Nur die Liebe stirbt niemals

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P16 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
11.10.2016
11.10.2016
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So lange habe ich mich jetzt vor diesem Tag gefürchtet. So lange habe ich gehofft, dass es sich nur um einen Traum handelt. Um einen ganz bösen Albtraum, aus dem ich irgendwann wieder aufwachen muss. So lange habe ich gebetet, dass irgendetwas geschieht, irgendein Wunder, das all die schrecklichen, gänsehauterregenden Bilder der letzten paar Tage übermalt und ein für alle Mal besiegt.
So oft habe ich fast im Minutentakt zur Wohnungstür hinübergeschaut und mir sehnlichst gewünscht, dass sie sich endlich öffnet und dich zu mir zurückbringt. Habe mir gewünscht, dass du wiederkommst und all meine Ängste mit deinem warmen, herzlichen Lächeln ausradierst. Dass du mich mit deinen strahlenden, meeresblauen Augen ansiehst und mir die Tränen aus dem Gesicht küsst.
Jeden einzelnen Tag habe ich gegen all die eiskalten Bilder der Realität angekämpft und mir eingeredet, dass es nicht wahr sein kann. Jede Nacht bin ich mit der Hoffnung ins Bett gegangen, dich am Morgen neben mir zu finden. In deinen Armen aufzuwachen, umgeben von dem süßlichen Duft deines Parfums und der Wärme deiner Haut.
Aber es hat nicht funktioniert. Egal, wie sehr ich mich darauf konzentriert habe, dass du wiederkommst, es hat einfach nicht funktioniert. Die Wohnungstür blieb geschlossen und das Bett war Abend für Abend kalt und leer.
Auch wenn ich immer noch nicht richtig begreifen kann, warum das so ist. Warum kann nicht einfach ein Wunder geschehen und diesem ganzen Chaos ein Ende setzen? Warum kannst du nicht einfach wieder zurückkommen und mir sagen, dass dieser ganze Horror nur geträumt ist? Warum kannst du mit deiner Nähe nicht all die furchtbaren Gedanken in mir verscheuchen?
Weil es nicht geht. Auch wenn ich es mir mehr als alles andere auf der Welt wünsche, weiß ich, dass du nicht mehr in der Lage dazu bist, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Ich weiß, dass du mich nicht mehr in die Arme nehmen und meine Tränen wegwischen kannst. Ich weiß, dass du dieses Zimmer nie wieder mit deiner Anwesenheit schmücken und mit deinem Lachen ausfüllen kannst. Du kommst nicht mehr zu mir zurück. Nicht mehr in diesem Leben.
Das Einzige, was von dir hier zurückbleibt, sind die Erinnerungen an unsere Zeit, die wir zusammen in dieser Wohnung geteilt haben. Die Erinnerungen an unvergesslich schöne Augenblicke, die nur durch dich zu etwas ganz Besonderem geworden sind. Die Bilder, die überall an den Wänden hängen und ein paar kostbare Augenblicke ebendieser Zeit für die Ewigkeit festhalten. Dein Duft, der noch immer so nah und vertraut im Raum schwebt, als wärst du direkt nebenan. All die Dinge, die einmal dir gehört haben und die mich immer an dich erinnern werden.
Aber ich weiß nicht, ob ich das ertragen kann. Ich weiß nicht, wie ich damit leben soll, in jeder Ecke und Ritze dieser Wohnung dein Bild vor mir zu sehen, deine Wärme zu spüren und dabei ganz genau zu wissen, dass es nur eine Illusion ist. Nur ein Wunschgedanke, eine Fantasie, die sich niemals wieder erfüllen wird.
Ich weiß nicht, wie ich mit dem Wissen umgehen soll, dass ich mich in wenigen Stunden für immer von dir verabschieden muss. Dass ich dich begraben muss, ganz tief in der dunklen Erde der Vergänglichkeit. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, den Sargdeckel über dir zu schließen und damit all die Träume, die wir beide uns bis vor kurzem noch ausgemalt haben, aufzugeben.
Dabei wollten wir uns doch niemals wieder voneinander trennen. Wir wollten es nicht geschehen lassen, dass irgendetwas zwischen uns steht und uns all die Wünsche und Hoffnungen, die wir hatten, wegnimmt. Wir haben uns versprochen, dass unsere Liebe etwas ganz Besonderes ist und wir alles in unserer Macht Stehende dafür tun, um sie niemals wieder zu verlieren.
Und plötzlich gehst du fort. Du verschwindest einfach und lässt mich ganz allein mit meinem Schmerz und meinen Tränen. Du brichst dein Versprechen und lässt mich zurück in einer Welt, die ohne dich niemals wieder dieselbe sein wird. Die mit deinem Verschwinden jeglichen Grund dazu verloren hat, sich noch weiter zu drehen.
Das ist ungerecht, Tim-Tim. Das ist einfach nur ungerecht und gemein. Wie soll denn mein Leben jetzt weitergehen, so ganz ohne dich? Wie soll ich mich jemals damit zurechtfinden, dass die Wärme, die du in diesen Zimmern hinterlassen hast, mit jedem einzelnen Tag ein Stück mehr verblassen wird? Wie soll ich begreifen, dass ich keine Möglichkeit mehr dazu haben werde, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe? Wie soll ich je akzeptieren können, dass  du weg bist, wenn noch so viele ungeklärte Fragen im Raum stehen? Wie soll ich es schaffen, mit dir abzuschließen, wenn ich ganz genau weiß, dass ich es nicht über mein Herz bringe? Kannst du mir das sagen, Tim-Tim? Ich weiß es nämlich nicht.
Ich weiß nicht, warum all das geschehen musste. Warum uns das Schicksal von einem Augenblick zum nächsten so brutal auseinanderreißen musste. Warum du im einen Moment noch quicklebendig vor mir stehst und lächelst und bereits im nächsten die Augen für immer geschlossen hältst.
Ist das alles vielleicht nur meine Schuld? Bin ich schuld daran, dass ich dich heute beerdigen muss? Habe ich dadurch, dass ich dich an jenem schicksalhaften Tag vor einer Woche nicht davon abgehalten habe, in die Stadt zu fahren, den größten Fehler meines Lebens gemacht? Hätte es etwas geändert, wenn ich mit dir gekommen wäre? Wären wir dann nicht so erbarmungslos auseinandergerissen worden, sondern hätten diese Welt zusammen verlassen können?
Eiskalte Tränen fluten mein Gesicht, während ich darüber nachdenke. Während ich daran denke, wie diese beiden Polizisten plötzlich vor unserer Wohnungstür aufgetaucht sind. Wie sie mir erklärt haben, was überhaupt geschehen ist. Dass du mit zu hoher Geschwindigkeit gefahren und von der Straße abgekommen bist. Dich überschlagen hast und aus dem Fahrzeug geschleudert worden bist.
Ich konnte es nicht glauben. Ich konnte einfach nicht glauben, was man mir da gerade zu erklären versuchte. Ich habe protestiert und behauptet, dass sie sich diese ganze Geschichte nur ausdenken, um mir Angst einzujagen. Nie und nimmer konntest du das gewesen sein. Sie mussten sich irren. Sie mussten sich einfach irren!
Das muss irgendein anderer gewesen sein, habe ich ihnen gesagt. Hier liegt garantiert eine Verwechslung vor. Mein Tim-Tim ist auf den Straßen immer sehr vorsichtig unterwegs. Nie und nimmer würde er mit überhöhter Geschwindigkeit fahren. Das würde er nicht machen.
Doch all meine Protestschreie und Verneinungen haben ein jähes Ende gefunden, als der Anruf kam. Der Anruf deiner Eltern, die mich gefragt haben, ob ich schon darüber Bescheid weiß. Mir erklärt haben, dass sie soeben die Leiche identifiziert haben und dass es sich ganz ohne Zweifel um dich handelt.
Erst in diesem Augenblick habe ich richtig realisiert, dass es wirklich die Wahrheit ist. Dass du wirklich tot bist und niemals wieder zu mir nach Hause kommen wirst. Erst in diesem Augenblick war ich fähig dazu, meinen Tränen, die sich bis dahin noch an der Hoffnung festgehalten haben, dass hier ein ganz großes Missverständnis vorliegen muss, nachzugeben. In diesem einen Augenblick ist meine Welt in sich zusammengebrochen.
Ich habe geweint. Gefleht. Geschrien. Das alles konnte nicht wahr sein. Es konnte einfach nicht wahr sein. Ich träume das alles nur, habe ich gedacht. Ich träume einen ganz bösen Traum, aus dem ich jeden Moment wieder aufwachen muss. Ich muss nur meine Augen öffnen, habe ich gedacht, und du wirst neben mir im Bett liegen und schlafen, so wie jeden Morgen.
Aber heute, an diesem nebelverhangenen, grauen Mittwoch ist mir endgültig klar, dass es kein Traum ist. Es ist Realität. Es ist eiskalte, unerbittliche Realität.
Mit Tränen in den Augen starre ich unsere Fotos an, die ringsum mich an den Wänden aufgehängt sind und mir einmal mehr bewusst werden lassen, dass unsere Zeit niemals wieder zurückkommen wird. Dass sie vorbei ist, für immer vorbei ist, als wäre sie einfach so aus den Geschichtsbüchern dieser Welt ausradiert worden.
Wie gebannt starre ich hinüber zu unserem Lieblingsfoto, auf dem wir eng umschlungen im Garten deiner Eltern liegen und den vorbeiziehenden Wolken hinterherschauen. Und einmal mehr verleihen mein Schmerz  und meine Trauer sich durch ein lautes, markerschütterndes Schluchzen Ausdruck.
An der Wohnungstür ist ein leises Klopfen zu hören, doch ich nehme es überhaupt nicht richtig wahr, bin zu fixiert auf all die Erinnerungen, die das Betrachten dieses Bildes in mir auslöst. Zu konzentriert auf all die schönen Augenblicke, die ich mit dir teilen durfte und die jetzt wie ein Film vor meinem inneren Auge ablaufen.
Ich kann dich nicht begraben, Tim-Tim. Ich kann deinen Sarg nicht einfach schließen und Abschied von dir nehmen. Das zu tun würde bedeuten, einen endgültigen Schlussstrich unter unserer gemeinsamen Zeit zu ziehen und die Tatsache zu akzeptieren, dass du tot bist.
Aber das will ich nicht. Ich will, dass du lebst. Ich möchte, dass du zu mir zurückkommst und mich fest in deine starken Arme schließt. Ich möchte mich eng an dich kuscheln, während deine Hände sanft über mein Haar streicheln und meine Tränen auslöschen. Ich möchte deine Wärme auf meiner Haut spüren, die mir immer dieses Gefühl von Sicherheit und Verständnis gegeben hat. Ich möchte deine Hand halten und sie niemals wieder loslassen.
Das ist es, was ich tun will. Aber nicht deinen Sarg schließen und unsere Beziehung damit für immer beenden. Sie darf nicht einfach so vorbei sein. Das darf sie einfach nicht, verdammt!
Ich brauche dich doch, Tim-Tim. Ich kann doch überhaupt nicht ohne dich leben! Wie soll das denn bitteschön funktionieren? Wie hast du dir das denn überhaupt vorgestellt? Was hast du dir dabei  gedacht, als du an jenem Nachmittag von der Straße abgekommen bist? Was hast du dir gedacht, als du einfach gestorben bist, ohne dich vorher von mir zu verabschieden? Weißt du eigentlich, wie weh das tut?! Hast du eine ungefähre Vorstellung davon, was ich seitdem durchmachen musste?!
Das ist nicht fair, Timmy! Das ist überhaupt nicht fair von dir. Du kannst nicht von heute auf morgen ohne ein einziges Wort von hier verschwinden und nie wieder zurückkommen. Wie kommst du überhaupt dazu, mir so etwas anzutun? Wie soll mein Leben denn jetzt weitergehen? Wie soll es weitergehen, wenn es mit deinem Tod jeglichen Sinn für immer verloren hat? Wie soll ich es schaffen, jetzt zu dieser Beerdigung zu gehen und dabei zuzusehen, wie man dich in dieses kalte, nasse Grab befördert? Wie soll ich diese ganze Hölle durchstehen, Timmy? Bitte sag es mir. Gib mir ein Zeichen und lass mich wissen, wie es jetzt weitergehen soll. Bitte, Timmy! Ich flehe dich an!
Ein erneutes Klopfen schreckt mich aus meinen Gedanken hoch und holt mich zurück in die ungeschminkte Realität. Doch auch wenn ich es deutlich hören kann, nehme ich es trotzdem nicht richtig wahr. Ich will es gar nicht richtig wahrnehmen, weil ich weiß, was es zu bedeuten hat.
Chester ist da, um mich zur Beerdigung abzuholen. Zu deiner Beerdigung, Tim-Tim. Zum endgültigen Abschied von dir. Zum endgültigen Ende unseres wundervollen Zusammenlebens.
Dabei will ich mich doch überhaupt nicht verabschieden! Ich bin noch nicht bereit dazu, dich gehen zu lassen und dabei zu wissen, dass du jetzt in einer Welt bist, die ich nicht erreichen kann. Ich will nicht dabei zusehen müssen, wie man kühle, feuchte Erde über deinen Sarg schüttet und damit die letzte Möglichkeit, dich noch einmal anzusehen, zerstört. Ich stehe das nicht durch. Verzeih mir bitte, Tim-Tim, aber ich stehe das einfach nicht durch.
Ich habe nicht die Kraft dazu, jetzt zum Friedhof zu gehen und mich für immer von dir zu trennen. Ich habe keine Kraft, mitanzusehen, wie sie dich in dein Grab lassen und dich mir für immer wegnehmen. Ich habe keine Kraft mehr, noch weiter zu kämpfen. Keine Kraft mehr, am Leben zu bleiben.
Wozu denn auch? Der einzige Mensch, den ich je wirklich geliebt habe, hat mich für immer verlassen. Die einzige Freude meines Lebens, für die es sich zu leben gelohnt hat, ist dahin. Die einzige Hoffnung, aus einem grenzenlosen Albtraum aufzuwachen, wurde zunichte gemacht. Wofür soll ich noch kämpfen, wenn alles, was mir wichtig war, entschwunden ist?
Meine Welt ist ein einziger Scherbenhaufen. Sie hat jeden Sinn und jegliche Bedeutung, jede Grundlage zur Existenz verloren. Nur mit dir hat sie sich gedreht. Nur mit dir hatte ich die Kraft und den Mut dazu, meinen Weg zu gehen.
Mit dir hat mein Leben angefangen. Und mit dir wird es auch zu Ende gehen, das verspreche ich mir in diesem Augenblick.
„Gary?“. Eine leise, weiche Stimme schreckt mich aus meinen Gedanken hoch und lässt mich den Blick zur Wohnungstür wenden. Chester betritt unsicher das Zimmer und kommt mit zögernden Schritten auf mich zu. Sein Körper ist in völliges Schwarz getaucht und seine Augen sind blutunterlaufen. Er hat geweint. Genau wie ich.
„Wir... wir müssen dann los“, beginnt er mit zitternder Stimme. „In einer halben Stunde fängt die...“. Ein leises Schluchzen lässt ihn mitten im Satz innehalten, als sein Blick auf eines der Fotos an den Wänden fällt.
Wie aus einem Reflex heraus lege ich meine Arme um ihn und drücke ihn so fest ich kann an mich heran. Ich versuche, meine eigenen Tränen zu unterdrücken und stark für ihn zu sein. Auch er braucht jetzt eine Hand, die ihn hält.
Er war Tim-Tims bester Freund. Und bestimmt kann auch er noch immer nicht glauben, dass er ihn niemals mehr wiedersehen und nie wieder mit ihm sprechen wird. Deshalb muss ich mich zumindest für diesen Augenblick zusammenreißen, meine eigene Trauer vergessen und den Versuch machen, ihn zu trösten. Er braucht mich jetzt. Mehr als jemals zuvor.

Während der Fahrt zum Friedhof sprechen Chester und ich kein einziges Wort miteinander. Zu traurig ist dazu der Anlass unseres heutigen Wiedersehens, zu bedrückend die Stimmung im Auto.
Das Autoradio läuft zwar – Chester hat es für mich zur Ablenkung eingeschaltet – doch ich bin gar nicht in der Lage dazu, darauf zu hören, starre stattdessen gedankenverloren aus dem Fenster in den grauen, regnerischen Tag hinaus.
Sogar der Himmel weint um dich, Tim-Tim, denke ich dabei und atme einige Male tief durch, um ein Schluchzen zurückzuhalten. Er weint mit uns allen, die wir hier zurückgeblieben sind und nur hoffen können, dass du jetzt in eine bessere, schönere Welt gegangen bist. Dass du irgendwo dort oben auf einem Stern sitzt, der jetzt dir ganz allein gehört, und zu uns herunterschaust.
Wenn das wirklich so ist, Tim-Tim, dann versprich mir bitte etwas. Versprich mir, dass du jede Nacht für mich leuchtest und die Schatten aus meiner Welt vertreibst. Versprich, dass du auf mich aufpasst und mich begleitest, bis auch ich irgendwann zu den Sternen hinaufgehe und dich dort wiedersehe. Versprich es mir bitte, Tim-Tim. Bitte versprich es mir.
Die Melodie eines neuen Liedes lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken und zieht bereits beim ersten Ton meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Es handelt sich um den Titel 'Angel' von Sarah McLachlan. Tim-Tims Lieblingssong.
Unweigerlich beginnen die Tränen, über mein Gesicht zu laufen und lassen mich meinen Kopf in den Händen vergraben. Ausgerechnet dieses Lied! Von allen Songs, die es auf der Welt gibt, muss ausgerechnet dieser jetzt im Radio laufen.
Ist das ein Zeichen von dir, Tim-Tim?, frage ich mich im Stillen, während ich leise schluchzen muss. Willst du mir damit sagen, dass es dir gut geht und ich mir keine Sorgen um dich machen muss? Kannst du mich sehen? Kannst du mich in diesem Augenblick von deinem Stern aus sehen?
„Gary...“. Chesters leise Stimme holt mich aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit und zieht meinen tränenüberströmten Blick auf sich. „Soll... soll ich das... das Radio ausmachen?“, fragt er beinahe flüsternd und bemüht sich, seiner eigenen Trauer Einhalt zu gebieten.
„Nein“, antworte ich weinend und schüttle rasch den Kopf. „Das ist Tim-Tims Lieblingslied. Er würde es mir nie verzeihen, wenn ich es mir nicht anhöre“. Chester nickt nur, erwidert aber nichts darauf, sondern biegt stattdessen in die Straße ein, die hinauf zum Friedhof führt.
Zahlreiche Leute steigen bereits aus den Autos, die davor parken. Sie alle sind gekommen, um Abschied von Tim-Tim zu nehmen. Um ihn ein letztes Mal zu sehen und ihm die besten Wünsche für sein neues Leben über den Wolken mit auf den Weg zu geben. Sie alle trauern genauso um ihn wie Chester und ich.
„Wir sind da“, sagt Chester leise, als er auf einen freien Parkplatz lenkt und seinen Wagen schließlich anhält. Die Klänge der Musik verstummen und plötzliche, bedrückende Stille kehrt ein, da weder Chester, noch ich in der Lage dazu sind, irgendetwas zu sagen.
Schweigend steigen wir aus und ich atme ganz tief die frische, regenfeuchte Luft in mich ein, während ich mich mental auf den nächsten, jetzt anstehenden Schritt vorbereite, vor dem ich so große Angst hatte.
Der Abschied von meinem süßen, heißgeliebten Tim-Tim. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich mich noch in Wut, Verdrängung und Verleugnung der Tatsachen flüchten. Ich konnte mir einreden, dass ich nur einen bösen Albtraum träume und bestimmt jeden Augenblick daraus aufwachen muss.
Doch das ist jetzt nicht mehr möglich. Jetzt, da ich hier vor dem Friedhofstor stehe, muss ich mich endlich damit auseinandersetzen. Es führt kein Weg mehr daran vorbei. Ich muss meinen Tim-Tim begraben. Heute und hier.
Chester legt mir behutsam seine Hand auf die Schulter und bringt mich dadurch dazu, ihn anzusehen. Mit einem kurzen Blick macht er mir unmissverständlich klar, dass es jetzt an der Zeit ist, hineinzugehen. Kraftlos nicke ich ihm schließlich zu, bevor ich seiner Anweisung Folge leiste und ihm durch das Friedhofstor folge.

Ich kann es nicht glauben. Ich kann es einfach noch immer nicht glauben. Auch wenn ich hier vor dem offenen Grab stehe, in das sein Sarg in wenigen Minuten befördert werden soll, es mit eigenen Augen sehe, kann ich es noch immer nicht fassen.
Auch wenn sein noch geöffneter Sarg – seine Eltern haben das so angeordnet, um sich gebührend von ihm verabschieden zu können – nur wenige Meter von mir entfernt steht und mir bewusst ist, dass er darin liegt, will ich es einfach nicht wahrhaben.
Vor wenigen Augenblicken, als Chester und ich das Friedhofstor passiert haben, habe ich noch gedacht, dass es mir bestimmt leichter fallen wird, seinen Tod zu akzeptieren, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Doch genau das exakte Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Je mehr ich mich auf dem Friedhof umschaue, je mehr Leute ich dabei beobachte, wie sie ihm Blumen in den Sarg legen und Abschied nehmen, desto unrealistischer und fremder erscheint mir die ganze Sache.
Tim-Tim, du bist doch nicht tot, denke ich dabei und schüttle meinen Kopf, als könnte ich die Lage dadurch besser verstehen. Wer auch immer in diesem Sarg liegt, du kannst es auf jeden Fall nicht sein. Du lebst doch, Tim-Tim. Du bist am Leben und wartest ganz bestimmt zu Hause schon auf mich. Dir geht es doch gut und du freust dich sicher schon darauf, mich endlich wiederzusehen, habe ich Recht?
Wie hypnotisiert klammere ich mich verzweifelt an diese letzten Gedanken der Hoffnung, bis schließlich auch ich – als Letzter – an der Reihe bin und zum Sarg hinübertreten muss. Meine Rose, die Chester mir kurz zuvor gegeben hat, fest mit der Hand umklammert und den Atem in den Lungen zurückgehalten, mache ich schließlich ein paar Schritt nach vorn, dabei jedoch völlig unfähig dazu, auch nur einen Blick in das Innere des Sargs zu werfen, aus Angst, dass mir dadurch auch meine letzte, verzweifelte Hoffnung geraubt wird.
Mit bis zum Hals schlagendem Herzen wage ich mich schließlich noch einen Schritt nach vorn und zwinge meine Augen mit ganzer Kraft dazu, in den Sarg zu schauen.
Tim-Tim. Mein süßer, wunderschöner Tim-Tim. Seine strahlenden Augen geschlossen und die Mundwinkel zu einem sanften, ewig währenden Lächeln verzerrt. Seine Hände zu einem stummen Gebet gefaltet, den Körper in einen schwarzen, eng anliegenden Smoking gequetscht.
Tim-Tim. Es ist mein Tim-Tim. In dem Sarg liegt wirklich mein heißgeliebter Engel. Stille Tränen laufen über mein Gesicht, während ich meine Rose zu den anderen in den Sarg lege und noch einmal einen Blick auf ihn werfe.
Mein Herz hämmert laut gegen meine Brust, während mir schmerzlich bewusst wird, dass es real ist. Die Polizisten an der Wohnungstür, seine Eltern, Freunde und Bekannten haben mir alle die Wahrheit gesagt. Tim-Tim ist tot. Er ist wirklich tot.
Eigentlich will ich in diesem Augenblick laut schreien, bringe aber vor lauter Entsetzen nicht einen einzigen Ton heraus. Stattdessen lasse ich meine Hand in den Sarg gleiten, streife ganz zärtlich über seine Wange, die sich eiskalt anfühlt und weine.
Tim-Tim ist tot, wird mir noch einmal bewusst, während ich seinen leblosen Körper tränenblind betrachte. Er kommt nie mehr zu mir zurück. Er ist zu den Sternen gegangen. Für alle Zeit.
Mein Herzschlag beschleunigt sich abermals und gibt mir das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mein Hals fühlt sich an, als hätte man ein meterdickes Seil darumgelegt und würde von Sekunde zu Sekunde immer fester daran ziehen.
Vor meinem bis eben noch glasklaren Blick verschwimmt alles, die ganze Welt scheint sich in graue, nebelhafte Schleier zu verwandeln. Mein Puls beginnt zu rasen und in meinem Kopf dreht sich alles wie ein Karussell.
Mein Magen krampft sich zusammen, als würde er gerade ein Pfund Salz verdauen, und mein ganzer Körper beginnt zu zittern wie unter Strom. Irgendjemand scheint meinen Namen zu rufen, doch ich bin gar nicht in der Lage dazu, es richtig zu registrieren.
Immer wieder taucht Tim-Tims Bild vor meinem inneren Auge auf und mein Herzschlag entwickelt seinen eigenen Willen, bis mein Leib diesem außergewöhnlichen Rhythmus schließlich nicht mehr standhalten kann.
Ich fühle ein letztes Klopfen gegen meine Brust, bevor absolute Stille in meinem Inneren einkehrt und ich mein Bewusstsein nicht länger aufrechterhalten kann.
„Gary! Um Gottes Willen, Gary!“, höre ich noch irgendjemanden schreien, bevor mein Körper den Geist aufgibt und schließlich zusammenbricht.

Als ich endlich wieder zu mir komme, ist alles um mich herum in komplette Finsternis getaucht. Benommen rapple ich mich hoch und versuche, mich halbwegs zu orientieren und herauszufinden, wo ich mich überhaupt befinde und was eigentlich mit mir passiert ist.
Doch die Erinnerung daran scheint wie ausgelöscht zu sein. Alles, woran ich denken kann, ist Tim-Tim. Mein Tim-Tim. Wo ist er? War ich nicht gerade eben noch auf seiner Beerdigung? Habe ich nicht gerade eben noch eine Rose in seinen offenen Sarg gelegt und Abschied von ihm genommen?
Warum ist um mich herum ganz plötzlich finstere Nacht? Wo bin ich? Wie bin ich an diesen Ort gekommen? Und vor allen Dingen: Was mache ich überhaupt hier?
Unzählige Fragen gehen mir durch den Sinn, während ich mich nach allen Seiten umsehe und versuche, einen Anhaltspunkt für meinen Aufenthaltsort zu finden. Doch egal, wohin ich auch schaue, überall schlägt mir tiefste Dunkelheit entgegen.
Ich muss hier raus, geht es mir durch den Sinn und ich bemühe mich darum, zu laufen. Doch mein Körper scheint nicht auf mich zu hören, ist gefesselt von irgendeiner unsichtbaren Macht, die ihm befiehlt, hier an diesem Punkt stehenzubleiben und zu warten.
Aber worauf? Worauf soll ich an so einem dunklen, unheimlichen Ort denn warten? Was mache ich überhaupt hier? Und wer oder was hat mich hierhergeführt?
„Gary“. Plötzlich durchdringt ein Ruf diese unbehagliche Stille und zieht meine gesamte Konzentration in seinen Bann. „Gary, komm her“. Angestrengt bemühe ich mich darum, festzustellen, woher diese Stimme gekommen ist, als mir plötzlich irgendetwas ins Auge fällt.
Ein Licht. Ja, ein Licht. Dort hinten am Ende dieses Ganges, oder was auch immer das hier sein mag, strahlt tatsächlich ein kleines Licht zu mir herüber. Es ist nicht sonderlich hell, aber stark genug, um zumindest ein kleines bisschen von meiner Umgebung erkennen zu können.
Anscheinend befinde ich mich wirklich in einem Gang, der sich geradezu endlos vor mir erstreckt und an dessen Ende die Dunkelheit von diesem schwachen Schimmer durchbrochen wird.
„Gary“. Wieder ruft die Stimme meinen Namen und holt mich aus dieser seltsamen Starre, in der ich mich befinde, heraus. Ich beginne zu laufen. Laufe direkt auf das funkelnde Licht  zu, das sich mit jedem Schritt, den ich mache, ein Stückchen zu vergrößern scheint.
„Gary“. Der Ruf dieser Stimme klingt jetzt näher, vertrauter, während ich mich Meter für Meter dazu antreibe, weiterzulaufen.
Dort hinten wartet irgendjemand auf mich, das spüre ich genau. Irgendwer erwartet mich und hilft mir inmitten dieser endlosen Dunkelheit dabei, den Weg zu ihm zu finden. Wer oder was auch immer es ist, ich muss seinem Ruf folgen. Nur so komme ich hier wieder raus.
„Gary, komm hierher“. Der Ruf verstärkt sich abermals, klingt jetzt beinahe so, als wäre er direkt neben mir, während ich Schritt für Schritt auf das Licht zulaufe und schließlich vor einem großen, goldenen Tor stehenbleibe. Seltsam, denke ich dabei für mich und betrachte es einige Augenblicke lang, als ich erneut die Stimme vernehme.
„Komm, Gary“, sagt sie zu mir und ist mit einem Mal so deutlich und klar zu hören, dass ich sie ohne den geringsten Zweifel wiedererkenne. „Tim-Tim?“, frage ich völlig perplex und mache noch ein paar Schritte auf das lichtüberflutete Tor zu, traue mich allerdings nicht so recht, hindurchzugehen, aus Angst vor dem, was mich dahinter erwarten könnte.
„Komm nur, Gary. Du musst dich nicht fürchten“, höre ich Tim-Tims Stimme erneut zu mir sprechen und wage es schließlich, die Schwelle aus gleißendem Licht zu übertreten.
Einige Augenblicke lang bin ich völlig blind, kann nicht einmal den geringsten Umriss irgendwo erkennen, doch dann scheinen sich die hellen Strahlen langsam zu legen und meine Augen bekommen Stückchen für Stückchen wieder klare Sicht. Glasklare Sicht.
Aber was ich sehe, kann nicht wahr sein. Es kann sich nur um einen Traum handeln. Einen wunderschönen, bezaubernden Traum, aus dem ich jede Sekunde wieder aufwachen werde.
Einige Male muss ich heftig blinzeln, um den Anblick zu begreifen, der sich mir jetzt gerade bietet. Doch egal, wie oft ich es versuche, er ist immer noch da. Er steht tatsächlich vor mir und lächelt mich aus seinen königsblauen, kristallklaren Augen heraus an.
„Hallo, mein Black Baby“, sagt er mit zärtlicher Stimme und in diesem Augenblick weiß ich, dass es kein Traum ist. Er ist es. Er ist tatsächlich. Kein anderer außer ihm würde mich jemals 'Black Baby' nennen. Es ist mein Tim-Tim. Es ist wirklich mein Tim-Tim.
Unweigerlich fange ich an zu schluchzen und strecke meine Hand nach ihm aus, immer noch in der Angst, dass ich all das nur träume und er sich in Nebel auflöst, sobald ich ihn berühre.
Vorsichtig nimmt er meine Hand in seine, bevor er ein paar Schritte auf mich zugeht und mich in die Arme schließt. „Aber, aber, Black Baby“, flüstert er dabei und streichelt mir durch das Haar. „Nicht weinen. Ist doch alles gut“.
„Du bist es“, halte ich noch einmal für mich fest und schluchze. „Du bist es wirklich, Tim-Tim“. „Natürlich bin ich es, Gary“, erwidert er und lächelt mich an. „Ich wollte es mir doch nicht nehmen lassen, mein Baby an der Schwelle abzuholen“.
„An... an der Schwelle?“, erkundige ich mich verwirrt und mustere ihn kurz. „Was meinst du damit?“. „Die Schwelle zum anderen Leben“, antwortet er mir und wischt mir ganz vorsichtig die Tränen weg. „Als du eben durch das Tor gegangen bist, hast du dein irdisches Leben abgelegt und dein ewiges begonnen“.
„Mein... ewiges?“, frage ich verwirrt, kann immer noch nicht ganz begreifen, wovon er da spricht. „Ganz genau, Baby“, stimmt er mir zu und gibt mir einen kurzen Kuss auf die Wange. „Das zweite und ewige Leben“.
„Aber... aber das würde heißen, ich bin... tot“, überlege ich, nach wie vor nicht in der Lage dazu, diese Sache zu verstehen. „Nein, du bist nicht tot“, antwortet er und fährt mit der Hand durch mein Haar. „Genauso wenig wie ich. Wir sind nur in ein anderes Bewusstsein übergegangen, das ist alles“.
„Anderes Bewusstsein?“, hake ich weiter nach. „Aber ich... ich verstehe nicht, wie...“. Plötzlich halte ich inne, als vor meinem inneren Auge die Szene vom Friedhof auftaucht. Wie ich dagestanden und um Tim-Tim getrauert habe. Wie mein Körper auf einmal verrückt gespielt und mein Herz ausgesetzt hat. Wie ich zusammengebrochen und auf der kalten Erde liegengeblieben bin.
„Verstehst du es jetzt?“, möchte Tim-Tim wissen, der anscheinend die Szene ebenfalls gesehen hat. „Verstehst du, was mit dir geschehen ist?“.
„Ich... ich denke schon“, antworte ich ihm, immer noch ein bisschen unsicher. „Was ich jetzt bin, ist... meine Seele, oder?“. „Ganz genau!“, stimmt er mir zu und streichelt mir durchs Haar. „Mein schlaues Garylein“.
„Heißt... heißt das, wir sind wieder zusammen?“, möchte ich wissen und schaue ihn kurz an. „Aber Gary Baby, wir waren doch niemals getrennt“, antwortet er mit einem Lächeln. Diese Aussage treibt mir erneut Tränen in die Augen und lässt mich leise schluchzen. „Psst, Garylein“, flüstert Tim-Tim beruhigend. „Ist ja gut. Nicht weinen“. Vorsichtig wischt er mir um die Wangen und wie von Zauberhand scheinen sich meine Tränen im Nichts aufzulösen.
„Du musst keine Angst mehr haben“, fügt er hinzu und nimmt mich ganz fest an die Hand. „Du musst nicht mehr um mich weinen. Ich bin jetzt wieder bei dir und werde dich nie mehr alleinlassen. Das verspreche ich dir, mein Baby“.
Kaum hat er diese Worte ausgesprochen, erscheint direkt vor uns erneut ein helles Licht, lädt uns dazu ein, hindurchzugehen. „Das ist der Weg zu deinem neuen Leben“, erklärt Tim-Tim mir. „Wenn du dort hindurchgehst, werden sich alle Ängste und Ungewissheiten, die du im Moment noch an dir hast, auflösen und du wirst verstehen, dass dies die Welt ist, in die du jetzt gehörst“.
„Ich...“, beginne ich zögernd und senke den Blick. „Ich habe Angst, Tim-Tim. Was ist, wenn...?“. Er unterbricht mich, als er mir ganz sanft den Finger auf die Lippen legt und lächelt. „Das verstehe ich“, versichert er mir. „Glaub mir, Garylein, das verstehe ich. Ich hatte auch Angst, als ich hindurchgegangen bin. Aber du kannst mir vertrauen, es gibt nichts, wovor du dich fürchten müsstest. Wenn du durch dieses Licht gehst, wirst du alle Fragen, alle Sorgen und Ängste deines irdischen Lebens ablegen und inneren Frieden finden“.
„Begleitest du mich?“, möchte ich wissen, noch immer etwas zögernd. „Aber selbstverständlich, Gary“, meint er und nickt bestätigend. „Deswegen bin ich doch hier. Ich bin gekommen, um dir den Weg zu zeigen und dich auf diesem zu begleiten. Glaub mir, wenn du erst einmal durchgegangen bist, wird es nichts mehr geben, wovor du Angst hast oder was dich beunruhigt. Du wirst Frieden finden, Garylein. Ewigen Frieden“.
„Und du bleibst bei mir, ja?“, erkundige ich mich noch einmal, was er mit einem erneuten Nicken beantwortet. „Natürlich, mein Baby“, versichert er mir dann. „Von jetzt an werde ich immer bei dir bleiben und dich überallhin begleiten. Du und ich, Gary, wir gehören zusammen. Und von heute an wird nichts und niemand mehr uns trennen“.
„Versprochen?“, frage ich mit funkelndem Blick, woraufhin er mich kurz streichelt und mir danach einen intensiven Kuss auf den Mund drückt. „Versprochen, Gary Baby“, antwortet er dann und nimmt mich fest an die Hand. „Ganz fest versprochen“.
Mit diesen Worten führt er mich auf das Licht zu und wir schreiten schließlich zusammen hindurch. In unser neues, ewig währendes Glück.
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