Der Elysianer

von ZMistress
GeschichteDrama, Sci-Fi / P12
Argus Cletus Goal OC (Own Character) Rufus
16.10.2016
26.01.2020
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Prolog


Manchmal fragte er sich, ob es irgendwo im Universum wohl einen hässlicheren Planeten gab.
Unter ihm drehte sich träge eine matschig grüne Kugel, verziert von bleigrauen Schleiern, wahrscheinlich giftiger Gase.
Nirgends konnte er das strahlende Blau sauberer Ozeane, das satte Grün lebendiger Vegetation oder das reiche Braun von fruchtbarer Erde entdecken.
Kurzum, es gab hier einfach kein Zeichen von Leben. Und doch wusste er, dass es noch immer Tausende, vielleicht sogar Millionen gab, die dort unten ihr Dasein fristeten.
Die sich wie Ratten durch den Müll wühlten, immer auf der Suche nach dem Nötigsten, um sich durch den nächsten Tag zu quälen.
Nein, kein Zweifel, Deponia war wohl der erbärmlichste Planet des Universums.
Kontrollrat Ulysses verzog angewidert das Gesicht, als das Hochboot ihn näher an die Oberfläche herantrug und er begann, in dem Durcheinander aus Müll und Dreck, Landmassen und umgekippte Ozeane zu erkennen.
Wie sehr er sich danach sehnte, eines Tages keinen Fuß mehr auf dieses traurige Hinterbleibsel ihrer Vergangenheit setzen zu müssen. Doch das würde nicht ohne Opfer möglich sein, das war ihm mehr als bewusst.
Er hatte sich freiwillig für diese Rolle gemeldet, da kein anderer Bewohner Elysiums bereit gewesen war, seine Zuflucht zu verlassen und auf seinen früheren Heimatplaneten zurückzukehren. Im Grunde war das kein Wunder, waren die Elysianer doch als ehemalige Oberschicht Deponias an einen gehobeneren Lebensstandard gewohnt. Wer war da schon wild drauf die Raumstation, die wie eine weiße Stadt im Orbit Deponias schwebte, zu verlassen und in Atemmaske und Schutzkleidung zwischen den riesigen Müllbergen umherzulaufen?
Doch wurde ein Bindeglied zwischen Deponia und Elysium gebraucht, jemand der die Arbeiten auf dem Planeten überwachte, der die schwierigen Entscheidungen traf, die nötig waren, um Elysium zu retten. Und dafür war er auch bereit, sich in den Dreck zu begeben so oft es denn nötig war.
Wenn er nur wüsste was genau es war, wofür Hermes ihn herbestellt hatte.
Mit einem letzten flüchtigen Blick aus dem Sichtfenster wandte sich Ulysses ab und kehrte an die Steuerkontrollen zurück. Sein Adjutant Martus schien erleichtert, als er abgelöst wurde.
Er war mit seinen ungefähr sechzig Jahren etwa doppelt so alt wie Ulysses selbst und alles andere als erfreut darüber, dass ihn der Ältestenrat an die Seite des frischgebackenen Kontrollrats gestellt hatte. Vermutlich hatte sich Martus bereits auf seinen Ruhestand eingestellt, doch seine Vergangenheit beim Militär ließ ihn nicht so einfach los.
Ulysses sparte sich tröstende Worte. Immerhin würde Martus, im Gegensatz zu ihm, nicht einmal das Hochboot verlassen müssen, wenn sie in den Ruinen des einst so stolzen Porta Fisco eintrafen.
Im Grunde war das Hochboot viel zu überdimensioniert um lediglich zwei Personen zu transportieren, war es doch gebaut worden um bei der Evakuierung der Oberschicht nach Elysium so viele Menschen wie möglich aufzunehmen. Von kräftigen Propellern in Waage gehalten, konnte es sich ausschließlich an dem Hauptkabel, das Elysium mit Deponia verband, wie eine überdimensionierte Seilbahn auf und ab bewegen.
Das galt allerdings auch für die kleineren Notboote, die durch schmalere Kabel mit besonderen Gebäuden auf dem Planeten, den Aufstiegsstationen, wo sich während der Evakuierung die Flüchtenden gesammelt hatten, verbunden waren. Nur das Hochboot steuerte das größte dieser Gebäude, die sogenannte Obere Aufstiegsstation, in Porta Fisco an. Und da Hermes' Klonanlage in der Nähe dieser einstigen Metropole lag, war das Hochboot, trotz seiner Ausmaße, die beste Wahl für seine Reise.
Zwar gab es Pläne für Einschienenbahntrassen, die Hermes' Klone bauen sollten, damit Reisen auf dem Planeten über die Müllberge hinweg möglich würde, doch noch war all dies Zukunftsmusik.
Er kehrte ins Hier und Jetzt zurück und konzentrierte sich einzig auf die Steuerung bis Martus jäh ankündigte, dass sie das Ziel erreicht hatten und sie gemeinsam den Andockvorgang einleiteten.

* * *



Das Schott des Hochboots glitt hinter Ulysses zu und löste das seltsame Gefühl aus, nun vollends von Elysiums Pracht abgeschnitten zu sein. Im Gegensatz zum Hochboot, war die Obere Aufstiegsstation von kühler, schnörkelloser Funktionalität. Hoch ragte sie über die anderen verfallenen Gebäude Porta Fiscos hinaus und an der Spitze, wo das Hauptkabel befestigt war, lag nun das Hochboot vor Anker.
Er trat aus den Schleusen auf die Andockebene hinaus, einem weiten, offenen Platz oben auf der Station, der sonst zur Lagerung und Verladung von Waren aller Art diente, nun aber leer war. Dafür konnte man von hier bis zum Horizont blicken, doch Ulysses vermied es, seinen Blick allzu sehr über die Häuserschluchten von Porta Fisco schweifen zu lassen. Er hasste es, zufällig noch Lebende zu entdecken, deren Schicksal doch bereits besiegelt war, als man sie hier zum Sterben zurückgelassen hatte.
Glücklicherweise war die Aufstiegsstation selbst gegenüber der Stadt abgeriegelt und einige von Hermes Klonen bewachten seit der Evakuierung alle Zugänge. Das Projekt "Organon" hatte der alte Kauz sie genannt und sie waren genau die, nach denen Ulysses nun suchte.
Für den Notfall konnte er mit dem Interface seines Helms Kontakt zu Martus aufnehmen, doch soweit er Hermes Nachricht verstanden hatte, würde das nicht nötig sein. Der Organon würde für seine Sicherheit Sorgen.
Etwa einen Meter neben seinem Fuß schlug ein Schuss aus einem Plasmagewehr in den Boden. Er wirbelte herum und sah zwei Männer mit Helmen, ähnlich dem seinen, am Tor zu den Aufzügen stehen.
"Ihr verdammten Idioten! Was sollte das denn?" herrschte er sie wütend an.
Die beiden wechselten einen Blick, machten aber keine Anstalten die Gewehre zu senken. "Niemand darf in die Station eindringen", erklärte ihm einer der beiden hilfsbereit.
"Aber das gilt doch nicht für mich, ihr Trottel! Ich bin Kontrollrat Ulysses von Elysium und auf Bitten von Hermes hier."
"Oh", machte jetzt der andere.
Ulysses ballte die Fäuste und widerstand dem Drang seine eigene Waffe zu ziehen und die beiden kurzerhand außer Dienst zu stellen. Immerhin müsste er sich dann auf eigene Faust einen Weg durch die Stadt bahnen, obwohl er noch nicht sicher war, ob das nicht doch die bessere Alternative war.
"Was ist jetzt? Werdet ihr endlich die Waffen herunternehmen und mich zu Hermes bringen?"
"Jetzt gleich?"
"Wir können auch gerne noch ein Kaffeekränzchen abhalten", schnappte er zurück, bevor ihm bewusst wurde, dass die beiden wahrscheinlich nichts mit Sarkasmus anfangen konnten. "Natürlich jetzt gleich, ihr Hohlbirnen."
Zu seinem Ärger wechselten die Organon-Soldaten noch einen langen Blick, bevor sie endlich die Gewehre schulterten und ihm bedeuteten ihnen zu folgen.
Als er hinter ihnen den Aufzug betrat wurde Ulysses erst richtig bewusst, wie wenig imposant dieses Duo war. Sie waren mehr als einen Kopf kleiner als er und von weitaus schmalerer Gestalt. Abgesehen von den Helmen, trugen sie die auf Deponia typischen abgenutzten Fetzen, die hier als Kleidung durchgingen. Er würde wirklich mit Hermes über die erbärmliche Qualität seiner Truppen reden müssen.
Zumindest schafften sie es ihn in einem klapprigen alten Gefährt bis an den Stadtrand zu bringen, wo sich im Schatten der größeren Gebäude eine alte Müllverwertungsanlage erhob. An den Toren warteten noch mehr behelmte, abgerissene Gesellen auf ihre Chance, Ulysses Anwesenheit falsch zu verstehen und seinen Zorn auf sich zu ziehen.
Glücklicherweise war Hermes selbst nicht weit und konnte Schlimmeres verhindern.
Mit ein paar fuchtelnden Gesten scheuchte er die Organons fort und wandte sich dann strahlend an Ulysses. "Herr Kontrollrat, endlich. Ich hatte schon vor Wochen mit Ihnen gerechnet. Um genau zu sein sogar schon vor Monaten. Aber was soll's. Jetzt sind Sie ja endlich da."
Ulysses war dankbar, dass der Helm seinen Ekel etwas kaschierte und konnte mit Mühe verhindern, dass er zurückwich als Hermes ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn enthusiastisch in die Anlage führte. Zwar war er von ähnlich privilegierter Geburt wie Ulysses selbst und hatte die Pläne zum Bau Elysiums und der weiteren Verwendung Deponias erdacht, doch als es soweit war, hatte er sich dazu entschieden zurück zu bleiben. Ulysses wollte nicht undankbar sein, aber das Leben auf Deponia hatte an dem älteren Mann seine Spuren hinterlassen.
Sein Haar war noch immer von sattem Schwarz ohne einen Hauch von Grau oder Weiß, doch bei der Menge hatte sich der Verfall trotzdem bemerkbar gemacht.
Auch seine Haut hatte einen ungesunden gelblichen Farbton angenommen und bei den Zähnen sah Ulysses lieber nicht so genau hin.
Hermes schien den Eindruck, den er auf andere machte, hingegen überhaupt nicht wahrzunehmen. Freudig zeigte er seinem Gast seine schäbige Küche und einen heruntergekommenen Wohnraum. Dann räumte Hermes ein paar Kisten zur Seite, sodass sie ein kleines Arbeitszimmer betreten konnten, in dem sich Stapel mit Notizpapier und Kartons mit 'Datasetten' den Platz auf Tisch und Boden teilten. Ulysses fischte sich einen Stuhl aus dem Durcheinander, von dem er hoffte, dass er sein Gewicht tragen konnte und ließ sich vorsichtig nieder.
Hermes ging leer aus, was Sitzgelegenheiten anging, wirkte aber keineswegs böse darüber.
"Wie geht es Argus?", fragte er unvermittelt.
Ulysses runzelte die Stirn. "Er macht sich gut, würde ich sagen. Er ist ein zäher, kleiner Bursche und recht clever."
Hermes strahlte. "Er lebt auf Elysium bei Ihnen, ja?"
Die Falte auf Ulysses Stirn wurde tiefer. Er wusste nicht worauf Hermes hinaus wollte, aber es machte ihm jetzt schon Bauchschmerzen. "Zur Zeit noch, aber ich überlege eine bessere Möglichkeit zu finden. Immerhin habe ich auch an meinen Ruf zu denken und es gibt genug Personen, die sich jetzt schon das Maul darüber zerreißen, woher der Junge stammt. Meine Verlobte Una ist mit der Situation auch nicht glücklich."
Hermes Lächeln verblasste, doch Ulysses war noch nicht fertig: "Aber was mir wirklich nicht in den Kopf will, ist die mangelnde Qualität ihrer Organons. Sie sagten doch, dass Argus ein Prototyp sei, bevor sie in Massenproduktion gehen wollen. Aber diese Totalausfälle, die mich auf der Aufstiegsstation in Empfang genommen haben, können doch wohl kaum ausgereifte Versionen von ihm sein. Er ist vielleicht erst drei, aber er könnte wahrscheinlich schon jetzt mit ihren Trotteln fertig werden."
"Nun, äh..." Hermes lachte verlegen. "Offen gesagt, sind sie tatsächlich noch nicht ausgereift. Sehen Sie, die Aufgaben, die der Organon erledigen soll, verlangen eine ganze Bandbreite von fein abgestimmten Fähigkeiten. Und dabei sollen sie noch gehorsam sein und ohne zu zögern ihr Leben im Dienst Elysiums lassen. So etwas beim ersten Versuch zu erfinden ist ein Ding der Unmöglichkeit. Meine erste Priorität war es, sie so widerstandsfähig zu machen, dass sie auf Deponia überleben. Um nicht ganz bei Null anfangen zu müssen, modifizierte ich die Klonbediensteten, die in Notfällen, für Roboter einspringen. Die sind zwar weder sonderlich groß oder muskulös, aber schon recht zäh und drahtig. Außerdem nahm ich ihnen den Respekt vor dem Leben, damit sie nicht zögern ihre Bestimmung zu erfüllen." Er hielt einen Moment inne und fingerte nervös an seinen Ärmeln herum. "Zumindest hoffe ich, dass das so funktioniert hat. Argus war in vieler Hinsicht dem recht nahe, was ich mir vorgestellt habe, aber als ich meine Daten noch einmal durchgesehen habe, wurde mir klar, dass er mehr Anführer als einfacher Soldat war. Und sein Selbsterhaltungstrieb ist noch recht hoch. Also begann ich das genetische Profil zu variieren und es wieder und wieder zu versuchen."
Ulysses sprang unwillkürlich auf. "Sie haben noch mehr Prototypen geschaffen?!", rief er fassungslos.
Hermes wirkte halb verlegen und halb ärgerlich. "Ich sagte doch, dass das notwendig war. Die jetzigen Klone sind nicht stabil genug und in ihren Fähigkeiten bei weitem nicht so weit entwickelt, dass sie ihre Bestimmung erfüllen können. Ich habe, immer wenn ich mit den Prototypen Fortschritte gemacht habe, versucht, auch die erwachsenen Klone auf den neuesten Stand zu bringen. Aber ohne einen Prototypen, dessen Gehirn durch eine Kindheit und das natürliche Heranwachsen gereift ist, habe ich einfach nicht die Daten um erwachsene Klone herzustellen, die unseren Vorstellungen entsprechen."
"Nur damit ich Sie richtig verstehe: Sie schaffen alle ihre Prototypen im Kindesalter und haben vor, mit der Massenproduktion des Organon zu warten, bis einer der Prototypen Ihren Anforderungen genügt und zum Erwachsenen herangewachsen ist? Wie um alles in der Welt, wollen Sie denn so den Zeitplan einhalten? Sie wissen doch, dass Elysium nicht ewig Zeit hat."
"Das ist mir durchaus bewusst. Natürlich ersetze ich die derzeitigen Klone bei jedem Fortschritt mit aktualisierten Versionen, aber auch so können sie bereits jetzt einfache Arbeiten erledigen, solange man ihnen sehr genaue Anweisungen gibt, was sie zu tun haben. Sobald ich in meiner Arbeit hier ein wenig Luft habe, können die ersten Arbeiten an Sprengtürmen und Kreuzertrassen beginnen. Glauben Sie mir, ich habe alles durchgerechnet und bin zuversichtlich, dass wir in 20 bis 25 Jahren bereit sein werden. Solange werden Elysiums Vorräte sicher ausreichen, wenn Sie meine Vorschläge zu Wiederverwertung beherzigen."
Ulysses seufzte und sank wieder auf seinen Stuhl. "Das wird auf jeden Fall knapp. Aber ich vertraue Ihnen, Hermes. Immerhin war auch das Projekt Elysium ein ziemliches Wagnis und sie haben es doch geschafft es bauen zu lassen."
"Danke, Herr Kontrollrat."
"Aber das erinnert mich daran: Warum haben Sie mich nun überhaupt hergebeten?"
Hermes räusperte sich. "Nun, wie Sie sich vielleicht denken können, wird es hier unten langsam ein wenig eng und ich habe nicht die Mittel, die Anlage kindgerecht auszustatten.."
"Sie haben die ganzen Prototypen noch hier?", fiel ihm Ulysses ins Wort.
"Wo sollte ich sie denn sonst haben?"
"Warum haben Sie denn die Fehlschläge nicht einfach wieder entsorgt?"
Hermes starrte ihn entgeistert an. "Es sind Kinder! Ich ging davon aus, dass wir für sie eine angemessene Position finden, die ihren jeweiligen unterschiedlichen Stärken und Ausprägungen entspricht. So wie es auch für Argus geplant war."
"Und sie dachten, ich bringe jetzt zusätzlich zu Argus noch einen Haufen weitere Bälger unter? Womöglich auf Elysium? Sind Sie wahnsinnig?"
"Aber hier ist es gefährlich. Es gab schon mehrere Unfälle. Prototyp B und F sind... Ich kam zu spät, um sie zu retten..."
"Natürliche Auslese, also", gab Ulysses kühl zurück. Er würde sich von ganz sicher nicht von Hermes Sentimentalitäten weich machen lassen. "Sie sind ohnehin dafür bestimmt, bei der Erfüllung ihres Schicksal ihr Leben zu lassen."
Hermes schluckte. Eine Weile stand er nur stumm da und überlegte, dann sagte er leise: "Erlauben Sie mir sie Ihnen zu zeigen."
Ulysses verzog das Gesicht. Eigentlich war er versucht Hermes mit seinem ganzen wahnwitzigen Plan zu verwünschen, aber ihm war auch bewusst, dass er den komischen Kauz brauchte. Vielleicht fand sich noch eine Lösung, die ihn zufriedenstellen könnte. "Nun gut, wenn es nicht zu lange dauert."
Hermes nickte nur und bedeutete ihm wieder ihm zu folgen, wenn auch seine Bewegungen weit weniger energiegeladen waren, als bei seinem Eintreffen. Der Raum, zu dem gingen, lag ein wenig versteckt unterirdisch und war durch mehrere Schlösser gesichert. Hermes lächelte entschuldigend als er ihn aufschloss. "Ich muss immer auf Nummer Sicher gehen. Einige sind schon recht geschickt, wenn es ums Ausbrechen geht."
Ulysses folgte ihm hinein und fand sich sofort von einer Schar lärmender Jungen umringt. Die Ältesten mochten knapp drei Jahre alt sein, die Jüngsten konnten noch nicht einmal krabbeln. Ihre Gesichter waren völlig gleich, doch ihre Haare waren in allen möglichen Farben eingefärbt.
Hermes lächelte stolz. "Ich fand die Haare eine recht gute Idee, um sie auseinander zu halten. Ich habe ihnen Kennungen gegeben nach der Reihenfolge, in der ich sie entworfen habe. Aber ich habe nicht jedes Design gleich umgesetzt. Die Pläne für C dort drüben," er deutete auf einen Knirps mit grünem Haar, "habe ich entwickelt nachdem B sich als allzu risikobereit erwiesen hat. Aber mir kamen noch allerlei andere Ideen, deshalb habe ich seine Produktion erst einmal zurückgestellt. Leider zurecht, wie sich erwiesen hat. Er ist zwar weit zurückhaltender und analysiert bevor er handelt, aber das macht ihn auch als Soldaten eher ungeeignet. Er ist einfach zu antriebslos. Bei G habe ich..."
"Faszinierend", unterbrach ihn Ulysses wieder in einem Tonfall, der das Gegenteil besagte. Er schob ein paar der Kinder zur Seite. "Ich mache Ihnen ein Angebot. Ich bin bereit noch einen von denen mitzunehmen. Mehr kann ich auf Elysium einfach nicht unterbringen. Außerdem bin ich mir nicht sicher ob es nicht ein Sicherheitsrisiko wäre, diese Bande in der Weißen Stadt loszulassen."
Hermes sah ihn unglücklich an. "Und Sie können wirklich nicht..."
"Einen oder keinen."
"Gut, wie sie meinen. D macht mir zur Zeit am meisten Kopfzerbrechen. Wenn Sie.."
"Ich nehme den da." Er deutete auf den grünhaarigen Jungen, den Hermes ihm zuvor gezeigt hatte. Er konnte noch kein ganzes Jahr alt sein und hatte die ganze Zeit nur stumm dagesessen und sie beide angestarrt.
"Cletus? Ich meine 'Prototyp C'? Aber er ist der ruhigste der ganzen Bande!"
"Was ihn zum besten Kandidaten macht um ihn auf Elysium loszulassen, meinen Sie nicht?"
"Aber das hilft mir bei meinem Problem nicht weiter."
"Ich habe Ihnen meine Bedingung genannt und Sie waren einverstanden."
Hermes sah ihn eine Weile wütend an, dann wandte er sich ab, ging zu Prototyp C hinüber, hob ihn hoch und trug ihn zu Ulysses. Er tätschelte dem Jungen den Kopf als er ihn überreichte und Ulysses war sich nicht sicher ob er in Hermes Augen Tränen gesehen hatte. Nun der alte Narr hatte schon immer einen Hang zum Sentimentalen gehabt.
"Sie sagten eben einen Namen." sagte er fragend.
"Ja, ich habe ihnen Namen gegeben, nach den Buchstaben ihrer Kennung. Das hier ist Cletus, das da drüben..."
"In Ordnung. Ich werde sehen, wo ich ihn unterbringen kann." Ulysses beeilte sich den Raum zu verlassen, bevor Hermes zu einem weiteren Versuch ansetzen konnte, ihn zu überreden, doch zu seiner Erleichterung folgte ihm der ältere Mann nicht.
Er fand den Weg hinaus auf Anhieb und auch die Organons bereiteten ihm keine Schwierigkeiten und eskortierten ihn zurück zur Aufstiegsstation. Es schien sie überhaupt nicht zu kümmern, dass er nicht mehr allein war. Ulysses seufzte innerlich. Er konnte nur hoffen, dass Hermes bald die richtige Mischung für seine Prototypen fand. Aber selbst dann war es nicht ohne die Unterstützung Elysiums getan. Er musste sich noch um Uniformen, nein, besser Rüstungen für die Klone kümmern. Außerdem brauchten sie einen Anführer, der ihnen genau sagte, was sie zu tun hatten. Und bis Argus alt genug war, um ihm etwas Arbeit abzunehmen, würde diese Aufgabe wohl an Ulysses hängen bleiben.
Er seufzte und warf dem grünhaarigen Knirps auf seinem Arm einen Blick zu. Der Junge hatte angefangen leise zu quengeln, kaum dass sie die Anlage verlassen hatte. Dies konnte wirklich noch ein langer Tag werden.

* * *



"Kannst du ihn nicht dazu bringen, mit dem Schreien aufzuhören?"
Ulysses warf seiner Verlobten einen verzweifelten Blick zu. "Wenn ich wüsste wie, hätte ich es schon längst getan." Er stellte seinen Helm auf einem Schränkchen ab und massierte die Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. "Er hat den ganzen Weg hierher so ein Theater gemacht. Ich hatte gedacht, er wäre froh, aus dem Dreck raus zu kommen, aber er scheint einfach nicht zufrieden zu stellen zu sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Argus jemals so schlimm war."
Una strich sich das lange rotblonde Haar aus dem Gesicht und betrachtete das jammernde Kind, das auf ihrem Wohnzimmerteppich saß. "Vielleicht hat er Hunger?"
"Ich habe schon versucht, ihm etwas zu geben, aber er hat mich ignoriert. Eine Zeit lang hat er sich mit meinem Helm beschäftigt, aber als ich ihm den wegnehmen musste, ging es wieder los."
Das brachte Una auf eine Idee. Sie eilte in ihr Schlafzimmer und kam kurze Zeit später mit einer Handvoll Kämmen, Spangen und einem kleinen Handspiegel zurück. Ulysses sah ihr entgeistert zu, doch kaum dass sie die Sachen vor Cletus platzierte, hörte er auf klagende Schreie auszustoßen. Besonders der Spiegel schien es ihm angetan zu haben. Während er sich betrachtete, entdeckte Ulysses zum ersten Mal ein Lächeln in dem kleinen Gesicht.
Una ließ sich in einen Sessel fallen und lächelte triumphierend, wenn auch nicht wirklich vergnügt. "So, nun da das geklärt ist: Was hast du dir nur dabei gedacht ihn hierher mitzubringen? Erst Argus und jetzt noch einer? Ich dachte, dir wäre das mit uns wirklich ernst, und trotzdem schleppst du hier Kinder an, ohne auch nur mit mir vorher darüber zu reden. Ich dachte, wir wollten eines Tages mal eigene Kinder haben."
Ulysses seufzte. "Glaub mir, ich hatte das wirklich nicht so geplant. Und ich habe auch nicht vor ihn hier zu behalten. Sobald ich mich etwas frischgemacht und den Gestank Deponias wieder abgewaschen habe, werde ich mich auf den Weg machen. Ich habe eine ganze Reihe Freunde, die mir noch einen Gefallen schulden, oder die sich vielleicht überreden lassen, ihn aufzunehmen."
Sie verzog misstrauisch das Gesicht. "Lass mich raten. Du willst zu Denesha gehen?"
Er unterdrückte den Drang mit den Augen zu rollen. "Du hast keinen Grund eifersüchtig zu sein. Denesha ist nichts als eine alte gute Freundin. Die nebenbei inzwischen selbst verheiratet ist. Aber wenn du dich dann wohler fühlst, ruf du sie doch an und bitte sie hierher zu kommen, während ich unter der Dusche bin. Dann bist du auch dabei, wenn wir alles besprechen."
Una presste einen Moment lang die Lippen zusammen. "Gut, von mir aus. Dann beeil dich aber auch und bleib nicht wieder eine Ewigkeit im Bad. Mir ist wohler dabei wenn wir das ganze klären, bevor Argus zurück ist. Der Hausbote hat ihn in die 'Fun Zone' begleitet, damit er sich dort richtig austoben kann und nicht seine ganze überschüssige Energie an den Möbeln auslässt."
Ulysses hatte etwas in der Art erwartet. Der Junge hatte einen ausgeprägten Bewegungsdrang und eine ausgezeichnete Kondition. Er bezweifelte, dass der jüngere Prototyp da jemals mithalten können würde. Aber das sollte nicht sein Problem sein. Mit einem Nicken erhob er sich und eilte ins Badezimmer.
Es war wunderbar den Dreck loszuwerden, der sich auf dem Planeten auf alles legte, in Ritzen drang und ihn zu ersticken drohte. Er hatte Unas Bitte sich zu beeilen nicht vergessen, doch nun da das wohltemperierte Wasser über ihn strömte konnte er sich nur mit Mühe losreißen. Wahrscheinlich hatte er eine ganze Weile länger gebraucht als geplant, denn als er in einen sauberen Bademantel gehüllt ins Wohnzimmer zurückkehrte, saß Denesha bereits auf dem Sofa und plauderte mit Una.
Zu seiner Erleichterung sah er, dass sie Cletus auf dem Schoss hatte und ihm die grünen Haare aus dem Gesicht kämmte, was er sichtlich genoss. "Wer gibt nur so ein hübsches Kerlchen auf?", hörte er sie gerade sagen und wusste, dass er schon so gut wie gewonnen hatte.
"Das darf ich dir leider nicht erzählen", klinkte er sich in die Unterhaltung ein. Beide Frauen sahen auf, Una mit ungehaltenem Blick, Denesha mit einem Lächeln. Cletus merkte sofort, dass er nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stand und begann an Deneshas Kragen zu ziehen, worauf sie abwesend wieder über seine Haare strich.
Ulysses erwiderte ihr Lächeln und setzte sich auf einen freien Sessel. "Schön, dass du kommen konntest, Denesha. Ich nehme an, Una hat dir bereits mitgeteilt, dass wir ein Zuhause für den kleinen Cletus hier suchen."
"Das hat sie, aber sie war offen gesagt sehr vage, woher der Junge stammt und warum er dort nicht bleiben konnte."
"Wie gesagt, kann ich dir auch nicht mehr dazu erzählen. Ich habe den Kleinen auf einer Mission aufgelesen. Ihn zurückzubringen wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Aber er hat es verdient ein liebevolles Zuhause zu finden."
Wie aufs Stichwort legte Cletus seine kleine, blasse Hand auf die viel größere, dunkle Hand Deneshas. Er hatte zumindest ein wenig Talent sich einzuschmeicheln, das musste Ulysses ihm lassen. Denesha seufzte und legte einen Arm um den Jungen. "Ich sollte vielleicht erst mit Divius darüber... Ach, was soll's. Wir haben reichlich Platz und Divius wird schon nichts dagegen haben. Aber er wird Papiere brauchen..."
"Darum werde ich mich schon kümmern", fiel ihr Ulysses ins Wort, der sein Glück kaum fassen konnte, so einfach eine Lösung gefunden zu haben. "Glaub mir, er ist ein guter Junge. Du wirst das nicht bereuen."
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