Otis beim Therapeuten

von Nymphen
OneshotAllgemein / P6
30.10.2016
30.10.2016
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„So, Mr. Otis. Dann fangen wir mal an. Ist das ok für sie?“

„Ja, natürlich, Herr Doktor.“

Gemütlich lag der Ziegenbock auf einer Couch und sah zu dem jungen Mann neben ihn. Dieser saß auf einen Hocker und hatte ein Klemmbrett bequem auf seine überschlagenen Beine gelegt. Bei dem Therapeuten handelte es sich um einen verstorbenen Halbgott mit geschätzten 20 Jahren. Da er jedoch schon weitaus länger verstorben war, hatte er genug Zeit gehabt seinen Doktor zu machen. Spezialisiert war besonders auf die schweren Fälle vom Schlachtvieh. Von allen 9 Welten kamen sie angereist, nur um ihren wohl verdienten Verstand zu behalten.
Die kleine Praxis war mit Erlaubnis von Freya in Folkwang errichtet worden. Die Liebesgöttin hatte ein Herz für Tiere, was wohl auch ihre Katze bewies. Aus diesem Grund war ihr der Laden wichtig, jedoch bekam der Therapeut Tag für Tag mehr das Gefühl bald selbst eine Praxis aufsuchen zu müssen um noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Es gab nur zwei Gedanken, die den Doktor bei Verstand hielten. Der erste war zugegebenermaßen nicht so tugendhaft, doch nach dreißig Jahren als Toter konnte man da schon ein Auge zudrücken. Der Gedanke an das Rotgold, welches er von Freya als Lohn erhielt, war nämlich wirklich erfrischend. Der schönere Grund – der auch immer genannt wurde – war der, dass der Geistespfleger gerne half.

„Dann sagen sie mir mal, wie geht es uns denn heute?“

Reine Rotienefrage. In Wahrheit würde die Antwort darauf nicht das Gespräch ändern. Denn spätestens nach dem 10. Satz kam dann auch schon wieder das Stöhnen und Seufzen.

„Ganz gut. Ganz gut. Ich habe mich auf die Konfrontationstherapie eingelassen und finde sie schlägt gut an.“

„Tatsächlich und warum denken sie das?“

„Weil es mir immer weniger aus macht.“

„Aha. Aha. Ich verstehe. Und das Gefühl hält sich?“

„Ja! ... Obwohl...“

Leise zählte der Arzt bis Drei und wartete gespannt auf das gewöhnte Aufstöhnen und tatsächlich, da kam es auch schon. Für den Mann war es nichts Ungewöhnliches bei der Ziege von Thor solche Töne zu vernehmen. Nicht nur weil der Ziegenbock Thor gehörte, sondern weil er sich vom Charakter her einfach zu viele Gedanken machte.

„Obwohl ... neulich erst habe ich einen herben Rückschlag erlitten.“
„Tatsächlich? Was ist denn vorgefallen.“

Während sich das Tier tiefer in die Polster drückte, überprüfte der Halbgott mit einem flüchtigen Blick die Uhr. Obwohl Otis tatsächlich sein Lieblingspatient war, so war es am Freitagabend wirklich eine Zumutung sich zu konzentrieren. Bald würde nämlich das Lagerfeuer stattfinden und das wollte der Junggeselle auf keinen Fall verpassen.
Vielleicht würde er ja mal eine nette Albin in seinem Alter kennenlernen und nicht nur am Rand verrotten. Fast schon währen seine Gedanken vollkommen abgeschweift, aber gerade noch rechtzeitig kehrten sie zu dem Liegenden zurück. Dieser räusperte sich aus keinem ersichtlichen Grund und erhob erneut die Stimme:

„Erst kürzlich kamen Fremde zum Essen und ich konnte ihren Widerwillen in den Augen sehen, als Thor mich schlachten wollte. Der Eine hat sogar gemeint es sei nicht nötig. Ich habe trotzdem darauf bestanden, doch es viel mir nicht schwer. Bei Thor kann ich mich darauf verlassen, dass er mich immer schlachtet und es macht mir immer weniger aus.
Doch wenn ich dann bei anderen Menschen Mitleid in den Augen funkeln sehe, dann beginn ich mich zu fragen, ob das wirklich mein Leben sein soll. ‚Wartet nicht noch mehr auf mich, in dieser Welt?‘, fragt mich immer eine innere Stimme dann. Das war so ein Moment, wo ich fast die Therapie abgebrochen hätte.“

Während des Monologes hatte der 20-jährige seine Sitzhaltung aufgelöst und seinen Oberkörper leichte Vorgebeugt um die immer schwächer werdende Stimme des Ziegenbockes noch aufnehmen zu können.

„Noch mehr? Was denken sie wartet da draußen noch auf Sie?“

Innerlich stöhnte der Doktor auf. Diese Frage stellte er gefüllte achtzig Mal an jeden seiner Klienten. Es war doch immer dasselbe.

„Ich weiß es nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass es mehr geben muss im Leben, als Grasen, geschlachtet und ausgenommen zu werden, nur um dann am nächsten Tag erneut dasselbe durchzumachen. Verstehen sie was ich meine?“

„Ja. Ich verstehe sie.“

Ungelogen. Das ist nämlich auch sein Leben, nur das er schon tot ist und nicht durch Wunderhand wieder auferstehet. Das war noch so ein Grund, warum Otis sein liebster Leidender war. Anderes Schlachtvieh hatte eher mit der Angst vorm Sterben zu tun, als mit dem eintönigen Leben. Sie waren keine sehr angenehmen Zeitgenossen.
Gerade als der Therapeut sich eine weitere Frage aus den Fingern ziehen wollte, klingelte auch schon die bereitgestellte Eieruhr. Die Sitzung war vorbei. Auch Otis erkannte dies und verschwand mit einen freundlichen und leichte melodramatischen Gruß aus der Tür. Erleichtert seufzte der Verstorbene auf und machte sich bereit für das Fest.
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