Verbrannte Erde

OneshotSuspense, Tragödie / P18
Negan OC (Own Character) Rick Grimes
27.10.2016
27.10.2016
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Verbrannte Erde


„I will burn your kingdom down, if you try to conquer me and mine.“
- aus 'Me and Mine', Brothers Bright

Ich werde dich töten.
Das war keine Drohung, auch kein leerer Satz, dessen Erfüllung ewig auf sich warten lassen sollte.
Ich werde dich töten...
Das war ein Versprechen. Und Rick hielt seine Versprechen. Besonders dieses hier wollte und musste er einhalten, denn er war es den Toten schuldig. Er war es Abraham schuldig und er war es Glenn schuldig.
Abgesehen davon musste Negan sterben, koste es, was es wolle. Dieses Monstrum musste sterben und zwar durch seine Hand. Niemand anderes durfte das hier tun, denn es musste Rick sein, der seine Hände mit Blut besudelte.
Es musste Rick sein, der seine Männer rächte und dafür sorgte, dass den anderen nichts weiter geschah. Vielleicht war es auch schon zu spät, aber daran durfte er jetzt nicht denken. Es musste schnell gehen, denn er hatte nur diese eine Chance.
Diesen einen Moment. Auf den musste er warten. Und er kam bald.
Negan war zwar vorsichtig und vor allem war er penibel vorbereitet. Doch war er sich zu sicher und verließ sich auf seine Überzeugungskraft, die er nur hatte, weil er einen Baseball-Schläger vor sich her trug, der völlig in Blut getaucht war.
Mehr hatte er nicht. Nur Lucille und Ricks Hass, den er durch die Morde an Abraham und Glenn auf sich gezogen hatte. Mehr nicht, es war beinahe schon nichts. Angestrengt atmete Rick durch die Nase ein und versuchte den Gestank der Beißer und seines eigenen Schweißes auszublenden.
Er musste jetzt einen klaren Kopf bewahren und handeln. So schnell und leise wie ein Schatten, unsichtbar musste er sein und geschickt. Sonst würde er es nur noch schlimmer machen. Ginge das überhaupt? Konnte es noch schlimmer werden?
Langsam schob er seinen Arm auf den Tisch im wankenden Wohnmobil, an dessen Steuer Negan gerade saß und fröhlich pfiff, so als würden sie einen netten Ausflug machen. Das war das Widerwärtigste an diesem Mann – er tötete und war danach bester Dinge.
Er tötete und das auch noch mit Spaß. Rick würde keinen Spaß daran haben ihn zu töten. Rick sah es bloß als notwendig an, es zu tun. Rache spielte eine Rolle, aber primär ging es hier um die Lebenden.
Es ging um seinen Sohn, die Frau an seiner Seite, die Hinterbliebenen der Toten, die Schwangere, Alexandria auch irgendwie. Es ging um seine Freunde, seine Familie. Und die rührte niemand an, nicht einmal Negan.
Nicht einmal der schwarze Mann.
„Du bist etwas blass um die Nase, mein Freund“, säuselte Negan belustigt und manövrierte das Wohnmobil durch ein Schlagloch, sodass die gesamte Konstruktion zu schaukeln begann und Ricks Magen empfindlich angehoben wurde.
Die Flucht vor den Beißern steckte ihm in den Knochen. Er wäre auch beinahe gestorben, da an der Brücke, als er sich an diesem Mann festgehalten hat, den die Erlöser als Exempel dort aufgeknüpft hatten, um ihre Macht zu demonstrieren.
Macht hatte aber nur der, der das Ganze betrachtete. Und Rick hatte sich das Ganze angeschaut, er hatte es regelrecht angestarrt, um ja kein einziges Detail zu übersehen und nun war er sicher, dass er die Übermacht hatte.
Er hatte den Vorteil und zwar genau... jetzt.
Präzise packte er den Griff der Axt – nun fremdes Eigentum, wie der Mann am Steuer immer wieder betont hatte – und riss sie aus der Tischplatte. Mit wenigen langen Schritten lief er nach vorne hinter den Fahrersitz und holte aus.
„Was-“, begann Negan zu brüllen, doch traf die Axt seine Schläfe und blieb im Schädel stecken, während das Blut sprudelnd herausquoll und das Gesicht des Opfers augenblicklich blass werden ließ.
Die Erschütterung von dem Moment, in dem die Axt auf Negans Schädel getroffen war, fuhr Rick in den Arm und verursachte ein stechendes Gefühl in seiner Schulter. Unbeirrt zog er seine zurückeroberte Axt aus dem Kopf und griff nach dem Lenkrad.
Behutsam lenkte er das Wohnmobil an den Straßenrand, denn Negan gab kein Gas mehr, sondern gurgelte unkontrolliert. Sein Hirn arbeitete nicht mehr, doch war er auch noch nicht ganz tot. So wie Glenn vorhin, als er zertrümmert am Boden gelegen und trotzdem noch gezuckt hatte...
Bei dem Bild, das sich seinem inneren Auge bot, wurde Rick sofort wieder wütend. Konzentriert ordnete er seine Gedanken und packte Negans Lederjacke, an der er den leblosen Körper aus dem Fahrersitz nach hinten in den Wohnraum zog, wo er ihn zwischen Küchenzeile und dem Esstisch mit dem Loch in der Tischplatte hinwarf.
Rick verzog das Gesicht vor Zorn. Das hier war noch nicht vorbei. Aufgekratzt schritt er zurück hinter den Fahrersitz und griff erneut nach der Axt, mit der er dann auf die Leiche zu trat und einfach über ihr stand.
So verharrte er mindestens zwei volle Minuten, denn er musste nun scharf nachdenken. Was, wenn er es wirklich nur noch schlimmer machte? Was, wenn er hiermit das Todesurteil für seine Gruppe gefällt hatte?
Tränen stiegen ihm erneut in die Augen und er krümmte sich nach vorne. Er drohte zu ersticken, bekam keine Luft mehr und er konnte nichts mehr sehen, nur noch grau auf grau...
Rick begann zu schreien. So laut er konnte und doch fühlte er sich ungehört, leise, verstummt. Kraftlos ging er neben Negans Leiche in die Knie und wiegte sich hin und her. Er würde sich gerne schlafen legen, sich ausruhen, alles einfach vergessen und hinter sich lassen, doch er durfte es noch nicht.
Er musste sich zusammenreißen, denn sein Kind war immer noch in Gefahr. Dort draußen im Wald bei diesen Männern. Diesen Mördern. Diesen Monstern.
Fahrig wischte er sich über das Gesicht und sah seine Hand an. Es war Blut daran. Das war Abrahams Blut, welches an Lucille geklebt hatte und von Negan auf sein Gesicht gespritzt worden war.
Es könnte eine Halluzination sein, aber irgendwie fühlte es sich immer noch warm an, fast so als wäre es vor wenigen Sekunden dort gelandet. Rick zog die Nase hoch und klärte seinen Blick, blinzelte mehrmals, bevor er sich erhob und verächtlich auf Negans Leiche starrte.
Er umklammerte den Griff der Axt so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Eines müsste er noch erledigen, bevor er zurück in den Wald fuhr und die Erlöser mit dem Tod ihres Anführers konfrontierte.
Er würde sich zurückholen, was ihm gehörte. Zur Not würde er alles niederbrennen, was sie für sich beansprucht hatten, er würde sogar Alexandria vernichten. Solange sie verstanden, dass Rick nur sein Versprechen einhielt.

Es hatte länger gedauert als er vermutet hatte, doch hörte er endlich wieder das Geräusch eines Fahrzeugs, das sich seinen Weg durch den Wald bahnte. Der Boss hatte sich ziemlich viel Zeit für seine Erkundungstour mit Rick gelassen.
Ungewöhnlich war das nicht unbedingt, schließlich war das hier eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erforderte, aber es war dennoch viel Zeit vergangen. So viel, dass es sogar bereits dämmerte und sich der sonnige Tag schon erahnen ließ.
Simon fummelte etwas ungelenk an seiner Magnum herum, denn er wurde nervös. Wenn dieser Rick sich nicht endlich in den Griff bekam, dann würde hier sicher noch die ein oder andere Tragödie für diese Würstchen folgen.
Dass er es nicht verstand, war etwas, das Simon nicht in den Kopf ging. Wer sich Negan widersetzte, war tot. Früher oder später. Doch einen Unterschied machte es nicht wirklich, denn sterben würde derjenige ohnehin.
Es kam nur darauf an, wie man starb und der Boss wusste definitiv, wie man einem Menschen die letzten Stunden oder sogar Jahre seines Lebens zur Hölle machen konnte. Er war sogar ein Meister darin und nur deshalb funktionierte ihr System so hervorragend.
Nicht umsonst gab es Regeln auf dieser Welt, man musste sich nur daran halten.
Ein wenig ruhiger beobachtete er nun das Wohnmobil, das hinter den dicht bewachsenen kleineren Bäumen erkennbar wurde und auf sie zu fuhr. Das Licht war ausgeschaltet und es fuhr nur sehr langsam.
Simon kniff die Augen zusammen und sah durch die Windschutzscheibe. Es saß niemand am Steuer.
„Was ist da los?“ fragte er laut und schickte zwei Männer auf den Wagen zu, der nun in seiner ursprünglichen Position vor der Abfahrt zum Stehen kam und ausgeschaltet wurde. Das Knistern des erhitzten Motors drang bis an seine Ohren und er entsicherte die Magnum.
Einer der beiden zog die Tür auf, die in das Innere des Wagens führte und wurde sofort erschossen. Das war das Gewehr, das sie Negan mitgegeben hatten und es wurde sofort auf den zweiten Mann gefeuert, der blutend in sich zusammensackte und auf dem Boden verendete.
Ein lautes Klicken verriet, dass das Magazin des Gewehrs leer war und kurz darauf wurde es aus dem Inneren des Wagens nach draußen geworfen, wo es in den Staub fiel. Es war gespenstig still hier draußen auf der Lichtung.
So still, dass man meinen könnte, es wäre niemand hier. Kein Tier, kein Mensch, nicht einmal der Wind wehte und Simon hielt den Atem an. Dann flog der nächste Gegenstand aus dem Inneren des Wagens nach draußen.
Ein Schädel, der zwischen den Leichen her rollte und irgendwann liegenblieb. Es war Negans Gesicht, das ihn da anblickte, auch wenn er Mühe hatte es zu erkennen. Wie auf Kommando folgte dann auch Rick, der sicheren Schrittes aus dem Wohnmobil heraustrat und davor stehen blieb.
Er sah aus, wie ein Mann, der den Verstand verloren hatte. Und das war er auch, ein Irrer. Simon wurde zornig, denn diese Frechheit würde ihm teuer zu stehen kommen. Ruhig erhob er die Magnum, zielte und schoss.
„Dad!“ schrie der Junge mit dem Hut und wollte loslaufen, doch hielt ihn jemand zurück und zwang ihn sich wieder hin zu knien.
Rick war fast kerzengerade umgefallen und hatte nun auch Staub aufgewirbelt. Zischend atmete Simon aus und löste sich aus der Formation. Er machte ein Handzeichen, das seinen Leuten signalisierte ihm Rückendeckung zu geben, falls diese Biester nun aus dem Wald stolperten.
Mit gerunzelter Stirn schritt er auf Rick zu, der sich nicht einen Millimeter rührte und stellte sich neben seinen Oberkörper. In seinem Kopf klaffte eine Schusswunde. Ein wirklich guter Treffer, fand Simon.
Für ein paar Sekunden starrte er einfach die Leiche an, bevor er seinen nächsten Schritt überlegte. Es war wichtig, wie sie jetzt weitermachten. Allerdings fiel es ihm schwer sich bei dem Geheul hinter sich zu konzentrieren.
„Stopft ihnen das Maul“, befahl er und die Männer begannen damit den Gefangenen aus Alexandria Tücher oder sonstige Knebel in den Mund zu stecken. Endlich Ruhe.
„Ihr werdet jetzt schön das machen, was ich euch sage, verstanden?“ begann Simon und ging die Reihe der Gefangenen auf und ab. Ihm war klar, dass er nun das Kommando so schnell wie möglich übernehmen musste, damit alles seinen gewohnten Gang weitergehen konnte.
Die Männer brauchten das Gefühl von Gewohnheit und Sicherheit und die aus Alexandria sollten bloß nicht dem Irrglauben verfallen, sie wären in Zukunft unbehelligt.
„Und wir fangen damit an, dass ihr uns erst einmal brav nach Alexandria bringt und uns zeigt, wo ihr euren Scheiß lagert. Negan gäbe euch Zeit bis nächste Woche – aber ich bin nicht Negan und ich habe heute schon große Lust auf eine weiche Matratze. Was sagt ihr dazu?“
Simons letzte Frage richtete sich an seine Männer, die alle etwas unsicher, aber trotzdem geordnet dort standen und auf einen Befehl warteten. Meuterei war heute noch kein Thema, aber in Zukunft musste Simon sich umso mehr auf alles gefasst machen.
Wenn er sie jetzt nicht schon lockte, dann verlor er alles. Doch er erhielt gerade in diesem Moment Zustimmung. Breite und uneingeschränkte Zustimmung.
„Dann los, nutzen wir das schöne Wetter“, spuckte er freudlos aus und bedeutete den Männern sich in die Fahrzeuge zu begeben und die Gefangenen mitzunehmen. Die Leichen ließen sie hier. Weder die zwei Männer, noch Negan und ganz besonders nicht Rick waren noch von Interesse für irgendwen.
Jetzt zählte nur noch das schnelle Handeln und die Art der Politik, die sie nun anstreben mussten, da ihnen der Boss genommen wurde. Die Regeln würden sich auch ändern, doch nicht zum Vorteil ihrer Handelspartner.
Simon setzte sich auf den Beifahrersitz eines Jeeps und dachte nach. Er persönlich bevorzugte die Politik der verbrannten Erde.

Anmerkung: Im Austausch mit IOU über den Staffelauftakt bin ich auf eine Idee gekommen, die mich nicht mehr losgelassen hat. Natürlich sehr alternativ, aber wir waren uns einig, dass Rick eindeutig mehrere Chancen hatte Negan im Wohnmobil zu töten. Warum er sie nicht genutzt hat war mir schleierhaft und dann ist das hier passiert.
Eure Meinung würde mich natürlich auch interessieren, auch zu Rick und besonders der Wahrscheinlichkeit, mit der eine alternative Handlung wie diese hier stattfinden könnte. Was meint ihr, realistisch?
LG, Erzaehlerstimme
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