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Snowy

KurzgeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
OC (Own Character) Spirit
10.10.2016
10.12.2016
4
14.677
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10.10.2016 4.630
 
Ich bin in den letzten Zügen einer Erkältung, schreibe in zehn Tagen eine Klausur, auf die ich mich absolut nicht vorbereitet fühle und meine Vorlesungen fangen in einer Woche wieder an.
Halten wir das Vorwort diesmal also kurz.
So viel nur: diese Geschichte spielt einige Jahre vor dem Spirit-Film, Snowy entspringt meiner eigenen Vorstellung, Strider den Büchern von Kathleen Duey (selbiges geht für Striders Eltern, wobei der Name seiner Mutter erfunden ist, im Buch hatte sie nämlich keinen) und Esperanza und Spirit selbstverständlich aus dem Film. (Und ja, bei dem kleinen Bruder handelt es sich um Spirit, auch, wenn der Name nicht genannt wird). Grund für den Nicht genannten Namen ist schlicht und ergreifend, dass er diesen ja erst am Ende des Films erhält. Dass das zu Problemen führt, weil er der einzige ist, der keinen Namen hat, ist mir klar, aber einen neuen geben wollte ich ihm auch nicht, weil dann ein Plothole entstehen würde, warum ihn denn in den Hauptgeschichten jeder Spirit nennt. Sprich: Jenny hat sich in eine Ecke geschrieben. Vielleicht überarbeite ich das ganze irgendwann dementsprechend. (Der inflationäre Gebrauch von "Bruder" etc tut mir übrigens leid.)
Mein Dank an dieser Stelle abermals an MissLadyAnn, die diese FF gebetat hat.

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Kapitel 1:
Der Fremde


Die Sonne begann bereits, hinter den Bergen aufzusteigen, als ihre Mutter zurückkehrte.
Snowy war besorgt gewesen, als sie die Herde nach Anbruch der Dunkelheit verlassen hatte, ohne ihr zu sagen, wohin sie ging. Für gewöhnlich hieß das, dass sie aufbrechen würden, aber einige der anderen Stuten hatten nur aufgeschaut, ihre Köpfe geschüttelt und weiter gegrast. Sie wusste, was das hieß, hatte es schon einmal erlebt, aber genau deshalb war ihre Sorge nur um so größer gewesen. Sie hatte zu ihrem Vater herüber geschaut, ob er in irgendeiner Form reagierte, aber dieser hatte nur den Kopf geschüttelt, als er sah, dass sie ihn anblickte.
Jetzt brachte ihr Wiehern Strider dazu, zu ihr auf den Hügel zu kommen.
„Mutter ist zurück“, rief sie ihm entgegen und sah, wie ihr Vater die Ohren aufstellte und seine Schritte ein wenig beschleunigte. Strider war groß für einen Mustang, aber so kompakt und bullig wie jeder von ihnen, und sie fühlte sich erstaunlich klein, als er sich direkt neben sie stellte und in die Ferne starrte.
Natürlich war ihre Mutter nicht alleine zurückgekehrt, etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet. Esperanza war längst überfällig gewesen, mit dickerem Bauch, als Snowy es bei irgendeiner anderen Stute der Herde gesehen hatte. Die meisten hatten vor ihr gefohlt, und allmählich hatte sie begonnen, sich zu sorgen, dass mit der Trächtigkeit ihrer Mutter etwas nicht stimmen könnte. Laut zu äußern gewagt hatte sie diesen Gedanken nicht.
Umso größer war ihre Erleichterung, jetzt ihre Mutter durch das Gras auf sie zukommen zu sehen, mit einer schmalen, stolpernden Gestalt an ihrer Seite.
„Hab ich richtig gehört? Mutter ist zurück?“ Eine zweiter Hengst kam zu ihnen auf den Hügel. Anders als Snowy, die das rabenschwarze Fell ihres Vaters geerbt hatte, schimmerte seines goldfarben wie das ihrer Mutter. Jetzt in der Morgensonne wirkte es beinahe rot. Wie wohl ihr neues Geschwisterchen aussehen würde? Aus der Ferne und in diesen Lichtverhältnissen war das schwer zu erkennen.
„Du hast richtig gehört, kleiner Bruder“, sagte sie und deutete mit ihrer Schnauze voraus. „Da vorne.“
Ihr Bruder trabte an ihre andere Seite und reckte seinen Kopf. Als er die beiden näher kommenden Pferde sah, begann er zu grinsen. „Was meinst du, bekommen wir einen Bruder oder eine Schwester?“
Sie verdrehte ihre Augen. „Bruder, das hast du mich schon zig mal gefragt. Warum denkst du, dass die Antwort sich ändern wird?“
„Vielleicht, weil du einsehen wirst, dass ein Bruder besser ist als eine Schwester?“
„Pah. Was soll ich mit noch einem Bruder? Einer reicht mir. Du nervst schon genug.“
„Und was soll ich mit noch einer Schwester?“
„Dir vielleicht etwas Verstand beibringen lassen? Ich bin sicher, selbst ein kleines Fohlen hätte mehr davon als du“, verkündete sie hochmütig und sah ihren Bruder von der Seite her amüsiert an. Ihre Worte beeindruckten ihn wenig, und er schüttelte nur seine stoppelige, dunkelbraune Mähne und lachte.
„Du meinst, es wäre so langweilig wie du.“
„Nur, wenn du mit langweilig -“
Ein lautes Schnauben unterbrach sie. „Fohlen. Es reicht.“ Vaters Stimme war vollkommen ruhig, aber so hart und scharf, dass Snowy den Kopf senkte und die Ohren nach hinten drehte. Strider erhob selten die Stimme, aber dennoch geboten seine Worte stets Respekt. Ihre Mutter hatte ihre Frage nach dem Grund mit ‚Jahre der Erfahrung‘ beantwortet. ‚Cedar und Prancer, die Eltern deines Vaters, hatten eine Art, aufzutreten, als gehöre ihnen die Welt. Das hat er von ihnen gelernt und es über die Jahre immer mehr verinnerlicht.
Selbst ihr Bruder senkte seinen Kopf. „Ja, Vater.“
Inzwischen war ihre Mutter beinahe an ihrem Hügel angekommen, aber statt zu ihnen hinaufzusteigen, schnaubte sie ihnen nur kurz zu und lief dann um ihn herum, dorthin, wo die übrigen Stuten grasten, und blieb am Rand der Gruppe stehen. Das Fohlen an ihrer Seite war schlicht braun, mit einer dunklen Mähne, schwarzen Stöckerbeinen und einem weißen Fleck auf der Stirn. Als es die anderen Pferde sah, wurden seine Augen groß und es presste sich an die Seite seiner Mutter, die ihm nur über die Stirn leckte und dann zu grasen begann.
Ihr Bruder wandte ihr den Kopf zu. „Warum kommt sie nicht zu uns?“
„Weil ihr sie in Ruhe lassen werdet.“ Ihr Vater wandte sich ab und begann, den Hügel hinunterzusteigen. „Sie ist zurück und sie ist sicher. Mehr braucht ihr für den Moment nicht zu wissen.“ Am Fuß des Hügels angekommen lief er nicht direkt zu ihrer Mutter, sondern ging am Rand der Herde entlang, ehe er stehen blieb und ebenfalls zu grasen begann. Snowy schüttelte ihren Kopf und setzte sich ebenfalls in Bewegung.
Ihr Bruder trabte an ihre Seite. „Was meint Vater damit? Warum sollen wir nicht zu Mutter?“
„Versuch es, dann hast du deine Antwort. Aber beschwer dich nicht bei mir, wenn dir danach ein Ohr fehlt.“
„Ein Ohr?“ Ihr Bruder sah misstrauisch zu ihr auf, und sie rang sich ein Lächeln ab.
„Stuten mögen es nicht besonders, wenn man ihren neugeborenen Fohlen zu nahe kommt. Breeze hätte mir letztes Jahr fast das Ohr abgerissen, als ich mit ihrem Sohn spielen wollte, und Mutter hat nach mir getreten. Mach nicht denselben Fehler, Brüderchen.“
Ihr Bruder drehte die Ohren nach hinten und zog die Nüstern kraus. „Du warst wirklich dämlich genug, das noch ein zweites Mal zu versuchen, wenn dir beim ersten Mal schon fast das Ohr abgebissen wurde?“ Er schüttelte seinen Kopf. „Schwester, ich hätte dich für intelligenter gehalten.“
„Halt die Klappe. Es ist unsere Mutter, von der kann ich ja wohl erwarten, dass sie nett zu mir ist.“
„Offenbar in diesem Fall nicht.“
Sie verdrehte ihre Augen. „Warum habe ich dich eigentlich gewarnt? Zuzusehen, wie du dich von einer Stute in die Flucht schlagen lässt, wäre witziger gewesen.“
„Nun, Schwesterherz, die Chance hast du wohl verspielt.“ Ihr Bruder grinste sie an, bevor er plötzlich einen Satz zur Seite machte, einige Sprünge voran galoppierte und sich mit einem Schweifschlag wieder zu ihr umdrehte. Seine braunen Augen blitzten. „Da das geklärt ist…Komm schon, lass uns was Lustiges machen.“
Sie legte den Kopf schief und zuckte mit den Ohren. „Was schwebt dir vor?“
Anstatt einer verbalen Antwort sprang ihr Bruder jäh vorwärts und biss sie in die Flanke. Sie stieß ein lautes Quietschen aus und trat instinktiv nach ihm, jedoch ohne Erfolg. Der kleine Mistkerl hatte sich schon drei Sprünge entfernt, bevor ihre Hufe ihn auch nur hätten streifen können. Er lachte laut. „Du wirst langsam, Schwester. Zwei Jahre und schon wirst du alt?“ Er reckte seinen Kopf und stellte sich aufrecht hin, als sei er viel älter als nur ein Jahr alt und groß und muskulös wie ein ausgewachsener Hengst. Snowy verdrehte ihre Augen.
„Du bist wirklich kindisch, weißt du das?“
„Wenn du meinst, aber – Wah!“ Er machte einen Satz beiseite und entging so gerade noch dem Schicksal, ebenfalls in die Flanke gebissen zu werden. Nach einigen raschen Sätzen und in sicherem Abstand zu ihr drehte er sich wieder um. Seine Augen blitzten. „Mies, große Schwester, richtig mies. Fair play ist nicht dein Ding, was?“
Sie lächelte ihn verschlagen an. „Lauf lieber, statt Reden zu schwingen“, riet sie ihm. „Sonst hast du beim nächsten Mal nicht so viel Glück.“
„Dafür müsstest du mich erst einmal fangen. Wetten, dass du das nicht mal kannst?“
Er drehte sich um und flüchtete, als sie in seine Richtung lief, rannte an Stuten vorbei und schlängelte sich zwischen ihnen hindurch. Snowy sah mehr als eine von ihnen den Kopf schütteln. „Du bist ganz schön frech, weißt du das?“, rief sie ihm zu, ohne ihnen Beachtung zu schenken.
Ihr Bruder lachte. „Natürlich. Aber ich bin trotzdem schneller als du!“
Diese Aussage musste er mit einiger Mühe beweisen, denn wenn die beiden Geschwister eines gemeinsam hatten außer ihrer Vorliebe, einander auf die Nerven zu gehen, dann war es ihr Ehrgeiz. Letzten Endes hetzte Snowy ihren kleinen Bruder mehrmals durch die gesamte Herde und um sie herum, ohne ihn einzuholen. Sie war größer und älter, aber ihr kleiner Bruder war flink wie ein Präriehase und schlug ebenso gut Haken. Und je länger ihre Jagd ging, desto wagemutiger wurde er, desto abrupter wurden die Haken, die er schlug und desto weiter traute er sich von der Herde weg. Und je öfter er ihr entkam, desto verbissener verfolgte Snowy ihn.
So verbissen, dass sie gar nicht bemerkte, wie weit sie von der Herde fortliefen.
Snowy warf sich vorwärts, den Blick fest auf die dürre Gestalt ihres Bruders gerichtet. Umso mehr erschrak sie, als am hinteren Rand ihres zugegeben ziemlich großen Blickfelds plötzlich eine Gestalt auftauchte. Sie machte einen raschen Satz zur Seite und stolperte beinahe über ihre eigenen Hufe, als sie zum Stehen kam. Ihr Bruder hatte nicht so viel Glück. Strider hatte ihn mit drei großen Sätzen überholt, und der Jährling kollidierte beinahe mit ihm, obwohl er versuchte, noch rechtzeitig anzuhalten. Mit angelegten Ohren und gebleckten Zähnen starrte ihr Vater sie an, während ihr Bruder einige rasche Schritte nach hinten machte.
„Was glaubt ihr, wohin ihr zwei lauft?“
„Wir haben nur gespielt, Vater“, sagte Snowy rasch, bevor ihr Bruder irgendetwas Respektloses sagen konnte. Das konnte ihr Vater am wenigsten ausstehen. „Verzeih, wir wollten nicht so weit weglaufen, scheinbar haben wir unsere Umgebung vergessen.“
Ihr Vater richtete seinen Blick auf sie und verengte seine Augen. „Du bist zwei Jahre alt. Du weißt, wie tödlich das sein kann.“ Seine Stimme war ruhig, aber ätzend, und unter seinem Blick fühlte sie sich wie ein unwissendes Fohlen.
Sie öffnete das Maul, um sich zu entschuldigen, aber ihr Bruder machte einen Schritt vorwärts, bevor sie etwas sagen konnte. „Was soll denn hier schon passieren? Es ist doch ruhig“, sagte er.
„Ach, ist es das?“ Strider war seltsam ruhig. Die Art, wie er sie ansah, ließ Snowy schaudern. Ihr Bruder zuckte mit den Ohren und blähte die Nüstern auf.
„Ist es das denn nicht?“
Strider schaute sie an und lächelte. Snowy drehte ihre Ohren nach hinten. Ihr Vater lächelte so gut wie nie, wenn er nicht gerade mit ihrer Mutter sprach. Er war ein guter Hengst, tapfer und verwegen wie sein Sohn, aber ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass er über die Jahre das meiste von seiner früheren Leichtherzigkeit verloren hatte. Die Art, wie er sie jetzt anlächelte, beunruhigte sie. Es erreichte seine Augen nicht, und schon nach wenigen Sekunden drehte er sich um und ruckte einmal kurz mit dem Kopf. „Kommt mit.“
Snowy und ihr Bruder tauschten einen Blick aus, bevor sie die ersten Schritte machte, ihrem Vater zu folgen. Der Klang von Hufen im Gras in ihrem Rücken verriet ihr, dass der jüngere Hengst ihr folgte.
Strider führte seine Fohlen an den hinteren Rand der Herde, vorbei an dem Hügel, auf dem sie zuvor nach ihrer Mutter Ausschau gehalten hatte. Inmitten des wogenden Grases blieb er stehen. „Wittert“, forderte er.
Ihr Bruder zog die Nüstern kraus. „Vater, was -“
„Wittert.“
Also witterten sie, erst Snowy, dann ihr Bruder. In den ersten Momenten verstand sie nicht, was ihr Vater damit zu bezwecken versuchte, aber gerade, als sie sich beschweren wollte, bemerkte sie einen Geruch, der eigentlich nicht an diesen Ort gehörte. Ihre Augen weiteten sich. „Hier ist ein anderes Pferd“, flüsterte sie und wandte sich ihrem Vater zu. „Ein Hengst.“
Strider nickte ernsthaft. „Genau.“
Ihr kleiner Bruder wandte ihnen seinen Kopf zu. „Wann hast du ihn bemerkt?“
„Schon gestern Abend. Er folgt uns wohl schon seit einer Weile. Wägt seine Chancen ab, eine Stute zu stehlen. Dem Himmel sei Dank, dass er eure Mutter nicht gefunden hat, obwohl sie ihn wohl kaum in ihrer Nähe geduldet hätte. Eher hätte sie ihn mit Bisswunden davongejagt.“
Ihr Bruder schmunzelte. „Ja, über Stuten mit jungen Fohlen haben wir schon gesprochen.“
Ihr Vater reagierte nicht auf die Bemerkung. Stattdessen sah er sie nur ernst an. „Und deshalb bleibt ihr bei der Herde, vor allem du.“ Dabei sah er Snowy direkt an. „Ich weiß nicht, wie nah er sich herantraut, aber wenn du dich alleine von der Herde entfernst, wird er das als Einladung betrachten. Hast du das verstanden?“
Warum es ihn scherte, ging über Snowys Verstand hinaus. Immerhin war sie seine Tochter, für seine Herde war sie nicht mehr als ein weiterer Magen, der gefüllt werden musste. Dennoch neigte sie ihren Kopf leicht. „Natürlich, Vater.“
„Gut.“ Strider wandte sich ab, nur, um nach ein paar Schritten wieder einen Blick nach hinten zu werfen. „Innerhalb der Herde könnt ihr natürlich so viel spielen, wie ihr wollt. Genießt die Zeit, in der euch noch kein kleines Fohlen hinterherrennt und mitspielen will. Eure Mutter wird sehr hinterher sein, dass Ihr der Kleinen nicht wehtut.“ Er lächelte sie kurz an, und Snowy musste ein Lachen unterdrücken.
„Scheint so, als hätten wir eine Schwester“, sagte ihr Bruder, als Strider fort war. „Ich frag mich, wie er nahe genug an sie herangekommen ist, um das zu wissen.“
„Vater ist klug. Er wird schon einen Weg gefunden haben.“ Sie sah ihren Bruder von der Seite her an, regte ihren Kopf und grinste. „Also, kleiner Bruder? Sollen wir weitermachen oder bist du schon erschöpft?“
„Nur, wenn du genug davon hast, zu verlieren.“
Sie sparte sich eine Antwort und kniff ihn stattdessen leicht in die Flanke, bevor sie diesmal diejenige war, die herumwirbelte und schnaubend und davonlief.

Es waren schon mehr als einmal junge Hengste auf der Suche nach Stuten der Herde gefolgt. Manche hatte ihr Vater vertrieben, andere hatten nach einigen Tagen die Lust verloren, weiter hinter ihnen herzulaufen, und nur wenigen war ihr kleiner Raubzug tatsächlich gelungen. Nach beinahe zwei Wochen, die er ihnen nun folgte, war Snowy zu der Überzeugung gelangt, dass dieser junge Hengst nicht in die zweite Kategorie fiel.
Eine nächtliche Brise brachte Snowys Mähne zum Flattern, während sie am Rand der Herde stand und abwesend Ausschau nach dem Hengst hielt. Sie hatte ihn in den vergangenen Tagen schon ein paar Mal gesehen. Er war groß, zumindest, soweit sie das aus der Entfernung sagen konnte, und sein Fell und seine Mähne waren noch heller als die ihrer Mutter. Jetzt im Mondlicht würden sie vermutlich aussehen wie Silber. Sie fragte sich, was wohl sein Plan war. Wartete er auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen? Ungeduld schien kein Problem zu sein, aber er war bisher noch nicht einmal so nahe herangekommen, dass Strider ihn hätte fortjagen müssen. Dennoch wusste sie, dass ihr Vater rastlos wurde.
Eine Bewegung im Mondlicht lenkte sie ab, und sie stellte fest, dass sie recht gehabt hatte. Das Fell ihres einsamen Verfolgers sah tatsächlich silbern aus. Unwillkürlich stellte sie die Ohren auf und reckte ihren Kopf ein Stück.
Der Hengst kam der Herde nicht näher, ging nur etwas auf und ab, bevor er in ihre Richtung schaute, den Kopf schüttelte und dann zu grasen oder dösen begann. Dass er sie gesehen hatte, hielt sie für unwahrscheinlich. Sein Fell mochte in der Dunkelheit silbern erscheinen, aber ihres war pechschwarz, abgesehen von ihren weißen Beinen und ihrer breiten Blesse.
„Du scheinst von unserem Verfolger sehr fasziniert zu sein.“
Snowy zuckte zusammen und drehte rasch ihren Kopf zu ihrem Vater herum. Strider kam mit langsamen, bedachten Schritten auf sie zu. Er schien nicht wütend zu sein, aber dann wiederum war es immer schwer, die Emotionen ihres Vaters zu deuten.
Als er sie nur weiterhin auffordernd anblickte, senkte sie ein wenig ihren Kopf. „Ich bin nur neugierig, das ist alles.“ Sie schaute wieder zu dem silbernen Fremden. „Ich frage mich, was er plant. Er folgt uns jetzt schon eine ganze Weile, ohne dass er angegriffen hätte.“
„Er wartet auf den richtigen Moment.“
„Das habe ich mir auch gedacht“, entgegnete sie. „Aber in den letzten zwei Wochen muss es doch irgendeinen Moment gegeben haben, der günstig gewesen wäre, eine Stute zu rauben. Du hast zwar gut aufgepasst, aber auch du kannst nicht überall gleichzeitig sein.“
Ihr Vater sah sie aufmerksam an. „Das stimmt“, sagte er. „Aber vielleicht hat dieser Hengst auch ganz große Ziele.“
Snowy drehte die Ohren nach hinten. „Was meinst du?“
„Vielleicht wartet er auf eine Gelegenheit, sich die gesamte Herde zu schnappen.“
„Was?“, ungläubig starrte sie ihn an. „Das ist lächerlich.“
Ihr Vater schnaufte. „Findest du?“
Ein wenig verwirrt zuckte sie mit den Ohren. „Nicht?“ Eigentlich war sie sich sehr sicher gewesen, dass niemand ihrem Vater würde die Herde streitig machen können. Strider war noch im besten Alter und kräftig. Viel zu kräftig, als dass ein einfacher, unerfahrener Junggeselle ihn würde vertreiben können.
„Seinen Gegner zu unterschätzen, ist der erste Schritt, um gegen ihn zu verlieren.“
„Du denkst also, er könnte dich besiegen?“
Strider seufzte. „Das habe ich auch nicht gesagt. Aber es ist ratsam, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, damit man weiß, wogegen man sich zu verteidigen hat. Und wenn dieser Hengst nur darauf aus wäre, eine einzelne Stute zu stehlen, dann hätte er vermutlich schon zugeschlagen. Sei also vorsichtig und sag mir Bescheid, sollte er näher kommen.“ Damit drehte er sich um und ging ohne ein weiteres Wort davon. Nachdenklich blickte Snowy ihm nach. Sie hatte nie darüber nachgedacht, dass ihr Vater fürchten könnte, die Herde zu verlieren. Er erschien ihr immer so selbstsicher, dass die bloße Vorstellung absurd erschien.
Noch einmal blickte sie den Hengst an, der sich nicht näher in ihre Richtung bewegt hatte, und schüttelte ihre Mähne. Der Himmel wusste, was er vorhatte, aber sie hoffte von ganzem Herzen, dass ihr Vater vorbereitet sein würde.

„Schwester, spiel mit mir.“
Snowy hob ihren Kopf und blähte die Nüstern auf. Ihr Bruder hatte sich den ganzen Tag über nicht bei ihr blicken lassen, und sie war vollkommen damit zufrieden gewesen, bei einigen ihrer Schwestern zu grasen. „Hast du nicht eben noch mit unseren Brüdern gekämpft?“, fragte sie.
„Ja. Und jetzt will ich mit dir spielen.“
Sie drehte die Ohren nach hinten. „Aber ich grase gerade.“
Ihr Bruder starrte sie an, als wäre sie dumm. „Dann hörst du eben auf zu grasen“, sagte er langsam, als spräche er mit einem kleinen Fohlen, und machte einen Satz nach hinten. Übermütig warf er seinen Kopf hoch. „Komm schon, spiel mit mir.“
Sie wandte sich ab und vergrub ihre Schnauze im Gras. „Spiel mit unserer Schwester oder irgendwem anders. Ich will nicht.“
Ihr Bruder seufzte, und sie konnte sich vorstellen, dass er die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte. Sie sah gar nicht ein, ihm die Aufmerksamkeit zu zeigen, die er wollte, indem sie tatsächlich den Kopf hob. Dass das ein Fehler war, merkte sie erst, als sie ein scharfes Stechen in ihrer Flanke spürte. Sofort wirbelte sie herum und presste ihre Ohren flach in den Nacken. „Was sollte das denn schon wieder? Wird das nicht langsam alt?“
Ihr Bruder grinste. „Nicht, wenn es funktioniert.“
Abermals wandte sie sich ab. „Dann ist es ja gut, dass es das nicht tut.“
Ihr Bruder lief um sie herum, sodass er wieder vor ihr stand, und legte mit all der Keckheit und dem Selbstbewusstsein den Kopf schief, die man nur als junger Hengst hatte. „Sicher?“, fragte er und lief von der einen auf die andere Seite. „Ganz sicher, dass ich dich nicht nerve?“
Snowy unterdrückte ein Knurren. „Verschwinde.“
„Na gut, dann schaue ich mir unseren Verfolger halt ganz alleine aus der Nähe an.“
„Ja, mach da - Was?!“ Sie riss den Kopf herum und starrte ihren Bruder entgeistert an, der noch immer unverschämt selbstgefällig in sich hineingrinste, offensichtlich belustigt über ihren Schreck. „Was hast du gesagt?“
„Ich werde nach diesem Hengst suchen und ihn mir mal aus der Nähe ansehen“, verkündete ihr Bruder und reckte seinen Kopf in die Luft. Ein paar Sekunden lang konnte Snowy ihn nur ansehen, dann schüttelte sie langsam ihren Kopf. Das, was ihr Bruder da vorschlug, war einfach zu absurd. Wagemut in allen Ehren, aber so dämlich konnte nicht einmal er sein, er sagte das nur, um sie zu triezen.
„Das ist nicht dein Ernst“, sagte sie, halblaut nur, um keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Hast du eine Ahnung, in was für eine Gefahr du dich damit bringst?“
Ihr Bruder verdrehte die Augen. „Entspann dich, Schwesterchen. Ich will ja nicht gegen ihn kämpfen. Er muss mich nicht mal unbedingt sehen. Ich will ihn mir ja nur mal anschauen.“
„Aber Vater hat gesagt -“
„Seit wann hält dich das denn auf?“ Er tänzelte vor ihr herum. „Ich bleibe ja nicht lange weg, und er wird einen Jährling schon nicht als Bedrohung empfinden. Du kannst ja mitkommen, wenn du willst.“
Einen Moment lang dachte sie, sie hätte sich verhört. „Ich? Eine Stute? Bist du bescheuert?“
Ihr Bruder starrte sie irritiert an, und dann endlich, als sie schon beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte, dass er so etwas wie Intelligenz besaß, überkam Verstehen seinen Blick. „In Ordnung, war vielleicht nicht der klügste Vorschlag. Aber wenn wir vorsichtig sind, ginge doch selbst das. Wir müssen uns eben einfach nicht sehen lassen.“
„Danke, auf das Risiko verzichte ich“, lehnte Snowy ab und wandte sich schweifschlagend wieder dem Gras zu. Eine gewisse Neugierde konnte sie nicht leugnen, das lag einfach in ihrem Wesen, aber sie war nicht dumm oder triebgesteuert genug, um dem auch nachzugeben. Der fremde Hengst mochte faszinierend sein, aber sie wollte gerne noch eine Weile ihr Leben bei der Herde ihres Vaters genießen. Irgendwann würde sie fortgehen, um sich einer anderen Herde anzuschließen, aber noch fühlte sie sich nicht dafür bereit.
Ihr Bruder schüttelte seine Mähne. „Tu, was du für richtig hältst.“ Und damit wirbelte er herum und war verschwunden. Snowy sah ihm nach und erwog, ihm zu folgen oder zumindest ihrem Vater Bescheid zu geben, was dieser Narr plante. Sie wusste nicht, wie gefährlich dieser einsame Wanderer war und ob er einen Jährling genug als Gefahr betrachten würde, um ihm tatsächlich ernsthaften Schaden zuzufügen.
Aber warum sollte er? Wenn er tatsächlich den richtigen Moment abpassen wollte, dann konnte er nicht dumm sein. Und wenn er nicht dumm war, dann würde er erkennen, dass ein Jährling ihm nicht schaden konnte. Und falls er doch angriff, dann würde es ihrem kleinen Bruder vielleicht eine Lehre in Zurückhaltung sein.
Am liebsten hätte sie über ihre unsinnigen Ängste gelacht. Es würde schon nichts passieren, warum sollte ein erwachsener Hengst Angst vor einem Jährling haben? Manchmal konnte sie wirklich albern sein.
Dennoch konnte sie ein leichtes Gefühl der Unruhe nicht abschütteln, als sie erneut in die Ferne blickte.

Den restlichen Tag über bekam sie ihren Bruder nicht zu Gesicht. Sie hoffte immer wieder, ihn zumindest einmal zu sehen, wenn er graste oder spielte, aber sie konnte ihn nirgends entdecken. An und für sich war das nicht ungewöhnlich. Als Vollgeschwister mochten sie es zwar, Zeit miteinander zu verbringen, aber es war nicht so, als ob sie ständig aneinander klebten. Ihr Bruder hatte seine Gleichaltrigen, sie hatte ihre Freunde und ab und an gingen sie einander auch einfach zu sehr auf die Nerven. Dennoch, im Kontext ihres Gesprächs bereitete ihr diese Tatsache Sorgen.
Als sie ihn am Abend immer noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, machte sie sich auf den Weg zu ihrer Mutter.
Esperanza hob den Kopf, als sie näherkam. Sie hatte neben einer ihrer alten Freundinnen, Breeze, gegrast, mit Snowys jüngster Schwester schlafend zu ihren Hufen. Sie schnaubte leise und reckte Snowy die Nüstern entgegen.
„Hallo, Mama.“
„Hallo, Kleines. Hast du einen schönen Tag gehabt?“
Für gewöhnlich war Snowy immer für einen Plausch mit ihrer Mutter bereit, aber nicht an diesem Tag. „Hast du meinen Bruder gesehen?“
Ihre Mutter zuckte mit den Ohren. „War er nicht vorhin bei dir?“
„Ja, schon, aber das ist Stunden her.“
„Stunden? Und du hast ihn seitdem nicht gesehen?“ Sie hatte ihrer Mutter keine Angst machen wollen, aber so groß, wie Esperanzas Augen wurden, hatte sie dabei wohl versagt. Im Stillen verfluchte Snowy sich für ihr loses Mundwerk. „Breeze, hast du ihn vielleicht gesehen?“, fragte sie an ihre Freundin gewandt, als Snowy den Kopf schüttelte.
Breeze tauschte einen kurzen Blick mit Snowy aus, wohl ahnend, dass etwas nicht stimmte, und zuckte kurz mit den Ohren, bevor sie seufzte. „Nein, leider nicht.“
„Aber er kann doch nicht einfach verschwunden sein“, sagte Esperanza und blickte erst in die eine, dann in die andere Richtung, reckte ihren Hals, um über die Köpfe der umstehenden Stuten hinwegzublicken. Ich hätte sie niemals darauf ansprechen sollen. Natürlich macht sie sich Sorgen Snowy hatte gar nicht darüber nachgedacht, wie sehr es sie treffen würde, ihren jüngsten Sohn verschwunden zu glauben. Dabei hatte sie sich gewiss schon von einigen Fohlen verabschieden müssen.
Vielleicht machte ihr aber gerade das Angst – die Möglichkeit, dass sie keine Chance bekommen würde, sich zu verabschieden, weil ihr Sohn bereits fort war.
„Bestimmt ist er hier irgendwo. Oder er ist einfach zu weit in der Gegend herumgelaufen und wir haben ihn deshalb nicht gesehen“, versicherte sie ihrer Mutter.
Esperanza sah nicht überzeugt aus. „Das hätte dein Vater nicht zugelassen. Nicht mit diesem Hengst in der Nähe.“
Wenn er überhaupt weiß, dass er weg ist. Snowy wusste nicht, wie ihr Bruder es geschafft hatte, sich unbemerkt wegzustehlen, aber die Herde war groß genug, damit es nicht unmöglich war. Möglicherweise konnte sie es ebenfalls schaffen. Und genau das war, was sie tun musste, begriff sie in diesem Moment. Es war ihre Schuld, dass ihr Bruder verschwunden war, weil sie nicht sofort ihren Eltern Bescheid gegeben und sie gewarnt hatte. Sie war auch diejenige, die ihn finden musste.
„Ich werde mich in der Herde nach ihm umsehen“, log sie, eine Notwendigkeit, um ihrer Mutter nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. „Keine Angst, er wird schon nicht verschwunden sein.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelte sie herum und lief davon.
Noch im Laufen überlegte sie fieberhaft, wie sie sich am besten von der Herde entfernte, ohne dass Strider es bemerkte und sich an ihre Hacken heftete. Ihrem Vater würde es überhaupt nicht gefallen, wenn sie fortlief, aber allein bei der Vorstellung, ihm zu erzählen, was passiert war, wurde ihr mulmig zumute. Er würde überhaupt nicht glücklich darüber sein, dass sie ihren Bruder hatte gehen lassen, und weder wollte sie ihn enttäuschen, noch hatte sie Zeit für eine wütende Tirade. Was sollte auch schon Schlimmes passieren? Sie würde ihren Bruder suchen, finden und zurückbringen, so einfach war das. Und wenn sie diesem fremden Hengst über den Weg lief, würde sie zurück zur Herde laufen. An die hatte er sich bisher nicht herangetraut.
Und so achtete sie darauf, dass gerade keine Stute in ihre Richtung schaute, und ging möglichst ruhig von der Herde fort, blieb immer wieder stehen, um einige Büschel Gras zu fressen. So lange sie nicht verdächtig wirkte, würde man sie auch nicht für verdächtig halten. Auf diese Weise entfernte sie sich mehr und mehr von der Herde, bis sie sich sicher war, dass keiner mehr auf sie achtete, schaute sich noch einmal kurz um und galoppierte dann so schnell sie konnte in die sich über sie senkende Dunkelheit.
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