Prinzen des Lichts

KurzgeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
04.10.2016
04.10.2016
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Der Regen klopfte leise gegen das Fenster, als ich meinen vom Schlaf noch getrübten Blick zu ihm hinüberschweifen ließ und mich ein kleines Stück aufsetzte, dabei sorgsam darauf bedacht, ihn nicht aus Versehen aus seinen Träumen zu reißen, die – wie mich das sanfte Lächeln, das sein zierliches Gesicht umspielte vermuten ließ – einen sehr angenehmen, wenn nicht sogar aufregenden Inhalt haben mussten.
So vorsichtig es mir möglich war zog ich meine Hand unter der Bettdecke hervor und führte sie langsam an seine Wange. Geschickt ließ ich sie einmal kurz darüber hinwegstreifen und konnte dabei zufrieden beobachten, wie das Lächeln auf seinen Lippen sich noch weiter ausbreitete. Ein süßes Geschenk seines Unterbewusstseins, das ich wortlos und glücklich entgegennahm.
Meine Hand glitt ein bisschen weiter nach oben, vergrub sich in seiner seidigen, braunen Mähne, die von der vorangegangenen Nacht noch immer zerwühlt und unordentlich aussah. Allerdings störte mich das nicht besonders, ganz im Gegenteil: Sie verlieh ihm etwas Aufregendes, Verführerisches, Wildes. Versprühte etwas von diesem sexy Charme, der ihm seit ewigen Zeiten von den anderen nachgesagt wurde, den ich bisher jedoch immer vergeblich zu entdecken gesucht hatte.
Doch heute, an diesem trüben, grauen Septembermorgen, nahm ich ihn das allererste Mal bewusst wahr. Er war ganz zweifelsfrei vorhanden, dieser Charme, selbst für das ungeübteste Auge eindeutig erkennbar. Er war da und zog mich ein weiteres Mal in seinen unwiderstehlichen Bann, nur dieses Mal mit dem Unterschied, dass ich mir dessen voll und ganz bewusst war.
Eine unterbewusste Verführung seinerseits war es, mit der er mich und meine sämtlichen Sinne verzauberte und mich ihm voll und ganz erlegen machte. Ihm und seiner natürlichen, schüchternen Verspieltheit, die er nur denjenigen zuteilwerden ließ, die es auch verdienten. Und ich hatte das unverschämte Glück, mich zu den wenigen in seinem Leben zu zählen, die ebenjenes unvergleichliche Privileg als ihrer würdig annehmen durften. Ich hatte das Glück, mich zu denen zählen, deren Namen er tief in seinem Herzen eingebrannt trug, damit er niemals vergessen würde, welch große Rolle sie in seiner kleinen Welt spielten.
Dabei war ebendieses kostbare und unter den Menschen von Dimmsdale heiß begehrte Zeichen seiner Anerkennung nur ein ganz geringer Bruchteil dessen, was unser nunmehr dreijähriges Zusammenleben in dieser kleinen, beschaulichen Wohnung am Stadtrand wirklich ausmachte. Es war nur ein Wimpernschlag im endlosen Strom der Zeit, die wir seither zusammen geteilt hatten.
Denn ich – und zwar ausschließlich ich – besaß noch ein ganz anderes Privileg, von dem die anderen Leute Dimmsdales nur in ihren kühnsten Träumen fantasieren konnten. Ich besaß das herausragende und in den Gesetzesbüchern ungeschriebene Recht dazu, mich als seinen Freund bezeichnen zu dürfen. Ich durfte sämtliche Vorzüge dieses Titels ganz allein für mich beanspruchen und einfordern. Ich durfte öffentlich seine Hand nehmen und mich eines leidenschaftlichen, in sehnsuchtsvollem Fieber erwarteten Kusses seinerseits beglückt fühlen, während für unsere Freunde und Bekannten ein rascher Händedruck oder – wenn es besonders gut lief – eine flüchtige, der Höflichkeit zugetane Umarmung bereits das höchste aller Gefühle war.
Ich durfte Nacht für Nacht dieses Bett mit ihm teilen und dabei manchmal Dinge erleben, die weit über jede Grenze menschlicher Vorstellungskraft und Träumerei hinausgingen. Ich durfte es als Zeichen seiner abgöttischen Liebe betrachten, wenn er sich in sternenklaren Nächten zu mir herankuschelte und mir leise Dinge ins Ohr flüsterte, die jedes Mädchen, das halbwegs so verrückt nach ihm war wie ich, vor Eifersucht in die Luft fliegen lassen würde.
Dabei wusste jeder – und ich meine ausnahmslos jeder – in dieser kleinen Stadt bereits seit langem, dass kein Mädchen es jemals schaffen konnte oder würde, den Schlüssel zu seinem Herzen ihr Eigen nennen zu dürfen. Denn auch diese in Worte nicht zu fassende Ehre war ausschließlich mir zuteilgeworden. Nur ich durfte mich darüber geschmeichelt fühlen, dass er sein junges, wildes Herz, welches bis obenhin voll war mit Eifer und ansteckender Lebensfreude, davon geradezu übersprühte, ausschließlich an mich verschenkt hatte. Nur ich durfte es als Ehre betrachten, wenn er mich in aller Öffentlichkeit als sein >Black Baby< bezeichnete und die eifersüchtigen Blicke ebenjener, die diesen Titel nicht besaßen, als stummes Zeichen der Ehrfurcht und Anerkennung hinnehmen. Durfte ihr von Neid durchzogenes, falsches Lächeln als Nachweis meines Triumphs über sie auffassen.
Black Baby. Diesen Spitznamen liebte ich über alle Maßen, wenngleich mir eine Anlehnung an meinen Namen als passender erschienen wäre. Eine Anlehnung an den Namen, den er mir vor nun bereits zwölf Jahren – im zarten Alter von gerade mal fünf – einmal gegeben hatte. Er war es gewesen, der mich damals in seinem Kopf hatte entstehen lassen. Seine Fantasie genutzt und mich schließlich geboren hatte. Er war es gewesen, der mich hatte Wirklichkeit werden lassen, aus einer Anhäufung trübsinniger Gedanken heraus. Durch ihn lebte ich. Durch ihn atmete ich. Durch ihn liebte ich.
Er war derjenige gewesen, der mich aus einem Abbild seiner Fantasie in die reale Welt gezaubert hatte. Und ebendiese Sache, dieses Geschenk, das er mir dadurch gemacht hatte, würde ich ihm niemals vergessen. Dafür war ich es ihm schuldig, an seiner Seite zu sein. Dafür verdiente er meine volle Aufmerksamkeit und Liebe, verdiente es, dass ich für ihn da war, wenn er meine Hilfe brauchte.
Doch natürlich war nicht nur die Dankbarkeit dafür, dass er mir das Leben geschenkt hatte, der Grund für meine abgrundtiefe Zuneigung zu ihm. Sie spielte eine kleine Rolle, das wollte ich auch überhaupt nicht bestreiten. Aber sie war nicht der ausschlaggebende Anlass dafür, dass ich jetzt hier neben ihm lag, meine Hände zärtlich mit seinem braunen Haarschopf spielten und ich ihm zufrieden dabei zusah, wie er schlief.
Nein, der wirkliche Grund für diese eindeutige Geste der Verbundenheit war viel, viel bedeutsameren Ursprungs. Er war tief im Grund meines Herzens eingraviert, damit ich ihn niemals wieder in meinem Leben vergessen konnte. Ich tat das alles hier nicht, weil mich ihm gegenüber schuldig fühlte. Ich tat es, weil ich mich in ihn verliebt hatte. Weil der Blitz mich getroffen hatte und ich ihn heute in einem ganz anderen Licht betrachtete als früher.
Er war für mich nicht mehr nur der Junge, der mich geschaffen hatte. Er war mein Leben. Meine große Liebe. Ich war verrückt nach ihm. Ich war vollkommen verrückt nach ihm. Mein Herz hatte mir ganz unmissverständlich vor Augen geführt, dass sich zwischen uns viel mehr abspielte als nur ein freundschaftliches Verhältnis. Wir waren Partner. Liebende. Seelenverwandte. Wir gehörten zusammen. Für alle Zeit, das spürte ich.
Seit es vor drei Jahren zwischen uns begonnen hatte, wusste ich, dass ein Leben ohne ihn für mich überhaupt nicht mehr in Frage kam. Viel zu tief war dafür meine Liebe zu ihm. Zu tief hatte er mein bis vor kurzem noch einsames Herz berührt. Hatte es als erster und einziger Mensch auf dieser Welt geschafft, es zum Schmelzen zu bringen. Es war wie heißes Wachs zerronnen, noch ehe ich überhaupt gewusst hatte, was da eigentlich mit mir passiert. Hatte mich geradewegs in seine Arme geführt und mir klargemacht, dass er derjenige war, für den es schlagen wollte.
Ohne es überhaupt richtig zu realisieren, war ich auf ihn zugelaufen und hatte meine Arme um ihn geschlungen. Hatte mein Gesicht gegen seines gedrückt und seine warmen, weichen Lippen geküsst. Mich von ihm streicheln und meine Gefühle die Führung übernehmen lassen. Ich hatte mich ihm hingegeben. Mich ihm voll und ganz hingegeben, ohne jede Rücksicht auf meine Vernunft und meinen Verstand.
An diesem heißen Juninachmittag waren plötzlich all meine Bedenken, dass ich ihm nichts bedeutete, beiseite geschafft und für immer zunichte gemacht worden. Denn an diesem Tag hatte ich gespürt, dass er mich liebte. Dass er mich wirklich aus der Tiefe seines Herzens liebte und brauchte. Dieser Tag hatte meine gesamte Welt, die bis dahin nur in tiefes Alltagsgrau getaucht war, mit einem einzigen Schlag wieder mit Farbenpracht gefüllt. Dieser Tag hatte mir bewusst werden lassen, dass ich sehr wohl in der Lage war, dieses bis dahin für mich so eigenartige Gefühl namens Liebe zu empfinden. Er hatte meine Ängste und Selbstzweifel ein für alle Mal besiegt und mir klargemacht, dass es die richtige Entscheidung war, mit ihm zu gehen.
Und noch etwas war an diesem Tag passiert. Noch etwas hatte sein Liebesgeständnis im Grunde meiner Seele ausgelöst. Noch ein Gefühl hatte mich überkommen, das mir bis zu diesem Tag ebenfalls völlig fern und fremd gewesen war. Ich hatte geweint. Zum allerersten Mal in meinem Leben hatte ich richtige Tränen geweint. Freudentränen, die sich angesichts seiner rührenden Worte und seines Versprechens, mich nie wieder alleinzulassen, einfach nicht mehr unterdrücken ließen.
Ich konnte sie nicht mehr zurückhalten. Zu viel Glück füllte mich aus an diesem Tag. Zu tief brannte die Gewissheit in mir, dass ich ihm so unglaublich viel bedeutete. Darum konnte ich, selbst wenn ich es wirklich gewollt hätte, meinen Tränen keinen Einhalt mehr gebieten. Also blieb mir wohl oder übel keine andere Wahl, als sie herauszulassen. Als zu fühlen, wie sie ungehindert meine Wangen hinunterflossen und mich mit einem Gefühl überschwemmten, das mir bis dahin vollkommen unbekannt gewesen war: Das Gefühl, das man als Liebe bezeichnete. Als echte, innige und endlos tiefe Liebe.
Die Liebe war es gewesen, die sich meines Herzens und Verstandes bemächtigt hatte und mich die Dinge zwischen ihm und mir plötzlich mit ganz anderen Augen sehen ließ. Sie war es gewesen, die mich seine Hand nehmen ließ, als er sie mir gereicht hatte. Sie hatte all die alten, einzigartigen Erinnerungen, die ich mit ihm verband und über all die Jahre in meinem Kopf weggesperrt hatte, wieder hervorgeholt und ihnen neues Leben eingehaucht. Sie hatte mir bewusst gemacht, dass es für mich ein Leben ohne ihn nicht mehr geben würde und konnte.
Von einem einzigen Augenblick zum anderen war aus ihm, aus meinem jahrelangen besten Freund, plötzlich der Sinn und das Streben all der Gefühle in mir geworden. Ich hatte mich verliebt. Ich hatte mich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben richtig verliebt.
Nur darum lag ich jetzt hier neben ihm, mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen, und spielte geduldig mit einer seiner seidigen, schokoladenbraunen Haarsträhnen herum. Nur darum teilte ich diese Wohnung am Stadtrand mit ihm. Darum freute ich mich jeden Morgen auf den verschlafenen Blick aus seinen königsblauen, kristallklaren Augen heraus, den er mir immer schenkte, wenn er aufwachte. Darum gab ich absolut alles dafür, um ein glückliches Schmunzeln in sein zartes Gesicht zu zaubern und mich von ebendieser Magie hinreißen zu lassen.
Ich war sein. Ich war für immer sein. Mein ganzer Lebensinhalt, meine sämtlichen Bemühungen, meine gesamte Welt kreiste einzig und allein um ihn. Nicht eine Bewegung, nicht eine Handlung meinerseits, die ich nicht ausschließlich für ihn ausführte.
Für ihn hatte ich schon so viele Dinge getan, die mich vor Beginn unserer Beziehung wahrscheinlich dazu veranlasst hätten, mich in der nächsten Ecke zu übergeben und noch einmal einen Blick auf mein Essen zu werfen. Für ihn stellte ich hin und wieder Sachen an, die ein Außenstehender wahrscheinlich nur belächeln und sich darüber lustig machen würde. Auf jemanden, der keine Ahnung von ihm und seinem wirklichen Ich, von seinen Wünschen, Sehnsüchten und geheimen Fantasien hatte, mochten diese Dinge freilich seltsam oder gar abstoßend wirken. Es mochte sein, dass es so jemandem die Sprache verschlagen würde, wenn er mich bei der Durchführung ebendieser Dinge beobachtete. Es mochte sein, dass keiner von ihnen es verstehen oder nachvollziehen konnte, wenn ich mich in die unterschiedlichsten, schillerndsten und ausgefallensten Rollen und Kostüme warf. Es mochte sein, dass niemand den wirklichen Sinn dahinter verstand, wenn ich meine Lippen mit knallrotem Lippenstift nachzog und in eine eng anliegende, schwarze Strumpfhose schlüpfte, über der ich stets ein passendes, ebenfalls schwarzes Negligee anhatte. Mochte sein, dass sie mich dann entweder für einen ziemlich überdrehten Schwulen oder einen Transvestit hielten. Mochte auch sein, dass sie sich hinter meinem Rücken das Maul zerrissen und sich darüber kaputtlachten.
Doch selbst wenn dem so war. Selbst wenn sie glaubten, mich verspotten und auslachen zu müssen. Selbst wenn sie Spaß daran hatten, mich damit aufzuziehen und mir Beleidigungen und verachtende Kommentare zuzurufen. Wenn sie meinten, mich als >Schwuchtel< oder >Tunte< beschimpfen zu müssen, dann bitte. Bitte, meinetwegen konnten sie das gerne tun. Meinetwegen konnten sie sich bis in alle Ewigkeit über meinen lächerlichen und völlig übertriebenen Aufzug lustig machen.
Aber das eigentliche Ziel ihres Spotts und Hohns würden sie damit um Längen verfehlen. Ihr Plan, mich durch blöde Sprüche oder Bemerkungen in Verlegenheit oder Scham zu bringen, würde nicht aufgehen. Er würde scheitern. Kläglich scheitern. All das Gerede und Getuschel über mich würde eines Tages von einem neuen, unerwarteten Skandal abgelöst werden. Der ganze Klatsch und Tratsch würde mit der Zeit von der Flut des Vergessens hinweggeschwemmt werden und eine neue, des Geredes nicht gefeite Sensationsmeldung an Land spülen. Meine Wenigkeit oder meine außergewöhnlichen Vorlieben würden mit einem einzigen Schlag Schnee von gestern sein. So war es hier schon immer gewesen. Neues kam, Altes ging. Altes ging, Neues kam. Bis in alle Ewigkeit.
Dimmsdale war ein kleines Kaff. Gerüchte und ihresgleichen machten hier für gewöhnlich ziemlich schnell die Runde. Kaum war der Rummel um einen angeblich welterschütternden Skandal halbwegs abgeklungen, wartete bereits der nächste, um ihn – fast wie vereinbart – abzulösen. Tratsch und Geplapper war hier unumgänglich und gehörte sozusagen schon zum gepflegten Gesellschaftsniveau. Wer nicht tratschen konnte, war hier ohnehin durch alle Raster gefallen. Nicht verwunderlich also, dass ein Aufschrei durch die ganze Stadt gegangen war, als die Sache zwischen uns beiden an die Öffentlichkeit gedrungen war. Als man herausgefunden hatte, dass wir beide ein Pärchen waren. Als bekannt geworden war, dass ausgerechnet er – der begehrteste Junge in ganz Dimmsdale – homosexuell veranlagt war.
Ebenso wenig verwunderlich, dass alle Blicke vorbeilaufender Passanten auf uns gerichtet gewesen waren, als wir Hand in Hand das 'Le peu d'étoile' –, grob übersetzt das 'Haus zum kleinen Stern', – den einzigen Schwulenclub in Dimmsdale verlassen hatten. Auch nichts Besonderes, dass man mich in meiner schwarzen Strumpfhose, meinem kurzen Kleidchen und den zwei silbernen Clips am Ohr angestarrt hatte, als wäre ich aus einer Nervenheilanstalt entsprungen.
All diese Gesten der Verwunderung, all die verblüfften oder entsetzen Blicke, die man Pärchen wie uns entgegenbrachte, hatten sich in dieser kleinen Stadt so etwas wie einen festen Bestandteil des alltäglichen Lebens angeeignet. Man bemühte sich, zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gab. Man versteckte sich hinter von Abneigung gezeichneten Masken, um das Eigentliche, das wirkliche Interesse an diesem Thema, welches in jedem einzelnen von ihnen brannte, zu verbergen.
Es war absurd. Es war wirklich geradezu absurd. Fast alle Bürger dieser Stadt hatten die besondere Gabe dazu, dieses sensible Thema einerseits mit Worten totzuschweigen, als wäre es ein hochansteckendes Krankheitssymptom, mit dem niemand in Kontakt treten durfte, aber andererseits auch die Anteilnahme in ihren Blicken, mit denen sie diese „komischen Anderen“, wie wir unter ihnen oft genannt wurden, zu verstehen versuchten.
Man spürte einerseits das dringende Bedürfnis der Stadt nach endgültiger Aufklärung über Homo-, Bi- und Transsexuelle, den Wunsch danach, an ihrem Leben, ihren Empfindungen und Gefühlen teilzuhaben, sie endlich vollständig zu integrieren in die Gesellschaft und damit jegliche Vorurteile und verqueren Ansichten früherer Zeiten ein für alle Mal vom Tisch zu fegen. Aber andererseits spürte man auch die Angst davor, mit solchen Menschen in direkten Kontakt zu kommen, mit ihnen zu sprechen, sie zu berühren. Den meisten Einwohnen Dimmsdales fehlte einfach der Mut dazu, ihnen aufgeschlossen und ohne Hemmungen zu begegnen. Es fehlte die Kraft, diese Tabugrenze, dieses ungeschriebene Verbot zu übertreten, sich ein Herz zu fassen und endlich festzustellen, dass Menschen wie er und ich auch nicht anders waren als sie. Es fehlte der gegenseitige Respekt und der Mut dazu, den ewigen Sticheleien und abfälligen Bemerkungen endlich ein Ende zu setzen und aufzuwachen aus dieser verqueren Darstellung von Recht und Unrecht.
Es fehlte ein Stoß. Der endgültige, kleine Schubs in die richtige Richtung. Der Mut, endlich abzulassen von den Vorurteilen der Vergangenheit und ein gemeinsames, hemmungsbefreites Miteinander anzustreben. Endlich aufzuhören mit beleidigenden und verletzenden Betitelungen wie 'Dreckiger Schwanzlutscher' oder 'Elender Arschficker'. Mit abwertenden Beschimpfungen und Spottrufen. Dimmsdale brauchte ein Zeichen, um endlich seine verworrene Weltanschauung abzulegen und auf den richtigen Weg zu kommen. Den Weg, der von allen Menschen, egal ob hetero- oder homo-, ob bi- oder transsexuell beschritten werden durfte.
Erst, wenn diese Hürde überwunden war, dann herrschte in dieser Stadt endlich die Art von Gleichberechtigung, die in den Gesetzestexten festgehalten wurde und die es sich für jeden einzelnen Bürger Dimmsdales anzustreben lohnte. Erst dann, wenn ein schwules Pärchen wie er und ich nicht mehr schief angeschaut wurde, wenn es Hand in Hand über die Straße ging, wenn das Wort 'Norm' endlich durch das Wort 'Gemeinschaft' ersetzt wurde, erst dann war jenes Ziel der Gleichberechtigung, jenes Streben nach gemeinsamem Miteinander vollständig erreicht. Doch bis dahin, das spürte ich tief in mir, war es noch ein sehr, sehr langer Weg.
Ein Anflug von Traurigkeit breitete sich in mir aus, während ich mir in Gedanken die Schattenseiten unseres inzwischen dreijährigen Zusammenlebens noch einmal ganz deutlich vor Augen führte. Auch eine Spur Wut war dabei, die sich jedoch nicht gegen Dimmsdale selbst, sondern vielmehr gegen seine verstaubten und abgeschundenen Ansichten bezüglich gleichgeschlechtlicher Liebe richtete.
Auch wenn ich schon oft genug versucht hatte, es zu begreifen, schon viel zu oft mit ihm die Nächte zerredet hatte, es wollte mir trotzdem noch immer nicht in den Kopf. Ich konnte nicht verstehen, warum eine ganze Stadt den direkten Kontakt zu uns bestmöglich vermied, nur weil wir glücklich verliebt waren. Ich begriff nicht, warum sie uns komisch anschauten, nur weil wir in der Öffentlichkeit ein paar kleinere Zärtlichkeiten miteinander tauschten. Ich konnte nicht verstehen, warum seine Eltern seit dem Tag, an dem er ihnen von uns erzählt hatte, nichts mehr von ihm wissen wollten. Ich verstand nicht, warum man mich auslachte und mir Schläge androhte, wenn ich mit einer Strumpfhose und silbernen Ohrclips die Straße entlanglief.
Was, zum verdammten Teufel noch einmal war es, weswegen die Einwohner hier eine so tiefe Abneigung gegen Leute wie uns hatten? Warum konnten sie uns nicht behandeln wie alle anderen Menschen auch? Hatten wir nicht dasselbe Recht, in dieser Stadt zu sein wie sie? Hatten wir nicht das Recht, akzeptiert zu werden als das, was wir nun einmal waren? Stand es uns nicht auch zu, unser Glück öffentlich ausleben zu dürfen, ohne verspottet oder ausgelacht zu werden? War das nicht die wahre Bedeutung von Gleichberechtigung?
Kalte Tränen fluteten mein Gesicht, während ich mir darüber Gedanken machte und tropften leise auf mein schwarzes Seidennegligee hinunter. Auch wenn ich für gewöhnlich nicht weinte, mich nicht von meinen Tränen überwältigen ließ, sondern sie nahezu immer und überall versteckte und hinunterschluckte – in diesem Augenblick konnte ich einfach nicht anders. Zu weh tat mir die Erkenntnis, dass die Gesellschaft Dimmsdales uns beide niemals richtig akzeptieren, uns niemals dieselben Rechte wie einem Hetero-Pärchen einräumen würde, wenngleich sie eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet war. Doch was kümmerten den Einzelnen schon irgendwelche Verpflichtungen, wenn es darum ging, den eigenen Sturkopf durchzusetzen und jede Einsicht, sowie jeglichen Widerspruch zu verweigern?
Ein Schmerzenslaut, den ich vergeblich zu unterdrücken versuchte, drang aus mir heraus und ließ ihn aus seinen langsam verblassenden Träumen heraus die Augen aufschlagen. Mit einem lauten Gähnen rappelte er sich ein kleines Stückchen hoch, suchte meinen Körper, bis er schließlich meinen Arm umfasste und mir ein ganz verschlafenes Lächeln zukommen ließ. „Guten Morgen, Black Baby“, flüsterte er mir mit zärtlicher, noch schlaftrunkener Stimme zu und legte seine andere Hand auf meine Schulter.
Ein weiteres Winseln drang aus mir heraus, ein bisschen lauter diesmal, und schien seine sämtlichen Sinne vollständig wach werden zu lassen. Ganz behutsam ließ er seine Hand an mir hinaufwandern, streichelte zärtlich meine Wange und wischte dabei eine Träne fort. Erst jetzt schien er richtig bei Bewusstsein zu sein, der Trancezustand seines Schlafes war mit einem Schlag völlig abgeschüttelt.
„Black Baby...“, flüsterte er leise und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während sein morgendliches Lächeln sich langsam auflöste. „Du... du weinst ja“. Ich erwiderte nichts darauf, ließ stattdessen nur ein erneutes Schluchzen verlauten und biss mir mit tränengetrübtem Blick auf die Unterlippe. „Hey Baby...“, wisperte er erneut, dichter in mein Ohr dieses Mal. Wieder blieb ich stumm, konnte nichts weiter tun, als meinen Tränen nachzugeben, die ungehindert über meine Wangen kullerten und auf mein seidenschwarzes Negligee hinuntertropften, es mit Salz und Wut verunreinigten.
Ich spürte seinen Kuss auf meinem Gesicht und seine Hand in meinen Haaren, während er mich vorsichtig an sich drückte, mich wortlos darum bat, meinen Kopf anzulehnen und auf seine Schulter zu legen. „Black Baby“, versuchte er es noch einmal, während er mich in eine sanfte Umarmung hineinzog. „Was ist denn los, hm? Warum weinst du? Was ist passiert?“. „Nichts“, antwortete ich leise, als ich endlich meine Stimme wiedergefunden hatte. „Gar nichts ist passiert. Genau das ist ja das Problem dieser ganzen, gottverdammten Stadt!“.
Ich schrie diese Worte aus mir heraus, ohne dass ich mir dessen richtig bewusst war und verschreckte ihn damit ein bisschen. Sein Gesichtsausdruck nahm besorgte Züge an, während seine Hand mein Haar streichelte, um mich wieder zu beruhigen. Er verstand, das wusste ich genau, auch ohne ein weiteres Wort von mir, warum ich in diesem Augenblick so aufgelöst war. Er verstand meine Tränen, derer ich mich in seiner Gegenwart nicht zu schämen brauchte, weil ich wusste, dass er sie in manchen, stillen Nächten ebenfalls nicht unterdrücken konnte. Er verstand meine Sorge um diese Stadt, die sich gegen Außenseiter wie uns verschworen hatte, auch ohne dass ich sie mit nur einer einzigen Silbe erwähnen musste.
Er kannte meinen Kummer, meinen Schmerz. Er spürte, wie sehr es mir zusetzte, ausgestoßen zu sein, nur weil ich nicht den üblichen Idealen eines Mannes entsprach. Weil ich Lippenstift auflegte und Negligees trug. Weil es mir gefiel, den weiblichen Part unserer gleichgeschlechtlichen Beziehung zu spielen.
Er teilte meine Sorgen, das wusste ich, auch wenn er, im Gegensatz zu mir, seltener mit ihnen konfrontiert wurde. Weil er trotz seines Bekenntnisses zur homosexuellen Liebe noch immer heißbegehrt unter ihnen war. So war es schon seit ich mich erinnern konnte gewesen und sein Outing als schwul hatte seinem Beliebtheitsstatus nicht den geringsten Abbruch getan. Er bildete die allseits bekannte Ausnahme der ungeschriebenen Regel, dass Menschen, die sich einer anderen Sexualität zugehörig fühlten als der eigenen, mit Spott und Hohn zu überschütten waren.
Er war beliebt. Er war schon immer beliebt gewesen. Niemand hatte ihn jemals dafür verlacht, dass er sich zur Gruppe jener anderen zählte, bei denen das Interesse am eigenen Geschlecht ganz klar überwog. Ihm tat man nichts, wollte man nichts, weil er Dimmsdales Liebling war. Dimmsdales vollkommener und unverwundbarer Liebling.
Timmy Turner, das Musterkind dieser kleinen, von Vorurteilen geplagten Stadt. Nur ihm allein hatte ich es zu verdanken, dass man mir, bis auf eine beleidigende Bemerkung oder einen dummen Kommentar hier und da, noch nichts angetan hatte. Nur ihm hatte ich es zu verdanken, dass die Bürger der Stadt es duldeten, wenn ich mich in meinem femininen Aufzug vor die Wohnungstür wagte. Es war sein Einfluss, durch den ich geschützt wurde. Weil er mich liebte, weil ich ihm etwas bedeutete, blieb ich von feindseligen Attacken der anderen verschont. Ihm verdankte ich diese geringe Spur von Akzeptanz, mit der mir die Menschen hier begegneten.
Sie ließen mich in Ruhe, weil sie ganz genau wussten, dass sie ihn verärgern würden, wenn sie es tatsächlich wagten, mir etwas anzutun. Weil sie wussten, dass ich unter seinem Schutz stand, dass ich sein kleines >Black Baby< war, das er mit Leib und Leben verteidigen würde, wenn die Notwendigkeit dazu bestand. Weil sie alle wussten, dass es keinen Sinn machen würde, gegen ihn anzukämpfen. Weil jeder, der es auch nur ansatzweise versuchte, daran zugrunde gehen würde.
Er war das Kind der obersten Mächte. In ihm vereinigten sich alle Energien der Elfenwelt. Er war der Sohn der Könige, besaß Kräfte, die sich ein Sterblicher nicht einmal in seinen kühnsten Träumen auszumalen vermochte. Kräfte, die er ganz frei nach seinem Willen einsetzen konnte, um jedes sich erdenkliche Ziel zu erreichen. Kräfte, die selbst die des obersten Richters der Elfen, Jean Claude van Ramme, um Längen überstiegen. In ihm spalteten sich Licht und Schatten, Sonne und Mond.
Er war der Prinz aller Elfen, der Führer all ihrer Schlachten und Kriege, die alle Zauberwesen der übernatürlichen Welt seit Jahrtausenden miteinander austrugen. Er war ein Kind des Lichts, stets beschützt von der allesübergreifenden Macht der Könige. In ihm war die Unsterblichkeit des Rates, des obersten Elfenrates, wiedergeboren worden. Und diese Unsterblichkeit, diese unvorstellbare Kraft, die in ihm schlief und die er zu jeder Zeit wiedererwecken konnte, war es, der jeder Einwohner in Dimmsdale mit Ehrfurcht begegnete.
Durch sie – durch dieses Geschenk, das die Könige ihm hatten zuteilwerden lassen, damals, an seinem vierzehnten Geburtstag – wurden wir beide geschützt vor den feindseligen Angriffen der Menschen. Durch sie stand unserer gleichgeschlechtlichen Liebe nichts im Wege, dank ihr wurden wir geduldet.
Timmy war kein gewöhnlicher, pubertierender Junge, keines der vergänglichen Kinder dieser Erde. Er war ein Prinz. Der Prinz des Königreichs einer anderen, für normal Sterbliche unzugänglichen Welt, in der die Könige des Lichts seit Anbeginn aller Zeit regierten und ihre Wacht hielten über das Gute und das Schlechte, über den Schatten und das Licht auf diesem Planeten. So war es immer gewesen, seit der Entstehung unseres Universums. Dies war die eine und einzige Wahrheit jedes Glaubens, in ihr liefen alle von den Menschen aufgestellten Theorien zusammen.
Unsere Welt, wie wir sie seit Urzeiten kannten und liebten, stand seit ihrer Entwicklung unter dem heiligen Schutz der Götter des Lichts. Sie waren es einst gewesen, die uns Menschen das Leben geschenkt und uns diese Erde, dieses heiligste all ihrer Besitztümer, als Zeichen ihrer Liebe überlassen hatten. Das war die Wahrheit. Die eine und einzige Wahrheit, an die ich seit Timmys Krönungszeremonie zum Prinz des Lichts unnachgiebig und aus felsenfester Überzeugung heraus glaubte.
Es war nicht irgendeine Verschwörungstheorie, kein Sakrileg gegen das irdische Glaubensgut der Menschen und Gott, keine banale Behauptung, die aus purer Langeweile heraus entstanden war. Keine Versündigung gegen geltende heilige Gebote. Es war die Wahrheit. Schlicht und ergreifend die Wahrheit. Und Timmy und ich waren ein Teil dieser im Dunkeln liegenden, ins menschliche Vergessen gedrängten Wahrheit. Wir waren ein Teil der Schöpfungsgeschichte unserer Welt. Nur wir beide kannten sie. Nur wir beide lebten sie.
Er und ich – wir waren einst von den Königen auserkoren worden, diesen Kern der wirklichen Glaubenswahrheit mit uns zu tragen und gemäß ihren göttlichen Weisungen weiterzugeben, von Generation zu Generation, damit die Menschen, das irdische Volk, sie niemals vergessen würde.
Freilich, hätte man mir vor drei Jahren so eine Geschichte erzählt, hätte mir jemand weismachen wollen, dass der Kern unserer Welt schon immer existiert hatte, dass er einst von Göttern des Lichts geschaffen worden und nur durch sie in der Lage war, weiter zu bestehen, ich hätte denjenigen wahrscheinlich auf schnellstem Wege in die nächste Nervenheilanstalt eingewiesen. Nie und nimmer hätte ich so einen abstrusen Quatsch geglaubt, geschweige denn, mich weiter mit so einer völlig haltlosen These, die kein Mensch jemals mit Beweisen unterlegen konnte, befasst. Ich hätte wahrscheinlich nur gelacht und meinem Gegenüber, der diesen sinnlosen Schrott von sich gibt, den Vogel gezeigt.
Aber seit Timmy und ich vierzehn gewesen waren, wusste ich, dass all dies kein an den Haaren herbeigezogener Quatsch war. Seit man uns an jenem schicksalhaften Tag in die Elfenwelt zitiert hatte, um uns einzuweihen in die heiligen Geheimnisse jener Mächte, wusste ich, dass es die Wahrheit war. Die absolute, vollkommene Wahrheit. Ich war dabeigewesen, als man Timmy in sein Amt als Prinz des Lichts eingewiesen und ihm den eigentlichen Grund seiner damals vierzehn Jahre zurückliegenden Geburt offenbart hatte. Er war ihr Auserwählter. Der eine und einzige Mensch, den die Könige für würdig befanden, ihn mit ihrer Schöpfungsgeschichte vertraut zu machen.
Und auch ihm war es anfangs natürlich mehr als nur schwer gefallen, ihren Worten, die an jenem Tag nicht den geringsten Sinn für uns ergaben, zu folgen. Erst nach und nach hatten wir realisiert, dass sie der Wirklichkeit entsprachen, dass es nichts als die Wahrheit war, die wir da zu hören bekamen. Erst nach und nach mussten wir lernen, mit dieser Offenbarung, diesem Geheimnis des Universums zu leben, es zu akzeptieren und den Willen der Könige auszuführen. Nur Stück für Stück wurde ihm und mir klar, welche Ehre wir damit erhalten hatten und welch großes Vertrauen die Mächte in uns beide haben mussten. So groß, dass ausschließlich wir beide das Privileg besaßen, unter ihrem allumfassenden Schutz zu stehen, gegen jede Art von Angriff resistent zu sein.
Oft hatten wir damals die Nächte zerredet, darüber diskutiert, wie wir mit so viel Verantwortung, mit so viel grenzenloser Macht in unseren Händen umgehen und leben sollten. Oft hatten wir überlegt, ob es nicht besser war, den Rat der Könige noch einmal aufzusuchen und sie um Erlösung aus dieser Pflicht zu bitten. Oft hatten wir zusammen geweint, weil wir nicht wussten, warum ausgerechnet wir beide es sein sollten, die auf Erden im Dienste der Götter handelten, zu allem Überfluss auch noch in einer solch starrköpfigen und unbelehrbaren Stadt wie Dimmsdale.
Doch all unsere Sorgen, die ebenjenes Thema betrafen, alle Fragen, die wir uns stellten, alle Zweifel, die damit verbunden waren, lösten sich bereits wenige Zeit später, genauer gesagt an Timmys fünfzehntem Geburtstag, in Rauch auf. Denn an diesem Tag, der mir bis heute ins Gedächtnis gebrannt ist, fand Timmys Krönungsfeier zum Prinzen des Lichts, zum würdigen Nachkommen der Räte und Könige, statt. An diesem Tag wurden all unsere Ängste vor dieser tiefen Macht ein für alle Mal vom Tisch gefegt und uns alle Fragen mit weisen, des Zweifels nicht würdigen Argumenten beantwortet.
Wir seien, so sprach der Älteste unter ihnen, das einzige Paar dieser von ihnen geschaffenen Welt, die einander mit klarem Herzen liebten und sich bedingungslos vertrauten. Wir seien das einzige Paar unter Milliarden, das Liebe nicht als ein Gefühl betrachtete, sondern als das, was sie in Wirklichkeit war: Eine Kraft. Eine magische Anziehungskraft zwischen zwei Seelen, die unsere beiden Leben über die Grenzen jedes irdischen Denkens hinaus verknüpfte. Wir seien das einzige Paar, das die Liebe bis zu ihren Wurzeln ergründet und nie aufgehört hatte, an sie zu glauben. Das einzige Paar, das der Nachfolge der Könige eines Tages würdig wäre.
So hatte man es uns erklärt. So hatte der Älteste gesprochen und uns immer wieder an den Ursprung, an den Quell jeder Liebe erinnert. Liebe, so sagte er, käme nicht aus dem Herzen oder aus dem Verstand. Sie käme aus der Seele, aus dem Unsterblichen, das jeder Mensch in sich beherbergte.
Selbstverständlich war auch diese Offenbarung zu viel für uns beide, zu tiefgründig und fern für unseren menschlichen Verstand gewesen, als dass wir sie hätten begreifen können. Denn zu diesem Zeitpunkt waren wir nichts weiter als zwei sterbliche Jungs gewesen, nichts weiter als zwei Menschen, wie sie noch in milliardenfacher Ausführung auf Erden zu finden waren. Erst später, nach der heiligen Krönungszeremonie, nachdem uns beiden ein Stück der grenzenlosen Macht der Könige eingehaucht und zuteilgeworden war, hatten wir langsam zu begreifen begonnen.
Heute, drei Jahre nach diesem Ereignis, erschienen mir alle Wahrheiten der Götter, alle damals geradezu angsteinflößenden Theorien und Behauptungen so logisch wie die Luft, die man zum Atmen brauchte. Heute wusste ich um die Verantwortung, die wir beide trugen. Ich wusste um meine Mission auf dieser Welt. Und ich führte sie aus. Ich führte sie jeden einzelnen Tag aufs Neue aus. Zwar hatte sich seit dieser Zeit einiges in meinem Leben stark verändert, doch eines würde für alle Zeiten gleich bleiben: Die Erkenntnis und Annahme der Wahrheit. Der einen und einzigen Wahrheit.
„Black Baby“. Timmy flüsterte mir ganz leise zu, während er noch immer durch meine schwarzen Haare streichelte und mich fest gegen seinen Körper gepresst hielt. Meine Tränen und die Wut über die Menschen Dimmsdales, über ihre Uneinsichtigkeit, ihre Verschlossenheit gegenüber der echten, der wahren Liebe und ihr Festhalten an den verstaubten, abgetragenen Ansichten, waren inzwischen verraucht und versiegt. Ich hatte keine Angst mehr davor, von den Leuten ausgelacht und verspottet zu werden für meinen, wie es einmal ein Passant, der zufällig an mir vorbeigegangen war, bezeichnet hatte, 'flittchenhaften Weiberfummel'. Ich hatte keine Angst mehr, meine Rolle als Frau in der Öffentlichkeit zu spielen. Ich fürchtete mich nicht, weil ich wusste, dass ich die größte Macht, die man sich vorstellen konnte, auf meiner Seite hatte: Timmys Liebe. Timmys abgrundtiefe, alles überwindende Liebe zu mir.
Er und ich, wir waren die Prinzen des Lichts. Wir waren ausgewählt worden, diese Welt zu überwachen und zurück auf ihren rechten Weg, auf das Streben nach Gemeinschaft, nach Nächstenliebe und Vertrauen zu führen. Unsere Liebe war die stärkste Kraft, die wir gegen die Uneinsichtigkeit der Menschen zum Einsatz bringen konnten. Unsere Liebe, das wusste ich genau, würde eines Tages dazu beitragen, diese Welt endlich zu befreien von ihrem Hass auf sich selbst.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, während ich darüber nachdachte. Ein Lächeln der Zuversicht und der Hoffnung. Timmy bemerkte es selbstverständlich und streichelte ganz zärtlich über meine Wange, löschte damit die letzte Spur meiner Tränen vollständig aus. „Wieder gut?“, fragte er mit leiser, fürsorglicher Stimme, was ich mit einem kurzen Nicken und einem Kuss bejahte.
„Eines Tages, Tim-Tim“, flüsterte ich ihm optimistisch zu und spürte die Kraft der Könige in mir aufsteigen, die mir neuen Mut gegeben hatte, an die Erfüllung unserer Mission zu glauben. „Eines Tages wird diese Stadt bereit sein, den wahren Sinn der Liebe zu erkennen. Eines Tages werden sich all unsere Mühen auszahlen. Eines Tages werden wir zusammen den Platz der Könige einnehmen und dafür sorgen, dass die gesamte Menschheit den wahren Wert unserer Welt wieder schätzen lernt“.
„Das werden wir, Gary Baby“, stimmte er mir zu, mein Lächeln erwidernd. „Eines fernen Tages werden wir das. Und bis dieser Tag da ist, werden wir die Zeit, die wir zusammen haben, in vollen Zügen genießen. Wir beide wissen schließlich, was wir an unserer Liebe haben, nicht wahr?“. „Mhm“, stimmte ich ihm mit einem kurzen Seufzen zu. „Ja, Tim-Tim, das wissen wir. Ich wünschte nur, die Menschheit wüsste es auch“.
„Eines Tages wird sie es erfahren, Gary“, antwortete er optimistisch lächelnd. „Eines Tages wird sie die Wahrheit unserer Welt erkennen und sich mit ihr auseinandersetzen, so wie wir es einst getan haben. Eines Tages wird es noch mehr Paare wie uns geben, die von den Mächten ausgewählt werden, um die Unsterblichkeit der Liebe aufrechtzuerhalten“.
„Ja, eines Tages“, gab ich ihm erneut Recht. „Eines Tages ganz bestimmt“. Vorsichtig wischte er mir noch einmal über die Wangen, bevor er seine Hände in meinem Haar vergrub und es ganz zärtlich streichelte. „Ich liebe dich, Black Baby“, flüsterte er dabei, während ich meinen Kopf gegen seine Schulter lehnte und zufrieden meine Augen schloss. „Ich dich auch, Prinz des Lichts“, antwortete ich, während wir uns wieder zurücklehnten und den trüben Septemberregen, der von draußen gegen die Fensterscheibe klopfte, ignorierten.
Ewig, dachte ich dabei und fühlte eine innere Ruhe in mir aufsteigen. Ewig werden Tim-Tim und ich zusammen sein. Ewig werden wir uns unter dem Schutz der Könige die Hand reichen und miteinander gehen. Ewig wird diese Liebe zu ihm halten. Weil sie unbesiegbar ist.
Unbesiegbar und seelentief.
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