Keine Reue ohne Scham

OneshotDrama, Freundschaft / P16
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers
20.10.2016
20.10.2016
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Keine Reue ohne Scham


„Von allen Tugenden die schwerste und seltenste ist die Gerechtigkeit. Man findet zehn Großmütige gegen einen Gerechten.“
- Franz Grillparzer (1791 – 1872)

Er hatte sofort den Raum verlassen müssen, sonst wäre er vermutlich noch wahnsinnig geworden. Dabei war es Buckys freie Entscheidung gewesen, sich hier in Wakanda einfrieren zu lassen... Steve kam dennoch nicht damit zurecht.
Er musste unwillkürlich an ein Sprichwort denken, das seine Mutter immer gesagt hatte: Wie gewonnen, so zerronnen.
Seine Mutter hatte damit Recht behalten. Auch heute noch, genau achtzig Jahre nach ihrem Tod. Es war beinahe widerlich, wie viel Zeit seitdem vergangen war. Wie viel Zeit seit seinem letzten Besuch ihres Grabes vergangen war.
Ruckartig atmete er ein und aus, um einen klaren Kopf zu bekommen, doch half es nicht im Geringsten. Die Ereignisse der letzten Tage begannen langsam in seinem Bewusstsein anzukommen und das war alles andere als angenehm.
Erst war die Sache mit dem Abkommen bei den 'Avengers' wie eine Bombe eingeschlagen und die Nachwirkungen dessen würden noch bis weit in die Zukunft reichen. Dann die Sache in Wien und zu allem Überfluss auch noch die Jagd auf Bucky.
Steves Kopf drohte zu platzen, wenn jetzt noch eine einzige Sache mehr hinzukäme. Und es war nicht einmal die Tatsache, dass er sich für seinen besten Freund gegen fast hundertzwanzig Nationen gestellt hatte, nein.
Es war die Tatsache, dass es heute alles umsonst gewesen zu sein schien. Bucky war nun eingefroren, Tony sicherlich vollkommen in Rage und Sam, Wanda, Clint und Scott hatte er noch nicht befreit.
Egoistisch kam er sich deshalb vor. Denn er war hier geblieben, um bei Bucky zu sein, um diesem verwirrten und absolut gebrochenen Mann wenigstens ein einziges Mal das Gefühl zu geben, dass er nicht völlig alleine auf dieser Erde war, doch...
Die anderen saßen immer noch in diesem Hochsicherheitsgefängnis und er hatte bisher nur überlegt, wie er sie dort heraus bekäme. Eigentlich hatte er sofort aufbrechen wollen, doch hatte er es einfach nicht übers Herz gebracht Bucky schon wieder sich selbst zu überlassen.
Das hatte er in Berlin schon gemusst und wie das ausgegangen war, hatte ja fast die ganze Welt mitbekommen.
Gedankenverloren betrachtete Steve die grüne Unendlichkeit, die sich in Wakanda um diesen Komplex zu erstrecken schien. T'Challas Hilfe war großzügig und absolut notwendig, doch hatte er dennoch ein schlechtes Gewissen, dass sich ihr neuer Verbündeter jetzt schon strafbar machte, nur weil er etwas wiedergutmachen wollte.
Er hatte Steve versichert, dass er in Bucky auch das Opfer sah, das er wirklich war und heute noch ist. Nichts anderes war Bucky in den letzten siebzig Jahren gewesen, ganz egal zu welch unmenschlichen Taten man ihn gezwungen hatte.
Denn er hatte nichts aus freien Stücken getan und darauf bestand Steve mit all seiner Kraft, all seinem Durchhaltevermögen und all seinem Verstand. Er ließe sich nicht von irgendeiner Organisation einreden, was er eigentlich besser wusste.
Hydra war ein Monstrum gewesen und es wirkte heute noch, selbst nach seinem offiziellen Tod. Steve wollte nicht wissen, wie viele gefährliche Individuen sich trotzdem noch dort draußen herumtrieben und womöglich an einer Wiederauferstehung der Hydra dachten. Beziehungsweise, noch wollte er es nicht wissen.
Steve Rogers war am Ende.
Seine Verbindung zur alten Welt vor siebzig Jahren war nun – bis auf Bucky – mit Peggy zusammen beerdigt worden. Seine beste Freundin war einfach von ihm gegangen, genau wie Bucky vor wenigen Minuten.
Der Verlust wog mindestens gleich schwer.
Doch Peggy würde er nie wieder sehen, so viel stand fest...
Seine Augen begannen zu brennen und er konzentrierte sich auf einen bestimmten Baum, den er mindestens fünf Minuten ununterbrochen anstarrte, damit er ja nicht die Kontrolle über sich selbst verlor.
Etwas Schlimmeres konnte ihm jetzt nicht passieren, denn er hatte noch einiges, mit dem er fertig werden müsste. Er musste die anderen befreien, die seinetwegen dort im Gefängnis saßen und wie Irre behandelt wurden.
Besonders Wanda musste er dort rausholen, denn sie hatte es am allerwenigsten verdient, dass so mit ihr umgesprungen wurde. Sie war weder gemeingefährlich noch an ihren Mitmenschen desinteressiert, sie war bloß viel zu jung, um mit ihrer Macht umzugehen.
Sie war noch ein Kind, genau wie er es Tony zu erklären versucht hatte.
Aber der war stur geblieben, so wie immer. Manchmal trieb es Steve in den Wahnsinn, dass Tony so unheimlich stur sein konnte. Es war nicht nur hinderlich, sondern auch gefährlich. Nicht zuletzt für Wanda, die nun in eine Zwangsjacke gewickelt in einem Gefängnis für Schwerverbrecher saß.
Von Anfang an hatte Tony versucht ihn zu stoppen, er hatte ihm nicht einmal zugehört, als es um Bucky gegangen war.
Jetzt war es ohnehin zu spät, denn der Winter Soldier, der für Tony nur Bucky war, war der Mörder seiner Eltern, von Howard und Maria. Tony vergaß allerdings, dass der Winter Soldier auch einen von Steves Freunden ermordet hat, indem er Howard dort auf der Straße zusammenschlug.
Man konnte sich doch nicht immer nur auf die eigene Perspektive beschränken!? Es war Steve ein Rätsel, wieso Tony das nicht gekonnt hatte, wieso er nicht zugehört hatte. Steve war schließlich mindestens genau so berechtigt wütend auf den Winter Soldier zu sein.
Doch konnte er zwischen diesem Attentäter und seinem Freund unterscheiden. Das konnte sogar Bucky selbst, auch wenn es ihn offensichtlich angestrengt und ausgelaugt hat. Die Qual in seinem Gesicht in den letzten Tagen zu beobachten war für Steve beinahe das Todesurteil gewesen.
Wenn er nicht gewusst hätte, dass Bucky es wirklich bereute, dann hätte er sich niemals gegen Tony in seinem übermächtigen Anzug gestellt. Er hätte es nicht gekonnt, nicht für einen Lügner. Aber so war es nun einmal nicht und er würde das noch klarmachen müssen.
Koste es, was es wolle.
Doch nicht nur Iron Man und den anderen 'Avengers' würde er etwas beweisen müssen. Die Welt hatte schließlich den Flughafen in Leipzig gesehen und sie hatten auch von Wien und Berlin gehört. Die 'Avengers' waren wieder einmal für Zerstörung und Leid verantwortlich zu nennen, auch wenn sie nicht selbst das Unglück verursacht haben.
Dennoch war es ein Mann gewesen, der ihretwegen zu solchen Handlungen angetrieben wurde und das verschob die Schuldfrage empfindlich in ihre Richtung, auch wenn es weder fair noch richtig war.
Das durfte Steve schließlich nicht beurteilen, er hatte keine Heimat, keine Freunde, keine Perspektive verloren, während er einen gesamten Flughafen in Schutt und Asche legte. Sein zu Hause war sicher, seine Zukunft ebenfalls.
Doch was war mit den Zivilisten, mit denen, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren?
Kopfschüttelnd ließ er den Blick sinken und sah auf seine Stiefelspitzen. Der Boden unter ihm war weiß gefliest und akkurat verfugt. Hier in diesem Komplex war alles sehr steril und penibel aufgeräumt, T'Challa schien seinen Einfluss und seine Mittel sinnvoll zu investieren.
Dennoch kam Steve sich hier vor wie ein Fremdkörper, ein Eindringling in eine saubere, abgeschlossene Welt.
So musste sich Bucky die ganze Zeit fühlen, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf und er rieb sich mit der linken Hand über das Kinn.
Er schämte sich dafür, dass er noch hier stand, während sein bester Freund es für nötig erachten musste, sich einfrieren zu lassen, weil er sich selbst für eine Gefahr hielt. Steve schämte sich dafür, dass er hier stand und nicht in dem Gefängnis im Ozean, zusammen mit den anderen.
Steve schämte sich dafür, dass er Peggy nicht noch einmal besucht hatte, bevor sie so überraschend von ihm gegangen war. Auch schämte er sich dafür, dass er offensichtlich die 'Avengers' zwiegespalten hatte.
Am schlimmsten war für ihn jedoch, dass Natasha gezwungen worden war dazwischen zu stehen. Er wusste, dass sie seine Meinung bezüglich des Abkommens nicht geteilt hatte, doch war sie bereit gewesen zu akzeptieren, dass Bucky nicht mit dem Winter Soldier gleichzusetzen war. Sie hatte akzeptiert, dass es nötig war Zemo in Sibirien aufzuhalten.
Steve schämte sich einfach für alles, das seit Lagos passiert war.
Doch konnte man nicht die Zeit zurückdrehen und einen einwandfrei Schuldigen ausfindig zu machen war ebenso unmöglich.
Er würde damit leben müssen, auch wenn es wehtat.
Es fühlte sich an wie ein Messer im Rücken. Genau wie Sokovia oder Washington oder New York zuvor... Steve Rogers war am Ende.
Doch durfte Captain America es auch sein?
Durfte er jetzt das Handtuch werfen und sich verkriechen, wenn er seine Freunde aus dem Gefängnis befreit hatte?
Durfte Captain America auch nur einen einzigen Moment der Schwäche zulassen?

Anmerkung: Wieder einmal hat mich ein unheimlich anregendes Review der guten N3rdy zu einem OS inspiriert und ich hoffe natürlich auch wieder, dass das Ergebnis überzeugen kann! :)
Das ist erst das zweite Mal, dass ich mich an Steve herangetraut habe – wer aber gerade Lust auf mehr Steves POV hat, der kann gerne bei dem OS Schuld und Sühne vorbeischauen.
LG, Erzaehlerstimme
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