger wollte einfach sichergehen.

Armans Unterkunft war mehr eine Werkstatt als eine Wohnung. Überall lagen Werkzeuge und elektronische Geräte herum, von denen Badger zum größten Teil den Verwendungs-zweck noch nicht einmal erahnen konnte. Sämtliche Gegenstände und Möbel waren an die Bedürfnisse des Zwerges angepasst. Die einzige Ausnahme stellte ein schlichter Holzstuhl dar. Er stand in einer Ecke und war ein Zugeständnis an den ungefähr 60 Zentimeter größeren Badger gewesen, da dieser bereits zwei angepasste Stühle des Zwerges auf dem Gewis-sen hatte. Eben diesen Stuhl hatte sich Badger nun herangezogen, als sie in Armans Wohn-zimmer saßen. Eigentlich war es mehr eine Werkbank, aber für Arman war es das Zentrum seines häuslichen Wirkens. Hier erzählte Badger seinem Freund, was er von Mr. Johnson / Downing erfahren hatte und übergab ihm den beiliegenden Chip. Der Zwerg nahm den Chip und überprüfte zunächst den Inhalt auf irgendetwas Ungewöhnliches. Das war mehr Routine als begründeter Argwohn, aber die Vergangenheit hatte beide gelehrt, vorsichtig zu sein. Danach begannen beide, die auf dem Chip enthaltenen Daten zu studieren.

Im Gegensatz zu dem ruhigen und nachdenklichen Badger war es Armans Art, seinen Gedan-ken freien Lauf zu lassen und mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten.
„Na, viel is’ das ja nicht, aber zumindest gibt’s wenigstens ’nen Ansatzpunkt.“
„Ja, den Namen des Versteigerers und das war’s.“
Die Informationen, die sie von Mr. Downing bekommen hatten, waren in der Tat sehr spärlich gewesen. Der Name des Versteigerers, Ronald Garrison, den Namen eines Freundes von dem verstorbenen Mr. Muller, der eine Beschreibung des Schwertes gegeben hatte, Edward Kingsly, und die Beschreibung des Schwertes an sich sowie den Hinweis, dass eine oberflächliche und diskrete Matrixsuche keine weiteren Ergebnisse zu Tage gebracht hatte. Das Schwert stammte aus dem Mittelalter, angeblich aus der Zeit zwischen 1375 und 1450. Die Altersbestimmung war durch Mr. Muller vor zirka 5 Jahren erfolgt. Es hieß, dass die sorgfältige Metallbearbeitung sowie die feinen Verzierungen an dem Schwert und die eingearbeiteten vier Edelsteine im Griff der Waffe bei einem bestimmten Lichteinfall den Eindruck ver-mitteln konnten, dass das Schwert aus purem Licht bestände. Zuletzt befand sich das Schwert in einem länglichen schwarzen Kasten, der aufwendig mit goldenen Symbolen verziert war. Dieser Kasten war eine Maßanfertigung im Auftrag von Mr. Muller gewesen. Und das war es.

„Womit woll’n wir denn anfangen, Badger?“
„Versuch zunächst mal etwas über Mr. Garrison herauszubekommen. Den werde ich dann morgen mal besuchen. Vielleicht kann er uns sagen, was mit dem Schwert geschehen ist. Danach hätte ich gerne noch ein paar Hintergrundinformationen über das Schwert. Sieh mal zu, was Du so findest.“ Badger musste nicht erst anfügen, dass Arman diskret sein sollte. Das verstand sich von selbst.
„Hat Mr. Johnson noch nich’ mit dem Garrison gesprochen?“
„Sieht nicht so aus. Also viel Glück.“
„Und was macht der Herr jetzt?“
„Nach Hause gehen und schlafen oder soll ich Dir zusehen, wie Du durch die Matrix jagst?“
Arman grummelte als Antwort vor sich hin. Er wusste, dass dies seine Aufgabe war. Das Reden mit Garrison würde dann in Badgers Bereich fallen. Los ging’s also.

Am nächsten Tag um elf Uhr trafen sich die beiden wieder. Arman war den Großteil der Nacht aufgeblieben und hatte die Matrix durchstöbert. Seine Augen war gerötet und auch die unordentlich liegenden braunen Haare unterstrichen den müden Ausdruck im Gesicht des Zwerges. Badger wusste, dass dies öfters bei Arman vorkam, und sein Mitleid hielt sich daher auch in Grenzen.
„Also, was hast Du in der letzten Nacht noch so alles erfahren?“
„Ronald Garrison is’ hauptberuflich Versteigerer oder wie sich das nennt. Er hat zwei bis drei Auktionen pro Woche von Wohnungs- oder Firmenauflösungen und so. Aber auch Private geh’n zu ihm, wenn sie ihre Sachen verscherbeln woll’n. Sein Geschäft liegt in Marietta. Ge-naue Adresse hab’ ich Dir aufgeschrieben. Der Zettel liegt ... wo is’ der blöde Zettel?“

Arman begann seinen Wohnzimmertisch / Werkbank zu durchsuchen. Badger ließ den Zwerg suchen. Er wusste, dass er sich hier besser zurückhielt. Auch das kannte er schon von Arman. Er fragte sich immer wieder, wie jemand, der mit Schaltplänen und exakten Vorgaben arbei-ten musste, nur so unordentlich sein konnte. Er musste unwillkürlich lächeln, während er Armans verzweifelte Suche verfolgte.

„Ah! Da ist er ja.“
Arman fischte einen kleinen Zettel aus einem Meer von Zeichnungen und Schaltplänen, die auf der Werkbank verteilt waren. Irgendwann hatte Arman Badger mal erklärt, warum er die Schaltpläne noch auf Papier hatte, aber Badger hatte es inzwischen schon wieder vergessen. Damit konnte er sowieso kaum etwas anfangen.
„Danke. Hm?“
„Was is’?“
„Ich überlege gerade. Wenn Garrison das hauptberuflich macht, dann wird er hoffentlich Unterlagen über die Verkäufe haben. Wenn er uns die gewünschten Informationen nicht geben will, müsstest Du sie ohne seine Zustimmung besorgen.“
„Plan B?“ fragte Arman.
„Plan B.“ Badger wartete kurz ab, um Arman die Gelegenheit zu geben, seine anderen Er-kenntnisse vorzutragen.
„Und was dieses komisches Schwert angeht: Fehlanzeige!“
„Wie, Fehlanzeige? Über ein knapp sechshundert Jahre altes Schwert muss es doch irgen-detwas geben. So viele sollte es davon ja nicht existieren.“
„Es gibt Infos über verzierte Schwerter, aber keines mit dem Namen »Lichtschwert«. Und die anderen seh’n unserem ähnlich, aber überall gibt’s kleine aber entscheidende Abweichungen.“
„Na toll, dann werde ich mal Mr. Garrison fragen müssen, ob unsere Beschreibung richtig ist. Und wenn er es nicht weiß, ist vielleicht noch mal ein Besuch bei dem Freund von Muller erforderlich. Wäre doch nett zu wissen, wie unser Zielobjekt eigentlich aussieht.“
„Jo. Soll ich zu Garrison mitkomm’n?“
„Nein, ich denke mal, Du suchst die Adresse von diesem Freund, Kingsly, heraus und dann ...“
„Was dann?“
„Dann solltest Du Dich ein wenig schlafen legen. Nichts für ungut, aber Du siehst aus, als ob Du es gebrauchen könntest.“
Arman wollte noch etwas sagen, aber Badger war schon auf halbem Weg hinaus. Zudem hatte er auch recht.

Eine gute Stunde später stand Badger vor dem Geschäft von Ronald Garrison. Er trug wieder seinen Anzug vom Vortag. Dieser war gestern zum Glück nicht stark beansprucht worden, so dass er ihn heute ohne Bedenken tragen konnte. Die Geschäftsräume lagen in einer Seitenstraße nicht weit von der Hauptstraße dieses Ortsteils entfernt. Es war ein kleines Möbelgeschäft, welches mit Gegenständen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts handelte. Diesem Stil war auch die Innenausstattung angepasst. Als Badger den Laden betrat, sah er auf der linken Seite eine Tür, die mit dem Schild „Auktionsraum“ versehen war. Im hinteren Bereich wies ein weiteres Schild auf das Büro hin. Auf der linken Seite des Raumes stand ein über hundert Jahre alter Holzschreibtisch. Dort stand kontrastreich zur restlichen Ausstattung ein kleiner Computer neueren Datums. Hinter dem Schreibtisch saß eine menschliche Frau, zirka fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt, schwarz. Ihre Haare waren ordentlich nach oben ge-steckt. Sie stand auf, als Badger hereintrat, und ging auf ihn zu.

„Guten Tag, mein Herr. Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich hoffe, dass Sie das können. Ich hätte gerne mit Mr. Garrison gesprochen.“
„Könnten Sie mir bitte sagen, in welcher Angelegenheit Sie ihn sprechen möchten?“
„Ich interessiere mich für eine seiner früheren Auktionen.“
„Dürfte ich auch ihren Namen erfahren?“
„Mein Name ist Downey.“
Er übergab ihr eine Visitenkarte. Die Frau betrachtete kurz die Karte.
„Wenn Sie sich einen Augenblick gedulden würden, Mr. Downey.“
„Selbstverständlich.“

Die Frau ließ Badger kurz alleine, um nach hinten in das Büro zu gehen. Downey war nicht Badgers richtiger Name. Dieser Name auf seinem Credstick gehörte zu einer von mehreren Legenden, die er sich im Laufe der Zeit zugelegt hatte. Zurzeit war er Robert J. Downey, ein Privatdetektiv. So brauchte er gar nicht erst seine Neugier und seine Fragen zu erklären. Eine knappe Minute später erschien die Frau in Begleitung eines Mannes wieder im Ver-kaufsraum. Der Mann war um die fünfzig, weiß, klein und untersetzt. Die Frau stellte ihn als Mr. Garrison vor und begab sich dann wieder an ihren Schreibtisch. Die beiden Männer gaben sich die Hand.
„Guten Tag, Mr. Downey. Ich höre, Sie interessieren sich für eine meiner früheren Auktio-nen. Wie kann ich Ihnen helfen? Aber bitte kommen Sie doch mit in mein Büro.“
Er führte Badger nach hinten. Das Büro war gerade groß genug für einen Schreibtisch, drei Stühle und zwei Schränke. Garrison bot Badger einen Stuhl an und setzte sich dann nicht hinter seinen Schreibtisch, sondern neben seinen Gast.
„Es geht um eine Auktion vor ungefähr zwei Jahren, in der sie den Besitz von Mr. Jeffrey Muller versteigert haben. Offenbar waren unter den Gegenständen auch Sachen, die einer ehemaligen Lebensgefährtin von Mr. Muller gehörten. Soweit ich informiert bin, trennten die beiden sich damals im Streit und die Trennung der jeweiligen Besitztümer erfolgte wohl nicht gerade in freundlichem Einvernehmen. Meiner Klientin wurde seinerzeit mitgeteilt, dass einige ihrer Sachen verloren gegangen seien. Damit hatte sie sich dann auch zufrieden gegeben. Aber vor zwei Monaten hat sie dann zufällig einige Sachen entdeckt, welche an-geblich abhanden gekommen waren. Und da sie an einigen der Gegenstände sehr hängt, möchte sie deren Verbleib geklärt wissen, um sie gegebenenfalls zurückkaufen zu können. Nun habe ich erfahren, dass sie damals den Besitz von Mr. Muller versteigert haben, und hoffte, dass sie mir hinsichtlich der Käufer helfen könnten. Sie sind die letzte Möglichkeit, den Weg der Gegenstände nachzuvollziehen. Ich brauche daher dringend ihre Hilfe.“

Badger pokerte. Diese Geschichte hatte er sich auf der Fahrt zurechtgelegt. Sie war auch insoweit plausibel, sofern Mr. Garrison den verstorben Mr. Muller nicht kannte. Badger hatte sich nicht die Mühe gegeben, dies rauszufinden. Es wäre ein sehr großer Zufall gewesen, wenn Garrison und Muller sich gekannt hätten.
„Ich verstehe ihr Problem, Mr. Downey, aber die Namen unserer Käufer geben wir aus Prinzip nicht an andere Personen weiter.“

Der Tonfall der Antwort war weniger ablehnend, als es ihr Inhalt vermuten ließ. Garrison schwankte zwischen seinen Prinzipien und dem Wunsch zu helfen. Auch wenn Mr. Garrison es nicht ahnte, Badger hatte schon einen halben Sieg erzielt. Er wusste jetzt, dass Daten über die Verkäufe existierten. Im ungünstigsten Fall konnten er und Arman sich diese auch auf einem anderen Weg besorgen. Aber noch bestand Hoffnung auf eine einfache und unauffällige Lösung.

„Mr. Garrison“, begann Badger im ruhigen und vernünftigen Ton.
„Ich kann verstehen, dass sie um den Ruf ihres Geschäftes willens eine gewisse Diskretion wahren müssen. Aber bitte verstehen Sie auch meine Lage. Ohne ihre Hilfe wird meine Kli-entin keine Möglichkeit mehr haben, ihre Sachen jemals wiederzubekommen. Ich verspre-che Ihnen auch, die erhalten Informationen sorgsam zu behandeln und äußerste Diskretion walten zu lassen.“
Noch während er sprach, sah Badger, dass er bekommen würde, was er verlangte. Seine ruhige und vernünftige Art hatte mal wieder seine Wirkung gezeigt. Viele Menschen wollten helfen, wenn sie es konnten, und genossen das Gefühl, gebraucht zu werden. So war es auch bei Mr. Garrison. Er sah sich in einer vermeintlichen Position der Stärke und konnte diese nun nutzen, um einem anderen zu helfen. Es würde seine Stimmung heute gewaltig heben. Für Badger war es wieder einmal ein Beweis für seine Überzeugungsfähigkeiten. Garrison druckte ihm die Liste der bekannten Käufer der betreffenden Auktion aus. Bei einigen Kunden gab es keine Namen. Diese hatten nur Kundenkonten bei Mr. Garrison errichtet, um anonym zu bleiben. Aber das war nicht weiter wichtig. Das Schwert stand auf der Liste, wie Badger bei einem kurzen Überflug feststellte, und der Käufer war namentlich benannt. Der günstigste aller möglichen Fälle war eingetreten, denn Garrison war die große Unbe-kannte gewesen. Nur er konnte Badger eine Richtung für die weitere Suche liefern. Ansons-ten hätten er und Arman die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen können und müs-sen.
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