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Das Feuer der Hölle

von Drakorn
SongficDrama, Angst / P12 / Gen
Dracula
29.09.2016
29.09.2016
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Das Feuer der Hölle



Die Nacht senkte sich über England und bedeckte das Land mit ihrer dunklen Decke. Es war die Zeit, in der die weißen Nebel aus den Mooren und Sümpfen ausstiegen um die Ahnungslosen und Wagemutigen in ihr sicheres Verderben zu führen, die Zeit, in der die Menschen sich in ihre Häuser oder das nächste Gasthaus zurückzogen um den Tag zu verabschieden, die Zeit, in der die finsteren und unbekannten Tätigkeiten ihren Lauf zu nehmen begannen. Es war die Zeit, in der niemand, der noch bei klarem Verstand war, sich freiwillig draußen aufhalten würde. Und doch fand die Dunkelheit eine einzelne Gestalt, die durch die nebligen Gassen schlich.
    Graf Dracula blickte sich verstohlen um. Nein, niemand hier, niemand würde ihn sehen. Dies war auch wichtig, denn seine Anwesenheit musste ein Geheimnis bleiben und durfte nicht mit den seltsamen Vorfällen in Whitby in Verbindung gebracht werden. Van Helsing wartete nur auf einen entscheidenden Hinweis. Er musste einen klaren Kopf bewahren, denn hier riskierte er vieles.
    Und dennoch vermochte der Vampirfürst es nicht, dieses Bild aus seinen Gedanken zu verbannen. Mina Harker, ehemals Murray, nun verheiratet mit diesem ahnungslosen Jonathan. Der bloße Gedanke daran erfüllte den Vampir mit brennender Wut. Doch warum eigentlich? Warum beschäftigte ihn diese sterbliche Frau so sehr?
    Der Graf schüttelte den Kopf. Er musste sich diese Frage nicht stellen, denn die Antwort darauf war ihm schon seit langem bekannt, genauer gesagt seit dem ersten Mal als er ihr Antlitz sah...damals auf dieser Fotografie auf seinem Schloss in Transsilvanien. Die Ähnlichkeit...sie war einfach verblüffend gewesen. Und als er sie dann endlich selbst in Fleisch und Blut gesehen hatte, so war ihm die Sprache weggeblieben. Das konnte nicht sein, das war doch völlig unmöglich!
    Und gestern hatte er sie erneut gesehen, aus weiter Ferne. Sie hatte nichts bemerkt, und vermutlich war das auch besser so. Doch die Ähnlichkeit war nun tadellos, er hatte die Bestätigung. So weit er zurückdenken konnte, war es genau dieses Antlitz, dieses Gesicht, das ihn Jahr für Jahr in seinen tiefsten Ängsten und Schuldzugeständnissen begleitet hatte.
    An einer steinernen Brücke, die über einen reißenden Fluss führte, blieb Dracula schließlich stehen. Mit zusammengekniffenen Augen sah er ins Wasser herab. Natürlich gab es kein Spiegelbild, das auf ihn zurückblicken konnte, doch das war nicht weiter verwunderlich. Sein Spiegelbild, genau wie alles andere was ihn an sein früheres Menschenleben band, war inzwischen verschwunden...oder doch nicht? Warum bekam er diese Frau nicht mehr aus dem Kopf? Die Ähnlichkeit, diese Ähnlichkeit, sie war erstaunlich. Das konnte einfach kein Zufall sein!
    Dracula blickte auf den dunklen Fluss und nicht einmal seine vampirischen Nachtaugen vermochten, die dunklen Tiefen des Gewässers zu ergründen. Dann blickte er zum schwarzen Himmel empor, der in diesem Moment von allem göttlichen Licht verlassen zu sein schien. Die Welt versank heute Nacht in Finsternis. Und er, Graf Dracula, war ein Teil von ihr.


O Bringer der Schatten,
Du weißt, ich bin dir ewig treu.
Blind und gehorsam schieß’ ich deinen Pfeil.


Dracula bewegte sich langsam die Brücke entlang und dachte nach. Der Herr der Schatten hatte ihn zu dem gemacht, was er nun war. Und nun befand er sich in dessen Willen in diesem neuen Land. Von hier aus würde die neue Zeit anbrechen. Die heutige Nacht war ein guter Vorgeschmack auf das was kommen würde.


O Bringer der Schatten,
Dies ferne Land, es ist mir neu.
Doch war alles geplant bis ins Detail.


Auch das war wahr. Jahrelang hatte er sich auf diese große Reise vorbereitet. Jahrelang hatte er geplant, einberechnet und organisiert. Jetzt war der große Moment gekommen, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Alles war geplant...nein...war es nicht. Diese Frau war kein Bestandteil des Plans. Sie war einfach in sein Dasein getreten ohne dass er darauf vorbereitet war. Doch er war ein Kriegsherr, ein Kriegsherr musste immer vorbereitet sein. Doch nein...dieses Mal war er es nicht, genau so wie damals.


Doch warum, o Schatten, beschäftigt mich dies Bild so sehr?
Warum verfolgt mich die Vergangenheit?


Dracula verließ die Brücke und ging die letzten der Straßen entlang. Bald würde er nach draußen auf’s Land gelangen. Dann konnte er sich endlich wieder in Richtung Carfax begeben. Warum ausgerechnet jetzt? Warum zeichnete das Schicksal ihm solche Trugbilder vor? Mina Harker...Elisabetha...nein! Er durfte dem Verlangen nicht erliegen! Diese Vermutung war einfach nur zu absurd. Und doch...irgendetwas tief im Inneren des Grafen wurde durch die Begegnung mit dieser Frau ausgelöst.


Denn seitdem ich sie sah, erinnre ich mich umso mehr.
Wie damals seh’ ich diese Ebenheit.


Der Vampirfürst stolperte geradezu die letzten Meter bis zur Stadtgrenze. Endlich wurde er langsam aber sicher von der englischen Wildnis in Empfang genommen. Hier war die Welt nur noch finsterer. Keine Straßenlaternen erleuchteten den Weg für die Ahnungslosen und Ängstlichen. Doch wie er sich selbst genau erinnern konnte, hatte auch er damals diese Angst verspürt.
     Er erinnerte sich an die Schreie, seine Schreie, an den Körper, ihren Körper. Der Fluss der Tränen hatte seinen Namen wahrlich nicht ohne Grund erhalten. Damals hatte er alles aufgegeben, nichts war mehr von Bedeutung gewesen. Er hatte sie verloren, für immer...oder doch nicht? Erneut erfüllte ihn der Gedanke an Mina mit unbeschreiblicher Sehnsucht...Sehnsucht nach der Vergangenheit...Sehnsucht nach ihr...


Das Feuer der Hölle zerriss mir Seel’ und Leib.
Doch dann, als ich dich sah, war’s alles wert, mein Weib.


Er schüttelte den Kopf. Nein! Er durfte diesem Gedanken nicht unterliegen! Sein Weib? Nein, das war nicht sein Weib, sondern eine perverse Laune der Natur, nichts weiter. Doch was, wenn mehr dahinter steckte? Was, wenn doch etwas überirdischeres hier vorging?
    Langsam kamen die Nebel aus den fernen Mooren und Sümpfen herbei. Sie krochen über die Felder zu Dracula heran und verdeckten die Sicht auf die Häuser hinter ihm. Nun war er vollkommen von der Welt abgeschnitten. Und plötzlich war ihm, als sehe er Gestalten im Nebel, oder bildete er sich das nur ein? Nein, da war sie...Mina...nein...Elisabetha. Dracula knurrte wütend auf und fasste sich an den Kopf. Nein! Er würde nicht nachgeben.


Was geht hier vor?
Das kann nicht sein.
Elisabetha, ja, sie ist es, ganz allein.


Er sah sie deutlich vor sich stehen. Beinahe schon zum Greifen nah. Und doch wusste er, dass sie niemals zu ihm zurückkehren würde. Sie war tot, und das seit mehreren Jahrhunderten. Doch warum hatte Mina so eine große Ähnlichkeit mit ihr? Sie war Elisabetha praktisch aus dem Gesicht geschnitten!
    Doch was wäre...wenn wirklich etwas dahintersteckte? Was wäre, wenn Elisabetha doch noch irgendwie auf der Erde weilte? Dracula wollte den Gedanken erneut abschütteln, doch dieses Mal ließ er ihn nicht los. Was wäre, wenn es wirklich Elisabetha war, tief im Inneren dieser Frau? Was wäre, wenn die Ähnlichkeit wahrhaftig kein Zufall war? Was wäre...wenn er tatsächlich erneut lieben könnte?


Was geht hier vor?
Die Sicht ist klar,
Denn unsre Liebe, ja, sie wird bald wieder wahr.


Die Nebelgestalt vor ihm fing an, ihn langsam zu umkreisen. Mit beinahe schon glasigen Augen folgte Dracula jeder einzelnen Bewegung der Erscheinung. Mal war es Elisabetha, mal Mina, oder war es doch immer dieselbe Person?
    Dracula griff nach der Gestalt, doch seine Hände griffen direkt durch sie hindurch. Die Nebelfrau blickte ihn für mehrere lange Augenblicke an, dann streckte sie ihre Hand nach ihm aus und berührte seine Wange. Dracula spürte nichts, doch das war ebenfalls nicht weiter überraschend. Er spürte seit ihrem Todestag nichts mehr. Doch irgendetwas in seinem Inneren wollte nach draußen hervorbrechen. Diese Nebelgestalt mochte falsch sein, eine Spiegelung seines Verlangens, doch Mina war real. Mina war da...Elisabetha war da.


Erbarm dich, o Schatten.
Lass sie für immer bei mir weil’n
Lass jetzt nicht zu, dass sie wieder mir entflieht.
Verführ Wilhelmina, und lass sie unsre Ränge teil’n.
Sie soll mein sein, was immer auch geschieht.


Draculas Fangzähne streckten sich zu ihrer vollen Länge aus. Seine Augen glühten in einem höllischen Rot. Nein, noch einmal würde er sie nicht verlieren. Dieses Mal würde er persönlich dafür sorgen, dass niemand sie ihm wegnehmen würde. Gott hatte ihn verraten, als er ihn um Schutz ersucht hatte, doch Luzifer würde es nicht tun. Er würde Mina Harker zu einem der seinen machen, zu einem Nosferatu. Dann würde Elisabeth endlich wieder zurückgekehrt sein. Er würde endlich wieder lieben können.
    Dracula setzte zum Sprung an und flog geradezu auf die Nebelgestalt zu, die im letzten Moment jedoch verschwand, aufgelöst und verschmolzen im Nebel, der den Vampir von allen Seiten umgab. Doch das störte ihn nicht. Bald schon würde er sie bekommen. Schon sehr bald.


Beim Feuer der Hölle, dies schwöre ich jetzt dir.
Die Liebe entsteht neu, in Freiheit leben wir.


Dracula taumelte durch den Nebel. Wenn er erst einmal Elisabetha wieder an seiner Seite hatte, würde nichts mehr ihnen im Wege stehen. Die Nacht würde für alle Zeiten hereinbrechen und sie beide würden über das Volk der Finsternis gebieten. Wieder würden sie frei sein, wieder vereint.


Du wirst wieder mein sein.
Ich werd’ wieder dein sein.


Bald würde es soweit sein. Elisabetha würde erneut ihm gehören. Dracula knurrte erneut auf, doch dieses Mal vor lauter Sehnsucht...sein Verlangen nach Mina hatte sich in Besessenheit für Elisabetha verwandelt. Schon bald würde er sie wieder in den Armen halten, nach all den Jahren. Sie würden einander erneut lieben können. Dracula ging in die Knie bei diesem Gedanken. Schon bald würde es soweit sein. Nichts mehr würde ihm im Wege stehen.


Du wirst mir gehör’n,
In Ewigkeit!


Dracula rappelte sich langsam auf. Die Dunkelheit der Nacht und des Nebels verdeckten ihn vor der ganzen Welt und verhüllten seine Pläne für alle Zeit. Der Vampirfürst machte sich wieder auf den Weg zurück nach Carfax. Es gab viel zu tun, viel zu planen, doch jetzt würde Elisabetha sein Ziel sein. Sie war von nun an sein Begehr. Er würde wieder mit ihr vereint sein. Schon sehr, sehr bald.
    „Ich habe Ozeane der Zeit überquert, um dich zu finden.“
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