Schiffbruch

KurzgeschichteSuspense, Tragödie / P18
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
04.10.2016
11.10.2016
2
3073
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Liebe LeserInnen,

es ist schon wieder so weit – ich habe einen Oneshot geschrieben und mir ist noch eine zweite Sache eingefallen, die thematisch oder anderweitig dazu passte, weshalb sie dann doch unter einem gemeinsamen Titel erscheinen sollten... Na ja, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, oder wie war das noch? ;) Deshalb auch heute schon der Upload, denn mir war grad danach.
Ich will euch auch gar nicht großartig mit dieser kurzen Vorbemerkung langweilen, sondern bloß ankündigen, dass es wie gewohnt eben nächste Woche Dienstag das zweite Kapitel geben wird. Beide OS sind sehr alternativ (sind also nicht im Canon), nur als Vorwarnung.

LG und viel Spaß,
Erzaehlerstimme


Stillwasser


(Inspiriert von 'Shipwrecked', Shane Alexander)

„DU BIST MEIN AUFTRAG!!!“ ruft er wütend und schlägt dem Fremden ins Gesicht.
So lange, bis die Haut beinahe davon aufreißt und bedrohlich anschwillt. Sie ist schon verfärbt von der Kraft, die auf sie niederfährt. Er wird nicht aufhören, bis die Zielperson tot ist.
Nein, das passiert ihm nicht, er wird sich nicht einschüchtern lassen. Der Fremde kann erzählen, was er will, doch wird er ihm nicht zuhören. Er ist effektiv und das weiß der andere, deshalb hat er Angst.
Und deshalb versucht er ihn mit irgendwelchen erlogenen Geschichten zu beeinflussen. Das wird er nicht zulassen. Nie und nimmer, denn er ist jetzt schon so weit gekommen.
„Dann bring ihn zu Ende“, röchelt der Fremde, der unter ihm eingeklemmt ist und sich nicht einmal mehr gegen die Schläge wehrt. Er muss wahnsinnig sein. Sie beide müssen es sein, denn sie sind hier immer noch in diesem abstürzenden Helicarrier.
Er muss das hier schnell zu Ende bringen und dann das Weite suchen.
Noch ein paar Mal schlägt er auf den Blonden ein, bis der fast das Bewusstsein verliert. Doch reicht das hier nicht. Beim Kampf hat der Mann ihm die Schulter ausgekugelt und er trägt auch keine Waffe mehr bei sich.
Verärgert erhebt er sich und sucht in den sich ständig bewegenden Trümmern sein Messer, das konnte noch nicht weit weg gerutscht sein. Und tatsächlich – er findet es nur wenige Meter von sich entfernt auf einer Glasscheibe liegen.
Kraftvoll greift er das Messer mit seiner mechanischen Hand und läuft zurück zu der Zielperson, deren Augen unkontrolliert in alle Richtungen rollen. Der Mann kommt wieder zu Bewusstsein, deshalb muss er sich beeilen.
Viel mehr Chancen würde er heute nicht mehr bekommen, sonst gehen sie nämlich beide drauf. Dabei soll nur der Mann vor ihm sterben. Das ist seine Aufgabe und ein Scheitern wird nicht akzeptiert.
Er hockt sich wieder über den Fremden und packt das Messer fester, sodass es ihm auch ja nicht aus der Hand gleiten kann. Es darf nichts mehr schiefgehen.
Dann holt er aus und sticht es dem Mann direkt in den Brustkorb. Die Überlebenschancen sind hier gleich Null. Zufrieden lehnt er sich ein Stück zurück und versucht zu Atem zu kommen. Der Fremde hat die Augen geweitet, er sieht ihn regelrecht schockiert an.
Ein Film beginnt vor seinen Augen abzulaufen. Da sind noch mehr Menschen, die ihn so ansehen, bevor sie ihren letzten Atemzug aushauchen. Er hat sie alle getötet. Was aber ist das?
Die Vergangenheit?
Ein Traum?
Er weiß es nicht.
Und er kann den Blick nicht von dem Blonden nehmen, aus dessen Mundwinkel ein dünner Faden Blut zu laufen beginnt. Er greift nach seinem mechanischen Arm und drückt zu – doch nicht feindselig.
Eher hilfesuchend.
Als wäre er ein Anker, der ihm Sicherheit gibt.
Bucky...“, ächzt der Mann und das Blau seiner Augen beginnt sich zu trüben.
„Ich hätte es mit dir durchgestanden“, bringt er mit letzter Kraft hervor und sackt dann kraftlos in sich zusammen.
Sein Schädel beginnt zu arbeiten. Unangenehme Mengen an Bildern fluten seinen Kopf und er sieht diesen Fremden vor sich. In vergangenen Zeiten. Im Nebel.
Weit entfernt in der Dunkelheit.
Er hat ihn gekannt. Mehr als gut hat er ihn gekannt. Sie sind Freunde.
Oder besser: Sie waren es.
Wirklich?
Spielt ihm sein Verstand einen Streich?
Verliert er gerade vielleicht sogar den Verstand?
Er lässt sich zurückfallen und setzt sich neben den toten Körper seiner Zielperson. Er hat mehrmals auf ihn geschossen, doch hat es lange gedauert, um den Mann überhaupt zu Boden zu ringen. Die Kraft hat er nicht richtig eingeschätzt.
Sein Blick fixiert immer noch das Gesicht des Mannes. Es ist schon ziemlich blass und eingefallen. Ein toter Mensch. Nicht mehr als ein Körper, der einer Wachspuppe gleicht.
Ich hätte es mit dir durchgestanden...
Die letzten Worte des Mannes hallen ihm durch seinen rege arbeitenden Geist und lösen etwas in ihm aus – eine Erinnerung. Der Blonde steht vor ihm und ist kleiner als er. Sie sprechen miteinander.
Und sie sind Freunde. Es ist lange her.
Sehr lange.
So lange, dass es schon fast nicht wahr sein kann.
Er kann den Blick nicht von dem Toten nehmen, obwohl die Stahlkonstruktion um sie herum nun endgültig einzustürzen beginnt. Es interessiert ihn nicht besonders. Denn die Erinnerung fesselt ihn umso mehr, jetzt da er sie fassen kann.
Sie sprechen über eine verstorbene Frau. Die Mutter des Fremden. Sein Name ist Steve...
Steve.
Nein...
„Nein, Steve“, kommt es ihm leise über die Lippen. Er hat gerade seinen besten Freund getötet. Das war es, das sein Gegner ihm die ganze Zeit hatte sagen wollen. Er hatte gewusst, was sie miteinander verband.
Doch warum hatte er das bis gerade nicht mehr gewusst?
Es ist auch egal, denn nun ist es zu spät.
„Steve“, wiederholt er sich, obwohl er weiß, dass er ihn nicht mehr hören kann. Verzweiflung und wilde Trauer machen sich in ihm breit. Entsetzen, Ekel und Hass – für sich selbst und die Menschen, die ihn dazu gebracht haben.
„Steve!“ wird er lauter und hockt sich wieder neben die Leiche, sodass er in das bleiche Gesicht sehen kann. Er spürt wie sein Gesicht heiß wird und seine Augen zu brennen beginnen. Er hat gerade seinen besten Freund getötet. Ermordet. Erstochen. Eiskalt beseitigt, genau wie er es gesagt bekommen hatte.
Er ist ein Monster.
Ein Ungeheuer.
Eine Bestie.
Warum ist Steve nun tot und er noch am Leben?
Das Gefühl von absoluter und alles zerfressender Leere macht sich in ihm breit, während ihm die Augen in Tränen zu ertrinken drohen. Er schreit.
Er kämpft.
Er brüllt.
Er heult.
Wie ein angeschossenes Tier, das seiner Mutter und damit der Sicherheit entrissen wird. Es sind nicht die anderen, die ihm alles genommen haben – das ist er selbst gewesen. Weil er ihnen geglaubt hat.
Er hasst.
Er verachtet.
Er verzweifelt und er verliert den Lebenswillen.
Er ist alleine. Ab jetzt und für immer.
Der Helicarrier stürzt mit ihnen an Bord ab.
Der Fluss flutet das Innere und spült den Leichnam einfach weg, den er nicht einmal mehr ansehen kann. Er bewegt sich nicht, bleibt einfach sitzen.
So lange, bis die Flutwellen ihn auch mitreißen und in die Tiefe ziehen.
Wie er es verdient.
Und er stirbt.
Als Mörder seines besten Freundes.
Wie er es verdient...
Review schreiben