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Sharky

von Artreon
GeschichteMystery / P16 / Gen
OC (Own Character)
24.10.2016
24.10.2016
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Ein neuer Morgen.

Heulend pfeift der eisige Wind durch die zerbrochenen Fenster des Bootsschuppens herein, als ich mich von meinem Lager aus Robbenfellen erhebe.
Schnee und Glasscherben knirschen unter meinen Fußsohlen. Nicht das mich so etwas stören würde. Kälte hatte mir noch nie viel ausgemacht. Meine Zehen graben nachdenklich im  verharrschten Schnee. Verharrscht und blutig.
Zeit hier zu verschwinden. Der Kopfgeldjäger , den ich gestern erledigt habe , zeigte mir, das es hier nicht mehr sicher ist.
Finden wird ihn wohl niemand mehr, ich habe ihn am Grund der Bay zwischen Felsen eingeklemmt, und die blinden Krebse und Fische dort unten kauen ihn nun ab.
900 Meter ist das Meer hier tief. Draußen, vor dem Kap
Ich tauche nicht gerne soweit hinunter, nicht wegen der Kälte, oder der Dunkelheit, aber es ist zu wenig Sauerstoff im Wasser. Und Beute gibt es dort auch nicht. Ich mag den lichtlosen Abgrund nicht besonders.
Ich kratze mich an der Brust, wo mich die Schrotladung aus seiner Flinte getroffen hat. Unangenehm, aber nicht wirklich behindernd. Wunden sind bei mir schon immer gut verheilt.
Und meine Finger fahren sanft über die riesigen, bogenförmigen Narben über Schultern und Schlüsselbeine.
Paarungsbisse, von einem Weibchen. Ich lächele bei dem Gedanken, und wundere mich wieder einmal, das Narben von beiden Körpern abgebildet werden. Erinnerungen aus besseren Zeiten.
Bisse, zum Umarmen, zum sich festzuhalten. Ich lächele, denn Flossen haben auch Nachteile.

Wenigstens hat mir der Kopfgeldjäger sein Motorrad dagelassen, seine Knarre und die Klamotten.
Etwas zerrissen und blutig, aber immer noch besser als im Januar nur mit Robbenpelzen bekleidet auf dem Hobel zu sitzen. Stören würde es mich wohl nicht, aber es wäre wohl verdammt auffällig.
Eine halb abgebissene , gefroren Robbe wandert in die Satteltasche , ein ordentlicher Sack spanischer Golddublonen in die andere. Es hat Vorzüge, ein guter Taucher zu sein.
Ich trete die morsche Tür des Bootsschuppes ein, schiebe die Harley durch die Schneewehe, die sich davor gebildet hat.
Schneeflocken landen auf meiner nackten Brust, meist wehen sie wieder davon, bevor sie anfangen zu schmelzen.Ich knöpfe die Bikerkutte zu, trete den Hobel an. Der Zweizylinder blubbert im Leerlauf.

Ein wehmütiger Blick zurück , immerhin habe ich Monate hier gelebt.
So fern der Zivilisation, wie es nur überhaupt ging.
Dann fliegt ein Molotowcoktail in die Hütte, setzt alles in Brand. Benzin hatte ich am Motorad abgezapft.
Keine DNA, keine Fingerabdrücke, keine Hinweise.
Keine Probleme.
Den morschen Plunder ,der meine Unterkunft war, werde werde ich nicht vermissen, aber die Robben am Kap sehr wohl. Wie sehr habe ich sie geliebt, mir läuft alleine bei dem Gedanke das Wasser im Mund zusammen.
Ich wäre fast verhungert da draußen im Meer, musste es erst einmal lernen, zu jagen.
Sicherlich, es ist toll, an der Spitze der Nahrungskette zu stehen, aber das heißt nicht ,das ein Tunfisch oder ein Delfin mal so eben einfach zu erbeuten ist. Sie sind so verdammt schnell, sogar schneller als ich. Und von einem Orca habe ich auch schon mal richtig Prügel bezogen.
Aber Robben, Seelöwen.
Da passt alles .Jäger und Beute. Schon immer sind sie meine Beute, also, die Beute meiner Spezies.
Sie springen vor Angst meterhoch aus dem Wasser wenn sie nur meinen Schatten sehen.
Ohne sie wäre ich verhungert.
Naja, sie werden wohl froh sein,das ich weg bin.

Während der Schuppen brennend in sich zusammenfällt, tuckere ich langsam den Pfad an der Steilküste entlang. 30 Km bis zur Truck Road, und dann nochmal 200 Km bis zur nächsten etwas größeren Stadt.
Weiß der Teufel, wie ich hier gefunden wurde.
Schade , aber nicht zu ändern. Und Zeit, in die Stadt zurückzukehren. Alte Rechnungen ,und so.


Um zu erklären, wer ich bin, oder besser, WAS ich bin muss ich etwas weiter ausholen...
Bis zu meiner Geburt, oder so.
Leider kenne ich meine leiblichen Eltern nicht, aber wenn man mein weiteres Leben betrachtet, sind einige Vermutungen naheliegend. Aber genaues weiß ich leider nicht. Sie werden wohl irgendetwas gewusst haben.
Es begab sich an einem frühen November Morgen, die Wolken hingen tief über der Bay. Und eisiger Nieselregen viel, vermischt mit Graupel und Schneeflocken.
Ich habe die Geschichte tausend mal erzählt bekommen.
Jedenfalls wurde an diesem Morgen mein Vater, also der , bei dem ich aufwuchs, aufs empfindlichste bei seinem morgendlichen Tee mit Rum gestört.
Und zwar von penetrantem und langanhaltenden Babygeschrei.
Nach einer Weile ließ es sich auch beim besten Willen nicht mehr ignorieren, und so sah sich der alte Griesgram dann doch genötigt, nach der Quelle Ausschau zuhalten, denn das Geräusch war zumindest ungewöhnlich, auf einem Fischkutter, der am äußersten Ende des Peers festgemacht war.

Und so staunte er auch nicht schlecht, als er im öligen Wasser eine Styroporkiste auffischte, die den Lärm verursachte.
Eine von den Kisten, in denen man normalerweise Fische verpackt, in Eis.
Und noch viel mehr staunte er, als er unter Bläschenfolie und Verpackungschips ein kleines, schreiendes Baby entdeckte.
Rasch war seine Frau vom Makrelen ausnehmen weg gerufen ,und auch die Küstenwache herbei telefoniert.
Ein paar Tage war das Findelkind dann Stadtgespräch, schaffte es sogar ins Fernsehen und in ein paar Zeitungsartikel.
Die Behörden untersuchten erst den Jungen, (Er wurde für vollkommen gesund befunden) und dann die Kiste, was aber keine verwertbaren Spuren ergab.
Man ermittelte monatelang erfolglos in alle Richtungen, legte den Fall bald zu den Akten.
Dank der desolaten Wirtschaftslage wurden dauernd Kinder ausgesetzt.
Nachdem sich die Frau des Fischers die ganze Zeit rührend um den Kleinen gekümmert hatte ,gab die Behörde der Fischerfamilie kurzerhand eine mäßige Aufwandsentschädigung und das Sorgerecht.
Platz in Heimen war damals rar, und die Behörde suchte eine kostengünstige Lösung.
Den beiden Menschen, die ich heute Vater und Mutter nenne, war das auch durchaus Recht, denn ihr eigener Kinderwunsch war unerfüllt geblieben.

Meine Kindheit und Jugend verlief normal und unspektakulär, soweit man das in einem der schäbigsten Viertel der Stadt sagen kann.
Aber ich war nie der allerschlechteste Schüler, mogelte mich von Klasse zu Klasse, und geriet mit dem Gesetz nie so ernsthaft in Konflikt, das wirklich harte Sanktionen gedroht hätten.
Auch den Gangs ging ich weitgehend aus dem Weg. Für die harten Drogen fehlte mir das notwendige Geld, und auch die notwendige Dummheit.
Einer der Gründe war wohl auch,das ich viel Zeit auf dem väterlichen Fischkutter verbrachte, was  mich natürlich auch von größeren Dummheiten abhielt.
Jedenfalls war ich schon in jungen Jahren ein passabler Fischer. Und Dieselmaschinenmechaniker, und Bootselektriker, und was halt sonst noch so gebraucht wurde.

Alles in allem verlief mein Leben unspektakulär, fast langweilig, bis zu diesem einem verhängnisvollen Schicksalstag im Februar.
Wir waren weit draußen, in einem Wintersturm, der seinesgleichen suchte, 12 Meter hohe Wellen, und das Deck und die Aufbauten waren dick vereist.
Der Fischfang war hart geworden, in den letzten Jahren ,und das meinte nicht das Wetter, sondern eher die Sitten.
Die großen Fabrikschiffe, die den Fisch direkt zu Konserven oder Fischmehl verarbeiteten kämpften ums Überleben, bei sinkenden Fängen, ebenso wie die kleinen Fischkutter.
Draußen, in den internationalen Gewässern nahmen sich die Großen, was sie wollten, missachteten auch regelmäßig die Hoheitsgewässer,die Fangquoten sowieso, und verjagten die kleinen Boote , wo sie nur konnten.
Es ging um immens viel Geld, um das Überleben von Schiff und Besatzung, und die Kämpfe waren hart.
Boote verschwanden auf  nimmer Wiedersehen. Gerammt. Oder angezündet.
Und so erging es uns auch eines Tages.
Einer von den größten Pötten, ein Koreaner mit vielleicht 80.000 BTR rammte unser Boot und überfuhr es, und das mit voller Absicht. Sie hatten uns gesehen, und sogar den Kurs geändert, um uns zu erwischen.
Alle ertranken, mein Vater, der Steuermann. Der Maschinist. Nur mich fischten sie halbtot aus dem eisigen Wasser, schleiften mich in die Messe des Fabrikschiffes.
Sie wollten wissen, ob wir einen Notruf abgesetzt hatten, ob wir den Schiffsnamen durchgegeben hatten. Ich sagte ihnen, von welchen Tierarten sie sich ficken lassen konnten.
Nachdem sie mich dann eine Weile mit Kabeln und Plastikrohren bearbeitet hatten, und das Blut über meinen Rücken rann, sagte ich ihnen, was sie wissen wollten.
Nein , wir hatten keinen Notruf absetzten können, und ich wusste den Schiffsnamen selbst jetzt noch nicht.
Der erste Offizier, oder was immer er war, er sprach ein wenig Englisch, hatte das Verhör geleitet. Ein paar Matrosen machten die Drecksarbeit .
Freundlich wie die Asiaten nun mal sind , bedankte sich der Offizier erst für die Auskünfte und ließ mich dann zu einem großen Bottich mit Salzwasser schleifen.
Halb entschuldigend erklärte er mir, das sie mich unmöglich laufen lassen konnten, wegen der Sicherheit, und so, denn ich würde ja doch Reden, egal was ich ihm jetzt sagte.
Und sollte man mich wieder Erwarten finden, würde alles nach einem Unfall aussehen, denn man ertrank nun mal auf dem Meer gelegentlich.
Natürlich wehrte ich mich ebenso energisch wie erfolglos, denn 4 Mann hielten mich fest, und einer drückte meinen Kopf unter Wasser.
Als  der gute Taucher, der ich nun mal war, hielt ich erst einmal die Luft an. Aber auf den Trick fielen sie natürlich nicht herein.
Ein harter Faustschlag in die Nieren brachte mich dann doch dazu , einen tiefen Atemzug zu nehmen, und meine Lungen mit Meerwasser zu füllen.
Ob ich nun wollte oder nicht. Fertig war das unverfängliche Ertrinkungsopfer.

Was dann aber geschah war für alle Beteiligten in höchstem Maße unerwartet, und nicht minder spektakulär.
Zum ersten mal in meinem  bewussten Leben wandelte ich mich, in meine andere Gestalt, in meine wahre? Gestalt.
Meine Kleidung zerriss, meine Schuhe, alles. Auch Haut und Knochen gruppierten sich um.
Der Raum war nicht groß und mit Personen gut gefüllt und das plötzliche Auftauchen eines 6 Meter langen, weißen Haies mit über einer Tonne Gewicht hatte verheerende Auswirkungen.
Zumal dieser Hai in nackter Panik um sich schlug, und nach allem biss , was sich bewegte.
Körper würden von der von der Schwanzflosse gegen die Wände geschmettert, oder schlicht von dem massigen Körper platt gewalzt. Andere wurden verstümmelt, sogar mitten durch gebissen.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis mich der Mangel an Wasser in meinen Kiemen dazu zwang, wieder die Gestalt zu wechseln, aber mehr als ein paar Sekunden können es kaum gewesen sein.
Jedenfalls reichte die Zeit, die Messe etwas umzugestalten.
Das gesamte Inventar war vollständig zertrümmert. Boden, Wände und selbst die Decke waren eingebeult, und mit Blut und Gewebe bespritzt.
Die meisten Körper waren eigentlich gar nicht mehr als solches zu erkennen.
Ich war von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt, und spuckte irgendetwas undefinierbares aus, fühlte mich so elend, das ich nur noch sterben wollte.
Später. Bald.
Ich erfasste nur zum Teil, was gerade geschehen war, aber mit unendlicher Abscheu erkannte ich, das ich nun kein Teil der menschlichen Rasse mehr war. Sondern etwas ANDERES.
Ich gedachte, meinem Leben ein Ende zu setzen, den mir graute vor dem, was ich geworden war.
Aber erst war noch etwas zu erledigen.
Sorgfältig und systematisch durchsuchte ich das riesige Schiff, fand und tötete die   Besatzungsmitglieder, es waren so um die 40. glaube ich. Der Eine oder Andere mochte mir entgangen sein, aber das war egal. Ich hatte eh vor, den verdammten Kahn zu versenken.
Später stand ich auf der Brücke, oder was davon noch übrig war.
Ich goss die beiden großen Kanister mit Farbverdünnung über das Radar, den Autopiloten, den Maschinenleitstand und die Kontrollpulte, und über all die verstümmelten Körper. Über die hektisch blinkende Anruflampe des Funkgerätes. Die Stimme schnattert etwas auf koreanisch, endet in einem hohen, fragenden Tonfall. Die Verdünnung wäscht all das Blut von dem Gerät ,als ich sie darüber giesse.
Dann stand ich draußen, in Richtung Heck. Am Steuerbord Niedergang. Gischt und Eisregen wusch das Blut von meiner Haut, die Wellen waren mittlerweile 15 Meter hoch.
Ich schoss eine Leuchtkugel ins Steuerhaus, erfreute mich an den Flammen, die die Technik auffraßen, und auch die verstümmelten Leichen.
Mein Schicksal war besiegelt, denn der Kahn würde kentern, wenn der Autopilot ausfiel, mochte das Schiff noch so groß sein.
Steuerlos, in diesem Sturm, würde auch ein Fabrikschiff kentern.
Und dann würde ich ertrinken, das zweite Mal, an diesem Tag, weit draußen vor der Küste, in eisigem Wasser. Diesmal endgültig.
Und ich würde für meine Taten büßen.
Das riesige Schiff drehte hart bei, als der Autopilot heraus flog, und nach Sekunden kamen die Wellen querab, brachten das Schiff zum taumeln, dann zum kentern.
80.000 Tonnen Stahl kenterten praktisch direkt über mir , drückten mich 30, 40 Meter unter Wasser, Bei vollem Bewusstsein.
Das wars, sagte ich mir.
Zeit zu Sterben.
Eisiges Meerwasser füllte meine Lungen.
Aber ich starb nicht, ertrank nicht in der kalten See, sonder verwandelte mich, in die Fischgestalt.
Und auf einmal konnte ich atmen, konnte mich bewegen,in allen 3 Dimensionen des Meeres, hatte nicht das Gefühl langsam zu ersticken, wie auf dem verdammten Schiff.
Unendliche, nie gekannte, animalische Freiheit.
Irgendwie fühlte es sich wohl gut an, denn es dauerte  fast 17 Monate und 9000 km bis ich zum ersten mal wieder aus dem Wasser stieg, hier am Kap.
Am Kap der guten Hoffnung, wie es so zynisch genannt wird.
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