Zwischen den Zeilen

KurzgeschichteMystery, Angst / P12
OC (Own Character)
23.10.2016
23.10.2016
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Zwischen den Zeilen

Kurzgeschichte aus Buchhaim/Zamonien (Walter Moers)


Buchhaim. Mit einem verpacktem Buch unter dem Arm betrete ich die belebte Straße der Stadt und begebe mich zielstrebig zu einem der gemütlichen Cafés, um dort mit meiner Lektüre zu beginnen. Ich setze mich an einen Tisch und bestelle mir einen Musenkußkakao und Dölerich-Hirnfidler-Kekse bei der sogleich heraneilenden Bedienung. Nachdem sie gegangen ist, nehme ich das noch unbekannte Buch zur Hand. Eine neue Aktion in meinem Lieblingsantiquariat, die "Überraschungslektüre", zu der ich einfach nicht nein sagen konnte. Gespannt befreie ich meine neue Errungenschaft aus seinem Gefängnis der Annonymität und schon bald halte ich ein Buch der Gattung Gruselliteratur in den Händen. Ich runzle die Stirn. Dies ist zwar nicht meine bevorzugte Art der Literatur, aber man soll ja auch mal was neues ausprobieren. Ich mache es mir gemütlich, schlage das Buch auf und beginne mit dem Lesen.

Ein lautes Rascheln, gefolgt von einem schrillen Pfeifen dringt aus dem Nichts und zerreist die Stille in der dunklen und leeren Gasse. Nur kurz wärt dieser Lärm, bis er so plötzlich verstummt, wie er gekommen war. Für ein paar Sekunden hebt sich der Gullideckel, bevor er wievon Geisterhand zur Seite geschoben wird. Heraus aus der schwarzen Tiefe steigt eine dunkle Gestalt. Behutsam verschließt Sie den Eingang in die Unterwelt und geht dann gemächlich, aber zielstrebig die Straße hinunter, um dort um die Ecke zu biegen und in die Menge einzutauchen.

Noch immer in der Geschichte des Buches vertieft, greife ich blind nach einem Dölerich-Hirnfidler-Keks, aber zu meiner Bestürzung finde ich einen leeren Teller vor. Anscheinend habe ich bereits alle verspeist. Widerwillig reiße ich meinen Blick vom Buch und winke nach der Bedienung, um einen neuen Teller Kekse und eine neue Tasse Musenkußkakao zu bestellen. Kaum dreht sie mir den Rücken zu, kleben meine Augen wieder zwischen den Seiten des Buches.  Der mir unbekannte Autor scheint wirklich zu wissen, wie man seine Leserschaft zu fesseln vermag. Die Geschichte wirkt auf mich so real, so überzeugend, dass ich keine Probleme habe mich dort hinein zu versetzen.

Die dunkle Gestalt bahnt sich unauffällig ihren Weg durch die Menge hindurch. Unbemerkt biegt Sie mal in diese und mal in jene Straße ein, um dann plötzlich an einer Häuserecke stehen zu bleiben. Hinter einem hohen Bücherstapel versteckt, beobachtet die dunkle Gestalt jemanden. Eine der vielen Lesenden in dem Café ist sein Leser. Gefunden. Jetzt heißt es weiterhin unbemerkt zu beobachten und zu verfolgen, bis der richtige Zeitpunkt sich ereignet.

Als ich das nächste Mal von meiner Lektüre aufblicke, ist nicht etwa wieder der Teller leer, nein, dieses Mal ist es das schwindene Licht, welches den kommenden Abend ankündigt. Ich packe meine Sachen zusammen, bezahle die Rechnung und begebe mich zurück in das gemietete Zimmer im Gasthaus "Zum geschriebenen Wort". Zum Glück ist es direkt in der Nähe, sodass ich meine Sachen dort nur ablege, mich frisch mache und mich schnell wieder zurück in das Getümmel der Stadt stürzen kann, denn nun beginnt die wunderbare Holzzeit.

Langsam kommt wieder Bewegung in die dunkle Gestalt, nachdem Sie seit Stunden dort regungslos verharrte. Sie beobachtet weiter, wie auch der Leser sich regt, seine Sachen packt und davon eilt. Den Blick auf den Gegenstand unter dem Arm gerichtet, beginnt die dunkle Gestalt die Verfolgung. Erneut beginnt die Reise durch die Straßen voller Bücher bis hin zu einem Haus, über dessen Tür ein Schild in Form eines schreibenden Stiftes auf einem Blatt zeigt. Während der Leser dort hineingeht, bleibt die dunkle Gestalt draußen und wartet geduldig auf deren Rückkehr, um anschließend selbst in das Gasthaus hinein zu gehen.

Die ganze Holzzeit über und obwohl ich gespannt den Worten der Meisterleser von Buchhaim lausche, die gerade eine meiner Lieblingsgeschichten vorlesen, schwirrt mir nur dieses eine  Buch durch den Kopf. Der Drang ins Gasthaus zu rennen und es weiter zu lesen wird mit jeder Minute stärker. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er zur Unerträglichkeit heranwächst. Ich beiße in eine Dichterlocke und versuche mich zusammen zu reißen.

Ein kurzer Blick über die Schulter in das Gästebuch genügt, um herauszufinden, wo der Leser sein Zimmer hat. Der Angestellte des Gasthauses merkt von allem nichts. Die dunkle Gestalt geht die Treppe hinauf ins Dachgeschoss und betritt dann das leere Zimmer namens BUCHFINK. Die Tür hinter sich schließend schaut Sie sich im Zimmer um.

Der Meisterleser ließt die letzte Seite des Buches und erntet am Ende einen lang anhaltenden tobenden Applaus. Auch ich klatsche begeistert, denn die Meisterleser tragen ihren Namen zurecht. Nachdem dieser sich verbeugt und den Raum verlassen hat, schließe ich mich der nach draußen schwärmenden Menge an und begebe mich zurück zum Gasthaus, um das Buch endlich weiter lesen zu können. Es ist immer noch erstaunlich, wie gut die Geschichten geschrieben wurden. Es kommt mir so vor, als hätte der Autor das Geschriebene selbst erlebt.

Den Blick starr auf ein Buch gerichtet steht die dunkle Gestalt vor dem bescheidenen Bücherregal. Leise gemurmelte Worte, die sich wie raschelnde Papierseiten anhören ertönen aus dem Nichts. Unheilvolle Worte, welche für fremde Ohren unverständlich sind.

Ich melde mich unten an der Rezeption und gebe dem Angstellten bescheit, wann ich am nächsten Morgen geweckt werden möchte. Anschließend gehe ich hinauf zu meinem Zimmer. Vor der Tür verweile ich kurz, um den Schlüssel aus meiner Tasche zu holen. Ich strecke den Schlüssel in das Loch, drehe ihn und lege dann meine Hand auf die Türklinke. Langsam drücke ich sie herunter ....

Das Gemurmel verstummt. Die dunkle Gestalt tritt einen Schritt nach vorne, berührt das Buch und wird plötzlich in das Buch hineingesogen, bis Sie vollständig verschwunden ist. Noch rechtzeitig, denn das Klicken des herumgedrehten Schlüssels war bereits zu hören gewesen.

... und betrete das Zimmer. Zielstrebig führen mich meine Schritte zum Bücherregal. Ich atme tief durch und nehme das Buch heraus, wo ich es zuvor hineingestellt habe. Gemeinsam gehen wir zum Bett, wo ich es mir bequem mache und gespannt weiterlese.

Bald ist es soweit.

Ich blättere die nächste Seite um und bemerke schon beim lesen, dass ich mich langsam wieder dem Ende einer dieser schaurigen Geschichten nähere. Wieder blättere ich eine Seite um. Die letzte Seite der Geschichte liegt nun vor mir.

Die dunkle Gestalt macht sich bereit.

Bevor ich mich der neuen Geschichte zuwende, genehmige ich mir einen Schluck aus dem Wasserglas zu meiner Linken. Ich nehme das Buch wieder zur Hand, schlage es auf und schaue verwirrt auf die leeren Seiten. Eigentlich habe ich erwartet nun eine weitere fesselnde Grußellektüre lesen zu können. Gerade wollte ich das Buch verärgert wieder zuschlagen, als von Geisterhand ein paar Worte auf die Seite geschrieben wurden.

Willkommen Leser, ich habe dich erwartet.


Geschockt und noch immer verwirrt starre ich hinab. Wieder wollte ich das Buch schließen, aber es wollte sich einfach nicht zuklappen lassen. Die Worte verschwimmen und formen sich zu einer Hand, die immer größer und größer wird. In mir breitet sich die Angst aus, meine Hände scheinen an dem Buch festzukleben. Die schwarze Hand tritt plötzlich aus dem Buch heraus, packt mich und zieht mich in das Buch herein. Je mehr von mir im Buch verschwindet, desto mehr Seiten werden mit Buchstaben gefüllt. Schreiend versuche ich noch mich dagegen zu wehren, aber vergeblich. Bevor ich entgültig zwischen den Zeilen meiner eigenen Gruselgeschichte verschwinde, sehe ich noch, wie eine dunkle Gestalt erscheint und mir grüßend gegen seinen Hut tippt.


~HoneyThePandaa~



Meine Betaleserin: Shade Color
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