1:0 für Hans

von Frida77
GeschichteAllgemein / P12
Dr. Martin Gruber Elisabeth Gruber Hans Gruber Jonas Ellert Lilli Gruber Susanne Dreiseitl
09.10.2016
21.10.2016
12
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Der Schweiß floss in Strömen, als Hans Gruber an diesem Sommermorgen versuchte, einen morschen Dachbalken in der Scheune zu ersetzen. Alleine war das keine einfache Arbeit, und er merkte, dass sich ein Wetterumschwung anbahnte. Seit er vor Jahren am Berg verunglückt war und Dr. Alexander Kahnweiler sein Bein wieder zusammengepuzzelt hatte, spürte Hans, wenn das Wetter umschlug. Der Knöchel zwickte. Hans beschloss, eine Pause zu machen. Er holte sich eine Flasche Wasser und setzte sich auf die Bank, die vor dem Gruberhof stand. Seine Mutter Lisbeth kam aus dem Haus und schaute ihn verwundert an: „Machst scho Pause?“ Hans hatte Kritik noch nie sonderlich gut vertragen können und musste sich auch jetzt zusammennehmen, um keine patzige Antwort zu geben. Stattdessen stellte er die Wasserflasche ab und beugte sich zu seinem linken Schuh herunter, um ihn ein wenig zu lockern und seinem schmerzenden Knöchel ein bisschen Spielraum zu geben. Lisbeth wunderte sich, dass ihr Jüngster so wortkarg war. „Hans? Is alles in Ordnung?“ Eine Antwort bekam sie wieder nicht, denn in diesem Moment klingelte Hans' Handy. Umständlich kramte er es aus der Hosentasche und meldete sich. Kurz darauf breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Jonas“, sagte er freudig, „von Dir habe ich ja schon lange nichts mehr gehört.“ Seit Susannes Adoptivsohn das Internat besuchte, war Hans' Kontakt zu ihm zu seinem großen Bedauern nur noch recht sporadisch. „Ich wollte Dich was fragen“, druckste Jonas am anderen Ende der Leitung ein wenig herum. „Ja“, fragte Hans abwartend. „Wir… wir haben am Wochenende hier im Internat einen Tag der offenen Tür“, berichtete Jonas. „Ich wollte fragen, ob Du nicht vielleicht kommen magst.“ Hans freute sich unbändig, dass der 14-Jährige einen Schritt auf ihn zuging, denn ihr Verhältnis war, gerade nach seiner Trennung von Susanne, nicht immer ganz unbelastet. „Ja klar komm i“, sagte er deshalb sofort zu. Jonas freute sich, aber Hans spürte ein gewisses Zögern bei ihm. „Du hast doch noch was auf dem Herzen“, forderte er den Jungen auf, weiterzusprechen. „Du bist doch ganz gut im Fußball, oder“, fragte der. Hans wunderte sich, wie er jetzt auf dieses Thema kam. „Na zumindest in der Mannschaft der Bergrettung darf ich immer noch mitspielen“, grinste er. Endlich kam Jonas auf den Punkt. „Am Samstag solls ein Spiel geben bei uns, Eltern gegen Lehrer… Du, Hans? Ich hab schon allen erzählt, wie super Du spielst… Du machst doch mit, oder?“ Hans merkte, dass Jonas sich bei seinen Klassenkameraden offenbar weit aus dem Fenster gelehnt hatte und wollte ihn nicht hängenlassen. „Gegen ein paar Lehrer wird’s wohl noch reichen“, lachte er. Jonas schien sehr erleichtert zu sein. „Sehr cool“, rief er. „Dann sehen wir uns Samstag.“


Statt sich weiter um das kaputte Scheunendach zu kümmern, begann Hans anschließend, Gemüsekisten auf die Ladefläche seines Pick-Ups zu packen. Lisbeth ackerte in ihrem Garten und drehte sich zu ihm um. „Was machst denn? Ich hab denkt Du wolltest das Dach heute fertig kriegen“, fragte sie. „Ich fahr mal kurz zur Susanne runter“, entgegnete Hans. „Jetzt“, wunderte sich Lisbeth. „Die ist doch grad voll im Mittagsgeschäft, bei dem Wetter wird’s voll sein im Wilden Kaiser.“ Hans zuckte mit den Schultern. „Dann helf ich ihr halt ein bissl.“ Er hob die Hand zum Gruß, stieg in den Wagen und brauste davon. Er wollte mit Susanne über Jonas' Einladung sprechen und hören, ob sie auch zu diesem Tag der offenen Tür fahren wollte. Wie Lisbeth es vorausgesagt hatte, ging es im Wilden Kaiser zu wie im Taubenschlag. Susanne wirbelte hektisch durch die Tischreihen draußen vor dem Lokal. Gerade als Hans aus dem Wagen stieg, stieß sie mit einem Gast zusammen und ließ ein Tablett mit Gläsern fallen. Es klirrte. Hans eilte zu ihr und half ihr, die Scherben aufzusammeln. Susanne hatte unfassbar schlechte Laune. Sie bedankte sich zwar bei Hans für seine Hilfe, als sie aber merkte, dass er etwas mit ihr besprechen wollte, fuhr sie ihn an: „Hans, jetzt nicht! Ich weiß überhaupt nicht, wo mir der Kopf steht!“ Auf dem Balkon über ihnen erschien in diesem Moment ein junges Mädchen. Sie hatte Sophia auf dem Arm und die Kleine brüllte wie am Spieß. „I geh scho“, sagte Hans, als er Susannes entnervten Blick sah und eilte die Treppen hoch in den ersten Stock. Sophia zappelte auf dem Arm ihrer offenbar neuen Babysitterin herum, als sie Hans sah und wollte zu ihm. Er nahm sie zu sich und sah die Babysitterin fragend an. „Sie hat sich den Finger geklemmt“, stammelte das Mädchen und lieferte die Erklärung dafür, warum Sophia so brüllte. Hans sah, dass Sophies rechter Zeigefinger dick geworden war. „Geh heim, I mach des scho“, sagte er zu dem Mädchen, dessen Namen er nicht mal kannte. Er ging mit Sophia in den Gastraum, weil er wusste, dass es hier Eiswürfel gab, mit denen er den Finger würde kühlen können. Doch bevor er dazu kam, folgte schon der nächste Anpfiff von Susanne. „Musst Du sie hier mit runter zu den Gästen bringen, so wie sie schreit“, fuhr sie Hans an. Langsam war er es leid, den Prellbock spielen zu müssen. „Weißt was“, sagte er. „I nehm die Sophia jetzt mit rauf auf den Gruberhof. Wennst wieder bessere Laune hast, dann hol sie ab. Und I würd dann auch gern noch was mit Dir besprechen.“ Er fischte ein paar Eiswürfel aus dem Behälter auf der Theke, wickelte sie in ein Stofftaschentuch und ging mit Sophia zum Wagen. Er setzte sie in den Kindersitz, schnallte sie an und begann, ihren Finger zu kühlen. Sophia wimmerte immer noch. „Wir fahren mal rasch zum Onkel Martin“, sagte Hans, er wollte, dass sein Bruder sich Sophias Verletzung ansah.


Kurz darauf kam er an der Praxis an und wollte mit seiner Tochter auf dem Arm an Frau Bornholm vorbei direkt ins Sprechzimmer rauschen. „Stopp, Herr Gruber, so geht das nicht, Ihr Bruder hat gerade schon einen Patienten“, hielt sie ihn resolut auf. „Entschuldigung“, murmelte Hans zerknirscht. In diesem Moment kam der Patient gerade mit Martin aus dem Sprechzimmer. Martin stutzte. „Hans? Is was passiert?“ Bevor Frau Bornholm eingreifen und den nächsten Patienten, der eigentlich an der Reihe gewesen wäre, hineinschicken konnte, drängte Hans mit Sophia ins Sprechzimmer. Die Kleine hatte sich inzwischen wieder etwas beruhigt, zumal sie Martin sehr mochte. „Phia aua“, informierte sie ihren Onkel und Hans erklärte, was passiert war. „Zum Glück nur eine Quetschung“, meinte Martin, nachdem er die Kleine untersucht hatte. Er trug eine kühlende Salbe auf und machte ihr einen kleinen Verband, und schon strahlte seine Nichte wieder. „I muss zurück aufn Hof. Die Mama bringt mi um, wenn das Scheunendach nicht bis heut Abend repariert ist“, drängte Hans zum Aufbruch. „Dank Dir, Martin, wir sehen uns später.“


Wie erwartet wartete Lisbeth bereits ungeduldig auf Hans. Sie war überrascht, dass er Sophia mitbrachte. „Du musst wieder rauf aufs Dach, Hans, es soll regnen nachher“, mahnte sie. „I weiß“, nickte Hans. „Is die Lilly da? Mag sie vielleicht ein bissel mit der Sophia spielen?“ Lisbeth trug Sophia ins Haus. „I frag sie, sieh zu, dass Du fertig wirst“, drängelte sie. Lilly freute sich, Zeit mit ihrer Schwester verbringen zu können, während Hans oben auf dem Dach fluchte, weil die Arbeit zäher voran ging, als er das geplant hatte. Während er noch die letzten offenen Stellen abdeckte, begann es zu schütten und er wurde pudelnass. Als er vom Dach stieg, fuhr Susanne gerade unten vor. Meist verstanden sie sich inzwischen ganz gut trotz ihrer Trennung, aber manchmal war immer noch der Wurm drin. So wie heute. „Was wolltest Du mit mir besprechen“, fragte Susanne, ohne Hans zu begrüßen. Ihr saß schon wieder die Zeit im Nacken, in einer Stunde öffnete der Wilde Kaiser wieder fürs Abendgeschäft. „Lass uns reingehen, I muss aus den nassen Klamotten raus“, schniefte Hans. Ungeduldig verdrehte Susanne die Augen und folgte ihm. Drinnen kam Sophia auf sie zugerannt und präsentierte stolz ihren Verband. Susanne, die mittags ja gar nicht richtig mitbekommen hatte, was passiert war, fragte irritiert: „Hans, was ist das?“ „I war beim Martin mit ihr, weil sie sich bei Euch die Finger geklemmt hat“, sagte Hans und zog sein nasses Shirt aus. „I bin kurz duschen, die Mama hat sicher einen Kaffee für Dich.“ Susanne wollte gerade erwidern, dass sie nicht so viel Zeit habe, aber da war Hans schon nach oben verschwunden.


Da er Susanne nicht noch unnötig weiter reizen wollte, beeilte er sich und schlang sich nach der heißen Dusche nur schnell ein Handtuch um die Hüften. Das brachte ihm prompt einen Tadel von Lisbeth ein, als er so in die Küche kam. „Hans“, schimpfte sie, „was soll denn unser Besuch denken, wie läufst Du denn hier herum?“ Hans amüsierte sich. „Mama. Die Susanne kennt mich durchaus noch spärlicher bekleidet“, lachte er und nahm sich einen Kaffee. Lisbeth ließ die beiden alleine. Sophia schien schon wieder mit Lilly verschwunden zu sein. Susanne atmete kurz durch – zum einen, weil sie nicht schon wieder streiten wollte, und zum anderen, weil sie sich eingestehen musste, dass sie Hans durchaus noch immer sehr attraktiv fand, wie er da so vor ihr saß mit bloßem Oberkörper und tropfnassen Haaren. „Also“, fragte sie. „Was gibt’s zu besprechen? Willst Du Dein Betreuungswochenende von Sophia tauschen?“ Das war nämlich meist ihr einziges Gesprächsthema. „Nein“, sagte Hans betont ruhig. „Es geht um den Jonas.“ Susanne sah ihn überrascht an. „Wieso um den Jonas?“ Hans berichtete, worum Jonas ihn gebeten hatte und erfuhr, dass Susanne ebenfalls plante, am Samstag zum Tag der offenen Tür ins Internat zu fahren. „Dann könnten wir doch auch zusammen hinfahren“, wagte Hans einen Vorstoß, „dann nehmen wir Sophia auch mit….“ - „...und spielen Familie oder wie“, fiel Susanne ihm ins Wort. Es gelang ihm nicht mehr, zu verbergen, dass ihn ihre Art verletzte. Sie seufzte: „Tut mir leid….“ Er winkte ab. Er wollte auch gar nicht genau wissen, welche Laus ihr über die Leber gelaufen war. „Schon gut. Ich fahr dann selbst.“ Gerade als Susanne etwas erwidern wollte, platzte Martin in die Küche. Für Hans war das der willkommene Anlass, das Treffen mit Susanne aufzulösen. „I geh mich anziehen“, murmelte er. Susanne hätte sich ohrfeigen können, sie hatte sich ihm gegenüber nicht zickig benehmen wollen, aber es war einfach nicht ihr Tag. Über Sophia hatten sie gar nicht gesprochen und so erkundigte sie sich nun bei Martin, was es mit dem Verband auf sich hatte. Dann holte sie die Kleine aus Lillys Zimmer und brauste davon, ohne dass Hans sich noch von Sophia hätte verabschieden können.


„Habt Ihr Zoff“, fragte Martin seinen Bruder beim Abendbrottisch. Das Thema war nicht ohne Brisanz, weil Martin die Trennung von Hans und Susanne mit ausgelöst hatte. Aber Hans war nicht auf Streit aus. „Sie is halt einfach mega gereizt im Moment, da mach i eh alles falsch“, erwiderte er nur. Er erzählte Martin von seinem Plan, am Samstag zu Jonas ins Internat zu fahren. „Ist doch super“, ermunterte Martin ihn. „Ein alter Bekannter von mir ist dort jetzt Lehrer. Vielleicht fahr ich ja auch mit?“ „Klar“, sagte Hans, „warum nicht? Der Jonas freut sich bestimmt, wenn wir da beide aufkreuzen. Vielleicht haben sie ja auch noch keine elf Eltern für ihre Fußballmannschaft zusammen, dann kannst Du auch noch mitspielen.“ Er grinste, denn er wusste genau, dass man Martin mit Fußball jagen konnte. Dementsprechend guckte der jetzt auch aus der Wäsche. „War nur Spaß, es reicht, wenn Du mich anfeuerst“, lachte Hans.


In den nächsten Tagen kam Hans nicht dazu, ausführlicher an das bevorstehende Wochenende zu denken. Ein kaputter Weidezaun, eine deswegen entlaufene Kuh und ein langwieriger Einsatz mit der Bergrettung forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Am Freitag schlief er am Abendbrottisch fast ein. „So wird das aber nix mit einem glorreichen Sieg gegen die Lehrer morgen“, frotzelte Martin, nachdem Hans wieder aufgeschreckt war, als Lilly ihn angestupst hatte. „I hoff Du blamierst Ellmau net“, neckte Lilly ihn. „Ihr seids doch alle deppert“, lachte Hans. „Aber ihr habt recht, i geh schlafen.“ Nachdem er sich verabschiedet hatte, fragte Lisbeth Martin: „Wann fahrts ihr denn los morgen? I wollt euch noch eine Brotzeit mitgeben.“ Martin lachte: „Mama. Das ist eine Stunde Fahrt, und ich geh davon aus, dass es auf einem Tag der offenen Tür auch was zu essen gibt.“ Seine Mutter aber duldete keine Widerrede.