Des Messers Kettenhund (Daud/Thomas)

OneshotÜbernatürlich / P16 Slash
Daud
26.09.2016
26.09.2016
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Des Messers Kettenhund
Daud / Thomas

Autor: Feendrache
Fandom: Dishonored
Pairing: Daud / Thomas
Genre: Allgemein, ein bisschen Action, ein bisschen Drama

Inhalt: Ein Jahr, nachdem Corvo es schafft seine Tochter zurück auf den Thron zu bringen, erlebt Daud eine seiner schlimmsten Niederlagen. Er wird von seinen eigenen Leuten verraten und der einzige, dem er jetzt noch vertrauen kann, ist sein Stellvertreter Thomas. Gejagt von den ehemaligen Verbündeten, begehen sie einen schlimmen Fehler, der für Thomas tödlich endet … wäre da nicht der Outsider und dieser hat wie immer, seine eigenen Pläne. (Spielt unabhängig von Dishonored 2, nach dem ersten Teil. Pairing Daud / Thomas, SLASH!)

Guten Tag meine lieben Kinderkatzen
und willkommen zu meiner nun schon dritten Geschichte in diesem Fandom und ja, auch diese ist unverschämt lang geworden. Irgendwie ist es mittlerweile unmöglich für mich geworden, kurze One-Shots zu schreiben, also entschuldigt bitte den viel zu langen Text dort unten.
Im Grunde sollte er auch ganz anders werden und was diese Szene mit dem Outsider betrifft … nun … ich hatte mal wieder keinen der Charaktere wirklich im Griff und die Geschichte hat sich wie von Zauberhand selbst entwickelt.
Zu verschulden hat das hier unter anderem auch die gute Durah – die wohl auch die einzige sein wird, die es überhaupt liest.
Hi Durah, viel Spaß beim durchquälen und jaaaa es ist weniger romantisch geworden als geplant. Aber für Romantik und Sex bist du ab heute zuständig, einverstanden? :D
Keine Ahnung was mich eigentlich geritten hat, ausgerechnet SO etwas zu schreiben … nun gut, ist vielleicht auch so ein Feendrache-Ding. Trotzdem viel Spaß all jenen, die es sich antun und komplett durchlesen und ja, Durah und ich shippen Daud und Thomas und zwar hart!

Liebe Grüße
Feendrache

Soundtrack:
Kleiner Nachtrag zum Soundtrack. Die Ideen zu dieser Geschichte, haben sich irgendwie aus den folgenden Songs und Sounds entwickelt und nein, ich weiß nicht warum!
Pleiadian Friend (ambient / psychill / psybient mix)
Helion Prime - Life Finds A Way
DIABULUS IN MUSICA - Inner Force


***

Es hätte nicht so enden müssen – das war Thomas klar, als er fiel und ihm aus dem münzgroßen Loch in seiner Brust, Ströme aus Blut in die Tiefe folgten. Über sich sah er Daud, dessen Augen vor Entsetzen und eintretender Ohnmacht geweitet waren. Er sah noch die ausgestreckte Hand seines Herrn, die er versucht hatte zu ergreifen, bevor die Kraft binnen Sekunden seine Glieder verlassen hatte. Der Walfänger konnte genau sehen, wie sich die Lippen des älteren Mannes bewegten, wie er selbst in diesem Zustand noch an ihnen klebte, aber er hörte die Worte nicht, alles rauschte in seinen Ohren. Die vorbeiströmende Luft, das Blut in seinen Adern, sein eigener Atem. Es war so schrecklich laut und Thomas betete gedanklich, dass dieser Lärm doch endlich aufhören möge, einfach nur, damit er ein letztes Mal Dauds Stimme hören konnte. Dieser unverkennbare Bass, das Vibrieren, welches sich immer in ihm ausbreitete, sobald sein Mentor zu sprechen begann. Und nun aus der Entfernung, die sich rasend schnell zwischen ihnen breit machte, konnte er nicht einmal mehr dieses strahlende Grün erkennen, dass Dauds Augen so unverkennbar machte. Und als sich über seine Welt schließlich ein matter Schleier legte, fühlte er, wie das Herz in seiner Brust aufhörte zu schlagen.

...

Der Verrat wog schwer, schwerer noch als Blei in einer Waagschale und dramatischer wurde es allein deshalb, weil es sich dabei um einen Mann aus dem engeren Kreis handelte. Weder Thomas, noch Daud, oder einer der anderen Assassinen, hätte jemals damit gerechnet, dass John einen derart widerwärtigen und hinterhältigen Plan entwickelte, um die Walfänger binnen kürzester Zeit zu zerschlagen. Es begann scheinbar mit einem einfachen Streit, den der hochrangige Assassine mit einem seiner Kollegen provozierte. Es zog sich über Tage hinweg, wie ein roter Faden. Bei jeder noch so günstigen Gelegenheit, ließ John Beleidigungen und Sticheleien fallen, auf die sein Opfer jedes Mal immer gereizter und aggressiver reagierte. Thomas blieb dies nicht verborgen.
Er kümmerte sich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich darum, alles innerhalb ihrer Vereinigung zu koordinieren und zu organisieren, wozu Daud entweder keine Lust oder schlichtweg keine Zeit hatte. Nach dem Ende der Herrschaft von Hiram Burrows, der Verbannung Delilahs, Corvos Begnadigung und dem Aufstieg der kleinen Emily zurück auf den Thron, war ein Jahr vergangen. Aber an so etwas wie Ruhe, war gar nicht erst zu denken. Viel mehr wurde das Chaos der Seuche, gegen das Chaos der Hinterbliebenen eingetauscht. Überall rissen sich die Leute um die Hinterlassenschaften der Toten. Jeder wollte der Erste sein, jeder wollte das Gold und die Juwelen, aus den Tresorräumen in den zerstörten Häusern und jeder war sich selbst der Nächste. Und genau das bedeutete für die Assassinen von Dunwall, dass sie seit dem Ende der Seuche, mit den Aufträgen kaum mehr hinterher kamen.
Täglich stapelten sich die Anschreiben und Ersuche auf dem großen Planungstisch im Hauptquartier und oft genug kam es vor, dass Thomas bis spät in die Nacht dort saß und einen nach dem anderen durcharbeitete. Alles musste gelesen, sortiert, dokumentiert und auch geplant werden. Dies wiederum bedeutete noch viel mehr Arbeit, denn nicht gerade wenige der Anfragen, beinhalteten die Ermordung der jungen Thronerbin und ihres Leibwächters.
Daud hatte, nach Corvos unfreiwilligem Besuch in ihrem trauten Heim, den Befehl erlassen, dass die Walfänger sich nie wieder am Herrschergeschlecht vergreifen sollten. Sie würden der zukünftigen Kaiserin und ihrem Vater kein Haar krümmen und vielleicht war Thomas der Einzige, der diesen Gedankengang tatsächlich nachvollziehen konnte. Also sammelte er alle derartigen Schreiben, aus dem gigantischen Berg an Briefen heraus, um sie später mehr oder weniger feierlich zu verbrennen. Alle anderen musste er trotzdem lesen und so saß er oft genug bis zum Anbruch des nächsten Tages da, las bis ihm die Augen brannten und schlief des öfteren sogar über den Notizen ein, die er sich nebenbei machte. Und manchmal, wenn er gegen Mittag wieder zu sich kam, ihm der Nacken fürchterlich schmerzte und ihm ein handgeschriebener Zettel an der Wange klebte, dann merkte er, dass ihm jemand eine Decke über die Schultern gelegt hatte. Thomas wusste nie, wer sich darum bemühte, ihm eine Erkältung zu ersparen. Doch in seinen heimlichsten und intimsten Träumen, wünschte er sich, dass es sein Mentor war, der dies tat.
Viele von ihnen verehrten Daud, vor allem diejenigen, die als obdachlose Straßenkinder in seine Dienste getreten waren und ihm deshalb auch alles zu verdanken hatten – so wie Thomas selbst. Aber für ihn war es weitaus mehr, denn er verehrte Daud nicht einfach nur, er war ihm nicht einfach nur loyal bis in den Tod. Nein. Er war seinem Meister verfallen, er hatte etwas für ihn entwickelt, was manch anderer Mensch wohl Liebe nennen würde. Nur dass er kein gewöhnlicher Mensch war. Thomas hatte Talent, jede Menge Talent und verdammt viel Potential, was ihm letzten Endes dabei geholfen hatte, sich als rechte Hand Dauds zu etablieren. Auch wenn ihn böse Zungen hinterrücks als den »Kettenhund der Messer« bezeichneten. Er kannte diese Bezeichnung und er wusste auch um die Gerüchte, die über ihn und seine intensive Bindung zu Daud existierten. Thomas versuchte sie zu ignorieren, nicht auf sie zu hören, doch wusste er selbst, dass es der Wahrheit entsprach. Nur wollte er sich diese Blöße nicht geben, diese Schwäche niemandem zeigen. Ihm war klar, dass Daud für ihn unerreichbar war, dass er ihm unlängst bereits viel näher war, als es jemals einer anderen Person hatte gelingen können. Er war ihm so nahe, war sein engster Vertrauter und trotzdem war es ihm, als läge ein ganzes Sonnensystem zwischen ihm und dem wesentlich älteren Mann, der für ihn eigentlich nur ein Ziehvater sein sollte und der doch so viel mehr war.

Thomas hasste sich oft genug dafür, wenn er nachts im Bett lag – eines der wenigen Privilegien, die er als rechte Hand besaß, war ein eigenes Schlafzimmer – und wenn seine Gedanken sich in einen Teil seines Verstandes aufmachten, den er bereits den gesamten Tag über mit der Arbeit hatte ertränken können. Es war ihm unfassbar peinlich, sich derart zusammen zu rollen, aus Angst jemand könnte ihn hören und herausfinden was er tat. Dann presste er sich sein Kissen ins Gesicht, wollte jeden Laut ersticken, jedes Keuchen unterbinden, wollte aufhören sich anzufassen und konnte es dennoch nicht. Er konnte seinen Herrn nicht aus seinem Kopf vertreiben, obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte, als sich in seine Arme zu werfen, sich ihm hinzugeben, seine Träume endlich wahr werden zu lassen. Gleichzeitig wollte er dass es aufhörte, dass er selbst wieder zurück zur Normalität fand. Thomas wollte so sein wie seine Kollegen, wollte Frauen lieben, hatte Angst davor sein Gesicht zu verlieren, wenn jemals herauskommen sollte, dass er nachts von Männern träumte. Und er war schon lange genug ein Teil der dunklen Seite dieser Stadt, um zu wissen, wo man auch diese ganz besonderen Prostituierten fand – die Stricher, die Lustknaben. Aber jedes Mal, wenn der Hunger nach diesem Gefühl, diese Sehnsucht, so stark wurde; dass er bereit war, eine der geheimen Gassen aufzusuchen und seinem Verlangen endlich nachzugeben; dann schaffte er es immer nur ganz knapp, auf dem Absatz kehrt zu machen und die Flucht zu ergreifen – die Flucht vor sich selbst.


Es war ein Tag wie jeder andere. Die Sonne brannte auf die noch immer überschwemmten Bereiche Dunwalls. Aus der Kloake stiegen Dunst und Gestank auf, die Ratten vergingen sich an den Überresten toter Fische, die irgendwie in die vergifteten Gewässer geraten waren und keine einzige Wolke zeichnete sich am Himmel ab. Der Hochsommer war brutal, allein deshalb, weil es seit annähernd zwei Wochen nicht mehr geregnet hatte. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass die widerliche Klärgrube, zwischen den verlassenen Häusern, immer mehr verdunstete und sich in einen konzentrierten Brei aus Algen, Exkrementen und immer wieder zu Tage geförderten Leichenteilen verwandelte. Doch ganz verlassen war dieser Bezirk nicht. Denn ganz oben auf den Dächern; weit genug über dem Boden, dass der seewärtige Wind den Gestank mehr oder weniger davon trug; trieben sich vermummte Gestalten herum. Gestalten die sich in graue und blaue Mäntel kleideten und längliche Gasmasken trugen – der einzige Schutz gegen diese irre machenden Dämpfe aus dem Brackwasser. Sie saßen im Schatten der zerfallenden Ruinen, ruhten sich aus oder bereiteten sich auf die nächste Mission vor.

Thomas hingegen teleportierte sich in diesem Moment in den Planungsraum. Vor ihm stand Daud, über den Grundriss eines Gebäudes gebeugt und einige Notizen verfassend, welche für die anstehende Mission relevant sein würden. Für gewöhnlich trug Thomas selbst auch hier seine Maske, doch ihm war durch die Hitze so warm, dass er sie sich kurzerhand vom Kopf zog. Der Schweiß klebte ihm an den zu kurzen Stoppeln getrimmten Seiten, der aschblonde Mohawk war ganz platt gedrückt und feucht. Winzige Tropfen rannen ihm über den Nacken und er wischte sie mit den Handschuhen weg, ehe er sich auch dieser entledigte und ein lautes Stöhnen ausstieß:
»Beim Outsider, ist das eine Wärme.«
Von Daud selbst kam nur ein kurzes, kaum hörbares Auflachen, doch er behielt seine Körperhaltung bei und arbeitete weiter, während er an Thomas gewandt sprach:
»Man möchte meinen, dass ihr jungen Hüpfer diese Temperaturen besser wegsteckt.«
»Mit Verlaub, Sir, aber Sie sind ja auch hier drin und nicht da draußen.«
Es passierte nicht oft, dass sie sich einen amüsierten Schlagabtausch leisteten, doch Thomas genoss diese seltenen Momente immer sehr. Er legte die Handschuhe und die Maske auf einen anderen Tisch, genehmigte sich einen Schluck Wasser aus einem bereitgestellten Zinnkrug und trat dann zu Daud.
»Hier sind die Informationen der Spione des westlichen Hafens, Sir. Ich war so frei und habe die Jungs in eine verlängerte Mittagspause geschickt, bevor wieder jemand in der Hitze kollabiert.«, erklärte er, holte einen Umschlag aus dem Inneren seines Mantels und legte diesen auf den Tisch:
»Danke, ich werde mir die Daten später ansehen.« Daud sah auf und es war nur Thomas jahrelangem Training zu verdanken, dass er beim Anblick dieser giftgrünen Augen, nicht den Boden unter den Füßen verlor. Manchmal hatte er das Gefühl, sein Mentor könnte seine Gedanken lesen, so intensiv wie er ihn musterte. Doch das war glücklicherweise Unsinn, andernfalls hätte Thomas wohl längst das Zeitliche gesegnet.
»Gute Arbeit.«
Wie er das so sagte, entglitten dem jungen Mann kurz die Gesichtszüge und seine Selbstkontrolle bekam ernsthafte Risse:
»Ich habe nur die Post abgeholt, Sir. Bedanken Sie sich bei ihren Spionen.«
»Das meinte ich nicht.« Der Leiter der Assassinen, richtete sich auf und stützte sich mit einer Hand an der Tischkante ab, während er Thomas nach wie vor ansah: »Ich muss dir für deine Arbeit danken, für alles was du hier tust. Lurk war oft nur draußen unterwegs. Du aber bist für mich eine wirkliche Entlastung. Andernfalls würde ich hier vermutlich im Chaos versinken.«, und mit einer ausschweifenden Handbewegung deutete er auf die Berge aus Notizen, Anschreiben, Steckbriefen, Karten, Zeichnungen, Bauplänen und allerlei anderen Papieren, die sich mittlerweile ins unermessliche auftürmten. Würde hier ein Feuer ausbrechen, hätten sie ein ernsthaftes Problem.
»Ich versuche nur, den Überblick nicht zu verlieren.«
»Und genau darum schätze ich deine Arbeit auch. Du planst, du organisierst, du sortierst das alles hier und machst mehr Überstunden, als alle anderen zusammen.« Dauds Blick wurde kurz noch ernster, als er ohnehin schon immer war: »Aber sieh es bitte als Befehl, dass du aufhören sollst dich zu verausgaben. Ich will dich hier nicht alle zwei Tage schlafend vorfinden. Du hast ein Bett, Thomas, benutze es auch.«
Dass er dies nicht zweideutig verstehen sollte, war ihm zwar klar, nur fiel es ihm schwer den Gedanken zurück zu drängen, der eindeutig mit dem Bett, ihm selbst und Daud zu tun hatte. Thomas räusperte sich und wurde rot.
»Natürlich, Sir. Ich werde aufpassen.«
Verdammt war ihm das peinlich.

Aber ehe er dazu kam, noch etwas zu erwidern, hörten er, wie sich hinter ihm jemand materialisierte und kaum dass Thomas sich zu dem Störenfried umwand, fing dieser auch schon an zu sprechen. Im ersten Augenblick nahm er es gar nicht wirklich wahr, doch dann sah er, dass der blaue Mantel des Mannes, über und über mit Blut befleckt war.
»Daud!«, die Stimme klang gedämpft und völlig außer Atem: »Es ist John, er hat – .«
Plötzlich brach der Assassine ab. Er war auf sie zu gewankt, als er mitten in der Bewegung erstarrte und erst jetzt erkannte Thomas, dass aus dem Luftfilter lange Fäden aus Blut herunter liefen und auf den Boden tropften. Sofort war er bei dem schwer verwundeten Mann, aber als er ihn in die Arme schloss, um ihn zu stützen, merkte er, dass alle Hilfe zu spät kam. Denn in dessen Bauch, steckten mehrere Dolche, sein Rücken war übersät mit tiefen Schnittwunden und es kam einem Wunder gleich, dass er es in diese Zustand überhaupt ins Quartier geschafft hatte.
Vorsichtig legte er den Sterbenden auf den Boden, zog ihm die Maske vom Kopf und stellte fest, dass dieser Mann kaum älter sein konnte als er selbst.
»Scott?«, fragte er, sich nur wage an den Namen des Assassinen erinnern. Scott nickte langsam, während aus Mund und Nase Blut quoll, das sich in einer Lache um sie sammelte.
»Er hat … sie hingerichtet … die Novizen. Das Mal des … Outsiders … er ist nicht mehr … an den Meister … gebunden – .« Und was eben noch versuchte zu sprechen, konnte nun kein einziges Wort mehr von sich geben. Scotts Blick wurde trüb und mit einem Geräusch, das fast wie ein Seufzen klang, verließ alle Kraft den verwundeten Leib, während die Seele sich auf den Weg machte in eine Welt, außerhalb der ihren.
»Mach's gut, mein Freund.«, murmelte Thomas, strich ihm die Augen zu und sah dann zu seinem Meister hoch, der neben ihnen gestanden hatte. In Dauds Gesicht spiegelte sich einerseits Trauer um den Gefallenen wieder, andererseits aber auch abgrundtiefer Hass, gegenüber jenem Mann, der ihm all die Jahre treu gedient hatte.
»Dieser elende Verräter.«, knurrte er wütend. Thomas erhob sich und rief nach zwei Novizen, von denen er wusste, dass sie sich in einem Raum in der Nähe aufhielten. Sie sollten sich um die Leichen kümmern.
»Was meinte er mit Er ist nicht mehr an euch gebunden?«, Thomas hätte sich nie vorstellen können, ein weiteres Mal mit einem derartigen Verrat konfrontiert zu werden. Erst die Sache mit Billie und nun das. Kehrte denn niemals Ruhe ein?
Daud seinerseits begann damit, unruhig auf und ab zu gehen, die Augen auf das Mal gerichtet, das durch den Handschuh hindurch, auf seinem Handrücken schimmerte.
»Seit zwei Tagen schon, plagt mich ein Gefühl, das ich nicht zu zuordnen weiß. Doch nun, wo dies passiert ist, erkenne ich, dass ich John nicht mehr orten kann.«, murmelte er aufgebracht vor sich hin; mehr zu sich selbst sprechend, als zu Thomas: »Ich weiß nicht, wo er ist.«
Im nächsten Moment wischte sein Mentor mit einer einzigen, zornigen Handbewegung, einen Stapel Papiere vom Tisch und sah der Leiche nach, die gerade aus dem Raum getragen wurde:
»Verdammt!«
»Meister, wir müssen umgehend etwas unternehmen!«
»Ich weiß, Thomas!« Dauds Stimme war schneidend und verdeutlichte nur, dass er nicht umsonst den Titel Messer von Dunwall trug. Thomas schluckte, als ihn wieder dieser eisige Blick traf und er nahm rasch Haltung an, um irgendwie die Kontrolle über die Situation zu wahren. Doch das war gar nicht so einfach, denn jetzt brach über ihnen Tumult aus und so wie es schien, kam er von den Leuten die auf dem Dach stationiert waren. Thomas streifte sich rasch seine Maske über und auch die Handschuhe, obwohl seine Finger voller Blut klebten.
Er folgte seinem Herrn und kaum, dass er sich auf den brüchigen Dachziegeln materialisierte, sah er sich einem Gemetzel gegenüber. Eine Gruppe Assassinen, kämpfte gegen ihre Brüder und man konnte in diesem Getümmel kaum erkennen, wer zu welcher Seite gehörte und in der Mitte des Geschehens, stand die große, für einen Killer fast schon bullige Gestalt von John, der das Schauspiel gelassen begutachtete. Er hatte die Maske abgelegt und auf seinem vernarbten Gesicht zeichnete sich ein irres Grinsen ab.
»Ahhh, das Herrchen und sein treuer Hund. Kommt zu mir, Freunde.« Vermutlich hatten die Verräter die Anweisung bekommen, Daud und auch Thomas in Ruhe zu lassen, denn sie konzentrierten sich nur auf die loyalen Walfänger, ihren ehemaligen Mentor völlig ignorierend.
»John!«, bellte Daud durch den Lärm und richtete ohne zu zögern seine Pistole auf ihn: »Was soll das alles?!«
John aber lachte nur wieder, zog gelassen einen seiner Handschuhe aus und demonstrierte seinen Handrücken. Es kam nicht oft vor, dass man aus Dauds Gesicht etwas herauslesen konnte, was auf seinen Gemütszustand schließen ließ. Doch jetzt entgleiste ihm einfach alles und er keuchte:
»Unmöglich.« Ehe er den Griff um die Waffe festigte und einen Schritt nach vorn wagte: »Warum?!«
John interessierte sich nicht für die Pistole, sondern kleidete sich noch immer gelassen ein, ehe er abfällig schnaubte:
»Ihr fragt nach dem Warum, Daud? Ausgerechnet Ihr? Pah!«, und er spuckte ihm vor die Füße. Thomas selbst hatte sein Messer gezogen, hielt sich bereit für einen Kampf um Leben und Tod und um seinen Herrn zu verteidigen. John fiel dies ebenfalls auf und er lachte wieder, so gehässig und ekelhaft, dass es einen schauderte:
»Wie süß, Eure kleine Hure will tatsächlich an Eurer Seite sterben? Armselig.«, nun richtete er das Wort direkt an den Stellvertreter, der leise knurrte, was durch den Filter der Maske eigenartig verzerrt wirkte: »Nun Thomas, ich gebe dir diese eine Chance. Du kannst gern zu uns kommen, andernfalls werde ich dich ausbluten lassen, genau so wie ich es mit deinem Herrchen tun werde.«
»Der einzige, der armselig ist, bist Du!«, konterte Thomas nur und war drauf und dran, es auf einen Mann-gegen-Mann Kampf hinauslaufen zu lassen. Doch Daud rief ihn zur Ordnung:
»Lass dich nicht provozieren.« Um sie herum, ging der Kampf in die finale Runde, überall lagen Tote und Verwundete und so wie es aussah, waren dies hauptsächlich ihre eigenen Leute. Thomas bekam es insgeheim mit der Angst zu tun, denn er hatte schlicht keine Ahnung, wer von diesen Männern zu ihnen gehörte und wer nicht! Wie sollte er unter diesen Umständen, Freund von Feind unterscheiden? Dies schien auch Daud zu erkennen, denn er rief in den allgemeinen Lärm:
»Männer, zieht euch zurück!«
»Du gibst schon klein bei? Wie langweilig.«, höhnte John hämisch und Thomas begann sich zu fragen, warum Daud ihn nicht endlich niederstreckte. Die Pistole war unentwegt auf den Kopf des Verräters gerichtet und zwischen ihnen befand sich niemand. Ein einziger Schuss und alles wäre vorbei.
»Ich gebe nicht auf, vielmehr schwöre ich dir Rache für diese Tat, John! Ich werde jeden einzelnen Mord an meinen Leuten, mit Blutesszins vergelten. Verlass dich drauf!«
Der Lärm schwoll endlich ab, als die übrigen Walfänger nun tatsächlich die Flucht ergriffen und jetzt, wo sich das Schlachtfeld endlich leerte, sahen sie auch, wie groß die Verluste waren, die sie zu beklagen hatten. Thomas sah ein halbes Dutzend Novizen, die hingerichtet auf dem Dach lagen, manche verstümmelt, viele völlig ausgeblutet:
»Das waren fast noch Kinder!«, schrie er wütend heraus, denn manche dieser Jungs, waren kaum den Kinderschuhen entwachsen. Sie standen noch mitten in ihrer Ausbildung. Kinder die sie von der Straße geholt hatten, die sie vor dem Jedermannsorden bewahrt hatten, die sich bei ihnen ein neues und besseres Leben erhofften – die nun tot waren.
»Das warst du auch, Thomas. Er hat euch ebenfalls als Kinder in seine Dienste geholt. Denk nur an jene die wir damals verloren haben. Malcolm, Jimmy, Tobias, Steve und all die anderen. Ihr wart wie sie, nur Mittel für seine Zwecke. Oder hast du deinen geliebten Daud, jemals um einen der Toten trauern sehen?«
Hinter den Gläsern der Maske, weiteten sich Thomas Augen vor Unglaube. Sollte das etwa der Grund für dieses sinnlose Abschlachten sein? Weil er sich mies behandelt fühlte, tötete er all diese halbwüchsigen Jungen?!
»Das kann unmöglich dein Ernst sein. Du bist doch krank!«
»Thomas!«, ermahnte ihn Daud mit scharfer Stimme, die Pistole erhoben, aber noch immer nicht bereit zu schießen: »Wir ziehen uns zurück.«
»Meister, ich – .«
»Ich sagte, wir ziehen uns zurück! Das ist ein Befehl!«
Thomas war klar, dass sein Herr absolut keine Widerworte duldete und so behielt er seinerseits John genau im Auge, während er sich zur Teleportation bereit machte. Binnen Sekunden löste sich die Welt vor seinen Augen auf und setzte sich als bald wieder zusammen. Neben ihm, auf einem weiter entfernten Dach, erschien Daud, dessen Gesicht nur zu deutlich zeigte, wie viel Hass soeben in ihm heranwuchs.



Sie zogen sich in den Untergrund zurück, um wenigstens die Verletzten in Ruhe versorgen zu können. In der gesamten Stadt gab es unzählige dieser Verstecke und allein dies gab ihnen genügend Zeit, um zumindest für einige Tage vor Johns Truppe sicher zu sein. In der ersten Nacht starben zwei der verwundeten Walfänger, unter lauten und unerträglichen Schreien, welche durch die Kanalisation hallten.
Jetzt, eine Woche nach dem Vorfall, saß Thomas am Eingang eines mannshohen Kanalrohres und starrte hinaus auf´s Meer. Das Rohr lag verborgen, unter einem massiven, steinernen Vorsprung, der seit langem schon nach und nach zu wucherte und ihnen auf diese Weise Schutz bot. Hinter ihm erstreckte sich die Röhre etwa eine halbe Meile unter die Stadt, bis sie abrupt durch einen alten Einsturz vom Rest des Kanalsystems isoliert wurde. Seitdem war alles völlig ausgetrocknet, was einem Segen gleich kam und ihnen die Möglichkeit gab, sich hier ein Versteck aufzubauen, ohne dabei nasse Füße zu bekommen. Nur die Ratten leisteten ihnen zweifelhafte Gesellschaft.
»Hier.«
Thomas zuckte zusammen, als ihm plötzlich behandschuhte Finger etwas entgegen streckten. Und als er den Blick hob, sah er in die Augen von Daud. Augen die abgekämpft und müde wirkten, in denen sich das Alter des Mannes zu deutlich zeigte und unter denen man dunkle Schatten ausmachen konnte. Trotzdem liebte er diese Augen, dieses kühle Grün, das in ihm eine solche Hitze erzeugte. Erst nach einigen Sekunden erkannte er die etwas verbeulte Dose, die sein Mentor ihm reichte und dankbar nahm er sie an sich.
»Ich hasse Aal in Aspik.« Als Daud dies sagte, sah Thomas überrascht auf, er war bereits dabei das Metall aufzubrechen, um an den Inhalt zu kommen.
»Sir, dies ist eure Ration?« Es gab eine strenge Rationenkontrolle, um die wenigen Lebensmittel, die sie in aller Eile hatten auftreiben können, untereinander auf zu teilten. Es hatte Thomas irgendwie nur wenig überrascht, dass sich auch Daud an der strengen Diät beteiligte, um seine Männer zu motivieren und ihnen ein Vorbild zu sein.
»Ja, doch wie gesagt, ich hasse das Zeug. Also iss, du brauchst es dringender.« Und noch überraschender war es, als sich der rot gekleidete Assassine, neben neben ihn auf den trockenen Boden setzte und ebenfalls die Füße in den Abgrund hängen ließ.
»Sir, ich hatte meine Ration aber heute bereits.«
»Thomas, im Gegensatz zu mir, bist du oft genug da draußen und versuchst wieder alle Probleme auf einmal zu lösen. Dein Energiebedarf ist weitaus höher als meiner und nun hör auf zu diskutieren und iss endlich dieses Zeug.« Der Befehl war nur halbherzig gemeint, aber es schwang echtes Besorgnis in Dauds Stimme mit, was für Thomas fast einem Ritterschlag gleich kam. Also machte er sich daran, die eingelegten Stücke, des schlangenartigen Fisches, aus der Dose zu angeln und sie beinahe gierig herunter zu schlingen. Sein Mentor hatte recht, mit dem was er sagte. Thomas war bei jeder Versorgungstour dabei; organisierte Medikamente, Verbandsmaterial, Nahrung und Waffen, so viel er tragen konnte. Und wieder schlief er viel zu wenig, denn wenn er nicht da draußen war, half er hier mit aus. An Schlaf war in dieser Zeit wirklich nicht zu denken. Drei Stunden täglich, wenn überhaupt. Dass sogar Daud dies nicht verborgen blieb, war irgendwie abzusehen.
»Haben wir einen Plan?«, fragte Thomas kurz angebunden, da er an einem großen und ziemlich schleimigen Stück herum kaute – kein Wunder warum sein Meister dieses Zeug hasste.
»Ja und Nein. John hat sich im Hauptquartier eingenistet und das bedeutet, dass wir einen Weg finden müssen, um ihn da wieder heraus zu bekommen. Leider habe ich keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen.«
Thomas nickte, würgte die nächste Portion runter und schüttelte sich heftig. Daud musste grinsen, als er dies sah:
»Es schmeckt scheußlich.« Sein Stellvertreter nickte erneut und fragte dann:
»Meister, warum habt Ihr ihn nicht erschossen? Als wir auf dem Dach standen, war dies doch die perfekte Gelegenheit.« Offenbar hatte Daud auf genau diese Frage gewartet, denn er beugte sich vor, so dass er sich nun mit den Unterarmen auf den Oberschenkeln abstützen konnte, während der Blick in die Ferne glitt.
»Deswegen.« und er hob die Hand, unter der sich das Mal verbarg: »Ich weiß nicht, warum dieser elende Gott ihm eines seiner Geschenke gab. Vielleicht um mich zu ärgern, oder aus purer Langeweile. Aber die Kräfte, die John durch den Outsider erhielt, unterscheiden sich von den meinen.«
»In wie fern? Ich dachte die Siegel bewirken, dass man die gleichen Fähigkeiten erhält. Also Teleportation, Telekinese und so weiter.«
Doch der Ältere schüttelte nur verneinend den Kopf:
»Sie sind einander ähnlich, aber nicht gleich. Du konntest es nicht sehen, da du zwar einen Teil meiner Kräfte besitzt, aber kein Gezeichneter bist. John verfügt über eine Art Schild. Für gewöhnliche Menschen unsichtbar, aber ich konnte es sehen und ich wusste, dass meine Kugel daran abprallen würde. Der Rückzug war die einzig logische Schlussfolgerung, denn ich konnte es nicht zulassen, noch mehr meiner Männer zu verlieren … oder weitere Novizen.« Besonders der Verlust der jüngsten unter ihnen, lastete schwer. Man mochte es kaum glauben, aber Daud hatte tatsächlich ein Herz und dass er nicht um die Gefallenen trauerte, war eine absurde Lüge. Sein Meister tat dies sehr wohl, doch er tat es dann, wenn er sicher war, dass keiner ihn sehen konnte. Niemand außer Thomas und vielleicht auch Billie, hatten ihn je vor der Wand knien sehen, an der die Namen all jener standen, die ihr Leben für ihre Sache gelassen hatten.
»Wie nur hat John es geschafft, dermaßen viele Assassinen auf seine Seite zu ziehen, ohne dass wir es bemerken konnten?« Doch darauf konnte ihm nicht einmal Daud eine Antwort geben.
»Ich weiß es nicht, aber mein Entschluss steht fest. John wird diesen Blutzoll zurück zahlen und zwar Tropfen für Tropfen.«
»Meine Unterstützung ist euch gewiss, Daud. Einige dieser Männer kannte ich persönlich, mit manchen bin ich in eurem Dienste aufgewachsen. Es sind meine Brüder und ich will Rache für ihren Tod!«, Thomas stellte die leere Dose neben sich ab und sah seinen Mentor entschlossen an: »Lieber sterbe ich an eurer Seite, als euch zu verraten.«
Wenn Daud von so viel Engagement beeindruckt war, ließ er es zumindest nicht durchblicken. Doch dann bildete sich eines dieser unfassbar seltenen Lächeln auf seinen Lippen und ein leises Lachen entwich ihm:
»Das ist sehr löblich, aber ich brauche dich bei mir, Thomas. Denn immerhin würde ich ohne dich, in dem ganzen Papierkram auf meinem Schreibtisch, früher oder später ersticken. Darum versprich mir bitte, dass du am Leben bleibst.«



Als Thomas sich am Abend bereit machte, um einen weiteren Raubzug durch die Stadt zu unternehmen, wurde er am Eingang von einer Hand an seinem Oberarm aufgehalten. Er wand sich um und der Filter seiner Gasmaske stieß fast mit dem Gesicht seines Herrn zusammen.
»Sir.«, sprach er überrascht und sah zu Daud auf, da dieser ihn um ein gutes Stück überragte. Sie waren sich so nahe und allein dies bewirkte, dass sein Herz mit einem Mal begann, doppelt so schnell zu schlagen.
»Ich werde dich begleiten.«
Der Assassine blinzelte verwirrt und verwundert und war beinahe enttäuscht, als Daud ihn los ließ.
»Warum? Was ist mit den Männern?«
»Die kommen auch mal ein paar Stunden zurecht, ohne dass ich sie in den Schlaf singen muss. Mir fällt hier unten die Decke auf den Kopf und das ewige Grübeln macht mich mürbe. Ein kleiner Mitternachtsspaziergang, sollte also genau das richtige sein.«
Nun, das war sogar nachvollziehbar, trotzdem hatte Thomas ein ungutes Gefühl, als er sich mit seinem Mentor aus dem Versteck und auf die Dächer der Stadt begab. Über ihnen breitete sich das Sternenzelt aus und auch jetzt war nirgendwo der Ansatz einer Wolke zu sehen. Die Hitze staute sich in den Häuserschluchten und stieg nun unentwegt hinauf, in den schwarzen Himmel.
»Die nähere Umgebung haben wir bereits ausgeräumt. Wir müssen also weiter ins Stadtzentrum, aber ehrlich gesagt wollte ich die Stadtwache umgehen, so lange sich die Walfänger in diesem desolaten Zustand befinden.«, erklärte der Jüngere und deutete dabei in die beschriebenen Richtungen.
»Weise Entscheidung. Ich wollte einen Vorfall, wie den von vor einem Jahr, möglichst vermeiden.«
Thomas nickte nur und wollte sich soeben auf den Weg in einen ruhigen Teil der Stadt machen, als Daud ihn zurück hielt.
»Augenblick, bevor wir uns zur Futtersuche begeben, würde ich gern einen schnellen Blick in unser altes Revier werfen.«, und er deutete in die Richtung, in welcher sich der überschwemmte Bezirk befand: »Ich muss wissen, mit was wir es zu tun haben.«
»Sir, ich könnte auch einen der Männer dort hin schicken, um die Lage zu sondieren.«, Thomas war nicht begeistert von der Idee, sondern viel mehr besorgt. Er verstand Daud und er wusste, dass dieser ihr altes Revier zurückerobern wollte. Doch sie brauchten Medikamente, um die Verwundeten wieder auf die Füße zu bekommen. Denn ohne ihre Leute, konnten sie Johns Bande nicht bezwingen – selbst mit Dauds Fähigkeiten.
»Ich habe einen Fehler gemacht, Thomas.«, Dauds Stimme war von Bitterkeit erfüllt: »Ich hätte besser aufpassen müssen, wen ich in unsere Truppe aufnehme und nun stehe ich vor den Trümmern der letzten 19 Jahre. Zu viele sind tot, zu viele haben mich verraten und zu wenige sind noch bei mir. Und manche von ihnen, sind so schwer verletzt, dass der Doc nicht einmal sagen kann, ob sie die nächsten Tage überhaupt überleben werden. Es liegt an mir, das wieder gut zu machen und meine Fehler zu korrigieren.« Thomas hätte nie gedacht, diesen Mann jemals in einem so reumütigen Zustand zu sehen, derart mitgenommen, erschöpft und vor allem wütend
»Weist du, warum ich mich damals doch nicht zu entschieden habe, nach Serkonos zurück zu kehren, obwohl es genau das war, was ich zu Corvo sagte, als er mein Leben verschonte?«
Von dem plötzlichen Themenwechsel überrascht, blieb Thomas stehen und sah ihn an. Sie hatten erst zwei Dächer hinter sich gebracht und schienen gar nicht wirklich voran zu kommen.
»Ähm, nein Sir.«
»Der Grund warst du. Du und die anderen. Als ich euch fand, wart ihr teilweise noch Kinder. Du warst sogar erst 10 Jahre alt. Waise, obdachlos, ohne Perspektive. Also nahm ich euch mit mir und gab euch ein Dach über den Kopf, Kleidung, Nahrung und ein Ziel. Vielleicht war es selbstsüchtig von mir, all das von euch zu verlangen, doch nun kann ich diese Verantwortung nicht mehr abgeben und mich einfach aus dem Staub machen, wie ein geprügelter Hund, der nicht mit dem klar kommt, was er getan hat … vielleicht sind das genau die Konsequenzen, von denen der Outsider immer gesprochen hat. Die Strafe für den Mord an der Kaiserin.«
An dieser Stelle war Thomas wirklich erschüttert. Niemand konnte von sich behaupten, Daud jemals so gesehen zu haben und dass sein Herr sich ihm gegenüber nun so offen und ehrlich zeigte, war für ihn vor allem eine große Ehre, auch wenn sein Herz dabei unanständig zu hüpfen begann.
»Nein.«, sagte er dennoch: »Es war nichts selbstsüchtiges an eurer Tat, Daud. Denn ich habe euch sehr viel zu verdanken. Heimatlose Kinder haben in dieser Stadt nichts zu erwarten, außer Tod, Gewalt, Krankheit und ein Leben in Diebstahl und Prostitution, wenn der Hunger zu groß wird. Ihr habt uns mitgenommen, auch wenn eure damaligen Begleiter dagegen waren. Es gab auch so schon zu wenig Essen für alle und trotzdem habt ihr uns bei euch behalten. Ich spreche für jeden Einzelnen, dass wir unseren Dienst an eurer Seite, als eure treuen Assassinen, aus freien Stücken gewählt haben. Ich wollte das alles hier – freiwillig. Also hört auf euch Vorwürfe zu machen. Die Männer brauchen euch stark und furchtlos, wenn wir unser Hauptquartier zurück erobern wollen. Unser … unser zu Hause.«
Daud starrte ihn an, das Gesicht von Verblüffung gezeichnet. Im Mondlicht trat die Narbe, die sich senkrecht über sein rechtes Auge zog, noch deutlicher hervor und auch wenn Thomas klar war, dass dieser Mann fast 15 Jahre älter war, als er selbst, so hatte er auf ihn selten derart attraktiv gewirkt. Es verstrich bestimmt eine Minute, in der sie sich nur ansahen, schließlich lächelte Daud, leicht nur, aber er lächelte.
»Oh Thomas.«, murmelte er mit einem unterdrückten Lachen, fuhr sich durch die Haare und schüttelte den Kopf, als zweifele er, dass sie wirklich hier standen und solche Dinge besprachen: »Was wäre ich nur ohne dich?«
»Ganz schön aufgeschmissen, und Sie würden auf ihrem Schreibtisch mittlerweile nicht mehr durchblicken.«
»Da hast du allerdings Recht.«

Mit diesen Worten, setzten sie den Weg über die Dächer Dunwalls fort. Überall sah man die Wunden, welche die Seuche wie tiefe Furchen in die einstmals so prunkvolle Kaiserstadt geschlagen hatte und genau hier lebten sie. Die Diebe, die Ausgestoßenen, die Huren, die Banden, die Assassinen. Ein eigener, kleiner und irgendwie auch funktionierender Mikrokosmos, in dem die Auftragsmörder immer über alles Bescheid wussten.
Thomas und Daud materialisierten sich auf dem Dach eines alten Lederhandels. Näher wollten sie sich vorerst nicht heran trauen. Unter ihnen vernahm man das Plätschern der Überschwemmung, die sich bereits sehr weit in die Stadt hinein verteilt hatte und hier für jede Menge Schimmel, Algenbewuchs und Moder sorgte. Es stank bestialisch aus den Eingeweiden der Straßen und Thomas roch es sogar durch den Filter seiner Atemmaske.
In der Ferne konnten sie die Aufbauten des Handelshauses erkennen und die davor befindliche Statur, der mittlerweile ein Arm fehlte. Überall brannte Licht und allein dies ließ Daud knurren:
»Hängt doch gleich ein Banner auf und schreibt: Hier sind wird! drauf … so viel zum Thema Diskretion.«
Der ehemalige Meister der Assassinen, hatte immer viel Wert darauf gelegt nicht aufzufallen und auf diese Weise zu vermeiden, die halbe Stadtwache anzulocken. Eine Razzia hatte ihm wirklich mehr als gereicht!
»Ich hätte John bereits bei unserer ersten Begegnung erwürgen sollen!«
John war kein Straßenkind, sondern gehörte zu den Söldnern, mit denen Daud damals den überschwemmten Bezirk erobert und für sich beansprucht hatte. Eigentlich war der Mann als Assassine furchtbar ungeeignet, denn er schlich sich selten irgendwo hinein, sondern metzelte sich lieber durch die feindlichen Reihen und schreckte auch nicht davor zurück, seine Opfer sinnlos zu foltern. Er nannte dies zwar immer Informationsbeschaffung – jedoch schien er jedes Mal zu vergessen, dass man bei einem derartigen Verhör, dem Opfer auch Fragen stellen musste, die es zu beantworten galt. Thomas mochte ihn nicht, denn John ging es nur darum, andere zu quälen – vermutlich ging ihm dabei sogar einer ab.
»Merkwürdig.«, murmelte sein Mentor plötzlich und Thomas wand sich ihm fragend zu:
»Wie bitte?«
»Es ist mir, als könnte ich sein Mal bis hier hin spüren. Es sind eigenartige Kräfte am Werk, doch ich verstehe nicht, warum der Outsider einen Mann wie ihn überhaupt zeichnen sollte. John ist nicht besonders herausragend. Er ist ein Schläger und ein Trinker … Oh, es ärgert mich, dass ich ihn nicht schon viel früher entsorgt habe. Nun gut, aber aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Es wird wirklich Zeit, in meinen eigenen Reihen aufzuräumen.« Sein Stellvertreter nickte zustimmend und ließ die Augen weiter über die Szenerie wandern:
»Ich sehe lose postierte Wachen, stark vereinzelt und jeder von ihnen hat einen ziemlich großen, toten Winkel.«, Thomas knurrte leise. Er selbst war ein Stratege und ein Organisator und es war an ihm, die Wachen um das Hautquartier einzuteilen. Und das war in einer Gegend wie dieser, gar nicht so einfach. Denn überall gab es unzählige Versteckmöglichkeiten, die es den Männern erschwerte jederzeit alles genau einzusehen. Ein Risikofaktor, welcher sich für sie bei einer feindlichen Übernahme, als potentielle Todesfalle erweisen könnte. Darum mussten die Assassinen auch jeden Winkel und jeden Schatten genau kennen. Sie mussten ihren Heimvorteil jederzeit ausspielen können und genau an dieser Stelle, war Thomas strategisches Geschick gefragt.
Seine ehemaligen Kameraden derart lose verteilt zu sehen, ohne erkennbare Struktur, war für ihn demnach eine persönliche Beleidigung. Daud schien dies zu bemerken, denn er schnaubte amüsiert:
»Warum habe ich das Gefühl, dass mir demnächst einige große, bauliche Veränderungen ins Haus stehen werden?« Ihm war durchaus klar, dass Thomas gedanklich bereits plante, ihren Bezirk umzustrukturieren, ohne diese ganzen, sinnlosen Bretterverschläge und unsinnigen Schlupfwinkel: »Na los, komm. Wir sollten umkehren, bevor man uns entdeckt.«
Sie erhoben sich und wanden sich um, den Rückweg anpeilend und Thomas wusste noch, dass er irgendwas sagen wollte, dass er Daud auf etwas hinzuweisen versuchte. Doch das einzige, was zu hören war, war ein lauter und durchdringender Knall. Der Assassine blieb wie angewurzelt stehen, ebenso wie sein Meister, der ihn nun, mit vor Schock geweiteten Augen ansah und Thomas dachte noch, dass irgendwas schlimmes passiert sein musste, dass ausgerechnet Daud einen solchen Gesichtsausdruck zeigte. Panik, Entsetzen, Angst … es war kaum zu definieren und ein einziges Konglomerat aus Gefühlen.
Dann aber setzte ein unfassbarer Schmerz ein, und zwar als Thomas an sich herunter sah und erkannte, dass ihm etwas den Brustkorb zerfetzt hatte. Direkt in seiner Mitte, klaffte ein fleischiges, blutiges Loch und die dazu gehörige Kugel, war wohl irgendwo im Schornstein gegenüber eingeschlagen.
»Daud … ich … .«, er wankte, wusste binnen Sekundenbruchteilen nicht mehr, was er eigentlich sagen wollte, tat einen unsicheren Schritt zurück und fühlte noch, wie seine Fußsohle über die Dachkante rutschte. Sein Gegenüber streckte die Hand nach ihm aus, Thomas sah das Zeichen aufleuchten und dann wurde die Szenerie immer absurder. Wie aus dem Nichts schoss etwas auf sie zu und traf punktgenau in den Handrücken des älteren Mannes – genau dort hin, wo sich auch das Mal befand. Daud schrie auf und Thomas Verstand begriff noch, um was es sich bei dem, mit grüner Flüssigkeit gefüllten Bolzen handelte. Dann war die Luft erfüllt vom Surren mehrerer Teleportationen.
Thomas wusste, dass auch er versuchen musste zu verschwinden, doch es gelang ihm einfach nicht. Sein Geist war durch den Schock, der aus der Zerstörung seines Herzbeutels herrührte, zu erstarrt, um dies auch nur in Erwägung zu ziehen. Und so fiel er nach hinten, hörte zwei Sekunden später nicht mehr, wie sein Meister nach ihm rief; fühlte bereits drei Sekunden später keine Schmerzen mehr und schloss nach vier Sekunden die flackernden Augen und irgendwie, irgendwo, machte sich ein Teil seiner Wahrnehmung selbständig genug, um sich ein letztes Mal zu dematerialisieren. Und im gleichen Moment, in dem sich Thomas Körper in Nichts auflöste, hörte sein Herz auf zu schlagen.



»Daud – .«, säuselte eine Stimme an seinem Ohr. Er zuckte mit den Lidern und fühlte genau, dass irgendwas nicht so war, wie es eigentlich sein sollte.
»Daud – .« da war es wieder, dieses Flüstern, dieser amüsierte Unterton. Daud keuchte leise, alles schmerzte und seine linke Hand pochte wie verrückt. Langsam nahm er auch den Rest seines Körpers wahr und fühlte einen unangenehmen Druck, der sich überall gleichzeitig zu befinden schien.
»Komm schon Daud, wach auf.«
Er keuchte, war versucht die Augen aufzuschlagen, aber alles war so unfassbar schwer.
»Thomas.«, wisperte er und plötzlich gab es ein lautes Klatschen, gefolgt von noch mehr Schmerzen. Sein Kopf wurde gegen seinen Willen zur Seite gedrückt und dann umfasste ihn etwas am Kinn, zwang sein Gesicht in eine bestimmte Richtung. Daud öffnete die Augen, alles war verschwommen und er konnte die dunklen Umrisse einer Person vor sich erkennen.
»Wie süß, dachtest du ernsthaft, ich wäre diese kleine Schwuchtel?«, Johns Stimme hätte gemeiner und gehässiger nicht sein können. Daud ließ ein Knurren vernehmen und konnte es sich nicht verkneifen, den anderen anzuspucken:
»Behalte deine Lügen für dich, John!«, fauchte er, als die Erinnerungen zurück kamen. Jemand hatte auf Thomas geschossen und ihm selbst einen Betäubungsbolzen in den Handrücken gejagt, um das Zeichen des Outsiders zu blockieren – ein geplanter Angriff, bei dem Thomas aus seinem Blickfeld in die Tiefe gestürzt war. John ließ ihn nicht los, sondern packe Dauds Kinn noch fester, dabei wischte er sich mit der freien Hand den Speichel aus dem Gesicht:
»Lügen? Ha! Von wegen. Wusstest du es denn nicht? Dass sich dein ach so toller Thomas, nachts einen von der Palme wedelt, während er an dich denkt?«, grinste John spöttisch. Dieser Mann war einfach nur widerlich, vor allem wie er über Thomas sprach, war für Daud kaum zu ertragen.
»Warum sollte ich dir überhaupt etwas glauben? Du verdammter Verräter!«, spie er ihm voller Abscheu entgegen. Johns Hand drückte immer stärker zu und jetzt merkte Daud auch, dass man sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, den Bolzen aus seinem Handrücken zu ziehen. Er steckte da immer noch und verursachte einen fürchterlichen, stechenden Schmerz. Man hatte ihm die Arme hinter den Rückgen gezerrt und dort zusammengebunden, so dass er den Bolzen nicht von selbst herausziehen konnte.
»Verräter? Ausgerechnet ich? Pha! Daud, was glaubst du, warum mir all diese Männer folgen? Mir und nicht dir und deinem Bückstück? Weil sie wissen, dass nur ich sie anführen kann, dass ich derjenige bin, der genau weiß, was diese Männer wollen und was unsere Prinzipien sind! Im Gegensatz zu dir, alter Mann!« John ließ ihn los, nur um ihm wieder eine Ohrfeige zu verpassen. Daud sah, dass er genau in der Mitte des zerstörten Hauses, links ihres Hauptquartiers kniete, auf beinahe kunstvolle Art und Weise gefesselt und nicht im Stande, sich gegen die Schläge zur Wehr zu setzen. Und überall sah er die abtrünnigen Assassinen. Sie saßen hier und da auf den Ruinen und sahen dabei zu, wie John ihn demütigte.
Es war erschreckend zu sehen, wie viele es waren – hatte er sich so sehr in seinen Leuten getäuscht?
»Ausgerechnet du sprichst von Prinzipien? Wann hast du jemals jemand anderem gefolgt, außer deinen eigenen Vorteilen? Ich leitete eine Organisation mit Planung und Strategie. Du würdest sie nur in ihr Verderben führen, mit deiner Selbstsucht.« Daud musste abfällig lachen, da ihm Thomas Worte wieder in den Sinn kamen: »Ich hätte dich damals bereits töten sollen, als wir das alles hier erobert hatten.«
»Stimmt, das hättest du wohl. Aber das hast du nicht, weil dein Herz zu weich ist.«, John fletschte die Zähne wie ein Tier und begann ihn zu umrunden. Daud fiel auf, dass er sich nicht einmal richtig aufrichten konnte und sein Rücken in dieser Position auf Dauer in eine grausame und schmerzhafte Haltung gezwungen wurde. Die Seile umwickelten ihn fest, aber nicht so, um ihm das Blut in den Gliedmaßen völlig abzuschnüren. Der meiste Druck lastete auf den empfindlichen Bereichen des weichen Knorpelgewebes an den Gelenken und auch das würde nach einigen Stunden unerträgliche Schmerzen verursachen. Wenn man jemanden lange genug auf diese Art zur Bewegungslosigkeit zwang, konnte auch das früher oder später zum Tod führen. Der Brustkorb wurde dauerhaft gestaucht, die Lunge konnte nicht mehr richtig atmen, der Blutdruck kollabierte, das Herz begann immer schneller zu schlagen, ansteigende Panik, plötzlich auftretende Krämpfe und zu guter Letzt das endgültige Kreislaufversagen. Daud schauderte es, wenn er sich dies nur ausmalte. John war wirklich ein Meister wenn es darum ging, Leute langsam und schmerzhaft in den Tod zu foltern.

(Anmerkung: Ja, diese Foltermethode gibt es wirklich und in den diversesten/perverstesten Ausführungen. Am bekanntesten ist hierbei das Folterinstrument »Der Storch« welcher bereits im Mittelalter gern für solche langsamen und grausamen Folterrituale benutzt wurde. Auch heute setzt man darauf, Menschen auf diese Weise zu quälen, da man gleichermaßen auf die physische und psychische Folter zurück greift. Vor Selbstversuchen sei hierbei aber ausdrücklich gewarnt!)

»Wenigstens besitze ich ein Herz.«
»Was nur noch mehr verdeutlicht, wie wenig du für diesen Posten geeignet bist!« John trat ihm in den Rücken, was damit endete, dass der Absatz seines Stiefels, direkt auf die Dornfortsätze von Dauds Wirbelsäule knallten, die in dieser Haltung besonders intensiv zur Geltung kamen. Der ehemalige Leiter der Assassinen, biss die Zähne zusammen, um sich jedes Aufjaulen zu untersagen: »Wir sind Auftragskiller, Mörder, gnadenlose Kämpfer. Doch dank dir haben die Leute immer weniger Angst vor uns. Die lachen nur, wenn jemand uns erwähnt, sie nehmen uns nicht mehr ernst, seit DU aus uns einen verweichlichten Haufen Samariter gemacht hast. Lurk hatte eben doch recht. Aber das ist jetzt vorbei!« Der Stiefel verschwand und Daud konnte sich wieder ein bisschen mehr aufsetzen, doch schon jetzt spürte er, dass ihm diese Körperhaltung immer mehr zusetzte.
»Wir sind keine Söldner mehr, John!«, ermahnte er den anderen, der nun wieder vor ihn trat: »Wie du sagtest, wir sind Auftragsmörder, aber das bedeutet nicht, dass wir auch jeden beliebigen Menschen dieser Stadt töten sollten. Was ist so schlimm daran, dass ich angefangen habe, unsere Aufträge ab und an zu hinterfragen?«
Aber da könnte er genau so gut mit einer Statur von Delilah reden, die hörte ihm hin und wieder sogar zu – und hätte sogar bissige Kommentare abgegeben, wenn sie noch gekonnt hätte. John aber begann nur damit ihn auszulachen und irgendwie hatte er ja auch mit nichts anderem gerechnet.
»Wir werden nicht dafür bezahlt, zu hinterfragen! Siehst du, genau das ist das Problem mit dir!« Der bullige Mann hockte sich zu ihm herunter und griff ihm urplötzlich an den Hals. Daud riss die Augen auf, da es ihm mit einem Schlag unmöglich wurde zu atmen. Er würgte und der Druck verstärkte sich: »Wenn ich will, kann ich dich innerhalb von zehn Minuten auf diese Weise töten.« John ließ ihn wieder los, als Daud bereits nahe an der Grenze zur Ohnmacht war: »Du wärst in etwa 15 Sekunden bewusstlos und das wäre ganz schön langweilig.« Der gefesselte Mann hustete und rang nach Atem, ihm war schwindlig, da John auch die Blutgefäße am Hals stranguliert hatte. Der Kerl hatte einen nahezu Schraubstockartigen Griff.
»Arschloch.«, fauchte er und bereute es fast gleichzeitig, dass er sich zu dieser Gefühlsregung hatte verleiten lassen. John für seinen Teil trat zu, und zwar gegen sein Knie, welches durch die straffe Flexion ohnehin schon gereizt war und der Schmerz war beinahe bewusstseinsraubend. Er schrie auf, auch wenn er das nicht wollte und der Hass in seinem Blick wurde immer unerbittlicher, dem er dem grinsenden Widerling zuwarf.
»Dafür wirst du büßen!«
»Und wie willst du das bewerkstelligen? So wie ich das sehe, ist dein Weibchen vor zwei Stunden von uns gegangen und euer jämmerliches Versteck, werden wir früher oder später ebenfalls finden und ausräuchern. Und du, mein lieber Daud, wirst genau hier langsam und so qualvoll wie möglich verrecken.« John streckte die Arme zur Seite und deutete damit um sich: »Ha! Du hast völlig versagt! Sieh dich nur um, das alles hier gehört mir, deine Leute folgen nur mir und das was von dir übrig bleiben wird, sind abgenagte Knochen und Staub. Denn weist du was? In wenigen Stunden geht die Sonne auf und dann wirst du genau hier sitzen bleiben, während dich die Hitze nach und nach immer durstiger macht. Wie sie dir das Hirn grillt, deine Haut verbrennt und du langsam aber sicher wahnsinnig wirst, bis du mich darum anbettelst, dich von deinem Leiden zu erlösen. Doch das werde ich nicht. Ich werde dir dabei zuschauen und vielleicht bin ich ja so nett und lasse meine Leute die Leiche deines Liebchens suchen, damit du dabei zusehen kannst, wie sich die Ratten an seinem verwesenden Fleisch nähren.« Johns Stiefel stemmte sich gegen Dauds Schulter und drückte seinen Oberkörper erbarmungslos nach hinten. Dadurch schnürten sich die Seile immer fester zusammen, die über den Nacken nach unten um die Beine herum führten. Sie schnitten sich in sein Fleisch und quetschten ihm den Schultergürtel zusammen: »Aber beantworte mir eine Frage, Daud. Wie war Thomas so? Wenn du ihn gefickt hast, hat er dann eigentlich geschrien wie ein Mädchen, oder nach mehr gebettelt, wie die Hure die er war? Ekelhaft, wie du einen wie ihn zu deinem Stellvertreter ernennen konntest. Er war der größte Fehler, von all den vielen Fehlern die du begangen hast. Diese kleine, wichtigtuerische Schwuchtel, hat es nicht anders verdient. Obwohl … .«, John tippte sich nachdenklich ans Kinn, während er damit fortfuhr, Daud zu drangsalieren: »Ich hätte ihn am Leben lassen sollen. Meine Jungs hätten sicherlich ihren Spaß mit deiner Nutte gehabt.«
»Halt endlich dein Maul!« Der Ruf war erfüllt von den Schmerzensschreien, die er zu unterdrücken versuchte, doch John lachte ihn nur wieder aus: »Du hast nicht das Recht, so über ihn zu sprechen!«
»Ha! Sieh dich an, du bist so jämmerlich und so erbärmlich. Thomas war ein perverser, kranker Bastard. Du warst für ihn wie ein Vater und was tut er? Fasst sich selbst an, wenn er glaubt dass ihn keiner sieht, wimmert deinen Namen, stöhnt ihn im Schlaf.«
»Selbst wenn das so war, so übersteigt sein Wert, den deinen um Milliarden!«
»Mein Wert? Was weist du denn schon, Daud?! Der Outsider gab mir dies. Dieses Mal! Es erhalten nur jene, die ihm auffallen, die ihn interessieren – erinnerst du dich? Und, hat dein ach so toller Thomas es getragen? Nein, weil er wertloser Müll ist. Er ist nichts weiter, als ein einfacher Stricher von der Straße, der sich hoch geschlafen hat, kaum dass du Billie wegschicktest. Wäre er nicht schon tot, würde ich mit ihm genau das gleiche machen, wie mit dir, damit ihr euch gegenseitig beim sterben zugucken könnt. Welch ein Jammer.« Endlich verschwand der Stiefel und John wand sich zum gehen.
»Wie auch immer. Genug geplaudert, ich habe zu tun. Solltest du Hunger oder Durst verspüren, bemüh dich nicht zu fragen, meine Männer werden dir nichts geben.«
Voller Hass sah er dem ehemaligen Söldner nach, am Himmel zeichneten sich die ersten Silberstreifen ab und voller Scham erkannte Daud, dass er nun wirklich versagt hatte. Sein engster Vertrauter war tot, seine Leute warteten unwissend in ihrem Versteck und John hatte die Macht völlig an sich gerissen.
»Vergib mir, Thomas. Bitte vergib mir.«, murmelte er, als er den Kopf senkte und sein geschwächter Körper in sich zusammen sackte: »Das sind dann wohl, die Konsequenzen, die ich zu tragen habe … oder?«
Doch auf diese Frage, gab ihm niemand eine Antwort.



(Warnung: Ab hier unverständliches, quantenphysisches Gebrabbel, das keiner versteht.)

In dem Moment, als Thomas sich in der realen Welt in Luft auflöste, geriet er für den Bruchteil einer Sekunde in einen Zwischenraum und als er in diesem Moment starb, verfing sich seine Existenz im Dazwischen – im Nichts.
Neugierig schwebte der Outsider über der Gestalt, die auf einer der unzähligen Plattformen aus Pflastersteinen lag, die hier durch den unwirklichen Raum schwebten. Dabei umspielte ein eigentümliches Lächeln seine blassen Lippen und in die einheitlich schwarzen Augen, trat ein seltsames Funkeln.
»Interessant, wirklich interessant.«, murmelte das hyperdimensionale Wesen und kam nun immer näher, so dass sein Gesicht nur knapp von dem des Anderen entfernt war: »Dies ist bislang noch niemandem gelungen und dass ausgerechnet du es warst, der die geheime Pforte in meine Welt entdeckt hat, überrascht mich nur noch mehr.« Er sah auf das Loch in der Brust des Toten und stieß ein missfälliges Seufzen aus. Schließlich erhob er sich und setzte sich nachdenklich auf eine der schiefen, metallenen Laternen, welche ein bläuliches Licht ausstrahlten: »Nun, was mache ich jetzt mit dir, Thomas? Du bist tot und nicht tot, existent und nicht existent, nicht hier und dort, sondern direkt dazwischen. Das fleischgewordene Dimensions-Paradoxon, das universelle Quantenproblem, die Überlagerung der Zustände.«
Er sprach zu ihm, als würde er zu einem Lebenden sprechen, auch wenn der Mensch dort unten eindeutig tot zu sein schien und doch war Thomas hier und am Leben. Das zeigte sich vor allem darin, dass die Person, zu welcher der Outsider sprach, ab und an zu flackern schien. Denn kurzzeitig stand der Walfänger tatsächlich da, sah zu ihm hoch und wirkte alles andere als tot. Im nächsten Augenblick jedoch, war von ihm nichts zu sehen, außer die reglose Leiche:
»Von allen Wahrscheinlichkeiten, die alle letzten Endes den selben Ausgang haben, musste es nun also ausgerechnet diese sein, die Einzige die vom Endresultat abweicht? Weist du, es bestand praktisch eine Null-Chance, dass dieses Ereignis überhaupt eintreffen kann. Ich habe selbst nicht einmal daran geglaubt, dass es so kommen würde. Was für ein Gott wäre ich denn, wenn ich mir dieses Spektakel entgehen lasse? Also, lass mich einen Blick riskieren, Thomas.«
Der Outsider hob eine seiner Hände und wenige Zentimeter über der Handfläche, bildete sich aus kaltem, schwarzen Rauch eine Kugel, die langsam um sich selbst rotierte: »Wollen wir doch mal sehen, wie viele Eventualitäten sich aus diesem unwahrscheinlichen Ereignis gebildet haben. Oh, schau nicht so verwundert, mein Freund. Das was du hier siehst, ist die Darstellung dessen, was ihr als euer Schicksal bezeichnet. Nur dass es nicht den einen, vorgeschriebenen Weg gibt, den ihr so gerne haben möchtet, da euer Verstand nicht dazu in der Lage ist, mehr zu sehen als das was ihr erlebt. Jede Entscheidung, in jeder Sekunde eures Lebens, kreiert unzählige, mögliche Varianten, die wiederum ebenfalls weitere Möglichkeiten erschaffen, und so weiter, und so weiter. Ein Sammelsurium aus Universen, die für den Moment existieren und in sich zusammenfallen, sobald ihr eine dieser Möglichkeiten gewählt habt. Und für ein hyperdimensionales Geschöpf wie mich, ist es ein Kinderspiel all diese instabilen und eventuellen Universen zu sehen und ihre Wahrscheinlichkeiten abzuwägen.«
Plötzlich teilte sich die Kugel und aus ihr entwuchsen kleinere Darstellungen, die mit feinen Rauchfäden an ihren Ursprung angeknüpft wurden. Diese kleineren Kugeln teilten sich wieder, eine Sekunde später vervielfältigten sie sich erneut und dann ging es immer schneller und schneller. In rasender Geschwindigkeit stoben sie auseinander, verzweigten sich, verloren einander, schossen in den endlosen Raum davon. Der Outsider ließ ein lautes, beinahe kindliches Lachen ertönen, dann hob er die Hände und entließ das feingliedrige Gebilde, dass einem neuralen Netz gleich kam, seiner Kontrolle:
»Wundervoll. Einfach wundervoll, Thomas! Sieh es dir nur an, ist das nicht grandios? Das hier, ist das Wunder des Lebens, das fünfdimensionale Universum!« Er erhob sich von der Laterne und schwebte nun zwischen den Kugeln, von denen jede ein leicht mattes, violettes Leuchten abstrahlte: »Ich habe noch nie eine so wunderbare Komplexität aus Variablen und Wahrscheinlichkeiten gesehen … Oh du bist wahrhaftig meiner würdig, Thomas!«
»Was wirst du nun tun?«, fragte der junge Mann und sah auf sich selbst herunter. Sein toter Körper starrte ausdruckslos in das unwirkliche Himmelszelt: »Wohin werde ich gehen?«
»Du? Nirgendwo hin und doch überall, an jeden Ort der Welt und in jede Zeit.«
»Wie ein Gott?«
»Nein, kein Gott.«, die von schwarzem Rauch umhüllte Gestalt schwebte zu ihm nieder, berührte mit den Füßen nicht einmal den Boden und Thomas Maske löste sich einfach in Nichts auf: »Du hast aus dir selbst heraus ein Paradoxon erschaffen und das was du nun tun kannst, bewegt sich im Rahmen deiner Möglichkeiten – und nur deiner.«
Das Wesen hob die kalte Hand und legte sie auf die Wange seines Gegenübers. Thomas Gesichtsausdruck veränderte sich nicht und er erwiderte unbeeindruckt den Blick in die leeren Augen des Outsiders:
»Was werde ich tun?«, fragte er nun nach und der Gott grinste:
»Sehr schön, du stellst genau die richtigen Fragen.«, es war fast ein liebevolles Wispern, während die nasskalten Finger über die Haut des jungen Mannes glitten. Ja, der Outsider war höchst fasziniert von diesem Geschöpf, dass aus seinem eigenen Nichts ein Alles erschaffen hatte: »Du wirst eine Pforte zurück in deine Welt erschaffen und du wirst dich selbst neu kreieren, als etwas neues, etwas außergewöhnliches. Aber du wirst an das Gesetz der Existenz gebunden sein, und damit dein jetziges Konstrukt als Paradoxon aufgeben müssen. Trotzdem wirst du mächtig sein, doch wie deine Macht sich formen wird, kann ich dir nicht verraten, denn das – .« Der Gott blickte nach oben, in das Netzwerk, das sich noch immer in sich selbst zerteilte: »sind zu viele Varianten, als dass ich genug Geduld hätte, dir jede einzelne zu erklären. Und wo bliebe denn dann der Spaß?«
Thomas folgte dem Blick und musterte das schaurig schöne Spektakel, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen:
»Dies wird nicht nötig sein, denn ich weiß bereits was ich tun werde.« Im nächsten Moment beugte er sich nach vorn und scheinbar willkürlich und wahllos, zog er die grausame Gottheit zu sich, dem vermutlich zeitlosen Geschöpf einen Kuss stehlend: »Nicht nur du, kannst das Multiversum in seiner Gesamtheit überblicken – Leviathan.«
Und mit diesen Worten löste er sich einfach auf, verschwand als hätte er nie existiert und nun begann der Outsider tatsächlich damit, lauthals zu lachen, während um ihn herum das Konstrukt in sich zusammenfiel und am Ende nur eine Kugel übrig blieb, die auf ihn zu schwebte und in seiner Hand zum Stillstand kam:
»Wer hätte das gedacht? Du suchst dir wirklich nur die unwahrscheinlichsten Variablen heraus. Nun gut Thomas, ich werde dich mit Interesse beobachten. Daud kann sich glücklich schätzen, dich als Kettenhund zu haben.«



Der Assassine aus Johns Bande, teleportierte sich zurück auf das Dach, zu seinem Kollegen und stöhnte genervt auf: »Warum müssen wir diese Drecksarbeit überhaupt machen? Vermutlich wurde seine Leiche mittlerweile von den ganzen Ratten da unten aufgefressen. Was will John überhaupt damit?!«
Der andere winkte ihn näher in den Schatten, ehe er sich daran machte, die Sachlage zu erklären:
»Er will ein Exempel statuieren und zeigen, dass er kein Weichei ist, so wie Daud.«
»Ich hatte nichts gegen Daud.«
»Trotzdem bist du nicht ihm gefolgt, sondern John?« Die Frage war berechtigt, doch das Befragte zuckte nur mit den Schultern.
»Natürlich, es war die einzig logische Entscheidung. Daud hätte die Assassinen auf Dauer nicht mehr halten können und John hatte eben die besseren Argumente. Außerdem bin ich lieber auf der Seite der Gewinner, als anders herum.«
»Und Thomas?«
»Was ist mit ihm?«
»Was denkst du über ihn?« Es war Mittag und die Sonne brannte höllisch von oben herab. Es hatte keinen Sinn jetzt da unten nach dem toten Körper des Stellvertreters zu suchen, also blieben sie lieber im Schatten und damit im kühlenden Seewind.
»Hm, gute Frage. Über seine Fähigkeiten als Organisator braucht man nicht zu streiten, das hatte er wesentlich besser drauf, als John. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich einer Schwuchtel folgen wollen würde, denn wenn Daud das zeitliche gesegnet hätte, dann hätte Thomas die Assassinen angeführt und bei einem wie ihm … .« Er ließ den Satz offen und sein Kollege lachte nur:
»Hast Recht, da stimme ich dir zu. Widerlich, dass Daud ausgerechnet nen Männerficker als rechte Hand hatte … wobei … das mit der rechten Hand kann man dann auch anders verstehen.«
»Boah hör auf! Hahaha, da bekomm ich Bilder im Kopf, die ich nicht haben will.«
Sie lachten sich fast kaputt, während sie über den ermordeten Attentäter herzogen und sich auf seine Kosten amüsierten. Zumindest so lange, bis der eine plötzlich inne hielt und lauschte.
»Sei still.«, unterbrach er damit den Lachanfall des anderen und sah sich um.
»Was ist?«
»Ich habe etwas gehört.« Mit den Augen suchte er die nähere Umgebung ab und lauschte, doch zunächst passierte nichts weiter: »Hm, muss mich wohl geirrt haben.« Er wand sich wieder seinem Kollegen zu und erstarrte. In seine Augen trat das blanke Entsetzen, was sein Gegenüber nicht sehen konnte, da die Sonne sich zu sehr auf den Gläsern seiner Atemmaske brach. Doch die steife Körperhaltung und das gekrächzte »Beim Outsider.« bekam dieser dann doch mit und so neigte er den Kopf fragend zur Seite:
»Was hast du denn? Ist da – .« In dem Moment, als er sich umdrehte und in die Richtung schauen wollte, in die der andere Assassine so gebannt starrte, brach er mitten im Satz ab. Und zwar nicht etwa aus Entsetzen oder Überraschung, sondern aus dem einfachen Grund, dass ihm der Kopf fehlte.
Hinter der Leiche, die enthauptet zu Boden sank, bäumte sich etwas auf, was man nicht einmal Ansatzweise vernünftig beschreiben konnte. Der verbliebene Assassine war dermaßen verängstigt, dass ihm die Knie zitterten und sich schon bald ein äußerst dunkler Fleck in seinem Schritt und ein beißender Geruch nach Urin ausbreitete.
»Thomas!«, kreischte er das Wesen vor sich an, nicht wissend ob es ein Mensch, oder eine Hundebestie aus Rauch sein sollte. Das Ding umhüllte die Gestalt von Dauds Stellvertreter, ließ die Atemmaske wie einen gewaltigen Schädel erscheinen, aus dem rot glühende Augen hervor stachen. Der Assassine wusste nicht, ob es seinem überforderten Verstand zu verschulden war, aber er bildete sich ein, sogar ein geöffnetes Maul und spitze Zähne zu erkennen. Zwei Wesen in einem, der Mensch und das materialisierte Tier, aus schwarzem, dichten Rauch, der sich kräuselte und es so erscheinen ließ, als sträube sich das Fell der Bestie.
Thomas starrte ihn an, hinter dem zweiten Paar Augen, dass um ihn herum waberte und es war ein Blick voller Verachtung und Hass. Der schwere Atem klang durch die Maske stoßartig und hart und ähnelte nicht wenig dem Knurren eines gigantischen Hundes, der dazu bereit war, seine Fänge in die Körper der machtlosen Opfer zu versenken.
»Bitte ich … ich wollte nicht … .« Panisch stolperte der Assassine rückwärts, konnte den Blick nicht von dem sich nähernden Tod wenden und ließ vor Angst fast seinen Dolch fallen: »Ich will nicht … bitte nicht … NEIN!« Er versuchte noch, sich zu dematerialisieren, doch da schnellte Thomas vor, das Maul des Geisterhundes öffnete sich, das Dröhnen der Maske wurde zu einem Brüllen und das Schwert schlitzte den Flüchtenden auf. Ein schneller, scharfer Schnitt, von links nach rechts. Er sah fassungslos an sich herunter, war selbst der Schütze gewesen, der Thomas auf ähnliche Weise getötet hatte und hielt sich die Hände auf den Leib, als die Gedärme herausfielen: »Du bist ein – .« Und während er seinen Schlächter anstarrte, nicht wirklich begreifend was da passiert war, kippte er rückwärts vom Dach und fiel in die Tiefe.
Zurück blieb Thomas, der nun wieder ruhiger, aber knurrend atmete. Man hatte in ihm immer den Kettenhund gesehen und so wurde er nun genau das, der Bluthund seines Meisters! Es war kein leichtes gewesen, sich auf diese Weise neu in dieser Welt zu erschaffen, doch es war die einzige Möglichkeit, um allem ein Ende zu setzen. Indem er sich selbst zur Bestie ausrief und sich selbst als wahres Monster kreierte, definierte er den Begriff des Monsters neu und gab Daud auf diese Weise endlich seine Menschlichkeit zurück.
»Daud.«, das Wort kam als tiefes Grollen aus seiner Kehle und die Augen richteten sich nun gezielt auf das Hauptquartier. Er würde ihn retten und damit sich selbst.



»Na, schon durstig?« John lachte, als er ein Glas Wasser einfach vor Daud auf den Holzplatten auskippte und dabei zusah, wie die müden Augen des anderen gierig auf das versickernde Nass starrten. Es war genau so gekommen, wie der Verräter es gesagt hatte. Die Sonne war grausam. Sie brannte höllisch, der Nacken tat ihm weh, der Kopf schmerzte, ihm war schwindelig und noch immer war er zur Bewegungs- und Handlungslosigkeit verdammt. In seiner Hand steckte nach wie vor der Bolzen und die Seile schnitten ihm längst so sehr ins Fleisch, dass es rot war, wund und nässte.
»Aber ich will ja nicht, dass du mir sofort stirbst. Was bringt es mir, dich zu foltern, wenn du schon am ersten Tag einem Hitzschlag erliegst und weil ich ein so großes Herz habe … .«, John winkte einmal und zwei Assassinen näherten sich, jeder von ihnen trug einen Eimer. Daud sah sie aus den Augenwinkeln und er ahnte bereits was jetzt kam: » … wollte ich dir eine kleine Erfrischung gönnen.«
Und schon entleerten sie die Eimer, gefüllt mit dem wohl widerlichsten Brackwasser, was man sich nur vorstellen konnte. Es stank höllisch und Daud vermutete stark, dass darin nicht nur Algen und tote Fische zu finden waren. Sicherlich brachte es zunächst auch kühlende Linderung, doch ihm war klar, dass es dadurch nur noch schlimmer werden würde. Denn die nasse Kleidung würde seinen Körper jetzt zusätzlich auskühlen, neben dem großflächigen Sonnenbrand.
»Tja, Daud. Meister der Versager. Ich glaube wir sind an der Endstation angelangt. Sieh dich nur an, ganz unten, kniest vor mir und alle die dir jemals etwas bedeutet haben, sind entweder tot, oder wurden von dir persönlich verbannt. Also sag schon, wie fühlt man sich so, als schwächstes Glied der Nahrungskette?«, höhnte John und begann wieder damit, um ihn herum zu gehen und ihm immer wieder willkürlich Tritte zu verpassen. Daud schrie nicht, hatte es einmal getan und würde sich nun eher die Zunge abbeißen, als dies noch einmal zuzulassen. Doch mit jedem weiteren Tritt, wurde es schwerer und schwerer, gegen den inneren Drang anzukämpfen.
»Sir?«, beinahe still und leise, hatte sich einer der Assassinen neben seinem ehemaligen und seinem neuen Meister materialisiert und verneigte sich respektvoll:
»Was gibt es? Ich bin beschäftigt.«
»Verzeiht die Störung, aber unsere Späher berichten von einer Sturmfront, die sich sehr schnell vom Meer auf die Stadt zubewegt.«
»Oh, ist es denn leider schon so weit? Wie schade.« Daud horchte auf, als er dies hörte. Natürlich, der jährliche Hurrikan. Ein Naturspektakel, was auf eine extreme Hitzeperiode von mehreren Wochen folgte und in dieser Region der Welt nichts ungewöhnliches war. Die Menschen lebten seit Jahrhunderten mit diesen Unwettern und wussten durchaus, wie sie die richtigen Vorbereitungen zu treffen hatten. In der Regel dauerte dieser Sturm bis zu mehreren Tagen, ehe alles wieder in seinen Normalzustand überging und Daud hatte sich in den letzten Stunden wirklich alles gewünscht, nur damit diese sengende Hitze endlich aufhörte. Allerdings wäre er für ein normales Sommergewitter wesentlich dankbarer gewesen, als für dieses Klima-Drama.
»Okay Männer, dann packt zusammen und verriegelt die Fenster. Ich mag ungern in meinem eigenen Hauptquartier absaufen.«
»Und was ist mit Daud?«, fragte der Assassine nach, was John dazu brachte, auf seinen ehemaligen Boss herunter zu blicken:
»Ist mir egal. Wenn ihn die Sonne in der nächsten Stunde nicht killt, dann definitiv der Sturm. Andernfalls macht mit ihm was ihr wollt.« John wand sich zum gehen, doch gerade, als er ihnen den Rücken zu wand, stieß Daud ein geknurrtes:
»Hey du Arschloch!«, aus und langsam drehte sich der amtierende Führer der Assassinen zu ihm um: »Glaub nicht, dass ich mich von ein paar Regentropfen umbringen lasse, oder von dem bisschen Wärme.«
»Wie war das?«
»Du hast mich schon richtig verstanden. Ich habe dir Rache geschworen und dass du jeden Toten mit deinem eigenen Blut zurück zahlen wirst. Das ist ein Versprechen, John und das werde ich auch halten.« Der Angesprochene hob überrascht die Augenbrauen und fing dann schallend an zu lachen:
»HA! In welcher Position befindest du dich, dass du Forderungen stellen könntest?! Du bist wirklich genau so erbärmlich, wie ich dich immer eingeschätzt habe, Daud. Wie willst du dich denn an mir rächen? Diejenigen, die dir so tapfer gefolgt sind, werden nicht hier her kommen und sich freiwillig mit meinen Jungs anlegen. Und du wirst eher sterben, als dass du dich aus dieser Lage befreien könntest.«
»Ich werde mich rächen! Und wenn ich es nicht selbst tun kann, wird es ein anderer für mich erledigen. Doch ich schwöre dir, dass dein Kopf rollen wird – so oder so!«
»Und wer?! Wer sollte sich jetzt noch für dich einsetzen? Du hast niemanden mehr! Du bist alleine, Daud! Genau so alleine, wie es der Outsider immer vorher gesehen hat. Er sieht alles, er weiß alles und weist du was? Er zeigte mir meine Zukunft, er hat mir genau das hier gezeigt und nichts ist von dieser Vision bislang abgewichen. Thomas starb, so wie ich es sah und du fielst, genau so wie er es mir zeigte.« John begann zu lachen. Es war ein irres, krankes Lachen. Das Lachen eines Mannes, der dem Wahnsinn anheim gefallen war, als er ins Nichts eingetaucht war, um dort in die Finsternis zu blicken: »Nach all den Jahren, nach all den Gebeten, hat er mich endlich erhört und mir genau das hier geschenkt. Sein Mal und dich, vor mir auf dem Boden kniend, demütig und am Ende. Da kann dich auch dein treuer Hund, Thomas, nicht mehr retten!«
Daud schnaubte abfällig bei diesen Worten: »Kranker Bastard. Der Outsider tut Dinge nicht weil wir sie wollen und das was du gesehen hast, ist nicht die endgültige Wahrheit.«
»Das mag sein, aber ich besitze die Macht, sie zum endgültigen Finale auszurufen!«, John zog die Pistole aus dem Holster und richtete den Lauf kurzerhand auf Dauds Gesicht: »Du bist ermüdend und ein Feigling. Ich würde dir ja ein paar letzte Worte gewähren, aber dafür verachte ich dich zu sehr. Also mach's gut, alter Freund.«
Daud konnte sich gerade noch rechtzeitig auf die Seite werfen, als plötzlich ein lauter Schrei die sommerliche Hitze durchbrach, John so für wenige Sekunden abgelenkt wurde, den Blick abwandt und sich ein Schuss löste. Die Kugel verfehlte den Älteren nur um Haaresbreite und schlug hinter ihm in den hölzernen Boden ein.
»Was geht hier vor?!«, donnerte John und drehte sich nun gänzlich um: »Was zum – ?!«, japste er und nun sah es auch Daud. Seine Augen weiteten sich und in ihnen spiegelte sich alles wieder, was man sich nur vorstellen konnte: Angst, Verwirrung, Panik, Überraschung und auch eine makabere Freude – egal wie gruselig der Anblick auch sein mochte. Denn auf einem Dach in nächster Nähe, stand eine Gestalt, die zunächst nur schwer zu erkennen war. Es war eindeutig ein Mensch, aber er war in eine Unmenge schwarzen Rauchs eingehüllt, der ihn umschwirrte wie ein Bienenschwarm. Der Rauch bildete den Kopf eines Hundes, mit spitz aufgerichteten Ohren und ging nach unten in den Körper eines Menschen über. Das was geschrien hatte, schwamm mittlerweile in der Mitte zerteilt im Wasser unter ihnen und noch stand das Wesen nur da und starrte in ihre Richtung.
»Tötet ihn … Na los, worauf wartet ihr noch?! Tötet ihn!«, bellte John den Befehl an seine Assassinen gewandt und Daud stellte mit Freuden fest, dass sich gerade einmal die Hälfte von ihnen überhaupt angesprochen fühlte. Trotzdem schien es den ein oder anderen mutigen unter ihnen zu geben, der sich nun wirklich zu dem Wesen teleportierte und es angriff. Aber was man zu sehen bekam, war kein Kampf, sondern eher ein Gemetzel. Der Rauch schien sich selbständig zu machen und es war unfassbar schwer zu erkennen, ob es den Angreifer nun mit seinem unwirklichen Maul, oder zwei Schwertern zerfetzte. Vielleicht war es ja beides und kaum dass der Assassine fiel, verschwand es. Der Rauch schien sich einfach aufzulösen und zunächst hielten sie es für die reguläre Teleportation, bis Daud erkannte, dass es gesprungen war. Denn es schoss direkt auf sie zu, wirbelte regelrecht durch die Luft, vollführte dabei eine irre Drehung und schien anschließend kurzerhand die Richtung zu wechseln. Der Attentäter, der das Pech hatte zufällig in der Nähe zu stehen, wurde senkrecht in der Mitte zerteilt. Er hatte keine Chance, als das Schattending ihn rücksichtslos tötete und es war sofort klar, dass dieser Gegner nicht einfach nur monströs aussah, sondern auch über bestialische, körperliche Fähigkeiten verfügen musste. Denn einen Menschen auf diese Weise zu töten, war selbst für gut trainierte Schwertkämpfer nicht zu bewerkstelligen. Die Menge an Knochen, die es dabei zu überwinden galt, bremste einfach zu sehr aus und die Schneide blieb früher oder später stecken.
Aber es war nicht das Massaker, dessen Zeuge er gerade wurde, welches Daud so sehr faszinierte und schockierte. Denn das Wesen, dass nichts und alles zugleich war, erkannte er definitiv als:
»Thomas.«, kam der Name über seine trockenen und rissigen Lippen und er war noch nie so froh darüber, seinen Stellvertreter zu sehen. Er vermutete stark, dass der Outsider seine Finger im Spiel hatte und auch John dachte dies, denn der knurrte nun:
»Davon war nie die rede! Das kam nie in der Vision vor!«
»Ich sagte doch, der Dreckskerl macht was er will.«, Daud musste lachen, auch wenn ihm einfach nur alles höllisch weh tat. Thomas lebendig zu sehen, entbehrte jeglicher Schmerzen. Besagter Assassine wand sich nun zu ihnen um, quälend langsam und die glühenden, roten Augen, richteten sich auf Daud und dessen Peiniger.
»Du!«, sogar seine Stimme glich dem Knurren eines Tieres, während sich das Maul des Hundes rhythmisch öffnete und Schloss: »Ich bring dich um.«
John wurde wohl im gleichen Moment von einer Welle des Mutes und der Torheit ergriffen, denn er lachte nur abfällig.
»Mich?! HA! Du machst Witze. Na komm schon her, Bello. Wird Zeit, dass dich mal jemand an die Leine nimmt.« Es wurde schnell klar, dass in Thomas eine unglaubliche Wildheit steckte, denn er griff an, ohne zu zögern und derart brutal, dass es schwer war seine Bewegungen überhaupt zu erkennen. Der Rauch machte es schwer genau zu differenzieren, wo die Schläge herkamen und genau das war das Problem. Denn Johns Schild fing den größten Teil der Hiebe einfach ab. Sie entfernten sich von Daud, der bemüht war sich aus dem Ring zu manövrieren – mittels Bewegungen, die ihm extrem starke Schmerzen bereiteten. Plötzlich vernahm er ein Brüllen, wütend und schmerzverzerrt und als er sich den Kämpfenden zu wand, sah er Thomas, dessen zweites Schwert zu seinen Füßen lag und in dessen Arm Johns Dolch steckte. Blut klatschte auf den Boden, die Schneide musste eine größere Arterie getroffen haben und als John den Dolch fast sofort wieder heraus zog, strömte das Blut nur so hervor.
»Du bist das Zeichen des Outsiders nicht wert!«, lachte der Assassine. Thomas krümmte sich kurz, der Hund um ihn herum sträubte das Fell, aus der Gasmaske drangen unwirkliche Geräusche die entweder ein schweres Atmen, oder ein zorniges Knurren waren. Selbst einen Schweif konnte Daud sehen, da beide Kontrahenten nun seitlich zu ihm standen und einander anstarrten.
»Ich bin keines seiner Machwerke, du Idiot.«, erklang die tiefe Stimme und die Hundefratze verzog sich zu seinem zähnefletschendem Grinsen: »Und das hier – .« Thomas hielt den verwundeten Arm hoch, an dem jedoch keine Wunde mehr zu sehen war: »existiert für mich nicht!«
Dann holte der Stellvertreter aus, schlug zu und die Klinge vibrierte, kaum dass sie auf den unsichtbaren Schild donnerte. John wich instinktiv zurück und hob den Schwertarm, um sich zu verteidigen. Doch Thomas ging geschmeidig in die Knie, ergriff den Dolch, den er zuvor hatte fallen lassen und sprang dann in einem Satz nach hinten. Mit etwa zwei Metern Distanz, begannen sie einander zu umrunden. Daud fiel es schwer, zu erkennen, ob er nun den pferdegroßen, schwarzen Hund sah, der sich auf vier Beinen fortbewegte, oder Thomas, der als Mensch mit gezückten Dolchen vorwärts schritt. Er hatte bereits von Tierverwandlungen gehört, aber noch nie von SO etwas. Wenn das hier nicht das Werk des Outsiders war, wo um alles in der Welt, hatte sein Attentäter nur diese Fähigkeit erhalten?
Die Frage rückte in den Hintergrund, als Thomas erneut angriff, doch er prallte immer wieder gegen den verdammten Schild. Und nun, je schneller er wurde, umso mehr verschwand der Mensch und nach einigen Minuten war wirklich nur noch der Hund zu sehen, dessen Pranken sich in den Boden bohrten und von dessen Fängen rauchiger Speichel tropfte. Das Fell sträubte sich, das Knurren wurde immer lauter.
Daud starrte die Szenerie an, konnte nicht glauben was hier passierte und dann sah er John, der völlig bleich dastand, am ganzen Körper zitterte und dessen Atem schwer ging.
»Ich werde nicht verlieren. Ich werde auf keinen Fall gegen einen verlausten Köter wie dich verlieren!«
»Mir scheint, als hätte der Outsider das Interesse an dir verloren.«, raunte Daud mehr zu sich selbst, denn der Schild wies mittlerweile eine Unmenge an feinen Rissen auf. Thomas hatte nicht speziell John selbst angegriffen, sondern das Gebilde um ihn herum. Daud begann zu lachen, rau und kehlig, als der Hund ein letztes Mal angriff, als er das letzte Mal die Klauen nach dem Kontrahenten ausstreckte und als er seine Zähne wie wahnsinnig in den Schild rammte. Ein lautes Knacken war zu vernehmen, fast als würde Glas brechen. John stürzte in einem letzten Akt der Selbstverteidigung auf den Eindringling zu, doch man sah sofort, dass dies ein schwerer Fehler war. Denn als der Schild tatsächlich wie eine Kugel aus Glas zerbrach, löste sich auch der Hund wieder in Rauch auf und aus seinem Schatten tauchte Thomas auf, der sich unter der ausgestreckten Schwertspitze weg duckte und in einem Akt der endgültigen Zerstörung, beide Klingen nach oben schnellen ließ. Wie Butter glitten sie in die offen daliegende Achselhöhle, schnitten durch Haut, Fleisch, Blutgefäße, Nerven, Sehnen und trennten den Oberarm vollständig vom Rest des Rumpfes ab.
Der unrechtmäßige Führer der Assassinen, schrie und kreischte auf, als er sah, wie der Arm und damit das Siegel, noch gut einen Meter durch die Luft segelten, ehe beides mit einem lauten und ekelhaften Platschen auf dem Holz aufschlug. John wälzte sich wie irre über den Boden, blutete wie ein abgestochenes Schwein und für Daud war es mehr als nur Genugtuung Thomas zu sehen, der als schattenhafter Schlächter über dem anderen stand, in beiden Händen die Klingen haltend, die Schultern hoben und senkten sich durch die schwere Atmung. Schließlich jedoch löste er sich auf und erschien vor Daud selbst. Ohne ein Wort, schnitt er die Seile durch, befreite seinen Meister endlich aus dieser demütigen Position und stützte ihn, um ihm auf die Beine zu helfen. Dauds Knie zitterten, sein ganzer Körper bebte vor Anstrengung und ihm wurde immer wieder schwarz vor Augen, da sein Blutdruck völlig in den Keller sackte. Trotzdem war der Bolzen das erste, was er sich aus der Hand heraus riss.
»NEIN!«, Johns verzweifeltes Brüllen hallte durch die Schluchten der Häuser und vermischten sich mit dem lauter werdenden Geheul des Sturms: »NEIN! Tötet ihn endlich! Tötet sie beide!«
Doch die Assassinen, die in der Entfernung auf den Dächern standen, sahen nur auf das Drama dort unten, griffen nicht ein, oder verschwanden einfach im Nichts. John sah sich fassungslos um, der Boden um ihn herum, war ein einziges Meer aus Blut, dessen Gestank zu Daud und Thomas wehte. Daud selbst klammerte sich an dem anderen regelrecht fest und sah fasziniert dabei zu, wie der Rauch um ihn herum tanzte und den Mentor teilweise mit einschloss.
»Ihr Feiglinge! Ihr verdammten Feiglinge! Ich bring euch alle um!«
»Thomas?«, der Maskenkopf wand sich direkt dem Älteren zu und Daud sah durch die Gläser ein paar Augen, die allerdings nicht das Rot des Hundes, sondern das gewohnt warme Braun besaßen: »Setze dem Geschrei bitte ein Ende und dann lass uns gehen.«
Sein treuer Assassine nickte, half ihm dabei sich auf einen Mauerbruch in der Nähe zu setzen und schritt dann langsam auf John zu, welcher wütend wie verzweifelt zu ihm starrte, die Hand auf die offene Wunde gedrückt, wobei ihm das Blut durch die Finger quoll.
»Niemals werde ich um Gnade betteln!«, knurrte er wahnsinnig wie er war: »Niemals werde ich das Haupt vor dir beugen! Sieh dich nur an! Du bist sein Hund, sein verdammter Kettenhund, Thomas! Du wirst niemals frei sein, niemals und er wird auch dich so lange benutzen, bis er deiner überdrüssig ist! Wie er es mit allen anderen auch tut!«
»Du liegst falsch.« Dauds Stimme war ein Keuchen, aber wesentlich fester und koordinierter, als das wirre Gekreische des ehemaligen Söldners: »Was du in mir siehst, ist mir einerlei, doch was Thomas betrifft, kann ich dir versichern, dass ich ihn niemals für meine Ziele missbrauchen würde. Er ist frei … er war schon immer frei.«
John wimmerte, japste und aus seinem Mund lief Speichel – er verlor nun gänzlich den Verstand und während Daud sah, wie es Thomas war, der den anderen mit den Knien auf den Boden drückte und ihm beide Klingen an den Hals legte; sah John einen gigantischen, schwarzen Hund aus Rauch und Nebel über sich, der das Maul öffnete und schlussendlich zubiss.



Sie standen noch dort, als der Sturm längst begonnen hatte und der Regen tonnenschwer auf sie eintrommelte. Kein Assassine war mehr zu sehen und nur sie beide waren noch da. Thomas, der über Johns enthaupteter Leiche stand und dessen schwarze Rauchgestalt, durch die dämmrige Dunkelheit, mit der Umgebung zu verschmelzen schien. Und Daud, der ihn unentwegt beobachtete. Der Regen spülte den Schweiß und den Gestank von ihm herunter, ebenso das Blut und es war eine unfassbare Erleichterung, auch wenn es langsam ziemlich kalt wurde. In der Ferne erklang das Dröhnen und Rumpeln des nahenden Gewitters und in der Ferne, über dem Meer, zuckten immer wieder die ersten Blitze durch die Wolkenwand, die sich schwer wie eine Decke über das Land legen würde. Seit einer halben Stunde schon verweilten sie im Regen, der dichter und dichter wurde und endlich kam Bewegung in Thomas. Langsam hob er die Hände an die Maske, zog sie sich aus und mit ihr verschwand auch endlich der Hund. Daud fühlte unfassbare Erleichterung in sich, nun endlich das vertraute Profil des Jüngeren zu sehen, die blonden Haare, die binnen Sekunden durchweichten.
Thomas zitterte, die Maske entglitt seinen Fingern, viel neben John auf den Boden. Die Handflächen legten sich auf sein Gesicht, das Zittern wurde stärker und der durchdringende, vom Regen fast verschluckte Schrei, war fast ein logisches Resultat.
Seine letzte Kraft zusammennehmend, erhob Daud sich von der Mauer, wankte auf den Jüngeren zu und als Thomas nahe dran war, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wurde er von einem paar Arme aufgefangen, die sich vor ihm materialisierten und ihn fest umschlangen.
»Vorbei.«, raunte ihm sein Mentor zu, hielt ihn fest, hielt sich an ihm fest, fuhr mit den Fingern in die weichen, blonden Haare, drückte Thomas so fest er konnte an sich und sein Assassine erwiderte es, tat es ihm gleich. Sie standen da, fest umschlungen und Daud erkannte, dass er den anderen seit dem Tag, an dem er ihn als Waisenkind von der Straße aufgelesen hatte, nicht mehr hatte weinen sehen. Nun aber fühlte er das Beben und vernahm das verzweifelte, kraftlose Schluchzen, das ihm selbst das Herz schwerer werden ließ. Es waren die Emotionen von fast zwei Jahrzehnten, die sich an die Oberfläche kämpften und Daud ließ es einfach zu, ermahnte ihn nicht und rügte ihn nicht. Denn er hatte Thomas alles zu verdanken, nicht nur die Rettung seines Lebens. Dieser Mann war für ihn alles und Daud wusste, dass er ihn genau so beschützen wollte, wie sein Assassine es für ihn tat. Thomas war nicht einfach sein Kettenhund, sein loyalster Anhänger und er war auch kein Ziehsohn für ihn, so wie die anderen. Nein, er war der Mann, der sein vermeintlich eiskaltes Herz aufgetaut hatte.
»Bleib bei mir.« Thomas hob den Kopf, als er diese Worte hörte und die nun wirklich leicht geröteten Augen, sahen in ein paar smaragdgrüne Irden: »Ich will dich nie wieder verlieren müssen … bleib bei mir, Thomas.«
Die wenigen Assassinen, die sich in die schützenden Ecken verkrochen und die Szene mit wachsender Neugier und tiefen Schuldgefühlen beobachtet hatten, wunderten sich wenig darüber, als Thomas endlich die Initiative ergriff und seinen Meister küsste. Es war kein wirklich unschuldiger Kuss, denn er war von tiefer Sehnsucht erfüllt, von Gefühlen und von Leidenschaft. Kein Ringen um die Vorherrschaft, sondern ein gegenseitiger Beweis für das was sie fühlten und ein Versprechen. Nein, Thomas würde nicht mehr gehen, er würde nie gehen. Nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Er würde bei Daud sein, immer und überall – als Vertrauter, als Schatten, als Kettenhund, als Geliebter.

Ende

***

Es sind genau 21 Seiten Text X_x warum zum Fick eskaliert es eigentlich immer?! Kann mir das mal jemand sagen?!?!?! Nun gut, ich weiß es war eine sehr merkwürdige Geschichte und ich bin mir echt nicht sicher, ob ich sie nun als gut oder schlecht einschätzen soll. Aber ich mag Daud und Thomas ganz gern und hoffe doch, dass es auch noch andere Anhänger dieses Pairings gibt, die nicht Feendrache und Durah heißen :D

Liebe Grüße
Feendrache