Nur eine Formalität

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
Mrs. Frederick Steve Jinks
30.10.2016
30.10.2016
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Hallo!

Dieser OS ist für das „Kill my Darling“-Wichteln (http://forum.fanfiktion.de/t/39491/1) von Artemis-Stern.
Ich habe für jenny413 gewichtelt und hoffe, dass ihr die Geschichte gefällt! :)

Meine Vorgaben waren:

Wichtel: jenny413
Charakter: Mrs.Frederic
Fandom: Warehouse 13
gewünschtes Rating: egal
Zu welchem Zeitpunkt der Geschichte: nach dem Handlungsstrang mit Pete und Myka, direkt vor Claudias Übernahme als Verwalterin
*Todesart: ein Artefakt
*Stimmung des OS: ernst, dramatisch, emotional
*Setting: im Warehouse/bei einem Einsatz/in Leenas Pension
*besondere Herausforderung: Claudia findet sie und bekommt das Amt als Verwalterin übertragen. Mrs. Frederics letzte Worte sind wie immer mit ihrem staubtrockenen Humor überzogen.
*Bitte schreibe mir nicht: Mit Humor meine ich nicht albern.


Verflucht, wenn ich da gerade nochmal drüber gucke, dann habe ich mindestens drei Punkte nicht ganz so wirklich beachtet … oO
Na ja, ich hoffe, es macht trotzdem Spaß!

Schauriges Halloween morgen noch! :)



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Nur eine Formalität



„Wie findest du das?“ Claudia drehte sich einmal im Kreis, um ihr Grabräuber-Kostüm zu präsentieren.

„Scharf“, kommentierte Steve lachend und schüttelte den Kopf.

„Findest du es etwa nicht gut?“ Claudia zog einen Schmollmund. „Ich dachte, es passt zu deinem Kostüm.“

„Ich habe kein Kostüm.“

Claudia grinste breit, stieß einen kleinen quietschigen Schrei aus und eilte aus dem Wohnzimmer. Steve sah ihr mit leidendem Gesichtsausdruck hinterher. Eigentlich hatte er dieses Jahr keine große Lust verspürt an Halloween durch die Stadt zu ziehen. Schon seit Tagen hatten die anderen sich gegenseitig ihre Kostüme vorgeführt, Frisuren besprochen, ganze Schminkgeschäfte leergekauft und Süßigkeiten besorgt, von denen Pete allerdings die meisten schon wieder verputzt hatte. Steve hatte sich eigentlich vorgenommen dieses Jahr einfach nur gemütlich auf der Couch zu liegen, ein Buch zu lesen und sich später vielleicht einen Gruselfilm im Fernsehen anzusehen. Er wollte die Zeit, in der das Leena’s vollkommen leer sein würde, nutzen, um mal wieder zu entspannen.

Doch anscheinend hatte seine beste Freundin da ganz andere Pläne. Wie Steve befürchtete sprang Claudia nur wenige Augenblicke später wieder ins Wohnzimmer zurück und hielt einen Kleiderbügel in die Höhe. Als Steve das Kostüm erblickte, seufzte er laut auf.

„Tada!“, rief Claudia begeistert. „Brauchst mir nicht zu danken. Wofür hat man schließlich Freunde?“ Sie winkte schnell ab, weil sie ganz genau wusste, dass Steve nicht so begeistert sein würde. Das konnte man ihr förmlich ansehen.

„Ich soll das da“, Steve deutete die lange Robe, die vom Bügel hing, rauf und runter, „wirklich anziehen?“

Claudia warf einen verwirrten Blick auf das Pharaonen-Kostüm und sah dann wieder zu ihrem Partner. „Warum denn nicht. Du bist der uralte, miesepetrige Pharao, der aus seiner Gruft gekrochen kommt, um Angst und Schrecken zu verbreiten, und ich bin die unerschrockene Archäologin, die den Kampf gegen deine finsteren Mächte mutig aufnimmt!“

Steve zog eine Augenbraue hoch. „Danke. Uralt und miesepetrig habe ich heute echt gebraucht.“

„Ach komm schon, Jinksy!“ Claudia warf sich neben ihren Freund auf das Sofa und legte ihren Kopf auf seine Schulter, um ihrem von unten herauf bettelnden Blick noch mehr Wirkung zu geben. „Ich habe mich so darauf gefreut, mit meinem besten Freund die Stadt unsicher zu machen.“

„Und ich hatte mich auf einen ruhigen Abend gefreut.“

„Pah!“ Die junge Frau verdrehte die Augen. „Deine Ruhe kannst du doch an jedem anderen Abend auch haben!“

„Ach ja? Wann denn?“ Steve hob die Hand, um daran abzählen zu können. „Wenn mitten in der Nacht ein Artefakt Amok läuft? Wenn Pete und Myka sich wieder um Kleinigkeiten streiten? Wenn Liam anruft, um meine Gefühle durcheinander zu bringen? Wenn Artie uns mit seinem komischen Segway durch die Gänge scheucht? Wenn das Warehouse sich mal wieder entschließt beinahe umzuziehen oder wenn Abigail versucht mehr über meine Todeserfahrungen herauszubekommen?“

„Gneau!“ Claudia hielt Steve das Kostüm an und grinste zufrieden. „Aber heute gehst du mit uns in die Stadt!“

Steve seufzte genervt. Manchmal war Claudia wirklich hartnäckig.


~ * ~


„Hey, hey, hey, Jinksy!“ Pete kam mit offenen Armen auf ihn zu. „Siehst du cool aus!“ Er packte Steve an den Schultern, um ihm bekräftigend zu drücken.

„Ich hasse es“, seufzte Steve. Er und Claudia hatten am Vormittag noch lange diskutiert, doch schließlich hatte sie gewonnen und war triumphierend von Dannen gezogen. Jetzt stand Steve etwas verloren im Wohnzimmer, trug eine weiße knöchellange Robe mit blaugoldenen Verzierungen, geschnürte Sandalen und ein riesiges Nemes-Kopftuch mit einer Schlange vorne drauf. Zerknirscht sah er zu Pete auf, der ihn wie immer total überschwänglich angrinste.

„Warum denn?“, fragte Myka. Die Agentin hatte sich einen hautengen schwarzen Anzug mit verboten hohen Stiefeln geschmissen und in ihre Haare Katzenohren gesteckt. Catwoman, ganz eindeutig. „Es ist ein wirklich tolles Kostüm.“

Steve seufzte. Zumindest fiel er zwischen Mykas Katze, Petes Vogelscheuche, Abigails erschreckend gut geschminktem Zombie und Claudias Grabräuber nicht mehr auf, als Artie, der mit seinem Sensenmann irgendwas zwischen verstörend und wegen seiner untersetzten Größe lächerlich aussah.

„Sieht er nicht süß aus?“, lachte Claudia, die ihm auf den Rücken sprang und wie eine alte Frau in seine Wange kniff.

„Ganz liebenswürdig.“

Alle Blicke wandten sich gleichzeitig überrascht zur Tür. Eine dunkelhäutige Frau stand so plötzlich im Türrahmen, dass alle verwundert waren, obwohl sie eigentlich schon dran gewohnt sein sollten.

„Mrs. F!“, rief Pete laut. „Seht sie euch an! Kommen Sie etwa mit?“

„Das lasse ich mir doch nicht entgehen“, sagte Mrs. Frederic so nüchtern, als hätte man ihr eine trockene Scheibe Brot angeboten. Die Verwalterin, die eigentlich immer ihren Kleidungsstil beibehielt, hatte sich ein ausgefranstes Kleid übergezogen, einen spitzen Hut aufgesetzt und hielt einen Besen in der Hand. Steve glaubte sogar, dass er eine Warze auf ihrer Nase erkennen konnte.

„Das ist ja so abgefahren!“ Pete drehte sich zu den anderen um und streckte begeistert einen Daumen in die Höhe.

„Na gut.“ Arthur drängte sich zwischen seinen Agenten hindurch und bot Mrs. Frederic mit einem galanten Lächeln einen Arm. „Wenn wir dann alles soweit sind, dann können wir ja gehen.“


~ * ~


Irgendwie war es komisch Mrs. Frederic kostümiert von Haus zu Haus gehen zu sehen. Dabei legte sie jedoch nicht einmal ihre eiserne Mine ab. Steve beobachtete immer wieder mit Vergnügen, wie die Verwalterin mit Abigail und Pete andere Leute erschreckte, indem sie einfach vor diesen im Weg stehen blieb, sie kühl anstarrte, während die anderen beiden von hinten kamen und die Leute mit Lachen und Süßigkeiten überfielen.

Doch irgendetwas stimmte nicht. Das spürte Steve. Immer, wenn Mrs. Frederic ihm zufällig in die Augen sah, dann schien darin eine Ruhe zu liegen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Es schien, als hätte die Verwalterin alle Sorgen abgelegt. Sie wirkte frei und gelöst, und das beschäftigte Steve irgendwie. Eigentlich war sie immer etwas beschäftigt, schließlich fühlte die das Warehouse mit all seinen kleinen Problemen und Stimmungsschwankungen zu jeder Zeit. An dem Tag vor zwei Jahren, an dem sie alle dachten, das Warehouse würde umziehen, hatte sie Steve am Tisch verschiedene Erinnerungen gezeigt. In einer hatte sie über das ständig unruhige Warehouse gemeckert. Sie war noch jung und selber Agentin gewesen. Als Steve sie daraufhin nach ihrer heutigen Verbindung fragte, hatte sie nur gelacht und behauptet, dass das Warehouse wie ein störrischer Teenager war, der niemals erwachsen werden würde.

„Agent Jinks“, sagte sie schließlich freundlich, als die kleine Truppe sich eine Pause gönnte und in einer gruselig geschmückten Bar Kürbissaft orderte. „Könnte ich Sie kurz alleine sprechen?“

Steve nickte und folgte ihr nach draußen, wo sie sich auf eine Bank fallen ließen. Steve beobachtete einen Moment aufmerksam die vorüberziehenden Gestalten und lächelte.

„Ein schöner Abend, nicht wahr?“

Er sah Mrs. Frederic nachdenklich an. „Wollen Sie mir sagen, was mit Ihnen los ist, oder muss ich sie mit meiner Gabe nerven?“

Mrs. Frederic zögerte einen Moment, dann sah sie durch die Glasscheibe in die Bar hinein und beobachtete das Warehouse Team, das ausgelassen feierte. „Claudia ist soweit“, sagte sie plötzlich.

Steve folgte ihrem Blick. Claudia stieß gerade mit Artie an und ihr strahlendes Gesicht war wundervoll. Plötzlich war Steve froh, dass sie ihn zum Mitkommen überredet hatte, denn dieses Lachen ließ ihn sich leicht fühlen. „Was genau meinen Sie mit soweit?“

Mrs. Frederic zog eine kleine Schatulle aus ihrer Handtasche, die so perfekt zu ihrem Kostüm passte, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass man ein solches Accessoire auch alltäglich benutzen könne. „Ich möchte, dass Sie das bekommen, Agent Jinks.“ Sie fuhr mit den Fingerspitzen noch einmal kurz über die Kante der silbernen Schatulle, dann legte sie sie in Steves Hände und lächelte befreit, als würde sie eine uralte Last ablegen.

„Was ist das?“, wollte Steve wissen. Das Kästchen fühlte sich warm an, als würde in seinem Inneren eine Flamme lodern. Vorsichtig hob er es näher an seine Augen heran, um im schummrigen Licht der Straßenlaterne die filigranen Muster erkennen zu können, die jeden Zentimeter der silbernen Oberfläche bedeckten.

„Das ist ein Artefakt, Agent Jinks“, antwortete Mrs. Frederic. „Das wohl mächtigste Artefakt, das das Warehouse zu bieten hat.“

Steve sah etwas erschrocken zu ihr auf. „Und was soll ich damit, wenn es so mächtig ist?“
„Sie sollen es öffnen.“ Die Verwalterin lächelte und legte eine Hand auf Steves Arm.

„Was wird passieren, wenn ich es öffne? Geht die Welt dann unter?“

Mrs. Frederic lachte mit ihrer sonoren Stimme auf. „Nicht für Sie.“

„Nicht für mich?“, wiederholte er und warf einen schnellen Blick zu seinen Freunden.
„Und auch nicht für sie, keine Sorge.“

Steve sah Mrs. Frederic wieder an und als er in ihre Augen sah, begriff er. „Für Sie.“ Es war eine Feststellung. Er war sich ganz sicher.

Die Verwalterin antwortete nicht. Sie straffte einfach nur den Rücken und sah in den nächtlichen Himmel hinauf. Steve ließ sich etwas nach vorne fallen und fuhr sich mit einer Hand etwas zittrig über sein Kopftuch, während die Schatulle in seiner anderen Hand warm pulsierte.

„Warum wollen Sie, dass ich das tue?“, fragte er nach einem für ihn sehr unangenehmen Moment der Stille, die Mrs. Frederic jedoch scheinbar sehr genossen hatte.

„Ich lebe schon ziemlich lange, Agent Jinks“, sagte sie ruhig. „Das Warehouse hat mehrere Leben von mir gefordert und viele, viele Jahre mehr noch. Doch jetzt habe ich das Ende meines Nutzens erreicht.“

Steve rann ein kalter Schauer über den Rücken. Das klang so, als würde man einen alten Computer wegwerfen, um sich ein Smartphone kaufen zu können. Es klang so vernichtend kalt und gefühllos … würde Mrs. Frederic nicht entspannt lächeln.

„Das Warehouse braucht jemanden, der es in das Morgen führen kann. Aber ich bin schon seit einiger Zeit nicht mehr richtig dazu in der Lage. Das Warehouse hat mir das in dem Moment klargemacht, als es Claudia zu sich rief. Und jetzt ist es soweit. Meine Verbindung ist geschwächt und Claudias ist stärker geworden. Sie weiß das, auch wenn sie es vielleicht nicht wahr haben möchte. Und ich auch nicht.“

„Warum wollen Sie dann, dass ich das hier öffne?“ Steve wedelte leicht mit der Schatulle.
„Weil ich mich auf meinen Ruhestand freue, Agent Jinks“, antwortete Mrs. Frederic ernst. „Hören Sie“, sie nahm seine Hand und sah ihm offen in die Augen, „ich bin bereit zu gehen. Und Claudia ist bereit, um das Warehouse zu leiten. Lassen Sie uns kein Aufsehen darum machen, es ist schließlich nur eine Formalität.“

Steve hoffte, eine Lüge zu erkennen, doch scheinbar war Mrs. Frederic wirklich bereit zu gehen. Er sah sie noch einen Moment an, bat um ein Schwanken ihrer Gefühle, doch es geschah nicht. Schließlich seufzte er ergeben. „Was muss ich machen?“

Mrs. Frederic lächelte zufrieden. Dann tippte sie auf die silberne Schatulle. „In diesem Kästchen befindet sich die Seele des Warehouses und des Verwalters. Es ist die Verbindungsstelle zweier Komponenten. Öffnen Sie es und ich werde meinen Teil zurück erhalten.“

„Sie werden also sterben?“

„Richtig. Aber keine Sorge, es ist unspektakulärer, als Sie befürchten.“ Mrs. Frederic verstummte einige Sekunden, als würde sie sich an etwas erinnern. Dann wandte sie sich wieder Steve zu und nickte in die Bar hinein. „Sobald meine Seele Platz gemacht hat, ist es an Claudia eine Verbindung herzustellen. Geben sie ihr das Kästchen und lassen Sie sie hinein sehen. Danach gehört es ihr, aber ich möchte, dass Sie die Übergabe vollziehen. Okay?“

„Okay“, nickte Steve und hörte seine eigene Lüge.

„Haben Sie keine Angst, Agent Jinks. Ich habe Sie mit dieser Aufgabe betraut, weil ich Ihnen vertraue und weil Claudia Ihnen vertraut. Sie sind der Begleiter ihrer und meiner Seele.“

Steve lächelte schwach. Einerseits freute es ihn, dass sie zu ihm kam, andererseits war er sich nicht sicher, ob er das über sich bringen konnte. Hinter seinen Augen begann es zu brennen und schnell nickte er, um sich selbst zu beruhigen. „Soll ich es jetzt machen?“

„Ich bitte darum.“ Mrs. Frederic zog sich den Hexenhut vom Kopf und legte ihn neben sich auf die Bank.

Steve zitterte leicht. Das Kästchen in seinen Händen pulsierte immer aufgeregter, als würde es wissen, was gleich geschehen würde. Nervös fuhren seine Finger um den Verschluss herum. „Ich dachte, um Verwalter werden zu können, muss man das Band benutzen.“

„Das Band ist eine Notlösung, wenn der Transfer nicht am eigentlichen Zeitpunkt stattfinden kann. Dies hier ist jedoch die elegantere Methode“, erklärte die Verwalterin.

Steve war etwas verwirrt. „Eigentlicher Zeitpunkt?“

„Welchen Tag haben wir heute?“, fragte sie.

„Halloween?“

„Richtig“, bestätigte Mrs. Frederic. „Die Nacht, in der die Seelen wandern.“

Steve starrte sie schockiert an. Natürlich, es war so simpel. „Ich dachte immer, es geht nur um böse Geister, die verscheucht werden sollen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Purer Aberglaube. Alle Seelen wandern.“

Steve lachte leicht auf.

„Bitte, Steven, lassen Sie mich endlich gehen.“

Er seufzte. „Na gut“, sagte er schließlich. „Aber machen Sie mir später keine Vorwürfe, wenn es ihnen da oben nicht gefällt!“, mahnte er und zeigte in den Himmel. Mrs. Frederic zog skeptisch eine Augenbraue hoch, dann fasste sie sein Handgelenk und drehte es so herum, dass er plötzlich nach unten zeigte. Steve musste so perplex lachen, dass der Schwermut von ihm abfiel. „Also doch böse Geister!“, kommentierte er.

Mrs. Frederic hob die Mundwinkel. „Leben Sie wohl, Agent Jinks.“

„Leben Sie auch wohl, Mrs. Frederic“, sagte er und öffnete die Schatulle. Ein blaues Leuchten waberte über den Rand hinaus, goss sich über seine Hände, kroch seine Arme hinauf und hüllte ihn und die Verwalterin für einen Augenblick in Wärme. Steve fühlte sich in diesem Moment so wohl, wie er sich noch nie gefühlt hatte. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen, um in dem Gefühl zu versinken, doch er konnte den Blick nicht von Mrs. Frederic wenden, die sich mit jeder Sekunde mehr und mehr in dem Licht auflöste. Sie lächelte als sie Steve noch einmal ansah, bevor das Licht plötzlich in kleinen Funken auseinanderstob und Irene Frederic verschwunden war. So, wie sie es immer tat. Plötzlich und lautlos.

Steve starrte einige Momente auf die leere Bank neben sich. Tränen ließen seine Sicht verschwimmen. Schnell wischte er sie sich aus den Augenwinkeln und sah in die Schatulle. Darin leuchtete immer noch ein Licht, doch es schien nicht mehr so schön zu sein, wie es zuvor noch gewesen war. Es war, als würde die Seele des Warehouses einsam sein.

Mit zitternden Fingern schloss er sanft den Deckel und ließ das Kästchen in der Tasche seines Kostümes verschwinden. Als er sich endlich auf die weichen Beine stemmen konnte und in die Bar sah, wurde ihm ganz anders. Seine Freunde saßen drinnen und waren fröhlich. Keiner von ihnen hatte mitbekommen, dass die Verwalterin verschwunden war. Nur Claudia war inmitten der ausgelassenen Stimmung ganz ruhig geworden und sah Steve durch das Fenster angstvoll an.

Wieder kamen ihm die Tränen. Diesmal fehlte ihm jedoch die Kraft, um sie wegzuwischen.


~ * ~


Betreten saßen die Warehouse Agenten im Leenas am Tisch und schwiegen. Steve hatte ihnen alles erzählt, was Mrs. Frederic ihm gesagt hatte. Und jetzt stand die silberne Schatulle in der Mitte des Tisches, wie ein unheilvolles Ding, was jeden Moment explodieren konnte. Pete und Myka hatten sich in die Arme geschlossen, Myka weinte noch immer. Abigail strich Claudia beruhigend über den Rücken. Arthur schien sprachlos. Etwas verloren stand Steve vor ihnen. Er fühlte sich, als hätte er etwas Unverzeihliches getan.

Nach einer scheinbar endlosen Zeit sah Claudia plötzlich entschlossen auf und wischte sich über die Augen, um die salzigen Tränen zu bannen. „Okay“, sagte sie schließlich und atmete tief durch. „Was muss ich machen?“

Steve war überrascht von seiner Partnerin. Sie hatte in den letzten zwei Stunden geweint und gewütet, bis sie zu erschöpft dafür war. Doch plötzlich fing sie sich und sprach mit so fester Stimme, dass sie mehr als jeder andere in diesem Moment Stärke und Mut bewies.

Etwas überrumpelt von so viel Kraft stolperte Steve zum Tisch und nahm das Kästchen. „Du musst einfach nur hier hinein sehen, um eine Verbindung zwischen euren Seelen herzustellen. Deiner und der des Warehouses.“

„Gut, dann los.“

„Warte mal, Claudia!“, rief Arthur erschrocken und sah die junge Frau, die ihm wichtig wie ein eigenes Kind, wie seinem Sohn, war. „Bist du dir sicher, dass du das willst?“

„Nein.“ Claudia lächelte. „Aber das Warehouse ist sich sicher und Mrs. F war es anscheinend auch. Also brauche ich keine Angst davor zu haben.“

Arthur nickte leicht. Steve konnte erkennen, dass er Angst hatte und gleichzeitig sehr stolz auf Claudia war.

Als er sich vor Claudia kniete, sah sie ihn dennoch etwas ängstlich an.

„Du wirst doch bei mir bleiben, oder?“, fragte sie ihn mit einem scheuen Lächeln und rutschte etwas auf ihrem Stuhl herum.

Steve griff nach einer ihrer Hände und sah sie lächelnd an. Wieder war er kurz davor zu weinen, doch er riss sich zusammen. „Natürlich.“

Claudia nickte dankbar.

Als Steve dieses Mal den Deckel der Schatulle öffnete war es anders als beim ersten Mal. Das Licht rann diesmal wesentlich schneller über ihn hinweg und auf Claudia zu, als würde es sich nach der anderen Seele verzehren. Die junge Frau keuchte und schien zu glühen. Einen Moment dachte Steve, dass sie es nicht ertragen konnte, doch dann sah er das Strahlen in ihren Augen, und er wusste, dass sie vor Glück beinahe überschäumte.

„Ich kann es fühlen“, flüsterte sie ehrfürchtig. „Jinksy, ich kann das Warehouse fühlen.“

Er musste lächeln. Als das Licht zurück in die Schatulle floss, glühte es regelrecht auf. Er schloss den Deckel und legte das erhitzte Kästchen in Claudias Hände, die es bebend an sich drückte.

„Alles okay mit dir?“, fragte Abigail und legte Claudia besorgt eine Hand auf die Schulter.

„Ja!“, keuchte die neue Verwalterin atemlos und lächelte glücklich in die Runde. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie irre das ist!“

„Na super“, murmelte Pete und räusperte sich, um seine gebrochene Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. Er stand auf und verbeugte sich theatralisch. „Herrin, befiehlt mir!“

Alle lachten und Myka verpasste ihrem Partner einen leichten Schlag gegen den Arm.

„Ich finde, wir sollten das feiern“, sagte Abigail. „Feiern wir unsere neue Verwalterin und Mrs. Frederics phantastisches Leben!“

„Au ja, wir sollten Kuchen holen!“ Petes Augen leuchteten begeistert.

„Pete, kannst du eigentlich nur ans Essen denken?“

„Was denn?“ Er wandte sich Myka verständnislos zu. „Zu einer Feier gehört Kuchen.“

„Ich bin da ganz auf Petes Seite“, bekräftigte Artur.

„Oh nein, Sie wollten doch gesünder essen, Artie!“, ermahnte Abigail streng.

Arthur schnaubte beleidigt und zuckte mit den Schultern. „Aber doch nicht bei so einem Anlass.“

„Das sagen Sie bei jeder Gelegenheit“, grinste Steve, der sich lachend einen Stuhl ranzog.
„Werden Sie nicht frech, sonst reinigen Sie nächste Woche die Saucerei!“

Abwehrend hob Steve die Hände. Auf dieses Erlebnis konnte er gerne verzichten. Das eine Mal hatte ihm vollkommen gereicht.

„Wir können auch Pizza bestellen“, schlug Pete vor.

„Wie wäre es, wenn wir Claudia entscheiden lassen“, sagte Arthur und deutete auf ihren Platz. „Schließlich ist sie diejenige, die …“ Er unterbrach sich und starrte entgeistert den leeren Stuhl an. Als die anderen begriffen, dass Claudia einfach verschwunden war, sahen sie sich ratlos an.

„Na toll!“ Pete schnaubte. „Jetzt fängt das schon wieder an!“

~ Ende ~



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Irgendwie ist Steve hier zum Protagonisten geworden. Aber nachdem Mrs. F ihm in der letzten Folge so viele Geheimnisse und Begebenheiten aus ihrem Leben gezeigt hat, fand ich das sehr passend.

Ich hoffe, es hat euch gefallen!
Liebe Grüße, Grisu
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