Warten (Worth Waiting)

von classic
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
25.10.2016
25.10.2016
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Huhu ihr Lieben. :)
Freut mich, dass ihr bei dieser Geschichte gelandet seid.
Für diese Fanfiktion gab mir
Spear von Julius Lester die Idee.  (Jetzt lade ich schon alte Geschichten wieder hoch... verwerflich, ich weiß. ^^)
Spoiler: Staffel 3 Ende/Staffel 4 Anfang

Ich hoffe, sie gefällt euch.





Warten (Worth Waiting)


[Hautnah – die Methode Hill / Wire in the Blood]Eine neue Gewohnheit, entstanden durch Carols unvorhergesehenen Umzug. [Tony Hill/ Carol Jordan]



Draußen wirkt es etwas stürmisch, auch wenn es Sommer ist. Wahrscheinlich wird es in den nächsten paar Stunden anfangen zu regnen. Es regnet immer, wenn das Wetter zu dieser Jahreszeit ungestüm wird.

Er sitzt in seinem kleinen Büro und wartet. Wartet darauf, dass irgendetwas passieren würde. Etwas was er nicht genau bestimmen konnte. Nicht bestimmbar.

Er seufzt und nimmt einen der abgehefteten Aufsätze seiner Studenten. Seit wann unterrichtet er Psychologie an der Universität? Wann hat er angefangen zu studieren? Seit wie vielen Jahren ist Psychologie sein Leben? Seit wie vielen Jahren reizen ihn die dunklen Flecken der menschlichen Psyche? Wie viele von diesen hat er allein verbracht?

Die meisten, denkt er.

Wie viele Jahre davon hat er sich gewünscht jemanden zu haben? Nicht viele, falls er es sich je gewünscht hatte.

Er unterstreicht einen Satz der Arbeit und schreibt seinen Kommentar daneben. Dann liest er ihn noch einmal und kreist das kritische Wort ein.Während er weiterarbeitet, zieht der Tag an seinem Fenster vorbei. Es ist schon dunkel als er mit dem erste Stapel fertig wird. Irgendwie ist er froh darüber. Kurz sieht er auf und sein Gesicht spiegelt sich blass in der Scheibe.

Auf seinem Nachhauseweg regnet es. Endlich. Nach wenigen Minuten ist seine Jacke nass. Nach der Hälfte des Weges dringt die Nässe auf seine Haut vor. Dennoch geht er langsam und setzt jeden Fuß bewusst vor den anderen. Kleidung trocknet wieder. Es ist egal, ob sie nass wird oder nicht. Auch er wird wieder trocknen. Da kann er auch nass werden.

So bleibt er in seiner Wohnung und spielt an seinem Computer. Hauptsächlich Lara Croft. Vielleicht ist der Regen eine Ausrede. Er bleibt immer zu Hause und spielt Lara Croft. Und er verliert immer an der gleichen Stelle.

Einmal in der Woche, spät Nachts, kurz vor Mitternacht, klingelt sein Telefon. Normalerweise legt er dann den Controller weg und stellt den Bildschirm aus.

Es klingelt seit dem Tag, an dem er es herausfand. Er antwortet immer bevor das zweite Klingeln beendet ist. Jedes Mal zögert sein Finger, ehe er den Anruf annimmt und jedes Mal atmet er tief ein, ehe er den Hörer an sein Ohr hält. Jedes Mal wartet er eine Sekunde und lauscht in die Stille.

„Hallo?“, erkundigt er sich dann, obwohl er weiß, dass sie es ist

.„Tony?“, fragt sie zurück.

„Hi“, antwortet er. Es ist nur ein Wort, das er sagt. Es ist immer das Gleiche. Doch es verrät so viel mehr. Er sagt ihr damit, dass er sich an sie erinnert. Er wird nicht eine Sekunde ihrer gemeinsamen Zeit vergessen.

„Ich bins“, sagt sie. Manchmal glaubt er ein Seufzen zu hören. Manchmal ein Lächeln. Und in anderen Nächten Traurigkeit.

„Ich weiß.“

Daraufhin verfallen sie oft in Schweigen. Beide wissen, dass sie den Hörer so fest halten, dass ihre Hände davon wehtun werden. Er weiß, dass er es tut und er hofft, dass es ihr ebenso geht.

Manchmal kommt es ihm vor, als würde sich in ihrem Schweigen die Distanz zwischen ihnen ausbreiten. Die zigtausend Kilometer, die sie voneinander trennen und die nicht überwunden werden können.

Manchmal verschwindet diese Distanz nur durch ihre Worte. „Gute Nacht, Tony. Ich liebe dich.“

Und dann hört er, wie die Leitung unterbrochen wird. Ein Klicken folgt dem letzten Hauch ihrer Stimme. Heute folgt das Prasseln von schweren Regentropfen an seinem Fenster der Stille. Die entfernten Schläge einer Turmuhr läuten den neuen Tag ein. Den Beginn der neuen Woche, die er mit Warten verbringen wird.

Er ist nie schnell genug um ihr zu antworten. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er weiß nur, dass sie Recht hat.

Und er fragt sich, wie lang es brauchen wird, eh er ihr das Gleiche sagen kann.