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Das Lichtschwert

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
31.10.2016
10.12.2016
24
61.116
3
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31.10.2016 2.202
 
„Kannst Du mir mal sagen, warum diese Tuse so weit ab von jeglicher Zivilisation leben muss?“
„Ich hab’ mir sagen lassen, dass das irgendetwas mit ihrem Totem zu tun hat.“ entgegnete Badger, während er bemüht war, sich von der eintönigen Fahrt nicht allzu sehr seine Konzentration rauben zu lassen. Ihr Ford Buffalo würde sich noch mindestens eine weitere Stunde über diese Straße quälen, bevor sie ihren nächsten Wegpunkt erreichten. Von dort aus würden sie dann zu Fuß weitergehen müssen. Über mögliche Verfolger am Boden brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Ihr Rigger hatte soweit alles unter Kontrolle und das Fahrzeug war vor ihrem Aufbruch auf das Gründlichste nach Wanzen untersucht worden. Die Langeweile war daher momentan ihr größter Feind.
Ihr Problem war, dass sie bei ihrer Suche in einer Sackgasse steckten. Sie hatten alle ihre Quellen ausgeschöpft. Es gab keine weiteren Anhaltspunkte mehr. Zudem standen sie unter Druck, da sie auf dieser Suche nicht allein waren. Ihre letzte Möglichkeit war nun diese Schamanin, die sich in den Bergen westlich von Great Falls aufhalten sollte. Alles was Badger hatte, war eine ungenaue Wegbeschreibung und die Hoffnung, dass sie ihn weiterbringen  könnte.
Im Gegensatz zu Arman, der ungeduldig auf dem nicht für Zwerge angepassten Sitz hin- und herrutschte, blickte Badger völlig ruhig, scheinbar gedankenverloren, aus dem Fenster ins Leere. Die Landschaft hatte sich in den letzten zwei Stunden kaum verändert und daher erlaubte sich Badger, die bisherigen Geschehnisse Revue passieren zu lassen. Angefangen hatte alles in Atlanta...

Badger war gerade beim Kraft-Training gewesen, als sein Telefon klingelte. Die Nummer von Sturges, seinem Kontaktmann für alle Arten von Runs, leuchtete im Display auf. Badger nahm das Gespräch an. Sturges war ein ehemaliger Runner, der sich mit zunehmendem Alter auf das Vermitteln von Runs verlegt hatte. Badger schätzte vor allem die Professionalität des zwergischen Schiebers. Bei ihm gab es keine halben Sachen. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung und seiner zahlreichen Connections waren seine Jobs und Informationen goldwert. Nur selten kam es vor, dass er zugeben musste, dass er nichts über den Job oder den Auftraggeber wusste. Aber er war stets so fair, dies nicht für sich zu behalten. Er wusste einfach, wie das Leben auf der anderen Seite des Tisches aussah und das vereinfachte vieles. Was Badger betraf, so arbeiteten die beiden schon über zwei Jahre zusammen und das äußerst erfolgreich. Nun sah Badger Sturges grinsendes Gesicht auf seinem Bildschirm. Immer ein gutes Zeichen.
„Hello Sturges, was liegt an?“
„Hey Chummer, ich hab’ gerade die letzten Kleinigkeiten Deines letzten Runs erledigt. Musst ja tolle Arbeit geleistet haben. Dein Kunde hat wahre Lobreden über Dich verfasst.“
In der Tat hatte Badger den letzten Auftrag so geschickt über die Bühne gebracht, dass er die kühnsten Vorstellungen seines Mr. Johnson bei weitem übertroffen hatte. Ein paar einfältige Ganger hatten die Tochter eines reichen Geschäftsmannes entführt und Lösegeld gefordert. Badger trat als Vermittler auf und konnte durch geschicktes Verhandeln zum einen den zu zahlenden Betrag erheblich reduzieren und zum anderen die gesunde Rückkehr des Mädchens erreichen. Mit der Hilfe von Arman gelang es ihm sogar, den Aufenthaltsort der Gang nach der Übergabe herauszufinden. Deren Mitglieder wurden dann von der APF, der Atlanta Police Force, welche im Nachhinein von Mr. Johnson informiert wurde, ausgehoben. So kehrte erfreulicherweise auch das Restgeld wieder zurück. Der Job war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen.
„Wenn Du interessiert bist, dann habe ich schon wieder ein Job für Dich.“
„Worum geht es denn?“
„Eine kleine Schatzsuche. Irgendwer hat irgendwas verloren und Du sollst es nun finden.“
„Gibt’s da noch mehr zu oder war’s das?“
„Wofür hältst Du mich? Also Mr. Johnson ist eine Kon-Größe von HTB, aber der Job ist rein privat. Er ist keiner der großen Oberbosse, aber sein Konto soll für weit mehr als nur ein reichhaltiges Abendessen gut sein.“
„Warum lässt er dann nicht ein paar Typen von Hisato-Turner Broadcasting auf die Sache los?“ Dieses Unterhaltungs-Konglomerat gehörte zu den Top-500-Konzernen und besaß  Nachrichtenteams auf der ganzen Welt. Sie kontrollierten die Kabelnetze im gesamten Südwesten. Neben dem normalen Nachrichtengeschäft hatte HTB den Kampf gegen Umweltsünder aufgenommen und nahm gnadenlos jeden Konzernexec aufs Korn, der bewusst Umweltsünden in Kauf nahm, insbesondere dann, wenn der betreffende Konzern nicht bei HTB warb.
„Soviel ich inzwischen weiß, gibt HTB in seiner Preisklasse nicht einfach so Konzern-Ressourcen frei.“
„Wenn da nicht mehr hinter steckt, soll’s mir recht sein. Was soll ich suchen und was springt dabei raus?“
„Ich habe mal Deinen üblichen Satz plus 30 Prozent als Verhandlungsbasis zugrundegelegt. Plus 15 könnte für Dich rauskommen, wenn Du zusagst. Über die Sache an sich wollte er sich nicht äußern, aber sie soll weder gefährlich noch heiß begehrt sein. Und soweit ich meinen Quellen vertrauen kann, ist er nicht der Typ, der bei solchen Geschäften eine linke Nummer abzieht.“
Für Badger bedeutet dies so etwas wie eine Garantie, denn auf Sturges Quellen war stets Verlass. Natürlich gab es den üblichen Unsicherheitsfaktor, aber das war nun mal das normale Geschäftsrisiko.
„Also wenn Du Interesse hast, dann habe ich eine Nummer für Dich. Die Einzelheiten kannst Du dann ja direkt mit Mr. Johnson besprechen. Ach ja, bevor ich es vergesse, da ist noch eine Sache. Angesichts der Art des Auftrages dachte ich mir, dass Du ein bisschen technische Unterstützung gebrauchen kannst. Wenn Du einen Decker oder so hinzuziehen musst, wird Mr. Johnson auch diese Kosten tragen.“
Eins musste man Sturges lassen, er war wirklich gründlich. Natürlich wusste er, dass Badger möglicherweise Armans Hilfe in Anspruch nehmen müsste, wenn die Suche sich als aufwendiger erweisen sollte.
„Ich höre es mir auf jeden Fall mal an, Sturges. Gib mir die Nummer und ansonsten gelten die üblichen Bedingungen – einverstanden?“
„Auf jeden Fall. Die Nummer kommt sofort und viel Glück, Kumpel.“
Ein leiser Piepton verkündet die erfolgte Übersendung und Sturges beendete das Gespräch. Ihre Arbeitsbeziehung war inzwischen schon so intensiv, dass sie keine großen Absprachen mehr treffen mussten. Jeder wusste, was er vom anderen zu erwarten hatte. Badger begann unverzüglich die übermittelte Nummer zu wählen. Es dauerte auch nicht lange, bis Mr. Johnson das Gespräch annahm. Es wurde noch für den gleichen Abend ein Treffen vereinbart. Dann wandte sich Badger wieder seinem Training zu.

Das Treffen sollte in einem kleinen aber teurem Restaurant in Downtown stattfinden. Badger wusste, dass dort die Konzerntypen gerne nach einem vorzeitigen Feierabend einkehrten, um zu Abend zu essen oder den Tag mit einem guten Arbeitsessen abzuschließen. Es war ein echter Geheimtipp in Atlanta, wenn auch nicht für den Normalbürger. Dementsprechend trug er ausnahmsweise einen dunklen Anzug. Badger wirkte als Mensch mit seinen 1.80m und 80 Kg schon nicht gerade einschüchternd. Der Anzug kaschierte den Rest seines athletischen Körpers. Er sah nun aus wie ein typischer Jungmanager, der den Großteil des Tages an seinem Schreibtisch verbrachte und Sport nur aus dem Trideo kannte. Wer ihn ansah, konnte leicht dazu kommen, ihn zu unterschätzen. Nur wenige wussten oder konnten erkennen, dass an diesem jungen Mann mehr war, als das bloße Auge vermuten ließ. Ungewöhnlich an ihm waren nur seine braunen Augen. Sie strahlten eine Traurigkeit aus, die in einem krassen Kontrast zu seiner selbstsicheren Haltung und dem selbstbewussten Auftreten stand. Nicht viele Leute kannten den Grund für diese Traurigkeit und respektierten Badgers Wille, nicht darüber zu sprechen. Nun wurde es Zeit zu gehen.

Badger verließ seine Wohnung in Norcross und bestieg seinen Ford Mustang. Er war ohne Waffen unterwegs. Es wäre aussichtslos, sie in das Restaurant mitnehmen zu wollen. Zudem wurden zur Zeit in Downtown gerade vermehrt Kontrollen durchgeführt und er wollte keine lästigen Fragen beantworten. Warum also überhaupt ein Risiko eingehen? Trotz der späten Stunde waren die Straßen noch sehr stark befahren. Badger, der dies berücksichtigt hatte, stand dennoch um 20:55 Uhr vor dem Restaurant. Fünf Minuten Reserve, so war es geplant. Perfekt. Badger ließ noch kurz den Blick über die Straße streifen, bevor er das Restaurant betrat. Draußen hatte er nichts besonders Ungewöhnliches entdecken können.

Das »Hideout« war im wahrsten Sinne ein Schlupfwinkel. Von außen passte sich das Restaurant der kalten Glasfassade des Gebäudekomplexes an. Die verspiegelten Fensterscheiben ließen keinen Schluss darauf zu, was sich im Inneren befand. Nur die silbernen Buchstaben „Hideout“ über der Eingangstür wiesen daraufhin, was sich hinter dem Spiegel verbarg. Wenn man durch die ebenfalls verspiegelte Eingangstür trat, war es, als hätte man eine Zeitreise unternommen. Die Einrichtung des Restaurants war durchweg in dunklem Holz gehalten. Selbst die Wände waren mit einer Holzvertäfelung versehen. Die Dunkelheit des Raumes wurde nur im Bereich der Tische sowie der Bar durch alte Lampen mit einem sanften Licht unterbrochen. Es war, als wäre man hundert Jahre oder so in die Vergangenheit gereist. Im Gegensatz zur Kälte der Außenfront schuf der Raum im Inneren eine Atmosphäre der Wärme und Gemütlichkeit. Die Gaststätte an sich wurde durch die Garderobe vom Eingangsbereich getrennt. Auch die Anmeldung war hier untergebracht. Den Zugang nach hinten trennte ein schwerer, roter Samtvorhang.
Mr. Johnson hatte hier auf den Namen Downing einen Tisch reserviert. Badger ging direkt auf die Anmeldung zu. Er hatte nichts, was in die Garderobe musste. An der Anmeldung stand eine junge Elfin und lächelte ihm freundlich zu.
„Guten Abend. Ich bin mit Mr. Downing verabredet. Er hatte für neun Uhr einen Tisch bestellt.“
Die Elfin warf einen kurzen Blick auf die Reservierungen, die hier noch handschriftlich in einem alten, in Leder gebundenen Buch standen.
„Da haben wir es. Wenn sie mir bitte folgen würden, Sir.“
Die Elfin kam hinter ihrem kleinen Tresen hervor und öffnete den Samtvorhang. Das Restaurant war nicht sehr groß und umfasste ungefähr zwei Dutzend unterschiedlich große Tische. An der linken Seite befand sich ein Tresen mit zehn Hockern. Sämtliche Tische waren besetzt und lediglich zwei Hocker an der Bar waren noch frei. Im Hintergrund spielte leise Musik, die dem höheren Durchschnittsalter der Gäste entsprach. Zumindest wenn man die jüngere, meist weibliche Begleitung außer Acht ließ. Die Elfin führte Badger in den hinteren Bereich des Restaurants. An dem Tisch, zu dem sie ihn führte, saß ein Mensch. Badger schätzte sein Alter auf 55 bis 60 Jahre. Sein gesamtes Erscheinungsbild passte zusammen, ein typischer Konzernmensch. Gute Manieren und ein Lächeln, für das er vor dem Spiegel geübt haben musste. Er stand auf, als Badger an seinen Tisch geführt wurde, und streckte ihm die Hand entgegen. Badger ergriff sie. Für sein Alter war Mr. Johnson noch recht kräftig.
„Guten Abend. Ich freue mich Sie kennenzulernen, Mr. Badger.“ sagte Mr. Johnson bei der Begrüßung.
„Vielen Dank, Mr. Downing. Ganz meinerseits.“
„Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Beide setzten sich. Bereits kurz darauf erschien eine Kellnerin, um die Bestellungen aufzunehmen.
„Für mich bitte noch einmal dasselbe.“ meinte Mr. Downing. Badger musterte kurz das Glas seines Gegenübers. Farbe und Geruch ließen auf einen Whiskey schließen. Einen guten.
„Dem schließe ich mich an.“ sagte Badger zur Kellnerin, die sich dann sofort entfernte.
„Ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig umgehört habe.“ begann Mr. Downing.
„Ich bin sehr beeindruckt, von dem, was ich über sie erfahren habe.“
Badger quittierte dies lediglich mit einem kurzen Nicken.
„Besonders die Sache mit der Entführung fand ich beeindruckend. Daher glaube ich auch, dass sie der Richtige für mein Problem sind. Mit den Konditionen, die Mr. Sturges mir genannt hat, bin ich einverstanden. Auch denke ich, dass die Mitarbeit von Mr. Arman erforderlich sein wird. Wie ich gehört habe, arbeiten sie beide recht gut zusammen.“
„Das stimmt.“ Mr. Downing hatte sich wirklich Mühe gegeben, musste Badger zugestehen, aber seine eigne enge Zusammenarbeit mit Arman war in den Schatten kein Geheimnis.
„Im Groben geht es darum, dass sie einen Gegenstand finden sollen. Sollte es notwendig sein, müssten sie ihn mir auch ohne Zustimmung des derzeitigen Besitzers verschaffen. Stellt dies ein Problem für sie dar?“
„Nein. Nicht im geringsten.“
Beide hielten kurz inne, als die Kellnerin ihre Getränke servierte.
„Das ist gut. Es gibt aber eine wichtige Kleinigkeit. Bevor sie eine solche Maßnahme in Angriff nehmen, werden sie mich darüber informieren, wer der derzeitige Besitzer ist. In dieser Richtung wird nichts unternommen, bevor ich nicht meine Zustimmung erteilt habe. Ist das soweit klar?“
„Auch das stellt kein Problem dar.“
„Gut, dann gehe ich davon aus, dass wir im Geschäft sind.“
Die Bestätigung erfolgte wieder durch ein Nicken.
„Vor zwei Jahren starb hier in Atlanta ein Mann namens Jeffrey Muller. Da er keine Familie hatte, wurde sein Vermächtnis aufgelöst und versteigert. Wie ich erst kürzlich erfahren habe, befand sich unter seinen Sachen auch ein Schwert aus dem Mittelalter. Dieses Schwert wird aufgrund des Glanzes von Metall und eingearbeiteten Edelsteinen auch das »Lichtschwert« genannt. Ich habe eine grobe Beschreibung. Sie befindet sich auf einem Chip, den ich ihnen am Ende unseres Gesprächs geben werde. Dort finden sie auch eine Telefonnummer, über die ab jetzt unsere Kommunikation laufen wird, sowie sämtliche Informationen, die ich bisher zusammengetragen habe. Ich wünsche, dass diese Suche so diskret wie möglich erfolgt. Sie verstehen, was ich meine.“
„Selbstverständlich.“
„Wie sie feststellen werden, gibt es nur wenige Anhaltspunkte, die ihre Suche erleichtern.“
„Wir werden unser Möglichstes tun.“
„Davon bin ich überzeugt. Bestehen ihrerseits noch irgendwelche Fragen?“
„Nein. Zur Zeit nicht.“
„Dann wünsche ich ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche.“
„Vielen Dank.“ Mit diesen Worten stand Badger auf. Er nickte Mr. Downing noch einmal zu und verließ dann das Restaurant.
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