Das Wüstenkind

von sharon62
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
Atlan da Gonozal Perry Rhodan
28.10.2016
28.10.2016
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In den Perry Rhodan Romanen kommen immer wieder Zeitsprünge vor. Diese Geschichte spielt in einer solchen "Phase", die in den Romanen überhaupt nicht beschrieben werden.  Ich habe mich deshalb zeitlich auch nicht wirklich festgelegt. Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch - über ein Review würde ich mich sehr freuen.
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Aufgeregt liefen die Mädchen durch den Raum und stellten kichernd Schüsseln und Teller auf den kleinen Tisch im halbrunden Erker, der nur durch Stoffbahnen von Innenhof getrennt war. Die großen Türblätter waren beiseite geklappt, so konnte die warme Luft ungehindert in den Raum strömen, nur das grelle Sonnenlicht wurde durch die dünnen Stoffe abgehalten.
Erstaunt sahen die beiden Männer den Mädchen zu. Sie hatten sich an deren ständiges Kichern gewöhnt, die Mädchen schienen geradezu glücklich darüber zu sein, ihre Herrin bedienen zu dürfen. Doch so aufgeregt wie jetzt hatten sie die jungen Frauen noch nicht gesehen, seit sie in diesen barbarischen – und doch erstaunlich feudalen – Palast gebracht worden waren.
Eines der Mädchen bemerkte ihr Erstaunen. „Das Wüstenkind ist in der Stadt. Sie wird bestimmt bald kommen.“
Die Männer hüteten sich nachzufragen, sondern nickten nur. Die Mädchen hatten sich als sehr gute Informationsquellen für sie erwiesen. Sie mussten jedoch tunlichst darauf achten, nicht als Fremde aufzufallen. Würde man erkennen, dass sie nicht leicht schwachsinnig waren – wie bisher angenommen wurde – sondern Fremde von einer anderen Welt, würde man sie sofort und gnadenlos töten.
Die dunkelblonde Kira lachte die Männer an: „Seid ihr dem Wüstenkind schon einmal begegnet?“
Vorsichtig schüttelten beide den Kopf.
„Dann könnt ihr stolz sein, sie jetzt zu sehen.“
„Das alles hier ist für das Wüstenkind?“
Der weißblonde der Männer zeigte auf den Tisch.
„Ja, sie kommt ja nicht oft in den Palast, und meist bleibt sie auch nur wenige Tage.“ Das Mädchen kicherte hemmungslos. „Sie vermisst die Wüste immer schon nach wenigen Stunden. Deshalb versuchen wir, es ihr hier so schön wie möglich zu machen. Und manche Dinge gibt es in der Wüste nun mal nicht.“
Sie zeigte auf die Schalen und Schüsseln. „Sie mag Obst sehr gerne. Wir achten darauf, dass wir immer genug frische Sachen hier haben, damit wir sie ein wenig damit verwöhnen können.“
Es war offensichtlich, dass die Mädchen dieses Wüstenkind hoch achteten und kaum weniger liebten als ihre Herrin.
Wüstenkind! Eine seltsame Bezeichnung, eindeutig kein Name, auch wenn er wie einer benutzt wurde. Also ein Titel? Es gab wenige Titel auf dieser barbarischen Welt, wie die beiden Männer festgestellt hatten.
Die Herrin, die nie mit einem Namen genannt wurde. Sie war die absolute Herrscherin dieser Welt.
Und der Priester, auch er wurde nur mit seinem Titel benannt. Obwohl sie die Religion dieser Welt noch nicht begriffen hatten. Es schien so gut wie keine Rituale zu geben, oder Gebete bzw. Götteranrufungen.
Ansonsten gab es als Titel nur die Führer der einzelnen Sippen und Stämme – und da schien es unzählige zu geben. Diese Führer hatten jedoch Namen und wurden meist auch mit ihnen genannt.
Die Hierarchie dieser Welt jedoch war einfach. Die Führer der Sippen und Stämme standen alle mehr oder minder auf einer Stufe, wenn es auch gewisse Unterschiede gab. Manche Führer waren höher geachtet als andere, meist, weil sie über größere Stämme herrschten. Aber es gab ständig Fehden und Kämpfe unter ihnen, die jedoch nie in größere Kriege ausarteten. Die Unstimmigkeiten wurden immer nur zwischen zwei Sippen ausgetragen, Verbündete und Absprachen wie Unterstützung in Kampfhandlungen gab es nicht.
Und über allen Führern stand die Herrin der Welt, deren Sklaven sie waren. Obwohl die beiden Männer dieses Wort verachteten, wussten sie nur zu gut, dass sie in ihrer Situation nichts dagegen tun konnten. Diese Herrin wurde immer wieder gebeten, in den ständigen Feindseligkeiten zu vermitteln. Und erstaunlicherweise wurden ihre Ratschläge immer angenommen. Durch die Mädchen hatten sie auch erfahren, dass niemals jemand auch nur daran denken würde, der Herrin feindselig entgegenzukommen. Sie war unantastbar.
Und jeder gehorchte ihr bedingungslos. So hatten die Männer keine andere Wahl, als ebenfalls scheinbar willig jeden Befehl auszuführen. Obwohl es – wie sie zugeben mussten – keine große Schwierigkeit war, dieser Herrin zu dienen. Ihr Leben war genau genommen relativ eintönig. Hin und wieder wurde verlangt, dass sie die Herrscherin bedienten. Meist, wenn gerade keines der Mädchen zur Verfügung stand, was nicht oft vorkam.
Abends jedoch bedeutete die Frau sehr oft einem von ihnen, ihr zu folgen und die Nacht mit ihr zu verbringen. Sie hatten beide versucht, dies zu nutzen und Informationen zu bekommen. Doch die Frau war schweigsam. Sie zeigte deutlich, dass sie von ihren Gefangenen nur eines wollte. Und eine Flucht aus dem Palast hatten sie noch nicht gewagt. Die Männer wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten. Diese Welt hatte keinen Kontakt zu anderen Welten, und die Technik war viel zu primitiv, um Terra – oder irgendeine andere Welt – erreichen zu können. Oder anders gesagt: Es gab überhaupt keine Technik, nicht einmal das Prinzip der Dampfmaschine war hier bekannt.

Das Wüstenkind übergab das Tier dem Stallknecht und ging über den großen Hof auf das Haupttor des Palastes zu. Die Wachen öffneten die Tür und begrüßten sie respektvoll. Sie nickte ihnen freundlich zu. Innen war es angenehm kühl, trotz der überall offenen Türen. Der Palast war ein Irrgarten aus Sälen, Räumen, Fluren und Innenhöfen. Doch so konzipiert, dass das Licht überall gut ausreichte und die Wärme die Räume angenehm temperierte.
Zielstrebig ging die junge Frau die Treppen und Flure entlang, zu den Privaträumen der Herrin. Immer wieder knieten die Diener und Dienerinnen vor ihr nieder. Freundlich bedeutete sie ihnen, wieder aufzustehen. Längst hatte sie sich an diese Form der Achtungserweisung gewöhnt und störte sich nicht mehr daran.
Sie schlug die Vorhänge zurück, die Perlen und aufgestickten Edelsteine klirrten leise. Wie sie es gewohnt war, warf die junge Frau nur einen kurzen Blick in den Raum, dann kniete sie respektvoll vor der Herrin nieder, die Hände über der Brust gekreuzt, den Blick gesenkt, doch mit offenen Augen.
Das Wüstenkind spürte die Handbewegung mehr als sie sie sah, gleichzeitig empfand sie deutlich die Warnung, die die Herrin ihr sandte. Sie spannte sich an, als sie sich aufrichtete. Weshalb sollte hier im Palast eine Warnung nötig sein? Dann sah sie die beiden Sklaven im hinteren Bereich des Raumes. Einen Atemzug lang konnte sie nicht mehr denken. Das war völlig unmöglich!
Dort standen Atlan von Arkon, Lordadmiral der USO und Perry Rhodan, Großadministrator von Terra – ihr Vater. In Sklavenkleidung. Wie war das möglich? Was sollte sie jetzt machen? Wusste die Herrin, wer diese Männer waren? Dann waren sie in tödlicher Gefahr. Fremde – Fremdweltler, wie alle genannt wurden, die von anderen Welten kamen – wurden ohne Ausnahme getötet. Fast hätte das Wüstenkind den Kopf geschüttelt, als ihr ihre Gedanken bewusst wurden.
Natürlich wusste die Herrin es. Vor der Herrin der Welt gab es kein Geheimnis. Sie hatte das Wüstenkind gewarnt, damit sie sich nicht verriet. Und ebenso natürlich brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Das Denken der Menschen auf dieser Welt war einzigartig. Sie hatte Jahre gebraucht, um zu begreifen, wie viel Vertrauen diese Menschen gaben – und verlangten. Und dass dieses Vertrauen niemals missbraucht oder verraten wurde.
Das Wüstenkind wandte den Blick von ihrem Vater ab und der Herrin zu. Deren ruhiges Gesicht half ihr, ihre Fassung vollends wieder zu erlangen.
„Du hast neue – ‚Spielzeuge‘, scheint mir.“
Die schlanke Frau mit den glatten, schwarzen Haaren nickte. „Ja, ich habe sie vor etwa zwei Monden in den Minen gefunden. Da habe ich auch eine Aufgabe für dich. Die beiden sind eindeutig etwas schwachsinnig. Ich möchte wissen, wer sie in die Minen gebracht hat. Der Minenführer sprach von fremden Händlern. Wer verurteilt Kranke zu den Minen?“
Das Wüstenkind hatte Mühe, nicht ungläubig zu lachen. Schwachsinnig? Im nächsten Moment begriff sie. Auf diese Art und Weise konnten Fehler, die die beiden mit Sicherheit machten, erklärt werden.
„In den Minen?“ Sie sah die Herrin fast entsetzt an. Die Arbeitsbedingungen dort waren grauenhaft. Obwohl gleichzeitig darauf geachtet wurde, dass die Sklaven möglichst lange durchhielten. Ihre Arbeitskraft war das einzige, was sie vom Tod in den Mooren trennte. Wer nicht mehr arbeiten konnte, starb in dem schwarzen, schlammigen Wasser.
„Finde heraus, welche – Sippe dieses Urteil gefällt hat und warum.“
Das Wüstenkind nickte, noch immer wirbelten ihre Gedanken durcheinander. Wie waren Atlan und ihr Vater hierhergekommen? Und warum? Was musste, was konnte sie jetzt machen? Die Antwort war jedoch einfach, wie sie einen Augenblick später erkannte. Im Moment konnte und musste sie gar nichts machen. Hier im Palast waren ihr Vater und Atlan erst einmal sicher. Wenn sie als schwachsinnig galten, würden die Fehler in ihrem Verhalten nicht auffallen. Zumindest würden sie dadurch nicht als Fremdweltler erkannt werden.
Und die Herrin würde niemals von ihr verlangen, dass sie die Menschen verriet, die sie liebte – und denen sie ebenfalls Loyalität schuldete, auch wenn das Wüstenkind sich längst dieser Welt hier zugehörig fühlte. Also würde sie den beiden helfen können. Die Frage war nur – wie? Aber ihr würde schon etwas einfallen.
Sie wurde wieder ruhig. Gelassen sah sie die Frau an, die ihr eine Freundin geworden war. „Ich werde herausfinden, was du wissen willst.“
Das Wüstenkind überlegte. Das letzte Schiff war vor über zwei Monden gelandet. Das passte zeitlich. Wie die meisten war auch dieses beim Start explodiert. Es war erstaunlich, wie oft dieses Risiko eingegangen wurde. Inzwischen musste auf den meisten Welten bekannt sein, dass es fast immer Selbstmord war, hier eine Landung zu riskieren.
War es ein terranisches Schiff gewesen? Seit sie auf dieser Welt war, war kein terranisches Schiff hierhergekommen, zumindest keine offiziellen Handels- oder Militärschiffe. Die Schiffe, die bisher gelandet waren, waren entweder von anderen Welten gekommen oder es waren private Schiffseigner gewesen – meist Prospektoren, die Bodenschätze suchten.

Die beiden Männer sahen eine Gestalt eintreten. Die Frau trug ein derbes, sandfarbenes Gewand, das eine Mischung aus einem Mantel und einer Robe war. Ein breiter Gürtel hielt den Stoff zusammen. Darunter schien sie ein helles Blusenhemd zu tragen, eine ebenso helle Hose ragte unter dem Übergewand hervor, die in halbhohen Stiefeln verschwand. Der Kopf war mit einem sandfarbenen Tuch bedeckt, das wie ein langer Schal um den Hals und die untere Gesichtshälfte geschlungen war.
Die Frau kniete – wie jeder Besucher – vor der Herrin nieder. Auf die leichte Handbewegung der Herrin hin, richtete sie sich wieder auf, und jetzt konnten die Männer auch das Gesicht der Frau sehen. Ihnen stockte der Atem. Vor ihnen stand Marian Rhodan, die seit Jahren verschollene Tochter des Großadministrators von Terra.
Perry Rhodan starrte die junge Frau an. Wie kam Marian hierher? Wusste diese Herrscherin, wer das Wüstenkind in Wirklichkeit war? Aber auf dieser Welt wurden Fremde nicht akzeptiert.
Nur ein einziges Mal war es zu einem Kontakt mit den Völkern dieser Welt gekommen. Vor über achtzig Jahren hatte der damalige Herrscher der Welt einen Botschafter empfangen und wieder gehen lassen. Mit einer eindeutigen Botschaft: „Wir akzeptieren keinen Kontakt mit Fremden. Ab sofort wird jeder Fremde getötet, gleichgültig aus welchem Grund er kommt.“ Kurz danach hatte Terra diese Welt zu einer verbotenen erklärt. Kein Schiff durfte diese Welt anfliegen. Was aber nicht hieß, dass alle anderen Völker sich auch an dieses Verbot hielten.
Wie kam Marian auf eine verbotene Welt? Perry hatte seit zehn Jahren nichts mehr von ihr gehört. Sie hatte sich schon als Kind kaum damit abfinden können, die Tochter des Großadministrators zu sein. Je älter sie geworden war, desto mehr hatte sie diese Art zu leben abgelehnt. Schließlich hatte seine Tochter sich entschieden, irgendwo ein neues Leben anzufangen, mit einer anderen Identität. Perry Rhodan hatte dies akzeptiert, da er deutlich erkannt hatte, wie sehr sie unter den Gegebenheiten litt.
Perry blickte seine Tochter mit zusammengebissenen Zähnen an. Nur ganz kurz hatte er in ihren Augen den Schreck gesehen, als sie ihn und Atlan erblickt hatte. Doch jetzt schien sie wieder absolut ruhig zu sein, gleichgültig wandte sie den Blick von ihnen ab. Konnte – würde Marian ihnen helfen, von dieser barbarischen Welt wieder wegzukommen? Oder waren ihr Terra und die Menschheit gleichgültig geworden?
Ohne die Sklaven noch weiter zu beachten, trat das Wüstenkind auf den Tisch zu, ihre Augen begannen fröhlich zu leuchten, als sie den Deckel der ersten Schüssel abhob.
„Kalrinen.“
Sie machte Anstalten, sich zu setzen. Die Herrin warf ihr einen warnenden Blick zu: „Untersteh dich, dich auf den Fußboden zu setzen. Das kannst du in der Wüste machen. Hier benimmst du dich wie ein zivilisierter Mensch.“
Sie deutete auf ein niedriges Polster. Das Wüstenkind lachte auf, setzte sich aber gehorsam auf das weiche Sitzmöbel.
„Ich möchte wirklich wissen, was am Fußboden so schrecklich sein soll. Aber ich bin ja schon brav.“
Sie schob sich die Obststreifen in den Mund und kaute genießerisch. „Hmm. Deine Mädchen wissen, was gut ist.“
„Sie wissen, wie sie dich bei Laune halten können“, lachte die Frau. „Doch jetzt berichte. Du hast versucht, etwas über die Fremdschiffe herauszubekommen. Warum versuchen in letzter Zeit so viele, hier zu landen? Sie müssen doch wissen, dass sie nicht mehr starten können, dass ihre Schiffe dann zerstört werden.“
Das Wüstenkind zögerte nur kurz, ehe sie nickte. Gut, hier und jetzt konnte sie es nicht wagen, ausführlicher über ihren Vater und Atlan zu reden. Es würde sich eine Möglichkeit finden.
„Seit zwei Jahren versuchen die Fremdweltler immer, im selben Gebiet zu landen.“
„In den Bergen, ja. Vermutlich glauben sie, sich dort besser verstecken zu können.“
„Ich fürchte, das ist nicht der Grund.“ Das Wüstenkind war sich sogar sicher. Sie hatte das ganze Gebiet abgesucht. „Sie suchen Reichtum.“
„Was meinst du damit?“
„Rohstoffe. Es gibt bei uns gewisse Rohstoffe, die sie brauchen. Sie sind wertvoll – für die Fremdweltler.“ Sie zögerte kurz, sprach dann jedoch weiter. „So wertvoll, dass sie dafür auch töten. Wenn sie eindeutig wissen, was sie hier finden können, werden sie uns vernichten.“
Die Herrin der Welt sah die junge Frau erschrocken an, dann schüttelte sie den Kopf.
„Das gelingt ihnen nicht. Die Geister schützen uns.“
Das Wüstenkind schüttelte ebenfalls den Kopf. „Die Schiffe können landen. Das genügt. Sie brauchen nicht selbst zu kommen, wie bisher. Es genügt, wenn sie ein Schiff ohne Besatzung hierherschicken. Es landet und öffnet das Schiff. Es gibt viele Möglichkeiten, ein Volk zu vernichten. Gift, Krankheiten. Sie können diese Dinge mit einem oder mehreren Schiffen schicken.“
Entsetzt sah die Herrin sie an. „Die Fremdweltler bezeichnen uns als Barbaren. Ist ein solches Verhalten denn in ihren Augen zivilisiert?“
Das Wüstenkind lachte bitter auf. „Für Macht, Reichtum und Einfluss machen sie sehr viel. Und die Vernichtung eines Barbarenvolkes ist in ihren Augen nur ein geringer Preis dafür. Sie werden dafür sorgen, dass niemand eindeutig nachvollziehen kann, wer für unsere Vernichtung verantwortlich ist. Das genügt ihnen.“
Die Herrin war fassungslos. „Es reicht ihnen, dass ein Massenmord ihnen nicht nachgewiesen werden kann? Wie denken diese Menschen?“
Sie sah das Wüstenkind nachdenklich an. Sie wusste, dass diese Frau sich mit manchen Verhältnissen ihrer neuen Heimat schwergetan hatte. Doch niemals hatte sie in einer derart schrecklichen Art gedacht. „Denken denn alle Fremdweltler so?“
Das Wüstenkind wandte den Blick ab. Sie stand auf und starrte in den Hof hinaus. Einen Moment blieb sie still. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Nicht alle. Aber einige denken so.“ Wieder zögerte sie, es fiel ihr schwer weiterzusprechen. Doch sie war seit Jahren gewöhnt, absolut ehrlich zu dieser Frau zu sein. „Doch selbst diejenigen, die nicht zu einem Verbrechen bereit sind, würden sehr viel versuchen, um auf unserer Welt Fuß zu fassen.“
„Gegen unseren Willen?“
Das Wüstenkind sah die Herrin nachdenklich an. „Nein, das nicht. Aber sie würden alles daransetzen, uns umzustimmen. Mit Lockmitteln und Versprechungen. Wenn es sein muss auch, in dem sie einzelne Führer ansprechen und bestechen.“ Sie presste die Lippen aufeinander. „Ich lasse nicht zu, dass diese Welt eine Kolonie wird. Sie würden – ohne es auch nur zu bemerken – unser Volk zerstören. Sie denken zu verschieden von uns.“ Das letzte kam sehr leise.
„Dann werden wir uns besser schützen müssen. Ich werde mir überlegen, wie das geschehen kann. Die Geister werden uns helfen.“
Das Wüstenkind nickte. Sie blickte auf, als die Herrin ihr eine Hand auf die Schulter legte.
„Mach dir nicht zu viele Sorgen. Es ist meine Aufgabe, eine Lösung zu finden. Und ich werde eine finden.“
Das Wüstenkind blickte ihr eine Weile in die Augen und fühlte – wieder einmal – die unglaubliche Kraft dieser Frau. Langsam glättete sich ihre Stirn. Sie lächelte leicht. Immer wieder fiel sie in die alten Gewohnheiten zurück und zweifelte. Dabei sollte sie die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Herrin der Welt inzwischen gut genug kennen.
Sie ging zum Tisch zurück und ließ sich – ganz bewusst – das Essen schmecken. Hoffend, dass sich die restliche Unruhe in ihr damit legen würde. Als sie das verständnisvolle Lächeln der Herrscherin sah, verzog das Wüstenkind leicht das Gesicht. Diese Frau spürte aber auch alles.
Sie knurrte: „Ich gehe reiten. Ich brauche frische Luft.“
Die Herrin lachte auf. „Als ob es die hier nicht gäbe. Aber reite nur, Wüstenkind. In Mauern wirst du dich wohl immer eingesperrt fühlen.“ Sie lächelte, wissend wie die junge Frau gleich reagieren würde. „Heute Abend wirst du zu mir kommen.“
„Mh.“ Das Wüstenkind blickte nicht einmal auf, steckte sich das letzte Obst in den Mund und stand auf.
„Etwas mehr Begeisterung wäre durchaus nicht schlecht, wenn deine Herrin dich wählt. Auch wenn du dein Verlangen besser im Griff hast, weil du meist in der Wüste lebst.“
„Noch mehr Begeisterung?“ Der Sarkasmus war unüberhörbar, doch das Wüstenkind lächelte dabei. „Wozu hast du deine Spielzeuge? Langweilen sie dich etwa schon?“, fügte sie grinsend hinzu.
„Im Gegenteil“, konterte die Herrscherin. „Sie sind äußerst amüsant.“
Sie machte Anstalten weiterzusprechen, doch das Wüstenkind hob hastig in bittender Gebärde die Hände. „Erspar mir bitte die Einzelheiten“, stieß sie hervor und zog eine Grimasse, als die andere Frau lachte.
Während das Wüstenkind zu den Ställen ging, grinste sie vor sich hin. Sie hatte nicht das geringste Verlangen danach, mit irgendjemandem zu schlafen. Doch sie wusste nur zu gut, dass sich das in wenigen Tagen ändern würde. Wenn sie in der Wüste war, lebte sie überwiegend vom Sand, etwas das kein anderer Mensch konnte. Sand ersetzte ihr jegliche Nahrung, selbst das Wasser – und schmeckte ihr auch noch. Doch außerhalb der Wüste trank sie natürlich auch wieder Wasser. Und das Wasser dieser Welt enthielt unter anderem ein starkes Aphrodisiakum, was dazu führte, dass alle Menschen ein extrem starkes, sexuelles Verlangen verspürten.

Perry Rhodan hatte aufmerksam zugehört. Seine Tochter hatte offensichtlich keine besonders gute Meinung von ihrer Heimatwelt. Doch betrachtete sie Terra noch als ihre Heimat? Sie sprach von ‚ihrem Volk‘. Und so offen wie sie sprach, wusste diese Herrin, dass sie von einer anderen Welt kam – also eine Fremdweltlerin war. Er zuckte leicht zusammen, als Marian ihn und Atlan so lässig als ‘Spielzeuge‘ bezeichnete. Es schien sie nicht zu stören, dass Atlan und er hier als Sklaven behandelt wurden. Hatte er seine Tochter schon verloren? So wie vor langer Zeit seinen Sohn, der sich gegen ihn gestellt hatte und zu einem erbarmungslosen Feind geworden war?
Atlan zog Perry unauffällig zurück in den kleinen Raum, der ihnen als Schlafzimmer diente. Nur hier konnten sie, wenn sie leise sprachen, sicher sein, dass keiner zuhörte.
„Sie muss ihre Rolle spielen. Diese Herrscherin mag die Wahrheit über sie kennen, doch vermutlich sonst keiner. Marian kennt die Regeln dieser Welt mit Sicherheit weitaus besser als wir. Hör auf, dir ständig selbst Zweifel einzureden.“
Er kannte den Freund nur zu gut. Perry Rhodan hatte nie aufgehört, sich die Schuld zu geben, dass seine Tochter Terra verlassen hatte. Und jetzt kamen die Zweifel hinzu, ob sie sich nicht nur von Terra, sondern auch von ihm selbst losgesagt hatte und sich gegen ihn stellen würde.
„Sie scheint sich dieser Welt sehr gut angepasst zu haben.“
„Du kennst ihre Gründe nicht. Und du weißt nicht, inwieweit sie keine andere Wahl hat. Du vergisst, dass sie uns nicht kennen darf. Wenn diese Herrin erfährt, wer wir sind, sterben wir. Sie muss also alles vermeiden, was irgendeinen Verdacht wecken könnte. Sie wird es nicht wagen, uns ein Zeichen zu geben, wenn sie nicht sicher sein kann, dass es niemandem auffällt.“
Perry Rhodan nickte. Das stimmte natürlich.
„Deine Tochter ist eine kluge Frau. Sie hatte keine Ahnung von unserer Anwesenheit. Das war deutlich zu sehen. Lass ihr ein wenig Zeit. Sie wird sich erst überlegen müssen, wie sie uns helfen kann. Und wie sie unauffällig Kontakt mit uns aufnehmen kann. Außer den Mädchen spricht uns niemand hier an. Vielleicht darf sie gar nicht offen mit uns reden.“
Atlan hatte nicht Unrecht. Selbst wenn sie – was selten vorkam – aus diesen Räumen herauskamen, wurden sie von niemandem beachtet. Die Wachen sahen geflissentlich über sie hinweg. Sie waren die persönlichen Sklaven der Herrin, damit waren sie für alle anderen tabu.

Am nächsten Morgen säuberten die beiden Sklaven gerade den Hof, als die Mädchen kichernd mit einer dampfenden Schale den Wohnraum betraten.
„Das könnt ihr gleich wieder mitnehmen, das Wüstenkind ist nicht hier.“
Die Männer horchten auf.
„Oh.“ Die Mädchen blickten enttäuscht auf ihre Herrin.
„Sie ist mit Sonnenaufgang fortgeritten. Aber ihr braucht nicht so enttäuscht zu schauen. Sie wird in wenigen Tagen wiederkommen.“
Sogleich lächelten die Dienerinnen wieder. „Dann können wir ihr das Sepasch doch noch geben. Sie mag es doch so gerne.“
Es dauerte zehn Tage, bis das Wüstenkind wieder im Palast auftauchte. Nur wenige wussten, dass die junge Frau sich vorher mit der Herrin am Rand der Wüste getroffen hatte. Und niemand kannte den Inhalt ihres Gespräches.
„Du bist nicht so zufrieden, wie du gerne wärst.“
„Nein, die Form des Schiffes ist nicht bekannt. Aber dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass es kein terranisches Schiff war.“
Das Wüstenkind war froh darüber. Abgesehen davon, dass die Besatzung bei der Explosion getötet worden war, es wäre eine Enttäuschung gewesen, wenn ihr Vater bewusst eine verbotene Welt angeflogen hätte.
Sie berichtete weiter: „Die angeblichen Händler waren Fremdweltler. Und Vater und Atlan waren eindeutig ihre Gefangenen. Das heißt, sie sind nicht freiwillig hierhergekommen. Sie wurden dazu gezwungen.“
„Das macht es mir leichter, ihnen zu helfen. Du wirst von ihnen selbst alles andere erfahren können.“
„Du weißt, dass ich nicht mit ihnen reden kann. So gerne ich es möchte.“
Die Herrin lächelte. „Ich habe mir etwas ausgedacht.“ Sie blickte das Wüstenkind auffordernd an. „Du machst dir über noch etwas Sorgen.“
„Ich möchte wissen, woher die Fremden so viel über uns wissen. Oberflächliche Dinge können sie über Sonden erfahren. Und vielleicht konnten einige auch über Funk Berichte über uns weitergeben. Aber woher wussten sie von den Minen, und dass dort Gefangene arbeiten?“
Die Herrin überlegte. Die Fremdweltler waren eine nicht überschaubare Gefahr für ihre Welt, und ihre Fähigkeiten halfen ihr bei diesen seltsamen Menschen leider kaum. Sie konnte das Verhalten der Fremden längst nicht so gut einschätzen, wie das ihres Volkes. Hier war sie auf die Kenntnisse des Wüstenkindes angewiesen. Die Herrin war immer wieder dankbar dafür, dass die Geister genau dieses Wüstenkind ausgesucht und zu ihr geführt hatten. Sie lächelte innerlich bei diesem Gedanken. Das Wüstenkind hatte andere Vermutungen über die Gründe ihres Hierseins, wie sie wusste. Diese glaubte nicht daran, dass die Geister der Welt gezielt für die Entstehung eines Wüstenkindes mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten verantwortlich waren.
Die Herrin spürte, wie intensiv sich das Wüstenkind mit den Fremdweltlern beschäftigte. Obwohl sie keine direkten Gedanken lesen konnte, war die Verbindung zum Wüstenkind stark genug, um die Richtung ihrer Überlegungen zu erkennen. Die Herrscherin sah die junge Freundin verblüfft an: „Das glaube ich nicht. Niemand würde den Fremden absichtlich Informationen geben.“
„Nicht absichtlich. Doch sie können es durchaus geschafft haben, sich gut genug zu verstellen, um Informationen zu bekommen. Wenn sie diese über Funk weitergegeben haben ...“
Das Wüstenkind schauderte innerlich. Das würde bedeuten, dass diejenigen bewusst ihren Tod in Kauf genommen hatten. Doch anders gesehen, auch die gewissenlosen Prospektoren, die hin und wieder kamen, um hier nach Bodenschätzen zu suchen, kannten das Risiko. In jedem Sternenkatalog war verzeichnet, dass diese Welt zu den verbotenen gehörte und welches Risiko mit einer Landung verbunden war.
„Wie kann ich mit Vater reden?“
Die Herrin erklärte ihr ihre Idee und obwohl das Wüstenkind so einige Bedenken hatte, stimmte sie schließlich zu. Es war immerhin eine Möglichkeit, mit den Gefangenen Kontakt aufzunehmen.
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