Aftermath

GeschichteAllgemein / P12
Akira Keisuke Motomi Rin Shiki
29.09.2016
29.09.2016
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Yo.
Es ist eine Weile her, dass ich hier im Fandom war.
Während ich weg war, hat uns unsere Kuro (von Lost In Blood) verlassen. Zu ihrem Abschied habe ich dieses kleine unspektakuläre Werk verfasst. Und ich möchte es mit euch teilen.

Ich hoffe,  es gefällt euch! Viel Spaß! :)
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Alles brannte. Der runde Mond ruhte in seinem Sternenbett und beobachtete die Szenerie, die sich in dieser verfluchten Stadt eingefunden hatte. Türen brachen aus ihren Angeln, Decken stürzten ein und langsam aber sicher lösten sich einzelne Gegenstände in Flammen auf. Hie und da erschrak einen das Geräusch von Steinbrocken und Metall, wenn ganze Fenster und alte Möbelstücke hinab auf den Boden krachten. Wenn man genau hinhörte, konnte kann schnelle Schritten inmitten des Chaos erkennen, aber sogar die Schmerzensschreie derer, die Teil dieser Stadt waren und nun in jener ihr Ende finden würden, wurden erbarmungslos von dem Krach der Zerstörung erstickt.
Toshima war kein Ort mehr. Abgegrenzt von der Außenwelt würde nichts an diese Stadt herankommen, genauso wie nichts sie verlassen würde.
Die hellen Enden der hohen Flammen thronten gewaltbereit über den zahlreichen Leichen. Kohle begrub die einzelnen Körperteile und tränkte den sich teilenden Blutfluss schwarz.
Akira sah zu, wie der dunkle Himmel einen Hauch von Violett annahm. Seine Sicht war etwas verschwommen wegen der Hitzewellen des breiten Feuers. Sogar der Mond selbst schien über diese Situation zu lachen.
Der Grauhaarige legte den Kopf zur Seite und versuchte, sich aufzusetzen, aber sein Körper reagierte nicht auf ihn. Seine Haarspitzen bewegten sich in dem Wind der heißen Wellen. Er spürte die Kälte schon fast nicht mehr, die vom Boden kam, die Hitze um ihn herum aber auch nicht. In seinen glasigen Augen spiegelte sich die trauersame Szene vor ihm wider. Als er endlich akzeptierte, dass sich nicht außer seine Fingerspitzen bewegen würde, seufzte er zu sich selbst und blickte wieder hinauf zum Himmel. Seine Sicht verschwamm. Was war das? Etwas sammelte sich in seinem Augenwinkel und rollte beim Blinzeln hinab zu seiner Schläfe. Es war weder kalt noch warm… eher angenehm.
Ein schmerzender Knoten befand sich in seiner Brust, während das Bild der erleuchteten Nacht vor seinen Augen langsam aber sicher unscharf wurde und sich die Farben vermischten.
Zerstörung war doch nichts Neues.
Seine Augen schlossen sich.
Wie konnten diese ganzen Menschen nur ihre Fassung verlieren?
Sein Brustkorb hob sich.
Wie konnten sie nur… denken,… dass die Welt… mehr zu bieten hatte?...
Und senkte sich wieder.


Die Wärme kehrte zwar nicht zurück, aber dafür herrschte eine recht angenehme Temperatur. Das war doch etwas, nicht wahr?
Akira schlug die Augen auf und fand sich in einer etwas dunkleren Szenerie wieder. Er saß auf einer alten Holzbank an der Seite eines steinigen Weges. Hinter dieser Bank und neben dem Weg, der vor ihm lag, schossen hohe dunkle Wände aus finsterem Gestein in die Höhe. Ein Graben befand sich zwischen dem Weg und diesen Wänden, aus dem einzelne lange Kerzen herausragten, deren kleine Lichter nicht zu erlöschen schienen. Es gibt nicht mal ein Wind.
Als er an sich hinunterblickte, erkannte er einen blaugrauen Yukata, der sich angenehm an seinen Körper schmiegte. Ein schön gefalteter blauer Gürtel schlängelte sich um seine Taille. Akira stand auf und spürte keinen Widerstand, dieses Festgewand war keineswegs zu eng, aber auch zu nicht zu groß. Es schien tiefste Nacht zu sein, aber der Mond war nicht sichtbar. Nur die Kerzenlichter dienten als Lichtquellen… Wo war er hier? Er verstand nicht.
„Akira.“
„…“ Diese Stimme ließ einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen, denn er hatte sie schon eine sehr lange Zeit nicht mehr gehört. Erinnerungen an eine schmerzhafte, verregnete Nacht spielten vor seinem geistigen Auge wie ein Film ab, bevor Akira es endlich schaffte, sich umzudrehen.
Keisuke lächelte ihn herzhaft an für eine Sekunde sah es so aus, als würde jegliche Dunkelheit schwinden, alle traurigen Gedanken und schmerzvollen Bilder mit ihr. Akira war fast so weit, dass ihm eine Träne ins Auge stieg und er seinen Freund gerne umarmt hätte, doch da sprach er schon weiter: „Wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht gesehen.“
„Ja und wessen Schuld ist das?“, entgegnete Akira nun etwas verdutzt, sah aber kurz zur Seite.
„Tut mir leid, Akira.“
„Warum?“, setzte der Jüngere gleich wieder an und hob den Blick. „Warum hast du das gemacht? Sag’s mir endlich.“ Trotz der merkwürdigen Situation, in der sie sich beide befanden, von der Gegend hier ganz zu schweigen, sehnte sich Akira eigentlich nach nichts mehr als Antworten auf all seine unbeantworteten Fragen. Diese Fragen, die ihn nächtelang gequält hatten und ihm wohl viel Energie geraubt hatten. Besonders, nachdem jede Person einzeln aus seinem Leben verschwunden war.
„Lass uns ein Stück gehen, meinst du nicht?“ Ein warmes Schimmern funkelte in Keisukes grünen Augen auf. Er streckte die Hand aus, ergriff Akira sanft beim Unterarm und fing an, dem makellosen Weg vor ihnen zu folgen.
„Lenk ja nicht vom Thema ab.“ Das tat sein bester Freund nämlich gerne. Trotzdem ließ er sich mal zu dem kleinen Spaziergang hinreißen. War doch nichts dabei, jedenfalls noch nicht. Wer wusste schon, was aus der nächsten Ecke springen konnte? Nicht, dass hier Ecken waren, der Weg bekam nur eine leichte Kurve, aber ja…
„Nun…“, seufzte Keisuke etwas nervös. „Es gab da etwas, was ich dir nie gesagt hab.“
„Dann sag es mir doch jetzt?“ Die Geheimnistuerei seines Freundes war bekannt, aber auch etwas nervtötend.
Das Lächeln wurde etwas größer auf den Lippen des Brünetten. Er umschloss sanftmütig Akiras Handgelenk und strich mit den Fingerkuppen über die raue Handinnenfläche. Sein Blick glitt kurz auf den Kies unter seinen Füßen, fand aber dann wieder seinen Weg nach vorne. Trotz alledem sah er Akira nicht genau an. „Ich habe mich vor geraumer Zeit… in dich verliebt, Akira.“
„…“ Was?
„Ich wollte stärker werden. Ich wollte dir nicht wehtun. Ich wollte dir von Nutzen sein.“ Nun verstärkte sich sein Griff doch ein bisschen. „Ich hab’s nicht ertragen können, mir vorzustellen, dass du bei diesem Spiel draufgehst… Ich musste dich beschützen.“
„Deshalb… hast du Line genommen? Du Idiot!“, knurrte Akira etwas, seufzte aber dann. Da war nichts, was man tun könnte. „Wo hast du das Zeug überhaupt hergehabt?“
„Ich weiß es nicht mehr“, gab Keisuke zu. „Es lag einfach da, als ich in einer Gasse stehengeblieben war.“
„Einfach so?“ Das war doch nicht möglich, dass es jemand verloren hatte, oder?
„Ja, ich schwöre.“ Keisuke wandte seine Augen wieder seinem Freund zu. „Glaub mir bitte.“
„…wenn du meinst.“ Wie ein beleidigtes Kind blickte Akira gerade aus. „Was auch immer. Wichtiger ist, dass du hier bist.“ Dass sie zusammen waren. Dass es Keisuke gut ging. Dass nichts zwischen ihnen stand. Dass sie nicht kämpften.
Ein Kichern kam von der Seite. „Danke, dass du mir zugehört hast.“
„Red nicht so einen Scheiß.“ Natürlich würde er Keisuke immer zuhören, egal, was der andere zu sagen hatte. Allerdings war er sich nicht so sicher, wie er jetzt mit der neuen Information umgehen sollte. Er konnte Keisukes… „Gefühle“ nicht erwidern. Er mochte ihn, auf jeden Fall, aber als Freund. Ihn jedoch zu verlieren wäre noch schlimmer. Vielleicht würde er sogar etwas vortäuschen, um den Kontakt nicht einbüßen zu müssen.
„Hey, Akira.“
„…huh?“ Konfus wegen der plötzlichen rauen Stimme blieb der Grauhaarige sofort stehen und blickte über seine Schulter zur Wandseite. Dort angelehnt stand ein alter Mann mit ähnlichem Haar wie Keisuke und einer Zigarette in der Hand. „Mo… Motomi-san.“
Freundlich grinsend blies der Mann den Tabakrauch aus dem Mund, stieß sich von der Wand ab und warf die Zigarette auf den Boden, um sie zu zertreten. „So lange ist’s gar nicht her. Aber schön, dass du mich noch kennst.“
Was für ein Satz war das denn?
„Schau nicht so verdutzt, ich freu mich eben, wenn Leute mir treu bleiben“, lachte Motomi und trat auf Akira zu. Dieser fühlte eine plötzliche Kälte an der Hand, weswegen er sich umdrehte, um zu sehen, ob bei Keisuke eh alles in Ordnung war. Doch da stand niemand. „W-was? Hey, Keisuke, das ist nicht witzig!“ Akira drehte sich um und sah sich genau um. Wie…?
„Akira.“
„Was?“ Etwas verärgert über die Situation wandte sich der Blauäugige zu dem älteren Mann. Dieser winkte ihn mit der Hand her, ehe er sich abwandte und dem Weg folgte. Akira blinzelte nur verwirrt, folgte aber nach einigem Zögern. „…was wird hier gespielt? Wo ist Keisuke? Du hast doch bestimmt gesehen, wo er hingegangen ist.“
„Ganz ruhig“, beschwichtigte ihn Motomi. „Dem geht’s gut.“
„Woher willst du das wissen?“ Was war das hier überhaupt? „Was ist das hier für ein Ort?“ Motomi war ein Informant, richtig? Er musste doch wenigstens eine kleine Ahnung haben.
„Der einzige Grund, warum ich hier bin“, fing Motomi an, „ist, weil ich nicht fertig mit dir reden konnte damals.“
„Damals…?“
„Ich hatte dir doch über Premier oder Nano, wie du ihn nennst, erzählt, richtig?“
„Ja.“
„Dass er vom Militär benutzt wurde, eine Bio-Waffe ist und 100% Line sein Blut ist?“
Akira nickte.
„Da war noch etwas“, meinte Motomi. Er blickte zu seiner Begleitung hinab. „Er versucht, Line zu verteilen.“
„Zu verteilen…?“ Wie sollte er das jetzt bitte verstehen?
„Das ist ganz einfach“, meinte er. „Line trinkt man verdünnt, damit es einen nicht tötet. Er verdünnt sein eigenes Blut und gibt es einzelnen Spielern.“
Auch Keisuke?
„Als ich damals mit Arbitro in diesem Labor gearbeitet habe, wussten wir noch nicht, dass es so eskalieren würde.“
„Du hast was?“ Jetzt konnte Akira nur blöd dreinschauen. Dieser Mann hier war an dem Projekt Nano beteiligt gewesen?
„Das ist nicht alles. Wir waren auch in Kontakt mit dem Projekt Null-Nicole, ein zweiter Virus“, erklärte Motomi. „Er neutralisiert Line. Bekäme jemand, der mit Null-Nicole infiziert ist, nur einen Tropfen Line auf eine Wunde und fände es einen Weg in seinen Körper, so würde Nicole direkt und ohne Verzögerung dagegenarbeiten. Allerdings kann das auch tödlich sein…“ Er machte eine kurze Pause. „Es kommt natürlich drauf an, wie konzentriert das Line ist und wie groß die Menge. Je nach dem kann Null-Nicole es spalten und unschädlich machen. Das ist ein genauso schmerzhafter Prozess wie das Einnehmen von Line, denn der Körper muss sich mit allen Mitteln dran gewöhnen. Nur um Line zu neutralisieren, würde Null-Nicole auch die Blutkörperchen seines Wirts verwenden. Das würde zu einem extremen Krampfanfall führen, die Muskeln würden ausfallen und das Herz würde aufhören zu schlagen.“
Was zum Teufel—
„Es tut mir leid, dass ich das alles geheim gehalten habe vor dir“, fügte Motomi noch hinzu. „Ich wusste nicht, dass du Premier begegnet bist. Ich kam erst drauf, als mir Arbitro die Tipps gegeben hat.“
„Ihr… habt euch getroffen?“
„Ja, weil wir wussten, dass Premier außer Kontrolle war.“
Akira wandte den Blick ab. Das war… viel. Viel auf einmal. Zu viel auf einmal. Wie sollte er das verarbeiten? Er kannte doch nicht einmal die Hintergründe!
Ein Bild von dem Militärmesser, das er damals von Nano bekommen hatte, schien vor seinem geistigen Auge auf. Es waren nur mehr vage Erinnerungen, aber trotzdem bedeuteten sie etwas…
„Motomi-sa—“ Akira stockte, als er zu seiner Linken blickte und bemerkte, dass niemand mehr da war. Er blieb stehen und richtete seine Augen nach vorne. Hier musste es doch ein Ende geben. Was, wenn er unter Drogen stand? Hier stimmte doch eindeutig etwas nicht. Spielte ihm jemand Streiche? Sein eigener Verstand?
Oh warte.
Überrascht trat Akira näher an die Kurve ran und langsam kam ein roter Kimono in sein Blickfeld, kombiniert mit einem blonden Schopf. Die Größe passte perfekt. Die Statur auch. „Rin?“
Die Person drehte sich um und wirklich: Große blaue Augen sahen auf zu ihm, das Lächeln strahlte. „Akira! Dir geht’s gut? Das ist toll!“ Glücklich hüpfte Rin auf ihn zu und umarmte ihn kurz, ehe er ihn wieder losließ und bei der Hand nahm. „Was ist alles passiert? Wir haben uns soooo lange nicht gesehen!“
„…Ich…“ Akira starrte Rin an, unsicher, was er tun sollte. Warum war er hier? Warum war er, Akira, eigentlich hier? „Rin… was ist das für ein Ort? Bitte sag’s mir, wenn du es weißt.“
„Hä? Du schwafelst wirres Zeug“, meinte Rin nur.
„Tu ich überhaupt nicht!“, seufzte Akira, doch bevor er noch etwas hinzufügen konnte, unterbrach ihn eine noch viel bekanntere Stimme.
„Mach den Mund auf, damit du so schnell wie möglich wieder verschwinden kannst.“
Eine Gänsehaut machte sich auf Akiras gesamten Körper breit. Wie oft wollte er sie schon hören, musste aber im nächsten Moment daran denken, dass er dabei draufgehen konnte?
Vorsichtig ließ der Grauhaarige seinen Blick von Rin hinauf zu der Person ein, zwei Meter vor ihnen gleiten. „Du…“
Shikis Augen fanden ihren Weg direkt zu Akira, so ruhig und gelassen wie immer. Mit verschränkten Armen stand der Drogenkönig da. Akira musste zugegeben, dass ihm der lange schwarze Kimono stand, wobei man sich natürlich die Frage stellen konnte, ob überhaupt etwas nicht gut an diesem Bastard aussah.
„Heißt das du weißt, was hier passiert?“ Er kannte den Grund nicht, aber bei Shiki verlor er den ruhigen Aspekt seiner Persönlichkeit. Es fühlte sich zu sehr akkurat an, den Schwarzhaarigen wegen jeder Kleinigkeit anzubrüllen oder auszufragen.
Ein kleines selbstgefälliges Lächeln erschien auf Shikis Lippen. Im Allgemeinen sah es immer so aus, als würde er jedes Wort des Kleineren belächeln. Das regte Akira innerlich mehr auf als es sollte. „Und?!“
„Akira“, redete Rin wieder auf ihn ein. Fast schon etwas desinteressiert blickte der Grauhaarige zu dem Blonden hinab. Er wollte doch nur wissen, was hier los war…
„Tut mir leid“, seufzte Rin. Ein undefinierbarer Funke füllte seine leuchtenden Augen. „Ich hab dich benutzt, weil du so aussiehst wie mein damaliger fester Freund.“
Okay.
….OKAY. Das war etwas, ähm, wow. „Rin…“ Also gab es eigentlich gar keine Freundschaft zwischen ihnen? Die Romanze war auch aus falschen Gründen geschehen?
Ein Kichern kam aus dem Mund des Kleinere. Er ließ Akira los, sprang einen Schritt zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Tut mir leid.“
„…“ Etwas verstört fielen Akiras Augen wieder auf Shiki. Nein, er verstand es nicht. Wollte er es überhaupt verstehen? Wieso bombardierte man ihn mit all diesen Informationen. Und wieso war Shiki auch noch hier?
Noch bevor er sich weiter gedanklich aufregen konnte, fiel ihm auf, dass es nicht real sein konnte. Die Menschen, die ihm etwas bedeuteten, verschwanden einfach, wenn er nicht hinsah. Er erschreckte sich damit eigentlich schon selbst, aber konnte nicht anders, als zu seiner Seite zu schielen. Rin…war weg.
Akira ballte die Fäuste und starrte Shiki etwas wütend an. Er war allein hier mit diesem Bastard und das machte ihn fast noch aggressiver. Man konnte nie wissen, was Il Re machen würde.
„Katzen kann man nicht trauen“, war allerdings das einzige, das ihm der König an Worten anbot, bevor er sich abwandte und den Weg wieder aufnahm.
Akira blieb ein paar Sekunden wie angewurzelt stehen, ehe er dem Schwarzhaarigen schlussendlich doch folgte. Er holte auf und versuchte bei einer Distanz von mindestens 30 Zentimeter zwischen ihnen direkt in einer Linie mit Shiki zu laufen. Wenn er ihm den Rücken zeigte, könnte er ihn von hinten erstechen. Ließ er sich allerdings zurückfallen, würde er sich wie ein Hund vorkommen.
„Red endlich wie ein normaler Mensch!“, forderte Akira, den Blick aufgebracht auf Shiki gerichtet. Dessen Augen hatten allerdings nur den vor ihnen liegenden, unendlich scheinenden Weg im Visier. Es sah auch nicht so aus, als ob sich der Drogenbaron sehr um ihre Situation scheren würde…
„Du weißt doch was“, fügte Akira noch hinzu. Shiki wusste immer etwas. Es gab kaum etwas, in das dieses Arschloch nicht verwickelt war, nicht wahr? „Sag’s mir endlich. Ich hab’s satt, hier unwissend rumzuirren!“
Ein leises Seufzen kam über die Lippen des Schwertkämpfers. „Du irrst doch gar nicht herum.“
Was sollte das denn schon wieder heißen?
„Aber mit einem hast du recht: Deine Meinung könnte etwas mehr Ahnung vertragen.“
…Okay.
Okay.
Nein, eigentlich war das nicht okay.
„Du…!“ Akira streckte schon die Hand aus, um Shiki beim Ärmel seines Mantels zu packen, doch hielt er von selbst inne. Zögerlich ließ er seinen Arm auch schon wieder zur Seite fallen und wandte den Blick ab. Er wollte Shikis nicht berühren. Er konnte es nicht. Es ging etwas von diesem Bastard aus, leider wusste niemand, was genau.
Die Erinnerung von vor drei Wochen kam zurück und spielte sich wie ein kleiner Film vor seinem geistigen Auge ab. Wie er Rin das zweite Mal über dem Weg gelaufen war, in diesem kleinen alten Haus, in dem er am Anfang seiner illegalen Teilnahme an Igura mit Keisuke gewohnt hatte. Rin hatte dort drei Muskelprotze kaltgemacht und sie photographiert, sich erschreckt und kurz kleine Photos verloren gehabt. Keisuke und Akira hatten ihm geholfen, sie aufzusammeln und dabei hatte er dieses eine Bild gefunden gehabt… Eines von Shikis Seitenprofil, wie er durch eine nebelige Straße wanderte.
Wenn jemand auch nur so halb verschlossen wie Akira war, dann Respekt. Und das schien bei Shiki der Fall zu sein. Wer wusste schon, was er alles verheimlichte, wusste, gesehen hatte? Was wusste Rin alles, das er Akira nie gesagt hatte?
Was wusste Akira überhaupt?
Genau.
Gar nichts.
Fuck.
Was ihm alles gesagt wurde, das realisierte er erst jetzt. Keisuke, Rin, Motomi. Nano.
Blaugraue Augen blickten kurz zur Seite, um Shiki zu beobachten. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, er sei eine Porzellanpuppe. Eigentlich das genaue Gegenteil von Rin, und trotzdem besaßen sie beide diese schneeweiße sanfte Haut, die feinen Gesichtszüge und diese Leere in den Augen. Obwohl Rin immer gelächelt hatte und herumgehüpft war, hatten seine Augen immer etwas Anderes erzählt. Etwas Unbeschreibliches. Mal abgesehen von dem Fakt, dass sich die Attitüden des Kleinen, sobald er nur Shikis Namen in der Ferne gehört hatte, um 180 Grad geändert hatten. Plötzlich hatte sein Ausdruck dem von Shiki beinah geähnelt. Um ehrlich zu sein hatte Akira sich nie darum geschert. Es war nicht sein Kaffee.
…Gewesen.
„Du hast vorhin gesagt, Rin soll den Mund aufmachen, damit er verschwinden kann“, sprach Akira endlich wieder. „Dann hat er mir eine Art Geständnis gemacht und war weg! Was ist das hier? Eine Art Beichte, oder was?!“ Er glaubte an keinen Gott. Sowas gab es nicht. „Und wenn du schon so redest, musst du ja Ahnung haben, oder?“ Er wollte nicht unbedingt mit Shiki hier festsitzen. Er könnte ihn zum Kampf herausfordern, aber erstens konnte er sein Messer nicht finden, und zweitens schien das hier nicht der richtige Ort dafür.
„Du willst doch auch nur verschwinden“, knurrte Akira nach einer weiteren Minute voller Stille.
„Es wundert mich, dass du plötzlich so gesprächig bist“, antwortete Shiki ruhig darauf. „Selbst, als du auf der Straße bissig warst, hast du nicht so viel geredet. Ich nehme an, Straßenhunde lernen von allein dazu.“
„Ich bin kein Hund!“
„Natürlich bist du das nicht“, erwiderte Shiki. „Du bist mein Hund.“
„Bin ich nicht! Ich gehöre gar niemandem!“ Wie oft hatte er das schon gesagt?
Ein kleines Kichern entkam dem König. „Ich frage mich, wie oft du es dir noch einreden musst, bis du es selbst glaubst.“
„Du verdammter…“ Akira ballte eine Faust, ehe er sich schalt, Shiki nicht weiter anzuschreien. Der Bastard provozierte ihn nur. Er musste halbwegs die Fassung beibehalten. Also atmete er erstmal durch. „Warum zum Teufel bist du überhaupt hier? Es gibt doch gar nichts, das du mir sagen könntest. Ich kenn dich doch nicht mal.“
„Man bekommt auch keine Antworten, wenn man keine guten Fragen stellt“, entgegnete Shiki.
Akira knirschte mit den Zähnen. Oh. Mein. Gott. Konnte man nicht normal mit dieser schwarzhaarigen, emotionsverbitterten Existenz reden? Akira nahm einen tiefen Atemzug, um seine Nerven zu beruhigen.  Es musste etwas geben, etwas, das er nur noch nicht verstanden hatte. Und wenn man ihm nichts sagte, konnte er es ja nicht wissen.
„Ich will nur wissen, was hier los ist…“, bekräftigte der Grauhaarige erneut.
„Wie aufrichtig“, spottete Shiki. „Du kamst nach Toshima auch einfach so, ohne zu wissen, was für eine Situation herrscht.“
Er würde gerne dagegensprechen, aber ihm fiel daraufhin partout nichts ein. Emma hatte ihn mit einem Deal um Leben und Tod geschickt, ganz einfach. Er hatte sowieso versagt, diesen Mann hier neben sich zu töten, und war in viel mehr hineingezogen worden, als ihm lieb war, doch irgendwie glaubt er zu wissen, dass das damals eine andere Situation war. Er könnte immer noch im Gefängnis versauern. „Das war etwas anderes“, entschied er schlussendlich. Was könnte Shiki vor ihm verheimlichen? Außer alles natürlich.
„Du bist so naiv“, beurteilte der König im nächsten Moment und kam zu einem Halt. Er wandte sich zu Akira und blickte mit kühlen Augen auf ihn hinab. „Ich interessierte mich nicht für dein Leben, geschweige denn deine bloße Existenz.“
Nett.
„Aber du hast nicht einmal eine kleine Ahnung, wie sehr du in die ganze Sache verwickelt bist, hm?“
„Dann sag’s mir!“, entgegnete Akira. Was konnte es denn noch geben? Wie viele Geheimnisse hatte diese Scheißstadt eigentlich?
Ein Seufzen seitens des Schwertkämpfers. „Weißt du, was Null-Nicole ist?“
„…ja.“ Jetzt wusste er nicht mehr, was er drauf sagen sollte. Motomi hatte es ihm vorher erklärt. Aber was hatte das Virus mit dem allen hier zu tun?
„Es wird auch Anti-Nicole genannt“, erklärte Shiki, während er die starken Arme verschränkte. „Es gab damals nur ein paar Testobjekte, die wohl überlebten. Und eines davon bist du. Du trägst Anti-Nicole Bacteria im Blut.“
Wow, ganz langsam hier. „Was?!“ Akira verengte die Augen. „Sag bloß das war der Grund, warum du mich von der Straße aufgelesen hast?“
Shiki zog eine Augenbraue hoch, bevor sich ein Lächeln auf seine Lippen schlich. „Du denkst, es gäbe einen guten Grund dafür, dass ich dir das Leben gerettet habe? Nein. Du bist nichts. Ein einfacher Straßenköter, der damals kurz vorm Verrecken war. Im Regen hättest du dir wahrscheinlich sogar noch eine schöne Erkältung zugezogen. Du warst ein Experiment, ganz einfach. Ein Zeitvertreib.“
„Du… Du bist krank!“, brüllte Akira etwas zögerlich, aber beinah angewidert.
„Bin ich das?“ Shiki nahm einen Schritt vorwärts und noch bevor Akira es wusste, hatte der König ihn beim Hals gepackt und gegen die dunkle Steinwand hinter ihnen gepresst. Er lehnte sich zu seiner Beute hinunter. „Du denkst also es gibt etwas, das ich dir verheimlicht habe, wie mein Halbbruder und deine toten Freunde?“ Seine Hand um Akiras Hals verengte sich etwas. Der Grauhaarige schluckte dagegen und zeigte knurrend die Zähne. Er drückte seine Hände zwar gegen Shikis Brust, doch der Widerstand brachte nichts.
Im Gegenteil, Il Re näherte sich nur noch mehr seinem Gesicht, bis er seinen Atem am Ohr fühlen konnte.

„Das einzige, das ich dir nie offen gesagt habe?“

Ein schmerzhafter Stich breitete sich in Akiras Brust aus. Seine Sicht verschwamm. Schwarze Punkte tänzelten vor seinen Augen umher und verdichteten sich.
Bis es schwarz wurde.

„Dass du das unterhaltsamste Spielzeug warst, das ich je hatte.“
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