Der Geist in der Lampe

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12
Dschinn OC (Own Character)
30.10.2016
01.11.2016
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Es war ein ganz normaler Nachmittag, an einem ganz normalen Tag.
Nun, für die Menschen in London, vielleicht, nicht für mich.
Für mich war es der erste verdammte Tag überhaupt, seit fünfhundert Jahren!
Ich erinnere mich noch genau, als meine Substanz sich endlich wieder in eine physische Gestalt begab. Warum mich das so freute? Nun, weil sie davor fünfhundert Jahre lang in einer persischen Öllampe eingeschlossen war. Noch immer ist. Stell dir vor, man stopft einen Wackelpudding in einen Fingerhut. Streng deine Fantasie an, Kind, natürlich weiß ich, dass das nicht geht! Aber genau so fühlt es sich nunmal an, und das ganze für sage und schreibe fünf Jahrhunderte.
Ach, was rede ich da, lies einfach weiter, und dir wird bald ein Licht aufgehen...

Ein plötzlicher Strudel sog mich aus der kleinen Lampe, verdrehte meine Substanz, und ich versuchte, aus diesem Kuddelmuddel irgendeine halbwegs ansehnliche Gestalt zu formen. Ich wusste ja nicht, wo und wann ich war, aber ich entschied mich für etwas zeitloses: Die Gestalt eines humanoiden Raben, mit großen, blauschwarzen Schwingen, einem gleichfarbig gefiederten Leib und einem großen, spitzen Schnabel und rot glühenden Augen.
Das ganze stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht. Ich konnte meine Gestalt gerade noch annehmen, landete aber mit einem wenig heroischen Kniefall auf dem Boden, weil sich alles um mich herum drehte. Vielleicht drehte auch ich mich. Aber ich war mir sicher, dass ich regungslos am Boden verharrte, bis ich da eine quietschende Stimme im Hintergrund wahrnahm, die zunächst wie Watte an meine Ohren drang.
Als ich meine brennenden Augen öffnete, gewahrte ich einen kleinen Menschen vor mir.
Es dauerte ein wenig, bis ich zu mir fand, aber dann richtete ich mich langsam auf und blickte mich an dem seltsamen Ort um. Es sah völlig anders aus als das, was ich erwartet hätte. Ich hätte vielleicht die weißen Zinnen eines damaskischen Palastes erwartet, oder ein paar leicht gekleidete Frauen mit seidenen Schleiern, wie es damals eben so üblich gewesen war, aber sicher nicht einen in Fetzen gekleideten Jungen in einer heruntergekommenen Halle. Das passte nun gar nicht zu meiner Vorstellung von… ja, wo war ich überhaupt? Das musste ich zuerst herausfinden. Ich wusste ja nicht einmal, wieviel Zeit vergangen war.

»Was glotzt du so? Noch nie einen Lampengeist gesehen?«, fragte ich den Jungen, der wie versteinert dastand und versuchte, sich seine Fingernägel mit den Zähnen zu kürzen. Ich überlegte, ob ich ihm eine Schere dafür empfehlen sollte, ließ es dann aber bleiben.
»A-aber d-du bist ein Rabe!«, stammelte er dann zurück. Ein Wunder, der Kleine konnte also doch sprechen, und ich hatte schon befürchtet, er konnte nur schreien! Allerdings benutzt er eine Sprache, die ich noch nie gehört hatte, und die anders als alle anderen klang, die ich bisher je gehört hatte. Na wunderbar. Ein gewöhnlicher Junge anscheinend, der noch nie einen Geist gesehen hatte.
»Was hast du denn erwartet? Einen muskelbepackten Kerl mit Schnurrbart und fliegendem Teppich? Also bitte, tut mir leid, deine Erwartungen zu enttäuschen, aber das ist nunmal die Realität… und ich bin zum Anfassen echt, das kannst du mir glauben. Aber du musst ein gewöhnlicher Junge sein. Wärst du nur ein Zauberer, der könnte mich endlich befreien. Auch, wenn er das sicher nie tun würde, aber man darf ja hoffen… Also, was willst du? Die üblichen drei Wünsche, und überlege dir gut, was du dir wünscht, denn es gibt kein Rückgaberecht!«, plapperte ich munter drauf los. Hey, was denkt ihr denn, wenn man seine Redseligkeit so viele Jahre lang unterdrückt? Ich bin mir sicher, es mussten mindestens hundert Jahre geesen sein, wenn nicht noch länger. Das hier sah überhaupt nicht wie das mittelalterliche Bagdad aus, das ich kannte.
Nachdem der Junge nichts tat, außer zu starren, fügte ich mit erhobener Schwungfeder noch hinzu: »Also, was darf es sein? Aber bedenke, auch meine Zauberkraft ist begrenzt.« Ich wollte ja nicht das Wort für Illusion verwenden, das hätte so abwertend geklungen. »Du siehst so traurig aus, vielleicht ein Teddybär?« Ich ließ auf meiner Kralle das Bild eines Stofftieres erscheinen und hielt es ihm hin. Er bewegte sich nicht. Auch gut. Ich ließ den Bären wieder verschwinden und blickte mich um. »Wo sind wir hier überhaupt? Wohnst du etwa hier? Sieht aus wie eine Lagerhalle…« Das tat es tatsächlich: Es war ein großer Raum, in dem einige Kisten, aufgebrochene wie ungeöffnete, standen, darunter auch ein Tisch, ein Stuhl und eine kleine Kerze, deren Licht kaum in der Lage war, den kleinen Tisch zu erhellen. Nur gut, dass von draußen durch ein weiter oben gelegenes Fenster das Licht des Mondes herein leuchtete.
Nachdem sich der Junge etwas gefasst und den ersten Schock überwunden hatte, antwortete er: »Das ist eine Lagerhalle.«
Der Rabe rollte dezent mit den glühenden Augen.
Nun wollte ich genauer wissen, wo wir uns befanden, nachdem der Junge offenbar nicht zum Quell meiner Antworten werden würde, und erhob meine pechschwarzen Schwingen, um hinauf zu dem Fenster zu segeln. Was ich dort erblickte, verschlug mir die Sprache gänzlich.
Eckige Kutschen in allen möglichen Farben, mit vier Rädern und ohne Pferde, standen dort auf einer Straße, die grauer und dreckiger nicht hätte sein können. Gut, Letzteres erinnerte mich nur an die Straßen von Bagdad, das war nichts Neues. Über den riesigen, tristen Häusern stand der volle Mond, umgeben von einem Hof aus dunstigem Nebel, der, wie ich später noch erfahren sollte, den vielen Abgasen der neuzeitlichen Lebensweise zuzuschreiben war, und erleuchtete das, was man bestenfalls ein Gefängnis nennen konnte. Ich spürte sofort die Unnahbarkeit und die Menschlichkeit, die von den Bauwerken aus ging, und fragte mich, wie man es hier aushalten konnte. Das war aber nur das, was ich auf den ersten Blick wahrnahm. Auf den zweiten sah ich überquellende Container mit allerlei buntem Müll, einige Menschen, die darin vergebens nach Nahrungsmitteln stierten, und dazu den Geruch von beissendem Unrat. Ich war mir noch nicht sicher, wo ich diese Bilder in meinem unendlichen Gedächtnis einordnen sollte, aber ich beschloss, sie für's erste am besten wieder zu verbannen, und glitt hinunter, um elegant vor dem Jungen auf meinen Vogelbeinen zu landen.
»Wo sind wir hier? Und welches Jahr haben wir überhaupt?«, fragte ich nach.
»London«, kam es von dem Jungen. »Und äh… zweitausendsechzehn.«
Ich musste entsetzt blinzeln. »Zweitausendsechzen nach Christus? Ach herrje… dann hieße das ja, dass ich fünfhundert Jahre lang… nein, nicht auszudenken!« Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war tatsächlich ein großer Platz in Bagdad im Jahre 1476 nach Christus gewesen.  Für jemanden, der nicht sterben konnte, waren fünfhundert Jahre zwar nicht viel, aber hey, wenn man solange in eine Lampe gequetscht ist, konnte das unerträglich werden!
»London? Wo soll das sein? Nie gehört«, setzte ich dann fort. Tatsächlich klang der Name nicht wie irgendeine Sprache, die ich schon einmal gehört hätte. »Wo sind wir hier? Ägypten ist es nicht, und Persien auch nicht«, fragte ich, während ich gedanklich alle fernen Orte durchging, von denen ich bereits gehört hatte.
»Äh… das ist in Europa, England«, klärte mich der kleine Junge dann auf, der mich mit seinen großen Kinderaugen irritiert anstarrte. Aber was hatte er denn erwartet? Man kann ja nicht auf dem neuesten Stand bleiben, wenn man in einer Lampe eingesperrt ist.
»Wie lange warst du denn in dieser Lampe?«, fragte er dann nach.
»Länger, als du es dir vorstellen kannst«, erwiderte ich mit einem resignierten Seufzen. »Viel zu lang. Wie alt bist du überhaupt? Fünf? Sieben?«
»Zwölf«, meinte der Junge.
»Ach, macht auch nicht viel Unterschied…«, gab ich abwinkend zurück. »Werde du erstmal so alt wie ich, dann reden wir weiter darüber! Aber Halt, ihr Menschen habt doch nur so begrenzte Lebensspannen…«
»Wie alt bist du denn?«, erkundigte sich der Junge. Neugierig war er schon, das musste ich ihm lassen! Auch, wenn mir seine Fragen langsam aber sicher auf die Substanz gingen, aber ehrlich gesagt war ich froh, überhaupt mit jemandem sprechen zu können nach all der Zeit. Ich hatte die Hoffnung, dass noch einmal jemand diese verflixte Lampe öffnen würde, ja schon völlig verworfen.
Während er sprach, war ich zu der auf dem kleinen Tisch stehenden Öllampe getreten, an die ich unzertrennlich gekettet war, und umkreiste sie mit drohend erhobenen Klauen. Wie gerne hätte ich sie in dem Augenblick zerstört, aber allein schon der bloße Gedanke daran war schmerzhaft! Ich ließ die Krallen wieder sinken und wandte mich dem Jungen zu, dessen Frage ich beinahe vergessen hatte.
»Alt«, antwortete ich ernst. »Älter, als die Zeit selbst.«
»Wie alt genau?«
Kinder! Sie konnten einem buchstäblich Löcher in die Substanz fragen!
»Das kann ich dir nicht sagen, Junge«, gab ich zurück. »Vielleicht zwei, vielleicht viertausend Jahre. Frag keinen Dschinn nach Jahreszahlen. Da, wo ich herkomme, gibt es keine Zeit. Nur Menschen müssen alles immer dokumentieren und aufschreiben.«
Dann nahm ich mir einmal die Zeit, mein kleines Gegenüber genauer zu mustern.
Bevor er noch etwas erwidern konnte, hatte ich meinen buchstäblichen vorlauten Schnabel aber schon wieder geöffnet: »Wer bist du eigentlich? Lebst du hier etwa ganz allein? Hast du keine Eltern, Familie, Freunde?«
Nun senkte der Junge traurig den Kopf. Offenbar hatte ich damit Salz in eine offene Wunde gestreut. Was? Kann ich ja nicht ahnen, oder?
»Ja. Ich bin Timmy, und ich habe keine Familie«, erwiderte er und zog einmal schniefend die Nase hoch. Ach herrje. Am liebsten hätte ich ihn jetzt in die Arme genommen und geknuddelt. Aber nur hätte. Ich tat es natürlich nicht. [1]
Nachdem ich ihn aus sehr verwirrten glühend roten Rabenaugen angeschaut hatte, gab er mir noch eine Erläuterung dazu: »Ich bin vor einer Woche aus dem Waisenhaus geflohen.«
Die Sturmkrähe schüttelte den Kopf. »Na, das tut man aber nicht. Warum machst du auch so etwas?«
»Sie haben meinen Bruder einfach so mitgenommen«, erwiderte er dann und sah mich aus überraschend entschlossenen Augen an, die ich einem Jungen seines Alters gar nicht zugetraut hätte. »Er hieß Tommy… seit ich fünf bin, träume ich davon, ihn zu wieder zu finden.«
Da verschlug es mir aber glatt die Sprache. Als ich sie wiedergefunden hatte, meinte ich: »Mal ehrlich, Junge. Das ist normal in einem Waisenhaus. Aber ein neunjähriger Junge wie du sollte nicht alleine auf der Straße leben!«
»Zwölf«, besserte er mich aus.
»Ja, richtig. Zwölf. Das ist ja auch so viel besser! [2] Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist?«
»Ich habe doch drei Wünsche frei, oder?«, fragte der Junge dann plötzlich.
»Äh ja… und?«
»Dann wünsche ich mir einen Geist, der weniger jammert.«
Also mal ernsthaft. Sowas hatte ich nun wirklich nicht gemeint! Aber bitte, das konnte ich natürlich einrichten. Weniger jammern war in Ordnung, solange ich nicht weniger reden sollte. Das wäre mir wirklich schwer gefallen.
»Kein Problem, sonst noch was? Das war Nummer eins.« Wenn die restlichen beiden Wünsche auch so leicht zu erfüllen waren, hatte ich ja ein leichtes Spiel mit ihm. Dann würde ich endlich frei sein… oder aber zurück in meiner Lampe. Das hatte ich gar nicht bedacht! Ich wusste nicht, ob ich nach Erfüllung der Wünsche endgültig frei war oder auf einen neuen Herren warten musste. Verdammt, wie konnte ich nur so naiv gewesen sein?
»Ja. Ich wünsche mir, dass du eine andere Gestalt annimmst«, kam es auch schon von dem Jungen. »Etwas Menschlicheres. So wirst du auffallen auf der Straße!«
Ich blickte an meinem wunderschönen, schwarzen Federkleid hinab. Wie konnte man nur so wenig Geschmack haben? »Wird gemacht«, erwiderte ich daraufhin und verwandelte mich in etwas, an das ich mich gut erinnerte. Besser gesagt, in jemanden. Es war ein junger Mann im besten Alter, mit schwarzem Haar, Jackett, breiten Hosen und spitzzulaufenden Sandalen. Kurz gesagt, ein Tempeldiener aus dem alten Angkor Wat.
Der Junge musterte mich schief, sagte aber nichts.
»Das waren jetzt zwei Wünsche, pass auf, was du dir als drittes wünschst, denn dann bin ich weg!«, erwiderte ich. »Und eigentlich wollte ich gerne noch ein wenig bleiben. Ist ganz schön einsam in so einer Lampe, weißt du?« Verdammt, hatte ich das jetzt wirklich gesagt? Meine Substanz fing leicht an, schmerzhaft zu kribbeln. Mein wirklicher Meister war zwar mit Sicherheit schon lange tot, aber ich war immer noch an seine Befehle gebunden: Dem Besitzer dieser Lampe drei Wünsche zu erfüllen. Tat ich das nicht, widersetzte ich mich seinem Befehl, und das schmerzte nun einmal in der Substanz.
»Wo hast du die Lampe eigentlich her? Sicher nicht gekauft, oder?«, fragte ich, in der Hoffnung, der Zauber wirkte nur, wenn die Lampe ehrbar erstanden war. Aber wahrscheinlich hatte ich nicht so viel Glück. Ich erinnerte mich an die Worte meines persischen Meisters von damals, die er während des Rituals gemurmelt hatte um meine Substanz in die Lampe zu sperren…

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[1] Obwohl ich es wiederum hätte tun müssen, aus Dank dafür, dass er mich aus diesem Gefängnis geholt hatte.
[2] Die Ironie dahinter war hoffentlich erkennbar, oder?
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