Ablenkung gegen Verständnis

von klammerzu
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
29.10.2016
13.10.2017
18
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1

„Los, geh hin und frag sie.“
„Die wollen doch aber bestimmt nicht mit mir spielen.“
„Hab dich nicht so.“
Beschämt watschelte Tiara auf die Wiese auf der die vier Geschwister gerade Fange spielten. Eine Weile stand sie Abseits am Rand und schaute zu. Kaum registrierte sie, dass einer von den beiden Jungs auf sie zu rannte und freudig schrie: „Du bist dran.“ Noch bevor sie reagieren konnte, war er schon längst wieder vor ihr weggerannt. Ohne weiter nachzudenken rannte das kleine Mädchen auf die Wiese, um einen von den vier Geschwistern zu fangen. Nach langem hin und her rennen erwischte Tiara eines der Mädchen. Bis der Vater der Geschwister „Essen!“ brüllte, spielten die Kinder auf der Wiese, ohne sich gegenseitig zu ärgern.
„Tiara, komm her! Trink was.“, rief ihre Mama sie zu sich. Sie nahm den Plastikbecher in ihre kleinen Hände und trank gierig das Wasser aus. „Und war es so schlimm?“ Tiara schüttelte den Kopf. „Na dann, iss mal was, damit ihr weiter spielen könnt.“ Tiara aß kaum etwas von dem gegrillten Fleisch, bevor einer der beiden Jungs kam und sagte: „Komm, ich wollte dir doch meine Autos zeigen.“ Es war der Junge, der sie zu Beginn gefangen hatte.
„Tilli, lass sie doch erstmal aufessen.“, rief sein Vater freundlich aber bestimmt.
„Ich hab aber gar keinen Hunger. Mama? Darf ich?“ Tiara sah ihre Mutter mit großen blauen Augen an und machte eine Schnute. Ihre Mutter musste schmunzeln.
„Nur, wenn du mir nachher nicht meckerst, dass du Hunger hast.“
„Versprochen.“ Tiara grinste ihre Mutter mit ihren Milchzähnen an.
„Na dann, hopp!“ Das Mädchen sprang von ihrem Stuhl. Till nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her. „Felix, kommst du mit?“ fragte er noch seinen älteren Bruder. Auch er war, ohne sein Fleisch aufzuessen aufgesprungen. Die weiblichen Geschwister wollten nicht mitkommen und so stürmten Felix, Tiara und Till die Treppe rauf, um mit Tills besagten Autos zu spielen.
Als Tiara gehen musste, war die Trauer der Kinder sehr groß.
„Mama, ich will aber noch nicht gehen.“ quengelte sie und auch die Jungs heulten ihren Eltern die Ohren zu, dass es doch noch zu früh war, um ins Bett zu gehen. Tiara hielt die Hand ihres Vaters und schaute zu ihm hinauf, während die vier Elternteile begannen zu tuscheln. Ihr Papa ließ Tiaras Hand los und begab sich in die Hocke, um auf ihrer Höhe zu sein. „Hast du was dagegen, wenn wir dich morgen hier absetzen und dich abends wieder abholen?“ fragte er seine Tochter. Tiara strahlte über beide Ohren. Sie schüttelte den Kopf. „Dann sag ich das Tilli und Felix noch.“ Schnell lief sie die paar Schritte zu den beiden, um ihnen die tolle Nachricht zu vermitteln. Auch die Jungs freuten sich auf den nächsten Tag. Tiara wurde von ihrem Papa auf den Arm genommen, um das gehen einzuläuten. Die drei Kinder winkten sich noch freudestrahlend zum Abschied bevor, die beiden Gastgeber-Eltern die Tür schlossen.

+++

Tiara lächelte, als sie sich zum wiederholten Mal das Fotoalbum anschaute, dass ihr Felix und Till zum 18. Geburtstag geschenkt hatten. Sie hatte keine Ahnung, wann ein Foto bei dem ersten Tag ihrer Begegnung gemacht wurde, aber dennoch grinsten die drei freudestrahlend in die Kamera. Sie hatten Fotos von jeder Familienfeier der Kummers rausgesucht, wo sie zusammen zu sehen waren. Ab dem 15. Lebensjahr begangen die Fotos langsam schlimmer zu werden. Entweder sie waren stockbesoffen oder sie befanden sich gerade in ihrer Findungsphase und sahen dementsprechend furchtbar aus.
Jetzt war Tiara 24, fast genauso alt wie Till. Ab ihrem ersten Treffen waren es immer Felix, sie und Till gewesen. Immer. Bis heute hatte sich daran auch nichts geändert.
Das Fotoalbum war das erste, was sie aus einem der Umzugskartons genommen hatte. Sie blätterte weiter die Seiten durch bis sie auf ihr Lieblingsfoto stieß. Tiara konnte sich noch ganz genau an diesen Moment erinnern.

+++

„Danke Steffen! Du bist ein Engel.“ Freudestrahlend nahm Felix die Flasche teuren Gin entgegen und gab Steffen einen dicken Kuss auf die Wange dafür. Während Felix begann sich aufgeregt mit Steffen zu unterhalten saß sie mit Till auf einer Mauer und drehte sich eine Zigarette. „Ich kann es nicht glauben, dass der Bastard jetzt erwachsen ist.“, hatte Till gesagt. Tiara hatte gelächelt. „Guck ihn dir an. Der wird so schnell nicht erwachsen.“ Beide hatten sie den jetzt tanzenden Felix betrachtet, welcher mit hässlichen Gesichtsausdruck seine Hüfte kreisen ließ und die Arme in der Luft hatte, während er schrie „STEFFEN, ICH BIN EINE BAUCHTÄNZERIN!“ Tiara und Till hatten sich angeguckt und mussten beide plötzlich anfangen zu lachen. Als Felix mit immer noch kreisender Hüfte auf sie zu getanzt kam, kriegten sie sich gar nicht mehr ein. Sie registrierten nicht einmal den Blitz der Einwegkamera, die auf sie gerichtet war, während sie Felix auslachten. Dieser schien es allerdings gemerkt zu haben und war auf die Jagd nach dem Fotografen gegangen.
„Was hat er denn jetzt?“ hatte Till Tiara gefragt.
„Ich weiß es nicht.“ antwortete sie kichernd. Und ehe sie sich versahen lachten sie wieder, ohne überhaupt zu wissen, warum eigentlich.


+++

Als sie anderthalb Wochen später die Fotos sahen, wurde ihnen bewusst, warum Felix plötzlich weggerannt war. Es lag an dieser wunderschönen Momentaufnahme. Ehrlich gesagt, konnte sich Tiara auch an nichts Weiteres von diesem Abend erinnern. Laut Erzählungen habe sie den Gin mit Felix alleine ausgetrunken, hatte irgendwann mit ihm auf der Wiese gelegen und versucht die Sterne zu zählen, bis sie mit einer wahnsinnigen Übelkeit in den Busch gegangen war, um zu kotzen. Es hatte keine fünf Minuten gedauert bis Felix neben ihr war und ebenfalls die andere Hälfte des Gins auswürgte. Nachdem Felix und sie sich ausgekotzt hatten, mussten Till und Steffen die beiden nach Hause bugstieren, was augenscheinlich ewig gedauert haben muss, denn sie meckerten heute noch darüber.
Tiara konnte sich aber zu gut an den fürchterlichen Kater am nächsten Morgen erinnern. Noch zu oft, hatte sie an diesem Tag gekotzt, aber auch Felix ging es nicht besser.
Seitdem hatte sie sich nie wieder so abgeschossen.
Die Klingel der Wohnungstür riss sie aus ihren Gedanken.
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