Between Heaven and Hell

von Phoenix86
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
11.10.2016
20.07.2018
99
485163
16
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
Hallo liebe Leser,

freut mich, dass ihr zu meiner neuesten Supernatural-FF gefunden habt. Diese Geschichte stellt mein bisher größtes Projekt in diesem Fandom dar, sie soll nämlich deutlich länger werden als meine anderen FFs. :3

Bevor ihr beginnt, hier noch ein paar ergänzende Informationen, damit ihr euch besser zurecht findet.

Die Fanfiction spielt zeitlich nach der Folge Jäger der verlorenen Klinge [Staffel 9, Episode 16]. Sie setzt irgendwann nach der Folge an, danach geht die Geschichte andere Wege als in der Serie und ist demnach teilweise als AU einzustufen. Der Krieg der Engel wird in dieser Geschichte kaum erwähnt, weil er für die Handlung nicht ausschlaggebend ist. Es sind definitiv Spoiler enthalten.
Die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen, aber ich arbeite regelmäßig daran. Updates erfolgen in der Regel wöchentlich.
Die Geschichte wird größtenteils aus der Sicht von Dean und Sam sein, es wird aber auch Teile aus Castiels Sicht geben.
Ich habe lange überlegt, aber ich habe mich dazu entschlossen, ein Pairing in diese Geschichte einzubauen. Und ja, ihr habt in der Kurzbeschreibung richtig gelesen, es wird das Pairing SamxCastiel [auch Sastiel gegannt] vorkommen. Vermutlich werden mich alle Destiel und Wincest-Fans steinigen, aber egal. Jedem das seine und zur Handlung der Geschichte fand ich es einfach total passend. Die Handlung würde aber auch ohne das Pairing genauso funktionieren. Soll heißen, dass der Hauptfokus nicht auf dem Pairing, sondern auf der Handlung liegt. Trotzdem wird es einen wichtigen Teil einnehmen. Mir ging es in erster Linie wirklich darum, mal etwas anderes auszuprobieren. Ich finde es selbst gerade etwas verrückt, aber irgendwie freue ich mich auf die Herausforderung, vor allem wenn man die Menge an Destiel und Wincest FFs bedenkt. Würde mich freuen, wenn sich trotzdem ein paar Leser finden würden, die vielleicht sogar etwas damit anfangen können.
Aber auch das Band zwischen den Brüdern wird hier näher thematisiert, weil ich das in der Serie einfach besonders schön finde. :3 Und weil es für mich einfach einer der wichtigsten Bestandteile der Serie ist.

Edit: Ich bin gerade dabei, die älteren Kapitel etwas zu überarbeiten, weil sich mein Stil inzwischen etwas geändert hat. Also nicht wundern, wenn es da teilweise Unterschiede zwischen den Kapiteln gibt.

Disclaimer: Die vorkommenden Charaktere (außer die eigenen Charaktere) und die Schauplätze gehören nicht mir, sondern Eric Kripke und The CW. Ich verdiene mit der Veröffentlichung der Geschichte kein Geld.

Das wäre alles und jetzt bleibt mir nur noch, euch viel Spaß zu wünschen. Ich hoffe, euch gefällt meine Supernatural-FF! :) Über eure Meinung dazu würde ich mich sehr freuen!

Liebe Grüße,
Phoenix

P.S.: Wer Lust und Zeit hat, kann sich ja noch meine anderen Supernatural FFs anschauen. Ich würde mich freuen. :)



*** *** ***** *** ***

BETWEEN HEAVEN AND HELL


PROLOG

Agash



Sechs Meilen östlich von Burr Oak, Kansas


Der beißende Geruch von verbranntem Holz entlockte Dean ein gequältes Husten. Graue Rauchfetzen umhüllten seinen Körper, brannten stechend wie tausende Nadeln in den Augen und ließen ihn die Lider halb zusammenkneifen. In seinen Ohren tobte ein wildes Rauschen. Ein Geräusch, das sich mit einem penetranten, durchgehenden Pfeifen und dem Lodern des lechzenden Feuers zu einem wirren Chaos vereinte.

Sein verschwommener Blick war auf den feuchten und kühlen Waldboden gerichtet, der seinen beherzten Sprung aus dem brennenden Holzhaus zumindest einigermaßen abgefedert hatte. Jenes Haus, das nur wenige Meter vor ihm aufragte und lichterloh in Flammen stand. Wie ein gefährliches Raubtier verzehrte sich der verheerende Brand nach dem morschen Holz und erfüllte die Nacht mit einem unheilvollen Knistern.

»Sam…«, keuchte er lautlos, seine Stimme versagte ihm den Dienst.

Kraftlos und unter lähmenden Schmerzen rappelte er sich auf. Er nahm das dumpfe Stechen wahr, das sich wie eine rasiermesserscharfe Klinge in seine linke Schulter bohrte und in seinem gesamten Körper verteilte. Seine Muskeln bebten und rebellierten gegen die Anstrengung, bis sie schließlich nachgaben und er mit einem gequälten Aufschrei erneut zusammenbrach.

»Sammy, wo… bist du?« Die Worte waren nicht mehr als ein heiseres Krächzen und wurden von den Flammen beinahe gänzlich verschluckt. Seine Stimme war rau wie ein Reibeisen und kratzte unangenehm in seiner trockenen Kehle.

Von seinem Bruder kam keine Antwort. Panik kochte in ihm hoch und er spürte, wie die Besorgnis mit jeder Sekunde weiter anschwoll. Das erlösende Lebenszeichen blieb aus.

Reiß dich… zusammen, Mann, spornte er sich in Gedanken an. Genau wie vorhin begann er mit knirschenden Zähnen, sich vorsichtig aufzurichten. Dieses Mal gelang es ihm.

Behutsam und schwer atmend setzte er sich auf seine Knie und verdrängte den dröhnenden Schmerz so gut es eben möglich war. Für wenige Momente verharrte er und holte tief Luft, dann sah er mit unklarem Blick auf seine Schulter hinab. Sein gesamter Leib verkrampfte sich, als er den Holzsplitter entdeckte. Wie ein Messer hatte er sich durch Fleisch und Muskeln gebohrt, dunkles Blut säumte die Einstichstelle.

»Scheiße…«, fluchte er. Es musste bei der völlig überraschenden Explosion passiert sein, eine andere Erklärung fand er auf die Schnelle nicht. Insgeheim spielte es jedoch keine Rolle. Das unterarmlange Stück Holz musste entfernt werden. Und zwar schnell.

Dean zwang sich zur Ruhe und atmete ein und wieder aus, langsam und dennoch bebend. Seine Finger schlossen sich fahrig um das trockene Holz, ehe er den Griff entschieden festigte. Das Gesicht zu einer angespannten Grimasse verzogen und den Blick in den nachtschwarzen Himmel gerichtet, holte er ein letztes Mal tief Luft. Dann zog er energisch an dem Splitter.

Mit einem Ruck schnellte das Holzstück aus der Schulter. Ein pochender Schmerz jagte durch seinen Körper und entlockte ihm einen erstickten Schrei. Augenblicklich spürte er, wie das warme Blut aus der Wunde pulsierte und einem Schwall gleich seine Brust hinunterglitt. Das Hemd saugte sich voll und klebte unangenehm auf seiner Haut, als er mit einem unguten Gefühl in seiner Magengegend vornüberkippte. Den Sturz bremste er mit der rechten Hand ab.

Ein gemurmelter Fluch kam über seine Lippen. Der rötliche Schein, den die Flammen auf den Wald und die Lichtung warfen, ließ die hinabperlenden Bluttropfen im Gras funkeln. Sein Blick war schummrig, aber zumindest die Übelkeit legte sich allmählich. Vorsichtig setzte er sich erneut auf und sah sich suchend um. Seine Sicht war inzwischen klar genug, um zumindest ein paar Details erkennen zu können.

Das kleine und uralte Holzhaus war kaum noch als solches zu erkennen. Durch die Explosion, die er sich immer noch nicht erklären konnte, waren die Außenwände komplett zerstört. Überall lagen brennende Trümmer verteilt und der Rauch waberte einem grauen Nebel gleich über den Waldboden. Der Rest des Gebäudes ragte vor ihm auf, die Flammen verzehrten sich regelrecht nach dem morschen Holz und schienen sich nach dem Nachthimmel zu strecken. Golden glühende Funken stoben wie Glühwürmchen davon.

Dean erinnerte sich genau an den Anruf von heute Morgen. Eine aufgebrachte Frau hatte ihm von dem Gebäude mitten im Wald östlich von Burr Oak erzählt, auf das sie während ihres Lauftrainings gestoßen war. Die flehende und verängstigte Stimme aus dem Inneren der Hütte hatte sie dazu gebracht, das Holzhaus zu betreten. Panisch hatte sie von einer zerlumpten und geisterhaften Erscheinung berichtet, die sie zu Tode erschreckt und verjagt hatte.

Sie hatte weder ihren Namen genannt, noch erzählt, wie sie an seine Nummer gekommen war, bevor sie aufgelegt hatte. Er hätte auf sein Bauchgefühl hören und den Fall ruhen lassen sollen, aber letztendlich hatte die Neugierde gesiegt. Sie hatten schließlich nichts zu verlieren. Von Gadreel und Metatron fehlte jede Spur und Burr Oak befand sich fast um die Ecke. Und er hatte gehofft, ein neuer Fall würde das strapazierte Band zwischen den Brüdern zumindest teilweise erneuern.

Gemeinsam mit Sam hatte er sich auf den Weg in den nahegelegenen Ort gemacht. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Einen Geist hatten sie im verlassenen Haus nicht aufgespürt, dafür waren sie auf ein prasselndes Feuer im Kamin gestoßen. Zu spät hatte er die Gasflaschen bemerkt, die rundherum aufgebaut waren und innerhalb weniger Sekunden zerbarsten. Gerade noch rechtzeitig hatten sie sich mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen können.

Wir hätten nie herkommen dürfen, verfluchte er sich innerlich.

Als er ein paar Schritte entfernt Sams regungslosen Körper bäuchlings im Gras liegen sah, hielt er für einen Moment den Atem an. Ein größerer, teilweise gefährlich rotglühender Holzbalken ruhte quer über seinem Rücken. Die Kleidung war mit Staub und Ruß befleckt und die zerzausten Haare verwehrten ihm einen Blick in sein Gesicht.

»Sammy!«, keuchte er und kroch auf allen Vieren zu ihm. Obwohl sein gesamter Körper gegen die Anstrengung zu rebellieren und die aufsteigende Übelkeit ihn zu lähmen schien, kämpfte er sich langsam voran. Die Wunde in seiner Schulter ließ ihn gelegentlich innehalten und die kühle Luft scharf einatmen.

Unter großer Kraftanstrengung gelang es ihm, den Balken von seinem Rücken zu hieven, bevor er Sam behutsam an den Schultern packte und ihn umdrehte. Die Lider waren geschlossen und ein tiefer Schnitt prangte über seiner Schläfe. Das Blut lief in wirren Rinnsalen sein blasses Gesicht hinab.

»Komm schon, wach auch!«, richtete er das Wort an ihn und tätschelte seine Wange. Seine angeschlagene Stimme klang lange nicht so eindringlich, wie er es wollte. Besorgt legte er die bebenden Finger an seinen Hals. Ein erleichtertes Schnauben entwich ihm, als er seinen Puls spürte. »Lass mich nicht hängen, Sammy!«

Aber egal, wie sehr er sich bemühte, Sam rührte sich nicht, seine Augen blieben geschlossen. Angespannt sah sich Dean auf der Lichtung inmitten des Waldes um. Sie mussten von hier verschwinden und zwar so schnell wie möglich. Mit seinen Verletzungen jedoch war es ihm beinahe unmöglich, ihn in Sicherheit zu bringen. Der Impala stand fast eine halbe Stunde von hier entfernt am Straßenrand. Derart weit konnte er ihn in seinem Zustand unmöglich tragen.

»Hallo, Dean«, mischte sich eine melodische Stimme unter das langsam verebbende Pfeifen in seinen Ohren.

Alarmiert griff er reflexartig nach seiner Pistole, doch die Finger tasteten ins Leere. Er musste sie bei der Explosion verloren haben. Angespannt sah er sich um und erblickte eine Frau, die am Rande der Lichtung stand und mit einem belustigen Lächeln auf ihrem Gesicht zu ihm hinübersah.

Sie trug eine pechschwarze Röhrenhose und unter dem knallroten, engen Oberteil waren die weiblichen Kurven deutlich auszumachen. Der Schein der Flammen ließ die schwarze Lederjacke rötlich glänzen und die Augen bösartig funkeln. Ihre langen, rotbraunen Haare fielen ihr zerzaust über die Schultern und wehten sacht im Wind.

»Wer zum Teufel bist du?«, fragte er die Fremde heiser. Eine Frau inmitten eines solchen Szenarios konnte nichts Gutes bedeuten. Ihr Schmunzeln wurde breiter, als sie sich langsam in Bewegung setzte und nur ein paar Schritte entfernt stehen blieb.

»Mein Name ist Agash«, antwortete sie, ihre Stimme kam ihm seltsam vertraut vor.

Sie blinzelte kurz und für einen Augenblick veränderten sich die dunkelbraunen Iriden. Stattdessen sah sie ihm mit kräftig grün leuchtenden Augen entgegen, bevor sie wieder die natürliche Farbe annahmen. Deans Atem stockte. Er hatte schon viele Dämonen gesehen, aber noch nie einen mit grünen Augen.

»Du bist ein Dämon…«, stellte er mit eisiger Kälte in seiner Stimme fest. Die Frau nickte bestätigend. Deans Miene verfinsterte sich, als er sich ungeschickt erhob und sich schützend vor Sam aufbaute.

In diesem Moment ergab plötzlich alles einen Sinn. Sie war die Anruferin von heute Morgen, er erkannte ihre Stimme eindeutig. Unter einem falschen Vorwand hatte sie die Brüder hierhergebeten, deshalb waren sie auf keinen Geist gestoßen. Sie hatte alles arrangiert.

»Du hast uns hergelockt und das Haus in die Luft gejagt. Das war eine Falle.«

»Ich sehe schon, du bist ein ganz schlaues Kerlchen, Dean. Und die anderen Dämonen sagen immer, der kleine Sammy wäre der Klügere von euch beiden.« Ihre Tonlage hatte überheblich und sarkastisch geklungen. Selbstsicher stemmte sie die Hände in ihre Hüften, die Flammen hinter ihm warfen harte Schatten auf ihre blasse Haut.

»Halts Maul und… zieh Leine«, entgegnete er abgehakt, ehe ihm ein ersticktes Husten entwich. Er würde sie zu gerne bekämpfen, aber er trug nichts bei sich, mit dem er sie verletzen oder gar töten könnte.

»Das kann ich leider nicht«, erwiderte die Dämonin gespielt bedauernd. Dean brummte zornig. »Abaddon ist beunruhigt, weil ihr im Besitz der ersten Klinge seid. Und ein beunruhigter Ritter der Hölle ist noch unausstehlicher als sonst.«

»Verstehe. Jetzt hat sie Angstpipi in der Hose und schickt ihren Handlanger, um die Drecksarbeit zu erledigen«, konterte er wenig beeindruckt und sah ihr so abschätzig in die Augen, wie es ihm in seiner angeschlagenen Situation möglich war. Agash blinzelte ein paar Mal gekränkt, aber er durchschaute ihr Theater sofort. Ein Dämon war nicht derart leicht aus der Fassung zu bringen.

»Du hältst mich für einen Handlanger? Das verletzt mich, Dean«, meinte sie und legte zur Verdeutlichung ihrer Worte die linke Hand auf ihr Herz.

Der Jäger verlor allmählich die Geduld. Ihm blieb keine Zeit, um sich mit einem Dämon auseinanderzusetzen. Er musste Sam hier wegschaffen und zwar schnell.

»Was willst du?« Seine ernste Frage ließ den verletzten Ausdruck von ihren Zügen verschwinden. Stattdessen wanderten ihre Mundwinkel zufrieden nach oben, als hätte sie exakt auf diese eine Frage gewartet.

»Die erste Klinge«, forderte sie mit einer Selbstverständlichkeit in ihrer Stimme, die keine Zweifel an ihrem Vorhaben übrigließ. Sie wollte die Klinge, damit sie keine Waffe mehr gegen Abaddon in der Hand hatten. Selbst wenn Crowley sie ihm überlassen hätte, würde er sie der Dämonin niemals freiwillig aushändigen.

»Ich hab sie nicht«, sagte er wahrheitsgemäß. Ihre Augenbrauen zogen sich wütend zusammen. Mit energischen Schritten überwand sie die letzte Distanz zwischen ihnen und packte ihn grob am Kragen seines Shirts. Der Jäger gab sich ruhig und sah ungerührt in ihre fast schwarzen Augen. Er wollte vor Agash keine Schwäche zeigen. »Du kannst mich ruhig töten, wenn dir das Freude bereitet, aber ich hab sie trotzdem nicht.«

Die Züge der Dämonin entspannten sich daraufhin wieder. Grinsend lockerte sie den Griff um den Stoff und fuhr stattdessen mit den Fingerspitzen über Deans Wange. Die Finger waren belebend kalt auf seiner Haut. Ihr Gesicht näherte sich seinem bis auf wenige Zentimeter und ein verführerisches Funkeln schimmerte in ihren Iriden. Sie war gut, das musste er ihr trotz seiner Wut lassen.

»Ich will dich doch nicht töten, Dean. Wir beide wissen, dass dir dein Leben nicht viel bedeutet«, flüsterte sie dicht an seinem Ohr, ohne ihre Augen auch nur ein einziges Mal von ihm abzuwenden. Der Jäger schluckte, als ihre Finger einem sanften Windhauch gleich über seinen Hals fuhren. »Nicht so viel wie das Leben deines Bruders.«

Zu spät erkannte Dean die Drohung in ihren Worten. Er wollte sie grob an ihren Schultern packen, aber der Dämon war schneller. Es kostete sie nicht viel Mühe, ihn mit einer hektischen Handbewegung zur Seite zu stoßen. Er verlor das Gleichgewicht und ging unsanft zu Boden. Ein erstickter Schmerzensschrei entwich ihm, als er auf seine verletzte Schulter fiel und er die rechte Hand auf die Wunde presste. Unter seinen Fingerkuppen spürte er das Blut pulsieren.

Der Winchester fing sich schnell wieder und rappelte sich unter Qualen kampfbereit auf. Abrupt hielt er in seinen Bewegungen inne, als sein alarmierter Blick auf Agash fiel. Sie kniete einige Schritte von ihm entfernt direkt neben dem immer noch besinnungslosen Sam, das scharfe Klappmesser in ihrer Hand war seiner Kehle gefährlich nahe. Warnend und siegessicher zugleich beobachtete sie Dean. Hinter ihr fiel ein Teil des Hauses lärmend in sich zusammen und schickte leuchtende Funken in den Himmel.

»Lass ihn in Ruhe, oder du wirst es bereuen«, knurrte er bedrohlich. Wie von selbst ballten sich seine Hände zu Fäusten, innerlich jedoch wusste er längst, wie chancenlos er gegen eine Dämonin ohne die entsprechenden Waffen war.

»Deine coole Masche zieht bei mir nicht. Ich weiß, dass dein Bruder deine größte Schwäche ist. Für ihn würdest du alles tun, das hast du schon mehrmals eindrucksvoll unter Beweis gestellt«, erwiderte sie unbeeindruckt von seinen Drohungen und ließ die Schneide sacht über Sams Hals gleiten. »Es hat mich zu Tränen gerührt, als du damals den Deal mit dem Kreuzungsdämon eingegangen bist, um ihn zurückzubekommen. Als du einem Engel gewährt hast, in seinen Körper einzudringen, damit er von innen heraus geheilt werden konnte. Und jetzt hasst er dich dafür. Eine sehr tragische Geschichte…«

»Wage es nicht, ihn anzufassen.« Seine Worte klangen dieses Mal erstaunlich fest und entschieden, aber Agash wusste, wie wenig er ihr anhaben konnte.

»Was, wenn doch? Bringst du mich dann um? Halte mich nicht für einen dieser unfähigen Kreuzungsdämonen, die jedes Kleinkind mit Kinkerlitzchen wie Engelsklingen töten könnte«, forderte sie ihn weiter heraus. Als Dean nichts darauf erwiderte, fuhr sie deutlich gefasster fort. »Ich weiß, dass Crowley die Klinge versteckt. Wenn du sie mir besorgst, lasse ich den kleinen Sammy in Ruhe, versprochen. Wenn nicht…«

Angespannt beobachtete er Agash dabei, wie sie das Messer zurückzog und stattdessen ihre linke Hand an Sams Kehle legte. Ein grünliches Glühen ging von der Stelle aus und er konnte erkennen, wie sich die ruhige Miene seines Bruders qualvoll verzog. Trotz der Schmerzen, die er empfinden musste, blieb er weiterhin bewusstlos.

»Was hast du vor?«, wollte er wissen. Das bösartige Grinsen der Dämonin schickte ein beißendes Frösteln seinen Rücken hinab.

»Wenn du dich weigerst, werde ich ihn mit Hilfe eines Fluchs vergiften«, erklärte sie geduldig und zog die Hand zurück. Das Glühen erlosch und Sams Züge entspannten sich wieder. Auf seiner Haut war lediglich ein kleiner, dunkler Fleck sichtbar, der sich allmählich verflüchtigte. »Also, was sagst du dazu?«

Dean haderte mit sich selbst. Er wusste nicht, ob Agash ihn nur austricksen wollte. Falls doch, hatte sie definitiv ein überzeugendes Pokerface aufgesetzt. Er wollte Sam um jeden Preis vor ihr beschützen, aber die erste Klinge in die Hände von Dämonen zu geben, hielt er für keine gute Idee. Sie war die einzige Waffe, die Abaddon gefährlich werden konnte. Und er spürte, wie er sich durch das Kainsmal mehr und mehr nach ihr verzehrte.

Verdammt, fluchte er innerlich.

Er war in einer Zwickmühle und der wissende Ausdruck auf den Zügen seines Gegenübers zeigte ihm, dass sie genauestens über sein Dilemma Bescheid wusste. Er knirschte hörbar mit den Zähnen und ballte die Fäuste stärker. Seine Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in seine Haut.

»Du kannst mich mal, Schlampe!«, entgegnete Dean. Der Blick der Frau veränderte sich. Er konnte die Boshaftigkeit in ihren dunklen Augen förmlich sehen, als sie ein weiteres Mal die Hand auf Sams Kehle legte.

»Tut mir leid, das war leider die falsche Antwort«, säuselte sie.

Zwischen ihren Fingern glitt erneut das grünliche Leuchten hindurch, dieses Mal jedoch um einiges greller. Ein leises Zischen war zu hören, dann schlug Sam panisch die Augen auf. Der erstickte Schrei aus dem Mund des Jüngeren entlockte Agash ein diabolisches Lachen und ließ Deans Körper verkrampfen.

»Sam!«, rief er entsetzt und besorgt zugleich. Hastig baute er sich auf, doch eine einzige, kurze Handbewegung des Dämons reichte aus, um ihn rücklings zu Boden gehen zu lassen. Der Aufprall schickte ein quälendes Ziehen durch seine Schulter und jagte die Luft aus seinen Lungen. Er stöhnte abgekämpft, während der Schmerz pulsierenden Wellen gleich durch seinen Körper hetzte. Obwohl alles in seinem Körper nach Ruhe schrie, war es der Gedanke an Sam, der ihn weiter antrieb. Wutentbrannt rappelte er sich auf. »Verdammt, lass ihn in Ruhe! Ich mach es!«

Seine Worte brachten sie dazu, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den älteren Winchester zu richten. Genau wie vorhin nahm sie unendlich langsam die Hand von Sams Hals und ließ somit das Glühen verschwinden. Der herzzerreißende Schrei verklang, als seine Lider erneut flackernd zufielen und er in eine Art Dämmerzustand glitt.

Zurück blieb ein dunkler Handabdruck, der sich wie heiße Glut in die Haut des Jägers gefressen hatte und dort wie ein Mahnmal prangte. Ähnlich wie das Zeichen, das Castiel damals bei seiner Befreiung aus der Hölle auf seiner Schulter hinterlassen hatte.

»Dafür ist es leider zu spät, fürchte ich«, sagte sie bedauernd. Sein Herz hämmerte wie wild hinter seiner Brust, als er den Abdruck betrachtete. Dieses Mal blieb er bestehen, unwiderruflich und drohend. Seinetwegen schien nun ein Fluch auf Sam zu lasten, der ein Gift in ihm verströmte. Allein der Gedanke ließ ihn kraftlos die Schultern senken. »Aber ich bin heute in guter Stimmung. Deshalb gebe ich dir eine letzte Chance, deinen Bruder zu retten.«

Hoffnungsvoll sah Dean auf. Wenngleich er wusste, was sie von ihm verlangte, spürte er, wie sich eine anfängliche Zuversicht in ihm zu regen begann. Noch war nichts verloren. Seine aufsteigende Wut ließ ihn hart schlucken. Er gab es ungern zu, aber für den Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ihr Angebot einzugehen. Nur um etwas mehr Zeit zu gewinnen und einen Weg zu finden, Sam zu retten.

»Bring sie mir, dann werde ich den Fluch rückgängig machen«, richtete sie erneut das Wort an ihn. Fast zärtlich strich sie mit den Fingern ein paar Haarsträhnen aus Sams Stirn. Alleine diese Berührung brachte seinen Zorn regelrecht zum Brodeln.

»Wie viel Zeit habe ich?«, fragte er dennoch.

»Je nachdem, wie sehr dein Bruder um sein Leben kämpft, etwa eine Woche«, beantwortete sie sachlich die Frage. Sie ließ von Sam ab, erhob sich und trat auf den am Boden sitzenden Jäger zu. »Du siehst es anhand der schwarzen Linien, die von meinem Handabdruck ausgehen. Wenn sie sein Herz erreichen, fällt er auf der Stelle tot um.«

Er schnaubte grimmig, nickte jedoch nach kurzem Zögern verstehend und rappelte sich unter ihrem aufmerksamen Blick auf. Dieses Mal stieß sie ihn nicht zurück und schenkte ihm ein unverschämtes Lächeln. Eine Geste, die ihn vor Groll überschäumen ließ.

»Aber täusche dich nicht. Je weiter die Vergiftung voranschreitet, umso mehr wird Sammy leiden müssen. Du solltest dich beeilen, wenn du nicht dabei zusehen willst, wie er sich quält«, warnte sie ihn. Ohne auf eine Reaktion zu warten, zog sie einen Zettel aus ihrer Hosentasche und hielt ihn Dean abwartend entgegen. Der Jäger nahm ihn grob an sich und entdeckte eine Telefonnummer. »Ruf mich an, wenn du Crowley die Klinge abgeknöpft hast. Man sieht sich, Dean.«

Bei diesen Worten fuhr sie mit dem Zeigefinger sein Kinn nach, ehe sie sich mit einem bösartigen Lachen in Luft auflöste. Für wenige Sekunden hallte es durch den Wald, bevor es vollends verstummte. Dean blinzelte ein paar Mal konsterniert, dann ließ er den Zettel mit ihrer Nummer hektisch in seiner Gesäßtasche verschwinden.

Voller Sorge rannte er zu seinem Bruder und ließ sich neben ihm auf die Knie fallen. Die zierliche Hand des Dämons war deutlich auf seiner Haut zu erkennen, die schwarzen Linien, die sie erwähnt hatte und sich langsam auszubreiten begannen, ließen ihn erstarren. Sie waren nur wenige Millimeter lang, aber der Anblick reichte, um ihm die Gefahr zu verdeutlichen, in der sein Bruder schwebte.

»Sam, hörst du mich? Sammy?!«, redete er auf ihn ein und schüttelte ihn sanft an der Schulter. Grummelnd öffnete er seine Augen einen Spalt. Es dauerte eine Weile, bis er den älteren Winchester in der Finsternis ausmachen konnte. Er versuchte, etwas zu sagen, aber nicht ein Wort verließ seine Lippen. Stattdessen driftete er erneut in die Bewusstlosigkeit.

Fluchend griff Dean in seine Hosentasche und holte sein Handy hervor. Mit zittrigen Fingern wählte er eine Nummer und hoffte inständig, der Empfang war nicht derart schlecht, wie es die abgelegene Gegend vermuten ließ. Als das vertraute Klingeln an seine Ohren drang, atmete er hörbar aus. Es vergingen einige Augenblicke, bis sich eine männliche Stimme meldete.

»Cas, ich… ich könnte deine Hilfe brauchen«, sprach er in das Mobiltelefon und erklärte ihm kurz und bündig, wo sie sich befanden.

Die fürsorgliche Stimme des Engels versicherte ihm, so schnell wie möglich bei ihnen zu sein. Erleichtert beendete er den Anruf, schob das Telefon ein und begann, Sam behutsam ein wenig von dem brennenden Haus wegzuziehen. Weit kam er jedoch nicht, bis auch ihn langsam aber sicher seine Kräfte verließen.

Er lehnte Sam rücklings gegen einen Baumstamm und ließ sich ermattet neben ihm nieder, ihre Schultern dicht beieinander. Wieder stieg Übelkeit in ihm auf und dunkle Nebelschwaden schoben sich vor sein Sichtfeld. Jetzt, da die Gefahr zumindest vorerst gebannt war und das Adrenalin nachließ, spürte er, wie müde und abgekämpft er wirklich war.

Dean zwang sich, wach zu bleiben. Er durfte nicht einschlafen. Er musste auf Sam aufzupassen, sollte Agash zurückkehren oder andere Gefahren in den Tiefen der Wälder auf sie lauern. Doch vollkommen egal, wie sehr er sich bemühte, seine Lider wurden unweigerlich immer schwerer. Die Anstrengungen und die Wunde forderten ihren Tribut. Die grellen Flammen waren das Letzte, das er sah, bevor sich undurchdringbare Schwärze über ihn legte.
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