Ein Neuanfang

von Teutonius
KurzgeschichteFantasy / P12
02.10.2016
02.10.2016
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Verdammt, dachte sich Nathan, wie konnte das nur passieren? Während er vor dem Hauseingang unruhig flanierte, baute sich vor seinen Augen das Bild des schrecklichen Tathergangs auf. Er hatte davon zwar nur gelesen, als er heute morgen am Frühstückstisch saß und sein Croissant mit der Himbeermarmelade seiner Oma Christine aß, aber es hatte ihn zu sehr interessiert.
Reporter hatten erst an diesem Morgen einen Bericht veröffentlichen können, über einen Mord, der bereits vor zwei Tagen stattfand und bei dem sowohl Opfer, als auch Täter nirgends zu finden waren. Und obwohl beide der Polizei bekannt waren, gab es weder eine Leiche im Leichenschauhaus, noch wurde gesucht. Statt dessen hielt man alles geheim.
„Morgen wird sich sowieso herausstellen, dass es sich nur um einen Werbegag handelt.“, riss eine fremde Frau den verschlafenen, unaufmerksamen Reporter aus seinen Gedanken. Er sah zu ihr auf und musterte die warm lächelnde Frau mit Skepsis: „Ein Werbegag, sagen Sie?“ „Wir leben im 21. Jahrhundert.“, sprach sie beinahe eindringlich, als sei es für sie von Wichtigkeit, dass ihm das bewusst werde: „Es finden sich doch immer blödsinnige Redaktionen, die für ein neues Videospiel ein Aufsehen erregendes Ereignis schauspielern.“ „Wissen Sie denn etwas Genaueres? Wohnen Sie hier?“, fragte er, denn er war bereits am unteren Eingang des Mehrfamilienhauses gescheitert, da ihn niemand herein lassen wollte. Völlig aus den Gedanken gerissen schreckte er zur großen Verwunderung der Dame auf, schüttelte den Kopf und streckte ihr eilig seine Hand entgegen: „Wo sind denn meine Manieren! Entschuldigen Sie mich bitte vielmals! Mein Name ist Nathan, ich bin Reporter für die-„ Mit einem abermals warmen und breiten Lächeln hatte sie seine Hand ergriffen und ihre über beide gelegt, ähnlich wie es ein Pastor tat und sprach beruhigend: „Das macht doch nichts, Nathan. Aber ich rate Ihnen, sich nicht zu sehr für so eine Lapalie zu interessieren. Fahren Sie nach Hause, trinken Sie ihren Kaffe zuende und lesen sie morgen die Enthüllung nach.“
Kein Passant hatte etwas von diesem Gespräch mitbekommen. Niemand hatte bemerkt, dass ein interessierter Reporter ohne weitere Fragen nach Hause fuhr, sein Croissant in aller Ruhe aufaß und seinen Kaffe trank, als sei nichts gewesen. Niemand hatte am nächsten Morgen etwas anderes als das erwartet, was sich als Gerücht herumgeschlagen hatte: Eine Werbekampagne für ein Videospiel, in dem man als Kriminologe Fälle aufklärt. Der Reporter las den Bericht darüber und dachte unwissentlich nie wieder über die Frau nach.


Schweigend saßen sie einander gegenüber, schon seit einer Ewigkeit, bewegungslos. Am Ende jedoch konnte das Kind seine Frage nicht zurück halten: „Wieso das alles? Wie lange muss ich noch warten? …Rika?“ „Shhht. Sei still.“


Anderer Orts diskutierte man nun schon seit Stunden darüber, ob man dem Beschuldigten nun bestrafen wollte, oder nicht. Nur zwei von den acht, an dem großen, runden, vollhölzernen, dunklen Nussbaumtisch sitzenden Anwesenden, hielten diese Konferenz für sinnvoll. „Eines steht fest: Als kontrollierende Instanz dürfen wir keine Regelbrüche unbestraft dulden. Das schadet dem Respekt vor den Gesetzen und lässt uns inkonsequent dastehen.“, hatte ein Mann in grauem Nadelstreifenanzug seine Stimme über den Rest erhoben. Ihm gegenüber stand keine Widerrede, was ihn zufrieden lächeln ließ. Er verschränkte die Arme, wand sich an einen Kollegen in dunkelblauem Anzug und bestimmte: „Du wirst dir eine angemessene, dem Aufsehen entsprechende Bestrafung überlegen. Ich möchte, dass das Kind verschont wird und es von seinem Erzeuger lernen kann.“ „In Ordnung. Termin?“ „In 20 Stunden will ich das Ergebnis hören und wir stimmen darüber ab.“ Erneut keine Widerrede. „Vielen Dank für euer erscheinen. Guten Abend.“
Der Saal leerte sich und alle kehrten in ihre eigenen vier Wände zurück.


„Es hat verdammt viel Aufsehen erregt.“, argumentierte der Kunsthändler mit seiner Frau, während er seinen dunkelblauen, seiner Meinung nach nicht ausreichend feinfaserigen Anzug fein säuberlich in seinen Schrank hängte. Sie stimmte ihm nickend zu: „Rika hat vorhin am Telefon erzählt, dass sie einen Reporter namens Nathan getroffen hatte. Laut meinen Informanten hat niemand mit so einem Namen weitere Nachforschungen angestellt, also scheint sie erfolgreich gewesen zu sein.“ „Ich vertraue deinen Informanten, das weißt du, Liebes, aber wir können nicht wissen, ob er vielleicht etwas auf eigene Faust heraus gefunden hat und nun vielleicht auf der Flucht ist. Das wäre zumindest eine verständliche Reaktion, meinst du nicht?“ „Sicher. Sollen wir nach ihm suchen lassen?“ „Zumindest wäre es eine Sicherheit. Magst du das in die Wege leiten? Ich organisiere für beide Begebenheiten die angemessene Strafe.“ „Obwohl es mich wirklich verwundert, dass er sie beide lebend haben will. Was bleibt denn da übrig? Eine Lebensbegrenzung auf Zeit oder wie?“ „Auf so etwas wird es wohl hinaus laufen.“, stimmte er nickend zu und strich liebevoll lächelnd über ihr Haar.
Während er in sein Arbeitszimmer verschwand, überkreuzte sie die Beine und griff nach dem Telefon, um die notwendigen Telefonate zu führen. Sie hatte sich vor seiner Heimkehr ihr Mieder unter ihr Kleid gezogen und war etwas traurig, dass es wohl nicht zum Einsatz kommen würde. Nach getätigten Telefonaten verweilte ihr Blick sehnsüchtig auf dem „Rehe in der Dämmerung“ von Franz Marc.


Das Kind trommelte mit den Fingern im immer gleichen Rhythmus auf dem groben Eichenholz herum. „Sei still.“, bat sie es erneut, mittlerweile etwas genervter, etwas flehender: „Es tut mir leid, dich in diese Lage gebracht zu haben. Aber ich vertraue auf Arthur. Morgen ist alles wieder gut.“


„Ihr könnt doch Rika und das Kind nicht bis morgen da eingesperrt lassen.“, ließ sie ihre Empörung verlauten. Auch ihr Mann hängte in diesem Moment seinen Nadelstreifenanzug ordentlich in den Schrank zu den Anderen. „Wieso nicht? Sie sind ungestört und sicher.“ „Was ist mit Nahrung?“ „War meines Ermessens nach noch nicht von Notwendigkeit.“ Er strich die Seidenbettwäsche glatt und setzte sich. „Dieses arme Kind. Denk doch mal, es hat sowieso schon die schlechte Karte gezogen mit Rika. Da wäre nur Iason die noch schlechtere Wahl gewesen. Und dann willst du dem Frischling auch noch nichts geben? Eingesperrt? Es könnte sonstwas passieren. Die schöne Wohnung!“ „Rika wird schon Acht geben. Kommst du?“ Die zwei vergaßen ihre Sorgen für eine Weile wieder.


Das erneute Treffen, 20 Stunden später, hatte zu später Stunde wieder mit Begeisterung die Teilnehmer in den Konferenzraum gelockt. Der erste Anwesende, der noch alleine gewesen war, hatte mit den Drehstühlen und dem zweiten Eintreffenden auf dem Flur ein Stuhlrennen veranstaltet. So waren nun drei Viertel der Anwesenden erheitert und zwei Viertel enttäuscht und beschämt von ihrer Belegschaft und ein wenig genervt noch dazu. „Wenn wir uns dann nun also wieder mit voller Ernsthaftigkeit unserem Anliegen widmen könnten…“, eröffnete er und strich sich durch die kurzen, braunen Haare. Es wurde nur wenig ruhiger, aber nun ignorierte er die Störenden einfach und tat es als mangelnde Respektzollung ab. Er kannte solcherlei Verhalten von genau diesen Leuten bereits, denn so lief es meistens ab. „Arthur, bring deinen Vorschlag bitte vor.“ Dieser hatte daraufhin auf dem Wissen basierend, dass der Reporter tatsächlich nichts wusste und normal weitermachte, seinen Vorschlag ausgesprochen und zur Abstimmung gegeben. Man entschied sich einstimmig dafür. „Manuel, könntest du bitte Rika und das Kind zur Urteilsverkündung hier her bringen?“ Ein Koloss von Mann erhob sich nickend und stapfte aus dem kleinen Saal. Die Tatsache, dass der persönliche Handlanger des Chefs nun abwesend war, wurde von den restlichen fünf als Anlass zum Plaudern genommen, gegen dessen Geräuschpegel man nicht ankam. Erst als die zwei Delinquenten mit dem Koloss zurück waren und sich alle gesetzt hatten, kehrte die ersehnte, diesmal absolute Ruhe ein. „Rika. Da du ein geschätztes Mitglied dieser Runde bist, freue ich mich, dir dieses Urteil zu verkünden: Bis auf weiteres ist dir das Zeugen neuer Kinder verboten. Eine Zuwiderhandlung wird mit dem endgültigen Tod bestraft werden. Außerdem ist es dir nicht erlaubt diese Domäne zu verlassen, ganz gleich welcher Umstände halber.“ Rika nickte und erhob sich dankbar lächelnd, eine leichte Verbeugung andeutend. „Vielen Dank.“ Nachdem sie sich wieder gesetzt hatte, fuhr er fort. „Dieses Kind dort wird von dir lernen und ich erwarte von dir die übliche Kompetenz. Ich erwarte euch in zwei Tagen in meinem Büro. Du wirst selbstverständlich für dein Kind bürgen.“ „Verstanden.“ Die Atmosphäre hatte sich durch Rikas Anwesenheit zum Positiven verändert. Ihr warmes Lächeln beruhigte die hitzigen Gemüter. Sogar der Chef vergaß für einen kurzen Moment, dass er die Runde auflösen wollte, was er jedoch eilig nachholte. Die danach erneut startenden Rollstuhlrennen ließ er unkommentiert geschehen. Damit musst du dich nicht abgeben Ludwig, sagte er sich immer wieder leise im Kopf, sollen diese Idioten doch rumalbern.


„Was ist in zwei Tagen?“, fragte das Kind seine Erzeugerin. Diese hatte sich in ihren geliebten, roten, flauschigen Bademantel eingemummelt und drehte mit einer Gabel die Plastikverpackung im Wasserbad auf dem Herd. Von Mikrowellen zum Aufwärmen hatte sie nie viel gehalten und würde es auch nicht für ihr Kind ändern, ganz gleich wie oft es sich auf dem endlich überwundenen Heimweg über den Hunger beklagt hatte. „Du musst dich dem Obermufti vorstellen. Das muss jeder, der neu in die Domäne kommt, damit nicht jeder hier ein und aus geht.“ „Domäne?“ Das Kind legte die Beine hoch und kuschelte sich in die ultra flauschige Decke auf das Sofa. „Eine Domäne ist ein Herrschaftsgebiet. Zumindest glauben das diejenigen, die glauben zu herrschen. Und die, die ihm das glauben, die glauben dann auch daran und fügen sich freiwillig. Wie Schafe. Dumme Schafe.“ „Aber wenn wir uns vorstellen, tun wir das doch auch?“ „Nicht wir. Du! Und das auch nur, weil Ludwig und ich uns so gut kennen. Und es ist schwer unbemerkt in einer Domäne zu sein, vor allem mit einem Kind wie dir.“ „Pah, Kind!“, beschwerte es sich nun endlich. Jedoch wurde es unterbrochen, bevor es seinen Unmut äußern konnte: „Ein Kainskind. Kain war der erste aller Vampire, unser aller Ahne.“ Ganz kleinlaut gab der 23-Jährige nun bei: „Achso…“ „Ja. Jedenfalls musst du dich Ludwig dann vorstellen und möglichst einen guten Eindruck hinterlassen. Das war der Typ, der vorhin das Urteil ausgesprochen hat. Weißt du, wen ich meine?“ „Den in grau.“ „Jap. Also du musst dann sagen, dass du Victor heißt und dass du ein Kainskind vom Klan des Mondes bist.“ „Reicht Malkavianer nicht?“ „Nein.“, sie piekte mit der Gabel in die Lasche des Beutels und holte ihn heraus. Den roten Inhalt füllte sie in zwei Gläser und setzte sich dann zu ihrem dankbaren Frischling auf das Sofa. Der Fernsehr lief leise und zeigte eine belanglose Dokumentation über Tintenfische. „Isst du nie frisch? Du hast immer nur sowas gemacht, wenn ich hier war.“ „Ich wollte nicht, dass du mir dabei zusiehst.“, erwiderte sie ehrlich und lächelte warm. In diesem Moment fühlte sie sich ein Mal wieder so wohlig wie in ihrer alten Heimat, in ihrem alten Leben. Nur hätte sie statt etwa 40 Grad warmem Blut einen heißen Kakao mit Marshmallows in den Händen gehalten und sich mit ihrem Geliebten vor den Kamin gesetzt. Ihre Katze hätte neben dem Feuer auf dem Fellchen gelegen und gedöst und die Sterne würden durch das große Fenster zu ihrer Linken hineinscheinen. Verträumt seufzte sie und bekam einen sorgenvollen Blick von dem Mann neben ihr: „Was stimmt dich traurig, liebes?“ „Ach, nur Erinnerungen…“, sie strich durch Victors Bart und ließ dann ihre Hand kraulend in seinem Nacken verweilen. Sie kam von sich aus zurück zum Jetzt: „Ich muss dir die Tage zeigen, wie du dich selbst ernährst und worauf du achten musst. Und dann schauen wir mal bei Arthur vorbei, wenn das für dich okay ist? Oder willst du auch mal deine Ruhe von mir haben? Dann gehe ich alleine hin.“ „Ich denke, Kontakte knüpfen ist gut.“ „Ist es. Zumal Arthur und seine Frau echt nett sind. Und im Bett--„, sie hatte kurz zu schwärmen anfangen wollen, wusste aber, Victor würde wieder schmollen: „Naja. Und die zwei haben die größte Kunstsammlung, die ich je gesehen habe.“ „Ja? Wieso denn?“ „Toreador sind Liebhaber von Schönheit. Und Arthur war Kunsthändler und entsprechend in Gemälde vernarrt, während seine Frau selbst gemalt hat. Die zwei haben sich gefunden…“ Victor schmollte nun so oder so. Er wusste, sie beide hätten sich weit mehr Zeit nehmen müssen und würden nie so ein Paar darstellen. Rika hatte ihrerseits das Schweigen richtig interpretiert und störte sich dennoch nicht daran: „Zu viert lässt sich bestimmt auch was einrichten?“ „Nein danke.“, erwiderte er leise, ohne es jedoch so zu meinen. Sie beide wussten, dass es so war, und dass sie sich dafür liebten.


„Du kannst doch Rika nicht verbieten die Stadt zu verlassen. Sie muss das doch.“ „Muss sie halt schauen, wie sie zurecht kommt. Wer sich keine Genehmigung holt und dann auch noch fast die Maskerade bricht, ist selbst Schuld.“ „Aber sie hat doch auch alles Mögliche getan das wieder zu richten.“ „Ja, deswegen das milde Urteil.“ Niemand konnte Ludwigs Meinung ändern. Nicht einmal seine geschätzte Frau. Die vierzehnte, wohl bemerkt.


An einem tieferen Ort. Tropfen fallen von der Decke und finden ihren Weg durch die Sedimente, nachdem sie aufgeschlagen und zersprungen sind. Ihre Klänge sind vielfach an allen Wänden zu hören, bevor Neue sie ersetzen. Eine tiefe Stimme spricht ruhig: „Ein neuer Malkavianer also.“ Sie verhallt. Tropf. Tropf. „Ja.“, erwidert eine zweite, sehr viel rauchigere Stimme. „Mal sehen, ob das wieder in einer Katastrophe ausatet. Wer kümmert sich um das Kind, wenn es von Rika ist?“ „Rika selbst.“ „Sie lebt also?“ „Ja.“ „Ausgezeichnet.“


Der zu groß geratene Kerl, der nebenberuflich für seinen Prinzen Leute zusammenschlägt und ein wenig Druck macht, lehnt sich an die Bar und stellt sich einer ebenso zu groß geratenen Frau vor. Sie kommen nett ins Gespräch und tauschen Komplimente aus, bevor sie sich für weitere Nettigkeiten ein Zimmer nahmen.


„Achso! Wie heißt das?“ Rika brachte wie immer endlose Geduld auf und wiederholte es noch einmal, sinnlich lächelnd: „Verdunkelung.“ „Aber ich habe Angst im Dunkeln.“, erwiderte Victor, der fett grinste und eine gut gemeinte Ohrfeige erhielt. „Los jetzt, ich hab’s dir doch erklärt.“ Sie brachte viel Geduld auf und Victor nahm viele genervte Reaktionen in Kauf.
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