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Schwarzer Rabe und weiße Eule

von Silvaria
GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Juro Krabat Lyschko OC (Own Character) Tonda
24.10.2016
10.11.2016
3
3.300
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29.10.2016 1.353
 
Kapitel eins



Tonda lag schlaflos auf seinem Bett und dachte über die Burschen nach, die gestorben waren, seitdem er auf der Mühle war: Janko damals in seinem ersten Jahr, im Jahr darauf der Altgesell Andrej und nun Leto. Letos Tod nahm vor allem Kito mit; Leto war ihm wie ein Bruder gewesen.
Seitdem Andrej tot war, war Tonda Altgesell auf der Mühle, was bedeutete, dass er die anderen Burschen anführen würde, wenn sie sich auf die Suche nach einem neuen Lehrjungen machten. Es behagte ihm ganz und gar nicht, dass er einen weiteren Jungen in die Mühle holen musste, wo er früher oder später den Tod finden würde, aber was sollte er schon tun? Juro und er hatten immer noch keinen Ausweg gefunden, obwohl Juro schon so oft wie möglich heimlich im Koraktor gelesen hatte. Auch Sannara wusste keinen Zauber, der den des Müllers beenden konnte. „Ich werde die Väter befragen“, hatte sie gesagt. Die Väter waren die Anführer des Weißen Volks, ähnlich dem Schwarzen Müller, nur opferten sie ihre Schützlinge nicht, sondern lebten einzig dafür, sie zu lehren. Es war möglich, dass sie einen Zauber kannten.
Bevor der Meister sie ziehen ließ, rief er Tonda zu sich in seine Kammer. Wie immer ganz in schwarz, mit einer ledernen Klappe über dem blinden Auge, saß er an seinem Tisch und wartete darauf, dass der Altgesell im Türrahmen auftauchte.
„Da bist du ja“, begrüßte er ihn wenig freundlich. „Tür zu, und setz sich.“
Tonda tat, wie ihm geheißen, ließ die Tür ins Schloss fallen und nahm auf der anderen Seite des Tisches auf dem harten Schemel Platz.
„Du wolltest mich also sprechen?“
Der Meister lachte gackernd. „Wärst du sonst hier, Junge?“ Er schaute kurz auf die Symbole, die in seiner Kammer die Wände bedeckten, dann blickte er wieder Tonda an.
„Du erinnerst dich sicher noch an das, was ich über das Weiße Volk erzählt habe?“
Tonda konnte nur nicken. Das schien dem Meister auch schon zu genügen.
„In den letzten Wochen ist mir eine Eule aufgefallen“, sprach er weiter. „Eine weiße Eule, reichlich selten in unserer Gegend.“
Tonda betete, dass der Meister nicht bemerkte, wie ihm das Herz zum Halse zu klopfen begann. Sannara nahm manchmal die Gestalt einer weißen Schleiereule an, um zur Mühle zu fliegen. So saß sie dann meist auf dem Dach oder an dem schmalen Fenster, um zu zeigen, dass es ihr gut ging und um zu sehen, ob Tonda wohlauf war.
„Ich… verstehe nicht ganz“, behauptete Tonda und räusperte sich. „Was meinst du damit?“
„Was werd‘ ich schon meinen? Ein Mädchen vom Weißen Volk fliegt draußen herum und hat ein besonderes Interesse an der Mühle, so einfach ist das.“ Der Meister musterte ihn genau, aber Tonda ließ sich nichts anmerken.
„Weißt du das mit Sicherheit?“, fragte er. „Es könnte doch auch eine… normale Eule sein.“
„Könnte es, ja“, sagte der Meister. „Ist es aber nicht. Ich weiß es, Junge, ich habe ihre Art oft genug gesehen. Die Schleiereule ist ihre liebste Gestalt, wie unsere die des Raben. Es kann nur eines bedeuten.“ Er machte eine Kunstpause, bevor er weitersprach: „Sie wollen die Mühle angreifen.“
Tonda zuckte zusammen. „Aber… was…“, stammelte er. Der Meister verstand seinen Schrecken falsch, was Tondas Glück war. „Keine Sorge, euch wird nichts passieren. Dafür sorge ich schon. Dennoch wollte ich, dass du gewarnt bist.“
Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. „Und jetzt geh. Macht euch auf den Weg, den Jungen zu finden, der den Verstorbenen ersetzen soll. Und sollte euch die Eule begegnen, zögert nicht, sie anzugreifen.“
Tonda nickte, erhob sich und stand schon bei der Tür, als der Meister mit erhobener Stimme sagte: „Tonda?“
Er blickte sich um. Das einzelne Auge des Meisters fixierte ihn hart und kalt.
„Wenn du etwas über das Mädchen weißt, erwarte ich, dass du es mir sagst.“
Tonda nickte. „Jawohl, Meister.“ Dann verließ er die Kammer. Kaum hatte er die Tür geschlossen, hastete er los. Er musste Juro finden, mit ihm sprechen. Ihm konnte er im Bezug auf Sannara trauen, und auch in allem anderen…
Juro war nicht in der Küche, also trat Tonda hinaus auf den Hof. Es schneite schon wieder, nasse Flocken, die nicht liegenblieben, sondern zu matschigen Pfützen schmolzen, sowie sie den Boden berührten.
„Tonda.“ Lyschko war aus dem Stall getreten. Der Blonde wirkte nicht wie sonst – das listige Funkeln in seinen Augen fehlte.
„Lyschko“, sagte Tonda. Er hielt nicht besonders viel von diesem Mitgesellen, denn es hieß ja, er habe Janko und sein Mädchen verraten, und allgemein hatte er den Ruf, dem Meister alles zu erzählen, was ihm zu Ohren kam.
„Kann ich dich mal kurz sprechen, Altgesell?“, fragte Lyschko. „Es dauert nicht lange.“
Tonda unterdrückte und seufzen, nickte aber. „Was gibt es?“
„Komm mit in den Stall“, sagte Lyschko, während er sich umschaute, als fürchte er sich, jemand könnte lauschen.
„Ich habe wirklich keine Zeit für Spielchen“, grummelte Tonda, folgte Lyschko aber dennoch in den Stall.
„Also?“, fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Lyschko schaute sich erneut um, als suche er nach Lauschern, dann trat er einen Schritt an Tonda heran und flüsterte: „Das Geheimnis ist der Name.“
Tonda trat einen Schritt nach hinten und musterte Lyschko kritisch. „Was meinst du damit?“
„Dein Mädchen“, flüsterte Lyschko. „Ich weiß, dass du eins hast. Halte ihren Namen geheim.“
„Ich habe kein…“
„Lüg nicht, das passt nicht zu dir“, unterbrach Lyschko ihn. „Ich bin nicht blöd, jeder hier weiß, dass dir was zusetzt. Was könnte es schon anderes sein als ein Mädchen?“ Der Blonde strich sich das Haar zurück, wie er es häufig tat. „Ich habe dich beobachtet, Altgesell. Jeden Abend gehst du ans Fenster, wenn du glaubst, wir schlafen und schaust hinaus. Und Abend für Abend landet eine weiße Eule auf dem Sims.“
„Hast du das mit der Eule dem Meister erzählt?!“, fragte Tonda und hätte sich im nächsten Moment dafür ohrfeigen mögen, verriet er sich dadurch doch, sich und Sannara.
„Gar nichts habe ich“, antwortete Lyschko. „Der Meister muss sie gesehen haben, ein Auge hat er ja, das funktioniert.“ Er schob die Hände in die Taschen, trat von dem einen Fuß auf den anderen, als sei er nervös. „Bitte, glaub mir. Wenn dir das Mädchen wichtig ist, dann behalte ihren Namen für dich. Er darf dem Meister nicht zu Ohren kommen. So ist Jankos Lunna umgekommen, der Meister hat ihren Namen zu früh erfahren.“ Er räusperte sich, und fügte beinahe lautlos hinzu: „Und mein Mädchen ist genauso gestorben.“
Er blickte auf, Trotz und Traurigkeit mischten sich im Blick seiner graublauen Augen.  „Marile hieß sie, und weil ich ihm ihren Namen genannt habe, konnte der Meister sie töten. Er hat ihr Albträume beschert, bis sie sich im Fluss ertränkt hat.“ Tränen traten ihm in die Augen. „Der Müller hat mich vor die Wahl gestellt, entweder beweise ich ihm, dass ich ihm ergeben bin, oder ich bin der Nächste, der stirbt. Darum trage ich ihm alles zu, was die anderen falsch machen, deshalb bin ich so ein Mistkerl, Tonda. Weil ich noch nicht sterben will.“
Er zog die Nase hoch, wischte sich mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht. „Im ersten Jahr ließ er mich leben, weil es ihm Freude machte, mich zu quälen. Dann, als ich mich damit abgefunden hatte, dass er mich nicht töten würde, ging ich auf seinen Handel ein. Aber Janko habe ich nicht verraten, und ich werde auch dich nicht verraten.“
Tonda schluckte. Das musste er erstmal verdauen. Seine Sicht auf den Mitgesellen hatte sich innerhalb von wenigen Minuten radikal verändert. Lyschko tat ihm leid, obwohl er ihm immer noch nicht recht traute. Aber für seinen Rat war er dennoch dankbar.
„Ich werd’s mir merken“, sagte er. „Danke dir, Lyschko. Und… dein Geheimnis ist bei mir sicher.“
„Dessen bin ich mir sicher.“ Lyschko grinste, auch wenn es ein wenig gezwungen wirkte. „Also dann, der Meister wird uns wohl bald losschicken.“
„Heute Abend, denke ich.“ Tonda räusperte sich. „Also… ich gehe dann mal Juro suchen.“
„Ich hole Merten und Michal. Sie wollten Holz hauen, glaube ich.“ Der Blonde ging zur Tür, wandte sich aber nochmal um, bevor er hinaustrat. „Danke, dass du mir glaubst, Altgesell.“
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