The Lost Boy

GeschichteKrimi, Romanze / P18 Slash
30.10.2016
24.09.2017
5
20360
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9 Reviews
Dieses Kapitel
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Hallo! :)
Hier mal was Neues von mir! Es wird sehr spannend, versprech ich euch! Und natürlich kann man bei der Story auch toll miträtseln ;)

Viel Spaß!

Disclaimer:
Die Charaktere gehören mir nicht, ich habe die Story frei erfunden und ich bekomme kein Geld mit dieser noch sonst irgendeiner Story. (Schade, eigentlich *lach*)

Feedback, Kritik, Anregungen, sind alle gerne gesehen! :) Im Übrigen... ich verbringe in der Regel mit der groben Ausarbeitung eines Plots ein paar Wochen, mache immer ein bisschen was häppchenweise. Aber bei dieser Story war's irgendwie anders. Mich hat der Blitz erwischt (hat sich so angefühlt), als mir die Idee zu der Story kam und ich hab mich die nächsten drei Tage abends hingesetzt, um die Details auszuarbeiten. Die Story ist ganz schön viel Arbeit (ich jammere nicht, es macht Spaß!), weil es so viele verschiedene Handlungsstränge gibt, die am Ende ineinander fließen und stimmig sein müssen. Das ist wohl das Komplizierteste, an das ich mich je rangetraut habe.


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Kapitel 1: The great and bad about Gerard


Vor über zehn Jahren verschwand ein Junge in Summit, New Jersey, spurlos. Damals verständigte die Mutter drei Stunden nachdem der Junge nicht von der Schule nach Hause zurückgekehrt war, die Polizei. Es gab eine großangelegte Suchaktion, bei der auch einige der Nachbarn des Jungen halfen.

Doch nach einiger Zeit wurde der Fall zu den Akten gelegt. Man hatte den Jungen namens Frank Anthony Iero einfach nicht finden können.
Nicht einmal Zeugen, die ihn das Schulgebäude verlassen gesehen hatten, gab es.
Am Ende sah es so aus, als hätte der Junge die Erde als Ganzes verlassen.
Nur wie soll so etwas möglich sein?



Officer Gerard Arthur Way war seit nun genau einem Jahr im Dienst. Heute um sieben Uhr war sein erstjähriger Geburtstag als Polizist. Das halbe Revier in New Jersey, Belleville, hatte an diesem Morgen bereits mit Sekt und Kuchen auf ihn angestoßen. Officer Way war zwar jung, doch allseits beliebt und hochgeschätzt bei den Kollegen wegen seiner Intelligenz. Er war besonders in dieser Hinsicht schlau, als dass er genau wusste, was er wollte, doch noch gerissener an ihm war, dass er auch wusste, wie er es bekommen konnte.

Und nur darum zog er sich, nachdem die Feier vorüber war, zurück in sein kleines Büro. Es gab noch Arbeit für ihn zu tun. Sogar eine ganze Mappe voll.
Ein halbvolles Glas Sekt war ihm von der Feier übriggeblieben, dieses entführte er in sein Büro. Er musste zurück an die Arbeit, doch jetzt, wo er alleine war, überkamen ihn so einige Gedanken, die es dringend zu sortieren galt, und dafür stellte sich der recht schlanke, attraktive Mann mit dem rabenschwarzen Haar vor das Bürofenster. Dann sah er hinaus, auf das Treiben auf den Straßen… und nippte zwischendurch immer wieder an seinem Glas.

Ab heute konnte er noch eine Stärke sein Eigen nennen: Gutes Timing. Das hatte er nun ebenfalls gelernt.

Aber Gerard freute sich darüber nicht. Seine Gedanken in diesem Moment waren an traurige Erinnerungen gefesselt: Vor seinem geistigen Auge sah er noch mal, wie der Junge ihn voller Zorn anschrie, zu dem er einmal so etwas wie Liebe empfunden hatte. Und er gab mit trauriger Miene zu, wie leid es ihm tat … selbst nach all den Jahren.
Dann packte der Junge seinen Rucksack vom Boden, die grünen Augen starr auf den jungen Gerard gehalten, und wandte ihm den Rücken zu. Und leider sollte es für immer sein.


‚Ich habe nie gewollt, dass er aus meinem Leben verschwindet‘, sagte Gerard zu sich selbst. Tatsache war, an diesem Tag verließ der Junge in seiner Erinnerung nicht nur Gerards Leben, sondern angeblich auch die Erde im Allgemeinen.

Darüber wusste Gerard jedoch Bescheid. Darum betete er auch inständig bei sich:
‚Wenn ich dich nur finden könnte …‘
‚Irgendwo …‘
‚Irgendwann … selbst nach Jahren will ich dich zurück.‘

Die Frage blieb allerdings weiterhin: Wohin war Gerards Kindheitsfreund namens Frank Anthony Iero an diesem verhängnisvollen Tag gegangen, nachdem sie sich gestritten hatten? Angeblich hatte niemand Frank gesehen. Niemand hatte gesehen, ob er zurück in das Schulgebäude gegangen war, ob er den Weg nach Hause angetreten war … und das obwohl so viele Schüler zur selben Zeit das Gebäude verließen.
Also hatte sich der Junge in Luft aufgelöst?

Gerard machte sich derweil noch keine konkreten Gedanken um das Wie, Wo, oder Wann. Er war schlichtweg mit dem Gefühl der Reue davongesegelt und damit auch geistig aus dem Raum.

„Officer?“
„Officer Way?“
Gerard erschrak beinahe fürchterlich, als er die junge, rothaarige Polizistin in seiner Türe bemerkte. Sein Herz raste und einige Schweißperlen tropften ihm von der Stirn, während er sie mit einer Handbewegung hineinbat.
Seine Kollegin zog es aber vor, direkt auf den Punkt zu kommen.
„Da ist jemand am Telefon für Sie. Eine Frau namens Linda Iero möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben.“
Gerard starrte die Polizistin mit halb geöffnetem Mund an. Er traute seinen Ohren kaum.
Und irgendetwas in ihm fühlte sich so an, als würde es zerreißen.


Fünfzehn Minuten später war Gerard, jetzt wieder mit entspannter Haltung wie typisch für ihn, auf den Weg in den Bezirk Summit. Er fuhr Kaffee aus einem Pappbecher trinkend und mit angeschaltetem Radio durch die Straßen, das Sonnenlicht kitzelte ihm in der Nase und Gerard genoss es.

Er hatte in seinem Büro zuvor noch einen Kaffee getrunken bis sein Kopf nicht mehr verklärt war. In der Ruhe liegt die Kraft, sagt man, aber Gerard hatte sich nicht beruhigt, sondern er hatte Hoffnung geschöpft. Er war voller Hoffnung, den Jungen wiederzubekommen, den verlorenen Jungen lebend wieder in seine Arme zu schließen.
Ja, er hatte all seine Kräfte gebündelt, um etwas zu verändern, das ihn unheimlich schmerzte.
Deswegen fuhr er in eine Zukunft, die anders werden sollte, als die Gegenwart es vermuten ließ.

Gerard kannte Summit. Hier war er aufgewachsen, in dem Haus nur eine Straße weiter gelegen als das der Ieros. Im Bezirk Summit hatte er auch die Highschool besucht.

Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite – daran erinnerte er sich sofort, als er sein Auto an der Straße parkte – war er zusammen mit seinem kleinen Bruder im Winter bei Glatteis einmal furchtbar ausgerutscht und hatte sich eine tiefe Schürfwunde an der Hand zugefügt.
Gerard lächelte der Herbstsonne entgegen, als er auf dem Pflaster vor dem gelben Haus stand und ein grober Windstoß Laub um ihn blies.
Danach atmete er einmal tief ein, einmal tief aus, besann sich wieder auf das Wesentliche.

Es war unwahrscheinlich, dass Linda Iero eine wirklich neue Vermisstenanzeige aufgeben wollte. Wahrscheinlicher war es, dass ihr Sohn vor Kurzem nach Hause zurückgekehrt und nun wieder verschwunden war.
Gerard brannte darauf, die Details zu erfahren: Wo Frank gewesen war, wo er sich ein ganzes Jahrzehnt lang versteckt hatte. Und warum – warum er abgehauen war.


Linda Iero entdeckte Gerard bereits beim Passieren eines Fensters und öffnete ihm die Haustüre. Ihr Gesicht wiederzusehen war für Gerard, als ob er ein altes Gesicht wiedersehen würde, das wie ein neues aussah. Früher war ihr Sohn Gerards bester Freund gewesen und so hatte er auch seine Mutter fast tagtäglich gesehen.
Doch einige Jahre waren vergangen und hatten Spuren an Lindas Gesicht hinterlassen… sie war schrecklich gealtert.

„Guten Morgen, Mrs Iero“, sagte Gerard, wobei er die Hand kurz hob. Linda nickte mehrere Male zur Begrüßung. Erst als sie Gerard in den Vorraum gelassen hatte, sagte sie mit erkälteter Stimme: „Guten Morgen, Gerard.“

Für Gerard war es fast ein wenig seltsam, im Dienst mit einer Frau zu reden, die wie eine zweite Mutter für ihn gewesen war. Er musste sich so erwachsen benehmen, wie er es jetzt auch war, auf der anderen Seite fühlte er sich in ihrer Gegenwart wie sein Fünfzehnjähriges Ich.

„Sie sind doch in offizieller Funktion hier, nicht wahr?“, fragte Linda, während sie es sich in einem weichen Couchsessel im Wohnzimmer bequem machte.
Gerard war dermaßen überrascht, dass sein Arm sich in seiner Jacke verhedderte, als er sie abstreifte.
„Aber … aber …“
Linda seufzte.
„Deine Eltern sind schon lange weggezogen und ich hatte nichts mehr von euch, nur noch die Adresse deines Reviers. Naja, das ist am Ende wohl auch nicht ganz verkehrt…“
Sie säuselte mehr, als dass sie sprach. Nichtsdestotrotz konnte Gerard jedes Wort verstehen. Er verstand sogar sehr gut.
So ließ er sich auf demselben Couchsessel gegenüber von ihr nieder, die Augenbrauen angespannt zusammengezogen, ihren Blick mit seinem fixierend.
„Was ist hier los?“

Linda senkte betrübt ihren Blick und Gerard entging nicht, dass sie sich mit einer Hand beunruhigt über die andere Handrückseite strich.
„Ich möchte ein Geständnis ablegen“, begann sie.
‚Das wird nicht nötig sein‘, dachte Gerard voller Vertrauen zu Linda. Was auch immer sie getan hatte, es bedarf sicherlich nicht seiner Arbeit. Sie hatte ihn für ein persönliches Gespräch hergeholt und das würde er ihr auch klarmachen, sobald sie zu Ende erzählt hatte.

Nach einigen Sekunden des Schweigens sah Linda Gerard tief in die Augen und begann, eine ganz andere Seite von sich preiszugeben.

„Ich habe meinen Jungen verschwinden lassen. Es war alles, alles meine Schuld… aber damals, als er fünfzehn Jahre alt war, da hat er sich dermaßen unmöglich benommen – vorlaut, eingebildet, selbstgerecht. Nie kam er rechtzeitig nach Hause. Er war außer Rand und Band, hat als minderjähriger Alkohol getrunken, geraucht, Marihuana verkauft, mir und meinem Mann Geld aus der Börse geklaut, wenn wir nicht hinsahen. Und dann … hat er mir auch noch erzählt, er sei schwul.“

Für fremde Augen kaum zu erkennen, doch wie so vieles, hatte sich das nicht geändert in Summit, hing ein Holzkreuz immer noch über dem Kamin im Wohnzimmer der Ieros.

„Bedingungslose Liebe… das ist, was man seinen Kindern zu schenken hat, sozusagen eine Mitgift, nachdem man ihnen das Leben geschenkt hat. Daran habe ich mein ganzes Leben lang geglaubt. Doch er wurde so unausstehlich und ich sah meine Kräfte schwinden, ihn zurück auf den richtigen Weg zu schicken. Daraus folgt: Ich war nicht stark genug, um ihn länger in meiner Nähe zu haben, als musste er unsere Familie verlassen.“
„Und wie geschah das?“, hakte Gerard schnell nach.
„Ich sagte ihm, wir würden uns ein College in Pennsylvania ansehen. Nach mehr als sechs Stunden Fahrt, mitten im Nichts, ließ ich ihn dann zurück… mit ein wenig Proviant, einigen Kleidungsstücken zum Wechseln und rund einhundert Dollar.“

Voller Verzweiflung schlug sich Gerard die Hände ins Gesicht. Das war furchtbar. Diese Geschichte war … unaussprechlich traurig. Und die Chance, dass Frank überlebt hatte bis heute, somit auch gering. Wenn Linda ihn irgendwo auf einer Landstraße zurückgelassen hatte, wo es eine Menge Räuber und gefährliche Landstreicher gab, und Frank nicht gerade viel Ahnung von solchen Dingen hatte, musste er mittlerweile tot sein. Wenn diese Menschen ihn nicht getötet hatten, dann die vielen nächsten Jahre auf der Straße.

Eine bedrückende Stille hing über Gerard und Linda gleichermaßen. Beide versteckten sie ihre Gesichter eine Weile lang voreinander, in dem sie ihre Köpfe neigten.

Doch dann sah Gerard plötzlich wieder zu Linda auf. Und sein eiskalter Blick ließ Linda den Blickkontakt aufnehmen.
„Warum…?“, flüsterte er verzweifelt.
Noch nie hatte er gesehen, wie Lindas braune Augen glitzerten, wenn sie sich mit Wasser füllten.
„Warum konnten Sie ihm nicht vergeben, dass er schwul ist? Das war doch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, nicht wahr?“, schlussfolgerte er aufgeregt, wütend, auch ein wenig verletzt.

Linda legte die zittrigen Hände auf ihren Schoß, senkte auch die Schultern, als ob die Last ihrer Schuld ihr die Kraft nehmen würde, sie zu heben.
„Ich bin streng traditionell erzogen worden. Und ich konnte einfach nicht damit umgehen. Es war zu anders, zu ungewöhnlich, zu neu. Erst jetzt habe ich mich damit abgefunden.“
Daraufhin lehnte sich Gerard weit nach vorne, um eine ihrer Hände ergreifen zu können.
„Ich bereue es zutiefst“, sagte sie ehrlich.
„Aber das kann ich nicht zur Anzeige bringen. Es ist verjährt, Linda. Und Frank hat seinen Teil des Dramas.“

Unter Schluchzen hörte sich Linda Gerards Worte an. Sie selbst war noch eine ganze Stunde damit beschäftigt, ihre Tränen von den Wangen zu wischen und so verließ ihren Mund so schnell nichts mehr.

Als Gerard aufstand und die trauernde Mutter betrachtete, die Linda war, erinnerte es sich wieder an das Phänomen namens Zeit.
Sein einjähriges als Polizist. Das war heute.
So viel Zeit hatte er in der Polizeischule verbracht. Gebüffelt wie ein verrückter, sich körperlich topfit gehalten, um Polizist werden zu können. Und ein ganzes Jahr lang hatte er sich als ein guter Polizist bewiesen. Aus einem guten Grund.

Bevor er Linda verließ, nahm er noch mal ihre zittrige Hand in seine. Sie schniefte in ein Taschentuch, doch Gerard war weiterhin hoffnungsvoll.

Also war der Junge ausgesetzt worden, mitten im Nirgendwo. Das hatte sicherlich keiner bemerkt. Aber falls er es zu einer Obdachlosenunterkunft gebracht hatte, dann… würde man sich dort vielleicht noch an ihn erinnern.

„Habe ich Ihr Einverständnis, den Fall noch mal neu aufzurollen?“
Linda blickte trotz ihres tränenüberströmten Gesichts zu Gerard auf. Ihr stand ein klitzekleines bisschen der Mund offen.
„Ja, Officer. Ja.“


An diesem Punkt schien sich die Geschichte des verschwunden Jungen zum ersten Mal ganz anders darzustellen.
Vor über zehn Jahren war ein Junge in New Jersey, Summit, verschwunden. Seine Mutter hatte den schwer zu bändigen Jungen aus dem Haus verbannt. Alleine war er möglicherweise in die nächste Stadt getrampt und hatte dort möglicherweise eine Zeit lang auf der Straße zugebracht. Ob er noch am Leben war?

Es war schwer zu sagen.

Für Gerard, der klug, jung war und ein gutes Timing besaß, gab es keinen Grund, nicht trotzdem nach Frank zu suchen. Tod, hielt er für sehr wahrscheinlich. Aber er konnte diese Geschichte nicht vergessen, bis er nicht wusste, wie die Wahrheit aussah.

Das war eines von Gerards Eigenschaften, über die er sich nicht bewusst war. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was für ein hoffnungsloser Optimist er tief in seinem Inneren war.


Er kehrte auf schnellstem Weg zurück auf die Polizeistation, denn auf seinem Tisch wartete die dicke Mappe, die einige Details zu einer rätselhaften Bande von Raubüberfällen enthielt. Man hatte den Fall Gerard überlassen, denn jeder im Revier wusste den Fall bei ihm in besten Händen.
Er setzte sich mit einer Tasse voll frisch gebrühtem Kaffee hinter den Bürotisch und öffnete die Mappe enthusiastisch und voller Elan.
Doch die Zeilen vor seinen Augen verschwammen vor seinen Augen bald immer mehr.
Er war am schlimmsten Abgrund aller Abgründe angekommen. Hatte er zu lange mit der Suche nach Frank gewartet?

Doch wenn er davon ausging, dass Frank nicht mehr lange gelebt hatte, nachdem Linda ihn irgendwo in Pennsylvania aussetzte, dann hätte er Frank sowieso nie helfen können.

Dieser Fakt bescherte ihm etwas Seelenfrieden, trotzdem war er den ganzen restlichen Tag nah an den Tränen gebaut.

Sein Optimismus blieb jedoch. Er würde, sobald er nicht mehr dermaßen emotional war, mit der Suche nach Frank fortfahren. Und es war vernünftig von ihm, abzuwarten, bis seine Emotionen ihn nicht mehr beherrschten. Denn wie jeder gute Polizist weiß, lassen zu viele Gefühle einen irrational denken. Und Gerard wollte keine Fehler machen.


Spätabends durfte Gerard den Feierabend beginnen. Er war hundemüde, sowie meistens um diese Uhrzeit und hatte keine Lust, sich Zuhause noch mühsam etwas zu Essen zu kochen und den Geschirrspüler in Gang zu setzen.
Also hielt er an einem x-beliebigen chinesischen Restaurant, das sein Interesse durch seine moderne Einrichtung weckte.

Das Restaurant hatte erst seit einem Monat geöffnet, dennoch erfreute es sich jetzt schon großer Beliebtheit. Gerard bekam davon jedoch nichts mit. Zu so später Stunde hatten die meisten bereits zu Abend gegessen.
Er gab der Kellnerin ein großes Bier auf und ein Hühnchen süß-sauer. Er war gespannt, wie sein Lieblingsgericht hier schmecken würde.
Die Kellnerin brachte ihm recht zügig das Getränk, das Gerard ehrlich dankbar annahm. Sein Kopf schwirrte aufgrund der Anstrengungen und schwer verdaulichen Nachrichten des Tages. So trank er das Bier in großen Zügen und sah ein wenig umher. Außer einem Geschäftsmann war hier keiner mehr. Eine Welle der Einsamkeit schwappte über ihn hinweg.

Nun ja, seine Arbeit ließ ihm nicht viel Zeit, um Freundschaften aufzubauen. Möglicherweise, dachte er, hatte er auch schon lange keine Menschen mehr getroffen, die er wirklich sympathisch fand.
Er mochte gerne kreative Menschen, so wie er selbst einer war.
Plötzlich erinnerte er sich wieder an Personen, die er wirklich gerne gemocht hatte. Sie waren mit ihm auf die High School gegangen, viele Jahre war das nun her. Diese Freundschaften hatten nur nicht bis ins Erwachsenenalter gehalten.
Wobei Gerard – und dem war er sich bewusst, auch wenn er es gerne verdrängte – daran nicht ganz unschuldig war…

Gerard bemerkte, wie seine Laune in die Tiefe rutschte und sagte zu sich selbst: ‚Halt!‘
Das war nun viele Jahre her und obwohl er gerne in die Vergangenheit reisen würde, war die Zeitmaschine noch nicht erfunden. Außerdem war er nicht schon deprimiert genug wegen Frank?
Genau, das war er. Darum beschloss er, seine Gedanken in andere Bahnen zu leiten. Er sank tief in seinen Sessel und versuchte, sich etwas zu entspannen. Und das tat er auch.
Er aß genüsslich sein Abendessen bei einem zweiten Bier und starrte dabei in den kleinen, viereckigen Fernseher, welcher auf einem Tisch in der Ecke des Restaurants stand. Der Ton war ausgeschalten und so war es ganz leise im Raum. Nur ab und an unterbrach das Geräusch von Motoren die Stille, wenn wieder ein Auto die Straße vor dem Restaurant entlangraste. Anschließend kehrte wieder das Surren der Neonröhren über ihm zurück. Tatsächlich fand er ein wenig Entspannung, während er aß, genoss und sein Gehirn erfolgreich ausschaltete.

Bald wurde es offensichtlich, wie spät es schon geworden war. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Kellnerin den leeren Teller mit zurück in die Küche nahm, vor lauter Müdigkeit aber vergaß, nach der Rechnung zu fragen. Gerard bemerkte ihren Fehler sofort, beließ es aber dabei, denn er hatte noch ein halbes Bier zu vernichten. Und auf Stress wollte er gerade verzichten.
Er zündete sich eine Zigarette an, auf die er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte. Früher war er ein starker Raucher gewesen, doch um Polizist werden zu können, musste man topfit sein und seitdem gönnte er sich nur noch eine Zigarette pro Tag.
Er sog den Tabak tief in sich ein, während er sich wieder den Bildern auf dem Fernseher widmete.

Vor Kurzen hatte das Programm von einer Serie zu einer Dokumentation gewechselt. Die ersten fünfzehn Minuten hatte Gerard nicht bewusst mitbekommen, er war zu sehr mit seiner Abendmahlzeit beschäftigt gewesen, sodass er nun gar nicht wusste, worum es in der Dokumentation ging.
Er sah nur Aufnahmen einiger dunkler Straßen und dann wurde der Titel der Doku noch einmal eingeblendet – „Gestrandet oder doch Zuhause?“
Gerard starrte konzentriert auf den Bildschirm aufgrund einer leisen Ahnung, was das Thema der Dokumentation war.
Auf einmal wurden Bilder von Suppenküchen gezeigt. Die lange Schlange davor bildete sich aus schmutzigen Menschen verschiedener Altersgruppen in teilweise löchriger Kleidung. Es waren Obdachlose, die um ein warmes Essen anstanden.

Plötzlich tat es einen Schnitt und eine Reporterin mit brünettem Haar war zu sehen, wie sie eines der vorher gezeigten Suppenküchen betrat. Sie war auf der Suche nach einem Obdachlosen, der dazu gewillt war, vor der Kamera über seine traurige Lebenssituation zu sprechen.

Gerards Augen erweiterten sich vor Schock und ihm blieb fast der Rauch im Hals stecken, als ein ihm so bekanntes Gesicht auf dem Bildschirm erschien. Dieses attraktive, ein wenig weiche, blasse Gesicht… es hatte sich ja kaum verändert… obwohl auch er etwas schmutzig aussah. Ansonsten sah Frank aus, als wäre keine einzige Minute vergangen, seit Gerard ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

Vor Aufregung begann Gerard ganz schnell zu atmen. Seine Gedanken rasten. Er musste hören, was Frank in das schwarze Mikrofon plapperte.

Sein Blick suchte wild im Raum nach der Kellnerin oder irgendeinem anderen Angestellten. Zum Glück kam die junge Chinesin gerade an seinem Tisch vorbei.
„Könnten Sie bitte den Ton aufdrehen?“, bat er sie, nachdem er mit einer Handbewegung ihre Aufmerksamkeit errungen hatte.
Sie blinzelte ein wenig konfus und schüttelte verwirrt den Kopf.
„Ich möchte bitte hören, was in der Doku gesprochen wird“, erklärte Gerard, wobei er sein bestes gab, einen möglichst neutralen Ton anzuschlagen. Aber er war so aufgeregt.

Die Kellnerin ging wieder, kehrte aber kaum eine Sekunde später wieder mit der Fernbedienung zurück. Sie drehte immer lauter und Gerard konzentrierte sich fest auf das, was er hörte.

Die Stimme der Reporterin ertönte aus dem Off:
„Zum Abschluss stellten wir Daniel noch eine letzte Frage. Es ist die Frage, die viele beschäftigt, wenn es um Obdachlose geht. Wie kam er auf die Straße? Gab es ein zerrüttetes Elternhaus, dem er dieses schwere Schicksal zu verdanken hat?
Daniel war während unseres Gesprächs sehr offen. Doch nachdem wir ihm unsere letzte Frage stellten, änderte sich sein Wesen plötzlich.
Er wurde zunehmens unruhig und blickte ängstlich um sich her.“



„Ich kann und will nicht alles erzählen. Aber es ist so… im Grunde bin ich entführt worden. Ich konnte fliehen aber… die Person verfolgte mich viele Jahre lang. Ich musste flüchten, um nicht wieder entdeckt zu werden.“

Erneut meldete sich die Reporterin zu Wort:
Es sind also Tragödien, die viele auf die Straße treiben, besonders Junge. Und genau um das hier sollte es in dieser Dokumentation gehen. Wir wollten die Einzelfälle zeigen, Schicksale jenseits von Klischees. Nicht immer sind es Drogen oder Eltern, die zu viel trinken, die junge Leute obdachlos werden lassen.

Gebannt von den neuen Informationen blickte Gerard auf den Fernsehbildschirm. Doch er hörte nicht länger zu. Er war zu geschockt, überrumpelt und musste die Neuigkeiten eine Sekunde lang verdauen.

Ja, Frank lebte. Es war real, er hatte ihn gerade in Fleisch und Blut gesehen, wenn auch unter einem Decknamen, was verschiedene Gründe haben könnte.

Es war eine Nachricht, so wirkungsvoll wie eine Bombe. Gerard spürte die Explosion in jeder Faser seines Körpers.

Am Ende lief ihm eine leise Träne vor Erleichterung die Wange herunter, als er verstand, dass der Junge lebte.
Anschließend nahm er einen Kaugummi aus seiner Jackentasche, warf sich ihn ein und rappelte sich geistig auf, um mit der Spurensuche fortzufahren.

Aber so intelligent und fähig Gerard auch war, als er die Entscheidung getroffen hatte, seinen Jugendfreund wiederzufinden, so hatte er trotzdem nicht die geringste Ahnung gehabt, worauf er sich einließ.

Nur in diesem Restaurant dämmerte ihm allmählich, dass dieser Fall gefährlich werden könnte.

Offensichtlich war die Frage, ob Mrs Iero gelogen hatte, als sie Gerard beichtete, ihren Sohn ausgesetzt zu haben. Doch wenn seine Mutter gelogen hatte, was für einen Grund sollte Frank haben, zu behaupten, er wäre gekidnappt worden? Aber sollte er die Wahrheit gesprochen haben, was hat ihn davon abgehalten, den Verbrecher der Polizei zu melden, nachdem er sich ihm entreißen konnte?

Gerard musste sich bei all diesen Fragen erst mal in seinem Stuhl zurücklehnen. Eigentlich plumpste er eher, überfordert von all diesen Informationen, die er in seinem Gehirn erst zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen musste.

Gerard konnte nicht umhin, die logischste Antwort zu sehen, so wenig sie ihm auch gefiel: Für ihn gab es keinen Grund, Frank nicht zu glauben. Er hatte ihn doch gerade erst gesehen, im Fernsehen, und er war sehr überzeugend gewesen, unheimlich authentisch. Er wusste aber auch noch, dass Frank tatsächlich sehr schwierig während seiner Pubertät gewesen war, etwas, das für Lindas Geschichte sprach, nur glaubte er nicht, dass sie ihm alle Details aufgetischt hatte. Linda hatte etwas zu verbergen. Irgendetwas hatte sie ihm nicht erzählt, irgendetwas hatte sie getan, weswegen Frank sich dazu entschlossen hatte, nicht die Polizei aufzusuchen, obwohl an ihm ein Verbrechen begangen worden war und sich von seiner Mutter fernzuhalten.

Möglich war: Linda hatte jemanden bezahlt, um Frank entführen zu lassen. Doch wozu? Darauf konnte sich Gerard nicht so schnell einen Reim machen.

Und heute war es auch zu spät, um das herauszufinden. Aber Gerard war nun motivierter denn je, das Rätsel zu lösen, unter welchen Umständen der Junge verschwunden war.

Gerard hatte nur nicht die leiseste Ahnung, in welche Dunkelheit ihn dieser Fall führen könnte. Eines der weniger positiven Eigenschaften an Gerard war, dass er ab und zu auf die Konsequenzen seines Handelns vergaß.