Yesterday is calling

von Siam
KurzgeschichteDrama, Familie / P12 Slash
Jared Leto Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
30.09.2016
30.09.2016
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Meinen ewig langen Ordner mit angefangenen Oneshots durchgeschaut und dann irritiert festgestellt, dass dieser Oneshot schon seit Ewigkeiten fertig, aber niemals online gestellt wurde. Ich muss an dem Tag, an dem ich ihn geschrieben habe, sehr harmoniebedürftig gewesen sein... Dementsprechend ist auch der Oneshot.
Shannon und Tomo sind zusammen. Es sollte wieder mehr Shomo in meinem Leben geben, habe ich festgestellt. Ivana spielt auch eine wichtige Rolle. Es sollte auch wieder mehr Ivana in meinem Lebven geben, stelle ich gerade fest.

Viel Spaß... und so.



Der Grabstein, den sie damals ausgewählt hat, ist schlicht, aber schön in seiner Schlichtheit. Zum ersten Mal bin ich hier und dabei ist es schon seit fünf Jahren tot. Heute vor fünf Jahren wäre sein errechneter Geburtstermin gewesen, aber so weit hat es das Kind nie geschafft. Sechs Monate hat es im Bauch seiner Mutter gelebt und dann einfach nicht mehr. Ich kenne den  Grund nicht, habe mich damals nicht erkundigt, ich wollte sie nicht stören, wollte nicht, dass sie sich quält, weil sie mir irgendwelche Details sagen muss, die ich am Ende vielleicht ohnehin nicht verstehen würde. Wir haben uns ja auch gar nicht so gut gekannt. Eine Nacht! Das ist nicht viel. Das ist gar nichts. Wenn es dieses Kind nicht gegeben hätte, dann würde ich mich wohlmöglich an diese eine Nacht gar nicht mehr erinnern.
Und wenn es da dieses andere Detail nicht geben würde. Ich streiche über den Grabstein. Über das geschwungene «M», das den Nachnamen einläutet und seufze. Es hätte nicht passieren dürfen. Ich hätte nicht mit ihr schlafen dürfen, dieses Kind hätte nicht gezeugt werden dürfen und dann wäre es auch nicht viel zu früh gestorben.

Aber es ist eben passiert. Ich habe mit ihr geschlafen, dieses Kind ist gezeugt worden und deswegen ich es auch viel zu früh gestorben. Gestorben ohne überhaupt die Möglichkeit gehabt zu haben zu leben. Hat es dann eigentlich existiert? Die Tatsache, dass ich vor dem Grab stehe und um dieses verlorene Leben trauere, spricht für seine Existenz. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Warum ich heute Morgen aufgewacht bin und mir mit einem Mal klar geworden ist, dass ich fast Vater geworden wäre und dass mich die Trauer darum, dass ich es nicht geworden bin, mich fast aus den Socken gehauen hätte. Warum kommt diese Trauer erst jetzt? Nach fünf verdammten Jahren? Ist das der Anfang meiner Midlife Crisis, weil mir mit einem Mal bewusst wird, dass ich familientechnisch so rein gar nichts erreicht habe? Aber ich habe nie das Bedürfnis nach einem Kind gehabt, ich bin mir immer verdammt sicher gewesen, dass das Konzept Familie so rein gar nicht in mein Leben passt. Es wäre egoistisch gewesen, wenn ich Kinder in die Welt gesetzt hätte, für die ich nie da sein könnte. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Ich weiß wie das ist. Und doch… Doch wünsche ich mir, dass es dieses Kind hätte geben dürfen. Auch wenn ich vielleicht nie für ihn da gewesen wäre. Aber wer weiß? Vielleicht ja doch? Vielleicht hätte ich mir, nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, ja auch Mühe gegeben und wäre ein guter Vater geworden? Ich kann es nicht wissen, ich werde es nie erfahren, denn es ist weg. Für immer. Und das bereits seit fünf Jahren und was bin ich für ein Mensch, dass mir das erst heute Morgen bewusst geworden ist?

Eine Bewegung aus meinem Augenwinkel lässt mich inne halten. Ich seufze, als ich sie erkenne. Und ich schließe einen Moment meine Augen, als ich sehe, wer mit ihr auf den Friedhof gekommen ist.

«Shannon?», Tomo schaut mich verwirrt an, als er zu mir an den Grabstein tritt. Seine Schwester hat eine Strauß Blumen dabei, den sie zuerst sorgfältig arrangiert auf das Grab legt, ehe sie zu mir schaut. Ihr Gesicht ist versteinert, lässt keine Emotionen zu, so wie sie mich eben immer anschaut und ich weiche ihrem Blick aus, weil ich nicht will, dass sie die Schuld in meinen Augen sieht.

«Was machst du hier?», Tomo ist immer noch verwirrt. Er schaut von mir zu seiner Schwester, dann wandert sein Blick auf das Grab und ich kann sehen wie er in Gedanken zu rechnen beginnt, wie er nachdenkt, wie er ins Grübeln gerät und wie der Schock ihn trifft, als er schließlich zur richtigen Antwort kommt. «Im Ernst jetzt?», fragt er und schaut mich wütend an. Dann schaut er zu Ivana. «Du hast mir nie etwas gesagt!»

Und bevor einer von uns beiden reagieren kann, dreht er sich auf dem Absatz um und eilt den Kiesweg wieder zurück. Ich kann an seiner Körperhaltung sehen, dass es keine gute Idee ist ihm zu folgen und ich kann an Ivanas Körperhaltung sehen, dass es keine gute Idee ist hier zu bleiben. Sie schaut ihrem Bruder nach. Die Schultern beben und einen Moment habe ich den Eindruck, dass sie gleich in sich zusammen brechen könnte, doch dann strafft sie die Schultern, ballt ihre Hände zu Fäuste und atmet tief durch. Die undurchdringliche Maske ist wieder auf ihrem Gesicht aufgesetzt und ich beiße mir auf die Unterlippe.

«Was machst du hier?», fragt sie schließlich leise.

«Es ist auch mein Kind gewesen.»

«ES war ein Junge. Sein Name ist Lucas gewesen, er hat genau 172 Tage in mir gelebt und du hast dich an keinem dieser 172 Tage gemeldet, um zu fragen wie es ihm geht.» Sie ist wütend und ich weiß, dass ich diese Wut verdient habe und mich trifft die Schuld. Wieder. «Und in den fünf Jahren nach Lucas Tod hast du dich auch nie nach ihm erkundigt. Wie kannst du es wagen ausgerechnet heute hier vorbei zu kommen und alles kaputt zu machen?»

Ich weiß, was sie mit «alles» meint. Sie meint Tomo und nur Tomo. Ich beiße mir auf die Unterlippe, denn ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich würde mich gerne verteidigen oder irgendetwas Schlaues sagen, irgendetwas das ablenkt, aber mir fällt nichts ein. Ich bin erstarrt, weil ich weiß, dass Ivana Recht hat und weil ich weiß, dass ich ihren Zorn verdient habe.

«Ich würde es vorziehen, wenn du jetzt gehst.» Ihre Stimme ist kalt. «Ich will einen Moment mit meinem Kind.» Ihr Kind. Sie betont es überdeutlich. Nicht unseres. Nur ihres. Ich schaue zu ihr. Sie erwidert meinen Blick. Kalt. Abwartend. Sie will, dass ich gehe und ich nicke schließlich nur, laufe auf dem gleichen Weg zurück, auf dem Tomo gerade schon geflüchtet ist und als ich mich kurz vor einer Wegbiegung noch einmal zu Ivana umdrehe, sehe ich wie ihre Schultern beben und sie dieses Beben dieses mal nicht unterdrückt.


Wenn man auf andere Gedanken kommen will, dann gibt es - zumindest für mich - drei Möglichkeiten das zu machen.
1. Saufen, aber das fällt aus. Wir haben morgen ein Interviewtermin. Jared tötet mich, wenn ich verkatert komme.
2. Motorrad fahren. Geht nicht, denn das steht dummerweise bei Tomo und ich traue mich nicht bei ihm vorbei zu schauen.
3. Drummen. Drummen hilft immer, es ist laut, so laut, dass die rasenden Gedanken einfach übertönt werden. Es ist anstrengend, sodass man, wenn man es richtig macht, nach einer Weile einfach so müde ist, dass man nur noch ins Bett fällt.

Das ist gerade mein Plan und wenn man bedenkt, dass ich bereits seit zwei Stunden hinter meinen Drums sitze, habe ich den Eindruck, dass mein Plan aufgehen könnte. Oder?

//

«Ich bin Fan der ersten Stunde. Noch bevor Tomo zu euch gekommen ist!», sprach sie und legte einen Arm um meine Schulter.
«Das nennen wir nicht Fan, sondern Echelon», erklärte ich ihr und sie kicherte, als hätte ich einen dummen Witz gemacht.
«Ja, ich weiß. Familie und so», sie seufzte, als wäre das ein bisschen traurig. «Kennst du Sliwowitz?»
«Sollte ich?»
«Der haut dich um. Ich schwöre es dir und wie durch ein Wunder gibt es hier welchen.» Sie grinste, als sie dem Barkeeper zu verstehen gab, dass sie zwei haben wollte und erst da wurde mir bewusst, dass sie von Schnaps sprach.
«Ich bin nicht so der Schnapstrinker. Ich bleiber lieber beim Bier», sagte ich.
«Ach Shannon! Sei keine Memme! Das muss man als Rocker aushalten», Ivana schob mir das Schnapsglas zu und hielt ihres in die Höhe. «Auf die Fans der ersten Stunde! Und ja, du hast richtig gehört: Fans. Denn, wenn Echelon Familie sind, kann man mit ihnen nicht schlafen und deswegen bin ich kein Echelon.»
Ich zog meine Augenbrauen in die Höhe und stieß mit ihr grinsend an. Nun, wenn das so war, dann war ich durchaus gewillt sie als Fan zu bezeichnen…

//




«Shannon!»

Ich zucke zusammenm, weil Jared plötzlich vor mir steht und ein so aussieht als würde er schon eine Weile da stehen. Das sieht man an seinem verärgerten Gesicht, weil ich ihn ein paar Sekunden zu lange ignoriert habe und das ist etwas, mit dem Jared so gar nicht klar kommt.

«Was?», frage ich und nehme dankend das Handtuch entgegen, das er mir reicht. Ich wische mir damit über den schweißnassen Nacken und schaue zu Jared.

«Warum hat Tomo gesagt, dass er morgen unmöglich zu dem Interview kommen kann?»

Ich weiche seinem Blick sofort aus. Verdammt. Verdammt! Natürlich vermutet Jared sofort, dass das irgendwie mit mir zusammenhängen muss und natürlich gibt er mir dafür die Schuld. Dummerweise zurecht.

«Wenn er schon wieder an irgendwelchen zu offensichtlichen Stellen einen Knutschfleck hat, dann werde ich in Erwägung ziehen euch zu kastrieren, denn das macht man mit ständig geilen Katern.» Jared hat seine Hände in die Hüfte gestemmt und schaut mich herausfordernd an.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn es nur diese Knutschflecksache wäre, dann würde ich wahrscheinlich stolz in mich hinein grinsen. Aber das ist es eben nicht und das scheint Jared nun dummerweise auch zu erkennen.

«Was hast du gemacht?», fragt er weiter.

Ich stehe von den Drums auf und gehe schweigend an Jared vorbei, um in die Küche zu gehen.

«Hey, lass mich nicht einfach stehen!», schreit es aus dem Proberaum und schon stapft Jared mir wütend hinterher.

Ich öffne den Kühlschrank und hole eine Flasche Wasser hervor. «Ich brauch etwas zu trinken, okay?», murre ich. Ich habe jetzt wirklich keine Lust auf Jareds dummes Alphagehabe. Im Moment habe ich wirklich andere Probleme.

«Okay… Und was hast du mit Tomo gemacht? Das war eine Scheißidee, dass ihr eine Beziehung angefangen habt…»

«Du bist eine Scheißidee!», brumme ich und ja, ich bin mir durchaus bewusst, dass das alles andere als schlagfertig ist.

Jared schaut mich irritiert an und kurz sieht er so aus als würde er einen ernsthaften Streit mit mir in Erwägung ziehen, doch dann atmet er tief durch und seufzt. «Ich kann euch das nicht durchgehen lassen. Ihr habt gesagt, dass diese verdammte Beziehungssache die Band nicht betreffen wird und natürlich musste das in die Hose gehen! Ich geh jetzt Tomo anschreien!»

Und mit diesen Worten ist er schon wieder verschwunden. Ebenso schnell und ebenso plötzlich wie er aufgetaucht ist und ich hasse ihn gerade sehr dafür, denn ich bin noch nicht einmal annähernd so müde wie ich es gerne wäre. Und er soll Tomo in Ruhe lassen, denn Tomo hat es nicht verdient, dass mein kleiner Bruder ihm heute noch auf die Nerven geht. Aber als ich mich mit dem Rücken gegen den Kühlschrank lehne, merke ich, dass ich nicht die Kraft und den Willen habe mich heute gegen Jared zu wehren.



Es dauert wirklich lange bis man es mal schafft Tomo gegen sich aufzubringen, aber wenn man das fertig gebracht hat, dann will man sich eigentlich nur noch verkriechen.
Und am nächsten Morgen, bei dem verdammten Interview, für das ich wirklich keine Nerven mehr habe, wird Jared mit Tomos Killerblick gestraft, während ich schlicht und ergreifend ignoriert werde. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mir einmal wünschen würde, dass Tomo mich mit seinem Killerblick beschenkt. Aber alles wäre mir im Moment lieber als die Tatsache, dass er sich vorgenommen zu haben scheint meine Existenz zu leugnen. Und so sitze ich neben Jared, der eifrig erzählt - irgendwas ich höre nicht zu und brumme nur zustimmend, wenn er in meine Richtung schaut - während Tomo neben Jared sitzt und starr auf seine Knie schaut.

Ich habe wirklich keine Ahnung wie lange das Interview geht, aber irgendwann stelle ich verwirrt fest, dass Jared mich auffordernd anschaut, weil die Interviewtante mir ihre Hand entgegen streckt, um sich von mir zu verabschieden. Verwirrt schüttle ich ihre Hand und ringe mich sogar zu einem kurzen Lächeln durch, aber mehr schaffe ich dann auch nicht.

«Sind wir dann fertig?», fragt Tomo genervt an Jared gerichtet.

«Vielleicht wollt ihr miteinander reden?», fragt Jared vorsichtig.

«Glaube ich nicht», sagt er und macht sich auf dem Weg zu seinem Auto.

«Shannon, du musst das wieder in Ordnung bringen! Ich will keinen neuen Gitarristen suchen müssen», Jared schaut mich wütend an.

«Was soll ich denn machen? Er beachtet mich ja noch nicht einmal!» Ich wünschte wirklich, dass ich mich nicht so verzweifelt anhören würde wie ich mich fühle, aber als ich Jareds mitleidigen Blick auf mir fühle weiß ich, dass ich mich verdammt verzweifelt angehört haben muss.

«Geh hinterher!» Jared ist immer noch wütend. Ich schaue zu ihm und drücke ihm meine Autoschlüssel in die Hand, damit er und Emma irgendwie nach Hause kommen, ehe ich losrenne, um zu Tomo zu gelangen.

In der Sekunde, in der er losfahren will, lasse ich mich auf den Beifahrersitz gleiten. Tomo zuckt erschrocken zusammen und würgt das Auto ab.

«Was zum… Shannon! Verschwinde!»

Immerhin beachtet er mich jetzt wieder, schießt es mir durch den Kopf, auch wenn ich ihn ein bisschen dazu zwingen musste. «Lass es mich erklären. Können wir nicht zu dir nach Hause fahren und reden?» Ich bin ein Leto. Ich flehe nicht, aber ich bin mir bewusst, dass ich gerade kurz davor bin genau das zu tun.

«Nein. Raus hier.»

«Tomo…bitte», ich schaue ihn an, setze diesen einen Blick auf, von dem ich weiß, dass Tomo dann immer macht, was ich will und auch jetzt kann ich bereits sehen wie seine Entschlossenheit bereits zu bröckeln beginnt. Und als er etwas, das verdächtig nach «Drecksletos» klingt, murmelt, weiß ich, dass ich gewonnen habe.

«Du kannst es mir hier im Auto erklären und dich dann verpissen. Ich nehme dich nicht mit nach Hause», murrt er schließlich und zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er will mich nicht mit zu sich nehmen, weil er befürchtet, dass ich dann diese Auseinandersetzung auf meine eigene Art und Weise beende: indem wir vögeln. Gut, ich muss zugeben, dass der Gedanke eigentlich ziemlich verlockend ist, aber wenn man den Ernst der Lage bedenkt, dann sollte ich das vielleicht lassen.

«Es tut mir leid», sage ich schließlich leise.

«Was tut dir leid? Dass du mit meiner Schwester geschlafen hast, als wir bereits zusammen gewesen sind? Oder dass sie von dir schwanger geworden ist? Oder dass du dich einen Scheiß um sie gekümmert hast, als sie schwanger war? Oder dass du dich einen Scheiß um sie gekümmert hast, als sie das Kind verloren hat? Oder tut es dir einfach nur leid, dass ich es herausgefunden habe?»

Nun. Eigentlich ein bisschen was von allem, wenn ich ehrlich sein soll, aber ich habe genug Lebenswillen in mir, um Tomo das nicht ins Gesicht zu sagen. «Ich…ja.»

«Was? Wenn ich dir jede verdammte Silbe aus deiner riesigen Nase ziehen muss, dann kannst du direkt verschwinden. So lange dauert mein Leben dann auch nicht mehr…»

«Das ist eine seltsame Zeit gewesen, Tomo. Ich weiß auch nicht.. Wir sind kurz davor gewesen zusammen zu kommen und das war seltsam und…»

«Dann hast du gedacht, dass du eben meine Schwester vögeln könntest?»

«Lass mich bitte ausreden», Tomo hat jedes Recht wütend zu sein und deswegen hat er auch jedes Recht mir ins Wort zu fallen. «Alles war irgendwie seltsam und ja, vielleicht hatte ich auch ein bisschen Schiss. Das war ein Riesenschritt für mich. Eine richtige Beziehung und dann auch noch mit einem Kerl und dann auch noch einer, der neun Jahre jünger als ich ist. Und du bist Teil unserer Band gewesen und Jared hat dich gemocht und ich wusste, wenn ich das verbocke, dann würde Jared mir die Hölle heiß machen und du weißt, dass das etwas ist, dass man nicht erleben will. Und dann… Ach ich weiß nicht. Ich war in einer Bar, Ivana ist auch dort gewesen, wir haben geredet, getrunken und eins führte zum anderen…»

Tomo verzieht das Gesicht. Ich glaube an diesem Punkt muss ich nicht weiter ins Detail gehen, zumindest dann nicht, wenn ich Tomo nicht noch weiter gegen mich bringen möchte.

«Und dann war sie schwanger. Und als sie mir das gesagt hat, sind wir beide bereits zusammen gewesen und ich habe mich nicht bereit für ein Kind gefühlt und das hat sie mir angesehen und Ivana hat mir gesagt…»

//

«Der Grund, warum ich dich um dieses Treffen gebeten habe ist…»

Ich schaute nervös zu ihr. Wir saßen in einem kleinen Café am Rande des Sunset Strip und ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, dass sie sich mit mir treffen wollte. Ich hatte Angst, dass Tomo uns zusammen sehen würde, denn ich wusste, dass er irgendwo hier unterwegs war, weil Jared ihn am Morgen zum Shoppen verdonnert hatte. Ich hatte keine Ahnung, ob sie mittlerweile schon fertig zu Hause auf der Couch lagen und Tomo sein gutes Wesen verabscheute, weil er sich von Jared zu dieser Tortur hatte überreden lassen oder ob sie noch unterwegs waren. Es könnte sein, dass sie jeden Moment um die Ecke kamen und das wäre… Nicht gut.

«Hallo? Hörst du mir überhaupt zu?», fragte Ivana und schnippte mit ihren Fingern vor meinem Gesicht herum.

«Ja, entschuldige. Was hast du gesagt?»

Sie seufzte und nahm einen Schluck von ihrem Sodawasser. «Mach es mir doch bitte nicht schwerer als es ohnehin schon ist.»

Ich schaute sie an, dabei spürte ich den Fluchtinstinkt in mir aufkommen. Wenn jemand so etwas sagte, dann konnte das eigentlich nie etwas Gutes bedeuten. Aber ich blieb sitzen, mein Blick auf das Sodawasser gerichtet. Warum zum Teufel trank sie nichts Alkoholisches wie man es in der Modelbranche verdammt noch einmal zu tun hatte? Oder war sie überhaupt Model? Was hatte Tomo mir mal über sie erzählt… Das einzige, an das ich mich noch deutlich erinnern konnte, war die Tatsache, dass er es immer schrecklich fand, wenn seine Freunde über Ivana sprachen als wäre sie ein Ding. Wenn sie darüber sprachen wie dringend sie sie flachlegen wollten und all solche Dinge und ich wusste auch, dass er mir gesagt hatte, dass er dem ein oder anderen Freund deswegen bereits eine blutige Nase verpasst hatte. Zurecht. Aber ich war ja nicht besser. Ich hatte sie flachgelegt und nicht nur darüber gesprochen und jetzt trank sie Sodawasser und keinen verdammten Cocktail!

«Okay… Also ich bin schwanger. Siebte Woche. Ich werde das Kind auf jeden Fall behalten. Du bist der einzige, der als Vater in Frage kommt. Wenn du mir nicht glaubst, können wir einen Test machen lassen.» Sie schaut mich an. Die Sätze, die sie mir da um die Ohren geknallt hat, wirken auswendig gelernt. Wie oft sie das wohl zu Hause geübt hatte?

«Hmm», machte ich und ich spürte wie die Panik mir die Kehle zuschnürrte. Schwanger! Ich hatte Tomos Schwester geschwängert. Ich hatte die Schwester des Mannes geschwängert, den ich liebe. Ich zuckte zusammen, als mir der Gedanke kam. Es war das erste Mal, dass ich mir selbst bewusst machte, dass ich in Tomo verliebt war. Ich wollte ihn nicht einfach nur in meinem Bett, ich wollte ihn in meinem ganzen Leben und das… das war nun zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden. «Scheiße», sagte ich leise.

«Dem entnehme ich, dass du mir glaubst, dass du der Vater bist?», fragte sie und schaute mich skeptisch an.

«Ja.»

«Und dem kann ich außerdem entnehmen, dass du kein Interesse an meinem Kind hast?» Ihr Gesicht war zu einer Maske geworden. Keine Emotionen drangen durch die Maske durch. Nur in ihren Augen funkelte einen Moment etwas auf. Vielleicht war es Wut, vielleicht war es Enttäuschung. Ich konnte es nicht genau erkennen.

«Ich…»

«Oder drücken wir es positiver aus: du bist noch nicht bereit für ein Kind?», fragte sie weiter.

«Ich bin mit Tomo zusammen.»

Ivana schaute mich einen Moment lang irritiert an. Sie biss sich auf die Unterlippe, wurde bleich und nickte schließlich. «Ich muss nachdenken. Ich ruf dich an.»

Sie stand auf und verschwand ohne ein weiteres Wort und das nicht eine Sekunde zu früh, denn in dem Moment, in dem sie um die Ecke lief, tauchten Tomo und Jared auf.

«Da ist ja Shan!», rief Jared aus und winkte mir zu, als er sich mit Tomo im Schlepptau und den anderen Gästen versehentlich die Taschen vom Shoppen an die Köpfe klatschend, zu mir durch. «Was machst du hier?», fragte er.

«Ich musste mal raus», log ich und das nicht besonders gut, aber weil Jared von seinem vibrierenden Blackberry abgelenkt wurde, bemerkte er davon nichts. «Und wie war das Shoppen?», fragte ich an Tomo gewandt, als er sich mit sichtlich geröteten Wangen zu uns an den Tisch kämpfte. Ich schaffte es sogar ein bisschen hämisch zu grinsen. Und die Leute denken immer, dass nur Jared der Schauspieler in unserer Familie wäre.

«Frag nicht. Das werde ich nie wieder machen», erwiderte Tomo und schnupperte misstrauisch an Ivanas verwaistem Wasser, das er nun offensichtlich für meins hielt. «Wasser?», fragte er fast schon entsetzt. «Das ist nur Wasser. Kein Alkohol! Bist du krank, oder so?»

Wir lachten beide und gleichzeitig zog sich mein Herz zusammen, wenn ich daran dachte, was ich getan hatte.


Es war bereits später Abend und der arme Tomo, immer noch fertig von der schrecklichen Shoppingtour mit meinem Bruder, döste auf der Couch, als mein Handy klingelte. Ivana. Ich nahm das Gespräch entgegen und ging aus dem Zimmer.

«Hör zu, Shannon, ich will nichts von dir. Ich will kein Geld, ich will keinen öffentlichen Skandal und schon gar keinen innerhalb meiner Familie. Ich will nur deine Zusicherung, wenn dieses Kind eines Tages nach seinem Vater fragt, dann darf ich sagen, dass du es bist. Und wenn du dich in ein paar Wochen, Monaten oder auch Jahren entscheidest, dass du dem Kind ein Vater sein willst, dann kannst du das von mir aus sein», hörte ich Ivana sagen.

Ich war erleichtert, eigentlich hatte ich nicht verdient, dass sie so… zuvorkommend war. Oder was auch immer. «Ist gut», sagte ich einfach nur, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte und legte auf.

//


«…Ivana hat mir gesagt, dass sie nichts von mir will, dass sie einfach nur die Möglichkeit haben wollte, sollte ihr Kind sich eines Tages nach seinem Vater erkunden, dass ich dazu stehen würde. Und das war mir recht. Mir war alles recht. Hauptsache ich musste mich vor dir nicht rechtfertigen und… Ich bin nicht stolz darauf, Tomo, das musst du mir glauben.»

Tomo lacht bitter. «Du hättest auch absolut keinen Grund stolz zu sein.»

Er hat recht. Natürlich hat er das, aber ich… Ich schaue mir auf die Fingernägel und weil Tomo schweigt, schaue ich irgendwann zu ihm. «Es tut mir leid, was damals passiert ist. Es tut mir leid, dass ich nicht für sie da gewesen bin und es tut mir leid, dass ich dich mit deiner Schwester betrogen habe.» Irgendetwas muss ich ja sagen. Ich kann nicht weiter schweigen und wenn ich Tomo weiterhin an meiner Seite haben will, dann muss ich ihn jetzt irgendwie davon überzeugen, dass ich kein komplettes Arschloch bin. Auch wenn ich zugeben muss, dass das alles nicht für mich spricht.

«Warum?» Tomo schaut mich an.

«Warum…?»

«Bist du mit ihr ins Bett gegangen, als wir doch so gut wie zusammen gewesen sind?»

«Ich weiß es nicht.»

Tomo schnaubt unwillig und auch das kann ich ihm natürlich kein Stück übel nehmen.

«Ich glaube, weil ich Angst gehabt habe», sage ich schließlich, weil das vermutlich die Wahrheit ist. «Neue Situationen können einem Angst machen.»

«Aber dir doch nicht! Du bist so ziemlich der mutigste Mensch, den ich kenne. Du hast nie Angst.» Es sollte mich ehren, dass Tomo so gut von mir denkt, aber im Moment beschämt es mich eigentlich mehr.

«Ich bin nicht mutig. Ich habe verdammt viel Angst. Im Moment habe ich zum Beispiel Angst, dass ich dich verlieren könnte.» Dieser Satz kommt mir über die Lippen, bevor ich richtig darüber nachgedacht habe. Ich weiche Tomos starrem Blick aus und als er sekundenlang in keinster Weise reagiert, bin ich mir fast sicher, dass diese Angst vollkommen berechtigt gewesen ist. Meine Hand legt sich auf den Hebel der Autotür, damit ich aussteigen kann. Ich habe es verbockt. Und ich kann niemandem anderem daran die Schuld geben als mir selbst. Doch mit einem Mal kommt Bewegung in Tomo. Seine Hand legt sich auf meinen Oberschenkel und hindert mich so daran auszusteigen.

«Wo willst du hin?»

«Raus», erwidere ich. «Du hast mir nichts mehr zu sagen und das kann ich verstehen.»

«Das stimmt doch gar nicht, Shan. Du hast mich nicht verloren. Ich… Das ist ein Schock gewesen, ich muss das alles verkraften, aber es ist auch fünf Jahre her und wenn Ivana dir verzeihen kann, dass du nicht für sie da gewesen bist, dann kann ich das sicher auch. Irgendwann. Und dass du damals Angst gehabt hast, mit mir zusammen zu kommen… Ich verstehe es. Ich hasse mich gerade dafür, dass ich dir so schnell verzeihe, aber ich kann nicht anders. Ist es jetzt sehr kitschig, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe und ich dich nicht verlieren will?»

Ich presse die Lippen aufeinander. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, weil ich zu der Erkenntnis komme, dass ich einen solchen Menschen wie Tomo unter Umständen nicht verdient habe. Ich räuspere mich und atme einmal tief durch, versuche in den paar Sekunden, die mir das verschafft meine rasenden Gedanken ein wenig zu ordnen und sage schließlich: «Es wäre verdammt kitschig und es ist auch verdammt kitschig, dass es mir die Luft zum Atmen nimmt, wenn du so etwas sagst.»

Tomo lächelt in sich hinein. Manchmal brauchen wir nicht mehr als ein einfaches Lächeln oder eine kleine Geste um einander zu verstehen und das ist gerade wieder ein solcher Moment.

«Aber wie kommst du denn darauf, dass Ivana mir verziehen hat?», frage ich schließlich, weil es Zeit ist diesen Moment zu beenden und wieder in die beschissene Realität zurück zu kehren.

«Vielleicht solltest du doch mitkommen», sagt Tomo schließlich und ohne eine Antwort von mir abzuwarten, startet er den Wagen und fährt los.



Zu meiner ultimativen Beunruhigung fahren wir nicht zu Tomo nach Hause, sondern die Straße weiter, so lange bis wir bei dem Café seiner Eltern ankommen. Ich schlucke. Wenn Tonka oder Damir irgendetwas von der Sache mitbekommen haben, dann werden sie mich einen Kopf kürzer machen und ich bin jetzt doch schon der kleinste in der Band. «Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist», bringe ich schließlich meine Gedanken zum Ausdruck, als Tomo eine Parklücke findet und anhält.

«Warum nicht?»

«Deine Eltern…»

«Sind in Kroatien», sagt er und deutet auf das «geschlossen»-Schild an der Eingangstür. Trotzdem steigen wir aus und gehen um das Gebäude herum, um es durch einen Hintereingang zu betreten und auf einer Eckbank in dem gemütlichen Café sitzt…

«Ivana», murmle ich leise und jetzt will ich noch viel mehr gehen, als noch vor ein paar Sekunden, als ich dachte, dass wir nur auf Tomos Eltern stoßen würden. Aber hat Tomo nicht gesagt, dass Ivana mir verziehen hätte? Also auf dem Friedhof hat das so ganz und gar nicht danach ausgesehen.

«Kannst du ihn bitte beruhigen? Er denkt, dass er mich verlieren könnte und dass du ihn mindestens hasst», sagt Tomo an Ivana gerichtet.

Ivana legt das Buch zur Seite, in dem sie eben noch gelesen hat und schaut dann zu mir. Immerhin ist ihr Blick nicht mehr so wütend wie gestern. Das ist beruhigend, wenn auch nur ein bisschen. «Du bist ein Idiot, Shannon, aber dessen bin ich mir schon immer bewusst gewesen», sagt sie, als sie auf mich zukommt. «Und gestern, als ich dich auf dem Friedhof gesehen habe, da hat mich das einfach erschreckt, weil ich die ganze Zeit immer gedacht habe, dass es dir nichts ausmachen würde, dass *** nie auf die Welt gekommen ist. Und dann habe ich dir ansehen können, dass es dich berührt und dass auch du trauerst und das hat mich durcheinander gebracht. Und dann war da auch noch Tomo… Und… Ich wusste, dass alles rauskommen würde. Ich hatte Angst, dass Tomo sich von mir abwenden könnte.»

«Ihr habt viel zu wenig Vertrauen in mich», brummt Tomo, während er hinter die Theke geht.

«Du bist ein großzügiger Mensch, kleiner Bruder. Wenn alle Menschen auf dieser Welt auch nur ein bisschen mehr wie du wären, dann wäre die Welt ein Stückchen besser.» Ivana lächelt, als Tomo mit einer Flasche Schnaps und dazu passenden Gläsern wieder zurück kommt. Ich verziehe das Gesicht. Sliwowitz. Warum immer dieses verdammte Zeug?

Tomo kichert, als er in mein Gesicht schaut. «Shannon hat mal davon gekotzt. Seitdem fängt er immer an innerlich zu weinen, wenn ich damit ankomme.»

Ivana lacht und zuckt mit den Schultern. «Da musst du jetzt durch. Neuanfänge werden in unserer Familie mit Sliwowitz begossen und das hier ist ein Neuanfang.»

Ich ergebe mich in mein Schicksal, vor allem auch, weil es mich irgendwie rührt, was Ivana da von sich gibt. Tomo verteilt die Gläser an uns, wir heben sie, stoßen an.

«Auf *** und an sein Andenken», murmelt Ivana.

Ich nicke und spüre einen  Kloß in meinem Hals. Mein Sohn hätte Lucas geheißen und er wäre jetzt fünf Jahre alt. Ich atme tief durch und als ich den Schnaps hinunterkippe, ist dieser Kloß in meinem Hals schon ein wenig leichter geworden.
Und als Ivana mir kumpelhaft gegen den Oberarm boxt, ist er noch ein Stückchen kleiner. Und schließlich ist es Tomo, der mir einen kurzen Kuss auf die Lippen haucht und dieses Gefühl ganz verschwinden lässt.



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