Rache-Lust

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 Slash
Benjamin Barker Johanna Barker Mrs. Lovett Richter Turpin
15.10.2016
29.10.2016
4
7413
2
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Dieses Kapitel
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Autor: Susanne Christie
Titel: Rache-Lust
Fandom: Sweeney Todd
Pairing: Richter Turpin/Sweeney Todd
Disclaimer: Sämtliche Rechte und finanziellen Gewinne an den von mir in dieser Geschichte benutzten Charakteren liegen bei deren Erfindern und Copyrightinhabern.
A/N: Inspiriert von meinen Lieblingsszenen im Film, in denen Sweeney den Richter rasiert.


Rache-Lust


Die Rache ist mein!
Diesen Satz zu denken war unvermeidlich in dieser Situation, denn Sweeney Todd hatte es geschafft. Er hatte geschafft, worauf er so lange warten musste.
Die Kehle des Mannes, der ihm Frau und Kind genommen hatte, lag exponiert vor seinem geöffneten Rasiermesser. Noch den Bruchteil einer Sekunde, eine kurze Bewegung seiner Hand nur, und das Blut würde quer durch den Raum spritzen, und mit ihm all das Böse, das dieser Mann zu verantworten hatte.
Sweeney war wohl zu gefangen gewesen in dem Gedanken, zu versunken in seine Rachegelüste, hatte zu lange gezögert, dem Bösen zu viel Raum gegeben. Jedenfalls packte die Hand des Mannes die seine, die das Rasiermesser hielt, und zwar so schnell und so fest, dass Sweeney zusammenzuckte vor Schreck.
Die Hand umfasste sein Handgelenk wie eine eiserne Stahlfessel. Sweeney konnte seine Hand keinen Millimeter mehr bewegen.
"Du musst das nicht tun", sagte Richter Turpin mit Bestimmtheit. "Ich weiß, Du hast Grund dazu. Aber tun musst Du es nicht."
Sweeneys Herz hämmerte wild gegen seine Brust. Was meinte der Mann damit? Hier schien etwas schief zu laufen.
Turpin, der auf dem Barbierstuhl saß, hob den Blick. Sweeney starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an, seine Hand gefangen in dem höllischen Griff.
"Ich weiß, wer Du in Wirklichkeit bist", sagte Turpin. "Nämlich Benjamin Barker. Du brauchst Dich daher nicht länger anzustrengen, um Dich zu verstecken, und auf Deine Rache zu sinnen."
Verflixt! Wie kam es, dass ausgerechnet der Richter ihn erkannte, wo er doch selbst jedes Mal beim Blick in einen Spiegel zu Tode erschrak über sein Aussehen.
Sweeney schluckte. Er fühlte sich ertappt.
"Glaube mir: Rache, wenn sie vollzogen ist, ist ein leeres Gefühl", fuhr der Richter fort. "Das verhasste Objekt ist zwar nicht länger da, doch das, wonach man sich sehnt, ist ebenfalls weiterhin nicht da. Nichts wird ungeschehen gemacht durch Rache. Im Gegenteil. Rache verschlimmert alles, insbesondere verdirbt sie den eigenen Charakter. Und wenn man einen Mord begeht aus Rache, ist man anschließend ein Mörder. Und Du bist kein Mörder, Sweeney. Ich spreche Dich übrigens gern mit diesem Namen an. Er ist kreativer als Dein Geburtsname und passt besser zu Dir."
"Den Tod meiner geliebten Frau kann in der Tat nichts rückgängig machen", sagte Sweeney heiser, als er endlich ein wenig Stimme dafür fand. "Aber was Du meiner Tochter antust, kann ich nicht zulassen."
Nachdem der Richter ihn so unförmlich anredete, erlaubte Sweeney sich das gleiche.
"Das verstehe ich", sagte Turpin, erhob sich von dem Stuhl und entwand Sweeney das Rasiermesser ohne jede Mühe, als hätte er es mit einem Kind zu tun. Er schleuderte das Messer in eine Ecke.
Er tupfte sich die Reste des Rasierschaums von den Wangen, riss sich das weiße Tuch ab, das der Barbier ihm umgebunden hatte, und warf es achtlos zur Seite. Dann baute er sich vor Sweeney auf. Er war größer als Sweeney, und breiter, und viel kräftiger.
"Ich mache Dir ein Angebot." Turpin schaute Sweeney in die Augen. "Ein faires Angebot, bei dem niemand zu Schaden kommt."
Die Lage, in der er sich plötzlich befand, gefiel Sweeney Todd gar nicht. Eigentlich sollte er dem anderen Mann zeigen, wo es lang ging, sollte Forderungen stellen, nicht umgekehrt. Doch Turpin besaß einen starken Willen. Und einen starken Körper. Sweeney fühlte sich eingeschüchtert, so sehr ihm das missfiel.
"Ich habe gewisse Bedürfnisse in erotischen Dingen", begann Turpin, seine Überlegungen darzulegen. "Ja, ich mag schöne Frauen. Aber ich mag auch Männer. Manchmal sogar ein wenig mehr. Nun ist es dieser Tage nicht so einfach, einen Gespielen zu finden, wie Du Dir denken kannst, und schon gar nicht in meiner Position. Ich muss mich auf absolute Diskretion verlassen können. Gleichgeschlechtliche Beziehungen stehen unter Strafe, das weiß niemand besser als ich selbst, der ich täglich mit den Texten unserer Gesetze arbeite."
"Wenn Du das von mir willst, vergiss' es", sagte Sweeney. "Ich würde mich eher umbringen, als einen Mann anzufassen."
"Ich würde Dir empfehlen, mich erst anzuhören. Du hast nicht viele Möglichkeiten, Deiner Tochter zu helfen. Genau betrachtet, gar keine. Wenn Du Deiner Rache frönst und mich tötest, verschlimmerst Du ihre Lage sogar, da sie noch minderjährig ist. Denn Du kommst für den Rest Deines Lebens ins Gefängnis, und sie wird, nachdem sie dann keine Eltern mehr hat, in ein Waisenhaus gesteckt. Wie es in Waisenhäusern zugeht, ist allgemein bekannt. Die Aufsichtspersonen dort nehmen sich, was sie wollen, im wahrsten Sinn des Wortes. Innerhalb weniger Wochen würde sie vergewaltigt werden und ein uneheliches Kind erwarten. Damit wäre sie gebrandmarkt und ohne jede Chance, jemals ein halbwegs angenehmes Leben zu führen. Im Vergleich mit dem Leben in einem Waisenhaus hat sie bei mir den Himmel auf Erden."
"Nicht, wenn Du sie heiratest, was Deine Absicht ist, wie mir Mrs. Lovett berichtet hat."
"Dieser Gedanke missfällt Dir, nicht wahr? Nun gut, dann will ich Dir sagen, wie Du das verhindern kannst. Du bist mir zu Willen. Dauerhaft. Absolut diskret und verschwiegen. Zum Dank dafür lasse ich Deine Tochter in Frieden. Ich gebe sie sogar frei. Sie kann mit ihrem Jüngling gehen, wohin immer sie will. Bedingung dafür ist jedoch, dass Du mir treu bleibst. Wenn Du verschwindest oder dieser Abmachung nicht nachkommst, werde ich Deine Tochter finden, und dann wird es ihr nicht mehr so gut ergehen. Das verspreche ich Dir."
Sweeney schaute den größeren Mann an. Dann schüttelte er leicht den Kopf. "Das kannst Du nicht ernst meinen."
"Das meine ich sehr wohl ernst", sagte Turpin. "Und wenn ich Deine Lage überblicke, ist das die einzige Möglichkeit für Dich, Deiner Tochter zu dem zu verhelfen, was Du Dir für sie wünschst, nämlich ein freies Leben zu führen, zusammen mit dem Mann, den sie liebt."
Sweeneys Schultern sanken herab. "Und wenn ich Dir sage, dass ich dazu nicht in der Lage bin? Dass ich Dir das…… unmöglich geben kann?"
"Dann bleibt alles so, wie es ist. Ich werde Deine Tochter ehelichen, und ich werde darauf bestehen, dass sie am Vollzug der Ehe mitwirkt."
"Warum tust Du das, Turpin? Warum kannst Du mein Mädchen nicht einfach in Ruhe lassen, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen? Du hast ihre Mutter auf dem Gewissen, und Du hast fünfzehn Jahre meines Lebens auf dem Gewissen. Reicht Dir das nicht?"
"Warum sollte ich darauf verzichten, zu bekommen, was ich mir sehnlichst wünsche?"
"Herrgott nochmal!" Sweeney wandte sich ab und ging ein paar Schritte. "Du wirst in dieser Stadt einen Mann finden, der Dir gibt, was Du Dir wünschst. Muss das ausgerechnet ich sein?"
Turpin folgte ihm. Als er ihn eingeholt hatte, fasste er nach Sweeneys Armen und drehte ihn herum, so dass sie einander wieder ins Gesicht blicken konnten.
"Es geht nicht darum, irgendeinen Mann zu finden, Sweeney", erklärte Turpin ruhig. "Irgendeinen Typen für den schnellen Sex. Du willst schließlich auch nicht jede Frau haben, sondern eine Frau, die Dir gefällt. Genauso ist es, wenn Du einen Mann begehrst. Du willst nicht jeden haben, wenn die Beziehung länger dauern soll. Schnellen Sex zu bekommen ist nicht das Problem. Dauerhafte und tiefe Gefühle für jemanden des gleichen Geschlechts zu bekommen, das ist das Problem. Solches erfordert eine Beziehung, ein Zusammenleben, oder zumindest die häufigere Begegnung, und nicht immer nur für Sex. Auch für das gemeinsame Erleben anderer Dinge."
"Wenn es mir aber doch nicht möglich ist", flüsterte Sweeney gequält.
"Weshalb sollte es Dir nicht möglich sein? Denk an Deine Tochter. Du schenkst ihr die Freiheit damit. Freiheit und ein gutes Leben. Sie wird Dich dafür anbeten."
"Woher weiß ich, dass Du Dein Wort hältst?"
"Du wirst es wissen. Ich werde Dir nicht verbieten, Deine Tochter zu sehen und mit ihr zu reden."
Sweeney kämpfte mit sich. Den schwersten Kampf seines Lebens. Wollte er nicht seiner Tochter helfen, um jeden Preis? Jetzt hatte er Gelegenheit dazu. Eine Gelegenheit, die vielleicht nie wieder kam, wenn er sie verstreichen ließ. Was der Richter über das Leben von minderjährigen, jungen Frauen in Waisenhäusern sagte, stimmte vollkommen. Und das war wirklich das Letzte, was Sweeney sich für seine Tochter wünschte.
Die Hand des Richters legte sich plötzlich auf seine Wange. Sweeney zuckte unter der Berührung zusammen. Er war lange nicht mehr auf diese Weise berührt worden. Und er war noch nie in seinem Leben von einem Mann auf diese Weise berührt worden.
Turpin bemerkte die Ängste, mit denen sein Gegenüber kämpfte. Er löste seine Hand von Sweeneys Wange und legte ihm einen Finger unter das Kinn. Er zwang Sweeney, den Kopf anzuheben und ihm in die Augen zu schauen.
"Du gefällst mir, Sweeney. Du gefällst mir sogar sehr. Und das habe ich in meinem Leben nicht oft zu einem Mann gesagt, das kannst Du mir glauben. Einen Menschen des gleichen Geschlechts zu finden, mit dem man mehr erleben möchte als pure Triebbefriedigung, ist ungleich schwerer, als eine Frau zu finden."
Sweeney schwitzte. Er verkrampfte sich unter dieser Berührung, die ihn so seltsam anmutete. Was würde passieren mit ihm, wenn er sich auf die Forderung dieses Mannes einließ? Konnte er das überhaupt durchhalten auf Dauer? Auch wenn er sich mit dem Gedanken zu trösten vermochte, dass seine Tochter frei und glücklich war? Würde das genügen, um seinen Ekel zu überwinden? Wenn ihn schon die einfache Berührung seines Gesichts ein solches Unbehagen bereitete, wie würde es dann sein, wenn er mit Turpin im Bett lag? Welche Bedürfnisse hatte dieser Mann? Was würde er von ihm verlangen?
Sweeneys Ängste spiegelten sich in seinen Augen, denn Turpin sagte plötzlich leise: "Ich kann mir vorstellen, welche Zweifel Dich plagen. Du hast es noch nie mit einem Mann getan, und Du kennst mich nicht. Glaube mir, es ist nicht so widerwärtig, wie Du es Dir vielleicht vorstellst. Natürlich ist es anders. Aber nicht so sehr anders."
In Sweeneys Kehle saß ein Kloß. Er hasste sich dafür, sich so schwach und ausgeliefert zu fühlen. Und er hasste diesen Mann, der ihm alles genommen hatte, was ihm je wichtig gewesen war in seinem Leben, und der ihn noch immer nicht in Ruhe ließ. Der ihn weiterhin für seine Zwecke benutzte und erpresste. Doch jedes Mal, wenn Sweeney an seine Tochter dachte, überkam ihn der Impuls, zu tun, was dieser Mann von ihm verlangte, damit sie frei war. Es war die einzige Möglichkeit für ihn, ein bisschen etwas wieder gut zu machen an dem schrecklichen Schicksal, das seinem Mädchen durch seine Inhaftierung vor fünfzehn Jahren und durch den Tod ihrer Mutter auferlegt worden war.
Turpin schaute ihn an mit einem Blick, der nur allzu deutlich verriet, wie gerne er Sweeney küssen würde. Doch er hielt sich zurück.
Sweeney kämpfte mit sich. Er war den Tränen nahe. Es war eine ausweglose Situation für ihn. Er hatte nicht wirklich eine Wahl. Wenn er sich Turpins Vorschlag verweigerte, würde es seiner Tochter schlecht ergehen. Wenn Turpin sie erst geheiratet hatte, waren ihr alle Möglichkeiten auf ein selbstbestimmtes Leben verbaut.
"Ich tue es", hörte Sweeney sich schließlich mit rauer Stimme sagen. "Ich tue, was Du verlangst. Aber Du lässt meine Tochter auf der Stelle gehen. Wenn ich mitbekomme, dass Du mich hintergangen hast, ist es vorbei mit unserer Abmachung."
"Keine Sorge", sagte Turpin, und ein nicht unsympathisches Lächeln erschien auf seinen Zügen. "Ich halte mein Wort. Deine Tochter wird noch heute mein Haus verlassen."
"Gut." Sweeney schluckte hart. "Schick' sie her zu mir. Ich will den Beweis, dass sie frei ist."
"Das werde ich tun." Der Richter nahm seinen Mantel und zog ihn an. "Kümmere Dich um Deine Tochter. Verschaffe ihr eine Zukunft. Ich gebe Dir drei Tage Zeit. Dann bist Du an der Reihe damit, den Teil unserer Abmachung einzuhalten."
Turpin verließ den Raum mit dem Schwung eines Mannes, der zufrieden war. Der bekommen hatte, was er wollte.
Sweeney Todd stand mit hängenden Schultern da, den leeren Blick auf den schmutzigen Boden gerichtet.
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