Die Rückkehr nach Sanktaphrax

OneshotAllgemein / P12
08.10.2016
08.10.2016
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In den endlosen Weiten des offenen Himmels schwebte ganz ruhig der Felsen von Sanktaphrax.
Die warmen Winde, die durch porösen Stein wehten, hatten seinen einst unaufhaltsamen Auftrieb gebremst, so dass der Stein nun eine einigermaßen stabile Position eingenommen hatte.
Die Stadt auf dem Felsen hatte alles von ihrer früheren Pracht verloren. Alles war zerstört: die Gebäude, die Statuen …
…und die Körper der letzten Akademiker, die lieber mit ihrer Stadt untergegangen waren als sie zu verlieren. Unten an der Kette unter dem Felsen klapperten die Überreste des Professors der Dunkelheit, des ehemaligen Allerhöchsten Akademikers, vollkommen abgenagt und von Pflanzen überwachsen, in einer leichten Brise.

Über die halb verfallene westliche Landebrücke  schwebte eine dunkle Gestalt. Sie war vollständig in eine grau-schwarze Kutte gehüllt, die Kapuze war tief in ins Gesicht gezogen.
Langsam hob sie den Kopf und betrachtete die Ruinen. Tief zog sie die Luft ein und eine Art Schlecken war zu vernehmen. Sie spürte, dass kein denkendes Lebewesen mehr am Leben war und flog langsam weiter. Kleinere Tiere, die den Weg kreuzten, liefen sofort davon, als spürten sie, wie sich ein Schatten über sie legte.
Ein warmer Windzug wehte heran und schob die Kapuze herunter.
Nun war das Gesicht zu sehen. Ein entsetzlicher Anblick.  Eine von hässlichen Blasen und tiefe Narben entstellte Haut spannte sich über den Schädel. Verfilzte Haare hingen herunter und zwei Hörner schraubten sich aus dem Kopf. Zwei gelbe Augen starrten gebannt umher.
Er musste zu einem ganz bestimmten Platz, wenn er seinen Plan verwirklichen wollte. Doch vorher wollte er sich hier umsehen. Schließlich war das gewissermaßen sein Zuhause. Hier hatte einst alles begonnen.

Nachdem er die Landebrücke verlassen hatte, kam in der Ferne ein abgebrannter Haufen in Sicht. Die kläglichen Überreste des ehemals prunkvollen Palasts der Schatten.
An diesem Anblick blieb er hängen.
Das ehemalige Zuhause seines Vaters. Linius Pallitax. Ein Vaters, der sich angemaßt hatte, über Leben und Tod wie Gott entscheiden zu können und dabei ein kleines, unschuldiges Wesen geschaffen hatte. Ihn.

Hätte es anders kommen können? Wäre er vielleicht in einer anderen Umgebung (mit einem anderen Vater?!) zu jemand anderem geworden? Jemand besserem? Nicht einmal er wusste die Antwort darauf.
Sicher reagierte er auf negative Gefühle besser als auf positive, so war es auch mit dem Gleißer gewesen, aus dem er geschaffen war. Doch warum hatte sein Vater ihn nur mit solchen Gefühlen wie Misstrauen, manchmal sogar Verachtung “gefüttert“ und vor allem ….
ANGST!
Das, was er nun am meisten begehrte.
Ja, sein Vater hatte sich vor demgefürchtet, was er vollbracht hatte.
Das Institut für Eis und Schnee, von scharfkantigen Muscheln und schleimigen Schwämmen überwuchert.
Dann hatte Linius ihm seine wahre Gestalt gezeigt. In einer alten Rindenrolle.
Seine Bestimmung als Fluch für das Klippenland.
Als der Schleimschmeichler.
Jedoch hatte sein Vater ihn gleich darauf mit diesem grauenhaften Feuersand entstellt.
Seine Narben fingen an zu schmerzen, als spüre er wieder wie der Sand ihn traf und ihm die Haut verbrannte.
Danach wollte Linius ihn für immer in diesem Labor einsperren und beinahe wäre ihm das auch gelungen.
Die Treppen des Viadukts, die nun durch so viele Blitze kohlrabenschwarz gefärbt waren.
Doch dann hatte sich alles geändert. Und das nur durch einen unbedeutenden, kleinen Gesellen, der ihm freundlicherweise die Tür geöffnet hatte.
Quintinius Verginix.

Wie einfach es gewesen war ihn zu täuschen und später dann auch diesen alten, wertlosen Professor. Er hätte seine Rache fast gehabt. Leider überlebte der Narr den Brand im Palast und noch dazu hatte Quint….
Die Narben begannen noch mehr wie Feuer zu brennen.
Doch auch ihm hatte er ewige Rache geschworen. Er würde ihn und oder alle seine Nachkommen eines Tages vernichten!
Er betrat einen großen Platz auf dem sich ein Mosaik befand, bestehend aus mehreren Kreisen und Blitzen. Genau wie das Siegel, dass er in jener Nacht getragen hatte…..
Den Rückzug hatte er trotz seines Fluches gegen seinen Feind antreten müssen, aber er hatte allen Bewohnern des Klippenlandes ein kleines Andenken in ihren geliebten Steinernen Gärten zurückgelassen.
Gackerndes Gelächter erklang.
Eigentlich sollten sie es bald bemerken.
Nun war es aber an der Zeit zu dem Platz zu gehen, wegen dem er hergekommen war.
Dem alten Labor. Seinem Geburtsort.

Natürlich hatte er einen Platz gefunden, an dem bleiben konnte. Das war in diesem Land schließlich nicht sehr schwierig.
Die Nebelkante.
Von dort aus hatte er diese armen Tölpel aus dem Dunkelwald in seine Falle gelockt und ihre Gefühle und ihre Seelen verschlungen.
Und er hatte den Ruf eines ganz bestimmten Jungen vernommen. Dem Sohn seines Gegners.
Twig.
Es war wirklich witzig gewesen, ihn dabei zu beobachten, wie dieser tollpatschige Junge sich immer tiefer in Schwierigkeiten hineingeritten hatte. Wie oft hatte er ihm eigentlich geholfen?
Und doch war ihm dieser Junge am Ende entwischt!
Ein Tunneleingang war zu sehen. Der Eingang durch den einst der zweithöchste Akademiker dieser Stadt in den Stein gegangen war. Erstaunlich, was sich alles aus all den Gehirnen seiner Opfer fischen ließ.
Er bewegte sich darauf zu.
Im Eingang drehte er sich noch einmal um. Er hob die Arme und zwei Hände erschienen, die ebenso entstellt waren wie das Gesicht und mit langen Krallen bestückt waren.
Die Ruinen schienen sich von selbst zu reparieren. Die unansehnlichen Pflanzen und Tiere verschwanden. Nach wenigen Augenblicken standen die großen Türme der Akademien und Schulen wieder. Ein sanftes Leuchten schien von ihnen auszugehen.

Aber eine gewisse Form der Genugtuung hatte er doch noch einmal bekommen! Als Quint (damals dann Wolkenwolf) von dem Großen Sturm in den offenen Himmel hinausgetrieben worden war, war er ihm erschienen, hatte ihn verspottet und sich an der Verzweiflung und ANGST (!) dieses Mannes, der ihm einst getrotzt hatte, geweidet, bis das Schiff schließlich im Sturm verschwunden war.
Im Inneren des Wabensteins empfingen ihn eine angenehme Dunkelheit und ein tiefes Summen. Er flog durch den gewundenen Gang immer tiefer hinein. Irgendwann begann der Stein in den dunkelroten Kernfelsen überzugehen. Daraufhin bog er ab und gelangte nun vollständig in den Wabenstein.
Das Summen wurde lauter.
Kurz nach seiner Befreiung hatte er hier seinen…Bruder getroffen. Ein Wesen, das genau wie er aus einem Gleißer in dem Labor geboren worden war.
Doch leider war eine Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. Zu groß war sein eigenes Ego gewesen und zu unterschiedlich ihre Interessen. Dieses Wesen wollte einfach nur töten und fressen und das immer weiter bis in alle Ewigkeit. Er dagegen hatte höhere Ziele.
Ein kleiner Schwarm von Gleißern flog vorbei erhellte für einen kurzen Augenblick den Gang. Mit seiner Klauenhand griff er sich einen von ihnen. Von seinen Gefühlen bestärkt, leuchtete er durch die Hand hindurch.

Da war sie! Die Tür. Früher ließ sie sich nur mit dem Amtssiegel öffnen.
Die schorfigen Hände tasteten an dem Türrahmen entlang. Einst war er vollkommen im Gestein eingelassen gewesen, doch nun hatte der wachsende Felsen ihn verzogen.
Plötzlich entdeckte er etwas. Einen kleinen Spalt an der oberen Seite.
Er  kicherte leise.
Dann begann er sich zu verändern, verzog sich, wurde immer kleiner, bis schließlich nur noch ein kleines Insekt übrig war, das durch den Spalt in den Raum dahinter flog. Dort wuchs es wieder, wurde aber nicht zu dem entstellten Monstrum von vorher, sondern zu einem jungen, hübschen Akademiker. Einem Akademiker, der einst auch in diesem Raum gestanden hatte.
Linius Pallitax.
Er ging fast feierlich zu dem Pult in der Mitte des Raumes. Die Hebelposition war schnell gefunden. So oft hatte er sie in den Gedanken seines Vaters gehört.
Grelle Blitze erleuchteten das Labor und spiegelten sich in seinen Augen wieder.
Er setzte nun den Gleißer den Blitzen aus.
Ein teuflisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Es hatte begonnen.
Er stellte die Maschine ab und ging auf die Mitte des Labors zu.
In der großen Leuchtkugel zeichnete eine kleine dunkle Gestalt ab.  Ein kleines, bepelztes Wesen, das ihn mit unschuldigen Augen anschaute.
Eine Art von Stolz erfüllte ihn, aber auch etwas......Mitleid. Bald würde diese Unschuld in dieser grausamen Welt vollkommen verschwinden.
Es war wie er. Oder besser, so wie er gewesen war.
Bald würden noch mehr kommen.
Und dann wäre seine Rache komplett. Am gesamten Klippenland.
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