Timeout

von phantasos
OneshotFreundschaft / P12
Lara Croft
20.10.2016
20.10.2016
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Lara Croft bog nach rechts, verließ den Pfad der am Observatorium endete. Während des Aufenthaltes hatte die junge Archäologin das Tal mehrmals durchforstet und fand sich mittlerweile zurecht. Besonders kannte sie die kleinen Fleckchen, diese Oasen der Friedlichkeit.
Gespitzte Ohren lauschten dem tosenden Wasserfall; ein beruhigender Klang. Hier an diesem Klippenvorsprung mussten ihre Augen nicht prüfend umher wandern, auch der Bogen konnte seelenruhig neben ihr verharren. An dieser Stelle lauerten weder Bären noch Raubkatzen. Im unteren Terrain des Tales, dort sah es anders aus. Suchte sie dort nach einer Verschnaufpause, fern der Bewohner und ihren Hütten, so durfte sie nie die Umgebung aus den Augen verlieren, nie ihre Sinne ruhen lassen.

Erschöpft sank Lara auf den Klippenvorsprung und blickte gen Westen; ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es dämmerte stark, die Sonne war schon bald verschwunden, aber noch drangen die letzten, orangenen wärmenden Sonnenstrahlen vor. Bisweilen hatte sie nie die Minuten gehabt, in denen sie diesen einen Moment genießen durfte. Rast kostete Zeit und das wiederum forderte Leben. Die Füße baumelten zaghaft, ihre Arme waren abgestützt und unweigerlich musste sie die vergangenen Tage Review passieren lassen.
Von einem Kampf in den nächsten war sie geschlittert; erneut auf Leben und Tod. Trinity war geschlagen und abgezogen. Das gesuchte Objekt hatte Lara zerstört, somit erlosch auch das Interesse an dem abgelegenen Ort. Wie rasch sich so etwas änderte. Erst recht, da es Lara gewesen war, die Konstantin und Ana nach Sibirien geführt hatte. Allein aus diesem Grund, gepaart mit dem eigenen Wissensdurst, hatte sie nie und nimmer nichts unternehmen können.

»Du hast dir bereits die schönsten Fleckchen ausgesucht?«, drang die Stimme durch, gefolgt von einem süßlichen Kichern. Lara warf einen Blick über ihre Schulter, wollte überprüfen ob ihr Gehör nicht doch einen Streich spielte. Tatsächlich erblickte sie Sofia, die rothaarige Bogenschützin, die sich wie eine Amazone in den Kampf stürzte. Nie zuvor hatte Lara diesen amüsanten Tonfall in ihrer Stimme vernommen.
Sofia schritt auf ihre Verbündete zu, sie ging nahe dem Gestein wodurch ihre Fingerspitzen sacht darüber strichen. In diesem Tal hatte sie so viel erlebt, Leben kamen und gingen, aber das uralte Fundament, das Massivgestein der Berge blieb. Ihr Bogen wurde dagegen gelehnt und ihre Beine hielten neben Lara. Sie lächelte ebenfalls dem Sonnenuntergang entgegen, aber lag darin viel Wehmut.
Neugierig blickte Lara hoch, versuchte herauszufinden, was in der anderen vor sich ging. Jakobs Tod lag zwei Tage zurück, bislang hatten sie kaum einen Moment des Durchatmens erhalten. Jeder hatte eine Aufgabe erhalten; manche machten sich sofort an die Aufräumungsarbeiten und bauten die zerstörten Dörfer auf; andere mussten sich durch die zurückgebliebenen Soldaten kämpfen, bis der letzte von ihnen, entweder in den Tod blickte oder freiwillig mit Hubschraubern verschwand.
»Gott sei Dank habe ich mich in der Sowjet-Anlage für eine Warnung entschieden.« Sofia schüttelte den Kopf, wenn sie daran zurückdachte. Wie Trinity hatte sie Lara als Bedrohung eingestuft, aber da diese ihre Feinde zur Strecke gebracht hatte, hatte sie ihr den Rat nahegelegt, umzukehren. Der Feind meines Feindes, wie man so schön sagte. »Ob wir die Belagerung ohne dich überstanden hätten – ich möchte gar nicht erst daran denken!«

»Ich nehme dir dein Misstrauen nicht übel“, griente die Archäologin dezent. Um ein Haar, wäre Jacob nicht zur passenden Zeit aufgetaucht, hätte Sofia sie getötet oder töten lassen. »Dich zu überzeugen war ein hartes Stück Arbeit.«

»Unsere Heimat ist mir kostbar und sie vor Eindringlingen zu bewahren mein höchstes Streben.« Meist hielt Sofia an einem Standpunkt fest: Lieber schießen anstatt Fragen zu stellen. Ihr Vater hatte hie und da Fremde mitgebracht, aber er hatte sie ins Dorf gelassen. Lara Croft war alleine aufgetaucht und jeden, den es hierher verschlug, ging es um die Göttliche Quelle. Nun, wo diese zerstört wurde, änderte sich so einiges.
»Vater muss gewusst haben, dass du sie zerstörst.«
Lara wurde hellhörig, erinnerte sich an jenen Moment zurück, in dem sie Jacob in die Augen sah. Ja, er hatte mit ihrer Tat gerechnet.

»Sofia … es tut mir leid.« Als die Quelle in tausende Splitter zerbarst und die ausgehende Kraft erlosch, starb Jacob. Nach all den Jahrhunderten, in denen er dem Tod von der Schippe sprang, holte er ihn ein und hinterließ nichts, außer dem Wissen, das er einst gelebt hatte.
Eigentlich hatte Lara die Quelle gesucht, um Beweise zu finden, die gegen den schlechten Ruf ihres Vaters einsetzbar waren. Sie wollte ihn reinwaschen, aber in dem Moment, in dem die Unsterblichen auf sie zuschritten und Ana kurz vor dem Ziel stand, hatte Lara nicht anders gekonnt. Ihr war klar geworden, dass die Macht, die hiervon ausging, nicht für die Menschheit bestimmt war. Vielleicht würde die Sicht über Richard Croft stets dieselbe bleiben, doch Lara kannte die Wahrheit. Bis zum Schluss, bis zu seiner Ermordung hatte er Recht behalten.

»Hör auf, du hast nichts Falsches getan!«, erwiderte die rothaarige Schützin und dieses Mal blickte sie zu Lara. »Vater hätte den Schritt nie getan, lieber weiterhin jeden Eindringling verscheucht. Ich bin traurig, aber nicht böse.« Jacob hatte großes Vertrauen in Lara gesetzt, sonst hätte er ihr nie den Eingang gezeigt. Trinity hin oder her, Sofia spürte, dass er es von Anfang an gewusst hatte.

»Was nun? Ihr müsst sie nicht länger beschützen.«

»Mein Volk ist stark! Irgendwann, da bin ich sicher, werden wir wohl oder übel den Berg verlassen, vorerst jedoch halten wir an unseren Wurzeln fest.« Sofia kannte das Gerede, besonders der jungen Männer und sie selbst ertappte sich manchmal bei der Sehnsucht nach der Welt außerhalb ihrer Oase. Ein kurzweiliges Aufkommen, denn hier gehörten sie hin, hier lebten sie seit Jahrhunderten und überlebten. Manchmal waren die Zeiten hart, aber überstanden sie auch diese.
»Und? Hast du Frieden gefunden?«

»Zum Teil, ja. Mein Vater war so nah dran … und ohne Trinity? Hätte er den Weg hierher gefunden?« Ein tiefes Ausatmen war hörbar. »Weißt du, was mein Problem ist? Obwohl ich die Göttliche Quelle in Händen gehalten habe, stehe ich neuerlich am Beginn einer weiteren Reise. Was ist mein nächstes Ziel? Wann kommt mir Trinity das nächste Mal in die Quere?« Fahrig fuhr sich Lara ins Haar. Zuhause lagen dutzende Hinweise auf anderweitig übernatürlichen Phänomenen. Sie warteten auf sie. Ihr Blick glitt zum Bogen. Vor ein paar Monaten noch glaubte sie weder an die Gehirnspinnst ihres Vaters, noch daran einem Menschen Leid zuzufügen.
»Vor ein paar Monaten noch habe ich Übernatürliches als Humbug abgetan. Töten erschien mir unmöglich. Heute? Manchmal sehe ich in den Spiegel und frage mich, was aus mir geworden ist. Klar, als Kind stellte ich mir ein abenteuerliches Leben vor, aber mittlerweile ist es weniger ein packendes Abenteuer … vielmehr ein krampfhaftes Überleben und als Belohnung erkenne ich, was uns die Welt alles zu bieten hat.«
Sofia hatte aufmerksam gelauscht und die Neugierde packte sie ein wenig, wenngleich sie sich nach außen hin nichts anmerken ließ. Bedacht nahm sie nun neben der Archäologin Platz – Die Sonne war gänzlich verschwunden.

»Du kämpfst wie eine Barbarin, erzähl mir, woher dein Elan?«
Lara blickte auf das Wasser unter ihnen, die Stirn in Falten gelegt. Woher sie diesen extrem ausgeprägten Überlebensinstinkt hatte, würde sie selbst gerne in Erfahrung bringen. Konstantin meinte, ihr Vater war vollkommen anders, dem pflichtete sie bei. Denn er hatte Waffen nie gemocht.

»Yamatai hat es mir gelehrt. Um am Leben zu bleiben, musste ich Entscheidungen treffen, mich unter allen Umständen durchkämpfen. Jonah war mit von der Partie, damals hätte ich ihn beinah verloren … auf dem Weg hierher sind wir getrennt worden und ehrlich gesagt, ich habe mich gefreut. Alleine ist besser …«, gestand Lara und schloss für einen Atemzug lang die Augen. Anstatt umzudrehen war er ihr gefolgt und hätte ihm beinahe das Leben gekostet, wäre Jacob nicht gewesen. »Auf Yamatai suchten wir nach Himikos – Die Sonnenkönigin – Grab. Alles lief aus dem Ruder. Die Insel beherbergte Gestrandete, die einem Verrückten folgten. Dachte ich jedenfalls. Sie griffen uns an, entführten meine beste Freundin, weil sie sie für die Auserwählte hielten.« Wieder krochen die Erinnerungen hervor; ungewollte Gefühle durchströmte sie und zogen den Magen schmerzhaft zusammen. »Ich habe Dinge gesehen … bis dahin unvorstellbare Dinge. Ich hab mich durch die gesamte Insel gekämpft und wofür? Jonah ist mir geblieben.« Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Das Leben hatte sich gewandelt.

»Sonst sind alle gestorben?«, fragte Sofia leise nach, ihre Stirn lag in Falten und ein mitfühlender Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

»Nein, aber Reyes hat sich zurückgezogen. Ab und an haben wir Kontakt, aber ist dieser beschränkt. Sie hat Angst um ihre Tochter, hat den Mann verloren den sie liebt und möchte vergessen und Sam … Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass ich zu spät gekommen bin – Das Ritual hat funktioniert. Nach und nach hat sich die Veränderung eingeschlichen. Himiko hat gesiegt, sich in Sams Körper eingenistet. Ich suche nach einem Weg mein Versagen zu kompensieren. Umso mehr sind mir die Forschungen meines Vaters gelegen gekommen. Sein Leben hat er der Unsterblichkeit gewidmet, nie habe ich ihm geglaubt, wenigstens das wollte ich wieder gut machen.« Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen als sie zu Sofia blickte. »Er war nicht verrückt, aber die Meinung anderer kann ich nicht ändern. Für sie wird er immer einem Hirngespinst nachgelaufen sein.«

»Manches müssen wir eben mit eigenen Augen sehen.« Ja, Sofia wusste, sie hatte die Brünette falsch eingeschätzt, aber in erster Linie zählte nun mal der Schutz ihres Volkes, das Beschützen der Göttlichen Quelle. Zu diesem Zeitpunkt galt jeder Unbekannte als Eindringling, als Gefahr. Sofia griff in ihren Beutel, daraus holte sie den Atlas hervor.
»Hier, nimm ihn mit. Seine Aufgabe ist erfüllt und so hast du ein kleines Andenken an uns.«

»Danke, Sofia, auch für eure Hilfe.« Überraschend schüttelte die rothaarige Bogenschützin den Kopf.

»Ein Katapult zu bedienen ist keine große Sache, du hast vielmehr für uns getan.« Sofia stand auf; die abgefallene Anspannung, die Trauer um ihren Vater und die Arbeiten des Tages zollten Tribut. Müdigkeit machte sich bemerkbar.
»Und Lara?«, sprach sie nochmals an die Archäologin gewandt, während ihre Hand bereits nach dem Bogen griff, »Du gehst deinen Weg und du findest bestimmt eine Lösung, auch für deine Freundin. Und solltest du eines Tages eine Auszeit brauchen … du bist stets willkommen. Vergiss uns nicht.«
Lara Mundwinkel zuckten in die Höhe, ein aufrichtiges Lächeln, fern jedes Kummers, kam zum Vorschein. Ja, das spürte sie, irgendwann werden sie sich wiedersehen.

»Ich vergesse nie«, antwortete sie, erkannte noch das süßliche Lächeln der Rothaarigen ehe sich diese auf dem Weg hinunter machte. Lara selbst blieb noch eine Weile, den Atlas hielt sie fest in den Händen. Konzentriert lauschte sie dem Wasserfall. Was auch immer kam, sie war bereit.
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