Weihnachtsbaum

von Porpetina
GeschichteDrama, Familie / P12
Ayumi Otosaka Shunsuke Otosaka Yuu Otosaka
26.09.2016
26.09.2016
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Der Baum war etwa 1,50 Meter hoch. Eine echte Tanne, keine billige Plastikausgabe aus einem Kaufhaus. Das Gewächs erfüllte die ganze Wohnung mit ihrem Geruch, obwohl es nur im Wohnzimmer in der Ecke stand. Trotzdem hatte die Tanne einen Zweck. Sie vermittelte den Bewohnern so etwas wie ein normales Leben, ein Leben ohne Superkräfte. Shunsuke saß mit seinen beiden jüngeren Geschwistern im Wohnzimmer. Den Baum hatten sein Bruder Yū und seine Schwester Ayumi zuvor in einer Gärtnerei ausgesucht und dann gemeinsam hergebracht. Kein leichtes Unterfangen, wie Shunsuke von ihnen erfahren hatte. Besonders schwer hatte sich Yū damit getan, den Baum, der größer war als seine Schwester, die Treppe hinauf zu bugsieren. In die Wohnung und in den alten Baumständer, der noch bei den alten Weihnachtssachen war, hatten sie ihn dann schnell reingebracht. Jetzt stand die Tanne nackt in der Wohnzimmerecke, streckte die Äste noch gen Himmel und wartete darauf, mit bunten Lichtern, Christbaumkugeln und Girlanden geschmückt zu werden. Die zwölf Jahre alte Ayumi saß vor einer großen Pappkiste, in der sich zahlreicher Christbaumschmuck befand.
"Du hast die Sachen wirklich alle aufbewahrt?", fragte Yū noch immer erstaunt.
Shunsuke schwieg vorerst. Ihre kleine Schwester griff nach einer roten Kugel, die mit goldfarbenem Glitzer verziert war, stand auf und ging zu dem Baum hinüber.
"Du musst darauf achten, dass du die Kugel richtig am Zweig fest machst. Sonst fällt sie runter", erklärte Yū, als ob er sein Leben lang nichts anderes getan hätte, als Christbäume zu schmücken.
Er wandte sich der Lichterkette zu, die ebenfalls in der Kiste war. Der älteste der drei Geschwister saß auf dem Sofa und hörte dem Treiben schweigend zu. Jedes Atmen, jedes Kratzen, jeder Schritt; nichts entging ihm. Sein Blindenstock lag zusammengeklappt neben ihm auf dem Sofa. Die rote Kugel hatte ihren Platz an der Tanne gefunden und das Mädchen wandte sich wieder der Kiste zu.
„Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht...“, murmelte Shunsuke.
Ayumi nahm nun eine blaue Kugel und betrachtete sie skeptisch. Yū bemerkte ihr Zögern.
"Was ist?", fragte er sie.
"Nichts... Ich hab mir nur gerade gedacht, dass man die Sachen vorher vielleicht sauber machen sollte... Schau mal, die Kugel ist ganz verstaubt."
"Hm... Vorher noch mal alles Putzen?"
Yū klang skeptisch.
"Das kann ich ja übernehmen. Dann kann ich mich wenigstens ein bisschen nützlich machen!", erklärte der blinde junge Mann.
"Um Himmels Willen..."
"Ayumi, holst du mir bitte einen sauberen Lappen aus der Küche?"
"Klar!"
Das Mädchen gab ihrem ältesten Bruder die Kugel und flitzte in die Küche hinüber. Die beiden Jungen konnten hören, wie sie einen Stuhl verrückte, um an den Hängeschrank heran zu kommen. Eine Schranktür klappte einmal auf und wieder zu, der Stuhl wurde zurück gestellt und Ayumi kehrte in Windeseile zurück, um ihrem Bruder den gewünschten Gegenstand zu geben.
"Stell die Kiste mit den Weihnachtssachen am besten zu mir auf die Couch", bat Shunsuke seine Schwester.
Yū schüttelte nur den Kopf ob der Förmlichkeit seines älteren Bruders. Er schien sich doch etwas unsicher zu sein im Umgang mit seinen Geschwistern. Der Älteste begann, die blaue Kugel zu polieren, die Ayumi vorhin in der Hand gehalten hatte. Das Mädchen ging zu der Tanne hinüber und holte die rote Kugel von dem Ästchen, um sie ebenfalls putzen zu lassen. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf Yū.
"Irgendwie bist du noch nicht sehr weit gekommen", meinte sie zweifelnd.
"Doch, ich hab schon vier Birnen entwirrt!", meinte er stolz.
"Bleiben noch 20...", murmelte Schunsuke und legte die polierte blaue Christbaumkugel vor sich auf den Tisch.
Ayumi kicherte kurz und tauschte mit ihrem ältesten Bruder. Die blaue Kugel fand ihren Platz an der Stelle, an der eben noch die rote gehangen hatte. Das Mädchen kehrte zur Kiste zurück und kramte eine verstaubte Plastikgirlande heraus, deren Farbe man nur ansatzweise als golden erahnen konnte. Diese war genauso verheddert wie die Lichterkette.
"Wieso erzählst du uns nicht was aus unserer Vergangenheit?", fragte Yū, während er zwei weitere Glühbirnen befreite. "Zum Beispiel, ob wir früher auch schon gemeinsam den Weihnachtsbaum aufgebaut haben..."
"Oh ja!", flehte Ayumi.
Shunsuke seufzte und schwieg einige Momente. Ein Schatten trübte sein Gesicht, als er eine silberne Dekokugel zu der Roten auf den Tisch legte, erneut in die Kiste griff und eine goldfarbene heraus zog. Seine jüngeren Geschwister drängten ihn trotz ihrer Neugier nicht.
"Ayumi wurde eigentlich immer mit dem Weihnachtsbaum überrascht...", überlegte der Blinde. "Und du normalerweise auch..."
"Was heißt 'normalerweise'?", fragte Yū vorsichtig.
"Na ja..."
Yū hielt inne in seinem Tun und sah Shunsuke fragend an, auch wenn dieser seinen Blick nur erahnen konnte.
"Ich will es jetzt auch wissen...", meinte Ayumi begeistert.
Der älteste der drei Geschwister gab sich einen Ruck.
"Einmal hat Yū den Christbaumschmuck gefunden... Einige Tage vor Heiligabend."
Die beiden Jüngeren fuhren fort, Lichterkette und Girlande zu entwirren, während Shunsuke erzählte.

***

Nichts rührte sich in der Vierzimmerwohnung. Yūs Eltern waren mit seinem älteren Bruder Shunsuke Einkaufen gegangen. Für Heiligabend brauchten sie noch die Zutaten für die klassische japanische Weihnachtstorte. Außerdem soll es am 24. wohl Lachs geben, wenn der kleine Yū sich nicht verhört hatte. Seine kleine Schwester Ayumi lag wie immer um diese Zeit in ihrem Bett und hörte ein Hörspiel. Mit seinen acht Jahren war Yū alt genug, um für kurze Zeit auf seine fünfjährige Schwester aufzupassen. Zumal sie sich sowieso stundenlang alleine beschäftigen konnte. Also war der kleine Yū auf große Schatzsuche gegangen. Die Weihnachtsgeschenke für die Kinder würden sich doch bestimmt finden lassen, während seine Eltern weg waren.
Begonnen hatte das Abenteuer im elterlichen Wohnzimmer. Der Junge hatte vermutet, dass die Spielsachen in einer der hintersten Ecken des Kleiderschranks versteckt sein würden, an der Stelle, die die Kinder nur mit einem Stuhl erreichen konnten. Yū hatte sich das entsprechende Möbel gleich aus der Küche mitgebracht, hatte den Schrank geöffnet und war vor Kleiderhaken und zusammengelegten Pullovern in die Höhe geklettert. Doch hinter den fein säuberlich zusammengelegten Krawatten seines Vaters und den farblich sortierten Seidenschals seiner Mutter hatte sich nichts befunden, womit man Kindern zu Weihnachten eine Freude machte. So schnell gab Yū nicht auf. Schließlich gab es auch noch eine größere Kommode, in der seine Eltern üblicherweise ihre Unterwäsche aufbewahrten. Fasziniert hatte er zwischen roten und schwarzen Spitzen-BHs gewühlt und die mit Totoros bedruckten Boxershorts seines Vaters zwischen die Schlüpfer seiner Mutter gemischt. Doch auch die Unterwäsche gab kein Spielzeug preis.

***

Ayumi lachte, bis ihr die Luft wegblieb, während Yū beschämt auf die Lichterkette in seinen Händen starrte, ohne sie zu sehen. Sein Kopf war hochrot angelaufen.
"Musst du ausgerechnet so etwas erzählen?", empörte er sich.
"Du wolltest etwas aus unserer Vergangenheit erfahren. Etwas, das zufälligerweise mit Weihnachten zu tun hat...", verteidigte sich Shunsuke.
"Ich finde es toll!", bekräftigte Ayumi.
"War ja klar..."
Yū entwirrte zwei weitere Glühbirnen und stellte dann freudig fest, dass er mittlerweile bei der Hälfte angekommen war. Shunsuke fuhr mit der Geschichte fort.

***

Nachdem Yū im elterlichen Schlafzimmer nicht fündig geworden war, hatte er beschlossen, es in dem kleinen Keller zu versuchen. Dieser diente hauptsächlich als Abstellkammer für die Sachen, die die Familie jetzt im Winter nicht benötigte. Alles war ordentlich zusammengeklappt und mit großen Planen abgedeckt, so dass die Sachen möglichst wenig einstaubten. Yū ließ seinen Blick durch den kleinen Raum schweifen. In einer der Ecken stand eine kleine Kiste, wenn er sich nicht täuschte. Er entschied sich, zuerst dort nachzuschauen. Der Junge ging in die entsprechende Ecke hinüber, schob die Abdeckung von der Kiste und zog sie dann weiter in den Raum hinein. Sie ließ sich sehr leicht bewegen. Ob dort tatsächlich Spielsachen drin sein würden?
Die Kiste war nicht verklebt, der Deckel war also ohne größere Schwierigkeiten hoch zu heben. Yū staunte nicht schlecht, als er statt möglichen Geschenken bunt glitzernde Christbaumkugeln sah, die ihren Platz alljährlich an der Kunsttanne fanden, die vermutlich auch irgendwo im Keller verstaut war. Von den Kindern aus seiner Grundschulklasse wusste er, dass es bei ihnen häufig echte Nadelbäume gab, die weihnachtlich dekoriert waren. Doch der Junge hatte seine Eltern nie darauf angesprochen.
Während Yū so am Boden saß und die Kiste mit der Weihnachtsdekoration vor sich betrachtend über die bisherigen Christbäume in seinem Haushalt nachdachte, vergaß er den ursprünglich gefassten Plan. Die Bergpalme kam ihm in den Sinn, die im Wohnzimmer auf dem Boden vor dem großen Fenster stand.
'Wie sie sich wohl mit Weihnachtskugeln und Lichterkerze macht...?', überlegte er.
Der Junge fasste sich ein Herz, nahm die Kiste, die ihm eigentlich fast zu groß zum Tragen war und schleppte sie die Treppe hinauf. Ayumi war noch immer mit ihrem Hörspiel beschäftigt und so taumelte Yū mit der Kiste ins Wohnzimmer und hinüber zu dem Gewächs. In Windeseile hatte er die Lichterkette heraus gekramt, die fein säuberlich zusammengelegt in der ursprünglichen Originalverpackung steckte. Er begann damit, sie auseinander zu nehmen und auf den Zweigen der Bergpalme anzubringen, die sich daraufhin ziemlich weit nach unten senkten.
"Die Lichter scheinen zu schwer zu sein..."
Yū nahm die Kette nach einigem Überlegen wieder von den Zweigen und entschied sich stattdessen dazu, sie erst einmal dekorativ um den Blumentopf herum hinzulegen. Sicher würde ihm danach noch eine andere Lösung einfallen. Die Christbaumkugeln würden bestimmt nicht so schwer sein. Yū holte eine glänzend rote aus der Kiste, ignorierte die Tatsache, dass sie leicht verstaubt war und hängte sie auf einen der Zweige. Wie er es sich gedacht hatte, die Kugeln waren nicht so schwer. Ohne auf seine Umgebung zu achten begann er, die Palme mit den restlichen Dekoartikeln zu verzieren.
Nach etwa zehn Minuten war es im Raum nebenan still geworden. Ayumis Hörspiel schien zu Ende zu sein und sie kam ins Wohnzimmer. Yū war gerade dabei, noch einen kleinen Vogel mit der Klemme auf einem Zweig festzumachen.
"Das ist aber hübsch!", kommentierte seine Schwester.
Yū zuckte zusammen und fuhr herum. Ayumi stand mit leuchtenden Augen zwischen Sofa und Kaffeetisch und betrachtete die verzierte Palme andächtig. Ihr Bruder war zu beschämt, um etwas zu sagen.
"Jetzt müssen nur noch die Lichter ran!", schwärmte das Mädchen weiter.
"Die sind leider zu schwer für die Zweige...", erklärte Yū.
Trotzdem ging er hinüber und steckte den Stecker in die Steckdose. Viele bunte Lichter blinkten nun in einem Kreis um den improvisierten Weihnachtsbaum herum.

***

Shunsuke grinste in den Raum hinein, während sein kleiner Bruder die Lichterkette mittlerweile ganz entwirrt hatte und ihre Funktionstüchtigkeit testete. Ayumi hatte den meisten Christbaumschmuck mittlerweile am Baum angebracht. Jedoch war das Ergebnis relativ ungleichmäßig. Der schönste Schmuck befand sich hauptsächlich an der Vorderseite des Baumes, während hinten rum eher wenige Kugeln zu finden waren.
"Und wie ging es dann weiter?"
Schon wieder stellte das Mädchen diese Frage. Yū hatte diesen Satz in der letzten halben Stunde schon dreimal gehört. Aber natürlich konnte die Geschichte an dieser Stelle noch nicht zu Ende sein. Sicher würde er Anschiss von seinen Eltern kassiert haben.
Shunsuke schwieg einigen Augenblick und konzentrierte sich darauf, das letzte Stück aus der Kiste zu polieren. Es war der kleine Vogel aus der Geschichte.
"Natürlich waren Vater und Mutter erschrocken, als wir nach Hause kamen..."

***

"Du liebes bisschen... Warum ausgerechnet die Palme?", stöhnte Vater Otosaka und kratzte sich mit seiner Rechten am Hinterkopf.
Yū starrte schuldbewusst auf den Boden, während die restlichen Familienmitglieder um das weihnachtlich geschmückte Gewächs herum standen.
"Eigentlich sieht sie so doch ziemlich hübsch aus...", meinte die Mutter.
Der Übeltäter hob den Kopf.
"Finde ich auch!", versicherte Ayumi zum gefühlt hundertsten Mal.
"... und ich hätte keine Arbeit mehr...", sinnierte Yūs Vater.
"Dann ist es beschlossen... Dieses Jahr haben wir eine Weihnachtspalme", entschied Mutter Otosaka.

***

In der kleinen Wohnung war es still geworden. Die Tanne war nun vollends geschmückt. Lediglich die Lichterkette lag nach wie vor am Boden. Yūs Augen glänzten verräterisch und Ayumi weinte ungeniert. Beide hatten keine eigene Erinnerung mehr an ihre Eltern. Diese hatte Shunsuke ihnen genommen, damals, als er das erste Mal in der Zeit zurückgereist war, um ihre Zukunft zu ändern. So vieles war seitdem passiert. Yū hatte Nao Tomori und viele andere Kinder mit Superkräften kennen gelernt. Ayumi war gestorben und war nicht gestorben. Yū hatte eine mehrjährige Weltreise gemacht. Und Shunsuke hatte seinen besten Freund Kumagami beerdigt. Yū wusste nicht mehr, was tatsächlich der Realität entsprach und was lediglich in einer imaginären Parallelwelt stattgefunden hatte. Für ihn und seine Geschwister war es das Wichtigste, wieder zu einem normalen Leben zurückkehren zu können. Und die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

~ FIN ~
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