Sterben für Niemanden - oder: Kein Licht am Ende des Tunnels

OneshotHumor, Freundschaft / P16
Aragorn Erestor Glorfindel Legolas Lindir
24.10.2016
24.10.2016
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: In der Vorhalle des Todes herrscht gähnende Langeweile (mal wieder!), seit Sauron besiegt ist und die Toten abgefertigt sind, und Urd sieht sich gezwungen, die Langeweile zu bekämpfen, indem sie heimlich arglose Elben und Menschen beobachtet... [Legolas, Aragorn, Glorfindel, Erestor, Lindir][(makaberer?) Beitrag zum Projekt „Durch das Jahr“]

A/N: Bei allgemeinen Fragen und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Gebrauchsinformation im Profil. Sie finden sie dort unter dem Punkt Homepage.
Und ja, das ist schon wieder ein Projektbeitrag, der sich ohne viel Federlesen in die „Sterben für...“-Reihe eingliedern wollte. Zugegeben, das war so ursprünglich nicht beabsichtigt, aber die drei Maiar haben manchmal einfach zu viel Langeweile, die sie totschlagen müssen...

Die Vorgaben:
Von: Mythopoeia
Textform: OS
Max. erwünschtes Rating: /
Fandom: Herr der Ringe
Wunsch:
– Thema/Idee: Legolas hilft Aragorn Gärten in Minas Tirith anzulegen  √
– Zeit: Nach dem Ringkrieg  √
– Personen und Pairings: Legolas und Aragorn, kein Pairing benötigt  √
– Handlungsort: Minas Tirith  √
– Gegenstände/Wörter/Sätze/etc., die vorkommen sollten: ein kleiner Junge und Spielzeug, Pfeil und Bogen  √
– Inspiration: /

Monat: März  
Zitat: Nr. 6: „Die Realität ist nur eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.“ – Albert Einstein






Sterben für Niemanden – oder: Kein Licht am Ende des Tunnels


In der Vorhalle des Todes herrschte gähnende Leere. Seitdem der Ring der Macht und mit ihm auch Sauron vernichtet worden war, schien einfach niemand mehr sterben zu wollen – abgesehen von den paar Verwundeten, die ihren Verletzungen nach und nach erlagen. Doch auch das waren nicht nennenswert viele gewesen und den letzten hatten sie vor einer schieren Ewigkeit abgefertigt und eigentlich wäre es der perfekte Zeitpunkt gewesen, um einmal wirklich die Füße hochzulegen. Nur traute Urd diesem Frieden einfach nicht über den Weg. Das würde sie vielleicht, wenn er schon ein paar Jahrzehnte andauerte, aber doch noch nicht jetzt! Nach nur ein paar Monaten! Mit einem frustrierten Ächzen ließ Urd den Kopf auf die Unterarme sinken, sodass sie auf Augenhöhe mit ihrer Kaffeetasse war. Ihrer fast leeren Kaffeetasse, um genau zu sein, und die Pfütze, die noch darin war, war bestimmt schon kalt. Das war so deprimierend! Vielleicht sollte sie Urlaub nehmen. Wenigstens für einen oder zwei Tage. So lange konnte sie Verdandi und Skuld sicher alleinlassen, wo doch eh niemand mehr sterben wollte, und wenn sie vorher noch abklärte, dass man Maedhros während ihrer Abwesenheit nicht herschickte, dann konnte kaum etwas schiefgehen. Schiefgehen würde nur etwas, wenn Maedhros herkam und sie nicht da war, um Verdandi in den Besenschrank zu sperren, sobald sie wieder versuchte, Feanors Erstgeborenen zu küssen, zu knuddeln, zu... was auch immer. Aber was, wenn es zu unplanmäßigen Vorkommnissen kam und man Maedhros herschicken musste und sie ausgerechnet dann nicht da war? Nein, sie konnte keinen Urlaub nehmen, solange Verdandi diesen Tick Maedhros’ wegen hatte. Das ging einfach nicht. Das konnte sie Maedhros nicht antun. Seufzend warf sie einen Blick auf den Bildschirm vor sich.

Eines musste man den Leuten in der Forschungsabteilung ja lassen: Sie hatten hin und wieder wirklich blendende Ideen – und dieser Bildschirm gehörte eindeutig dazu. So hatten sie wenigstens die Möglichkeit, das Geschehen in den Ländern jenseits des Meeres zu beobachten und sich gegebenenfalls auf einen neuerlichen Ansturm Verstorbener und Sterbender einzustellen. Nur war davon noch immer keine Spur zu entdecken, stellte Urd mit leichtem Bedauern fest, während sie sich über Bilder vom Geschehen im Auenland über Bree und ein paar andere Bauerndörfer nach Bruchtal und von dort nach Isengart und Rohan und schließlich nach Gondor vorarbeitete. Überall war es friedlich, langweilig friedlich. Die vom Krieg zerstörten Siedlungen wurden wieder aufgebaut, die Felder bestellt und das Vieh gehütet und überall wuchs und gedieh alles. Die Menschen schienen vor Tatendrang und Energie fast zu platzen, befand sie und warf einen genaueren Blick auf Minas Tirith. Die Stadt hatte sich in den Wochen nach Saurons Niederlage zu einem Hotspot von Völkern entwickelt.
Aus Bruchtal und Lorien waren Elben gekommen, aus dem Norden Zwerge vom Einsamen Berg und Menschen aus allen erdenklichen Himmelsrichtungen, und sie alle schienen Handel jeglicher Art treiben zu wollen.

Kein Wunder also, dass die Mauern der Weißen Stadt kaum noch Spuren der Belagerung aufwiesen und auch die Tore längst wieder intakt waren. Es war regelrecht deprimierend! Nichts – wirklich gar nichts! – wies darauf hin, dass sie in absehbarer Zeit wieder volles Haus haben würden. Das war nicht gut. Das hieß, dass man in der Verwaltung meinen würde, sie hätten genug Kapazitäten, um ein weiteres Update der Aufenthaltsorte der Toten zu unterstützen, und das wiederum hieß, man würde bei ihnen nach und nach Gruppen von Toten zwischenlagern. Wie hatte sie vorhin nur auf den Gedanken verfallen können, ein Urlaub könnte eine gute Idee sein?! Das war doch Quatsch! Das war alles Quatsch! Mit einem missmutigen Schnauben setzte Urd sich wieder auf, schnappte ihre Tasse und stürzte den widerlich kalten letzten Schluck herunter.

„VERDANDI!“

Sie hatte keine Lust, aufzustehen. Außerdem hatte sie bei ihrer Kollegin noch einiges gut, einiges mehr als...

„Ja?“

Die andere Maia, die bis dahin mit den Füßen auf dem Schalter gedöst hatte, warf ihr einen erstaunten Blick zu. Urd fluchte innerlich. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie gehofft, die Kollegin mit ihrem Gebrüll wenigstens vom Stuhl fallen zu lassen, doch auch das war heute offenbar nicht drin.

„Ist noch Kaffee da?“, erkundigte sie sich finster.

„Nö“, kam es prompt und widerlich heiter zurück, „aber ich geh gern welchen aufsetzen.“ Und damit war Verdandi auch schon auf den Füßen, hatte ihr die Tasse weggenommen und stürmte in Richtung der Teeküche davon.

Urd seufzte.

Was war das bitte?! Jetzt hatte sie nicht einmal mehr einen Grund, Verdandi anzuschreien und sich ein wenig mit ihr zu streiten. Das wäre eine willkommene Abwechslung zum Warten auf den nächsten Todesfall, aber nein! Nein, nicht einmal das schien ihr vergönnt zu sein. Missmutig wandte sie sich wieder dem Bildschirm zu. Vielleicht würde ja gleich irgendwo in Minas Tirith ein Arbeiter vom Gerüst fallen oder ein Händler von einem Fass erschlagen oder jemand in einem Bierfass ertrinken oder... es passierte einfach nichts. Nichts. Die ganze verdammte Stadt wirkte so idyllisch, dass sie fast befürchtete, Ausschlag allein vom Zusehen zu bekommen. In allen Bereichen der Stadt herrschte die berühmt-berüchtigte Dreieinigkeit von Friede, Freude, Eierkuchen.

Eierkuchen...

Die wären eine willkommene Abwechslung zum Kaffee. Auf jeden Fall mal etwas anderes als Haferkekse. Nur dummerweise hatte Skuld kürzlich eine beinahe abartige Vorliebe für Haferkekse aller Art entwickelt, sodass sie sich vor diesen Gebäckstücken kaum noch retten konnten. Vielleicht konnte man sie irgendwelchen Wesen anbieten, die herkamen. Hobbits möglicherweise, die würden mit Sicherheit nicht Nein sagen, aber andererseits gab es für Hobbits keinen gesonderten Schalter, sondern lediglich ein Hinweisschild zu einem Gratis-Buffet. Das war völlig ausreichend. Aber vielleicht würde ein Zwerg einer Riesenportion Haferkekse auch sehr zugetan sein. Es käme auf einen Versuch an, hielt sie für sich fest, doch nicht jetzt. Das würde bis zum nächsten sterbenden Zwerg warten müssen. Nur die weigerten sich genauso wie alle anderen Völker – abgesehen von den Orks, die aber immer noch im Orkverteilungscenter abgefertigt wurden – ja auch, zu sterben.

Das war wirklich nicht fair!

Urd seufzte schwer und nahm in Ermangelung eines besseren Einfalls Minas Tirith genauer in Augenschein. Die Stadt schien ihr verheißungsvoll.

Wenn die Menschen und Zwerge und die paar Elben, die sich noch dort aufhielten, so weitermachten, dann würde die Stadt nicht nur zu ihrem alten Glanz zurückfinden, sie würde ihn womöglich sogar übertreffen. Wenigstens für ein paar Jahrzehnte, vielleicht auch ein, zwei Jahrhunderte, aber sicherlich nicht für viel länger. Das wäre ungewöhnlich und überraschend – und Menschen neigten nicht zu Überraschungen. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Vorhersagenabteilung ohnehin dafür sorgte, dass sie hier in der Vorhalle des Todes kaum etwas überraschen konnte.
Sie navigierte das Bild etwas weiter und landete damit schließlich beim Palastgarten, durch den eine frische Brise wogte. Nicht unbedingt ein Ort, an dem man... Moment! Schlagartig begeistert setzte die Maia sich auf. Lag da etwa eine Harke mit den Zinken nach oben mitten auf einem der Wege? Und war da im Hintergrund nicht auch noch eine große Pfütze mitten auf dem Weg? Und... oh, konnte das wirklich das Geräusch einer Säge sein, die sich durch Holz fraß? Sie lauschte. Ja! Ja, das war eindeutig eine Säge – und damit waren es schon drei Dinge, die für allerlei unschöne Unfälle sorgen konnten. Wenn das nicht genau das war, worauf sie gewartet hatte... Aufmerksam begann sie, den Garten nach Personen abzusuchen. Sollte gleich tatsächlich ein – hoffentlich tödlicher – Unfall passieren, dann wollte sie das auf gar keinen Fall verpassen.

Der Garten war deutlich größer, als sie gedacht hatte, und er schien noch lange nicht fertiggestellt zu sein. Zwar hatte man schon Beete abgesteckt und Wege mit Kies bestreut oder teilweise damit begonnen, sie zu pflastern, doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeit daran wohl noch in den Kinderschuhen steckte und das auch noch eine Weile lang tun würde. Im Grunde genommen war das auch der bestmögliche Zustand, schoss es ihr durch den Kopf. Solange es noch etwas zu tun gab, um den Garten nach dem Wünschen des Königs anzulegen, solange bestand auch noch die Möglichkeit, dass Unfälle passierten. Und Unfälle... Sie rieb sich voller Vorfreude die Hände und begann, den im Entstehen begriffenen Garten genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Eindruck war wirklich... wirklich... Er war zumindest nicht das, was sie von einem königlichen Garten erwartet hätte, nicht einmal von einem, der noch nicht fertig war. Scheinbar hatte die Belagerung der Stadt selbst hier oben ihre Spuren hinterlassen. In einer der Mauern klaffte ein Loch und offensichtlich hatte noch niemand die Zeit gefunden, die Trümmer zu beseitigen. Unweit dieses Lochs saß ein kleiner Junge auf einem der Steinbrocken und spielte mit Holzfiguren. Neben ihm klemmte ein Ball zwischen zwei Steinen, auf seiner anderen Seite lagen Pfeil und Bogen in einer Spielzeugversion, soweit sie das beurteilen konnte. Zumindest sah der Bogen nicht sonderlich stabil aus und die Pfeile waren nichts weiter als dünne Stöckchen ohne Spitze.
Für einen Augenblick beobachtete sie den Jungen dabei, wie er eine Pferdefigur über die Steine springen ließ, dann kam sie zu dem Schluss, dass hier wohl kein Unfall mit einem Toten zu erwarten war und lenkte ihren Blick wieder auf den Garten. Vielleicht standen ihre Chancen auf etwas Unterhaltung besser, wenn sie ausfindig machte, woher die Sägegeräusche stammten. Es würde ja schon reichen, wenn sich jemand bloß in die Hand sägte, schoss es ihr durch den Kopf. Hauptsache, es passierte überhaupt mal wieder etwas!

Irgendwo in diesem verdammten Garten musste einfach etwas passieren!

Doch das nächste, was sie zu sehen bekam, war schon auf den ersten Blick absolut harmlos:

Erestor – einmal fast von einem Bücherregal erschlagen, das beim Einrichten von Bruchtals Bibliothek versehentlich umgekippt war – stand auf einem der Wege und unterhielt sich mit Glorfindel – der es fast ein zweites Mal geschafft hatte, seiner Haare wegen zu sterben. Nun gut, dass scheinbar halb Bruchtal zu Aragorns Krönung nach Minas Tirith gekommen war, war auch ihr längst bekannt. Krönungen waren meist ein Spektakel, bei dem die Leute – Elben wie Menschen wie Zwerge – in Massen zusammenkamen, sich abends ordentlich betranken, was in der einen oder anderen Schlägerei und dementsprechend auch mit Verletzungen enden konnte. Das hatte sie sich selbstverständlich auch nicht entgehen lassen, doch seitdem...

„Bist du sicher, dass sich das hier als Kräuterbeet eignet?“, hörte sie Erestor an Glorfindel gewandt fragen.

„Selbstverständlich“, erwiderte der erstaunlich goldblonde Noldo prompt. „Wieso denn nicht?“

Erestor seufzte: „Weil Küchenkräuter logischerweise besser im Küchengarten platziert wären.“

„Ich sage ja nicht, dass man sie nicht auch in den Küchengarten pflanzen sollte, das sollte man schließlich. Aber man kann sie ja nicht nur essen, sie blühen und duften auch schön, also kann man auch ein paar hierher pflanzen“, beharrte Glorfindel.

„Vielleicht solltest du das erst einmal mit Aragorn besprechen. Immerhin wird das sein Garten.“

„Gut.“ Glorfindel klang beinahe schnippisch. „Dann tu ich das doch gleich.“

Er setzte sich in Bewegung, schien genau zu wissen, wo er den frisch gekrönten König suchen musste, und Erestor folgte ihm, wenn auch kurz kopfschüttelnd, auf dem Fuße. Und sie tat es den beiden Elben gleich. Mehr Personen verhießen auch größere Chancen, einen Unfall zu Gesicht zu bekommen, gerade dann, wenn Glorfindel mit von der Partie war. Sie konnte sich bei der Erinnerung an seine letzte Stippvisite in der Vorhalle des Todes ein Grinsen nicht verkneifen, immerhin hatte dieses Ereignis ihren Chef genötigt, sein äußerst weinlastiges Hobby zu vernachlässigen.

Urd kam nicht umhin, zu bemerken, dass die beiden Noldor sich der Stelle näherten, an der das Loch in der Mauer klaffte und wo der Junge spielte. Doch im Gegensatz zu ihr schienen sie ihn gar nicht zu bemerken. Gut, das lag sicherlich daran, dass sie weiterhin in eine mehr oder minder schnippische Diskussion über Küchenkräuter im Blumengarten vertieft waren, konstatierte sie, und dann gingen sie noch einfach an dem Loch in der Mauer vorüber, folgten dem angelegten Weg, bogen hinter einem Haselstrauch voller junger Triebe, die sich in der frischen Brise fröhlich regten wie ein Windspiel ohne Windspielhüter, nach links ab und... Es gelang ihr nicht, ein vorfreudiges Grinsen zu unterdrücken. So langsam kam doch wirklich alles für einen kleinen Arbeitsunfall und etwas Arbeit für sie zusammen: das Sägegeräusch war nun ganz nahe und die beiden Noldor waren bei Aragorn – Gehirnerschütterung und gebrochene Rippen, nachdem er in einem November seiner Kindheit aus einem Baum gefallen war – und Legolas – noch kein Eintrag, stellte sie etwas enttäuscht fest – angekommen. Bedauerlicherweise sah es auch nicht so aus, als würde Legolas in absehbarer Zeit zu einem Eintrag kommen. Er kniete mit Aragorn auf dem Boden und sie waren sehr offensichtlich damit beschäftigt, neue Bäume zu pflanzen. Schön und gut, das war sicher auch nötig, aber besonders gefährlich waren junge Bäume nun nicht.

Und wenn sie es recht bedachte, dann waren hier auch keine Personen zusammengekommen, die zu Unfällen neigten. Drei Elben und ein Nachkomme Elendils... das waren doch denkbar schlechte Voraussetzungen für Unfälle oder einen Todesfall. Und außer einem Spaten, zwei Wassereimern und ein paar tönernen Pflanzentöpfen gab es auch keine potentiell gefährlichen Gegenstände.

Urd seufzte schwer. Das war wohl wieder nichts. Schwer enttäuscht legte sie die Arme auf den Tisch und bettete ihren Kopf darauf. Hoffentlich kam Verdandi bald mit dem Kaffee zurück...
Sie hörte noch, wie die vier ein Gespräch begannen, aber inhaltlich folgte sie dessen Verlauf nicht. Stattdessen kommentierte sie das Ganze lieber monoton: „Bla bla bla... bla... bla bla...bla...“ Sie war wirklich nicht in der Verfassung, jetzt Elben über Bäume und Kräuter fachsimpeln und diskutieren zu hören! Und das galt selbstverständlich auch für von Elben erzogene Menschen!

Das war so langweilig! Das war...

„Meine Güte, Glorfindel!“

Sie schreckte auf. Gerade noch rechtzeitig, um Glorfindels verdutztes Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen, und dann, wie Lindir – auch noch kein Eintrag, registrierte sie nebenbei – dem unnatürlich goldblonden Noldo die Harke in die Hand drückte, die sie vorhin noch auf einem der Wege hatte liegen sehen.

„Willst du jemanden umbringen?!“ Lindir stemmte die Hände in die Seiten. „Ehrlich, da kommt man völlig arglos in den Garten und dann liegt da einfach eine Harke mit den Zinken nach oben!“

Erestor wandte sich mit einem mehr schlecht als recht unterdrückten Lachen von der Szene ab. Fast hätte Urd es ihm gleichgetan, aber Lindir regte sich noch immer auf, also... Es war auf jeden Fall deutlich unterhaltsamer als die Flaute vor ihrem Schalter.

„Stell dir mal vor, irgendjemand hätte es eilig gehabt, das Ding da übersehen und wäre darauf getreten! Ein zerlöcherter Schuh oder Fuß oder beides wäre das kleinste Übel gewesen! Womöglich hätte derjenige sich auch noch die Nase gebrochen! Wenn du eine Harke in Bruchtal so liegenlässt, ist das etwas völlig anderes, aber hier gibt es nun einmal viel mehr Menschen, also...“

„Stell dich nicht so an“, unterbrach Glorfindel ihn ein wenig genervt. „Es ist doch nichts passiert und du bist offensichtlich auch nicht auf die Zinken getreten.“

„Es hätte aber etwas passieren können“, beharrte Lindir beinahe trotzig.

„Sind derlei Eventualitäten nicht eigentlich mein Metier?“, warf Erestor plötzlich mit hochgezogenen Brauen ein, wurde jedoch geflissentlich ignoriert.

„Ist es aber nicht“, hielt Glorfindel dagegen.

Lindir wollte es ihm gleichtun, kam allerdings nicht mehr dazu, als Aragorn Glorfindel das Gartengerät abnahm und sagte: „Jedenfalls ist eine Harke genau das, was wir hier gleich brauchen werden.“

„Dann ist es gut“, ergänzte Erestor, „und wir können bitte darauf zurückkommen, weswegen wir ursprünglich hergekommen sind, Glorfindel.“

„Ja, das Kräuterbeet“, begann der unverschämt goldblonde Noldo, als hätten sie nie über lebensbedrohlich herumliegende und ungerechterweise rechtzeitig gefundene und eliminierte Harkenlebensgefahren gesprochen – und sie begann beinahe automatisch erneut zu kommentieren, was nun folgte.
Allerdings brachte sie nun, erheblich ermuntert durch Lindirs Gezeter, wenigstens die Disziplin auf, das Geschehen weiterhin zu beobachten. Legolas schien sich aus der Fachsimpelei über Kräuter lieber herauszuhalten, indem er nun seinerseits Aragorn die Harke aus der Hand nahm und begann, den Boden um ein paar der neu gesetzten Baumschösslinge aufzulockern. Als ob er hier fachmännisch einen Wald anlegen wollte, schoss es Urd durch den Kopf, aber was konnte man von einem Waldelb auch anderes erwarten?! Sowas wurde denen bestimmt schon in die Wiege gelegt. Sie schnaubte gelangweilt. Genau wie Lindir, der nun die Arme vor der Brust verschränkte und kaum hörbar murmelte: „Das ist trotzdem noch lange kein Grund, eine Harke so gemeingefährlich herumliegen zu lassen.“

Er wurde ignoriert. Von allen, sehr zu Urds Belustigung. Das war zwar noch immer nicht so gut wie ein kleiner Todesfall zwischendurch, aber immerhin...

„KAFFEE IST FERTIG!“

Sie zuckte zusammen, als Verdandi so brüllend und mit zwei Tassen, über deren Ränder die heiße Flüssigkeit schwappte, in die Halle zurückgestürmt kam.

„HEIß UND STARK UND KÖSTLICH UND...“

„HALT’S MAUL!“, brüllte sie zurück, ehe sie etwas leiser ergänzte: „Ich bin ja nicht taub!“

„Ach, das ist ja mal ganz was Neues, dass...“ Verdandi knallte eine der Tassen auf Urds Schalte, als ihr Blick auf den Bildschirm fiel. „Oh, Elben bei der Gartenarbeit – nein, wie putzig! Und guck doch mal, wie ordentlich der da um die Bäumchen herumharkt!“

„Kannst du bitte aufhören, so zu tun, als ob das Erdmännchen wären?“, hakte Urd giftig nach. Das war nun wirklich allerletzte, das zu ertragen sie bereit war.

„Aber ich mag Erdmännchen. Die sind niedlich“, erwiderte Verdandi und zog einen Schmollmund.

„Schön für dich“, gab sie patzig zurück, „Warum hast du die Erdmännchen dann während Beleriands Untergang nicht vor dem Aussterben gerettet?“

„Weil ich rein zufälligerweise damit beschäftigt war, verwirrte Zwerge durch die richtige Tür in den Tod oder Nicht-Tod zu schicken“, erklärte Verdandi in nahezu perfekter Imitation von Urds Tonfall.

Urd schnaubte, verbiss sich aber jede weitere Bemerkung zu diesem Thema. Der Untergang Beleriands war anstrengend gewesen, daran gab es nichts zu rütteln, also sollten sie dieses geringfügig sensible Thema besser da lassen, wo es normalerweise war: in der Mottenkiste.
Das hatte jetzt nur den Nachteil, dass sie Verdandi erst dann wieder von ihrem Schalter wegkriegen würde, wenn ihre Kollegin Arbeit in Form eines Sterbenden bekam. Missmutig nahm Urd ihre Kaffeetasse in beide Hände und pustete vorsichtig auf den Inhalt. Selbst Maiar konnten sich die Zunge verbrennen, wenn sie die richtige Gestalt dafür angenommen hatten und nicht achtsam waren.
Unterdessen war Glorfindel scheinbar damit fertig geworden, Aragorn, Erestor und Lindir seine Kräuterbeetpläne in allen Einzelheiten und mit sehr anschaulichen Gesten zu erläutern. Alles, was Urd davon mitbekam, war, wie Aragorn Glorfindels Plänen zustimmte. Zumindest interpretierte sie seine Aussage so. Aber was wusste sie im Falle des Falles schon von Menschen...

„Sehr diplomatisch...“, hörte sie Erestor schließlich murmeln – und das war Wasser auf ihre Mühlen. „Wie es sich für einen wahren König gehört.“

Was auch immer Aragorn darauf erwiderte, ging allerdings in einem genervten Aufstöhnen Verdandis unter: „Immer diese Diplomatie... Ich hasse Diplomatie! Diplomatie heißt Langeweile und...“

„HALT DIE KLAPPE!“, fauchte sie ihre Kollegin erneut an. Das war ja nicht zum Aushalten! Gerade jetzt, wo die Chance bestand, dass sie erneut zu diskutieren begannen, konnte Verdandi nicht still sein!

„Aber... WHOA! Was ist das denn?!“ Verdandi deutete mit weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm. Urd tat es ihr rasch gleich, sah aber nur noch, wie etwas gegen einen vertrockneten und noch nicht abgesägten Baum knallte, abprallte, Erestor und Glorfindel veranlasste, sich zu ducken, und Lindir am Kopf traf. Der Elb taumelte in einer erstaunten Schrecksekunde zur Seite, stieß Aragorn an, der dadurch ebenfalls aus dem Gleichgewicht kam und seinerseits Legolas anrempelte, der gerade den augenscheinlich letzten Harkenstrich getan hatte, durch den Stoß aber zwei Schritte vorwärts und damit kaum sichtbare Fußabdrückte in die aufgelockerte Erde machte, unmittelbar gefolgt von Fußabrücken des frischgekrönten Königs. Urd konnte sich das schadenfrohe Grinsen nicht verkneifen, während der Auslöser der Rempelei in einigen Metern Entfernung beim Haselstrauch zum Stillstand kam.

Es war ein Ball.

Und nur Wimpernschläge später tauchte der Junge von vorhin hinter dem Haselstrauch auf, warf einen erschrockenen Blick auf die Männer, schnappte sich den Ball und rannte davon.

„Ja, das hätte ich an seiner Stelle auch getan“, konstatierte Verdandi, „Ist schon ein bisschen peinlich, seinen neuen König beim Spielen zum Stürzen zu bringen.“

„Dein Wort in Erus Ohr...“ seufzte Urd, „Ich wünschte, du würdest mal wegrennen, wenn Maedhros hier ist.“

„Maedhros?! Wann?!“

„Gar nicht! Und für dich schon dreimal nicht!“, fauchte sie. Das fehlte ja auch gerade noch! Obwohl es in dem Fall natürlich nicht mehr so schrecklich langweilig wäre, aber...

„Hoffentlich hat er sich nicht zu sehr erschreckt“, hörten sie Aragorn plötzlich sagen. Es klang ein bisschen bedauernd, fand sie.

„Wenn er morgen wieder da ist, bestimmt nicht“, versicherte Legolas, wandte dabei den Blick aber nicht von der nun nicht mehr so ordentlich geharkten Erde ab. „Er hat schon den dritten Tag dort hinten an der Mauer gespielt.“

„Dort, wo das Loch ist?“, hakte Erestor nach.

Legolas bejahte.

„Und genau aus diesem Grund sollst du keine Harken herumliegen lassen!“, wiederholte Lindir energisch an Glorfindel gerichtet. „Hier laufen Kinder herum! Und du weißt doch, wie Kinder sind, wenn sie spielen!“

„Ja, ja...“ Der über alle Maßen goldblonde Noldo winkte desinteressiert ab und brachte Lindir damit zum Schnauben.

„Ich denke, man kann aus dem Loch ein Tor machen“, sinnierte Aragorn plötzlich, „dieser Garten kann der ganzen Stadt zugutekommen. Groß genug ist er ja.“

„Gimli könnte sich das einmal ansehen“, schlug Legolas vor und setzte die Harke wieder an.

„Ja, das wäre gut.“ Aragorn nickte und hob dann einen der Tontöpfe hoch, der noch einen Baumschössling enthielt.

Verdandi stieß sie leicht an. „Glaubst du, sie sind jetzt schon fertig mit streiten?“

„Sieht so aus“, antwortete sie leise.

„Oh, das ist aber schade.“

„Ja, gerade jetzt, wo es anfing, wirklich spannend zu werden...“

Und in der Tat verabschiedeten Erestor, Glorfindel und Lindir sich nun wieder von Aragorn und Legolas. Die Harke nahmen sie jedoch nicht wieder mit, sehr zu Lindirs Erleichterung, wenn Urd seinem Gesichtsausdruck nach urteilte.

„Vielleicht lässt Glorfindel seine Harke ja morgen nochmal gemeingefährlich liegen“, merkte Verdandi hoffnungsvoll an.

„Vorausgesetzt, Legolas gibt sie ihm zurück“, murrte sie wenig zuversichtlich.

„Ansonsten gibt’s immer noch Lindir und Schaufeln. Schaufeln können auch total gefährlich sein“, erwiderte Verdandi mit dem gleichen nicht-vorhandenen Ernst, mit dem sie normalerweise auch über Erdmännchen und putzige Elben sprach. „Ich hatte mal einen Zwerg, dem war eine auf den Kopf gefallen, und damals, im Orkverteilungscenter, da war ein Ork, dem hatte ein Zwerg eine Schaufel in den Kopf gerammt. Das sah aus, kann ich dir sagen, Urd, unglaublich! Und der Ork ist nicht mal gestorben! Da hab ich echt gedacht, die Realität ist nur eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige. Du hättest das sehen sollen, das...“

Urd seufzte lautlos. Verdandis Orkverteilungscenter-Anekdoten waren wenigstens immer noch besser als Langeweile, solange gemeingefährliche Harken in Minas Tiriths Gärten noch rechtzeitig entschärft wurden.



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Wer wissen will, was es mit Glorfindels Haaren und seinem (Beinahe-)Sterben auf sich hat, findet die Antworten hier:
Sterben für Ecthelion – oder: Warum ein Balrog nicht in Brunnen baden sollte
und hier:
Sterben für Glorfindel – oder: Warum goldblonde Elben immer eine Extrawurst brauchen.

Und falls sich im Anschluss daran jemand fragen sollte, wo Skuld in dieser Geschichte herkommt, der findet die Antwort darauf in Sterben für Anfänger.

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