Braun mit grünen Sprenkeln

OneshotFreundschaft / P6
30.10.2016
30.10.2016
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1926
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Ein klein bisschen was für die Halloweenzeit. Und für Harry und die Monster von Little Whinging.




Ganz in der Nähe des Spielplatzes von Little Whinging, fast direkt angrenzend sogar, liegt ein Wald.
Er ist nicht sonderlich groß und auch nicht dicht und dunkel – eigentlich sieht er aus, als würden viele der ansässigen Familien an den Wochenenden dort Spaziergänge machen, doch kaum einer setzt je einen Fuß in diesen Wald. Unnatürliche Geräusche drängen manche Nächte aus ihm heraus, Anwohner haben von merkwürdigen Schatten berichtet und von rauschenden Blättern, wenn außerhalb kein Wind weht.
Man sagt, der Wald ist verflucht und dass Monster in ihm hausen, und wenn die Gemeinde es sich leisten könnte, hätten sie den Spielplatz sicher schon vor Jahren in eine sicherere Gegend verlegt.
So aber befindet er sich noch immer neben diesem unheimlichen Ort und als Dudley mit seinen Freunden den fünfjährigen Harry erst vom Sandkasten und dann ganz vom Spielplatz vertreibt, scheint es nur natürlich, dass dieser in dem Wald Zuflucht sucht – es hat ihn ja niemand davor gewarnt, im Gegensatz zu den anderen Kindern.

Dudleys Bande hat ihn deswegen nur bis zur Grenze der Bäume gejagt, aber Harry weiß nicht, dass sie inzwischen zum Spielplatz zurückgekehrt sind – er hat schon gelernt, dass es besser ist, darauf zu achten, wohin statt wovor er rennt. Zurück zu schauen birgt die Gefahr von ungesehenen Hindernissen und kostet ihn so oder so wertvolle Sekunden.
Er hört erst auf zu rennen, als er über eine Wurzel stolpert, die er trotz seinen Blicks nach vorne übersehen hatte. Die Erde ist ein wenig feucht und Tante Petunia wird sich bestimmt fürchterlich aufregen über die entstehenden Flecken auf seiner Kleidung (Dudleys abgetragenen Sachen) und ihm vorhalten, wie undankbar er sei.

Ein wenig unbeholfen steht Harry auf und versucht, den Dreck abzuklopfen (mit mäßigem Erfolg), als auf einmal alle Gedanken an seine Familie davonfliegen – denn dort, bei dem Baum über dessen Wurzel er gestolpert ist, liegt ein… Ei?
Von der Form her sieht es zumindest aus wie die Eier, die Tante Petunia immer zum Frühstück macht, also, bevor sie sie kaputt schlägt und in die Pfanne macht. Aber es ist viel, viel größer, bestimmt so groß wie sein ganzer Arm lang ist, und außerdem ist nicht weiß sondern braun – so braun wie die Flecken auf Harrys Hose, aber mit lustigen grünen Sprenkeln.
Das Ei fühlt sich auch ganz warm an und Harry ist sich sicher, dass darin ein kleines Tier lebt, oder vielleicht auch mehrere, bei der Größe!, so wie kleine Vögel und Schlangen in Eiern leben. Das hat er mal bei einem erhaschten Blick auf den Fernseher gesehen, wie die Tierchen aus ihren Eiern kommen.
In den Frühstückseiern lebt zum Glück nichts, stattdessen ist darin dieses weiße und orange Glibber, das Harry bei den Vogeleiern nicht gesehen hat, aber dafür ist in denen ja auch gar kein Platz. Im Fernseher sah es jedenfalls ganz schön eng aus für die kleinen Vögel.
Dem Tierchen in dem lustigen braunen Ei wird es aber bestimmt nicht zu eng, das ist schließlich soo groß, da hat es doch sicherlich genug Platz darin.

Harry geht das Ei oft besuchen, das ist kein Problem, er ist ja noch nicht in der Schule und wenn er keine Aufgaben für Tante Petunia machen muss, schickt sie ihn sowieso meist aus dem Haus und kümmert sich nicht darum, wie er die Zeit verbringt.
Am Anfang hat er Schwierigkeiten, es wiederzufinden, weil er ja nicht so sehr darauf geachtet hat, wohin er gerannt ist (Hauptsache weg von Dudley!) und es ist schließlich genauso braun-grün wie der Wald. An den genauen Weg erinnert Harry sich auch nach mehreren Besuchen nicht, aber dafür kann er ein rotes Tuch von Tante Petunia, das Dudley kaputt gerissen hat, stibitzen und um das Ei wickeln, sodass es leichter zu sehen ist.

Das Tier in dem Ei wird sein Freund sein, beschließt Harry, sein allererster Freund, und so fängt er schon bald an, damit zu reden. Er erzählt ihm von den Dursleys, wie Onkel Vernon mit seinem Schnurrbart aussieht wie ein Walross und Tante Petunia wie ein Pferd. Er erzählt von seinem Schrank unter der Treppe und dass er sich manchmal vorstellt, dass er darin auch in einem Ei ist, und von der kleinen Glühbirne, den scheuen Spinnen und den Spielzeugsoldaten, die er von Dudley erbeuten konnte und fragt seinen neuen Freund, ob er auch Spinnen in seinem Ei hat oder eine Matratze.
Harry erzählt ihm alles, was ihm einfällt, und stellt all die Fragen, die er bei den Dursleys nicht stellen darf, und wenn er sein Ohr ganz nah an das Ei hält, hört er manchmal sogar Geräusche, die ganz bestimmt die Antworten seines Freundes sind, ganz bestimmt!

Harry liebt es, mit dem Ei, mit seinem Freund zu reden, aber er macht sich Sorgen. Es wird Herbst und gerade nachts immer kälter – was wenn sein Freund da draußen im Wald friert? Er würde ihm ja seine Sachen schenken, aber er hat selber kaum welche und die sind sowieso nicht sehr dick und wärmend. Vielleicht kann er mehr kaputte Sachen finden, so wie Tante Petunias rotes Tuch, das nicht mehr rot aussieht.
Leider hat er damit kein Glück – oh, er sieht einige Leute, die alte Kleidung wegwerfen, aber nie hat er die Gelegenheit, etwas davon zu nehmen, zumindest nicht unbemerkt, und ihn schauen sowieso schon alle immer so komisch an.
So muss Harry sich damit begnügen, seinem Freund aus Gras und den ersten gefallenen Blättern ein Bett zu bauen, und ihn so oft wie möglich zu besuchen, um sich an das Ei zu kuscheln und es zu wärmen (sich zu wärmen).
Manchmal glaubt er zu spüren, wie sein Freund sich in dem Ei bewegt, und die Geräusche scheinen auch lauter zu werden, mal so etwas wie ein Gurren, mal ein Klopfen. Harry will gerne zurückklopfen, um seinem Freund zu zeigen, dass er da ist, aber er will ihm auch nicht sein Zuhause kaputt machen, Eier brechen schließlich so leicht.

Auf einmal hat das Ei dann aber trotzdem Risse.
Erst macht das Harry Angst und er überlegt panisch, wo er am schnellsten Kleber herholen kann, um sie zuzumachen und war das seine Schuld, war er mal wieder so tollpatschig, wie Tante Petunia sich immer beschwert?
Dann hört er ein Kratzen und ein Klopfen und sieht, wie die Risse größer werden, und er erinnert sich an die Bilder im Fernsehen, wo der kleine Vogel auch sein Ei kaputt gemacht hat, um herauszukommen.
Aufgeregt fängt Harry an zu plappern – endlich wird er seinen Freund sehen und dann können sie zusammen spielen, Fange zum Beispiel oder Verstecken, und sie werden ja soo viel Spaß haben!
Als das Ei schließlich kaputt genug ist, dass er seinen Tierfreund sehen kann, kommt Harry ins Stocken. Irgendwie sieht er merkwürdig aus.
Schuppen und ein Schwanz wie eine Schlange.
Flügel wie ein Vogel. Oder wie eine Fledermaus?
Aber außerdem auch vier Beine mit Krallen wie Tante Marges Hunde und der Kopf wieder wie bei einer Schlange, aber nicht so richtig.
Die Geräusche, die er macht, sind ebenso merkwürdig, jetzt wo das Ei sie nicht mehr dämpft. Ein zischelndes Gurr-Knurren oder so, vielleicht auch ein gurrendes Knurr-Zischeln? Irgendeine Mischung aus den dreien jedenfalls.

Harry mustert ihn kurz abschätzend an und fängt dann an, zu strahlen. Er sieht aus wie ein Freak unter den Tieren, so wie er selbst ein Freak unter Menschen ist – sie sind dafür vorbestimmt, Freunde zu sein!
„Hast du einen Namen?“, fragt Harry seinen Freund und erhält als Antwort ein Tschilp-Gurren. Er versucht, es nachzumachen, scheitert aber immer wieder. Nach einer Weile, beschließt Harry, seinem Freund einfach einen zweiten, menschlicheren Namen zu geben.
„Smarak“, sagt er bestimmt, „du heißt jetzt Smarak für mich.“
Die Schuppen seines Freundes sind nämlich ganz grün und irgendwie schillernd und erinnern Harry an die grünen Steine, die Tante Petunia manchmal um ihren Hals trägt, und diese Steine heißen wohl Smarak und deswegen ist das der allerbeste Name für Harrys Freund.

Smarak wächst schnell – im Ei konnte Harry ihn noch tragen (oder zumindest kurz hoch- und auf seinen Schoß heben), aber inzwischen ist er dafür zu schwer. Und zu groß. Frisch aus dem Ei reichte sein Freund ihm nur bis zu den Knien, jetzt schon bis zum Bauch und wenn Harry sich auf den Boden setzt ist Smarak sogar größer als er!
Das ist irgendwie ein komisches Gefühl, wenn es jetzt er ist, der sich an seinen Freund kuschelt, statt andersherum, aber wenn Smarak wächst, heißt das doch, dass er genug zu Essen hat und Harry hat sich da Sorgen drüber gemacht – er selbst kriegt von Tante Petunia nie so viel Essen, dass er richtig satt ist, während Dudley immer Extraportionen bekommt, damit er groß und stark wird.
Dudley sagt jedes Mal danach, dass Harry dann wohl auf ewig klein und schwach bleiben wird.

Einmal antwortet Harry, dass er dafür einen Freund hat, der groß und stark ist (obwohl er gar nicht weiß, wie stark Smarak wirklich ist), aber Dudley lacht ihn aus, weil ein Freak wie er gar keine Freunde haben kann.
„Ich werd's ihm schon zeigen“, denkt sich Harry und läuft in den Wald, um Smarak zu holen. Wenn Dudley Smarak erst sieht, wird er ihn nicht mehr auslachen!
Das Problem ist nur, dass Smarak nicht da ist, an keinem seiner üblichen Plätze, und er kommt auch nicht, als Harry ihn ruft, was er sonst immer macht. Stetig besorgter und verzweifelter werdend, durchsucht Harry den Wald, vielleicht hat sein Freund sich ja irgendwo weh getan und kann deswegen nicht antworten.

Es ist spät, als Harry schließlich aufgibt und in den Ligusterweg zurückkehrt.
Onkel Vernons Gesicht ist ganz wütend rot, als er ihm die Tür aufmacht, und Tante Petunias Stimme ganz schrill, als sie ihn mit dem Gartenschlauch abspritzt, und Dudleys Lachen ganz gemein, als er ohne Abendbrot in seinen Schrank gesperrt wird, aber Harry reagiert nicht darauf. Smarak ist weg, sein erster Freund, einfach weg!
Auch in den nächsten Tagen kann Harry ihn nicht finden und Dudley fängt an, ihn wegen seines imaginären Freundes zu hänseln, und nach einer Weile beginnt Harry selber zu glauben, dass Smarak nicht echt war, gerade nachdem er doch endlich erfährt, dass der Wald, der Smaraks Zuhause war, verflucht ist. Bestimmt war das alles nur Einbildung.

Fast zehn Jahre glaubt Harry das.
Bis er mit vierzehn Jahren in der ersten Aufgabe des Trimagischen Turniers dem Walisischen Grünling-Weibchen gegenüber steht, welches zur Überraschung aller ihr Gelege verlässt, den vor Schock erstarrten Zauberer vorsichtig (!?) hochhebt, bevor er auch nur Accio denken kann, ihn in ihr Nest zu den Eiern setzt (braune Eier! mit grünen Sprenkeln!) und sich schützend darum legt.
„Smarak?!“, ruft Harry ungläubig. Wie zur Antwort fängt der Drache an, ein gurrendes Geräusch von sich zu geben (bei der Größe in Wirklichkeit mehr ein Grummeln), und Harry muss lachen.
Sein erster Freund – ein Drache, ein Drachenweibchen! Damit hat er aus irgendeinem Grund selbst nach Norbert-Norberta nicht gerechnet.



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. Nicht beta-gelesen - gefundene Fehler müsst ihr nicht für euch behalten.
. Ursprünglich wollte ich den Hornschwanz nehmen, aber zementgraue Eier? Näääh, dann lieber den Grünling. Farbe der Eier sind im HP-Wiki so vermerkt.
. Brüten und erste Tage passen nicht zu dem von Norbert(a), aber hey, künstlerische Freiheit und so. Es ist ja außerdem auch ne andere Rasse und Harrys Magie kann da bestimmt auch toll nachhelfen.
. "I don't own Harry Potter.", wie der Disclaimer im Englischen gerne heißt.
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