Stunden der Entscheidung

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16
Henry "Hank" Voight OC (Own Character)
26.10.2016
26.10.2016
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Stunden der Entscheidung


Hank ging unruhig auf und ab. Der schwere Geruch von Desinfektionsmittel und Tod lag in der Luft. Die kalte Beleuchtung und die sterilen weißen Wände taten ihr Übriges, um den Wartebereich vor dem OP-Trakt des Chicago-Med zu einem relativ trostlosen Ort zu machen.
Hier sollten die Menschen Hoffnung finden, dass ihre Lieben lebend den OP verlassen? Man konnte nur an den Künsten des zuständigen Innenarchitekten zweifeln, denn hier nicht die Hoffnung zu verlieren, grenzte an ein Wunder.
Ihm ging es nicht anders, immer wieder versuchte Hank seine Gedanken zu ordnen, während er, wie ein Tiger in einem zu kleinen Käfig, vor der zweiflügeligen Türe, hinter der sie vor Stunden verschwunden war, auf und ab lief. Warum hatte es nur zu so einer Tragödie kommen müssen? Wie hatte er die Anzeichen nur übersehen können, dass sie sich dermaßen in Schwierigkeiten befand? Oder wollte sie nicht, dass er etwas merkte? Ging es bei der Sache vielleicht gar nicht um sie, sondern um ihn? War ihr das nur seinetwegen zugestoßen?
Er fühlte sich so unendlich machtlos, und dieses Gefühl hasste er mehr als alles andere auf dieser Welt. Dass er diese Frau wirklich und über Alles liebte, war ihm in dem Moment klar geworden, als er erfahren hatte, was geschehen war. Wie gerne hätte er sich selbst in den Hintern dafür getreten, dass er es sich und auch ihr gegenüber nicht schon längst eingestanden hatte, obwohl es ihm so vor kam, als hätte er in ihrem Blick schon oft gesehen, dass sie es wusste.
Warum hatte er es ihr nicht gesagt, als er es noch konnte? Weshalb lag da diese undefinierbare Grenze zwischen ihnen, die er nicht überschreiten konnte? Woran lag es nur, dass er es ihr nicht einfach sagen konnte? Es waren doch nur drei kleine Worte!
Nun ja, sie war jünger als er, zwar nicht so jung wie Erin, aber dennoch trennte sie ein Jahrzehnt. Er verstand sich selbst nicht mehr, hinter verschlossenen Türen waren sie doch schon lange ein Paar, und doch hatte er ihr noch nie gesagt, was er für sie empfand, er hatte noch nicht den Mut besessen um über seinen Schatten zu springen. Auch wenn ihm klar war, dass seine engsten Vertrauten ahnten, was zwischen ihnen lief, hatte er sich in der Öffentlichkeit noch nicht zu ihr bekannt, seltsamerweise schien sie das nicht zu stören. Sie schien sogar zu verstehen, warum er ihre Beziehung nicht nach außen trug, er wollte nicht, dass sie in die Schusslinie geriet, sein Job war nun mal mehr als nur gefährlich.
Jedoch, wenn er noch einmal, ein einziges Mal, eine Chance bekommen würde, diesmal würde er sie nutzen, würde ihr all das sagen was er für sie empfand und sie nie mehr gehen lassen, ganz egal wer dann von ihnen wusste oder auch nicht.
Immer wieder schritt er den Gang entlang und blickte ungeduldig auf die Uhr, doch die Zeit schien still zu stehen. Dieses Warten, und nicht zu wissen wie es ihr ging, machte ihn schier wahnsinnig. Wie gerne hätte er etwas getan, etwas unternommen, dass ihr half, doch hier kam er mit seinen üblichen Methoden nicht weiter. Jetzt musste er voll und ganz auf das Können der Chirurgen vertrauen, die keine zehn Meter weiter verzweifelt um das Leben der Frau kämpften, die er liebte.
Nur am Rande hatte er mitbekommen, dass Alvin und Erin gekommen waren, eigentlich wollte er niemanden sehen und anfänglich hat er sie noch ignoriert, doch nun fühlte er ihre bohrenden Blicke in seinem Rücken. Missmutig drehte er sich zu ihnen um und ging er auf die beiden zu.
„Gibt es schon etwas neues“, wollte Erin wissen, und die Sorgen, die sie sich machte, waren nur allzu deutlich in ihrer Stimme zu hören.
Auch wenn die junge Polizistin und ihr Kollege nie ein Wort darüber verloren hatten, ihnen noch nicht einmal die kleinste Andeutung über ihre Lippen gekommen war, war Hank klar, dass Erin und Alvin sehr wohl darüber Bescheid wussten, was zwischen ihm und der jungen Frau, die nun um ihr Leben kämpfte lief, wenn sie unter sich waren.
„Nein, sie ist noch im OP.“
„Sie ist eine Kämpferin, Hank, sie packt das“, mischte sich nun auch Alvin ein, „außerdem ist sie viel zu Stur um zu sterben.“
Da musste Hank ihm Recht geben, sie war stur, sogar eine der stursten Personen, die er in seinem Leben kennengelernt hatte. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es beinahe unmöglich sie vom Gegenteil zu überzeugen. Nicht nur einmal hatte er es versucht, und hatte dabei auf Granit gebissen.
„Habt ihr schon irgendwelche Anhaltspunkte?“
Seine Stimme klang rau und abweisend, Hank wollte niemanden aus dem Team hier haben, er wollte einfach nur alleine sein, alleine mit seinen Gedanken. Die Mitglieder der Intelligence Unit sollten lieber ihre Arbeit machen, und ihm den Schuldigen bringen, der es zu verantworten hatte, dass dieses geliebte Wesen jetzt nicht unweit von ihnen entfernt auf einem OP-Tisch lag, und verzweifelt versuchte nicht zu sterben.
„Die Spurensicherung hat am Tatort Blutspuren gesichert, die nicht mit ihrer Blutgruppe übereinstimmen. Anscheinend hat sie auch ganz schön ausgeteilt. Nicht unweit haben wir eine Überwachungskamera gefunden die das Ganze gefilmt haben dürfte. Mouse ist schon dabei das Videomaterial zu sichten. In ein paar Stunden werden wir genaueres wissen.“
Hank war den Ausführungen von Al gefolgt, auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, sie hätten schon einen Verdächtigen, doch das könnte sich als schwieriger erweisen, als bei anderen Fällen. Hank fiel niemand ein, der einen Grund gehabt haben könnte, sie zu töten. Sie war freundlich und respektvoll zu jedem, der ihr begegnete, mit einem unvergleichlichen Sinn für Humor und einem sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sie ab und zu schon mal in kleinere Schwierigkeiten gebracht hatte, vor allem in Kombination mit ihrem leidenschaftlichen Wesen, das in diesen Fällen dann doch schon mal etwas aufbrausend und hitzig sein konnte. Aber trotz allem, gab es niemanden, der es auf sie abgesehen haben könnte, der ihren Tod wollte.
Selbst ihm, der sich nun schon seit Jahren mit dem Abschaum dieser Stadt beschäftigte, fiel niemand ein, der das getan haben könnte. Hank Voight wusste in diesem Moment nur eines, würde sie nicht überleben, wäre es auch für diesen Typen, der das alles hier verschuldet hatte, das Todesurteil, und er würde es vollstrecken.
Mit sorgenvollem Blick fixierte er wieder die große zweiflügelige Türe, die den Wartebereicht vom OP-Trakt trennte. Schon seit Stunden war er hier, doch noch immer hatte er keine Nachricht erhalten, wie es ihr ging. Das einzige woran er sich in diesem Augenblick klammern konnte war, dass, solange sie noch operiert wurde, sie noch am Leben war.
Alvin registrierte sofort, was hier vor sich ging, schließlich kannte er Hank schon seit ewigen Zeiten. Zwar hatte er es nie für möglich gehalten, dass es nach Camille jemals wieder eine Frau schaffen würde, sich in das Herz dieses alten Grießkrams zu schleichen, doch sie hatte es anscheinend geschafft, und das mit unfassbarer Leichtigkeit.
Nach einem bedeutungsschwangeren Blick zu Erin und einem kurzen Gruß, machte er sich wieder auf den Weg ins Büro der Intelligence Unit, während Erin im Krankenhaus blieb. Sie konnte und wollte ihren Ziehvater in diesen schweren Stunden nicht alleine lassen. Auch wenn er sich so gut wie nie etwas anmerken ließ, hatte sie doch recht schnell realisiert, was in ihm vorging, und was er für diese Frau empfand, die auch ihr sehr sympathisch war.
Wie ein Wirbelsturm war sie in Hanks Leben getreten, hatte gleich einmal alles auf den Kopf gestellt und im ersten Augenblick hatte selbst er nicht gemerkt, was geschehen war. Unbewusst hatte es ihn zu ihr gezogen, hatte er immer wieder ihre Nähe gesucht, Zeit mit ihr verbracht und so hatte sie es irgendwann geschafft, sich in sein Herz zu schleichen, ohne wirklich etwas dafür getan zu haben. Sie war einfach sie selbst gewesen, hatte gesagt, was sie dachte und nie Angst gehabt Hank auch die Stirn zu bieten. Vielleicht war auch das mit ein Grund, weshalb er sie so sehr liebte.



12 Monate zuvor.

Chicago war seit Tagen tief verschneit. Der November hatte einiges an Schnee gebracht und die Straßen waren rutschig. Es war schon spät gewesen, als der Notruf eingegangen war und Hank und sein Team waren gerade erst am Einsatzort angekommen. Es war einer der Fälle, die sie nicht gerne bearbeiteten, die kein Police-Officer gerne bearbeitete.
Es handelte sich um ein Drive-By-Shooting auf ein Freizeitzentrum, welches nicht nur einem Gangmitglied das Leben gekostet hatte, sondern auch das, eines unschuldigen sechsjährigen Kindes. Außerdem gab es noch mehrere Verletze. Nach einer ersten Einschätzung und Gesprächen mit den Kollegen vor Ort, wurde Hank sehr schnell an eine junge Frau verwiesen, die hier mehr oder weniger das Sagen hatte.
Sie war etwa Ende Dreißig, einen guten Kopf kleiner als er selbst und hatte braune Haare, die sie locker im Nacken zusammengebunden trug. In ihren blauen Augen konnte er erkennen, dass ihr solche Situationen nicht fremd waren und zu seiner Verwunderung tat ihm dies leid.
„Sind sie Eleanor Willis?“
Seine Stimme klang gewohnt sachlich und rau, doch jeder, der ihn besser kannte, merkte sofort, dass sie doch weicher war als sonst.
„Ja, aber nennen sie mich bitte Ellie. Meine Eltern hatten bei der Namensgebung einen etwas schrägen Humor, der sich mir bis heute nicht ganz erschlossen hat.“
Unvermittelt musste Hank lächeln, so etwas war ihm noch nie passiert, aber die direkte Art dieser Frau gefiel ihm.
„Okay, Ellie, mir wurde gesagt, dass sie hier die Leiterin sind.“
„Das stimmt nicht, der Leiter dieser Einrichtung ist derzeit im Krankenhaus. Gallensteine. Ich bin eigentlich nur zweimal die Woche hier, aber solang Peter nicht kann, bin ich wohl die Ansprechperson, wenn es um Probleme geht.“
„Peter?“
„Peter Stephenson, er leitet das Freizeitzentrum schon seit über zehn Jahren, ist sozusagen die gute Seele dieser Einrichtung.“
„Aha, verstehe. Wenn Peter Stephenson hier die gute Seele ist, was sind sie dann?“
Hank konnte es nicht fassen, was er da gerade gesagt hatte, konnte es tatsächlich wahr sein? Versuchte er allen Ernstes mit dieser Frau, die gute zehn Jahre jünger war als er selbst, zu flirten? So kannte er sich ja gar nicht.
„Ich selbst würde mich als strenger Aufseher betiteln, der den Kids hier nicht alles durchgehen lässt, was sie vielleicht gerne hätten. Ich versuche sie mit Disziplin wieder auf einen geraden Pfad zu führen, aber wenn sie die Gangmitglieder hier in der Gegend fragen, würden sie mich eher als Lucifer persönlich bezeichnen, der ihnen das Leben zur Hölle macht.“
Hank konnte das Feuer, das in ihrer Seele loderte, nur allzu deutlich erkennen und er ertappte sich dabei, wie er für einen kurzen Moment überlegte, ob es jemanden in ihrem Leben gab, der an ihrer Seite stand. Doch genau so schnell wie dieser Gedanke gekommen war, hatte er ihn auch schon wieder verworfen.
„Gab es hier schon öfter Probleme mit den Gangs?“
Der Blick der jungen Frau sprach Bände, als können sie nicht glauben, was sie gerade von diesem Police-Officer in Zivil gefragt worden war.
„Nein, wie kommen sie denn auf so eine Idee, Detective“, sagte sie beinahe überrascht, doch der Sarkasmus triefte nur so aus ihren Worten.
„Sergeant“, besserte Hank knapp aus.
„Sergeant“, wiederholte sie kurz, „ich weiß ja nicht, wie lange sie schon hier in Chicago sind, aber hier gibt es fast an jeder Ecke Probleme mit irgendwelchen Gangs, und das war hier nicht anders, obwohl wir hier so etwas ähnliches wie einen Waffenstillstand haben.“
„Einen Waffenstillstand? Und wie sieht der aus?“
„Ich habe mit den Anführern der Hermanos vereinbart, dass sie unsere Kids in Ruhe lassen, im Gegenzug lasen wir dann auch ihr Revier unangetastet.“
„SIE haben das vereinbart“, fragte Hank ungläubig und betrachtete die junge Frau für einen kurzen Moment von oben bis unten.
Er konnte gar nicht glauben, was diese doch recht zierliche Person da gerade behauptet hatte. Doch im nächsten Moment hatte sich ihre ganze Körperhaltung geändert und auch ihre Körpersprache zeichnete eindeutig ab, dass sie eine Alphapersönlichkeit war, mit der sich besser niemand anlegen sollte, nicht einmal Hank Voight.
„Ja, das habe ich. Glauben sie mir, ich habe weder Angst vor denen, noch vor ihnen, noch vor sonst irgendjemandem, der glaubt sich mir in den Weg stellen zu müssen.“
„Wir stehen beide auf derselben Seite, Ellie, bitte glauben sie mir das.“
Er hatte beschwichtigend die Hände gehoben, hatte er doch nicht damit gerechnet, dass sich hinter dieser zart wirkenden Frau eine solche Persönlichkeit versteckte.
„Dann finden sie die Mistkerle, die das hier getan haben, Sergeant.“
„Das werden wir, versprochen, es wird nur etwas dauern, bis wir aus denen etwas herausbekommen haben.“
Mit diesen Worten deutete er auf ein paar Jungs, die eindeutig aus einer hiesigen Gang stammten und gerade von Alvin verhört wurden, doch die junge Frau ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie blickte Hank tief in die Augen und kam auf ihn zu. Erst eine Handbreit von ihm entfernt blieb sie stehen. Der feine Duft ihres Parfums stieg Hank in die Nase, eine Mischung aus feinen Frühlingsblumen und Gewürzen. Er gefiel ihm und irgendwie passte er auch zu dieser energischen Frau, die jetzt unmittelbar vor ihm stand. Erst jetzt merkte er auch diesen feinen dunkelbraunen Kreis, der sich im inneren ihrer Iris abzeichnete, wenn sich ihre Pupillen verkleinerten und diese so vom strahlenden Blau ihrer Augen trennte. Unumwunden blickte sie ihn weiter an und er konnte nur allzu deutlich spüren, wie aufgebracht sie war.
„Ich gebe ihnen jetzt einen guten Rat, Sergeant, finden sie diejenigen, die das hier getan haben, und das am besten bist gestern, sonst kann ich für nichts garantieren. Denn wenn sie es nicht tun, tu ich es, und glauben sie mir, das würde ihnen nicht gefallen.“




„Hank?“
Abrupt lichtete sich der Nebel dieser Erinnerung und schmerzhaft wurde ihm wieder bewusst, wo er sich befand. Er saß auf einem der Stühle, die an der Wand aufgereiht standen, und hatte ins Leere gestarrt. Wann hatte er sich gesetzt?
„Hank?“
Erst jetzt bemerkte er Erin, die keinen Meter entfernt vor ihm stand und ihm einen Pappbecher vor die Nase hielt.
„Ich hab dir Kaffee besorgt.“
Er sah sie an, gar nicht glücklich darüber, dass sie ihn aus seinem Tagtraum gerissen hatte und noch weniger darüber, dass sie noch hier war. Die Erinnerung an seine erste Begegnung mit Ellie war wie eine schützende Blase gewesen, ein Kokon, der für ihn wie ein Zufluchtsort vor dieser schrecklichen Situation gewesen war, in der er sich gerade befand.
„Danke“, meinte er knapp.
Er nahm ihr den Becher aus der Hand und sah dann auf die Uhr an seinem Handgelenk. Irgendwie schien es heute so, als würden sich die Zeiger einfach nicht weiterbewegen wollen. Mittlerweile wurde Ellie schon seit vier Stunden operiert, und noch immer hatte es niemand für wichtig erachtet ihn auf den neuesten Stand zu bringen. Was passierte nur hinter dieser Türe? Wie ging es ihr?
Als er vor Stunden am Tatort angekommen war, wurde sie gerade in den Krankenwagen verfrachtet, intubiert und nicht bei Bewusstsein. Auch ihre Vitalwerte waren sehr schlecht gewesen, und es hatte fast an ein Wunder gegrenzt, dass sie es lebend bis ins Chicago-Med geschafft hatte. Er war ihr nicht von der Seite gewichen, hat ihr gut zugeredet und versucht nicht die Fassung zu verlieren, als er ihren geschundenen Körper gesehen hatte.
„Die werden Bescheid geben, wenn es etwas Neues gibt, Hank.“
Erin wusste, wie es ihrem Ziehvater in diesem Moment ging, vermutlich besser als alle anderen. Das war mit auch ein Grund gewesen, warum sie hier geblieben war. Sie wollte und konnte ihn in dieser Situation nicht alleine lassen. Hank fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar und blickte dann wieder verzweifelt auf diese verfluchte Tür, die ihn von seiner Ellie trennte.
„Ja, ich weiß, ich hasse es einfach nur zu warten.“
Mit diesen Worten sprang er auf und fing wieder an unruhig auf und ab zu gehen. Die Ungewissheit nagte an ihm und ließ ihn kaum einen normalen Gedanken fassen. Er hatte noch einmal eine Chance bekommen sein Glück zu finden. Nach Camille war das Thema für ihn eigentlich abgeschlossen gewesen, aber seit er sie kannte, hatte diese Möglichkeit wieder bestanden. Warum nur, hatte er nicht den Mut gehabt dazu zu stehen?
Nach einigen Minuten, in denen er wieder mindestens einen Kilometer zurückgelegt hatte, blieb er vor einem der Fenster stehen, langsam zeichnete sich die erste Morgenröte am Himmel ab, es würde wieder ein sonniger Tag werden. Überall lag der frisch gefallene Schnee und in diesem Augenblick strahlte die Stadt eine unglaubliche Ruhe aus.
Hank nahm einen Schluck von dem eher zweifelhaften Krankenhauskaffee und starrte in die Ferne. Vor ziemlich genau einem Jahr war er ihr das erste Mal begegnet, und seitdem war sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zumal sie sich auch immer wieder über den Weg gelaufen waren, ob bewusst oder unbewusst vermochte Hank nicht mehr zu sagen.



11 Monate zuvor

Hank parkte seinen Wagen auf der anderen Straßenseite und lies kurz seinen Blick über den Verkaufsstand der örtlichen Pfadfindergruppe schweifen. Irgendwo hier musste Ellie doch sein, schließlich hatte sie Erin erst vor weniger als einer Stunde angerufen und um Hilfe gebeten. Die zwei Frauen hatten nach dem Drive-By-Shooting von vor einem Monat weiter Kontakt gehalten und waren Freunde geworden.
Auch wenn er es selbst unter Folter nicht zugegeben hätte, war Hank eifersüchtig auf die Zeit, die Erin mit Ellie verbrachte, denn irgendwie hatte es ihm diese Frau angetan. Keine Ahnung warum, aber sie war ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Daher hatte er die Gelegenheit genutzt und Erin zu Schreibarbeit verdonnert, als sie ihrer Freundin beim Weihnachtsbaumkauf fürs Freizeitzentrum behilflich sein wollte. Erin war natürlich nicht begeistert gewesen Ellie im Stich zu lassen, doch Hank hatte sich, wie auch von ihm beabsichtigt, zur Verfügung gestellt sie zu vertreten.
Langsam ging er durch die Reihen der Bäume und hielt Ausschau nach der Frau, die in den letzten Wochen seine Gedanken beherrscht hatte. Es dauerte nicht lange bis er sie entdeckte.
„Hi Ellie.“
Die junge Frau drehte sich überrascht zu ihm um. Seine Stimme hatte wieder diesen weichen Klang angenommen, den selbst Erin nur sehr selten zu hören bekam.
„Sergeant? Was machen sie denn hier?“
„Erin lässt sich entschuldigen, es ist ihr etwas dazwischen gekommen. Sie meinte allerdings, dass sie Hilfe brauchen könnten. Also hier bin ich.“
„Okay, sie werden mir hoffentlich hilfreich zur Seite stehen, Sergeant.“
„Soweit ich mich erinnere, habe ich sie schon einmal gebeten mich Hank zu nennen.“
Ellie sah in seine freundlichen braunen Augen und musste mit einem Schmunzeln daran zurückdenken, wie sie bei ihrer ersten Begegnung aneinandergeraten waren. Er hatte es damals beinahe geschafft, sie mit seiner nüchternen Art dermaßen auf die Palme zu bringen, dass sie ihm weiß Gott was an den Hals gewunschen hätte, doch seit dem hatte sich etwas geändert. Fast schien es so, als hätte er sich verändert.
„Okay, Hank“, lächelte sie ihn freundlich an, „ich versuche gerade einen einigermaßen passablen Weihnachtsbaum für unsere Kinder im Freizeitzentrum zu organisieren. Wenn es schon keine Geschenke geben wird, möchte ich wenigstens einen Baum für die Kinder haben.“
„Warum keine Geschenke“, wollte der knallharte Cop des CPD wissen, der nun doch langsam seine sehr gut gehütete weiche Seite zum Vorschein brachte.
„Offiziell? >Die Mittel wurden gestrichen!<“
Hank konnte schon an ihrem Tonfall erkennen, wie sauer sie wegen dieser Situation war.
„Aha! Und inoffiziell?“
„Tja, da hat es den Anschein, als hätte der verantwortliche Abteilungsleiter in der Behörde sich an den Geldern vergriffen, um an der Börse zu spekulieren. Doch leider hatte er kein gutes Händchen, daher ist das ganze Geld jetzt weg.“
Ellie war mehr als nur sauer, denn sie hatte begonnen auf der Innenseite ihrer Unterlippe rumzukauen. Dieses Verhalten hatte er schon einmal bei ihr gesehen, als der Schütze des Drive-By-Shootings erzählt hatte, warum er geschossen hatte und sie erkannte, dass dieses unschuldige kleine Mädchen wegen einer Nichtigkeit ihr Leben verloren hatte. Hank hatte ihr gestattet, hinter dem venezianischen Spiegel dem Verhör zu folgen, auch wenn es nicht üblich war, fühlte er sich fast dazu verpflichtet.
Damals hatte er fest damit gerechnet, dass sie vor Wut auf diesen Scheißkerl losgehen und ihn totschlagen würde, doch hatte sie sich keinen Millimeter gerührt, nicht einmal als er in Handschellen, nur einen Meter entfernt, an ihr vorbeigeführt wurde.
„Und zur Strafe wurde er versetzt. Ich meine versetzt, nur versetzt. Gott, manchmal geht mir diese Bürokratie hier in der Stadt sowas von auf den Keks.“
Als er ihre Worte hörte, musste Hank schmunzeln, auch wenn sie noch so wütend war, waren ihr nie schlimmere Worte als Idiot oder Mistkerl über die Lippen gekommen. Sie konnte vielleicht einiges verleugnen, aber nicht ihre gute Erziehung, die sie zweifelsfrei genossen hatte.
Freundschaftlich legte Hank seinen Arm um Ellies Schultern.
„Na kommen sie, jetzt besorgen wir den Kindern erst einmal einen schönen Baum. Der Rest wird sich mit der Zeit schon noch finden.“




„Hank?“
Wieder wurde er unsanft aus seinen Gedanken gerissen, wieder war es Erin, die etwas von ihm wollte. Unwirsch drehte er zu der jungen Frau um und sah neben ihr nun einen Mann in roter Chirurgenkleidung stehen. Schlagartig war Hank wieder im hier und jetzt und kam zielstrebigen Schrittes auf die beiden zu.
„Wie geht es Ellie“, fragte er unumwunden.
„Zu allererst, sie lebt.“
Als der Leiter der Intelligence Unit die Worte des Chirurgen hörte, fiel ihm ein riesiger Stein vom Herzen, und dennoch schwebte noch immer dieses Damoklesschwert über ihm, denn er wusste nur zu genau, was jetzt noch folgen sollte.
„Aber….“, begann Hank, und seine Stimme war kurz davor zu versagen.
„Aber“, sprach der Arzt weiter, „sie ist noch nicht über den Berg. Sie hat sehr viel Blut verloren. Ihr Schlüsselbein war gebrochen und einer der Knochensplitter hat die Subclavia, also die Schlüsselbeinarterie verletzt. Es war nicht leicht, aber wir konnten den Riss mit einem Patch wieder flicken. Während der Operation ist ihr Herz zwei Mal stehengeblieben, aber wir haben sie auch beim zweiten Mal wieder zurückholen können. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation und wird überwacht. In achtundvierzig Stunden werden wir mehr sagen können.“
Hank hatte dem Arzt aufmerksam zugehört, sie war also noch nicht über den Berg. In den nächsten zwei Tagen würde sich alles entscheiden, inständig betete er zu allen die gewillt waren ihm ein offenes Ohr zu leihen, um das Leben dieser Frau. Zwei Tage die über ihre und auch seine Zukunft entscheiden würden. Zwei Tag in denen er alles Gewinnen und auch alles Verlieren konnte.
„Die Schädelfraktur“, fuhr der Chirurg fort, „war nicht so gravierend wie am Anfang gedacht, und die Schnittwunde über dem linken Auge haben wir auch schnell verarzten können. Ansonsten hat sie noch zwei gebrochene Rippen und eine leichte Blutung in der Milz, die aber von selbst wieder aufhören sollte. Die Schrammen und Prellungen an ihren Händen zeigen, dass sie sich nicht nur gewehrt hat, sie hat offenbar sogar fleißig ausgeteilt. Ihr Angreifer hat sicher auch einiges einstecken müssen, alles in allem war es aber dann doch ein unfairer Kampf.“
Erin legte Hank freundschaftlich die Hand auf die Schulter, während er diese Worte erst einmal sacken ließ. Ellie hatte sich gewehrt, gekämpft und doch verloren.
„Kann ich zu ihr?“
Seine Stimme klang noch etwas rauer als sonst, und Erin merkte, wie sehr ihn das gerade gehörte geschockt haben musste, auch wenn er sich nach außen nichts anmerken ließ.
„Sie ist noch nicht aufgewacht, und eine brauchbare Aussage werden sie …“
„Darf ich zu ihr“, unterbrach Hank den Arzt barsch.
Er wollte nicht in seiner Aufgabe als Polizist zu Ellie, sondern als … ja, als was eigentlich? Hank wollte zu ihr, als der Mann der sie liebte. Auch der Chirurg ihm gegenüber schien das jetzt zu begreifen und brachte ihn ohne weitere Widerworte auf die Intensivstation.
Ellie lag alleine in einem Raum, war nicht mehr intubiert, aber an allerlei Apparate angeschlossen, die ihre Lebenszeichen überwachten und gegebenenfalls Alarm schlagen konnten, falls sich ihr Zustand verschlechtern sollte. Es tat Hank in der Seele weh, sie so zu sehen. Sie sah schlimm aus, im Gesicht und überall sonst an ihrem Körper hatte sie blaue Flecken und Schrammen. Ihre Hände zeugten nur allzu deutlich von dem unerbittlichen Kampf, den sie noch vor ein paar Stunden vor dem Freizeitzentrum, für das sie schon so viel getan hatte, geführt hatte.
Leise nahm er sich den Stuhl, der an einer der Wände stand und setzte sich direkt neben sie ans Bett. Zärtlich, beinahe vorsichtig nahm er ihre Hand in seine und betrachtete die junge Frau, die mit geschlossenen Augen vor ihm lag, und tapfer einen Atemzug nach dem anderen tat.



10 einhalb Monate zuvor

Es war kalt, sehr kalt. Hank hatte seine Hände in die Taschen seiner Winterjacke gesteckt und ging den verschneiten Weg entlang zu ihrem Treffpunkt. Auch wenn das Wetter schön zu werden versprach war die klirrende Kälte mehr als nur unangenehm. Es dauerte nicht lange, bis er sie entdeckte. Sie stand an einen Zaun gelehnt, nur noch zehn Meter entfernt und blickte fast etwas verträumt auf die verschneite Winterlandschaft des Parks.
Als sie seine knirschenden Schritte im Schnee hörte, drehte sie sich mit einem wundervollen Lächeln in seine Richtung. Bei diesem Anblick wurde sogar Hank Voight warm ums Herz.
„Danke, dass sie sich mit mir hier auf einen Kaffee treffen, auch wenn der hier eher fragwürdig ist“, gestand Ellie dem Polizisten, der ihr nun gegenüberstand und ihr den Pappbecher aus der Hand nahm, den sie ihm reichte.
„Kein Problem, ich war sowieso in der Gegend“, log Hank ohne dabei rot zu werden.
Er hatte sich zu seiner eigenen Überraschung gefreut von Ellie zu hören, und war auch gleich zu einem Treffen bereit gewesen, auch wenn er dafür quer durch die Stadt gefahren war. Was auch immer diese Frau an sich hatte, es faszinierte ihn. Und so stand er ihr nun, an diesem kalten und verschneiten Januarmorgen, gegenüber und nippte an diesem wirklich fragwürdigen Kaffee.
„Also Ellie, was kann ich für sie tun?“
Irgendetwas war anders, fast schien es so, als wäre die sonst so taffe junge Frau verlegen. Dieser Wesenszug war ihm noch nie an ihr aufgefallen.
„Eigentlich wollte ich mich nur bei ihnen bedanken, Hank.“
„Bei mir? Weswegen?“
„Ich habe so das Gefühl, dass wir es ihnen zu verdanken haben, dass die Kinder im Freizeitzentrum so ein schönes Weihnachtsfest gehabt haben.“
„Wie kommen sie darauf?“
Typisch Hank Voight, immer erst alles abstreiten und warten, bis die anderen mit Informationen rausrücken, dann konnte man sich immer noch eine passable Antwort ausdenken.
„Nun ja, als ich ihnen von unserem finanziellen, nennen wir es jetzt einmal, Engpass erzählt habe, meinten sie nur, dass es sich schon wieder einrenken würde. Und, ähm …. naja, zwei Tage später bekamen wir per Post einen anonymen Brief mit genug Geld darin um allen Kindern doch noch ein Geschenk besorgen zu können. Tja, und irgendwie werde ich dieses Gefühl nicht los, dass sie damit etwas zu tun haben.“
„Ich habe keine Ahnung wovon sie da reden, Ellie.“
Selbst ein Lügendetektor hätte sich bei diesem Mann die Zähne ausgebissen, und dennoch war sich Ellie sicher, dass der Umschlag von ihm gekommen sein musste. Dieser Mann, über den allerlei Gerüchte im Umlauf waren, der so absolut undurchschaubar wirkte und dennoch ganz tief drinnen ein gutes Herz hatte, davon war sie überzeugt.
„Egal, wie auch immer. Danke! Und das mein ich ernst.“
Mit diesen Worten lehnte sie sich zu ihm und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Diese sanfte, beinahe kaum wahrnehmbare Berührung hinterließ auf seiner Haut ein brennen, als wären ihre Lippen aus Napalm gewesen.




Er hatte die Krankenschwester gar nicht bemerkt, die gerade dabei war Ellies Infusionsbeutel auszuwechseln. Sie lächelte Hank freundlich an, schon oft war sie Angehörigen begegnet, die an den Betten ihrer Lieben gesessen hatten und auf ein Lebenszeichen gehofft hatten. Doch dieser Mann war anders. Fast schien es so, als würde er sich Vorwürfe machen, an dem Zustand der jungen Frau schuld zu sein.
„Sie ist stark. Sie schafft das schon, glauben sie mir“, begann sie schließlich beruhigend auf ihn einzureden, aus dem Bedürfnis heraus diesem todtraurigen Mann etwas von dem Ballast abzunehmen, der ihn schier zu erdrücken drohte, „ich habe schon viele Menschen in ihrer Situation gesehen, aber sie … sie ist eine Kämpferin. Kopf hoch!“
Hank nickte nur schwach und starre weiter auf Ellie. So wie sie hier vor ihm lag hatte sie kaum noch Ähnlichkeit mit dieser starken und selbstbewussten Frau die er vor einem Jahr kennengelernt hatte, jetzt wirkte sie beinahe zart und zerbrechlich. Er würde denjenigen, der ihr das angetan hatte finden und zur Strecke bringen, und wenn es das Letze wäre, was er tat. Und er würde ihr endlich sagen, dass er sie liebt und keinen Tag mehr ohne sie sein will.
Unwirsch wurde er vom Vibracall des Handys in seiner Jackentaschen aus den Gedanken gerissen. Ein kurzer Blick auf das Display verriet ihm, dass es Alvin war.
„Was gibt es“, meldete er sich, als er Ellies Zimmer verlassen hatte.
„Wie geht es Ellie“, wollte sein Kollege und Freund zu allererst wissen.
„Sie ist stabil aber noch nicht über den Berg.“
„Wir haben jetzt das Video gesichtet, der Angriff auf Ellie wurde aufgezeichnet. Hank, du solltest auf die Wache kommen.“
„Al, ich werde Ellie nicht alleine lassen.“
„Das brauchst du auch nicht. Ich habe schon dafür gesorgt, dass sie keine Minute alleine sein wird, aber du wirst hier gebraucht, Hank.“
In diesem Moment öffnete sich die Türe, die zur Intensivstation führte und Sergeant Trudy Platt kam auf ihn zu. Sie würde, solange er sich darum kümmern würde diesen Drecksack zu finden, der Ellie das angetan hatte, bei ihr bleiben.
„Ich bin auf dem Weg.“
Mit diesen Worten verstaute er sein Handy wieder in der Jackentasche und sah noch einmal sorgenvoll zu Ellie.
„Ich werde gut auf sie aufpassen, Hank“, sagte Trudi als sie sich neben ihn gestellt hatte, „und ich werde mich unverzüglich melden, falls sich an ihrem Zustand irgendetwas ändern sollte.“
„Danke“, erwidere er rau, ohne seinen Blick von der geschundenen Frau in diesem Patientenbett zu nehmen, bevor er sich dann abrupt umdrehte und ohne ein weiteres Wort zu verlieren die Intensivstation verließ.



9 Monate zuvor

Es war schon spät, und diese Februarnacht war wieder klirrend kalt, als er an seinen schwarzen SUV gelehnt vor dem Freizeitzentrum, in dem Ellie zweimal die Woche freiwillig aushalf, stand, und darauf wartete, dass sie für diesen Tag mit ihrer Arbeit fertig war.
Hank hatte heute, unüblicher Weise, etwas früher >den Laden dicht gemacht<, wie er es so gerne nannte. Er wusste von Erin, dass Ellie diese Woche keinen Wagen hatte, weil dieser bei der alljährlichen Inspektion festhing, und so hatte er gehofft, dass sie auf sein Angebot einging, und er Taxi spielen durfte. Vielleicht hatte er sogar das Glück, und sie würde auch mit ihm Essen gehen.
Seit diesem sanften, fast freundschaftlichen Kuss vor über einem Monat, hatte er immer wieder versucht ihr zu begegnen. Doch waren ihm diese kurzen Treffen einfach zu wenig, er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen, wollte sie sogar, ganz entgegen zu seinem üblichen Verhalten, ausführen.
Heute wollte er sein Glück versuchen und sie einladen. Inständig hoffte er, dass er die Zeichen nicht missgedeutet hatte, die sie aussandte. Schließlich war es bei ihm schon Ewigkeiten her, dass er sich in einer vergleichbaren Situation befunden hatte.
Immer wieder hauchte er etwas warme Luft in seine Handflächen, die er sich an den Mund hielt, um seine Finger davor zu bewahren den Erfrierungstod zu erleiden. Die Kälte in diesem Winter war wirklich mörderisch. Er wartete nun schon geschlagene zehn Minuten, als endlich das Licht in dem Gebäude erlosch und Ellie, in eine warme Daunenjacke gepackt aus der Türe trat um sie gleich danach zu verließen.
„Hank“, rief sie überrascht, als sie ihn entdeckte „was machen sie denn hier?“
„Ich dachte sie könnten ein Taxi gebrauchen, jetzt da ihr Auto in der Werkstatt ist.“
„Woher wissen sie von meinem Auto“, fragte sie, und am klang ihrer Stimme konnte man nur allzu deutlich erkennen, dass sie sehr genau wusste, was hier vorging.
„Tja, was soll ich sagen, ich habe eben überall meine Informanten“, meinte Hank mit einem breiten Lächeln.
„Und warum habe ich jetzt nur das Gefühl, dass es sich bei diesem speziellen Informanten um Erin handelt?“
„Ich habe keine Ahnung wovon du redest.“
Ohne näher darüber nachzudenken, hatte er sie mit dem sehr vertraulichen Du angesprochen, doch schien es Ellie nicht weiter zu stören, viel mehr schien ihr dieses kleine Katz und Maus Spiel, dass er hier gerade mit ihr veranstaltete, sehr zu gefallen.
„Keine Ahnung, ha? Das kann ich dir jetzt glauben, oder auch nicht.“
„Ja“, lachte er leise auf, „allerdings werden wir hier bald festfrieren, wen wir hier weiter in dieser Affenkälte stehenbleiben.
Er machte zwei Schritte auf sie zu bevor er weitersprach.
Wie wäre es, hast du Lust mit mir etwas essen zu gehen?
Ellie sah ihm unumwunden in die Augen und Hank konnte in ihrem Blick erkennen, dass sie wirklich darüber nachdachte. In diesen Sekunden, ging er beinahe durch die Hölle, denn eine Abfuhr war das Letzte, dass er von dieser besonderen Frau bekommen wollte.
„Okay“, sagte sie, wobei der Klang ihrer Stimme eher auf eine Frage als eine Antwort schließen ließ.
„Und worauf hättest du Lust?“
Da war es wieder, dieses strahlende Lächeln, bei dem Hank jedes Mal wieder warm ums Herz wurde.
„Ganz egal, Hauptsache, dort ist es warm.“
„Ich glaube das kriegen wir hin.“



Hank parkte seinen großen SUV auf seinem reservierten Platz und ging schweigend in die Polizeistation des 21. Reviers. Wie üblich legte er seine Hand auf den Handflächenscanner, der das Tor zum Reich der Intelligence Unit bewachte, wie Zerberus das Tor zur Unterwelt. Im oberen Stockwerk angekommen sahen ihm betretene Gesichter entgegen, anscheinen war der Dschungelfunk noch am Laufen und seine Beziehung zu dem Opfer, in ihrem neuesten Fall, hatte sich unter seinen Untergebenen herumgesprochen. Hank hatte weder Lust noch Interesse daran, sich darüber zu äußern und so ging er, wie auch sonst immer, zur Tagesordnung über, auch wenn es ihm einen Stich im Herzen versetzte, Ellies Foto auf dem Whiteboard zu sehen.
„Und, gibt es mittlerweile Verdächtige?“
„Ja, wir haben drei“, meldete sich sein ehemaliger Partner zu Wort.
„Drei? Al du hast doch gesagt, der Angriff wurde gefilmt. Warum also drei Verdächtige? Muss man hier wirklich alles selber machen?“
Seine Stimme überschlug sich beinahe, als er seiner Wut und seiner Verzweiflung freien Lauf ließ. Alle Anwesenden konnten in diesem Moment nur zu deutlich sehen, was diese Frau für ihren Boss bedeutete.
„Hank, du solltest dir erst einmal das Video ansehen.“
Alvin war an ihn herangetreten und versuchte ihn zu beruhigen. Wenn er einen Blick auf dieses Überwachungsvideo werfen würde, würde er vielleicht auch verstehen, warum sie nicht nur nach einem Angreifer suchten, sondern nach drei.
„Hank“, mischte sich nun auch Erin ein, „du solltest es dir wirklich ansehen.“
Mit seinem, ihm so typischen, Blick, machte er sich auf den Weg zu Erins Schreibtisch um sich dort das Video des feigen Überfalls auf Ellie anzusehen. Obwohl er weiter ruhig atmete, war sein Puls mittlerweile auf 180 und der Gedanke gleich mitansehen zu müssen, wie seine Freundin überfallen und zusammengeschlagen wurde, sorgte für eine unglaubliche innerliche Unruhe.
Noch war auf dem Video nichts zu sehen, außer dem frisch verschneiten Gehweg unweit des Freizeitzentrums. Nach ein paar Sekunden war nun Ellie im Blickfeld der Kamera aufgetaucht, eingewickelt in ihre geliebte Daunenjacke und ihrer Sporttasche über der Schulter. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um, anscheinen hatte sie jemand angesprochen.
Nun kamen drei Männer ins Sichtfeld der Kamera, die sich nicht unweit von Ellie nebeneinander aufstellten, beinahe als würden sie versuchen sie einzukesseln. Anhand ihrer Körpersprache konnte Hank erkennen, dass sie die junge Frau augenscheinlich bedrohten, auch wenn sie angespannt war, versuchte Ellie die Situation mit Worten zu deeskalieren. Die Arbeit im Freizeitzentrum hatte sie viel gelehrt.
Trotz all ihrer Bemühungen konnte sie die jungen Männer von ihrem Vorhaben nicht abbringen, denn schon kurz darauf hatte einer der Angreifer versucht einen ersten Schlag in ihr Gesicht zu landen, den sie jedoch sehr gekonnt blockte.
Damit hatten die Männer nicht gerechnet, Ellie wehrte sich, nach allen Regeln der Kunst. Schließlich machte sie schon seit Jahren Taekwondo und so waren die Angreifer im ersten Moment eher überrascht, gezielte Tritte und Schläge von dieser zierlichen jungen Frau einstecken zu müssen. Einem hatte sie augenscheinlich das Handgelenk gebrochen, denn er umfasste es mit schmerzverzerrtem Gesicht und taumelte ein paar Schritte rückwärts, einem anderen offenbar einige Rippen, denn dieser hielt sich die Seite. Ellie wehrte sich tapfer, auch wenn sie einige Treffer einstecken musste, doch als der dritte von hinten mit einem Baseballschläger ankam war der Kampf bald vorbei und Ellie lag blutend im Schnee.
Hank schäumte vor Wut, in diesem Moment schwor er sich, wenn er die Gelegenheit bekommen würde, würde er diese Mistkerle dafür zahlen lassen, für jeden einzelnen Schlag. „Wissen wir schon, wer diese Typen sind“, wollte Hank wissen und knirschte wütend mit den Zähnen.
„Laufen gerade durch die Gesichtserkennung, Boss“, meldete sich Mouse zu Wort, der etwas entfernt von ihnen hinter seinem Schreibtisch saß und mehr oder weniger hinter seinen Bildschirmen in Deckung gegangen war.
„Sagt mit Bescheid, wenn ihr etwas Genaueres wisst.“
Mit diesen Worten ging er in sein Büro und schoss, unüblicher Weise, hinter sich die Türe. Hank wollte alleine sein mit seinen Gedanken, einfach nur alleine.



6 Monate zuvor

Es war eine laue Mainacht, als er vor dem Sportzentrum des Chicagoer-Taekwondo-Verbandes auf Ellie wartete. Erin hatte ihm von dem Turnier erzähl, er selbst hatte bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt, was die junge Frau, die nun schon seit Monaten seine Gedanken beherrschte, so in ihrer Freizeit machte.
„Also mit dir sollte man sich wirklich nicht anlegen“, meinte Hank mit einem Lachen als Ellie mit einer riesigen Sporttasche auf den Schultern und einem leicht verlegenen Grinsen auf ihn zukam.
„Was machst du hier? Lass mich raten, einer deiner Informanten hat dir von dem heutigen Turnier erzählt, hab ich Recht, schon wieder dieses Katz und Maus Spiel, das ihm so gut mit ihr gefiel.
„Warum habe ich nur das Gefühl, ich sollte nach meinem Anwalt verlangen“, scherzte er.
„Glaubst du wirklich, Hank, ein Anwalt könnte dich vor mir schützen?“
Sie war nur einen knappen halben Meter von ihm entfernt stehen geblieben und schaute ihn nun herausfordernd an.
„Also nachdem, was ich da drinnen gesehen habe, eher nein.“
Er wich keinen Schritt zurück und sah ihr nun ebenso herausfordernd entgegen. Er wusste nicht wo diese Situation enden würde, aber er würde keinen Meter weichen. Zu seinem Glück konnte Ellie seinem Blick nicht allzu lange Stand halten und ihr helles Lachen, das nun zu hören war, als sie sich etwas zur Seite drehte, war wie Musik in seinen Ohren. Ganz gentlemanlike nahm er ihr die Sporttasche ab und betrachtete sie freundlich, ja beinahe liebevoll.
„Was hältst du davon, wenn wir etwas Essen gehen. Schließlich kommt es ja nicht jeden Tag vor, dass man die Stadtmeisterschaften gewinnt.“
„Ja klingt gut, meinte sie nickend.
Wieder sah sie ihm in die Augen, rührte sich keinen Millimeter, und Hank konnte nur zu genau erkennen, dass sie irgendetwas vor hatte, sich dessen aber noch nicht ganz sicher war. Ehe er es sich versah, hatte sich die junge Frau auf die Zehenspitzen gestellt und küsste ihn. Ihre sanften und weichen Lippen auf seinen zu spüren, war ein unbeschreibliches Gefühl und auch wenn jetzt hundert gute Gründe dafürsprechen würden es nicht zu tun, erwiderte er den Kuss. Zärtlich legte er seine Hand auf ihre Wange und zog sie mit der anderen näher an sich heran. Er konnte es nicht fassen, dieses kleine Energiebündel, das immer wieder für eine Überraschung gut war, hatte es doch tatsächlich getan und war ihm zuvor gekommen.



„Hey Hank, wir haben da was.“
Alvin hatte den Sergeant jäh aus seinen Gedanken geholt als er unvermittelt die Bürotür aufgerissen und ihn angesprochen hatte. Er warf einen Blick auf die Uhr, kurz nach Mittag. Hank war müde und erschöpft, jedoch würde er nicht eher ruhen, bis er diese Schweine, die seiner Ellie das angetan hatten, dafür zur Rechenschaft gezogen hatte. Matt rieb er sich die Augen bevor er aufstand und wieder zu den Anderen ging.
„Was habt ihr?“
Antonio war gerade dabei ein Fahndungsfoto auf das Whiteboard zu heften.
„Das ist Salvador Diaz, ein Mitglied bei den Southside Hermanos und wenn ich meinem Informanten trauen kann, der Typ fürs Grobe.“
„Das soll heißen?“
„Er ist dafür da, um Probleme zu lösen. Der Fall letztes Jahr, dieses Drive-By-Shooting vor dem Freizeitzentrum, da waren doch auch die Hermanos darin verwickelt.“
„Ja, aber der Schütze von damals war ein Mitglied der Eastside Cowboys“, warf Hank ein, „der diesen Anschlag den Hermanos in die Schuhe schieben wollte. Alle wissen, dass die Gang die Finger von dem Freizeitzentrum lässt, Ellie hatte einen Waffenstillstand erwirkt.“
„Ja, nur dieser Waffenstillstand bröckelt seit einiger Zeit.“
„Seit wann“, Hank war hellhörig geworden.
Ellie hatte also doch Probleme gehabt und diese vor ihm verheimlicht. Vermutlich wollte sie die Sache auf eigene Faust regeln und dann war es ihr doch über den Kopf gewachsen.
„Seit zirka drei Wochen, seit es einen Putsch im inneren der Gang gab und es nun eine neue Riege an der Spitze gibt, die das Sagen hat. Ellie hat sich ihnen anscheinend in den Weg gestellt, als sie Kinder direkt aus dem Freizeitzentrum rekrutieren wollten. Damit hat sie sich bei denen keine Freunde gemacht.“
Das war wieder so typisch für seine Kleine, wenn es um den Schutz ihrer Kinder ging kannte sie keine Grenzen. Hank konnte sich sehr gut vorstellen, dass Ellie ihnen die Stirn geboten hatte, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Warum war sie nicht an ihn herangetreten, er hätte ihr geholfen, aber sie war ebenso ein Typ, der immer alles alleine schaffen wollte. Vorher konnte er ihr nicht helfen, doch jetzt würde er die Sache für sie erledigen, ein für alle Mal.
„Findet mir diesen Diaz und bringt ihn her. Ich bin sicher er weiß wer hinter diesem feigen Anschlag steckt.“



4 einhalb Monate zuvor

Hank wurde an diesem Samstagmorgen von der Amsel geweckt, die ihr allmorgendliches Lied auf seinem Fenstersims von sich gab. Vorsichtig und behutsam drehte er sich zu der Frau neben ihm, die noch immer friedlich schlief. Er wollte sie nicht wecken. Zärtlich legte er seinen Arm um sie und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Das Gefühl neben ihr aufzuwachen war wunderschön und wenn er die Wahl hätte, würde er es am liebste jeden Morgen für den Rest seines Lebens.
Auch die letzte Nacht war unbeschreiblich gewesen, auch wenn ihr Ende so nicht geplant gewesen war. Eigentlich wollten sie nur den 4. Juli miteinander verbringen. Er hatte sie zum BBQ eingeladen und es war ein wundervoller Abend gewesen, der in einer unglaublichen Nacht geendet hatte.
Hank hatte eigentlich seit dem Tod seiner Frau mit all diesen Dingen abgeschlossen. Wie wahrscheinlich war es bei über sechs Milliarden Menschen auf dieser Welt diesen Einen zu finden, mit dem man sein Leben verbringen möchte. Hank hätte es niemals für möglich gehalten dieses Glück zweimal erleben zu dürfen.
Der Duft dieser Frau in seinen Armen verlieh ihm dieses unbeschreibliche Gefühl nach Hause gekommen zu sein und er sog ihn ganz tief in sich ein. Schon viel zu lange war er der einsame und rastlose Polizist gewesen, der nur aus seinem Beruf bestand, Privatleben kannte er erst wieder, seit sie in sein Leben getreten war. Bei ihr konnte er endlich zur Ruhe kommen, als wäre sie sein sicherer Hafen.
Es war immer wieder faszinierend, wie schnell sich das Leben doch ändern konnte. Erst vor ein paar Monaten war ihm diese energische und zielstrebige Frau an einem seiner Tatorte begegnet und seitdem hatte sich alles verändert, er hatte sich verändert.



Salvador Diaz saß mit auf dem Rücken gefesselten Händen im Käfig und wartete. Die Handschellen lagen so eng um seine Gelenke, dass sie sich beinahe ins Fleisch schnitten, dennoch sagte er kein Wort, keinen Mucks, machte keine einzige Bewegung. Er starrte nur stur geradeaus auf die gegenüberliegende Wand.
Hank stand ein paar Meter von ihm entfernt und fixierte ihn. In seinen Augen war all die Wut zu sehen, die er in diesem Moment empfand und allen war klar, dass, wenn er in diesem Moment kein Geständnis von diesem Hermano bekommen würde, würde dieser das 21. Revier der chicagoer Polizei in einem Leichensack verlassen.
Antonio und Alvin standen neben Hank, nervös blickten sie zwischen ihrem Boss und dem Gangmitglied im Käfig hin und her. Sie ahnten was jetzt folgen würde, denn auch wenn niemand es offiziell wusste, war doch allen mittlerweile klar in welcher Beziehung Hank Voigth zu Ellie stand und das es in diesem Fall keine Grenzen mehr für ihn gab, die er für sie nicht überschreiten würde.
„Geht spazieren“, knurrte Hank seine Detectives an.
Al und Antonio wechselten kurz besorgte Blicke, doch bevor sie noch ihre Bedenken äußern konnten, erhob ihr Boss ein weiteres Mal seine Stimme um ihnen sein Anliegen mit mehr Nachdruck nahe zu legen.
„Spazieren gehen!“
Ohne weitere Widerworte verließen die beiden Polizisten den Raum und gingen zurück ins Büro der Intelligence Unit obwohl sie ganz genau wussten, was jetzt folgen sollte.
Hank machte ein paar Schritte auf den Käfig zu. Seine ganze Körpersprache ließ ihn noch bedrohlicher wirken als sonst.
„Und jetzt wirst du mir erzählen, wer hinter dem Überfall auf Ellie Willis steckt.“
„Ich hab keine Ahnung wer das sein soll“, meinte Diaz gleichgültig.
„Glaub mir, es ist besser du redest. Du willst nicht, dass ich zu dir da rein komme.“
Hanks Stimme hatte einen sehr bedrohlichen Ton angenommen und langsam kam er auf den Käfig zu.
„Ich habe nichts zu sagen.“
Der Leiter der Intelligence Unit wusste, dass er hier nicht nur mit guten Worten weiter kommen würde. Er griff in die vordere Seitentasche seiner Jeans und nahm dein Schlüsselbund heraus. Langsam und bedächtig nähere er sich der Tür des Käfigs und schloss auf. Hank wusste, dass er diesen Hermano früher oder später zum Reden bringen würde, er musste nur nachdrücklich genug fragen.



Eine Woche zuvor
„Alles okay?“
Hank stand an den Tresen seiner Küche gelehnt und trank seinen Kaffee, während er Ellie nicht aus den Augen ließ. Etwas war anders als sonst an diesem Morgen, irgendwie hatte es den Anschein, als wäre sie mit den Gedanken ganz weit weg, als würden sie Sorgen quälen.
Ähm …. ja klar. Warum fragst du, antwortete sie ganz erstaunt, anscheinend hatte sie ganz vergessen, dass er auch noch da war.
„Naja, du starrst schon seit geschlagenen zehn Minuten auf den Becher in deiner Hand, ohne einen Schluck gemacht zu haben. Normalerweise hättest du bis jetzt schon zwei Tassen getrunken.“
Er kannte sie gut, vielleicht etwas zu gut. Es war nicht leicht etwas vor ihm zu verbergen, aber dennoch war es an diesem Morgen selbst für Hank schwierig hinter ihre Fassade zu blicken. Irgendetwas beschäftigte sie, doch konnte er nicht sagen, ob es um eines ihrer Kinder im Freizeitzentrum ging, oder ob sie Probleme hatte.
„Sorry, ich war nur in Gedanken.“
„Alles okay?“
„Ja klar, Hank, alles okay, lächelte sie ihn an und machte einen Schluck von dem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee in ihrer Hand.
Besorgt blickte er auf die Frau hinab, die ihm gegenüber am Tisch saß und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
„Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, Schatz.“
„Ja ich weiß“, seufzte sie, „aber es ist wirklich nichts, zu mindestens nichts Dramatisches.“
„Sicher?“
„Ja, sicher.“
Er wusste nur zu gut, dass er in diesem Moment nicht mehr aus ihr herausbekommen würde. Vielleicht würde sie später mehr preisgeben, aber jetzt war es ziemlich sinnlos weiter zu fragen.
„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend ins Kino gehen würden?“
„Kino? Hank ich hab heute Training, ich werde dort sicher nicht vor Acht, Halbneun rauskommen“, lächelte sie ihn an.
„Okay, wie wäre es dann mit Essengehen. Ich habe mir sagen lassen, dass nach so einem Training ein proteinreiches Essen von Vorteil ist, und was wäre proteinreicher als ein richtig schönes Steak bei Griffins. Sagen wir so gegen neun?“
„Ja, ich denke das sollte ich hinkriegen.“
Hank machte einige Schritte auf sie zu und strich ihr eine lockere Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ist wirklich alles okay bei dir?“
„Ja.“



Hank fuhr den Schotterweg entlang der zu den Silos führte. Schon oft war er mit seinen >Klienten< hier her gekommen um einige Dinge klar zu stellen. Doch dieses Mal würde er diesen Ort wieder alleine verlassen, davon war er überzeugt. Diesmal würde er hier eine Leiche hinterlassen, die Begleichung dieser Rechnung einfordern, ein Leben für ein Leben.
Abrupt stoppte er seinen Wagen, stieg aus und ging zum Kofferraum. Dort drinnen lag der Drahtzieher der ganzen Aktion gegen Ellie, und Hank würde dafür sorgen, dass er diesen Fehler sein restliches Leben nicht mehr vergessen würde, egal wie kurz es auch immer sein möge. Brutal ergriff er den Hermano am Oberarm und zerrte ihn aus dem Wagen um ihn dann quer über den Platz zu schleifen. Unweit von seinem großen schwarzen SUV entfernt zwang er ihn auf die Knie und starrte ihm einfach nur in die Augen, minutenlang bis er endlich seine Stimme erhob.
„Warum“, knurrte Hank.
„Warum was?“
„Warum hast du drei Schläger auf die junge Frau gehetzt?“
Noch immer war seine Stimme rau und einschüchternd, beinahe als wäre er ein knurrender Hund, der drohend die Zähne fletschte, doch noch immer gab es keine brauchbare Antwort von seinem Gegenüber.
„WARUM?“
„Die Kleine hat sich in Dinge eingemischt, die sie nichts angegangen sind. Wir mussten ihr eben einen Denkzettel verpassen.“
„Einen Denkzettel?“
Hank war wütend, er zog seine Pistole und schlug dem Mann ihm gegenüber mit dem Griff ins Gesicht, so dass dieser mit schmerzverzogenem Gesicht in die Knie ging. Das Blut floss ihm aus dem Mund und er spuckte es auf den Schotter, der überall auf dem Boden verteilt lag. Auch Hank war ein Fan davon Denkzettel zu verteilen. Hier und jetzt war eine weitere dieser Gelegenheiten.
„Ihr habt Kinder, die versuchen etwas Besseres aus ihrem Leben zu machen, die aus dieser Sackgasse die ihr Leben nennt herauskommen wollen, direkt aus den Reihen des Freizeitzentrums rekrutiert. Und da wundert ihr euch, dass sich euch jemand in den Weg stellt?“
„Die kleine Schlampe hat geglaubt sie könnte sich uns in die Quere stellen, dass wir aufhören nur weil sie es verlangt. Jemand musste sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen!“
Hank trat diesem Abschaum der da vor ihm im Staub lag mit aller Kraft in die Magengrube, sodass er stöhnend zusammenbrach.
„SCHLAMPE“, schrie Hank voller Wut, „diese Schlampe hatte jedes Recht die Kinder von solchen Schweinen wie euch zu schützen.“
„In Zukunft wird sie es sich zweimal überlegen, bevor sie sich wieder irgendwem in den Weg stellt.“
„Da kennst du sie schlecht. Aber du wirst es sowieso nicht mehr miterleben!“
Mit diesen Worten hielt Hank diesem Abschaum der menschlichen Rasse seine Waffe zwischen die Augen. Er würde dafür sorgen, dass es hier und jetzt endete.



2 Tage zuvor

„Hank? Wir haben einen neuen Fall!“
Erin war kurz vor Dienstschluss in das Büro ihres Vorgesetzten gestürmt. Hank merkte sofort, dass hier etwas nicht stimmte, denn die blanke Panik stand ins Gesicht seiner Ziehtochter geschrieben. Dennoch blieb er ruhig, vielleicht hatte ihre Reaktion nichts mit dem Fall zu tun, sondern etwas mit ihrer Beziehung zu Jay, die ihm noch immer ein Dorn im Auge war.
„Was ist passiert?“
„Überfall auf eine Frau in der Southside.“
„Und warum soll das ein Fall für die Intelligence sein? Dort werden jeden Tag Leute überfallen, das ist Gang-Territorium, soll sich die Gang-Unit darum kümmern.“
Erin schüttelte nur kurz den Kopf und jeder konnte merken, dass sie mit den Tränen kämpfte. Anscheinend war doch mehr dahinter, als er im ersten Augenblick gedacht hatte.
„Es ist Ellie. Ellie ist das Opfer.“
In dem Moment, als er ihren Namen hörte, war er aus seinem Stuhl aufgesprungen und schon halb auf dem Weg zu seinem Wagen. Es hatte nicht lange gedauert, bis er endlich am Tatort ankam, war er doch gefahren als wäre der Teufel selbst hinter ihm her gewesen.
Noch bevor er aus seinem Auto stieg, konnte er sehen, dass Ellie gerade mit dem Spineboard, auf das sie geschnallt war, in den Krankenwagen verfrachtet wurde. Sie war intubiert und beinahe vollkommen blutverschmiert. Was auch immer geschehen war, seine Intelligence Unit würde es herausfinden und den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen.
Schon auf den ersten Blick erkannte Hank, dass es nicht gut um sie stand. Bevor er noch etwas sagen konnte spürte er die Hand von Erin auf seiner Schulter.
„Fahr mit ihr, ich kümmere mich hier um alles.“
Mehr brauchte sie nicht zu sagen, denn kurz darauf war er schon zu Ellie und dem Sanitäter in den Krankenwagen gestiegen. Er ergriff ihre Hand, die voller Schürfwunden und Prellungen war, und redete ruhig auf sie ein, doch die Angst die er in diesem Augenblick um dieses geliebte Wesen hatte, dass hier vor seinen Augen einen verzweifelten Kampf mit dem Tod ausfocht, lähmte ihn beinahe.
Nur am Rande bekam er mit, dass der Sanitäter über Funk das Krankenhaus benachrichtigte und etwas über schwere innere Verletzungen und einen instabilen Kreislauf erwähnte. Ellies Gesicht war blutverschmiert, von einer Platzwunde direkt über ihrem linken Auge und der Druckverband auf ihrer rechten Schulter, der einen offenen Bruch abdecken sollte war mittlerweile auch schon blutdurchtränkt.
Es stand nicht gut um sie, dass konnte jeder erkennen und Hanks Kehle schnüre sich bei dem Gedanken zu, dass er sie verlieren könnte, noch bevor er ihr gesagt hatte, was er für sie empfand.



Hank war wieder ins Krankenhaus zurückgekehrt und setzte sich leise neben das Bett von Ellie. Sie lag friedlich da und schlief, er war so unendlich froh, dass sie nun über dem Berg war. Für sie war er bereit gewesen, eine ganze Gang auszurotten, jeden einzelnen dafür zahlen zu lassen, was mit ihr geschehen war, vom kleinsten Handlanger bis hinauf zur Führungsspitze.
Dem Drahtzieher des Ganzen war er vor einer Stunde noch gegenübergestanden, bereit ihn für all das mit dem Leben bezahlen zu lassen, was auf seinen Befehl hin Ellie angetan wurde. Er hatte ihm schon die Waffe an die Stirn gehalten, bereit den Abzug zu drücken und die ganze Sache ein für alle Mal zu beenden. Wenn Sergeant Platt nicht genau in diesem Moment angerufen hätte um ihm mitzuteilen, dass seine Kleine aufgewacht und über den Berg war, gäbe es jetzt einen weiteren Namen auf seinem Kill-Count.
So hatte er ihn nach einer gehörigen Abreibung wieder lebend auf das Polizeirevier des 21. Bezirkes gebracht und war umgehend zu Ellie ins Krankenhaus gefahren. Jetzt saß er wieder hier, und betrachtete dieses geliebte Wesen, froh zu sehen, dass sie wieder etwas mehr Farbe im Gesicht hatte.
Blinzelnd öffnete die junge Frau ihre Augen, als hätte sie ihn und die Gedanken die er sich gerade machte bemerkt, und ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihn ansah.
„Hey“, flüsterte sie mit noch schwacher Stimme.
Die Intubation hatte offensichtlich ihre Stimmbänder gereizt, doch, da war Hank sich sicher, das würde sich in ein paar Tagen wieder legen.
„Hey, wie fühlst du dich?“
„Als wäre ich in Watte gepackt“, lächelte sie matt.
„Hast du Schmerzen“, fragte er besorgt und lehnte sich ein wenig zu ihr.
„Nein, nicht …. nicht wirklich.“
Ellie versuchte sich zu bewegen, stoppte ihre Bemühungen jedoch wieder sehr schnell, auch wenn sie es ihm gegenüber verleugnet hatte, konnte er dennoch sehr deutlich erkennen, dass sie sehr wohl Schmerzen hatte.
„Wie lange bin ich schon hier?“
„Zwei Tage.“
Zwei Tage, in denen er durch die Hölle gegangen war. Zwei Tage, an denen er jeden Moment damit rechnen musste, sie zu verlieren. Zwei Tage, an denen das ganze letzte Jahr noch einmal vor seinem inneren Auge abgelaufen war.
„Habt ihr die Kerle erwischt?“
„Ja, das haben wir.“
„Hank, warum ….. warum ist das passiert, ich hab … keine Ahnung, warum die auf mich los sind.“
„Mach dir darüber keine Gedanken, Schatz, sie sind weg und kommen so bald auch nicht mehr zurück.“
Ellie nickte müde und lehnte sich weiter in das Kissen zurück. Ihre Schulter schmerzte und sie war durch die Medikamente sehr benommen. Es war schwierig für sie auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, viel mehr sprang ihr Verstand derzeit von einem zum anderen, wie die Kugel in einem Flipperautomaten.
„Du solltest versuchen etwas zu schlafen“, meinte Hank und seine Stimme hatte wieder diesen liebevollen, beinahe zärtlichen Unterton angenommen.
„Vielleicht hast du Recht.“
Erschöpft und zittrig hob sie ihre rechte Hand und streckte sie ihm entgegen. Hank ergriff sie sofort und drückte sie zärtlich.
„Bleibst du noch ein wenig“, fragte sie und ihre Stimme war beinahe nur noch ein Flüstern.
„Solange du willst.“
Ellie schloss die Augen und hatte schon nach kurzer Zeit begonnen gleichmäßig und ruhig zu atmen. Hank nahm all seinen Mut zusammen, wollte ihr endlich das zu sagen, was ihm schon so lange auf der Seele lag.
„Ellie?“
„Hmmmm“, meldete sie sich im Halbschlaf.
„Ich liebe dich.“
Zittrig hoben sich ihre Augenlieder ein wenig, sodass sie durch den kleinen Spalt zwischen ihren Wimpern durchlinsen konnte.
„Ich liebe dich auch, Hank“, flüsterte sie kurz bevor sie endgültig ins Reich der Träume hinüberglitt.
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