Die Unterwelt

GeschichteAllgemein / P16
Erik - das Phantom der Oper
28.10.2016
28.10.2016
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Hallo zusammen!

Dies ist mein Beitrag zur diesjährigen Halloween Challenge.  Es hat wirklich Spaß gemacht, einmal einen Ausflug in düstere Gefilde zu unternehmen, und ich hoffe, dass es euch gefällt! Natürlich würde ich mich auch hier sehr freuen, wenn ihr mir Reviews da lasst.

Und nun: Happy Halloween!

Liebe Grüße! <3
Jojo




Erik war sich sicher, eine Kerze angezündet zu haben, als er am Abend dieses Zimmer betreten hatte. Doch jetzt war es dunkel im Raum und er dachte darüber nach, wann die Kerze wohl erloschen war. Er hatte es nicht bemerkt und es wäre ihm auch egal gewesen, obwohl er doch wusste, dass seine Frau sich vor der Dunkelheit fürchtete. Seine Frau, der Gedanke wiederholte sich in seinem Kopf, doch er ignorierte die Verwirrung und den Unglauben, mit denen er auf diese beiden Worte reagierte. Stattdessen drehte er abwesend, aber mit unruhigen Griffen an dem goldenen Ring herum, den er seit Anbruch der Dunkelheit am Ringfinger der rechten Hand trug. Nur daran, dass die Kerze herunter gebrannt war, konnte er vage die Zeit messen, die seit seiner Hochzeit vergangen war. Dieser Gedanke brachte ihn zwangsläufig zu diesen vergangenen Stunden, und sofort verspürte er den tiefsitzenden Widerwillen, sich mit den Erinnerungen zu befassen.
Es war lächerlich, er wusste, dass es lächerlich war. Man konnte Erinnerungen nicht einfach los werden und wenn jemand das wusste, dann er. Erinnerungen bissen sich fest, bis man keine andere Wahl hatte, als ihnen nachzugeben und sich zu erinnern. Und Erik sah es kommen, er sah die Bilder, die sein Gedächtnis ihm zeigen, nein, ihm aufzwingen wollte, und er tat alles, was in seiner Macht stand, um sie wieder schwarz werden zu lassen. Er wollte sie nicht sehen.
Der Boden, auf dem er saß, war kalt. Im ganzen Zimmer war es kalt. Er musste an Christine denken, die so leicht fror. Seine Gedanken schweiften jedoch rasch von der Kälte ab und blieben bei Christine hängen. Er lehnte den Kopf an die Wand, schloss die Augen und beschwor ihr Bild herauf. Oh, Christine – sie hatte so wunderschön ausgesehen. So wunderschön in diesem weißen Kleid, das er eigens für sie hatte schneidern lassen. Er lächelte, als er sie wieder vor sich sah, wie sie vor ihm stand und sein Lächeln erwiderte.
Doch etwas störte das Bild, und er sah, wie es verschwamm und ihr wunderschönes Lächeln gefror und schließlich mit der Erinnerung daran starb. Wie lange war es her gewesen, dass er sie so hatte lächeln sehen?
Erik schüttelte den Kopf, vertrieb den Gedanken und erlaubte ihm nicht, die verhängnisvolle Kettenreaktion auszulösen, die nur auf ihr Stichwort wartete.  
Er war verheiratet. Bei Gott, er war verheiratet. Er war nicht mehr allein, er hatte eine Frau, die von nun an bei ihm bleiben und ihn nicht verlassen würde. Eine Frau, um die er sich kümmern sollte.
Er wollte gerade aufstehen und nach ihr sehen, doch da fiel ihm ein, dass es spät war und dass sie schlief und er sie nicht wecken wollte. Also blieb er sitzen, wo er war. Christine sollte ruhig schlafen, sie hatte sich die Ruhe und den Frieden verdient, die ein traumloser Schlaf brachte. Und am Morgen würde er früh hinunter in die Küche gehen und ihr zum Frühstück alles zubereiten, was sie gerne mochte. Ihr sollte es an nichts mehr fehlen, jetzt, wo sie seine Frau war. Er würde dafür sorgen, dass sie alles hatte, was sie brauchte. Dafür, dass sie ihn aus seiner Einsamkeit befreit hatte, würde er ihr die Welt zu Füßen legen.
Er liebte sie. Er spürte es in jeder Faser seines Körpers, dieses warme, selige Glücksgefühl. All die Jahre hatte er allein gelebt, völlig abgeschotten und einsam, ohne einen einzigen Menschen, dem er auch nur irgendetwas bedeutete. Und dann war da Christine gewesen, ebenfalls allein nach dem Tod ihres Vaters, den sie so geliebt hatte. Ihre Stimme hatte es ihm gezeigt. Er hatte es gewusst von der ersten Sekunde an. Niemand sollte die Unterwelt allein herausfordern. Und Christine war es, die dazu bestimmt war, dabei an seiner Seite zu sein. Ihr gutes Herz und ihre Seele waren dafür geschaffen, ihn zu lieben, ihn zu erretten aus der Unterwelt, die er nur mit ihrer Hilfe hatte verlassen können. Und auch wenn sie immer noch so tief unter der Erde lebten, fühlte er sich plötzlich wie im Himmel, als ihm bewusst wurde, dass er jeden folgenden Tag mit Christine an seiner Seite verbringen würde.
Doch etwas in seiner Brust zog sich bei diesem Gedanken zusammen, und für ein paar Sekunden fehlte ihm die Luft zum Atmen. Es war eine Erinnerung, ein Bild, das er nicht fassen konnte, nicht fassen wollte, und plötzlich durchfuhr ihn die Sorge um seine junge Frau, so dass er beschloss, doch nach ihr zu sehen.
Er erhob sich und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, als er Mühe hatte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Schwindel ging so plötzlich, wie er gekommen war. Sein Blick fokussierte sich auf das Bett, das vor ihm im Zimmer stand. Das Glücksgefühl nahm seine Gedanken erneut gefangen und verdrängte den Schmerz, der Sekunden zuvor noch dort gewütet hatte. Er würde nicht mehr in seinem Sarg schlafen müssen. Er sah keinen Sinn mehr darin, jetzt, wo er eine lebendige Braut hatte, mit der er ein Bett teilen durfte. Keine einsamen Nächte mehr, kein Starren an die leblosen Wände dieses Hauses, kein Ertränken des Schmerzes in Musik.
Etwas anderes verlangte nach seiner Aufmerksamkeit, als er dem Bett auf leisen Sohlen näher kam. Er spürte das kalte Parkett unter seinen nackten Füßen, bis er auf etwas anderes trat. Etwas weiches, samtiges, das sich um seinen Fuß bauschte. Irritiert trat er zurück und starrte nach unten. Als er begriff, bückte er sich kopfschüttelnd, um das Hochzeitskleid aufzuheben. Ein solches Kleid sollte nicht auf dem Boden herumliegen wie ein wertloses Stück Stoff.
Dabei hatte er selbst dafür gesorgt, dass es dort zu liegen kam. Er sah seine Finger vor sich, die an den Schnüren des Kleides zerrten, bis es zu Boden glitt und dort achtlos liegen blieb. Einen Moment lang blieb er stehen und starrte das Kleid an, während er noch einmal den Kopf schüttelte, dieses Mal, um das Bild wieder in die Schwärze zu verbannen.
Er legte das Kleid sorgfältig über den Stuhl, der vor Christines Frisiertisch stand.  Er strich fahrig über den kostbaren Stoff und hob schließlich den Blick in den Spiegel. In seinem Kopf war kein Platz mehr für den Gedanken, dass er keine Maske trug, als er im Bild des Spiegels das Augenpaar sah, das ihm vom Bett her in der Dunkelheit entgegen leuchtete.
„Christine“, flüsterte er und drehte sich um. „Warum schläfst du nicht? Fehlt dir etwas?“
Christine antwortete nicht, sah ihn nur weiterhin unentwegt an. Er erinnerte sich daran, dass sie die Dunkelheit nicht mochte, und beeilte sich, die Kerze auf dem Nachttisch wieder anzuzünden. Als er nach den Streichhölzern griff und kurz darauf die Kerze wieder brannte, irritierte es ihn nur kurz, dass die Kerze gar nicht vollkommen herunter gebrannt war. Es war viel mehr so, als hätte sie jemand gelöscht...
„Was hat Christine? Soll ich das Licht löschen? Ist es leichter für sie, wenn sie Erik nicht sehen muss?“
Seine Stimme hallte in seinen Ohren wieder, doch ihm kam nicht in den Sinn, wann er diese Worte ausgesprochen hatte. Doch er dachte nur kurz darüber nach, bevor er sich wieder Christine zuwandte, die ihm die Hand entgegen streckte.
Lächelnd ging er neben dem Bett in die Hocke und nahm ihre kleine Hand in die seine. Er wollte gerade sagen, dass sie noch ein paar Stunden schlafen sollte, dass er auf sie Acht gab und sie sich nicht fürchten musste, da erschrak er, als er die Kälte ihrer Hand spürte.
„Gott, Christine“, murmelte er sofort besorgt und richtete sich wieder auf. Sein Herz flatterte in seiner Brust, aufgeregt vor Sorge. Er beugte sich über sie, um die Decke über ihren Körper zu ziehen. Er merkte dabei, wie sehr seine Hände zitterten. Auch ihre kleine Hand schob er unter die Decke und streichelte liebevoll ihren Arm, hinauf bis zu ihrem Schlüsselbein und schließlich sanft über ihre Wange. Kein Stoff hielt seine Finger auf, doch nur ein kleiner Teil seines Bewusstseins fragte sich, warum sie kein Nachthemd trug. Als er ihr in die Augen sah, wurde ihm seltsam schwummrig und er wandte den Blick wieder ab. Auch seine Hand zog er zurück, fast als hätte er sich verbrannt.
„Christine sollte jetzt schlafen“, sagte er zu ihr. „Es ist spät und sie braucht die Ruhe...“
Er hob die Hand und fuhr sich damit über das Gesicht. Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu klären, die plötzlich so unerträglich wirr waren. Als er wieder auf Christine herunter sah, waren ihre Augen immer noch geöffnet. Erik wich zurück und blieb schließlich am Fußende des Bettes stehen, wo er sich an einem Bettpfosten festhielt.
„Christine kann nicht schlafen, nicht wahr?“, fragte er in die Stille hinein. „Soll... Soll Erik ein Schlaflied singen?“
Wieder schloss er die Augen und wartete, bekam jedoch keine Antwort. Ihn verließ plötzlich die Kraft und er sank an dem Bettpfosten hinab zu Boden. Er zog die Knie an und stützte die Ellbogen darauf. Er vergrub seine Finger in seinem schwarzen Haar.
„Christine kann nicht schlafen“, wiederholte er für sich.
Er starrte das Brautkleid an, diese weiße Menge Stoff, die eigenartig unförmig aussah, wenn sie nur so über einem Stuhl lag wie jetzt. Er spürte Christines Hand wieder in der seinen, sah wieder hinunter auf ihre Füße – er achtete sorgfältig darauf, dass sie keinen falschen Schritt machte – , als würde er sie jetzt, in diesem Augenblick, noch einmal hier herunter führen. Er sah seine Hand, die die Haustür öffnete, und verspürte diese rastlose Unruhe, die ihn dazu getrieben hatte, direkt in dieses Zimmer zu gehen. Es war schon spät gewesen, und Christine hätte schon längst im Bett sein sollen...
Seine Finger krallten sich so fest in sein Haar, dass es schmerzte.
„Christine hat schlecht geträumt“, sagte er, lauter als zuvor. „Das ist es, deswegen ist sie noch wach, nicht wahr? Erik versteht das, er kennt sich aus mit Albträumen...“
Und er sah ihren Albtraum so deutlich vor sich.
„Sie muss sich nicht fürchten“, sagte er. Seine Lippen verzogen sich zu einem erzwungenen Lächeln, das schon bald auf ihnen gefror. „Träume sind nur Träume und wenn sie vorbei sind, ist Erik hier und passt auf Christine auf.“
Sie antwortete immer noch nicht. Doch Erik hatte ihre Stimme im Ohr. Ihre süße, klare Stimme, die flehte und schluchzte und...
Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.
„Es war nur ein Traum“, wisperte er, „ein schlimmer Traum.“
Er hörte, wie seine Stimme schwankte und brach, sie klang ungewöhnlich hoch in seinen Ohren. Nur ein Traum, ja, ein schlimmer Traum. Die Realität war besser geworden, viel besser als früher. Erik war nicht mehr allein, und Christine war es auch nicht mehr. Weder er noch sie hatten nun einen Grund, sich zu fürchten. Albträume würden kommen und wieder gehen, und wenn sie gingen, würden sie beide glücklich sein... Erik würde nie wieder allein sein.
„Allein“, murmelte er, ohne noch zu wissen, ob er es dachte oder laut aussprach. „Weiß Christine, was das Wort bedeutet?“
Allein. Ja, das ist das Schlüsselwort, das schrecklichste Wort der französischen Sprache. Mord kommt nicht an es heran und Hölle ist nur ein schwaches Synonym. Oh, Erik wusste das. Er hatte genügend Zeit gehabt, um über dieses Wort nachzudenken. Aber Christine wusste das nicht, und sie würde es nie wissen, denn Erik würde dafür sorgen, dass sie nie wieder allein sein würde. Er würde sich gut um sie kümmern.
Er ließ seine Gedanken schweifen, verlor die Kontrolle über sie. Er hörte, wie die Stufen der Treppe, die hier hinauf, ins obere Stockwerk, führte, knarzten, als er und Christine hierher kamen, und er spürte und wunderte sich über den Widerstand, der von ihr auszugehen schien.
„Erik, bitte lass mich... Erik!“
Er lächelte und erinnerte sich an den Abend, diesen wundervollen Abend. Er war so glücklich gewesen. Nein, nein, er war so glücklich. Und Christine war es auch. Christine, sein Engel, war wahrhaftig seine Frau geworden. Sie hatte ihr Versprechen gehalten, hatte den Jungen vergessen, und sie gehörte nun zu Erik.
Wieder sah er dieses Bild vor sich, die Schnüre ihres Kleids, und sein Blick blieb an ihren nackten Schultern hängen, als das Kleid zu Boden glitt. Er sah seine Finger, die ehrfürchtig über ihre weiße Haut streichelten, und er hörte...
Nichts, gar nichts, da war nichts gewesen, was er hätte hören können. Nur ihr leises Atmen. Kein Schluchzen, kein Wimmern, nein, sie hatte sich nicht gefürchtet. Nur ihr Atmen...
Es war unerträglich still im Raum.
Er schüttelte langsam den Kopf, kniff die Augen zusammen. Er bemerkte nicht mehr, dass er immer noch an seinen Haaren zog, nun schon so heftig, dass er schon einzelne Büschel zwischen den Fingern hatte.
Christine ging hinüber zum Bett, er drängte sie hinüber zum Bett, und dort legte sie sich hin und sah zu ihm auf. Er blickte in ihre warmen, braunen Augen, sah ihren Blick wieder so deutlich vor sich. So liebevoll, so voller... Angst.
Da war nur Angst gewesen.
Er wollte den Kopf nicht mehr heben, nicht mehr in ihre Richtung sehen. Das waren nicht Christines Augen, die dort vom Bett aus in den Raum starrten. Das war nicht Christine, die dort lag. Er hätte ihre Augen überall erkannt, und das waren sie nicht, das war sie nicht, das konnte sie nicht sein.
„Nein, nein, nein“, murmelte er, „das ist sie nicht.“
Er streifte seine Schuhe ab. Seine Hände waren fahrig, als er seinen Gürtel öffnete. So wie vorhin, als er sie zugedeckt hatte. Er hatte sich zu ihr gelegt und...
Es war so eine schöne Hochzeit gewesen. Mehr hatte er doch nicht gewollt. Nur eine Frau, die ihm Gesellschaft leisten, um die er sich kümmern konnte. All die Jahre hatte er auf so etwas verzichten müssen. Niemand konnte verlangen, dass er bis an sein Lebensende ohne Liebe lebte.
Mit einem Mal wurde ihm die Ironie des Augenblicks bewusst, und er lachte. Er lachte über seine eigene Dummheit. Wie naiv er gewesen war, glauben zu können, dass er ihm auch nur einen Hauch von Glück gewähren würde!
„Denn so ist er nicht“, sagte er. „Nicht wahr, Christine? So gütig ist er nicht! Zu Christine vielleicht und zu all den anderen, aber nicht zu Erik.“  Er kicherte immer noch. „Erik hat nie so etwas wie Güte gekannt. Er hat immer die Hölle auf Erden gelebt!“
Sein Lachen ging in ein ersticktes Keuchen über, als ihm die Wahrheit dieser Worte bewusst wurde.
Mehr war da nie gewesen. Vielleicht kurze Momente, Funken von Glück und Hoffnung. Aber es waren nur Einblicke gewesen in ein Leben, das er nie würde führen können, Möglichkeiten, die ihm sofort wieder genommen worden waren. Die Hölle auf Erden...
„Erik hat die Hölle gesehen“, murmelte er und schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. „Sie ist leer, Christine – Die Hölle ist leer und alle Teufel sind hier.
Und er wusste, dass sie es auch wusste. Auch sie hatte sie gesehen, die Teufel. Dieses Haus war voll von ihnen. Erinnerungen, die nie verschwinden würden, die sich nicht verdrängen ließen, ganz gleich, wie sehr sie es versuchten.  Erik sah sie vor sich, die frischsten und furchtbarsten. Er war nicht länger fähig, vor ihnen zu fliehen, und doch sträubte sich alles in ihm dagegen, sie vollständig in seinen Kopf zu lassen.
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Die Feuchte auf seinen Wangen verriet ihm, dass er weinte, ohne dass er sich dessen wirklich bewusst wurde. All die Möglichkeiten, die ihnen genommen worden waren! Er sah seine junge Frau vor sich, fröhlich zu ihm auf lächelnd.
Oh, er würde sie so oft zum Lächeln bringen. Er kannte so viele Geschichten und Kunststücke und er kannte Christine, ja, er kannte seine Frau. Sie würde es lieben, sie hatte es schon immer geliebt, wenn er ihr seine Fertigkeiten zeigte. Und sie würde singen... Nur für ihn. Nie wieder würde er auch nur einen Tag auf ihre Stimme verzichten müssen. Sie war jetzt an seiner Seite und er durfte sie weiter unterrichten... ganz wie früher. Es würden wundervolle Tage werden, die sie zusammen verbringen würden. Und die Nächte...
„Erik, bitte... Lass mich, bitte...“
Die Nächte würden so viel anders aussehen als die vorherigen.
Früher hatte Christine Angst vor ihm gehabt, das wusste er. Aber jetzt, was für einen Grund hatte sie noch dazu? Er war ihr Mann und er liebte sie, er war der Letzte, den sie fürchten musste. Er würde sich gut um sie kümmern.
Aber ihre Augen waren doch so voller Angst gewesen.
Er erinnerte sich an die Worte des Pfarrers, der sie getraut hatte. Nie in seinem Leben hatte er so ein wahrhaftiges Glück verspürt wie in diesem Moment, als sie tatsächlich und unwiderruflich aneinander gebunden worden waren. Aber Christine...
Er konnte sich nicht daran erinnern.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wie Christine in dieser Kirche ausgesehen hatte. Dabei wusste er, dass er sie angesehen hatte. Und er erinnerte sich an das weiße Kleid und den Schleier und ihre Hand, die er so vorsichtig in die seine genommen hatte. Aber ihr Gesicht, Gott, ihr Gesicht – es konnte nicht so ausgesehen haben, wie er es jetzt vor sich sah.
Sie hatte gelächelt. Natürlich hatte sie gelächelt. Es wäre albern, etwas anderes zu denken.
Früher war da Angst in ihrem Blick gewesen, wenn sie ihn angesehen hatte. Früher hätte sie nicht gelächelt. Doch heute, heute war alles anders. Es musste etwas anderes, eine andere Erinnerung sein, an die er da dachte und die sich mit der seiner Hochzeit vermischte. An ihrem Hochzeitstag war Christine glücklich gewesen.
Sie liebte Erik.
Erik lächelte wieder. „Christine liebt Erik“, wiederholte er laut, um zu hören, wie diese Worte klangen. Er hatte sie noch nie zuvor laut ausgesprochen gehört. Christine hatte sie nie gesagt.
Warum sollte sie das auch?
Erik hatte zu zittern begonnen. Er hob seine Hand, bis er den Bettpfosten zu fassen bekam, und dann stemmte er sich hoch. Seine Beine waren schwach, seine Knie weich, und der Raum drehte sich um ihn herum. Er schloss die Augen, doch sobald er das tat, kamen die Bilder zurück. Aber noch viel schlimmer als die Bilder waren die Geräusche, die sie begleiteten und bald seinen ganzen Kopf füllten.
Es war ein Wimmern, das an seine Ohren drang. Ein Schluchzen, das mühsam unterdrückt und doch nicht aufgehalten werden konnte. Dazu formte sich ein Bild, wie Puzzleteile, die sich langsam zusammen fügten. Ein Mädchen in dem weißen Kleid, das doch Christine gehörte, in dieser kleinen Kirche neben ihm. Ein Mädchen, das weinte, das um sein Leben fürchtete. Zurecht um sein Leben fürchtete.
„Es ist spät“, murmelte Erik. „Und nicht nur Christine... braucht Ruhe...“
Seine Stimme verklang, während er auf die andere Seite des Bettes wankte. Er war so unendlich erschöpft. Er spürte die Anstrengung in jeder Faser seines Körpers. Seine Gliedmaßen protestierten bei jeder Bewegung und er spürte das Alter und die Krankheit in seinen Knochen. Er ließ sich kraftlos auf die Matratze fallen, die unter seinem Gewicht ein wenig einsank, und dann blieb er sitzen und starrte an die gegenüberliegende Wand.
Es war dunkel, als sie zurück zur Oper gingen, doch lange nicht so dunkel wie auf ihrem Weg zurück unter die Erde. Und dann die Haustür, die er öffnete, die knarzenden Treppenstufen und das Kleid, das zu Boden fiel. Dann schließlich... ein erstickter Schrei, der das Wimmern unterbrach.
„Christine“, flüsterte er. „Es war nur ein Traum...“
Bei Albträumen schrie man, dessen war er sich nur zu gut bewusst, doch seine Frau hatte doch keinen Grund...
Sie hatte nicht schreien sollen. Er hatte nicht gewollt, dass sie sich fürchtete, dass sie Schmerzen hatte, dass sie litt... Er hatte sie nur beruhigen wollen.
Er drehte sich um, kniete sich auf das Bett und stützte sich direkt neben Christine ab, um sich über sie beugen zu können.
„Christine?“
Er streckte die Hand nach ihr aus, berührte ihr Haar, ihr weiches, braunes Haar, und schließlich ihre Wange. Wieder erschrak er und zog seine Hand zurück.
So kalt. Sie musste sehr frieren. Abwesend zupfte er ihre Decke zurecht, ohne den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden. Die Röte war aus ihren Wangen gewichen. Sie waren jetzt nur noch blass, wie Elfenbein. Dabei liebte er es doch so, wenn ihre Wangen sich färbten. Sie war seine lebendige Braut und ihr jetziger Anblick sorgte dafür, dass sein Herz für einen Moment vor Schreck aufhörte zu schlagen.
Erik wandte den Blick von ihr ab und setzte sich neben sie. Seine Hände rangen fahrig miteinander, während er geradeaus starrte in den Teil des Zimmers, den die Kerze nicht erleuchtete.
Christine störte es nicht mehr, dass er so neben ihr saß. Jetzt, da sie verheiratet waren, war es doch völlig normal, dass sie die Nächte miteinander verbrachten. Er hatte sich doch geschworen, nicht mehr von ihrer Seite zu weichen. Dieses Versprechen zu brechen war das Letzte, was er wollte, und das Einzige, wovor er sich nun wirklich noch fürchten musste. Christine ging es genauso.Aber doch war es seltsam, hier neben ihr zu sitzen, wo doch so viel zwischen ihnen passiert war, was dagegen sprach...
Aber Christine war eine brave Ehefrau, sie würde ihn immer an ihrer Seite wollen. Er durfte immer bei ihr sein und das würde er auch. Es gab nichts, was ihn davon abhalten könnte. Nicht einmal Christine, nicht einmal er selbst, wenn sie es denn wollen würden.
Er spürte ihre Haut unter seinen Fingerspitzen, ihre weiche Haut, die ein paar Stunden zuvor noch so wundervoll warm gewesen war. Das Glücksgefühl, das er hatte verspüren dürfen, als er in den Genuss ihrer Nähe gekommen war, tauchte jetzt wieder in ihm auf. Er schloss die Augen, nur zu bereit, in diesem Gefühl zu versinken wie er in dieser Nacht heute schon einmal darin versunken war... Er war ihr so nah gewesen, dass er ihren und seinen Herzschlag nicht mehr hatte auseinander halten können, und ihm war schwindelig geworden vor Glück. Er hatte sich dieses Gefühl verdient, es war nur gerecht, dass er nach all den Jahren, in denen er darauf hatte verzichten müssen, nun endlich davon kosten durfte. Und all die anderen hatten es so viel leichter gehabt als er.
Und plötzlich war da Wut, die er nicht fassen konnte, deren Ursprung er nicht begreifen konnte, und die so schnell wieder verschwand, als er in seiner Erinnerung das vor sich sah, das sie heraufbeschworen hatte. Dazu die Schreie und das Wimmern, die einfach nicht aufhören wollten. Nur wegen ihnen zerbrach das Bild, das er sich so mühsam errichtet hatte, und nur für einen Moment wurde ihm bewusst, wie es wirklich war.
Hatte er sie zuvor so einfach zum Verstummen bringen können, wollten sie ihn nun nicht mehr loslassen. Ja, es war so einfach gewesen...
Christine hatte nicht schreien sollen. Er hatte es nicht gewollt. Er hatte ihr nicht weh tun wollen, nie. Er hatte sie doch nur beruhigen wollen... Wäre sie still geblieben, wäre nichts geschehen. Und hätte er seine Hand ein wenig früher wieder weggenommen...
Eriks Atem hatte sich beschleunigt, jetzt keuchte er eher, als dass er atmete. Immer wieder fuhr ein stechender Schmerz durch seine Brust. Ein Schmerz, der seinen ganzen Kopf, jeden einzelnen Gedanken ausfüllte, bis er nur noch daran denken konnte, wie schnell Christine so unerträglich still geworden war.
Wieder strömten Tränen über seine Wangen, er zitterte am ganzen Leib und erneut gruben sich seine Finger in sein Haar, als könnte das Zerren daran ihn vor dem alles einnehmenden Schmerz retten. Aber er konnte nicht gerettet werden. Es war zu spät, um irgendetwas zu retten.
Erik stolperte aus dem Bett. Er ertrug die Nähe nicht, doch schlimmer als die Nähe waren die Augen, die so kalt ins Nichts blickten.
An der Wand blieb er stehen, stützte sich daran ab und wusste, dass seine Beine ihn nicht mehr lange halten würden. Als sie unter ihm nachgeben und er zusammen brach, stürzte sein gesamte Welt mit ihm ein. Der Schmerz war überall und die Schuld, Gott, die Schuld.
Er sah, wie Christine lächelte. Oh, wie sehr sie ihn einmal vergöttert hatte. Er hatte es gehört, immer, wenn sie für ihn gesungen hatte. In jedem einzelnen Ton hatte er die Liebe gespürt, die sie für ihn empfunden hatte. Vielleicht war es auch nur die Musik gewesen, der ihre Gefühle gegolten hatten, aber letztendlich war es dasselbe. Er war die Musik.
Und jetzt war das Letzte, was er je aus ihrem Mund hören würde, ein Schrei. Dieser eine Schrei, der  nicht aus seinem Kopf verschwinden wollte.
Es war die Hölle auf Erden.
Dabei war es nur der Tod.
Der Tod, sein alter Freund, sein erster Meister, aus dessen Bann er sich nie hatte befreien können. Ganz genauso wie Christine sich nie von seinem Zauber hatte losreißen können... Und auch jetzt konnte sie das nicht. Nie würde sie das können. Er würde es nicht erlauben. Ohne sie wäre sein Leben verwirkt und es war Unsinn, so etwas auch nur zu denken. Sie war seine Frau und nichts würde sie trennen können.
„Der Tod holt sie alle“, murmelte Erik und lächelte wieder.
Es war nichts dabei. Er kannte den Tod, besser als irgendein Mensch ihn kannte. Er wusste, was er zu tun hatte.
Er stand wieder auf und wankte auf das Bett zu, bis er sich am Fußende festhalten konnte. Er starrte auf Christine hinab, die reglos da lag. Sie wartete auf ihn.
„Es ist Zeit, aufzustehen“, sagte Erik laut und lachte aufrgund der Sinnlosigkeit, die seinen Worten zu Grunde lag. Es war ja nicht so, dass ihn irgendjemand hören konnte.
„Du kannst hier nicht bleiben. Erik weiß ein anderes Bett für dich. Eines, das dir besser stehen wird als dieses hier.“
Er kicherte, während er das sagte, und umquerte das Bett vollständig. Er schlug achtlos die Decke zurück, die er zuvor über Christines Körper gelegt hatte, und griff nach ihren Handgelenken. Er zog, bis es polterte und Christine zu seinen Füßen lag. Er löste seinen Griff für einen Moment, um sich über den Nachttisch zu beugen und die Kerze auszupusten, wie er es in dieser Nacht schon einmal getan hatte. Dann nahm er ihre Handgelenke wieder auf und ging rückwärts bis zur Tür, wo er mühsam die Tür öffnete.
„Der Tod holte sie alle“, wiederholte er an Christine gewandt. „Hörst du? Es wird bald so weit sein!“
Er zog sie ächzend über den Flur. Es steckte keine Kraft mehr in seinen Knochen und er sehnte sich nach dem traumlosen Schlaf, der ihm schon so lange verwehrt geblieben war.
Ich spüre, wie dieser Körper um mich herum zerfällt und stirbt“, sagte er und lachte dabei freudlos auf. Die nächsten Worte waren bitter und kalt. „Und ich sehne mich danach, ihn endlich zu verlassen. Ich habe ihn lange genug ertragen müssen.“
Verbissen zerrte er Christine zu der Tür, die zu seinem Zimmer führte. Als sie es dort hinein geschafft hatten, ließ er Christines Arme fallen. Er bückte sich und hob sie auf seine Arme. Sie war federleicht, wie immer schon. Er ging hinüber zu dem Sarg, in dem er all die Jahre geschlafen hatte.
Sie hatte sich so davor gefürchtet, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Da hatte sie noch nicht gewusst, dass sie die Ewigkeit darin verbringen würde.
„Christine wird nicht lange auf Erik warten müssen“, sagte er etwas sanfter, als er nun auf sie herunter sah.
Dann legte er sich zu ihr. Der Sarg war ihm bekannt. Er wurde ruhig, als er darin zu liegen kam. Sein Herzschlag beruhigte sich und auch seine Gedanken verstummten nach und nach, als hätten sie nur darauf gewartet, dass er sich zu seiner Frau legte.
Noch einmal hob er die Hand und fuhr über Christines Augen, um sie zu schließen. Er wollte diese Augen nicht mehr sehen. Und auch er schloss seine eigenen.
Der Morgen würde kommen. Es waren nur ein paar Stunden bis dahin, die er ruhig und selig schlafen würde, da war er sich sicher. Und wenn er erwachte, würde Christine ihn mit dem Frühstück erwarten, und dann würden sie endlich ihr neues Leben als Mann und Frau beginnen können.
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