The Science of Love

GeschichteKrimi, Romanze / P16
26.09.2016
01.04.2017
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Dieses Kapitel
15 Reviews
 
 
 
Bevor es losgeht, möchte ich euch noch kurz auf etwas hinweisen.

Das Team, das Emma immer wieder mal erwähnt, und Patrick Jane – der Berater - stammen aus einer anderen Serie, nämlich aus „The Mentalist“. Ihr müsst nicht darüber Bescheid wissen, es ist nur ein wenig Hintergrundgeschichte von Emma, aber nicht wirklich relevant für das Verständnis. Es soll nur ein wenig ihre Reaktion auf Sherlock erklären.

Mit Sherlock x OC habe ich mir natürlich ein hohes Ziel gesteckt, denn so muss ich nicht nur Sherlock – der ja kein einfacher Charakter ist – realistisch schreiben, sondern auch wie sich eine Beziehung mit ihm entwickelt, ohne von seinem Charakter abzuweichen. Daher bitte ich euch, mir doch Reviews zu schreiben, wenn ihr findet, dass ich etwas nicht gut hinbekommen habe. Ich will Sherlock (und natürlich auch alle anderen Figuren) so originalgetreu wie möglich schreiben, und dabei ist eure Meinung natürlich wichtig.



~*~
The Science of Love
~*~



1

Neustart


„Oh man! Ich kann London sehen!“ Das blonde Mädchen neben mir klebte praktisch am Fenster des Flugzeugs und deutete mit dem Finger auf etwas außerhalb davon, das ich von meinem Platz aus nicht sehen konnte.

Ich blickte von meinem Buch auf und musste grinsen, als ich Sarah so aufgeregt sah. Obwohl wir uns noch nicht lange kannten, hatte ich das Mädchen doch in mein Herz schließen müssen. Ich hatte sie am Beginn des Fluges kennengelernt, als sie mich ein wenig schüchtern gefragt hatte, ob wir denn Plätze tauschen konnten, weil sie unbedingt ans Fenster wollte.

Und seit dem saß ich nun zwischen Sarah und ihrer Mutter, die ganz erleichtert schien, dass sich ihre Tochter zur Abwechslung mal jemand anderem beschäftigte. Aber weil Sarah eigentlich ja sehr höflich und freundlich war machte mir das gar nichts aus. Zwar war ich so mit meinem Buch nicht besonders weit gekommen, weil Sarah mir immer wieder etwas erzählte, aber immerhin war es so nicht langweilig geworden. Und wenn Sarah mal am Fenster geklebt hatte, hatte ich mich auch gut mit ihrer Mum unterhalten können.

Auf jeden Fall waren die beiden weitaus nettere Nachbarn als bei meinem letzten Flug von Sacramento nach Stuttgart. Da war ich nämlich am Gang gelandet, rechts von mir eine ältere Dame, die fast den gesamten Flug verschlafen hatte – und dabei in mein Ohr geschnarcht hatte – und einem Mann, der wohl mit der Stewardess flirten wollte, weshalb ich sie dauernd für ihn rufen musste. Von Stuttgart nach London war eindeutig angenehmer.

„Schau, Emma! London“, wiederholte Sarah aufgeregt und ich lehnte mich ein wenig aus dem Fenster, wo ich nun ebenfalls die Ausläufer einer großen Stadt ausmachen konnte.

London. Innerlich war ich mindestens genauso aufgeregt wie Sarah, wenn nicht sogar mehr. Sie besuchte hier nur ein paar Verwandte, die sonst nur zu ihnen kamen, während ich hier praktisch ein neues Leben anfing.

Ein neues Zuhause, eine neue Arbeitsstelle, neue Leute. Zwar hatte es mir in meinem alten Leben auch gefallen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl gehabt, dass es nicht ganz das war, was ich wollte. In den letzten drei Jahren hatte ich zweimal meine Arbeitsstelle gewechselt, war umgezogen und hatte diesen Neuanfang gemacht, weil es einfach nicht das gewesen war, das ich für den Rest meines Lebens tun wollte. Es hatte Spaß gemacht, ich hatte mich wohl gefühlt, aber irgendwas hatte immer gefehlt.

Und darum würde ich jetzt in Kürze in London wieder einen Neustart wagen.

„Bist du schon aufgeregt?“, wollte Sarah schließlich wissen, als die Stadt vor dem Fenster noch näher gerückt war.

„Ein bisschen“, gab ich zu, auch wenn das eher eine Untertreibung war. Es war zwar nichts ganz neues mehr für mich, aber vor den ersten paar Tagen in der neuen Umgebung fürchtete ich mich dann doch immer ein wenig.

„Musst du nicht. Du bist doch supernett, die können gar nicht anders als dich zu mögen“, sagte Sarah. „Und eine tolle Polizistin bist du sicher auch, so wie in den ganzen Krimis im Fernsehen.“

„Danke“, lächelte ich.

Eine Weile starrten wir dann noch aus dem Fenster, während Londons Zentrum immer näher rückte, bis schließlich die Durchsage kam, dass wir in Kürze landen würden und die Passagiere bitte ihre Gurte anlegen sollten.

Ich packte mein Buch wieder in die kleine Tasche zu meinen Füßen, überprüfte meinen Gurt und lehnte mich dann in den Sitz zurück, während das Flugzeug langsam in den Sinkflug ging.


Einige Zeit später stand ich an der Gepäckausgabe und suchte das Fließband ab, auf dem hoffentlich bald mal meine beiden Koffer in Sicht kamen. Der Rest meiner Habseligkeiten, die ich nicht hatte mitnehmen können, waren entweder noch unterwegs und würden wahrscheinlich nächste Woche eintrudeln – wenn das Transportunternehmen keinen Mist gebaut hatte – oder bereits in anderen Händen. Meinen Kollegen in Sacramento hatte ich einige Sachen überlassen, oder gespendet.

Wenn es von Amerika nach England ging, durfte man wirklich nicht seine ganze Wohnung mitnehmen, einiges musste man einfach zurücklassen. Aber das wichtigste und die Dinge, an denen ich am meisten hing, waren entweder schon mit mir hier her gereist, oder würden bald ankommen.

„Nochmal danke, dass Sie meine Tochter auf dem Flug unterhalten haben, Emma“, meinte Sarahs Mutter Lina neben mir. „Der Typ neben uns bei unserem letzten Urlaub war lange nicht so geduldig.“

„Kein Problem. Ist nicht schwer, Sarah zu mögen, ich hab mich gerne mit ihr unterhalten“, winkte ich ab, als endlich einer meiner Koffer in Sicht kam. Wenig später kehrte Sarah von weiter hinten zurück, wo sie nach ihrem Koffer gesucht hatte. Meinen zweiten hatte sie auch gleich dabei, also war die nervige Sucherei damit auch erledigt.

„Das ist doch deiner, oder Emma? Er sieht genauso aus, wie du ihn beschrieben hast“, vergewisserte sich Sarah.

„Jap, das ist er“, erwiderte ich, nachdem ich den Reißverschluss an einer der vorderen Taschen geprüft hatte. Das Ding war schon seit Jahren kaputt und daran überprüfte ich immer, ob es tatsächlich meiner war.

Sarah grinste triumphierend, dann ging sie fröhlich voraus in Richtung Ankunftshalle.

„Wo müssen Sie jetzt hin?“, fragte Lina als wir Sarah folgten.

„Ich nehm mir ein Taxi zur meiner neuen Wohnung und richte mich da ein bisschen ein. Morgen geht’s dann zum Scotland Yard, wo ich eingewiesen werde. Und Sie?“

„Zur Tube Station da draußen. Meine Schwester wohnt praktischerweise nicht weit von einer der Stationen entfernt, das heißt wir steigen nach zwei Stationen aus und sind dann beinahe schon angekommen.“

„Das ist wirklich praktisch. Wenn ich die Tube nehme, muss ich trotzdem noch ein Stück weit laufen und das will ich mit zwei Koffern und einer Tasche nicht unbedingt“, seufzte ich und warf einen kurzen Blick auf die beiden Koffer, die ich hinter mir herzog. Umziehen war eben doch ein Aufwand, den ich immer noch ein wenig unterschätzte.

Nachdem ich mich von Lina und Sarah verabschiedet hatte, rief ich mir also eines dieser schwarzen Taxis, für die London unter anderem so bekannt war und ließ mich zu meiner neuen Wohnung fahren. Das Haus war schon etwas älter und es gab außer meiner nur noch zwei weitere Wohnungen, von denen eine mein Vermieter, Mr. Lewis, und die andere seine Tochter mit ihrem Freund bewohnte.

„Ah, Miss Winter. Ich hab Sie schon erwartet“, wurde ich von ihm begrüßt, kaum dass ich die Klingel einmal betätigt hatte. „Hatten Sie einen guten Flug?“

„Ja, danke“, erwiderte ich und hievte meine beiden Koffer die Stufen zur Haustür hoch. „Ich nehme an, in dem Haus gibt es keinen Aufzug, oder?“

„Leider nein“, bestätigte er und griff hilfsbereit nach einem Koffer. „Aber ich helfe Ihnen, keine Sorge.“

Schließlich hatten wir mein Gepäck zwei Stockwerke weiter nach oben gebracht, wo eine helle Holztür mit einem Schild, auf dem Emma Winter stand auf mich wartete.

„So, da wären wir“, meinte Mr. Lewis und setzte ein wenig schnaufend den Koffer ab. „Hier haben Sie ihre Schlüssel. Ich denke, wir haben alles wichtige besprochen, aber falls noch etwas sein sollte, können Sie sich natürlich an mich wenden.“

„Vielen Dank, Mr. Lewis“, erwiderte ich und nahm die Schlüssel entgegen. Jetzt war es offiziell, ich hatte ein neues Zuhause.

„Sicher. Herzlich willkommen in London, Miss Winter.“ Er reichte mir kurz die Hand, ehe er sich wieder auf den Weg nach unten machte.

Ich sah ihm einen Moment hinterher, ehe ich mich wieder der Tür zuwandte. Mein Zuhause wartete dahinter auf mich. Vielleicht das, in dem ich länger als ein oder zwei Jahre blieb. Vielleicht eines, in dem ich das fand, was mir bisher gefehlt hatte.

Die Tür quietschte ein wenig, als ich sie langsam öffnete und hinein lugte. Nach einem ersten vorsichtigen Blick stieß ich sie schließlich ganz auf, trat ein und zog nacheinander beide Koffer herein.

Das war jetzt also mein Reich. Keine übermäßig komfortable Wohnung, aber eigentlich war sie recht hübsch. Der Fußboden bestand aus hellem Holz und die Wände waren mit einer hellen gemusterten Tapete verkleidet, was meinem neuen Wohnzimmer einen warmen Eindruck verpasste. Der Schreibtisch, das Sofa, ein Sessel und einige Schränke und Regale an den Wänden passten farblich ins Konzept.  

Ich schloss die Tür und erkundete mein neues Zuhause erstmal. Rechts vom Wohnzimmer führte eine Tür in mein Schlafzimmer, das ein großes Bett, einen geräumigen Schrank und einen Abstelltisch enthielt. Das war allerdings eine Sachgasse, also ging ich zurück ins Wohnzimmer und von dort aus in die Küche, die links um die Ecke lag.

Esstisch, Herd, Ofen, Kühlschrank… Alles, was man in einer richtigen Küche eben brauchte.

Und das Bad, das gegenüber des Schlafzimmers auf der anderen Seite des Wohnzimmers lag, war ebenfalls gut. Zwar musste ich so jedes Mal durchs Wohnzimmer laufen, wenn ich morgens ins Bad und abends von dort ins Schlafzimmer wollte, aber das machte nichts.

Die nächste Zeit verbrachte ich mit dem Einräumen meines Kofferinhalts, ehe ich mich auf mein Sofa warf um mindestens genauso lange zu telefonieren. Meine Familie zu Hause hatte mir das Versprechen abgenommen, sofort anzurufen, wenn ich in meiner Wohnung angekommen war, meine Kollegen in Kalifornien wollten ebenfalls kurz informiert werden, dass mein Flugzeug nicht über dem Meer abgestürzt war und wie das eben so war, wurde aus kurzen Anrufen zur Vergewisserung längere Telefonate.

Mum erzählte, dass meine Schwester Hannah wieder einen neuen Freund hatte und dass es diesmal sogar was ernstes war, meine Schwester erzählte, dass Dad endlich mal sein geliebtes – und total verrostetes - Auto verschrottet hatte und Dad erzählte was sonst noch daheim so los war, während ich weit entfernt unterwegs war.

Mein Boss aus Sacramento erzählte vom neuesten Fall, wie es dem Rest des Teams ging und beschwerte sich über den Berater, mit dem sie gestraft war – obwohl er ihr mit den Fällen half. Den Mörder fing er zwar immer, nur Methoden, die sie nicht gutheißen konnte. Schließlich musste sie immer den Kopf dafür herhalten, wenn ihr Berater Mist baute.

Als das auch endlich erledigt war, sah ich eine Weile lang einfach nur fern, bis sich mein Magen meldete. Etwas essbares gab es hier natürlich noch nicht, als musste ich wohl oder übel losziehen und etwas suchen. Dabei konnte ich auch gleich mal herausfinden, wo ich morgen früh ein Frühstück finden konnte, bevor es zum Scotland Yard ging. Und wo ich auf dem Nachhauseweg dann einkaufen konnte.

~
 

„Wohin, Miss?“

„Scotland Yard, bitte“, sagte ich zum Taxifahrer, der nickte und sofort wieder den Motor startete, kaum dass ich hinten saß.

Ein wenig ungewohnt war es schon, mich von jemand anderem zur Arbeit fahren zu lassen, aber nachdem ich hier in England kein Auto hatte und mir erst recht nicht zutraute, eines zu fahren, musste ich wohl erstmal beim Taxi bleiben. Leider herrschte in England noch immer Linksverkehr und ich hatte nunmal das Autofahren auf der rechten Seite gelernt. Bevor ich mir also ein eigenes Auto anschaffte, musste ich erstmal zusehen, dass ich irgendwo das Linksfahren lernte.

Während der Taxifahrer sich geschickt durch den Londoner Straßenverkehr schlängelte, nutzte ich die Zeit, mir die Stadt genauer anzusehen. Gestern nach der Landung war ich in Gedanken zu sehr bei meiner Wohnung gewesen, als dass ich genauer auf alles rings um mich geachtet hätte und wenn es dämmerte oder dunkel war, sah jede Stadt anders aus als bei Tag.

Für die nächsten Tage hatte ich mir vorgenommen, in meiner Freizeit London ein wenig zu erkunden. Ich wollte mir die ganzen bekannten Plätze wie Big Ben, London Eye und all das ansehen, aber auch einfach mal durch die Stadt gehen und mir ganz gewöhnliche Wohnhäuser ansehen. Schließlich musste man ja wissen, wo man lebte.

„So, da wären wir“, sagte der Taxifahrer schließlich und hielt vor einem großen Gebäude, vor dem ein Schild mit der Aufschrift New Scotland Yard stand. Mein neuer Arbeitsplatz.

Ich bezahlte den Taxifahrer, atmete einmal tief durch und stieg dann aus dem Auto. Ich hatte mich hierher versetzen lassen, ich wollte hier einen neuen Anfang wagen, also los.

Hinter den Glastüren befand sich eine helle Eingangshalle. Weiter hinten konnte ich Treppen und Aufzüge ausmachen, die zu den höher gelegenen Stockwerken führten. Da ich aber keine Ahnung hatte, wo ich genau hin musste, steuerte ich erstmal eine der Empfangsdamen an.

„Sie wünschen?“, fragte die schwarzhaarige Frau ein wenig gelangweilt.

„Emma Winter, ich soll mich mit Detective Inspector Lestrade treffen“, erwiderte ich.

„Sagten Sie Lestrade?“ Ich wandte den Kopf nach links, wo eine Frau mit wirren, dunklen Locken stand. Anscheinend war sie eben vorbeigegangen und hatte mich sprechen gehört.

„Ja, ich hab einen Termin mit ihm.“

„Ah, Sie müssen die Neue sein“, meinte die Frau und lächelte. „Sally Donovan, ich arbeite mit Lestrade. Kommen Sie einfach mit.“

„Danke“, lächelte ich zurück. „Hat sich erledigt“, meinte ich an die Empfangsdame gewandt und folgte dann Sally Donovan zu einem der Aufzüge.

„Lestrade meinte, Sie haben in Kalifornien als Mordermittlerin gearbeitet?“, meinte Donovan, als wir im Aufzug standen.

„Ja, hab ich. Zuerst ein paar Monate in New York, dann bin ich nach Kalifornien“, erwiderte ich.

„Und jetzt sind Sie hier.“

„Offensichtlich. Ich wollte schon immer mal nach London“, grinste ich.

„Bevor Sie jetzt da raus gehen, wäre es fair, Sie vorzuwarnen“, hielt mich Donovan zurück, als der Aufzug mit einem Ping im richtigen Stockwerk ankam.

Fragend wanderten meine Augenbrauen in die Höhe. Donovans Ton klang ernst.

„Lestrade greift häufig auf einen Privatdetektiv zurück, wenn er mit einem Fall Probleme hat. Auf einen 'Consulting Detecitve', wie er sich selbst bezeichnet, um genau zu sein. Sherlock Holmes hält sich selbst für brillant, aber er ist einfach nur ein Freak.“

„Freak?“, wiederholte ich fragend.

„Das sehen Sie sich am besten selbst an, aber ich hoffe für Sie, dass es noch ein Weilchen dauert, bis Sie auf ihn treffen. Früher oder später wird das aber der Fall sein, da werden Sie nicht drum herum kommen. Lassen Sie sich von ihm aber nicht vor den Kopf stoßen, er hält uns alle für Idioten.“

„Okay… Danke für die Warnung“, meinte ich langsam. Donovan schien das wirklich alles ernst zu meinen. Aber wenn Lestrade Holmes zu seinen Fällen dazuzog, musste es doch einen Grund dafür geben. Ob das so ähnlich war wie bei meinem ehemaligen Team in Sacramento?

Donovan nickte und verließ den Aufzug. Ich zuckte die Schultern und folgte ihr dann. Anscheinend würde ich diesen Holmes ja bald treffen, dann konnte ich mir selbst ein Bild von ihm machen.

Schließlich erreichten wir ein Büro, neben dessen Glastür ein Schild hing, das darauf hinwies, dass es Detecitve Inspector Lestrade gehörte. „Danke fürs Herbringen“, bedankte ich mich bei Donovan, die kurz lächelte und nickte, ehe sie sich umdrehte und vermutlich zu ihrem eigenen Schreibtisch verschwand.

Ich klopfte kurz, auch wenn Lestrade mich schon längste gesehen hatte und trat dann ein. „Guten Morgen, Sir.“

„Morgen. Setzten Sie sich doch, Agent Winter.“

„Jetzt wohl nicht mehr 'Agent' oder?“, grinste ich und nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. Lestrade sah ein wenig anders aus, als ich ihm mir am Telefon vorgestellt hatte. Graue Haare, irgendwas Mitte 40 herum, aber wachsame Augen.

„Nein leider nicht mehr. Auch wenn Agent natürlich um einiges bedeutsamer klingt als Sergeant“, erwiderte Lestrade und grinste ebenfalls ein wenig.

Da hatte er allerdings recht. Bei der Mordermittlung des CBI in Sacramento waren wir alle Agents gewesen, auch mein Boss – kein hörbarer Unterschied zwischen den Rängen. Sie leitete die Ermittlungen und gab uns Aufträge, wie Zeugen befragen, Schreibtischarbeit und den ganzen Kram. Insoweit würde sich für mich also nicht viel ändern, Lestrade war mein Vorgesetzter und leitete die Ermittlungen. Nur dass Sergeant irgendwie nach weniger klang als Agent, auch wenn ich im Großen und Ganze den gleichen Job hatte.

Lestrade besprach mit mir alles, was ich für den neuen Job wissen musste. Von meinen neuen Kollegen – zu denen auch Sally Donovan zählte -, Regeln, die ich zu beachten hatte, wann und wo ich meine neue Dienstwaffe bekam, Arbeitszeiten, Fallberichte… Im Großteil ebenfalls nicht viel neues für mich, auch wenn die Engländer mache Dinge ein wenig anders sahen als die Amerikaner, zum Beispiel wann man eine Wohnung aufbrechen durfte, wann man von der Waffe Gebrauch machen durfte und so weiter.

„Gut, ich denke, das wäre alles. Soweit alles klar, oder haben Sie Fragen?“, schloss Lestrade schließlich.

„Nein, keine Fragen. Falls doch noch was sein sollte, kann ich mich ja auch an meine neuen Kollegen wenden“, erwiderte ich und stockte dann, als mir Donovans Warnung wieder in den Sinn kam. „Wobei.. Donovan erwähnte vorher einen gewissen Sherlock Holmes. Ist das jemand, den ich kennen sollte?“

„Nun ja...“  Lestrade schien das Thema ein wenig peinlich zu sein, anscheinend hatte ich da einen wunden Punkt erwischt. „Er ist Consulting Detecitve und hilft uns manchmal bei ein paar Fällen. Ich nehme an, Donovan hat Sie vor ihm gewarnt.“

„Stimmt. Sie meinte, er wäre ein Freak.“

Lestrade räusperte sich. „So würde ich es nicht ausdrücken, aber… er ist ein wenig…  speziell. Sie werden Ihm bestimmt bald über den Weg laufen, also...“

„Keine Sorge, ich war nur neugierig, nicht besorgt. In Kalifornien hatte mein Team einen Berater, der war auch ein wenig speziell“, sagte ich schnell und musste ein wenig grinsen. „Mein Boss musste wegen ihm mal eine Anti-Aggressions-Therapie machen. Er ist genial auf seine Weise, aber eben… speziell.“

„Tatsächlich?“, fragte Lestrade und beugte sich vor. „Wie...“

In diesem Moment wurde die Tür zu Lestrades Büro aufgestoßen und ein großer Mann in einem langen dunklem Mantel marschierte herein, gefolgt von einem etwas kleinerem in weniger dunklen Klamotten. Hinter ihnen erschien Donovan im Türrahmen.

„Ich hab ihm gesagt, dass Sie in einer Besprechung sind, aber er wollte nicht hören...“

„Keine Besprechung kann so wichtig sein, dass er sie nicht verschieben kann“, erwiderte der Mann mit dem dunklen Mantel und ich zuckte ein wenig zusammen. Er war recht groß, hatte dunkle Locken und war recht blass, und eine so tiefe Stimme hatte ich nicht direkt erwartet.

„Wenn man vom Teufel spricht“, seufzte Lestrade. „Sergeant Winter, das ist...“

„Sherlock Holmes, nehme ich an“, vollendete ich seinen Satz und musterte den Mann erneut. Das also war der 'Freak'.

Der Mann wandte sich zu mir um und warf mir einen prüfenden Blick aus strahlend hellen Augen zu. „Neu hier, sowohl in der Stadt als auch beim Yard. Kürzlich aus Amerika eingetroffen, wo Sie offensichtlich schon länger als Polizistin gearbeitet haben, auch wenn Sie nicht aus Amerika kommen. Kaum hörbarer deutscher Akzent, Sie waren schon einige Jahre lang nicht mehr wirklich in ihrer Heimat. Wenn man davon absieht, dass Sie offenbar ihre Familie dort besucht haben, bevor Sie hierher gekommen sind. Anscheinend auf der Suche nach einem Leben, das Sie an ihren beiden Arbeitsplätzen in Amerika und in Deutschland nicht finden konnten.“

Meine Augenbrauen waren immer weiter in die Höhe gerutscht, während er gesprochen hatte, und ich konnte gerade noch verhindern, dass mir der Kiefer aufklappte. Das wusste er alles nach einem Blick auf mich?

Donovan warf mir einen Was-hab-ich-gesagt-Blick von der Tür zu, während Lestrade die Stirn runzelte und mich abwartend ansah. Anscheinend wurde eine Reaktion meinerseits erwartet.

„Beeindruckend“, sagte ich also, was mir durch den Kopf geschossen war. „Woher wissen Sie das alles?“

Holmes gab einen seufzenden Ton von sich, als würde ich ihn etwas offensichtliches fragen. „Ihre Uhr zeigt sowohl das falsche Datum als auch die falsche Uhrzeit an, Sie kommen also kürzlich aus Kalifornien, da Sie das noch nicht bemerkt und berichtigt haben. Da Sie allerdings keine Anzeichen eines Jetlags haben, müssen Sie schon etwas länger in dieser Zeitzone sein. Es ist wahrscheinlicher, dass Sie noch bei ihrer Familie waren, die Sie schon lange nicht mehr richtig getroffen haben, und sich dort an unsere Zeitzone gewöhnt haben.“ Er hob leicht die Augenbrauen. „Vielleicht sollten Sie öfters auf ihre Uhr schauen als auf ihr Handy, wenn Sie die Zeit wissen wollen.“

Ohne es zu wollen warf ich einen Blick auf meine Uhr. Tatsächlich, sie zeigte eine komplett falsche Uhrzeit an.  Das musste ich nachher unbedingt ändern…

„Dass Sie Polizistin sind ist offensichtlich, da Lestrade mit Ihnen eine Besprechung hat und außerdem Ihre Akte auf dem Tisch, er ist also dabei, Sie einzuweisen. Wenn Sie aus Deutschland kommen, aber in Amerika gearbeitet haben und nun hier in England sind, sind Sie bereits mehrmals umgezogen und das zu völlig verschiedenen Orten, was Menschen normalerweise tun, wenn sie etwas suchen. Nicht die große Liebe, Sie tragen kein Make-up um Männer auf sich aufmerksam zu machen, sondern ein neues Leben“, ratterte er herunter.

Jetzt wo er es sagte, klang das alles vollkommen logisch. Und das alles hatte er einfach so bemerkt…

„Und das mit den zwei Arbeitsstellen in Amerika?“, wollte ich wissen.

„Steht in Ihrer Akte.“

Ich folgte seinem Blick auf Lestrades Schreibtisch, wo meine Akte lag. Ich konnte sie nicht lesen, aber Holmes hatte einen guten Blick darauf. Lestrade räusperte sich und schloss sie schnell.

„Beeindruckend“, wiederholte ich, worauf ich einen interessierten Blick von Lestrade kassierte. „Nicht die übliche Reaktion, was?“

„Nein, üblicherweise nicht“, meinte Holmes und sah mich wieder an. „Sie wirken nicht so überrascht wie andere Leute. Jemand in Kalifornien, nehme ich an?“

Ich nickte. „Mein Team hatte einen Berater. Er war früher mal Trickbetrüger, hat sich als Hellseher ausgegeben, der auch mit den Toten sprechen kann. Er hat eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, die uns bei vielen Fällen geholfen hat, auch wenn er nicht ganz so viele Informationen in so kurzer Zeit erkannt hat. Aber ich bin's gewohnt, keine Geheimnisse mehr zu haben. “

Holmes hob eine Augenbraue.

Sein Begleiter, ein kleinerer Mann mit gräulichen Haaren und freundlichen braunen Augen hatte bisher nichts gesagt, sondern nur das Geschehen verfolgt und grinste nun leicht. Anscheinend war er solche Vorstellungen schon gewohnt.

Ich lächelte einmal kurz in die Runde, ehe ich aufstand und mich zum Gehen wandte. „Ich geh dann mal meine Waffe abholen, wenn niemand was dagegen hat.“ Dabei sah ich Lestrade an, der mir zunickte.

„Na dann, bis zum nächsten Mal.“ Das galt vor allem Holmes, dessen Blick mir folgte.

Ich hörte ihn noch „Interessant“ murmeln, ehe ich die Bürotür schloss und Lestrade mit den beiden ungebetenen Besuchern alleine ließ.
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