Das Wüstenkind

von sharon62
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
Atlan da Gonozal Perry Rhodan
28.10.2016
28.10.2016
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Das Wüstenkind hatte es sich auf den Polstern gemütlich gemacht, als die Mädchen einen Besucher meldeten.
„Der Priester wünscht die Herrin zu sprechen.“
Sie stand hastig auf. „Ich verschwinde.“
„Du bleibst.“
Das Wüstenkind sah die Herrin frustriert an, gehorchte aber grummelnd.
Der Ankömmling war mittelgroß, mit aschblonden Haaren. In seinem bleichen Gesicht stachen die dunklen Augen unangenehm hervor. Er kniete respektvoll vor der Herrin nieder. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick auf das Wüstenkind. Seine ohnehin schmalen Lippen pressten sich aufeinander, so dass sie kaum noch zu erkennen waren. Leicht neigte der Priester den Kopf zum Gruß, gerade so weit, dass es noch nicht unhöflich war. Nur seine Augen begannen begehrlich zu glitzern. Ihr Körper mochte in dem Wüstengewand kaum zu erkennen sein, doch er wusste genau, wie delikat gerundet diese Frau war, und wie seidig ihre Haut schimmerte.
Das Wüstenkind erwiderte den Gruß ebenso leicht – und ebenso widerwillig.
„Ich hörte, dass das Wüstenkind wieder in der Stadt ist“, wandte der Priester sich an die Herrin. „Es wäre für das Volk sehr erfreulich, wenn sie endlich einmal in den Tempel käme. Und den Geistern würde es sicherlich ebenfalls gefallen.“
Das Wüstenkind fauchte: „Den Geistern ist es völlig egal, wo ich bin. Und dein Tempel ist überflüssig und unnütz.“
„Er ist ein ansprechender Rahmen für das Volk, um sich mit den Geistern zu verbinden.“
„Dazu braucht es keinen Rahmen, ob ansprechend oder nicht.“
„Ruhe, ihr beiden.“ Die Herrin blickte beide warnend an. Und beide bissen die Zähne zusammen, blickten sich weiterhin wütend an, schwiegen aber.
„Dem Volk gefällt es, sich im Tempel zu versammeln – den meisten jedenfalls. Also ist er nicht unnütz. Das weißt du genau.“
Dann wandte die Herrscherin sich dem Priester zu, der hämisch der Strafpredigt zugehört hatte. „Und du akzeptiere, dass das Wüstenkind nicht in den Tempel kommt. Es ist nicht notwendig, und das Volk weiß das auch. Niemand wird gezwungen, dorthin zu gehen.“
Das Wüstenkind überkreuzte voller Genugtuung die Arme vor der Brust, ließ sie auf einen Blick der Herrin jedoch sofort wieder sinken.
„Selbstverständlich, Herrin“, beeilte sich der Priester zu sagen. „Doch da du selbst den Tempel besuchst, wäre es nur gut …“ Er brach eilig ab, als er die abweisende Miene seiner Herrscherin sah.
„Aber es ist gut, dass du gekommen bist“, wechselte die Herrin das Thema. „Ich denke schon eine Weile darüber nach, dass es an der Zeit ist, dem Wüstenkind meine Dankbarkeit für ihre Hilfe zu zeigen.“
Sie ignorierte den immer steinerner werdenden Ausdruck im Gesicht des Priesters. „Es soll auch für das Volk ein deutliches Zeichen sein, wie sehr ich das Wüstenkind schätze. Du wirst dies den Menschen, die in den Tempel kommen, mitteilen.“
Fast knirschte der Mann mit den Zähnen. Das Wüstenkind sah derweil überrascht zu der Herrin.
„Ich wähle dich gerne für mein Bett und alle wissen dies. Doch ich denke, es ist möglich, dir meine Wertschätzung noch deutlicher zu zeigen. Du sollst dich heute Nacht mit einem meiner Sklaven amüsieren.“
Niemand beachtete die beiden Sklaven, die die beiden Frauen entsetzt anstarrten. Das Wüstenkind riss die Augen auf, schluckte krampfhaft und unterdrückte mit Mühe ein entsetztes Keuchen.
„Deine Sklaven sind für jeden tabu, Herrin.“ Ihre Stimme war heiser.
Der Priester hatte schon deutliche Abwehr markiert, bevor er begriff, dass das Wüstenkind von dieser ‚Ehre‘ überhaupt nicht begeistert war. Er schluckte eine unwillige Bemerkung hinunter und beobachtete stumm das Wüstenkind.
Die Herrin lächelte hoheitsvoll: „Nicht für dich, Wüstenkind. Du bist, seit du aus der Wüste kamst, eine treue Hilfe für mich. Dieses Tabu soll für dich aufgehoben sein.“
„Herrin!“
Doch diese sprach ungerührt weiter: „Natürlich sollst du heute nicht in deinem Schlafraum nächtigen. Dies ist eine besondere Ehre, und so soll es auch gehandhabt werden. Suche dir einen geeigneten Raum dafür aus.“
Das Wüstenkind flehte fast: „Herrin, diese Ehre ist schmeichelhaft. Doch unnötig.“
Sie wurde von der energischen Handbewegung der Herrscherin unterbrochen. „Dies ist meine Entscheidung. Du wirst diese Ehre annehmen und dir einen der Sklaven aussuchen.“
Ihr Blick wurde zwingend. Das Wüstenkind sah ihr sekundenlang starr in die Augen, bis ihr Widerstand gebrochen war. Langsam ließ sie sich auf die Knie nieder und signalisierte damit, dass sie gehorchen würde.
Der Priester sah dies mit hämischer Genugtuung. Obwohl es ihm durchaus nicht gefiel, dass das Wüstenkind diese Ehre bekam. Dass sie förmlich dazu gezwungen wurde, war für ihn jedoch Labsal. Jedermann wusste, dass sie es vorzog, alleine zu schlafen – im Gegensatz zu allen anderen Menschen. Noch mehr hätte es ihm gefallen, wenn er derjenige gewesen wäre, doch das konnte er nicht verlangen – leider.
Während das Wüstenkind sich langsam wieder erhob und mit abwesendem Blick auf den Polstern niederließ, wandte die Herrin sich wieder dem Priester zu. „Du wirst dies den Menschen berichten. Jeder soll wissen, dass das Wüstenkind die höchste Achtung verdient.“
Noch immer beachtete keiner von ihnen die Männer, die sich so weit wie möglich zurückgezogen hatten. Das Wüstenkind vermied es geflissentlich, zu ihnen zu sehen. Sie wusste genau, wie schockiert die beiden jetzt sein mussten.
Nachdem der Priester gegangen war, sah die Herrscherin kopfschüttelnd auf das Wüstenkind: „Musstest du derart viel Widerstand leisten? Du weißt genau, dass ich diesen Blick bei dir nicht gerne einsetze.“
Grinsend sah das Wüstenkind sie an. „Aber es war doch eine solche Labsal für den Dummkopf. Hast du gesehen, wie er fast geschnurrt hat, weil du auch bei mir keinen Widerstand duldest?“
„Und du bist natürlich jederzeit bereit, anderen eine Freude zu machen.“
„Aber sicher doch.“ Die junge Frau lachte herzhaft.
„Ich denke mal, du wirst dir einen Raum ohne Fenster aussuchen. So kann der Priester keine neugierigen Ohren und Augen aussenden.“
Das Wüstenkind nickte. „Ich werde deine Mädchen einspannen. Obwohl die vermutlich mindestens ebenso neugierig sind.“
„Oh, nun, damit wirst du gewiss fertig, wie ich dich kenne.“
Das Wüstenkind rief nun eines der Mädchen herbei und diktierte ihm seine Wünsche. Sie erklärte freimütig, dass sie keine Lust habe, die Neugier des Priester zu befriedigen, und dass sie sich auf die Wachsamkeit der Mädchen verlassen würde, damit kein ‚Spion‘ auch nur in die Nähe des Schlafraumes kommen würde. Die Dienerinnen versprachen eifrig, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
„Warum wolltest du eigentlich nicht, dass ich einen Namen nenne? Du wirst doch mit Sicherheit Tongar wählen.“ Dies war der Name, den die Herrscherin Perry Rhodan gegeben hatte.
„Pringlar.“ Altans Name.
Als die Herrscherin sie daraufhin verdutzt ansah, knurrte das Wüstenkind: „Ich besitze eine Menge Humor, um auch groteske Situationen zu überstehen. Aber es gibt Grenzen.“
Allein der Gedanke war so absurd, dass sie ihn nicht einmal zu Ende denken konnte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihr Vater mit Atlan flüsterte. Sie wirkten beide erleichtert. Gut, sie hatten also begriffen.
Ihre Herrin war jedoch noch nicht zufrieden. „Deine Grenzen sind manchmal sehr unverständlich. Ich würde sie gerne verstehen.“
Das Wüstenkind zuckte mit den Schultern. „Das ist schwierig. Allein der Gedanke …“, sie schüttelte sich. „Das ist ein absolutes Tabu.“
„Ein Tabu!“ Die Herrin war verblüfft. Deshalb hatte das Wüstenkind so lange gezögert, bis sie sich einverstanden erklärte, auf diesem Weg mit den Gefangenen zu sprechen.
„Dein Widerstand war nicht gespielt. Deshalb habe ich auch keine Täuschung bemerkt.“ Fragend sah die Herrscherin das Wüstenkind an. Diese nickte.
Die Herrin zuckte mit den Schultern: „Nun, die Geister haben die Wüste dazu gebracht, dich zu schaffen. Dann werden sie auch wissen, weshalb du manchmal so seltsam denkst.“
Seltsam! Es fragte sich, wer seltsam dachte … Allerdings wusste das Wüstenkind genau, dass niemand auf dieser Welt ihre Art zu denken verstehen konnte. Für die Menschen hier war Sexualität etwas so Alltägliches wie Essen und Trinken – und wurde auch genauso offen gehandhabt. Und vor allem in einer Freizügigkeit, die auf Terra – und den meisten andere Welten – schlicht unmöglich war.
Das Wüstenkind hatte ziemlich entsetzt reagiert, als sie zum ersten Mal mit dieser Freizügigkeit konfrontiert worden war. Damals hatte sie eine Weile hier im Palast gelebt und war, unbemerkt von allen anderen Menschen, von der Herrin über die Regeln und Gesetze dieser Welt instruiert worden. Sie hatte von Tag zu Tag ein stärker werdendes Verlangen verspürt, das sie sich nicht hatte erklären konnte. Als dann die Herrscherin sie aufgefordert hatte, mit ihr zu schlafen, hatte das Wüstenkind verblüfft abgelehnt. Sie war – wie sie dachte – sehr offen erzogen worden und hatte keinerlei Vorurteile gegen sexuelle Spielformen. Doch sie zog die heterogene Art vor.
Doch die Herrin hatte ihre Ablehnung nicht akzeptiert. Sie hatte der jungen Frau gutmütig erklärt, dass es nicht nur völlig selbstverständlich sei, Sex mit mehreren Partnern – auch gleichgeschlechtlichen – zu haben, sondern sogar verlangt wurde. Selbst engste Verwandte hatten Sex miteinander und es galt als völlig normal. Und niemand lehnte den Wunsch einer höher gestellten Person nach einer Liebesnacht ab. Ebenso wie es niemand als Zwang ansah, im Gegenteil. Es war eine Ehre, für das Bett gewählt zu werden. Nur ihre eigene körperliche – damals noch unerklärbare – starke, sexuelle Reaktion hatte dem Wüstenkind geholfen, dies zu akzeptieren.
Als es Abend wurde, erklärten die Mädchen kichernd, dass alles bereit wäre. Das Wüstenkind wandte sich Atlan zu: „Komm mit.“ Ohne ihn weiter zu beachten, ging sie voraus über mehrere Gänge bis in einen dunklen Raum. Mehrere Fackeln erhellten ihn einigermaßen. Tageslicht jedoch konnte hier nicht einfallen, außer durch die Tür. Es gab keine weiteren Öffnungen.
„Mach die Tür zu.“
Atlan gehorchte wortlos und sah dann aber schockiert, wie Perrys Tochter begann sich auszuziehen. Marian seufzte, als sie sein Gesicht sah. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die Mädchen sich nicht irgendeine Ausrede einfallen lassen, um noch mal hier reinzukommen? Leg deine Sachen – sichtbar – über einen Stuhl.“
Sie seufzte noch einmal und fuhr – noch leiser und vorsichtiger – fort: „Verdammt, Atlan, ich bin keine fünfzehn mehr. Stell dich nicht so an. Es gab keine andere Möglichkeit, mit euch reden zu können.“
Endlich nickte er, zog sich aus und schlüpfte unter die Decken. Erleichtert stellte Atlan fest, dass es mehrere Decken gab. Marian kroch ebenfalls ins Bett.
„Und rede bitte leise. Ich gehe jede Wette ein, dass mindestens zwei von den Mädchen lauschen – zumindest wenn sie ihr Kichern unterdrücken können.“
„Was machst du hier? Marian, wie kommst du ausgerechnet auf diese Welt?“
Sie seufzte: „Atlan, das ist eine recht lange Geschichte – und – ich möchte dies Vater gerne selbst sagen.“
Atlan sah sie nachdenklich an, dann nickte er: „Er wird froh sein, etwas über dich zu erfahren. Seit du Terra verlassen hast, hat niemand mehr irgendetwas von dir gehört.“
„Das ging nicht. Aber etwas anderes ist im Moment viel wichtiger. Atlan, wie kommt ihr hierher? Ich habe versucht, etwas über das Schiff, mit dem ihr hierhergekommen seid, herauszubekommen, doch viel konnte ich nicht erfahren. Nur, dass ihr offensichtlich nicht freiwillig hier seid.“
Er akzeptierte den Themenwechsel. „Wir sind in eine Falle getappt. Die Akonen haben uns gefangengenommen und hierhergebracht. Sie haben sich als Einheimische getarnt und uns in die Minen geschleppt. Sie waren überzeugt, dass wir dort rasch sterben würden – oder als Fremde erkannt und getötet würden.“
Marian nickte: „Was mit Sicherheit auch passiert wäre.“
Atlan berichtete ausführlich, was geschehen war, dann blickte er sie forschend an: „Kannst du uns helfen?“
Er sah erleichtert, wie sie zu grinsen begann – und nach einem Blick zu ihm schlagartig wieder ernst wurde.
„Vater hat Bedenken.“ Marian senkte den Blick kurz und nickte leicht, als er nicht sofort antwortete. „Ich kann es mir denken.“ Sie blickte Atlan wieder in die rötlichen Augen. „Sag ihm, ich heiße nicht Thomas und ich werde auch niemals wie er denken. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde einen Weg finden, euch zu helfen.“
„Er wird erleichtert sein, das zu hören. Er liebt dich, Marian.“
Sie lächelte: „Ich habe Dad immer geliebt, ich konnte nur nicht auf Terra leben. Aber das hat nicht nur damit zu tun, dass er der Großadministrator ist. Aber das wusste ich damals noch nicht. Das gehört zu meiner Geschichte. Ich werde alle eure Frage beantworten.“
Marian blickte zur Tür.
„Atlan, rutsch näher, ich hoffe doch, du kannst eine überzeugende Vorstellung geben. Die Mädchen werden nicht mehr lange abwarten, bis sie sich irgendeine alberne Ausrede einfallen lassen, um hier hereinzukommen.“
Der Arkonide schluckte, verdammt, sie war die Tochter seines besten Freundes. Bei jeder anderen Frau hätte er keinerlei Hemmungen gehabt, aber dieses Mädchen hatte er auf den Knien geschaukelt. Er nickte jedoch und schob die Decken zwischen ihnen etwas beiseite.
„Wieso machst du das mit? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich freiwillig derart dieser Frau unterwirfst und dich sexuell benutzen lässt.“
Sie schüttelte den Kopf. „Es ist keine Unterwerfung.“ Dann sah sie Atlan stirnrunzelnd an. „Willst du damit sagen, dass ihr beide, seitdem ihr hier seid, noch nichts bemerkt habt?“
Marian begann unweigerlich zu grinsen. Es war seltsam, wie rasch sie wieder in die alten Gewohnheiten fiel. Auf dieser Welt hatte sie längst alle Bedenken und Hemmungen verloren, offen über Sex zu reden. Doch Atlan gegenüber versuchte sie unwillkürlich, sich etwas vorsichtiger auszudrücken.
„Ihr müsst doch – nun – sagen wir – etwas stärker als normal – hm – reagieren.“
Atlan nickte grimmig: „Natürlich haben wir bemerkt, dass wir hier unter Drogen gesetzt werden. Es wundert uns allerdings, dass das Zeug derart wirkt, die Aktivatoren müssten uns eigentlich davor schützen.“
Marian schüttelte den Kopf. „Vermutlich sind es zwar Drogen, aber niemand ist dafür verantwortlich. Es ist das Wasser hier. Und betrifft jeden und alle. Jeder Mensch auf dieser Welt trinkt zwangsläufig Wasser und damit wird die Sexualität sehr verstärkt. Was sich auf die gesamte Kultur und das Denken der Menschen ausgewirkt hat.“
„Das heißt, jeder hier muss ständig mit dieser starken Begierde leben?“ Atlan stutzte. „Was hat die Frau dann damit gemeint, du hättest dein Verlangen besser im Griff?“
„Ich bin das Wüstenkind. Das ist nicht nur ein Titel – oder eigentlich überhaupt kein Titel. Es ist eine Bezeichnung. Ich habe die Möglichkeit, mich dieser Gier zu entziehen.“ Marian seufzte wieder. „Und es gehört zu meiner etwas längeren Geschichte.“
„Langsam werde ich darauf neugierig.“
Atlan zuckte zusammen, als sie sich plötzlich an ihn heranschob und auf eindeutige Weise umschlang. Dann hörte er das leise Schaben der Türflügel. Rasch umarmte er Marian und fluchte innerlich, als er ihr lautes ekstatisches Stöhnen hörte, und ihr Körper sich über ihm zu winden begann. Zähneknirschend spielte er mit, keuchte leise auf und begann sich zu bewegen. Atlan biss die Zähne zusammen, als er unweigerlich zu reagieren begann. Sie war eine begehrenswerte, junge Frau geworden, und sie waren beide nackt …
Im nächsten Moment warf das Wüstenkind den Kopf herum und streckte den Arm unter der Decke hervor. Ein Blitz zuckte durch den Raum, das Mädchen an der Tür schrie erschreckt auf und ließ die Schale fallen, die es in den Händen hielt.
„Sonne und Wind, was willst du?“
Das Mädchen stotterte: „Wüstenkind … ich … wir dachten … du bekommst sicher Hunger ...“
„Raus!“ fauchte die Frau im Bett.
Das Mädchen blickte entgeistert auf die Scherben, hin und her gerissen in dem Wunsch, das Wüstenkind nicht noch mehr zu verärgern und die Scherben zu entfernen.
„Verschwinde, die Scherben kannst du morgen wegfegen. Und dass es keine von euch noch einmal wagt, mich zu stören. Sonst wird diejenige tatsächlich Brandblasen bekommen.“
Das Mädchen nickte hastig und rannte förmlich hinaus.
„Tür zu!“
Atlan sah entgeistert, wie Marian sich kichernd zur Seite fallen ließ. „Jetzt kommt keine mehr rein.“
Er holte tief Luft, sein Blick suchte ihre Hand, doch diese war eindeutig leer.
„Wie hast du das gemacht?“ Er verdrehte die Augen, als er ihren Blick sah. „Lass mich raten, auch das gehört zu deiner Geschichte.“
Sie nickte, leise erwiderte sie: „Ich habe mich verändert, in vielerlei Hinsicht.“
„Für Perry wird es nur wichtig sein, ob du seine Tochter geblieben bist.“
Wieder sah Marian ihm offen und direkt in die Augen. „Das war ich immer und werde ich immer sein.“ Dann biss sie sich auf die Lippen. „Dennoch werde ich ihn vermutlich enttäuschen.“
„Warum?“
Sie zögerte eine ganze Weile, Atlan wartete stumm ab.
„Ich bin keine Terranerin.“
„Du bist Perrys Tochter. Damit bist du Terranerin.“
Sie seufzte. „Aber nur teilweise.“ Dann schüttelte sie den Kopf. „Das muss ich Dad selbst erklären, das bin ich ihm schuldig.“
Abrupt wechselte Marian das Thema. „Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie ich euch helfen kann. Wichtig ist auf jeden Fall, dass ihr hier im Palast bleibt. Hier seid ihr in Sicherheit. Und macht bitte keine Fehler – oder zumindest so wenige wie möglich. Ihr dürft auf keinen Fall als Fremdweltler erkannt werden. Und kein Fluchtversuch! Denkt nicht einmal daran. Das würde nicht gelingen. Ich finde einen Weg, doch ihr müsst Geduld haben. Ich brauche Zeit dafür.“
Atlan nickte zustimmend. „Was ist, wenn diese …“, er verbesserte sich, „deine Herrscherin bemerkt, dass du uns helfen willst? Sie scheint ja zu wissen, dass du kein Mensch dieser Welt bist.“
„Natürlich weiß sie es. Vor der Herrscherin kann man nichts verbergen.“
Der Arkonide zog die Augenbrauen hoch. „Nun …“
Doch das Wüstenkind schüttelte grinsend den Kopf. „Du denkst, ihr hättet sie getäuscht. Da irrst du dich gewaltig. Sie weiß genau, wer ihr seid. Warum glaubst du, hat sie euch in den Palast geholt und das Märchen aufrechtgehalten, dass ihr schwachsinnig wärt? Sie hat euch in den Minen erkannt, zumindest Dad.“
Atlans schockierter Blick ließ sie kichern. „Die Herrin hat es gespürt und außerdem gesehen. Ich habe Dads Augen. Sie hat mir erzählt, dass sie völlig verblüfft war, als sie diesen Sklaven sah, der sie mit meinen Augen ansah.“
„Was meinst du mit gespürt?“
„Die Herrin kann Zusammenhänge spüren. Sie braucht keine Informationen, sie fühlt es einfach. Als sie euch sah, wusste sie, dass ihr zu mir gehört.“
Atlan war fasziniert. „Sie ist parapsychisch begabt?“
Marian schüttelte den Kopf: „Nein, ich bezweifle, dass es ähnlich wie bei den Mutanten ist. Die Ursachen liegen meiner Meinung nach bei den Geistern dieser Welt.“
„Die Religion hier? Was hat eine Religion mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun?“
„Nichts, es ist keine Religion im eigentlichen Sinn.“ Marian seufzte. „Das ist nicht einfach zu erklären und ich brauche Zeit dazu. Und die haben wir nicht. Ich muss dich bald wegschicken. Alles andere wäre auffällig.“ Sie begann zu grinsen. „Außerdem hätte es Folgen, die weder dir noch mir gefallen würden.“
Auf Atlans fragenden Blick hin, biss sie sich auf die Lippen, um nicht noch mehr zu lachen. „Atlan, ich bin bekannt dafür, dass ich lieber alleine schlafe. Die Herrin achtet darauf, dass mein Verhalten für andere nicht zu auffällig wird, und schickt mir immer wieder irgendwelche Männer ins Bett.“ Marian verzog leicht das Gesicht. „Sie hat Recht, auch wenn das reichlich lästig ist. Aber ich dulde diese Männer nie die ganze Nacht bei mir. Wenn ich bei dir eine Ausnahme mache, was glaubst du wohl, was die Mädchen daraus ableiten?“
Atlan nickte verstehend. Dann zögerte er, es wäre vielleicht eine Möglichkeit, sich regelmäßig mit Marian zu treffen und ihre Flucht zu planen.
Marian schüttelte zu diesem Vorschlag jedoch nur den Kopf. „Erstens würde früher oder später herauskommen, dass wir nur miteinander reden. Und zweitens“, ihre Lippen zuckten in verhaltenem Lachen, ob Atlan noch fähig war, rot zu werden? „würdest du ziemliche Schwierigkeiten haben. Falls du zufällig kurz vorher Wasser trinkst, wirst du hier durchdrehen.“
Sie brauchte nicht deutlicher zu werden. Atlan ächzte kurz auf, sah ihr verstecktes Lachen und fluchte leise: „Du bist ein ganz schön durchtriebenes Biest geworden.“ Er wurde schnell wieder ernst. „Wieso zeigt diese Frau dann nicht, dass sie über uns Bescheid weiß?“
„Das kann sie nicht. Sie ist an die Regeln hier gebunden. Niemand könnte verstehen, wenn sie die bricht. Das darf sie nicht.“
„Aber sie wird dich nicht hindern, uns zu helfen? Obwohl das gegen ihr eigenes Gesetz verstößt?“
„Sie weiß, dass ihr mir sehr wichtig seid. Sie würde nie von mir verlangen, euch und damit mich selbst zu verraten.“
„Dich selbst?“
„Meine Art zu denken, die Dinge, die mir wichtig sind. – Ebenso, wie sie weiß, dass ich auch niemals sie und unsere Welt hier verraten werde.“
Atlan nickte wieder und sah Marian aufmerksam an: „Du hast sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass du diese Welt vor jeder Einflussnahme schützen willst. Eine gute Meinung hast du von Terra nicht.“
Vehement wehrte sie ab: „So ist das nicht. Doch die Kultur hier würde zerstört werden, wenn Terra oder irgendeine andere Welt hier Fuß fassen würde. Atlan, es ist schwer zu erklären, aber diese Welt ist ein Paradies, von mir aus ein barbarisches Paradies. Aber die Menschen hier, die Kultur, die hier entstanden ist, ist etwas so Besonderes … das darf nicht zerstört werden.“
Der Arkonide wunderte sich etwas, seiner Meinung nach war dies hier eine der typischen Barbarenkulturen. „Du weißt, dass dein Vater kein Eroberer ist. Er achtet sehr darauf, Barbarenwelten ihre eigene Entwicklung zu lassen. Terra versucht nur, den Völkern zu helfen, sich etwas schneller zu entwickeln.“
Marian schüttelte den Kopf. „Darum geht es hier nicht. Es geht um die Art des Denkens. Was die Menschen hier als wichtig ansehen. Ihre Art der Ehre, ihre Prioritäten. Dies unterscheidet sich von allem, was ich bisher gelernt hatte. Es ist faszinierend. Aber damit ist diese Kultur auch anfällig, sie könnten sich gegen Fremde nicht durchsetzen. Sie würden ständig betrogen werden, da sie sich eine andere Art zu denken, nicht einmal vorstellen können.“
Sie lächelte: „Die meisten der Führer und einige andere Menschen hier – meist hochgeachtete Krieger – sind in der Lage, jede Lüge zu erkennen. Und zwar nicht aufgrund von Argumenten wie wir, nein, sie spüren es, ähnlich wie Empathen. Die Kinder hier lernen deshalb von klein auf, dass man Fehler zugeben muss und es völlig sinnlos ist, etwas schönreden zu wollen oder sogar Ausflüchte zu suchen. Von Lügen ganz zu schweigen. Die Menschen hier sind verblüffend ehrlich. Die Strafen für Fehler oder Fehlverhalten sind zwar meistens ziemlich barbarisch, müssen aber akzeptiert werden. Handelt man so, behält man seine Ehre und wird weiterhin geachtet. Die gesamte Kultur ist auf diesem Ehrenkodex aufgebaut. Das geht so weit, dass selbst Sklaven niemals versuchen zu fliehen. Im Gegenteil, ihre Ehre verlangt, ihre Dienste so gut wie möglich zu verrichten. Dafür gibt es jedoch auch keine lebenslängliche Sklaverei. Die meisten Sklaven sind Gefangene von anderen Sippen, die eine gewisse Zeit als Sklaven abarbeiten müssen, ehe sie wieder freigelassen werden. Viele Führer geben sogar ganz bewusst ihre Kinder eine Zeitlang in die Sklaverei, damit sie lernen, sich zu fügen und zu beherrschen.
Und selbst die Herrscher unterliegen diesem Ehrenkodex. Eine einmal gegebene Zusage wird unter allen Umständen eingehalten. Und Spitzfindigkeiten, um eine Aussage oder ein gesprochenes oder geschriebenes Wort zu verdrehen, gibt es überhaupt nicht. Ebenso wird kein Herrscher jemals seine Verantwortung gegenüber seinem Volk oder seiner Sippe leugnen. Es gibt Machtgier hier, aber keine Intrigen oder Verschwörungen.“
Atlan hatte ihr immer verdutzter zugehört. Das erklärte allerdings einiges, was bisher für sie rätselhaft gewesen war. Doch Marian wehrte weitere Fragen ab. Sie schob sich aus dem Bett und warf Atlan seine Kleidung zu. „Es ist spät, wenn ich dich noch länger hierbehalte, werden die Mädchen anfangen, sich Gedanken zu machen. Bitte, wartet einfach ab. Ich finde einen Weg, euch zu helfen.“
Atlan schlüpfte in die Sachen und nickte.
„Und keine Versuche, mit mir zu reden oder irgendwelche Zeichen zu geben. Ich werde euch ebenfalls nicht beachten. Das würde mit Sicherheit auffallen.“
Wieder nickte Atlan. „So etwas haben wir uns schon gedacht. Deine Herrscherin wird vermutlich ebenfalls weiterhin so tun, als ob sie nichts über uns wüsste.“
Marian nickte: „Ja, bitte verhaltet euch entsprechend. Es geht nicht anders.“
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