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Das Erbe von Alagaësia

von Aquinius
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
OC (Own Character)
09.10.2016
14.09.2021
31
126.665
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14.09.2021 5.520
 
Es hat leider doch etwas länger gedauert, das Kapitel fertig zu schreiben, da ich ein Praktikum hatte. Aber es ist schließlich doch fertig geworden und ich hoffe, es gefällt euch.



Die Eiserne Kompanie

Vincent saß auf dem Rücken seines Pferdes und sah auf die Festungsanlage, die sich in etwa fünf Meilen vor ihm erhob.
„Ich hatte gehofft, nie wieder hierher zurück kommen zu müssen!“, seufzte er und wendete sein Pferd.
Er war alleine aufgebrochen, um den Weg zur Festung auszukundschaften. Die Ländereien, die die Gefährten vor gut zwei Tagen betreten hatten, waren nicht gerade die Sichersten.
Als Vincent zurück beim Lagerplatz der Reisegefährten war, stellte Roran die offensichtlichste Frage: „Kannst du uns nun endlich sagen, warum wir diesen Umweg auf uns nehmen? Dir selber scheint der Aufenthalt hier ja auch nicht zu behagen.“
„Hier lebt jemand, der uns helfen kann“, antwortete Vincent, während er sich vom Rücken seines Pferdes schwang.
„Seit zwei Tagen, bist du so Wortkarg, wie lange nicht mehr. Niemand hat dich zu unserem Anführer ernannt! Wir folgen dir, weil wir dir vertrauen. Aber wenn du uns nicht in deine Pläne einweihst, dann handelt es sich wohl nur um einseitiges Vertrauen.“
Vincent konnte die harten Gesichtszüge von Roran nicht deuten. „Seitdem ich Carvahall betreten habe, werde ich ununterbrochen von meiner Vergangenheit eingeholt! Ich habe dir bereits gesagt, dass ich kein Mensch bin, dem man vertrauen kann. Morgen nach Sonnenaufgang, werde ich zu der Festung gehen, denn nur dort kann mir und dem Mädchen geholfen werden. Ich weiß nicht, was für ein Fluch auf mir lasten soll, aber ich habe nicht vor länger damit herumzurennen. Und Lyra sollte auch nicht länger unter dem Einfluss der Schwarzen Hand leiden müssen.“ Matt ließ sich Vincent auf seinen Schlafplatz sinken. Das war nicht der einzige Grund, warum er der Festung einen Besuch abstatten wollte. Er drehte die Handfläche seiner linken Hand nach oben und ließ eine kleine violette Flamme erscheinen. Es war ihm ein Rätsel, warum er diese Flammen ohne Worte in der alten Sprache kontrollieren konnte.
Das Feuer tanzte über seine Handfläche. Vincent ließ es mal größer werden und mal kleiner, dann schloss er seine Hand und ließ die Flammen erlöschen.
Er wollte sich gerade hinlegen, da bemerkte er Roran, der auf ihn zukam. „Tut mir Leid, ich brauch einfach ein bisschen Ruhe.“
„Ich glaube, wir alle sind angespannt. Was glaubst du, wie sich Lund fühlen muss, dass einer der Mörder seines Bruders ein paar Meter neben ihm schläft.“
Vincent sah auf den feisten Magier, der gefesselt auf dem Boden lag und schnarchte. „Der Kerl ist mir viel zu entspannt, dafür, dass er in Gefangenschaft ist.“, bemerkte er.
„Ich glaube, mittlerweile hat er gemerkt, dass wir ihm nichts antun, und er rechnet sich so wohl Fluchtmöglichkeiten aus.“
„Ich weiß, worauf du hinaus willst. Und das ist noch einer der Gründe, aus denen ich morgen in die Festung möchte.“
Roran legte sich auf den Rücken und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf. „Ich verstehe dich nicht. Einerseits möchtest du dahin, aber andererseits behagt dir dieser Ort nicht. Und dann deine Bemerkung mit der Vergangenheit. Was ist vorgefallen?“
Vincent zog scharf die Luft ein. „Diese Ländereien sind einer der wenigen Orte in Alagaësia, die nicht von Galbatorix kontrolliert werden. Alles im Einzugsgebiet von dieser Festung steht unter dem Einfluss einer Gruppe von Menschen. Du musst wissen, die Varden sind nicht die einzigen, die gegen den König kämpften. Vor etwa zweieinhalb Jahren gab es eine erbitterte Schlacht um diese Festung. Die sogenannte Eiserne Kompanie eroberte das umliegende Land und belagerte schließlich Festung Darnheim. Es ist die ehemalige Festung eines der dreizehn Abtrünnigen. Glearun, wenn ich mich richtig erinnere. Seit seinem Tod diente Darnheim Galbatorix als Militärstützpunkt, der den Nordwesten absicherte und Alagaësia gegen die Urgals aus dem nördlichen Buckel verteidigen sollte. Da der Nordwesten aber für den König nicht weiter von Interesse ist, hat er, nachdem die Eiserne Kompanie Darnheim unter ihre Gewalt gebracht hat, keine Truppen geschickt, um die Festung zurückzuerobern.“
Roran richtete sich wieder auf. „Aber wenn sich hier Rebellen verstecken, warum hast du denn Angst zu ihnen zu gehen. Ich meine, im Grunde ist unser Ziel doch auch die Varden zu erreichen.“
„Die einzige Gemeinsamkeit der Eisernen Kompanie und der Varden ist der Feind. Selbst wenn die Varden Galbatorix besiegen und einen neuen König auf den Thron setzten würden, würde die Kompanie sich ihnen nicht unterwerfen. Entweder würden sie ein eigenes Reich ausrufen, oder sie würden sich dem neuen König entgegen stellen.“
„Warum sollten sie das tun?“, fragte Roran stirnrunzelnd.
Vincent lachte leise auf. „Warum kämpfen Menschen überhaupt? Jetzt wirken sie wie die großen Befreier, die den bösen Tyrannen stürzen wollen, doch was denkst du, passiert danach?“
„Wie danach?“
„Was wird die Kompanie machen, wenn Galbatorix wirklich gestürzt wurde?“
Roran dachte nach. „Ich weiß es nicht. Vielleicht würden sie dann selber den Thron haben wollen.“
„Nicht direkt den Thron. Ich denke, sie würden sich eine Marionette suchen, die sie dann kontrollieren wollen. Aber sie wollen die Macht für sich beanspruchen. Die Kompanie ist aber zu klein, als dass sie gegen Galbatorix marschieren können. Also belagern sie Dörfer und Festungen, und nehmen diese ein. Was glaubst machen die Varden, wenn ein feindlicher Hauptmann in einem Gasthaus sitzt?“
Roran schien die Frage zu überraschen. „Sie würden vermutlich mit mehreren Männern in das Gasthaus gehen und den Hauptmann gefangen nehmen.“, antwortete er.
„Exakt. Die Kompanie macht keine Gefangenen. Sie würden das Gasthaus umstellen und anzünden. In ihren Augen ist es effizienter.“
Plötzlich ertönte hinter Vincent ein langsames Klatschen. „Wie schön, dass du uns nicht vergessen hast, Vincent.“
Er sprang auf und griff sofort nach seinem Schwert. Ein großgewachsener junger Mann trat aus der Dunkelheit ins Licht des Lagerfeuers. „Tut mir Leid, seitdem ich deine Anwesenheit gespürt habe, konnte ich es einfach nicht abwarten, dass du zu mir kommst. Ich musste die Sache ein wenig beschleunigen.“
Der Mann trug eine schwarze Lederrüstung, auf deren Brust der Kopf eines Wolfes abgebildet war. Vincent erkannte das Gesicht des Mannes sofort.
„Ciel!“, sagte er ausdruckslos, „Roran, darf ich dir Ciel vorstellen, den Anführer der Eisernen Kompanie?“
Ciel betrachtete nachdenklich Roran, der mit halb gezogenem Hammer neben Vincent stand.
„Es überrascht mich ein wenig, dass du wieder mit Gefährten reist. Ich dachte, nach seinem Tod hast geschworen, nie wieder mit anderen zu reisen.“
„Es hat sich eben einiges getan in den letzten zwei Jahren.“, erwiderte Vincent.
„Du hast mir sicher einiges zu erzählen. Ich würde vorschlagen, dass wir in der Festung weiter reden.“, sagte der Rebellenführer.
„Haben wir eine Wahl?“, fragte Vincent nach.
Ciel lachte auf und gab ein Handzeichen, auf das ein dutzend Krieger mit gezogenen Schwertern und Speeren in das Licht des Lagerfeuers traten. „Beantwortet das deine Frage?“
Mit einem Kopfnicken wies Vincent seine Gefährten an, Ciel und seinen Männern zu folgen.

*** Drei Jahre zuvor

Vincent ging in dem kleinen Zimmer, dass der alte Hjalmar ihm zugewiesen hatte auf und ab. Er war nun seit vier Tagen auf Adlerswacht und hatte die Privaträume des alten Mannes seitdem nicht mehr verlassen, aber am heutigen Tag, sollte er offiziell seine Lehre bei Hjalmar beginnen, denn nur ein Magier hatte die Fähigkeiten, die er brauchte, um zurück in seine Welt zu kommen.
Es machte Vincent nervös, dass er nun die anderen Schüler des alten Mannes kennenlernen würde. Sie waren vermutlich viel weiter als er und er wusste genau, was man in seiner Welt mit Leuten passieren konnte, die weniger weit waren, als andere. Er hatte das Mobbing am eigenen Leib erfahren müssen und hatte wenig Lust, dass sich das ganze in dieser Welt wiederholen würde. Er ballte seine Fäuste. Selbst wenn dem so wäre, er würde nicht aufgeben und solange üben und lernen, bis er alle anderen übertroffen hatte. So hatte er es in seiner Welt auch schon gehalten, nur dass das Mobbing dadurch nicht gerade besser geworden war, es hatte sich nur von Mobbing aus reinem Machtgefüge, zu Mobbing aus Angst und Neid verändert. Letzteres hatte ihm aber weniger ausgemacht, denn er sah es eher als ein Sieg an.
Es klopfte an der Tür und ein Zwerg kam herein. „Es ist soweit. Meister Hjalmar wünscht Eure Anwesenheit auf dem Übungsgelände. Mein Name ist Mork, ich bin ein Untergebener des Meisters und ich soll Euch hin geleiten.“
Vincent folgte dem Zwerg aus dem Wohnturm des alten Mannes, hin zu einer kleinen ebenen Fläche, die vom Schnee befreit worden war. Vincent konnte Schießstände und Übungspuppen erkennen, an denen Mädchen und Jungen sich an ihren Waffen übten. Insgesamt zählte Vincent 20 Personen auf dem Trainingsgelände.
„Herr, ich habe den Jungen hergebracht, wie Ihr es verlangt habt.“ Mork verneigte sich vor Hjalmar.
„Sehr gut, dann kannst du dich entfernen.“
Der Zwerg verbeugte sich erneut und verließ den Platz.
„Unterbrecht bitte für einen Augenblick eure Übungen!“, schallte die Stimme des alten Mannes über den Platz.
„Ich möchte euch euren neuen Kameraden vorstellen. Das ist Vincent. Er wird von nun an mit euch trainieren und lernen.“ Hjalmar wandte sich zu Vincent. „Für heute möchte ich, dass du mit Jared zusammen einige grundlegende Übungen machst, die helfen sollen eure Magie zu erwecken. Du hast Glück, dass du mit Jared einen Mitschüler hast, der etwa auf deinem Niveau ist. Er ist zwar weiter, was den Schwertkampf angeht, aber auch er hat noch nicht seine Magischen Fähigkeiten erweckt. Es wird euch beiden helfen, wenn ihr zusammen übt.“
Jared trat auf ihn zu und reichte Vincent seine Hand. Vincent schätzte ihn etwa auf sein eigenes Alter. Jared hatte längere braune Haare und ein freundliches Gesicht. „Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit.“ Er grinste ihn Breit an.
Zögerlich ergriff Vincent die Hand. „Ich freue mich auch.“ Schüchtern rang er sich ein Lächeln ab. Vielleicht konnte er hier ja doch Freunde finden.

***

Vincent saß auf einem gepolsterten Stuhl im Arbeitszimmer von Ciel. Der Anführer der Kompanie hatte Vincent und seine Gefährten unverzüglich auf Festung Darnheim gebracht. Vincent hatte das Gefühl, dass die Burg seit damals etwas Bedrohliches an sich hatte. Die großen Wolfsbanner, die über den Türmen und Zinnen thronten strahlten Macht und Stärke aus. (Ciels Entschlossenheit hat wirklich nicht nachgelassen.), dachte Vincent.
„Warum bist du zurückgekehrt?“ In Ciels Stimme lag definitiv keine Freundlichkeit.
„Glaub mir, hätte ich eine Wahl gehabt, dann hätte ich mich anders entschieden. Du bist nun mal leider der begabteste Magier in dieser Gegend und der mit dem größten Wissen über Flüche.“
„Und warum sollte ich dir helfen? Du hast uns damals verlassen und deine eigenen Ziele verfolgt. Und das zu einer Zeit, in der wir dich am meisten gebraucht hätten. Wir waren einmal Freunde, erinnerst du dich?“ Ciel ließ sich langsam auf seinen Stuhl hinter dem massiven Schreibtisch nieder.
„Vage“, antwortete Vincent knurrend.
„Also, ich habe beschlossen dich anzuhören, sonst wärst du jetzt nicht hier. Aber ich habe vorab noch eine Frage. Warum bist du mit zwei Feinden unterwegs?“ Der junge Anführer faltete seine Hände und stützte seine Ellenboden auf dem Tisch ab.
„Wegen diesen zwei, bin ich hier. Sie gehören einer Gruppierung an, die sich die Schwarze Hand nennt.“, begann Vincent.
„Von dieser Gruppe habe ich noch nie was gehört.“
Vincent lachte spöttisch auf. „Und dabei, hast du doch deine Augen und Ohren überall. Auf jeden Fall, hat diese Schwarze Hand es wohl auf mich abgesehen.“
„Das überrascht mich nicht. Du machst dir doch überall Feinde.“, lachte Ciel.
„Lässt du mich nun endlich erzählen?“ Genervt biss Vincent sich auf seine Unterlippe.
Ciel forderte ihn mit einer Handbewegung auf fortzufahren.
„Also, der feiste Mann, ist wohl einer der Führungsriege, ich habe versucht aus seinem Geist Informationen zu bekommen, dabei habe ich mir wohl einen Fluch eingefangen, der mich aus seinem und dem Geist des Mädchens aussperrt.“
Ein schallendes Gelächter ertönte von Ciel. „Ist das dein Ernst? Du wurdest verflucht? Ich dachte, es ginge vielleicht um einen deiner Begleiter, aber das ausgerechnet du verflucht sein sollst. Es muss dich unglaubliche Überwindung gekostet haben, mich aufzusuchen. Du musst wirklich verzweifelt sein.“
Vincent unterdrückte den Drang, dem jungen Mann das Gesicht einzuschlagen. „Ich weiß nicht, wie weit der Fluch geht und ich muss dem Mädchen helfen. Auf ihr lastet ein Bann, der sie zum Gehorsam zwingt. Und solange ich nicht in ihren Geist komme, kann ich ihr nicht helfen. Ich vermute es handelt sich um einen einfachen Erinnerungsblocker. Also, hilfst du mir jetzt mit meinem Fluch und dem Mädchen?“
Ciel tippte sich nachdenklich an die Nase. „Lass mich darüber nachdenken. Ich werde morgen früh nach dir schicken lassen und dir meine Entscheidung mitteilen.“

***

Zwei Wochen waren vergangen, seit Vincent sein Training bei Hjalmar aufgenommen hatte. Die gemeinsamen Übungen mit Jared hatte bereits erste Früchte getragen. Zwar war bei ihm, anders als bei Jared die Magie noch nicht erwacht, aber er hatte bereits erste Fortschritte im Schwertkampf gemacht. Das tägliche Training bei Hjalmar war hart und jeden Abend viel Vincent in sein Bett und schlief augenblicklich ein. Damals war es ihm nicht aufgefallen, aber während er ein Zimmer im Hauptturm von Adlerswacht hatte, schliefen die anderen Schüler in einem separaten Gebäude. Eigentlich fehlte es ihm an nichts. Es gab Waschräume mit wohltemperiertem Wasser und täglich drei Mahlzeiten. Hjalmar ließ ihn in seine private Bibliothek, damit Vincent auf eigene Faust lernen konnte.

Die Schüler trainierten eigenständig auf dem Übungsplatz, als ein Reiter eintraf. Jared sprang auf und eilte auf den Neuankömmling zu. Auch andere Schüler kamen, um den Reiter zu begrüßen. Vincent erhob sich ebenfalls und ging langsam seinen Mitschülern hinterher.
„Vincent, darf ich dir meinen Bruder vorstellen?“, sagte Jared, als Vincent sich neben seinen Freund stellte.
„Ich kann mich auch selber vorstellen, kleiner Bruder.“ Der Reiter stieg von seinem Pferd ab und nahm seinen Helm vom Kopf. „Du bist, also der Neuzugang, den der Alte so verhätschelt“, sagte er von einem spöttischen, aber auch freundlichen Grinsen begleitet. „Ich bin Ciel, der ganze Stolz von Adlerswacht.“

***

Ciel hatte Vincent und seinen Gefährten Räume im Wohntrakt von Darnheim zugewiesen. Zu Vincents Verdruss, hatte man neben Roland auch Lyra in eine Zelle gesperrt, mit der Begründung, dass man eine potentielle Bedrohung nicht frei herumlaufen lassen durfte.
„Dieser Ciel scheint mir irgendetwas zu verbergen.“, meinte Kalden, der einen Schluck aus einem Weinschlauch nahm, den man ihnen gebracht hatte.
„Was du nicht sagst.“ Vincent rieb sich über sein Gesicht. „Ciel und ich kennen uns schon seit unserer gemeinsamen Lehrzeit unter Meister Hjalmar. Damals wie heute ist er einer der arrogantesten Menschen, die ich kenne und dabei ist er nicht einmal adlig. Als ich damals meine Lehre begonnen habe, reiste er bereist durch Alagaësia und erledigte Aufträge, die unser Meister ihm auftrug.“
„Und was waren das so für Aufträge?“, fragte Roran.
„Attentate, Spionage, Infiltrationen, Ciel war einer der Besten. Ich glaube, er hat es nie überwunden, als ich ihn bereits nach einem Jahr überflügelt hatte. Nach sechs Monaten Ausbildung, war ich bereits so weit, ebenfalls Aufträge zu erledigen. Und da kommt diese Festung ins Spiel. Ciel, sein Bruder Jared, zwei weitere Schüler und ich, gründeten die Eiserne Kompanie. Für mich war es nur ein Hirngespinst, aber nicht für Ciel.“

***

„Eine Armee, unter dem Banner von Adlerswacht? Warum sollten wir so etwas gründen?“, fragte Vincent, nachdem Ciel den Vorschlag gemacht hatte. „Würden wir dann nicht den Varden im Weg stehen?“
„Ha, scheiß auf die Varden!“, rief Ciel, „Die Varden haben uns im Stich gelassen. Sie haben den Tod meines Vaters in Kauf genommen und nichts gegen seine Mörder unternommen. Bei den Varden geht es doch schon lange nicht mehr um Galbatorix und dieses Land. Sie sitzen in diesem Berg und warten einfach ab, bis Galbatorix sich irgendwann entscheidet, erst Surda und dann die Zwerge von der Landkarte zu wischen. Die Varden haben Angst vor der offenen Konfrontation!“

„Was hältst du davon?“, fragte Vincent Jared, als sie über das Nachtdunkle Gelände schlenderten.
„Ich denke, mein Bruder hat recht. Ich kann mich zwar nicht an Tronjheim erinnern, aber ich weiß, dass die Varden uns fallengelassen haben. Unsere Mutter ist mit uns nach Surda gegangen und dort ein Jahr später verstorben. Danach waren wir nur noch zu zweit. Niemand hat sich um uns gekümmert, bis Meister Hjalmar uns bei sich aufgenommen hat. Wir trainieren doch hier, um gegen Galbatorix zu kämpfen, also brauchen wir eine Armee.“
Vincent sah in den sternenreichen Himmel. „Da könntest du recht haben, aber wo würden wir Männer für diese Armee herbekommen? Und selbst wenn, wir werden hier nicht für einen Krieg ausgebildet.“
„Wofür werden wir dann ausgebildet, wenn nicht für den Krieg. Warum bringt Meister Hjalmar uns das alles bei? Bestimmt hat er schon selber Gedanken über eine Armee und wir sollen sie dann anführen.“
„Wir sollten vielleicht nicht zu viele Gedanken daran verschwenden. Meister Hjalmar wird schon seine Gründe haben.“, meinte Vincent und machte sich auf den Weg zu seinem Schlafraum.
(Es wäre schon interessant zu erfahren, warum der Alte uns ausbildet.), dachte Vincent bei sich.

Zwei Nächte Später sah er, wie Ciel mit zwei weiteren Reitern aufbrach. In den folgenden Nächten ritten sie immer wieder aus und kamen erst im Morgengrauen zurück. Er dachte sich nichts weiter dabei, vielleicht hatte Meister Hjalmar ihnen ja einen Auftrag erteilt. Aber in der siebten Nacht rief Ciel Vincent und seinen Bruder zu sich.
„Ich habe alles vorbereitet!“, verkündete er.
„Was meinst du?“, fragte Vincent nach.
„Na die Armee, über die wir gesprochen haben. Ich habe auch schon einen Ort, den wir uns als erstes vorknöpfen.“ Grinsend sah Ciel in die Runde.
„Das meinst du nicht ernst, oder?“ Jared sah seinen Bruder mit Bewunderung in den Augen an.
„Doch, ich habe mit zwei Grafen, na ja, sagen wir mal, verhandelt. Insgesamt habe ich etwa tausend Männer zusammen bekommen, die sich uns gegen Galbatorix anschließen würden.“

***

„Erst war ich ein wenig schockiert, aber nach kurzer zeit war ich Feuer und Flamme für das Vorhaben.“, berichtete Vincent.
„Also bist du eines der Gründungsmitglieder der Eisernen Kompanie.“ Ungläubig lachend schüttelte Roran den Kopf. „Und dieser Ort, den Ciel gemeint hat, war dann wohl diese Festung, oder?“
Vincent nickte. „Genau. Wir brachen zwei Tage später auf und trafen die Männer, die Ciel unter sich vereint hatte. Die zwei Grafen hatte er mittels Magie unterworfen, er versteht sich meisterhaft auf den Umgang mit Flüchen und Bannflüchen. Dann bedurfte es nur noch der Überzeugung der Befehlshaber und einer flammenden Rede gegen Galbatorix und schon hatte er eine Armee aus dem Boden gestampft. Viele der Männer, hatten nicht viel für den König übrig, aber sie hatten zu viel Angst, sich den Varden anzuschließen und sich gegen den König aufzulehnen. Ich denke auch, dass sich viele Bewohner einer Stadt im Imperium, bei einer Belagerung durch die Varden, sich ihnen anschließen würden. Nur haben eben zu viele Menschen Angst vor der Macht des Königs. Bis heute ist mir diese rätselhafte Kraft der Überzeugung, die Ciel innewohnt, unheimlich. Er scheint der geborene General zu sein. Jedenfalls trafen wir uns mit der Armee und zogen Richtung Norden. Da die Männer offiziell den beiden Grafen unterstanden, hat sich Galbatorix wohl nicht wirklich dafür interessiert. Wir ließen die Armee in kleinen Einheiten gegen Norden ziehen, um keinen größeren Verdacht zu erregen. Eine tausend Mann starke Armee hätte durchaus Aufsehen erregt. Erst, als wir in den Ländereien um Festung Darnheim eintrafen, ließen wir unsere Eiserne Kompanie in voller Truppenstärke aufmarschieren.“

***

Vor dem Panorama des Buckels, erhob sich die Festung Darnheim. Ciel drehte sein Pferd und sah auf die knapp tausend Soldaten, die sich aufgereiht hatten.
„Am heutigen Tag, werden wir den Grundstein legen, um die hundertjährige Herrschaft des Tyrannen Galbatorix endgültig zu beenden. Diese Festung hinter mir, war einmal eines der Machtzentren des Imperiums. Ein Abtrünniger residierte und unterdrückte von hier aus die braven Bürger von Alageasia. Doch heute ist der Tag, an dem Ihr euch für die Taten, des Tyrannen und seiner Untergebenen rächen könnt. Heute könnt Ihr zeigen, dass ihr keine Angst habt, vor der trügerischen Macht, die euch zu unterdrücken versucht. Heute lassen Wir Galbatorix spüren, das er keine Macht mehr über euch hat.“ Er zog sein Schwert und hielt es in die Höhe. „Die Eiserne Kompanie beugt sich nicht.“
Die Worte wurden fast vom Jubel der Soldaten erstickt. Auch Vincent zog sein Schwert. Er gab einem Mann neben ihm ein Zeichen und dieser zündete mit einer Fackel das Geschoss einer Blide an. Dann katapultierte er das brennende Geschoss auf die Festung. Die Blide war das einzige Belagerungsgerät, dass Ciel organisiert hatte. Es diente ohnehin nur der Ablenkung.
Jared führte eine Gruppe von Bogenschützen an, die die feindlichen Soldaten auf den Mauern ins Visier nahmen, während Ciel eine Einheit Fußsoldaten mit Schilden gegen die Festung marschieren ließ.
Vincent entfernte sich unterdessen von dem Schlachtgeschehen und schlich um die Festung herum. Auf alten Plänen hatten sie einen Geheimgang entdeckt, der ursprünglich dem Burgherren zur Flucht dienen sollte. Bereits zuvor hatte Jared überprüft, ob der Durchgang noch passierbar war.
Mit Magie verbarg Vincent seine Präsenz und gelangte in einen dunklen Gang, der direkt unter der Mauer hindurch führte. Mit seinem Geist tastete er sich in der Dunkelheit voran und wich Fallen aus, die mögliche Eindringlinge anhalten sollte. Nach etwa hundert Metern, machte der Gang einen Knick nach rechts und führte in einen verlassenen Lagerraum im Keller der Festung. Er wollte die Tür, die aus dem Raum führte, schon öffnen, da bemerkte er ein magisches Siegel auf dem Knauf.
„Geschickt sind sie ja.“, bemerkte Vincent schmunzelnd. Angestrengt versuchte er zu ergründen, was die Natur des Siegels war, um es zu entfernen. Das Siegel warf den Zeitplan vollkommen über den Haufen. Er brauchte fast zehn Minuten, um die Tür endgültig öffnen zu können, ohne dass sein Arm in Flammen aufgehen würde, oder eine Explosion ihn in ein Häufchen Asche verwandelt hätte. Er gelangte in einen Gang, der links und rechts mehrere Gefängniszellen hatte. Inständig flehte Vincent, dass die Belagerung vor den Toren der Burg, genug Männer ablenkte, sodass er ohne größere Probleme die Tore öffnen konnte.
„Wer bist du?“, fragte eine überraschte Stimme hinter ihm. Vincent drehte sich langsam mit Bedacht um. Ein Soldat in scharlachroter Uniform sah mit großen Augen auf die offene Tür und dann auf Vincent. Bevor der Mann Alarm schlagen konnte, hatte Vincent ihm schon einen Dolch entgegen geschleudert, der die Kehle des armen Soldaten aufriss. Verzweifelt sank er Mann zu Boden, beide Hände an der Kehle. „Es tut mir Leid.“, sagte Vincent und schloss für einen Moment seine Augen. (Ciel hatte recht gehabt. Mit der Zeit fiel das Töten wirklich leichter, auch wenn die Gefühle nicht schwächer werden.) Es war der vierte Mensch, den Vincent bis zu diesem Zeitpunkt getötet hatte.
Kurze Zeit später gelangte Vincent an eine Treppe, die nach oben führte. Vorsichtig schlich er hinauf. Zweimal drückte er sich flach gegen die kalte Steinwand, als er oberhalb der Treppe eine Bewegung wahrnahm, aber zu seinem Glück kam niemand auf die Idee, zu den Zellen zu gehen, die, so viel Vincent gesehen hatte, ohnehin leer waren. Die Pläne der Festung hatte Vincent sich vor der Schlacht gut eingeprägt und wich den Wachunterkünften so gut es ging aus. Hjalmar hatte seine Schüler besonders im lautlosen Schleichen gut ausgebildet, da er diese Fähigkeit für eine der wichtigsten gehalten hatte.
„Was bringt es dir, wenn du jemanden lautlos töten kannst, aber nicht zu ihm kommst, da du vorher von seinen Wachen aufgehalten wirst, wenn du wie ein Urgal durch die Gegend stampfst.“, hatte Hjalmar ihm lachend auf die Frage danach geantwortet.
Er riss sich aus seinen Gedanken los und eilte weiter die schier endlosen Gänge der Festung entlang. Endlich gelangte er zu einer Treppe, die in den Innenhof führte. Draußen rannten Soldaten des Imperiums durcheinander, während jemand Befehle brüllte. Vincent atmete einmal tief durch, bevor er zu einem Sprint ansetzte. Er hatte schon einen Fuß draußen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. „Ich würde noch warten, wenn ich du wäre.“
Sein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich. Warum hatte sein Geist die Person nicht bemerkt. Er wollte der Person hinter sich einen Schlag mit dem Ellenbogen versetzten, da bemerkte er es: Er hatte nur nach Personen mit feindlichen Absichten Ausschau gehalten. Er drehte sich um und erkannte einen älteren Mann in zerrissener Kleidung. Er trug einen ungepflegten grauen Bart und seine langen schwarzen Haare klebten ihm fettig am Kopf.
„Wer bist du?“, fragte Vincent flüsternd.
„Ich glaube, dass spielt im Augenblick keine Rolle. Es sollte reichen, wenn ich sage, dass ich in einer der Zellen saß. Dass du den Wachsoldaten getötet hast, hat mir den Weg in die Freiheit gebracht.“, antwortete der ehemalige Gefangene.
„Aber warum bist du dann nicht durch den Fluchttunnel entkommen?“
„Weil ich mit dem Herrn dieser Burg noch eine Rechnung offen habe. Mir schien es am willkommensten dir einfach zu folgen, aber dann musste ich sehen, wie du dein Leben einfach wegwerfen wolltest. Ich nehme an, dein Ziel ist der Raum neben dem Tor, um das Gitter nach oben zu ziehen und deine Freunde hinein zu lassen.“
Vincent hockte sich hin und späte über den Platz. „Da hast du ins Schwarze getroffen.“
„Gut, dann sollte ich dir vielleicht sagen, dass sich etwa einhundert Soldaten zwischen dir und dem Tor befinden. Selbst durch die Ablenkung mit den Katapult geschossen kommst du da nicht durch.“ Der Ausbrecher deutete auf einen Raum am Fuß der Treppe. „Da befindet sich ein Waffenlager. Vielleicht findest du dort eine Uniform. In dem Chaos da draußen wirst du dann vermutlich nicht auffallen.“
Warum war er nicht selber darauf gekommen. In den Gängen hätte es wenig genützt, denn die hier stationierten Soldaten kannten sich vermutlich gegenseitig, aber in dem Gewirr auf dem Hof, konnte er so vermutlich wirklich einfach auf die andere Seite gelangen.
In dem Waffenlager fand Vincent eine Uniform, die ihm passte. Auch der Ausbrecher, der ihm noch immer nicht seinen Namen genannt hatte, hatte sich in eine Uniform des Imperiums gehüllt. „Die steht mir doch ausgezeichnet, oder?“
Vincent ließ die Frage unkommentiert.
„Wir sollten uns beeilen, bevor uns noch jemand hier findet.“
Der Ausbrecher nickte und wollte ihm schon folgen, als er nochmal stehen bleib und auf ein Regal zu seiner rechten zuging. „Kann es sein?“, murmelte er, dann nahm er einen Bogen und einen dazu passenden Köcher mit Pfeilen.
Der Bogen war kunstvoll geformt und schimmerte in einem azurblauen Farbton. Er schien nicht geschnitzt worden zu sein. Mehr schien es, als wäre der Bogen in seine Form gewachsen zu sein.

„Wer bist du?“, fragte Vincent erneut.
Der Mann lächelte ihn an. „Jemand, der dir nun deutlich besser helfen kann.“ Er befestigte den Köcher auf seinem Rücken und hielt den Bogen kampfbereit. Auf einmal hatten die Züge des Mannes etwas Erhabenes.
„Dann komm. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Die beiden bewegten wie selbstverständlich über den Hof. Direkt an den Soldaten vorbei, die sie gar nicht zu beachten schienen. Kurz vor dem Torhaus wurden sie dann aber doch von einer Wache bemerkt. „Was wollt ihr hier? Wer hat euch den Befehl gegeben?“
Vincent wollte schon zu einer ausweichenden Bemerkung ansetzten, da trat der Ausbrecher auf den Wachposten zu und legte ihm freundschaftlich einen Arm um die Schulter. „Wir sollen hier eine Leiche beseitigen.“
Vincent sah ihn genauso schockiert an, wie der Soldat verwirrt war.
„Ich verstehe nicht, was meinst du?“, fragte er.
Der ehemalige Gefangene lächelte ihn an. „Das bespreche ich gerne mit dir hier drinnen.“ Er bedeutete Vincent die Tür zum Torhaus zu öffnen.
Die Seilwinde war unbewacht, die Soldaten wurden wohl bei der Verteidigung gebraucht. Der Ausreißer zog den Soldaten, den er im Arm hatte nach drinnen und schloss die Tür hinter sich, dann ließ er den Leblosen Körper zu Boden fallen und Vincent sah die Blutlache, die sich unter dem Soldaten ausbreitete. Der Ausbrecher wischte einen länglichen schmalen Dolch an seiner scharlachrote Uniform sauber. „Wie ich sagte: Wir sollen hier eine Leiche entsorgen.“ In seiner Stimme lag eine Kälte, die Vincent frösteln ließ.
Gemeinsam zogen sie das Gitter mit der Seilwinde nach oben. Durch ein kleines Vergittertes Fenster konnte Vincent eine berittene Einheit mit Ciel an der Spitze sehen, die durch das Tor preschten und jeden Soldaten erschlug, der ihnen in die Quere kam.
Um nicht von den eigenen Männern erschlagen zu werden zog Vincent die scharlachrote Jacke aus und trat vor die Tür. Was sich ihm dort bot, hatte mehr von einem Schlachtfest, als von einem Kampf. Die knapp hundert Soldaten lagen über den ganzen Innenhof verstreut. Ciel war von seinem Schachtross abgestiegen und ging über den Hof aus den Bergfried der Festungsanlage zu. Immer wenn er noch einen lebenden Soldaten sah, beendete er dessen Leben mit einem Stich seines Schwertes. Vincent stützte sich an der Mauer ab, als ihn eine plötzlich Übelkeit übermannte. Noch nie hatte er ein solches Massaker gesehen. Der Ausbrecher stützte ihn und geleitete ihn zu einer Treppe, die auf den Wehrgang auf der Mauer führte.
„Setzt dich erst mal.“ Er sah hinüber zu Ciel, der den Turm gerade betrat. „Jetzt kann ich meine Rechnung wohl doch nicht begleichen.“ Mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck setzte der Mann sich neben ihn.
„Was war das denn für eine Rechnung? Ist es wegen deiner Gefangenschaft oder ist da noch etwas anderes?“
Der Ausbrecher lachte. „Das war nicht meine erste Gefangenschaft. Wegen so etwas würde ich mich nicht so in Gefahr begeben. Nein, der Herr dieser Festung ist ein gewisser Hauptmann Tasman. Vorab solltest du etwas wissen.“ Er legte seine Hände auf seine Ohren. Als er sie wieder wegnahm, konnte Vincent die Spitzen erkennen. Auch seine Gesichtszüge hatten sich leicht verändert. Die Augen und Augenbrauen waren nun leicht schräg stehend, während seine Haut leicht schimmerte.
„Du bist ein Elf!“ Vincent starrte den Mann verblüfft an.
„Das stimmt. Ich kann deine Verwunderung verstehen. Man sieht hier nicht oft Elfen. Deswegen habe ich ja auch das Aussehen eines Menschen angenommen. Mein Name ist Veyron. Ich lebte in einem kleinen Dorf an der Grenze von Du Welden Varden zum Imperium zusammen mit meiner Gefährtin und meiner Tochter. Du musst wissen, dass Kinder unter den Elfen sehr selten sind, weshalb ich meine Tochter vergöttert habe. Eines Tages drang eine Einheit unter besagtem Hauptmann Tasman in unser Dorf ein und plünderte es. Zu der Zeit war ich kein Krieger und ich galt unter den Elfen nicht als herausragender Magier. Ich stellte mich den Soldaten trotzdem entgegen, während meine Gefährtin mit unserer Tochter, die zu dem Zeitpunkt gerade einmal 10 Monate alt war, tiefer in den Wald rannte. Als die Soldaten sich wieder zurückzogen, wartete ich darauf, dass meine Gefährtin zurückkam, aber ich wartete vergebens. Nach drei Tagen des Wartens änderte ich mein Aussehen und begann meine Reise durch Alagaësia, um den Mann zu suchen, der mir das angetan hatte, in der Hoffnung, dass ich meine Frau und meine Tochter wiederfinden würde. Das ist mittlerweile fast vierzehn Jahre her. Die Hoffnung, meine Familie jemals wieder zu sehen habe ich bereits vor langer Zeit aufgegeben, aber Tasman habe ich vor zwei Jahren endlich gefunden. Na ja, du siehst ja, wozu das geführt hat.“
Vincent nickte. „Er ließ dich einsperren.“
„Jap, ich bin anscheinend nicht als Attentäter geeignet.“, er lachte humorlos auf. „Es ist auch nicht weiter schlimm, dass jemand anderes sich den Hauptmann schnappt. Als ich vorhin den Mann getötet habe, habe ich etwas gespürt, dass niemand auf dieser Welt spüren sollte: Mordlust. Deswegen, bin ich ehrlich gesagt erleichtert, dass ich meine Rache am Ende nicht bekommen habe. Ich kann jetzt ohne Reue im Herzen mit der ganzen Sache meinen Frieden finden.“
„Was hast du jetzt vor?“, fragte Vincent.
Veyron sah in den Nachthimmel hinaus. „Ich denke, ich werde mich wieder als Mensch ausgeben und nach Surda gehen. Ich habe solange unter den Menschen gelebt, dass ich nicht nach Du Welden Varden zurückkehren kann.“
Vincent erhob sich, seine Übelkeit hatte sich mittlerweile verflüchtigt. „Warum bleibst du nicht bei uns? Wir trainieren, um den König schlussendlich von seinem Thron zu stürzten. Einen Elfen können wir dabei gut gebrauchen.“
Veyron lächelte müde. „Weißt du, ich habe genug vom Kämpfen. Ich danke dir, dass du mich hier raus geholt hast, wenn auch unfreiwillig. Ich habe meinen Entschluss bereits gefasst. Ich werde nach Surda gehen.“

Der Tag brach bereits an, als Veyron auf dem Rücken eines der Pferde, die den Soldaten gehört hatten, durch das Tor ritt. Etwas wehmütig sah Vincent dem Elfen hinterher. Gerne hätte er mehr über dessen Leben erfahren, dass von so großer Trauer erfüllt war.
Jared trat neben ihn. „Wer war das?“, fragte er.
„Ein Freund.“, antwortete Vincent lächelnd.

***

„Du hast also im Alter von vierzehn Jahren bereits Festungen eingenommen“, sagte Roran, nach einem kurzen Augenblick des Schweigens, „Aber das erklärt noch nicht, warum du auf Ciel nicht gut zu sprechen bist.“
Vincent sah traurig zu Boden. „Das liegt daran, dass Jared, mein bester Freund und Ciels jüngerer Bruder, zwei Monate später von den Ra'zak ermordet wurde.“
Eine eisige Stille kehrte in dem kleinen Zimmer ein. Niemand wagte es, darauf etwas zu antworten.
„Wir sollten uns nun ausruhen. Morgen sehen wir dann weiter.“

In der Nacht wurde Vincent von mysteriösen Träumen heimgesucht. Immer wieder sah er Bilder wie durch einen violetten Schleier. Bilder von einem grenzenlosen Himmel, oder einer großen Höhle. Schreckliche Bilder von Schlachten, oder Bilder, von friedlichen Momenten auf einem großen grasbewachsenen Hügel. Er konnte die Bilder nicht so ganz einordnen. Eine Leise Stimme flüsterte: „Sei auf der Hut, vor dem Wolfskrieger. Er ist ganz nah und wartet auf dich. Um ihm zu entkommen, musst du mich annehmen.“

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