Gehalt- und gestaltlos

OneshotAllgemein / P12
06.10.2016
06.10.2016
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Gehalt- und gestaltlos


Liebe LeserInnen,

wie so oft bin ich gestern auf dem Weg von der U-Bahn-Haltestelle zur Uni durch die Stadt gelaufen, doch so langsam kann ich mich eines Eindrucks einfach nicht mehr erwehren – meine geliebte Universitätsstadt sieht allmählich so aus wie [x-beliebige Stadt bitte einfügen] und scheint nur noch aus sogenannten Nichtorten zu bestehen.

Der Zustand verschlimmert sich so drastisch, dass ich also heute darüber sprechen muss – natürlich mit euch, ob ihr wollt oder nicht. Was auch sonst.

Doch zunächst möchte ich erklären, was ein 'Nichtort' eigentlich ist.

Es gibt zahlreiche theoretische und sogar wissenschaftliche Annäherungen an diesen Begriff, der schon etwas pejoratives, also eine negative Konnotation, an sich hat. Kurz gesagt: Er hinterlässt nach dem Aussprechen bei jedem Menschen einen faden Beigeschmack.

Hier habe ich nicht den Anspruch wissenschaftlich korrekt diesen Begriff darzulegen, sonst würde ich sehr genau zitieren und euch mit Details langweilen, die man niemandem zumuten kann, der in seiner Freizeit eigentlich nur einen popeligen Aufsatz mit dem Titel „Gehalt- und gestaltlos“ lesen wollte...

Zurück zur Frage: Was ist ein 'Nichtort'?

Nun, darauf gibt es eine recht einfache Antwort, die ich mir überlegt habe, nachdem ich mich durch allerhand komplizierten Theorie-Müll gewühlt habe (genannt seien hier Georg Simmel – der geht sogar noch – und Michel de Certeau – der wiederum nicht mehr...)

→ Ein Nichtort ist ein Ort, der beinahe leer ist und nur einen Zweck erfüllt – sein. Den meisten Menschen fällt zu diesen Orten nichts ein, sie halten sich aber jeden Tag an mindestens zwei davon auf und verbringen dort recht viel Zeit ihres Lebens.

Wer ist drauf gekommen, was hier gemeint ist?

Ich gebe ein paar Denkanstöße: Flughäfen, Bahnhöfe, Züge, Wartezimmer, Autobahnraststätten, so ziemlich jede Filiale von jeder Fast-Food- oder Bekleidungs-Kette, die jemals in irgendeiner Weise eröffnet wurde etc.

Wer genauer darüber nachdenkt, der wird zu dem Schluss kommen, dass es über diese Orte und den Aufenthalt dort einfach nichts zu sagen gibt.

An dieser Stelle möchte ich gerne einmal sinngemäß aus 'Das Känguru-Manifest' von Marc-Uwe Kling zitieren. Das Känguru und Marc-Uwe stellen nämlich fest, dass aus der ursprünglichen Stammkneipe an der Ecke (die danach eine Karaoke-Bar und danach zu einem Internetcafé gewandelt wurde) nun doch letztendlich ein „standardisiertes Café“ geworden ist.

Das Känguru bringt es auf den Punkt: „Das Bezeichnende an diesen Nichtorten ist ja, dass einem nichts dazu einfällt. Selten hört man jemanden sagen 'Wie war es neulich an der Autobahnraststätte?' oder 'Heute hat's mal richtig gut geschmeckt bei McDonald's.'“ Marc-Uwes Einfall dazu ist ebenfalls so zynisch wie wahr: „Also die neue H&M-Filiale, die ist wirklich was Besonderes.“

Aber was will ich damit sagen?

Fangen wir von vorne an.

Ich ging also vom Hauptbahnhof (ein Nichtort sondergleichen) Richtung Universitätsgebäude und habe das erste Mal seit einer Ewigkeit wieder bewusst auf meine Umgebung geachtet. Denn es gibt ja eh nichts Außergewöhnliches zu sehen, als eben die gewöhnlichen Läden.

Dass man in richtigen Innenstädten kaum noch wohnen kann, weil die meisten Straßen eben zu Touristen-Lock-Modulen umgearbeitet werden, ist schon seit einigen Dekaden ein unaufhaltsamer Prozess und es wundert heute niemanden mehr.

Allerdings gibt es trotzdem Veränderungen, die auffallen, so auch mir gestern.

Ich lief durch die Touristen-Ecke und befand mich plötzlich vor einem Baugerüst, mitten in der Innenstadt. So weit, so uninteressant, denn das passiert in größeren Städten ständig. Es war allerdings der Standort des Gerüstes, der mich erschütterte.

Das Gebäude, das nun umgebaut wird, beherbergte bis vor Kurzem noch ein Geschäft, welches es in der Stadt in der Form und genau an diesem Standort schon seit mindestens achtzig Jahren gegeben hat. Eine Einzelhandelsfiliale also, wenn nicht sogar der einzige Laden dieses Besitzers.

Ich war schockiert und sah mir die Plakate an, die von außen an das Gebäude angebracht wurden, um heroisch zu verkünden, welch zigste Filiale welcher Kette nun dort demnächst ihr Dasein fristen würde.

Herzlichen Glückwunsch, eine weitere Ära wurde hier mit Gewalt beendet.

Da die Mieten in der Stadt ohnehin astronomisch hoch sind, wunderte es mich bei längerem Nachdenken nicht wirklich, dass sich dieser kleine Laden für Schreibwaren, Geburtstagskarten und Geschenkartikel (im Sinne von Geschenkpapier, Schleifenbänder etc.) nicht länger halten konnte.

Warum sollte man denn auch dort hingehen, wenn fünf Meter weiter ein gigantischer „Galeria Kaufhof“ zu finden ist, in dem man dasselbe bekommt?

Kopfschüttelnd musste ich mich also von diesem Ort des Schreckens entfernen, denn schließlich wollte ich pünktlich bei meinem Kurs ankommen.

Aber – schockschwere Not – wenige Schritte weiter bemerkte ich, dass ein weiterer Laden, direkt neben der Uni, geschlossen wurde. Ein recht alternatives Café, das nicht nur ausgefallenere Sorten jenes beliebten Heißgetränkes angeboten hat, sondern auch ein wenig lauschiger und ruhiger als die Caféteria der Uni selbst war.

Insgesamt also ein recht angenehmer Ort, den ich gerne besucht habe und an dem ich recht viel Zeit mit Kommilitonen verbringen konnte.

Den Ort gibt es jetzt also auch nicht mehr, vielleicht kommt aber bald der sechste McDonald's im Umkreis von zwei Kilometern dort hin, wer weiß. Das wird mich sicher trösten. Nicht.

Beinahe schon traumatisiert lief ich also noch ein Stück weiter und konnte eine weitere Veränderung beobachten, die ich allerdings schon längst habe verarbeiten können, doch fühlte der Anblick der fertigen Filiale sich beinahe an wie ein Schlag ins Gesicht.

Dort wo früher ein Laden war, in dem ein kleiner städtischer Verlag seine Bücher vertrieben hat, ist nun ein Restaurant, das ebenfalls aussieht wie seine aus dem Ei gepellten Geschwister-Filialen.

Meine Frage ist nun: Fühlt man sich an solchen Orten wirklich wohl?

Ich bin niemand, der behauptet, dass früher alles besser war, war es nämlich nicht, aber ist es wirklich wünschenswert, wenn alle Städte irgendwann gleich aussehen und man eigentlich auch zu Hause bleiben könnte, weil sich sowieso alles bis aufs kleinste Detail gleicht?

Ist es wirklich nicht schlimm, wenn ich in Amsterdam feststelle, dass ich eigentlich auch nach Köln oder Hamburg hätte fahren können, denn die Geschäfte sind eh alle dieselben, in derselben Anordnung und Häufigkeit?

Was man dagegen machen kann, weiß ich leider nicht, doch wollte ich diese Gedanken einfach mal aufschreiben, schließlich haben sie mich gestern stark beschäftigt und irritiert zurückgelassen.

Geht es euch auch so, oder habe ich einfach nur eines meiner Luxus-Probleme aufgeschrieben? Was haltet ihr von dieser Entwicklung? Interessiert mich wirklich, kein Scherz.

Danke fürs Lesen.

LG, Erzaehlerstimme
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