Geliebte der Schatten

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
OC (Own Character)
27.10.2016
27.10.2016
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Hallo, willkommen zu meinem neuen Projekt. Dies ist bis jetzt das erste fertige Kapitel und ich hoffe dass ihr mir dazu eine Rückmeldung geben könnt, wie ihr es bis jetzt findet. Vorab ein paar Infos:
Das Ende von Erwählter der Ewigkeit ist nicht 11% so  eingetreten, dafür habe ich mit ein anderes ausgedacht
Die Kinder der Stammeskrieger existieren nicht, bis auf Raphael
Es sind ein paar eigene Charaktere dazugekommen, aber natürlich sind alle Ordenskrieger und ihre Gefährtinnen mit von der Partie ^^
Das ganze spielt 28 Jahre nach Chase und Tavias Band
Die Atlantide spielen keine Rolle und falls sie erwähnt werden, dann nur nebenbei

Nun wünsche ich euch aber ganz viel Spaß beim lesen :)

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Der Beat hämmerte in ihrem Kopf. Tanzende Laser drehten sich im Takt der Musik. Sie beleuchteten die zahlreichen Tische, die um die runden Podeste standen. An jedem davon saßen mindestens drei gut gekleidete Männer und hin und wieder auch eine Frau im teuren Abendkleid. Alle Augen waren auf die halbnackten Tänzerinnen gerichtet, die sich mit schlangenhafter Eleganz um die Polstangen wanden. Ihr wurde schon vom zusehen schwindelig.
Sie kannte solche Clubs aus erster Hand. Besser, als ihr lieb war. Jeder dunkle Winkel war ihr vertraut. Und deshalb wusste sie auch um die schmutzigen Geheimnisse die sich in den Schatten verbargen. Das war der Grund für ihr hier sein. Darum starrte sie dem Türsteher zum VIP-Bereich unverwandt in die Augen. Der Typ war fast zwei Köpfe größer als sie Trotzdem merkte sie, dass sie ihn nervös machte. Vielleicht ahnte er, dass sie ihn umbringen konnte, ohne dass jemand Notiz davon genommen hätte. Er war bloß einen Pappfigur in dem Vergnügen, das die höher gestellten Persönlichkeiten hier feierten. Seinen Boss würde es nicht kümmern. Der sorgte sich höchstens darum, wie er den Vorfall möglichst unauffällig unter den Teppich kehrten konnte und wie schnell er einen Ersatz engagieren konnte.
„Sie sagten ihr Name sie Fao?“, fragte er nun schon das zweite Mal nach. Als Antwort bekam er wieder das knappe Nicken, mit dem sie seine Frage schon vorher bejaht hatte. Der Gorilla wischte mit dem Finger über das Tablet auf dem die Gästeliste leuchtete.
Während er ihren Namen suchte, der, wie sie wusste, ganz unten auf der Liste stand, sah sie sich unauffällig um. Die diesige Luft war stickig und voller Qualm. Nebelmaschinen verschleierten die Tische zu ihrer Rechten. Die zuckenden Leiber der Tänzerinnen sah man jedoch deutlich. Die Lichtfarbe wechselte von einem dunklen Rot zu einem hellen Gelb. Auf der Bühne die ihr am nächsten war, wirbelte gerade eine zierliche Blondine herum. Am Rand ihres Podestes ging sie in die Hocke und präsentierte den sechs Männern am Tisch ihren weiten Ausschnitt. Ein paar Scheine wurden hineingesteckt, dann ging die Show weiter. Niemand achtete auf sie. Zufrieden richtete sie den Blick wieder auf den Fleischberg. Der war immer noch damit beschäftigt die Liste abzusuchen. Ungeduldig biss sie die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Heute waren nur vierundzwanzig Menschen dort oben. Was war so schwer ihren Namen zu finden? Zugegeben es war nicht ihr echter Name, aber trotzdem. Und wenn nun etwas schief gelaufen war? Unauffällig tastete sie ihre Jacke ab. Alles war dort wo es hingehörte. Allerdings verstand sie die Skepsis des Mannes irgendwo. Wirklich reinpassen tat sie in diesen Schuppen nicht. Keine teure Kleidung. Keine Diamanten in den Ohren bei denen man Angst hatte sie könnten einem mit ihrem Gewicht das Gesicht abziehen. Keine auffallenden Accessoires. Der Finger des Türstehers verharrte.
„Gut. Sie können rein. Einen angenehmen Abend.“
„Danke“, sagte sie ungeduldig und stapfte ohne ihm weitere Beachtung zu schenken die Treppe hinauf. Oben erwartete sie ein Ober mit einem Tablett mit Sektflöten. Das aufgesetzte Grinsen verursachte ihr beinahe selbst einen Krampf in den Lachmuskeln.
„Darf ich ihnen ein Getränk anbieten, Miss?“
Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich komme auf ihr Angebot gerne zurück. Doch vorher möchte ich mich noch ein wenig frisch machen. Wo ist hier die nächste Toilette, bitte?“ Sie kam sich vor wie eine Hochstaplerin. War sie eigentlich auch, aber diese übertriebene, schrille Freundlichkeit aus ihrem eigenen Mund zu hören war, wie Gift und Galle zu spucken.
Der Angestellte lächelte unbeirrt weiter, als er in den Gang hinter ihr deutete. „Dort entlang. Um die rechte Ecke. Die zweite Tür auf der linken Seite.“
„Vielen Dank“, flötete sie mit einem schelmischen Lächeln. Dies verschwand allerdings, sobald sie dem Kerl den Rücken zukehrte. Während sie den Gang entlang Schritt, musste die sich zusammenreißen nicht loszurennen. Dieser Gorilla am Eingang hatte sie schon viel Zeit gekostet. Auf halbem Weg kam ihr eine Gruppe von drei Anzugträgern entgegen. Mit versteinerter Miene wich sie ihnen aus. Aber sie spürte die Blicke die sie ihr zuwarfen. Unauffällig beschleunigte sie ihre Schritte. Kaum war sie um die Ecke rannte sie die letzten Meter zu der Tür von der der Kellner gesprochen hatte. Beinahe fiel sie in den Raum. Vier Kabinentüren aus Milchglas verdeckten die Wand zu ihrer Linken. Drei goldene Waschbecken vor bunt beleuchteten Spiegeln standen zu ihrer Rechten. Ohne weiter Zeit zu verlieren, riss sie den Verschluss ihrer Jacke auf. Aus der Innentasche zog sie einen Funkempfänger und ein Headset. Den kleinen Kasten befestigte sie an ihrem Gürtel, den Knopf schob sie sich ins Ohr. Dann schaltete sie das Gerät ein. „Jason?“
„Na endlich“, knurrte eine Stimme klar und deutlich. „Wo bist du? Warum hat das so lange gedauert?“
„In der Damentoilette im ersten Stock. Sie sah sich um. Noch immer war niemand hier. „Wenn du dich das nächste Mal in ein System hackst, um meinen Namen auf eine Gästeliste zu setzen, sorge dafür, dass ich nicht ganz unten stehe. Dann finden diese Bullterrier auf Steroiden ihn auch eher. Wie lange habe ich noch?“
„Maximal fünfunddreißig Minuten.“
Das laute ,Scheiße' gerade noch unterdrückend, schloss sie sich in der hintersten Kabine ein. „Wo muss ich hin?“ Aus einer Innentasche zog sie einen kleinen Dolch. Ein Vorteil wenn man nicht durch den Haupteingang, sondern durch den Notausgang im Erdgeschoss in ein Haus einbrach war, dass es keine Durchsuchungen gab. Trotzdem hätte sie lieber eine richtige Waffe bei sich gehabt, als diese Nagelfeile.
„Okay“, meldete sich Jason wieder zu Wort, „unser Ziel liegt am Ende des Ganges der Parallel zu deinem verläuft. Du musst raus und dann nach links. Wenn die Pläne hier richtig sind müsstest du dann eine Abzweigung sehen. Geh nach rechts und du kommst in den entsprechenden Flur.“
„Gut.“ Sie erstarrte, als sie die Tür zu den Waschräumen gehen hörte. Schritte kamen herein. Stimmen gedämpft durch das dicke Milchglas, schwebten zu ihr herein. Das waren keine Frauen stellte sie fest. Ihr fielen wieder die drei Anzugträger ein, die ihr auf dem Flur entgegen gekommen waren. Warum waren die hier? Weil sie glauben, dass ihnen die gesamte, verdammte Welt gehört, beantwortete sie sich die Frage selbst. Seufzend lockerte sie die Schultern und wappnete sich für das Kommende.
Mit einem Klicken entriegelte sie die Kabinentür. Sie hatte recht gehabt. Einer der Männer blockierte die Tür, die anderen Beiden lehnten grinsend neben den Waschbecken. „Ich habe sie noch nie hier gesehen, Miss“, sagte der am Eingang, „sind sie zum ersten Mal hier? Ganz allein?“
„Was ist da los?“, fragte Jason alarmiert, der die Stimmen natürlich ebenfalls gehört hatte. Auch wenn er kein Japanisch sprach schien er zu ahnen, dass es Schwierigkeiten gab. Das sah sie allerdings anders. Mit Seelenruhe zog sie ihre Handschuhe aus der Jackentasche und schlüpfte hinein.
„Warte kurz“, wies sie Jason knapp an. Verwirrt sahen die Männer sich um, ob sie jemanden übersehen hatten. Als der Linke sich wieder umdrehte, stand sie bereits vor ihm. Grob packte sie seinen Kopf und donnerte ihn gegen den Spiegel. Benommen ging er taumelnd in die Knie und fasste sich an die Stirn. Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch und im Spiegelglas spiegelte sich in tausend Splittern ihr Gesicht. Und sie sah auch den Kerl der sich von hinten nährte. Blitzschnell drehte sie sich um, stützte sich rechts und links auf die Waschbecken und trat mit ihren Füßen dem zweiten Mann vor die Brust. Mit lautem Rums knallte er gegen eine Kabinentür, die nach innen aufschlug, wodurch der Typ unsanft gegen das Klo schlug. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihr, dass der dritte Kerl sich gerade erst in Bewegung gesetzt hatte, um seinen Freunden zu helfen. Von hinten schlang sich ein Arm um ihren Hals. Mit einem Würgen warf sie sich mit ganzem Gewicht nach hinten. Der Angreifer fluchte, ließ aber nicht locker. Der Typ in der Kabine rührte sich nicht, während der letzte sinnlos herumschrie. Aus ihrem Gürtel zog sie den kleinen Dolch und stach wahllos nach hinten. Sie erwischte den Kerl nicht, der zornig seinen Griff verstärkte. Sein Unterarm drückte auf ihren Kehlkopf und schnürte ihr die Luft ab. Da der erste Versuch nicht geklappt hatte, musste sie ihre Taktik ändern. Sie hob die Hand und schleuderte ihre Klinge auf den bislang noch unverletzten. Diesmal hatte sie gut gezielt. Der Dolch traf ihn genau in den Hals. Gurgelnd ging er zu Boden. Blut sprudelte aus seinem Mund. Die um den Griff des Dolches geklammerten Hände und das von Entsetzen verzerrte Gesicht verschwammen ihr vor den Augen. Sie schnappte nach Atmen, aber der Bastard wollte einfach nicht loslassen. Ihre Hände begannen zu Kribbeln, als ihre Gabe schlagartig erwachte. Die Fähigkeit, die den Tod brachte und gleichzeitig Leben spendete. Mit all ihrer verbleibenden Kraft packte sie die bloßliegende Hand.
Ein heller Blitz schoss durch ihren Geist. Das Donnern eines Herzschlages hämmerte mit ihrem eigenen um die Wette. Pure Energie durchflutete ihren Körper, floss von ihrem Scheitel bis in ihre Zehen. Der Mann hinter ihr begann zu Kreischen. Der Schrei riss schlagartig ab, genau wie der Energiestrom. Der Arm fiel schlaff von ihrer Kehle und von hinten presste sich ein schweres Gewicht gegen sie.
Hustend und nach Atem ringend glitt sie zur Seite. Der tote Körper schlug mit einem widerlichen Knirschen auf den Marmorboden. Mit einem Räuspern richtete sie sich zu voller Größe auf und strich sich die Kleider glatt. „Bist du in Ordnung? Verdammt rede mit mir!“, ertönte Jasons Stimme laut und deutlich in ihrem Ohr.
Nein. Eigentlich ging es ihr ziemlich beschissen. Wie immer wenn sie dieses Teufelsgeschenk anwendete, das sie schon seit ihrer Geburt besaß, fühlte sie sich hundeelend. Aber sie schüttelte die Übelkeit und die Magenkrämpfe ab und antwortete, wie man es von ihr erwartete. „Ich bin am Leben. Kann weiter gehen.“ Ihre Stimme klang noch heiser vom Würgegriff. Ein Stöhnen in der Ecke ließ sie herumfahren. Der Typ dessen Schädel Bekanntschaft mit dem Porzellan der Damentoilette gemacht hatte, kam gerade wieder zu sich. Ohne zu zögern stapfte sie zu ihm hinüber.
„Klärst du mich mal auf? Was ist da passiert?“, fragte Jason mit unverkennbarer Anspannung in der Stimme.
Sie konnte ihn beinahe vor sich sehen. Die dichten rotbraunen Locken wie immer ins Gesicht gekämmt. Das Dunkelbraun seiner Augen vermischt mit einem bernsteinfarbenen Glühen. Und dem Zischen in seiner Stimme nach, waren seine Fangzähne ein gutes Stück ausgefahren. Wenn sie ihm keine Antwort geben würde, die ihn zufrieden stellte, würde er alles stehen und liegen lassen und hier her kommen, ohne über die Folgen für ihre Mission nachzudenken. „Problem erkannt“, sagte sie, während sie den noch halb bewusstlosen Mann mit dem Stiefel auf den Bauch drehte und dann am Kragen hoch zerrte, sodass er mit dem Oberkörper über dem Schüsselrand hing, „Problem gebannt.“
Das erstaunte Blubbern, als sie den Kopf des Mannes in das Becken drückte, war Balsam für ihre Seele. Wie hypnotisiert starrte sie auf die zuckenden Glieder die wild durch die Luft fuhren und auf dem Boden nach Halt suchen, versuchten sich dem Druck ihrer Hände entgegenzustemmen. Wie die Schweißhausfliege, die er war, kämpfte er um sein erbärmliches Leben. Das Gurgeln und Brodeln seines nach Luft schnappenden Mundes wurde schon nach wenigen Augenblicken schwächer. Er hatte keine Chance. Mit ihrem ganzen Gewicht lehnte sie sich auf ihn. Schließlich sackten die Arme herab, die Beine krampften noch ein paar Mal, der Brustkorb hob und senkte sich noch einmal, pumpte aber nur schmerzendes, ätzenden Wasser in die kollabierenden Lungen. Mit einem letzten Plätschern verließ den Mann sein Leben. Still wurde es in dem Toilettentraum. Jene Stille, die nur der Tod hinterlassen konnte. Begleitet wurde es vom leisen Summen und Knistern der Neonröhren über den Waschbecken. Und dann gesellte sich noch das stetige tropfen dazu, als das Blut des Mannes, in dessen Kehle immer noch ihr Messer steckte, in den Überfluss auf dem Boden lief. Schwer atmend wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.
„Ist wirklich alles okay?“, brachte Jason sie wieder in die Realität zurück. Zurück zu ihrem Zeitdruck und ihrer Aufgabe.
„Wie viel Zeit?“
„Zwanzig Minuten.“
Zähneknirschend stieg sie über die Leichen und ging Richtung Ausgang. Dabei musste sie darauf achten nicht in die sich immer noch ausbreitenden Blutlache zu treten. Gerade als sie die Hand nach der Klinke ausstreckte klopfte jemand von der anderen Seite dagegen.
„Miss? Sind Sie noch da drin? Alles in Ordnung?“
Sie zuckte von der Tür zurück, als wäre sie glühend heiß. Natürlich hatte der Lärm den Ober um die Ecke aufgeschreckt. Schwer atmend lehnte sie sich an die Wand neben der Tür. „Jas?“, flüsterte sie in ihr Headset, „wenn ich hier heil rauskomme, brauch ich einen Drink. Einen verdammt großen.“ Sie hörte das Zittern der Wut in ihrer Stimme.
„Hey Kleine“, sagte Jason, der Tonfall seiner Stimme nun nicht mehr vor Aggression schwelend, sondern sanft und beruhigend, „es ist alles bereit, wenn du nach Hause kommst. Mach nur keine Dummheiten. Wir halten dir so gut es geht den Rücken frei.“
„Das weiß ich zu schätzen“, knurrte sie leise und presste sich enger an die Wand, als der Mann draußen die Tür öffnete. Sie verbarg sie vor seinem Blick. Trotzdem hörte sie das Keuchen, als er die Leichen auf dem Boden und zwischen den Waschbecken liegen sah. Wie es die Angewohnheit der Menschen war, ihre natürlichen Instinkte, die ihnen rieten die Flucht zu ergreifen, zu ignorieren, machte der Fracktragende Ober einen Schritt in die provisorische Leichenhalle. Seine Augen auf nichts anderes gerichtet, als die Toten. Den dritten Mann, der immer noch kopfüber in der Kloschüssel hing, sah er erst, als er schon fast bei der Leiche des ausblutenden Kerls stand. Zu weit entfernt vom rettenden Ausgang. Auch die lautlose Bewegung hinter sich konnte er nicht wahrnehmen. Als er die Arme im Nacken spürte und aufkeuchte war es bereits zu spät. Mit einem hohlen, dumpfen Knacken brach sein Genick. Und er landete im roten Nass zu seinen Füßen.
Sie blieb aufrecht stehen und besah sich das Schlachtfeld. Es hatte schon schlimmer an Orten ausgesehen, wenn sie und Jason dort gewesen waren. Allerdings war eine Toilette in einem öffentlichen Club mit Sicherheit der ungünstige von allen. Es brauchte nur jemanden seinen primitiven Bedürfnissen nachgehen zu wollen und schon wäre hier die Kacke am dampfen. Eine Idee musste her. Sie hatten zu viel riskiert um so weit zukommen. Zu viel Mühe und Schweiß, zu viel ihrer Seele steckte in dieser Unternehmung. Schimpfend verließ sie die Toilette. Draußen auf dem Flur herrschte gähnende Leere. Nur die Musik wummerte noch immer durch die dicken Wände und Glasscheiben. Suchend sah sie sich nach einem Ausweg um. Ihr Blick blieb an einer unauffälligen Tür schräg gegenüber hängen. ,Nur für Personal', stand auf einem Schild. Verbote hatten sie allerdings noch nie interessiert.
Prüfend drückte sie die Klinke. Nicht abgeschlossen. Scheinbar waren heute doch nicht alle Mächte gegen sie. Neben der Tür fand sie einen Lichtschalter. Eine winzige Wandlampe ging an. Auf einem Regal gegenüber fand sie was sie sich erhofft hatte. Ein Schild mit der Aufschrift: Defekt.
Nachdem sie die Klotür damit behängt hatte, folgte sie endlich dem Weg, den Jason ihr vor dem ganzen Schlamassel beschrieben hatte. Vor dem Büro an dem ein goldenes Privat-Schild hing, blieb sie stehen.
„15 Minuten“, beantwortete Jason ihre unausgesprochene Frage. Ohne weiter Zeit zu verschwenden versuchte sie die Tür zu öffnen. Diesmal war sie abgeschlossen. Es kostete sie alle Beherrschung sie nicht einzutreten und damit aller Wahrscheinlichkeit nach die Aufmerksamkeit sämtlicher Besucher auf sich zu ziehen. Dreimal atmete sie tief ein und aus. Dann griff sie wieder in die Jackentasche. Ihre Dietriche klirrten leise, als sie das Ledermäppchen auseinander faltete. Vor der Tür kniend stocherte sie im Schloss herum, auf das leiseste Geräusch in ihrem Rücken achtend. Nach schier endlosen Minuten ertönte das erlösende Klicken und dann schnappte das Schloss auf. Triumphierend ballte sie die Faust. Lautlos schlüpfte sie in das Büro von Long Wang. Dem Besitzer des Clubs. Allerdings war dieser Mann noch viel mehr als nur ein einfacher Striplokalbesitzer im Rotlichtviertel Tokios. Er leitete außerdem noch den Im- und Export „menschlicher Waren“ in fast ganz Ostasien.
Acht Jahre hatte es gedauert sich die Rangleiter der weltweit operierenden Menschenhandelsorganisation hinaufzuarbeiten. Sie waren überall gewesen. Angefangen hatte es in Kalifornien, wo sie auch Jason kennengelernt und in ihm einen Verbündeten gefunden hatte. Dann war es durch Brasilien, Argentinien und die peruanischen Anden gegangen, bis sie den Kontinent wechselten. Von Südafrika über Angola, Kenia und Tunesien waren sie nach Europa gelangt. Und schließlich, nach besuchen in Spanien, Deutschland, Polen und Russland waren sie in ihrem Geburtsland angekommen. Japan. Trotzdem wusste sie, dass sie noch nicht am Ende der Leiter angekommen waren. Wang mochte in diesem Land der Boss sein, aber er war nicht der Chef der Organisation. Womöglich war er jedoch das Zünglein an der Waage, das ihnen endlich die Mittel gab diesen furchtbaren Parasit von der Erdoberfläche zu tilgen. Das würde nicht nur ihr Frieden bringen, sondern auch den zahllosen Frauen, Mädchen und Kindern, die verkauft oder entführt wurden, um gebrochen und dann verscherbelt zu werden.
Sie war selbst eines dieser Opfer gewesen und sie verdanke es einem zufällig fehlgeschlagenen Deal, dass sie gerettet werden konnte. Die Männer, die in den verlassenen Tunneln der Kanalisation über sie gestolpert waren, waren eingentlich auf der suche nach einem Rogue gewesen. Damals hatte sie nicht gewusst was das war, aber von den blutrünstigen „Laborexperimenten“, die vor über zwanzig Jahren ein Massaker unter den Menschen angerichtet hatten, hatte sie etwas gehört. Auch wenn sie damals gerade mal ein Jahr alt gewesen war, hatten ihre Besitzer häufig über das Ereignis gesprochen und über die Erklärungen, die ihnen die Regierung zu dem Vorfall gegeben hatte. Offiziell handelte es sich um, mit einem von Terroristen hergestellten Virus infizierte, Menschen. Eine Terrorzelle hatte diese dann auf die Menschheit losgelassen. Durch ein Spezialteam, war die Bedrohung jedoch eingedämmt und letztendlich ganz vernichtet worden. Viele Menschen hatten diese Lüge geschluckt, selbst die Mächtigsten unter ihnen. Das war einfacher, als zuzugeben dass es höhere Mächte auf dieser Welt gab. Auch die Leute, bei denen sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, hatten unterschiedliche Meinungen über den Vorfall. Einige glaubten ihrer Regierung, die anderen hatten die abstraktesten Verschwörungstheorien. Sie selbst hatte sich nie darum geschert, ob es nun wahr war oder nicht. Sie war mit anderen Dingen, wie zum Beispiel überleben beschäftigt gewesen. Niemals hatte sie geglaubt, dass sie selbst ein Teil dieser versteckten Welt war. Auch wenn es eine Sache gab, die sie von den Anderen unterschied. Mit sechzehn hatte sie einen Menschen nur durch eine Berührung die Lebenskraft geraubt und ihn so getötet. Ihre Besitzer hatten es als einen Unfall eingestuft und auch ein hinzugezogener Arzt stellte einen natürlichen Tod durch Herzversagen fest. Aber sie wusste was sie getan hatte. Damals war ihr das alles ein Rätsel gewesen und sie hatte diese Gabe nie wieder eingesetzt, aus Angst sie würde in ein Labor gesteckt werden, wo man ihr noch schlimmere Dinge antun würde.
Alles hatte sich zusammengefügt, als sich ihre Retter das kleine rote Mal auf ihrer Handfläche gesehen hatten, dass sie seit ihrer Geburt trug. Die Träne, die in die Wiege einer Mondsichel fiel. Es machte sie zu einer Stammesgefährtin. Eine der wenigen Frauen, deren genetischer Code mit dem des Stammes kompatibel war. Der Stamm war einfach gesagt ein Volk von blutsaugenden Vampiren, die seit Jahrhunderten unerkannt unter den Menschen lebten. Die meisten von ihnen lebten friedlich mit ihnen zusammen, aber einige waren der Blutgier verfallen, sodass sie sich in sogenannte Rogues verwandelt hatten. Es waren jene Kreaturen gewesen, die so viele Menschen umgebracht hatten. Wie sie später erfahren hatte, war für ihre Freilassung ein wahnsinniger Vampir namens Dragos verantwortlich, der einen Weltweiten Krieg zwischen Menschen und Vampiren anzetteln wollte, der die Menschheit vernichtete. Nun, dass hatte offenbar nicht ganz funktioniert. Was sie noch über den Stamm wusste war, dass alle Nachkommen ihrer Urväter männlich waren. Die einzigen Frauen, die einen neuen Stammesvampir austragen konnten waren die Stammesgefährtinnen. Ging ein Stammesvampir eine Verbindung mit einer dieser Frauen ein, in dem er ihr Blut trank und sie von ihm, verband sie das auf unauflösliche Weise miteinander. Sie spürten, wie der andere Empfand und die Gefährtin war ein Quell an Nahrung, Liebe und Wärme. Und sie konnte eine neue Generation des Stammes auf die Welt bringen. Zusätzlich stoppte eine solche Verbindung den Alterungsprozess. Und einige Frauen hatten ganz besondere Fähigkeiten. So wie sie. Das alles hatten ihr ihre Retter, allesamt Stammesvampire erklärt und einiges hatte sie auch später von Jason erfahren.
Vor ihren Befreiern war sie davon gelaufen und zusammen mit Jason und einer anderen Stammesgefährtin, die sie retten konnten, hatten sie zahlreiche Frauen aus den Klauen der Monster befreit, die menschliche Gesichter trugen. Sie waren schlimmer als jeder Rogue es sein konnte. Allerdings fehlte ihnen noch immer der Kopf der ganzen Schweinerei. Deshalb stand sie gerade in dem modern eingerichteten Büro. Long Wang hatte das Licht ausgeschaltet. Aber von draußen drang das Licht der Werbetafeln herein. Und das reichte aus, um ihre Umgebung sehr gut sehen zu können.
Das Zentrum des Raumes nahm ein wuchtiger, aus dunklem Holz gezimmerter Schreibtisch mit einem ledernen Drehstuhl, ein. Rechts von ihr bedeckte deckenhohes Bücherregal die gesamte Wand. Links standen mehrere metallene Aktenschränke. Alles auf das sie achtete war jedoch der Computer auf dem Schreibtisch.
„Zehn Minuten“, kam Jasons Update.
„Ich stell gleich die Verbindung zum Computer her, mach dich bereit“, gab sie ihm Bescheid. Auf dem Monitor hüpfte gerade eine rosane Hello Kitty als Bildschirmschoner auf und ab. Sie verschwand allerdings, als sie einmal die Maus bewegte. Es war überraschenderweise kein Passwort von Nöten. Aus einer weiteren Tasche ihrer Jacke zog sie einen kleinen Stick. Sie schob ihn in den Rechner unter dem Tisch. Als sich das Fenster auf dem Bildschirm öffnete, brauchte es nur noch ein paar Klicks, um eine Verbindung zu Jasons Computer, der in einem dunklen Kastenwagen einen Block von hier parkte stand, herzustellen. Sie überließ es ihm die Dateien durchzusuchen und auf seine Festplatte zu kopieren. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die Aktenschränke.
Unter ihren Fingern flogen die einzelnen Akten mit den Namen verschiedener Kunden dahin. Keiner davon kam ihr aus früheren Unternehmungen bekannt vor. Mit einem Rums schloss sie die Schublade, die sie gerade durchsah. Wang würde nicht so leichtsinnig sein Akten über seine Verbindungen in den Untergrund in für alle zugänglichen Aktenschränken unterzubringen. So clever war er nicht. Sie sah sich suchend um. Es gab nur ein Bild an der Wand. Ein Kirschbaum in voller Blüte. Nur hing es an einer Außenwand. Keine Versteckmöglichkeit für einen Safe. Auch das Bücherregal stand an der Wand zu einer Hauptstraße. Grübeln kehrte sie zurück zum Schreibtisch. Die Stützen waren zwei Schränke. Einer mit drei Schubladen und der andere mit nur einer großen Tür. Auf Gut Glück öffnete sie das Schränkchen.
Der schwarze Safe glänzte im Licht der Neonlichter, die durch die Fenster schienen. ,Ein hoch auf die Stadt, die niemals schläft', dachte sie und untersuchte den metallenen Kasten. Vorne war über einem USB Anschluss ein Touchfeld mit den sanft leuchtenden Zahlen von Eins bis Neun. Fluchend stand sie auf. „Jason, ich brauch bei diesem Baby hier deine Hilfe.“ Sie zog den Stick auf dem Computer und steckte ihn in den Anschluss des Safes. Während er sich daran machte den Code zu knacken, setzte sie sich an den Rechner und durchsuchte die Dateien auf eigene Faust. Dabei behielt sie die Uhr unten auf dem Bildschirm im Blick. Um halb Drei war die Besprechung von Long Wang in den Räumlichkeiten im Keller vorbei und er würde aller Wahrscheinlichkeit nach wieder hier herkommen. Allerdings wollte sie nicht hier bleiben und es herausfinden. Die Digitalanzeige stand auf fünf vor Halb. Unter dem Tisch piepte und klickte es.
„Hab's geschafft“, verkündete Jason zufrieden.
Sie wechselten wieder die Plätze. Sobald sie die Tür des Safes aufgezogen hatte, wurde ihr klar, dass sie hier die Büchse der Pandora gefunden hatte. Mehrere Aktenordner und ein USB Stick waren der Lohn für all den Ärger. Den Stick schob sie sich in die Tasche. Allerdings hatte sie keine Zeit mehr sich die Ordner anzusehen. „Bist du fertig Jas?“, fragte sie.
„Nichts wie raus hier.“
Sie schnappte sie ihre Ausbeute und verließ das Büro. „Wohin jetzt?“
„Direkt links von dir ist der Notausgang auf die Feuertreppe. Ich warte mit dem Wagen hinter dem Club.“
Sie nahm die Beine in die Hand und rannte auf das grün leuchtende Ausgangsschild über der schweren Metalltür zu. Keine Sekunde zu früh warf sie sich nach draußen in den Lärm und Gestank der Großstadt, denn hinter ihr auf dem Gang ertönten Schritte und laute Männerstimmen. Ohne noch einmal zurückzusehnen sprang sie Stufe um Stufe nach unten. Der harte Asphalt unter ihren Stiefeln zu spüren kam einem Befreiungsschlag gleich. Hinter ihr quietschte Gummi auf Teer, als Jason wie versprochen den Wagen anhielt. Sie rannte darauf zu, riss die Beifahrertür auf und hechtete auf den Sitz. Kaum saß sie, gab er Gas und fädelte sich in den dichten Verkehr auf der Straße ein.
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