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Schwarzer Rabe und weiße Eule

von Silvaria
GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Juro Krabat Lyschko OC (Own Character) Tonda
24.10.2016
10.11.2016
3
3.300
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10.11.2016 986
 
Kapitel zwei



Sieben Tage und Nächte hatte der Meister ihnen Zeit gegeben, einen neuen Lehrburschen zu finden. Sie brauchten sechs davon, bis sie einen Burschen entdeckten, der als Neuling taugen würde. Er schien, soweit sie es sehen konnten an dem, was sie in seinen Träumen lasen, ein neugieriger und kluger Bursche zu sein und war mit zwei weiteren Jungen unterwegs. Zu dritt zogen sie als Sternsinger von Dorf zu Dorf.
Lyschko, der am besten darin war, anderen Menschen Träume zu schicken, ließ den Jungen vom Meister und der Mühle träumen.
Drei Tage und drei von Träumen gefüllte Nächte später brach der Junge auf, in aller Frühe, ließ seine Kumpanen zurück und folgte dem Weg, den die Raben ihm mit heiserem Krächzen wiesen. Nacht um Nacht erinnerten ihn Lyschkos Träume daran, wohin er gehen sollte, und wie die Burschen vor ihm dachte er bald nicht mehr daran, umzukehren.
Als es nicht mehr weit war bis Schwarzkollm, gab Tonda das Zeichen, zur Mühle zu fliegen. Von hier an würde der Neuling alleine weiterfinden. Und umkehren würde er auch nicht mehr, nicht hier, so kurz vor dem Ziel. Das wussten die Jungen. Ihnen war es nicht anders ergangen.
Als Tonda ein letztes Mal zurückblickte, sah er, wie der Junge ihnen nachschaute.

An diesem Abend schickte der Meister die elf Jungen in die Mahlkammer, wo sie warten wollten. Er selbst würde den neuen Lehrburschen in Empfang nehmen – so hielt er es immer, Jahr um Jahr. Und wie in den Jahren zuvor standen auch dieses Mal die Jungen an der dünnen Wand und lauschten.
Die Tür schlug auf, sie hörten zaghafte Schritte auf den knarrenden Dielen, und dann, plötzlich, den Meister, der den Neuankömmling ansprach: „Da bist du ja.“
Sie hörten den neuen Burschen erschrecken, doch der Meister ignorierte es und sprach weiter: „Du kannst hier bei mir Lehrjunge werden. Ich brauche einen.“ Eine kurze Pause. „Du magst doch?“
„Ich mag“, hörten sie den Jungen flüstern. Der Meister lachte leise. „Und was soll ich dich lehre? Bloß das Müllern… oder auch alles andere?“
Die elf Lauscher kannten die Antwort, bevor der Neuling sie aussprach: „Das andere auch.“
„Gut. Dann schlag ein, Krabat“, sagte der Meister und setzte hinzu: „Oder hast du etwa Angst?“
Sie hörten den Neuling, Krabat, zum Meister hinübergehen.
„Ich hab keine Angst“, sagte er trotzig und schlug ein. Klatschend traf Fleisch auf Fleisch, und im selben Moment setzten sich das große Mühlrad und die Mahlgänge in Gang, ratternd und polternd, dass die Wände zitterten. Und über den Lärm hinweg hörte man den Meister rufen: „Die Mühle! Nun mahlt sie wieder!“
Er lachte, laut und wie von Sinnen. Die Jungen in der Mahlkammer dagegen wandten sich von der Wand ab und gingen an die Mahlgänge. Für sie war es nicht zum Lachen, dass die Mühle wieder mahlte; für sie bedeutete es ein weiteres Jahr an diesem Ort, unter den wachsamen Augen des Meisters, und einen weiteren Tod in der Silvesternacht.
Seufzend wuchtete Tonda einen der vorbereiteten Getreidesäcke auf den Rücken und schleppte ihn die Stiegen zu den Mahlgängen hinauf. Den siebten Gang mied er tunlichst. Es würde eine lange Nacht werden, das war jetzt schon klar, denn wie stets verwandelte sich das Mehl in Korn zurück, sowie es durch die Mahlgänge hindurch war. Erst spät, spät in dieser Nacht erbarmte sich der Meister und beendete den Zauber. Außer Atem, voller Mehl und weißem Staub und mit feucht geschwitzten Kleidern räumten die Burschen die Mehlsäcke in eine Ecke, wohlwissend, dass morgen wieder Korn darin sein würde, dann stiegen sie hintereinander die Stiege hinauf zum Boden, wo der Neuling bereits schlafend auf dem Bett lag, das zuvor Leto gehört hatte. Kito wandte sich ab und stapfte zu seinem eigenen Bett, ohne ein Wort zu sagen. Er tat Tonda Leid, aber Mitgefühl brachte Leto auch nicht zurück.
Der Altgesell nahm die Stalllaterne, die an einem Nagel am mittleren Dachbalken hing und trat damit an das Bett des Neulings. Im schwachen Lichtschein musterte er ihn, seine dürre Statur, das matte dunkle Haar, die helle Haut, die unter all dem Dreck nur noch verstohlen hervorlugte, die ruhigen Züge seines Gesichts, die jünger wirkten, als er wohl war – Tonda schätzte ihn auf vierzehn Jahre, denn so alt war er in seinem ersten Jahr auf der Mühle gewesen, und als er sich den Jungen so besah, wurde er schmerzlich an sein eigenes erstes Jahr erinnert, und an Andrej, der damals Altgesell gewesen war. Hatte Andrej damals wohl auch so an seinem Bett gestanden und wiederum an seine Ankunft auf der Mühle gedacht?
„Und, Altgesell, gefällt dir der Neue?“, fragte Andrusch spöttisch und trat neben Tonda. Seine raue laute Stimme weckte den neuen Lehrjungen, der gehörig erschrak angesichts der mehlweißen Gestalten, die an seinem Bett und überall sonst in der Kammer standen.
„Keine Angst“, beeilte sich Tonda zu sagen. „Wir tun dir nichts.“
„Wer… wer seid ihr?“, fragte der Junge.
„Das, was du auch bald sein wirst!“, rief Kubo von seiner Koje aus, wobei er die Stimme verstellte, dass sie unheilvoll und düster klang.
„Wir sind die Mühlknappen“, erklärte Tonda und warf Kubo einen warnenden Blick zu. „Ich bin hier der Altgesell.“ Er fügte seinen Namen hinzu, wobei er sich die Hand auf die Brust legte. Dann wies er nacheinander auf die anderen Gesellen und nannte ihre Namen: „Juro, Andrusch, Merten, Michal, Lyschko, Kito, Kubo, Staschko, Hanzo und Petar.“
Die Burschen nickten und grüßten, sobald ihre Namen genannt wurden, bevor sie fortfuhren, ihre Kleider abzulegen und die leinenen Nachthemden überzustreifen, ihre Stiefel abzubürsten oder Mehl aus ihren Haaren zu schütteln.
„Und du?“, fragte Tonda. „Was ist dein Name?“
„Krabat.“ Nun, als der Junge seinen Namen nannte, erinnerte sich Tonda, dass der Meister ihn so genannt hatte, vor Stunden, als er ihn zu seinem Lehrling gemacht hatte.
„Nun denn, Krabat, schlaf noch eine Weile“ sagte Tonda, indem er die Laterne wieder an den Balken hängte und zu seinem Bett ging. „Morgen wirst du deine Kräfte brauchen.“
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