Ein Tag, der alles verändert [OneShot}

von Lady0409
KurzgeschichteDrama / P12
Dr. Roland Heilmann Pia Heilmann
22.10.2016
22.10.2016
1
1970
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Ein Tag, der alles verändert

Abschied ist ein schweres Wort und ein scharfes Schwert

Fassungslos stand Chefarzt Dr. Roland Heilmann ohne irgendeine Regung an dem Transportsarg, der in der Kapelle vor ihm aufgebaut wurden war.

Eben hatten sie seine aus Italien eingeflogene Frau herein gebracht; seine Pia, mit der er noch vor zwei Tagen telefoniert hatte. Seine große Liebe, die er trotz der vielen Telefonate, die sie seit Pias Abreise nach Italien geführt hatten, so sehr vermisste.

Roland war den Tränen nahe, doch er wusste, dass er jetzt nicht weinen durfte. Er, der Chefarzt Dr. Roland Heilmann, wollte seine Gefühle nicht zulassen; er wusste nicht, ob er das alles nur träumte oder ob es wirklich real war.
Stand er hier wirklich neben dem Sarg seiner Pia? Seiner geliebten Frau?
Oder war das doch alles nur ein Traum? Ein ganz dummer Alptraum?

„Charlotte, Otto, Jonas, Lisa“ - in seinen Gedanken rief er seine Familie zu sich, die ihn aus diesem Traum wecken sollten.

Erst gestern Abend war er noch mit seiner geliebten Pia verabredet gewesen – per Skype wollten sie wieder miteinander sprechen und erste Details über ihre Rückkehr besprechen. Wieder und wieder hatte Roland erfolglos versucht, eine Verbindung zu Pia herstellen zu können, bis Lisa ihm erklärte, Pia sei „offline“.
Den Rat, Pia auf dem Handy anzurufen, war Roland nicht nachgegangen. „Vielleicht schläft sie ja schon.“, war er sich sicher und danach hatte er aufgegeben, Pia per Skype zu kontaktieren.
Wenn er schon gestern Abend gewusst hatte, warum Pia nicht „online“ war. Wenn er an diesem Abend auch nur im Geringsten geahnt hätte, was für eine Tragödie sich in der kleinen italienischen Stadt Siena abgespielt hatte – er wäre noch an diesem spätsommerlichen Abend losgefahren.

Nun stand er da – am Sarg, in dem seine geliebte Pia lag. Seine große Liebe; die Frau seines Lebens; eine Frau, die er mehr liebte, als sein Leben.
Sie war von jeher eine Kämpferin, hatten die vielen Schicksalsschläge doch in ihrem Leben so viel angerichtet.
Ihre erste Brustkrebserkrankung im Jahre 1999 hatte sie mit der Hilfe ihrer Freunde Achim und Maia überstanden; der Rückfall vor vier Jahren – Pia war stark geblieben und hatte tapfer um ihr Leben gekämpft…

Doch nicht nur sie selbst musste gesundheitlich so viel wegstecken. Auch ihren Mann hatte sie in so vielen schweren Zeiten beigestanden; auch, wenn es sie selbst fast zerrissen hatte, Roland leiden zu sehen.
Die Zeit nach seinem Flugzeugabsturz, seine Leukämieerkrankung, der Tod ihrer gemeinsamen Tochter Alina und ihres Schwiegersohnes Vladi – all das hatten Roland und Pia immer mehr zusammen schweißen lassen.
Sie waren ein Herz und eine Seele; Roland spürte an diesem grausamen Tag genau, was Pia damit gemeint hatte, als sie ihm sagte, sie sei ohne ihren Roland eben nur „99% Pia“.
Er fühlte in diesem Moment ganz genauso; er war seit der Nachricht, seine liebste Pia würde nie wieder zu ihm zurückkehren, auch nicht mehr komplett.

Für den Chefarzt war am heutigen Tag, als die beiden Polizisten vor ihm standen und er die Todesurkunde seiner Liebsten in die Hand gedrückt bekam, alles zusammen gebrochen; seine Welt wurde aus den Angeln gehoben.
Auch, wenn Roland nicht wirklich gut Italienisch sprach, so hatte er die Tragweite der Überschrift der Todesurkunde sofort übersetzen können.
Kurz nachdem die beiden Polizisten aus seinem Büro gegangen waren, hatte sich Roland auf den langen Weg in Richtung Italien gemacht. Er musste nach Italien; er musste zu seiner Frau; er musste doch in dieser schrecklichen Zeit seiner geliebten Pia beistehen.
Er wollte es einfach nicht wahr haben, dass seine Pia tot war. Viel zu sehr klammerte sich Roland an den Gedanken, seine Frau wolle ihn überraschen und wäre schon heute wieder nach Hause zurück gekehrt.

Vielleicht – so hoffte Roland – wäre die Tote gar nicht seine Pia. Vielleicht war seine geliebte Frau schon wieder zu Hause, wenn er vom Dienst zurückkehrte.

Auf dem Weg zu seinem Auto versuchte Roland krampfhaft, Pia auf dem Handy zu erreichen, hinterließ ihr eine Nachricht auf ihrer Mailbox.
„Pia, wenn du deine Nachricht abhörst… Ruf mich doch bitte zurück. Ich liebe dich… Ich brauche dich. Komm bitte nach Hause zurück.“, hatte er noch ins Handy gehaucht, bevor er noch einmal durchatmete und mit seinem Auto auf die lange Strecke von Leipzig nach Siena aufbrach.
Bei den halbstündlichen Nachrichten im Autoradio hörte der Chefarzt nur mit einem Ohr wirklich zu, doch ein Bericht ließ ihn ihm immer wieder das Blut in den Adern gefrieren; ließ ihn kurz alles um sich herum vergessen.
Ein Bericht über das Unwetter in Siena, welches seine Pia, den Berichten der Polizisten zufolge, aus dem Leben gerissen hatte.

Mitten in diese vielen Gedanken von Roland mischte sich die Wut – Wut auf sich selbst; Wut auf den Dienstplan in der Klinik, der ihn daran gehindert hatte, seiner geliebten Pia nach Italien zu folgen; bei ihr zu bleiben, an ihrer Seite, an die er als ihr Mann gehörte.

Warum, verdammt noch mal, warum war er nicht mit seiner Pia zusammen nach Italien gegangen? Warum musste er in Leipzig bleiben – hunderte von Kilometern von seiner Liebsten getrennt?
Warum hatte er seine Ehefrau nicht früher wieder zurück nach Hause geholt?

Seine Gedanken unterbrach das leise Flüstern seines Sohnes Jakob, der plötzlich hinter ihm auftauchte. „Papa…“
Roland drehte sich um und sah Jakob hinter sich stehen.
Beim Anblick seines Sohnes kämpfte der Chefarzt mit den Tränen; am liebsten wäre er jetzt sofort zu Jakob gelaufen und wäre seinem Sohn in die Arme gefallen.

„Jakob...“ Von Roland unbemerkt verließ ein ebenso leises Flüstern seinen Mund und der Arzt schluckte schwer, während sich sein Sohn schweigsam neben ihn stellte und vorsichtig nach der Hand seines Vaters suchte.
Für Roland war das alles, wie ein Deja-Vú. Ein verdammtes  Deja-Vú…

Er sah sich und seine geliebte Pia neben seiner toten Tochter Alina stehen – kurz nach Alinas und Vladis tödlichen Unfall. Er hatte sich damals so sehr an seine Pia geklammert; hatte keinerlei Trauer zugelassen.
Die aufkommende Trauer, die ihn, den Chefarzt, beim Anblick von Alina so sehr gequält hatte, hatte er zurückgewiesen. So wie auch jetzt…



Hatte die Familie in den letzten zwanzig Jahren nicht schon genug durchmachen müssen? Hatten nicht schon genug Schicksalsschläge die Familie immer wieder von Neuem erschüttert?

Inzwischen bahnte sich eine Träne ihren Weg zum Boden der Kapelle; doch nicht, wie man vermuten könne, aus Rolands Augen, sondern aus den Augen seines Sohnes.
Für Jakob war es nicht einfach, hier zu stehen. Seine Mutter, die er immer als starke, nicht klein zu kriegende Frau kannte, lag hier vor ihnen…? In einem Sarg…? Tot…?
Schluchzend suchte der knapp Dreißigjährige bei seinem Vater Halt, doch Roland stand da, wie zu einer Salzsäule erstarrt.

„Wie geht es Jonas?“, erkundigte sich Roland, der vermutete, sein Sohn wüsste es.
„Er ist zu Hause; Charlotte ist bei ihm. Lisa und Otto sind auch da.“, flüsterte Jakob und die beiden starrten weiterhin auf den Sarg.
„Er darf das nicht wissen… Er darf das nicht wissen… Er darf das nicht wissen…“, wiederholte Roland immer wieder und eine einzelne Träne tropfte auf den Boden.

Wieder und immer wieder hörte Roland abwechselnd die Stimmen von Lisa und Pia, die beide das Lieblingsgedicht von Alina aufsagten.

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus… Flog durch die stillen Lande… als flöge sie nach Haus´“ - diese Zeilen aus dem Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff waren es, die dem Chefarzt immer wieder durch den Kopf gingen.
Das Handyvideo, das Pia ihrer Familie noch in der letzten Woche geschickt hatte, war in seinem Kopf immer wieder abgelaufen. Er sah Pia immer wieder mit ausgebreiteten Armen durch die dicht bewachsene Allee in Richtung Horizont spazieren.
Wenn die Familie schon in dieser letzten Woche gewusst hätte, dass dies so ein symbolträchtiges Video wäre – der letzte Gang ins Paradies – Roland lief zugleich ein heißer und ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte.



Stunden hatten Roland und Jakob in der Kapelle verbracht; es war bereits früher Abend, als die Zwei wieder nach Hause kehrten.

Während Jakob jedoch wie ganz selbstverständlich ins Haus ging, als wäre nichts passiert, blieb Roland vor der Tür stehen.
Sollte er jetzt wirklich dieses Haus betreten? Sollte er in dieses Haus, das so viele Jahre Pias und sein gemeinsames Zuhause war, zurückkehren? Ohne seine geliebte Pia?

Tief in Rolands Innerem hörte er Pias Stimme; er sah seine große Liebe am grauen Gartenzaun stehen und ihm freudig zuwinken. Er sah seine geliebte Pia, wie sie immer war; wie er sie für immer in seinem Gedächtnis abgespeichert hatte.

„Roland… Roland, komm doch nach Hause“ Von hinten drang Pias Stimme an Rolands Ohr und er drehte sich um. Doch außer ihm stand niemand da. Keiner, der ihm helfen könne, aus diesem Alptraum aufzuwachen; keiner, der ihm auch nur im Geringsten sagen könne, dass seine Frau nicht tot war.
Die Nachbarn hatten noch nichts von dem tödlichen Unfall von Pia gehört und so fragte die Nachbarin: „Herr Dr. Heilmann… Wann kommt denn ihre Frau wieder? Sie ist jetzt schon so lange in Italien…“
„Sie… Sie wird nie mehr wieder kommen.“, flüsterte Roland, stieg in sein Auto und raste davon.

Er musste einfach weg; weg aus seiner Heimatstadt Leipzig; raus aus diesem gottverdammten Alptraum, der sich für ihn plötzlich so real anfühlte und von dem er sich wünschte, er sei wirklich ein Alptraum.


Fast kopflos durch die Straßen Leipzigs rasend versuchte Roland, ein wenigstens halbwegs klaren Gedanken fassen zu können; sich mit dem Tod seiner Frau auseinander setzen zu können.
Doch alles, was er beim Gedanken an Pia fühlte, war Schmerz. Schmerz im Herzen, Schmerzen in der Brust, Schmerzen im ganzen Körper.

Nach Luft röchelnd hielt Roland an einer Ampel an und zog seine dunkelblaue Krawatte vom Hals. Die Krawatte, die er von Pia zum letzten Weihnachtsfest geschenkt bekommen hatte und die er seitdem so gerne trug.

Und meine Seele… spannte weit ihre Flügel aus…“, weinte Roland, stoppte den Motor seines Autos und streichelte liebevoll über den Displayhintergrund seines Handys, das das Foto seiner Frau zeigte. „flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus´

Er dachte an seine Pia, an eine Frau, die ihr ganzes Leben lang so stark war. Eine Frau, deren fröhliches Lachen er nie wieder sehen, nie wieder hören durfte; eine Frau, deren Stimme für immer verstummt war.



R.I.P. Pia Heilmann/Hendrikje Fitz
Wir werden dich niemals vergessen
Review schreiben