Der Reiz der Gesetzlosigkeit

OneshotAllgemein / P16
26.10.2016
26.10.2016
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Der Reiz der Gesetzlosigkeit


„Frei bin ich geboren, um frei zu leben erwählte ich die Einsamkeit des Gefildes.“
- aus 'Don Quixote von la Mancha', Miguel de Cervantes Saavedra

Dies ist die Geschichte eines Hundes namens Dodger.* Dodger war ein 'guter Hund', wie sein Frauchen ihn immer zu nennen pflegte, dabei tat Dodger jeden Tag einfach nur das, was sie von ihm verlangte.
Das war wahrlich nichts Kompliziertes, meistens musste er nur den geworfenen Stock zurückbringen oder Befehle wie 'Sitz!' oder 'Platz!' befolgen. Nichts Besonderes also, denn es war recht einfach den Wünschen seines Frauchens zu entsprechen.
Eines Tages jedoch begab es sich, dass Dodger zusammen mit seinem Frauchen wie gewohnt zur Hundewiese spazierte, wo er dann rennen und spielen durfte.
Doch an jenem Tag war etwas anders, ein seltsamer Geruch lag in der Luft und irgendwie wurde Dodger das Gefühl nicht los, dass es jemand feindlich Gesinntes war, der hier an der Hundewiese sein Unwesen trieb.
Interessiert und gleichzeitig ziemlich aufgeregt begann Dodger damit die Umgebung zu beschnüffeln, um die Quelle dieses Geruchs ausfindig zu machen. Kurze Zeit später glaubte er sie gefunden zu haben und das direkt in einem Busch.
Aufmerksam begann er damit die Blätter des Gewächses genauer zu beschnuppern und schon hörte er den ersten aggressiven Ton aus dem Dunkel des Busches dröhnen.
Nein, wohl eher kreischen. Oder?
Dodger hatte dieses Geräusch noch nie zuvor gehört, ein anderer Hund konnte es deshalb nicht sein, und auch kein Mensch.
Vorsichtig drückte er seine Nase an den bewachsenen Zweigen vorbei und dann begann das Grauen: Eine mit scharfen Krallen bewaffnete Pfote schnellte aus dem Geäst hervor und die Klauen fuhren sofort mehrere Millimeter tief in sein Fleisch.
Panisch wich er zurück, doch weglaufen würde er nicht, er würde hier bleiben und kämpfen, wenn es sein müsste.
So laut wie möglich bellte Dodger nun den Busch an und steckte seine eigenen Pfoten ein paar Mal hinein, bis der gesichtslose Übeltäter aus seinem Versteck hervorkam und auf den nächsten Baum zu lief.
Dabei war der Feind so schnell gewesen, dass es Dodger vorgekommen war, als hätte er das Erscheinen und Verschwinden eines Schattens beobachten können.
Dodger wollte noch immer das Gesicht seines Widersachers sehen und stellte sich an den Fuß des Ungetüms, das hier schon als Baum gewachsen sein musste, bevor Dodger überhaupt das Licht der Welt erblickt hatte.
„Du bist zu langsam, dummer Hund“, schnarrte dann eine merkwürdige Stimme aus den Baumwipfeln herab und Dodger konnte zum ersten Mal erkennen, dass es sich bei dem mysteriösen Fremden um einen alten Kater handelte, der gerade auf einem Ast Platz nahm, um seine rechte Vorderpfote genüsslich und gleichzeitig doch ausnehmend elegant abzulecken.
„Wieso hast du mich gekratzt?“ wollte Dodger wissen, ohne auf die Beleidigung einzugehen, mit der er von dem Kater begrüßt worden war.
„Wieso steckst du deine Nase ohne zu fragen in meinen Schlafplatz?“
Darauf wollte Dodger keine Antwort geben, denn es war doch wohl klar, warum er das getan hatte – der Geruch hatte ihn dazu getrieben das zu tun, denn normalerweise waren ja nur Hunde auf der Wiese.
Der Kater war dagegen also bloß ein Eindringling, der sich nahm, was er wollte. Dennoch war es keine Feindseligkeit gewesen, die Dodger zum Handeln verleitet hatte.
Neugierde, unverhohlene vielleicht sogar, doch nie und nimmer Feindseligkeit. Kämpfen wollte er nur, weil der andere als erster angegriffen hatte.
„Seit wann ist das dein Schlafplatz? Hier gehört niemandem auch nur die kleinste Kleinigkeit, dasist eine freie Hundewiese!“ widersprach Dodger dem Kater, der ihn gar nicht mehr zu beachten schien, sondern sehr damit beschäftigt war, sich den fusseligen Bauch zu lecken.
„Tse, eine freie Wiese also. Für freie Hunde, oder wie darf ich das verstehen? Im Gegensatz zu dir, hörige Kreatur, bin doch wohl ich derjenige, den man als frei bezeichnen darf. Ich muss keine Wurst auf meiner Nase balancieren, ich fresse sie einfach. Ob's erlaubt ist, oder nicht, sei mal dahingestellt“, jaulte der Kater und legte sich bequem auf den Ast, während er zu spinnen begann und die Schwanzspitze in langsamen Wellenbewegungen hin und her fließen ließ.
Resigniert entfernte Dodger sich langsam von dem Baum, denn er wusste, dass er gegen dieses Tier keine Chance hatte, schlicht weil er so weit oben saß und damit unerreichbar wurde.
„Sei nicht betrübt, mein tumber Freund der Befehle, auch als Narr kann man glücklich sein. Je weniger man nämlich denkt oder widerspricht, desto einfacher wird es. Oder du machst es so wie ich und all meine Artgenossen und sagst dich los von Erniedrigung und Sklaverei. Es liegt allein bei dir“, rief der Kater noch belustigt hinterher, anscheinend weil er nicht damit rechnete, dass Dodger allerdings sehr wohl von sich glaubte einen freien Willen zu haben.
Wütend werdend beschleunigte Dodger seine Schritte und zurück auf der Hundewiese angekommen begann er damit einen kleineren Hund zu jagen und sein eigenes Frauchen zu ignorieren.

Das von Bellen untermalte Chaos, in dem von der einen auf die andere Sekunde achtzehn Hunde aufeinander losgingen und kämpften, während ihre Besitzer hilflos einzugreifen versuchten, wurde derweil von einem alten Kater aus der Krone eines noch älteren Baumes zufrieden beobachtet.
Solch treffliche Unterhaltung hatte er schon seit langer Zeit nicht mehr mit ansehen können. Insgesamt also ein gelungener Nachmittag.
Damit endet die Geschichte vom rebellischen Dodger und seiner seltsamen Begegnung auf der Hundewiese.

* So heißt einer der Hunde bei „Oliver & Co.“, für alle Disney-Freunde unter euch.

Anmerkung: Hierbei handelt es sich um eine sogenannte „Reizwort-Geschichte“. Dabei werden willkürliche Worte aus einem Topf gezogen und daraus soll dann eine Geschichte gebastelt werden. Meine Worte waren Geschichte, Hund, Katze, kämpfen. Diese Fabel ist im Rahmen eines Ferien-Schreibworkshops für 10- bis 14-jährige entstanden, den ich zusammen mit der Schriftstellerin Marie T. Martin betreuen durfte. Mal eine etwas ungewohnte Art zu arbeiten, aber nicht weniger spaßig.
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