Fleury

GeschichteMystery, Horror / P12
25.09.2016
25.09.2016
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Kennt ihr die französische Stadt Verdun? Bestimmt erinnern sich einige, bei diesem Namen, an ihren Geschichtsunterricht. Es ist einer der Hauptschauplätze im Ersten Weltkrieg. Mit Sicherheit hat der ein oder andere in seinem Geschichtsbuch Bilder des großen Soldatenfriedhofes um das Beinhaus von Douaumont gesehen. In dieser Region gibt es einige zerstörte Dörfer, die nicht wiederaufgebaut wurden. Teils, weil alle Bewohner gestorben sind oder weil es sich nicht gelohnt hätte. Durch den massiven Einsatz von Waffen, darunter auch Giftgas, wurde der Boden, der nie besonders fruchtbar war, landwirtschaftlich wertlos, außerdem konnte und kann es sein, dass man beim Pflügen und anderen Arbeiten auf dem Feld, auf Blindgänger oder gefallene Soldaten oder Bewohner stößt. Heute sind diese Dörfer Gedenkstätten, Mahnmale und Zeugnisse des Wahnsinns, der im Ersten Weltkrieg die großen Nationen Europas beherrscht hat.
In dieser Region lassen sich viele Hinterlassenschaften der Soldaten finden. Bis zur Unkenntlichkeit verrostete Waffen, Orden, Munition, Grabenkunst und natürlich auch die Überreste der Soldaten selbst. Dies lockt natürlich Schatzsucher an, die mit Klappspaten und Metalldetektor über das ehemalige Schlachtfeld gehen und nach allem suchen, das sich zu Geld machen lässt. Zwar ist das untersagt und es wird auch vor der Gefahr durch Landminen und Blindgänger gewarnt, doch nicht wenige wagen das Risiko. Man könnte sagen, wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um. Dies trifft sich auf einige dieser Glücksritter zu. Aber andere verschwinden ohne den großen Knall. Dies wird von der Gendarmerie als Unfall abgetan, es wird nicht weiter nachgeforscht, da das Betreten einiger Abschnitte noch heute, 98 Jahre nach Ende des Krieges zu gefährlich ist. Ich habe jedoch ein wenig nachgeforscht und glaube die Ursache für solche Vermisstenfälle gefunden zu haben. Die meisten ereigneten sich um das zerstörte Bauerndorf Fleury-devant-Douaumont. Hier einige der Fälle, die ich aufgespürt habe:

1952 wollten zwei Schatzsucher nach Überresten des Krieges suchen um ihre Finanzen aufzubessern. Sie hießen Dominique Adam (32) und Charles Beaumont (31). Sie kamen aus Sarreguemines. Ihr Renault Type NN war das einzige, das von ihnen gefunden wurde. Er stand am Rand eines Waldweges um Fleury.

1965 verschwand der 18 jährige  Martin Kany, der aus Saarbrücken stammte. Seine Freundin, die 19 jährige Anna May, wurde in seinem Citroën 2CV gefunden und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo sie wenige Jahre später verstarb. Alles was sie noch von sich gab, sofern es artikulierte Laute waren, war: "Fleury hat ihn. Er hat doch nur etwas aufgehoben." Sie machten zusammen einen Ausflug, hatten ein Museum besucht und wollten um Fleury picknicken.

In den Siebzigern verschwanden immer wieder Kinder und Jugendliche, es war eine Art Mode unter ihnen, seinen Mut zu beweisen, indem man die Nacht im Wald bei Fleury verbrachte und etwas zum Beweis mitbrachte. Eine Patronenhülse zum Beispiel. Ich konnte 21 solcher Fälle aufspüren. Jedoch werden es sicher noch viel mehr Kinder sein.

1985 verschwand eine Gruppe von sieben Studenten, die dort nach Überresten des Krieges suchen wollten, um Belege für eine Arbeit zu haben. Sie studierten in Metz Geschichte.

1997 wurde ein verwirrter junger Mann am Denkmal in Fleury gefunden. Er saß zitternd am alten Bahnhof des Dorfes und wusste weder, wer, noch wo er war. Er wurde in ein Sanatorium eingewiesen. Nach einigen Wochen kehrte seine Erinnerung zurück, doch er sprach nie darüber, was in Fleury geschehen war. Ein Jahr später beging er Selbstmord.

2003 kehrte eine junge Frau von dort zurück. Sie wollte mit ihrem Verlobten dort nach Orden und Grabenkunst suchen. Von ihm fehlt bis heute jede Spur. Die Polizei ermittelte gegen sie wegen Mordes, doch musste die Ermittlungen einstellen. Ich konnte mit ihr sprechen, sie wollte aber nicht viel sagen, bis auf eines. Ich sollte es nicht selbst versuchen und wenn doch, keinen Fehler machen. Am Arm zeigte sie mir eine Narbe, von einem tiefen Schnitt.

Letztes Jahr, also 2015 besuchte mich ein Freund. Ich weiß, Freunde des Autors sind keine verlässliche Quelle. Er war schon immer esoterisch veranlagt, ich dagegen ein lupenreiner Skeptiker. Er hatte in dieser Richtung schon länger geforscht und war auf etwas gestoßen. Er brachte mir einen Ordner, den er zugeklebt hatte und bat mich, diesen erst nach dem kommenden Wochenende zu öffnen, wenn er ihn nicht selbst abholen käme. Er kam nie wieder und ich hörte auch nichts mehr von ihm. Sein Corsa wurde an einer Straße nach Fleury gefunden. Im Inneren lagen mehrere Rosenkränze, ein Ankh und weiter Schutzzeichen aus verschiedensten Glaubensrichtungen. Mehr bekam ich darüber nicht heraus. Also öffnete ich den Ordner.

Darin befanden sich Lebensläufe von etwa 120 Leuten, die in Fleury verschwanden. Dazu Querverweise zu örtlichen Legenden und historischen Geschehnissen. Am ende (*Ende) fand ich einen Handgeschrieben Brief:

"Mark,
Ich hoffe du liest das hier nie. Ich habe herausgefunden, wieso so viele Leute in Fleury verschwanden. Du, als Skeptiker, wirst es mir nicht glauben, doch du hast mir immer zugehört. Dir vertraue ich hierin am meisten. Es war ein Geist. Er bewacht das Schlachtfeld von Fleury. Aber ich fange besser am Anfang an.

In Fleury wohnte bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein alter Mann mit dem Namen Adolphe Bouchary. Er kämpfte im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871. Dabei wurde er, in der Schlacht bei Spichern, verwundet und im Dorf gesund gepflegt. Während seiner Genesung sah er oft auf das Schlachtfeld. Nach dem Abzug seiner Landsmänner sah er wie des Nachts einige Dorfbewohner das Schlachtfeld absuchten. Sie nahmen alles mit, was sie gebrauchen konnten, Gewehre, Pistolen, Munition, Verpflegung und Schmuck. Selbst angefangene oder erhaltene Briefe nahmen sie an sich, um damit zu Hause das Feuer anzuzünden. Mit dem töten oder getötet werden hatte er kein Problem, aber als er im Mondlicht sah, wie den Toten Finger abgeschnitten wurden, um an die Ringe zu kommen, das war zu viel für ihn. Obwohl er die Dorfbewohner verstehen konnte, hasste er sie aus tiefstem Herzen. Dabei machten die Bewohner keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Nach dem Krieg kehrte er nach Fleury zurück und bewirtschaftete einen kleinen Hof. Er heiratete und bekam Kinder, die jedoch nach Verdun zogen, um in Fabriken zu arbeiten.

Als der erste Weltkrieg ausbrach und beide Armeen, wie die Heuschrecken über das Land zogen, blieb er in seinem Haus. Auch hier sah er des Nachts einzelne Menschen ziellos über das Niemandsland zwischen den Fronten laufen, immer geduckt und die Toten plündern. Wieder überkam ihn der Hass. Er hatte nichts gegen die Soldaten, die die Toten untersuchten, Tabak und der gleichen an  sich nahmen, vielleicht auch die Uhren, aber den Gefallenen die Eheringe und die Briefe ihrer Lieben ließen. Einige Tage später schlug eine Mörsergranate in seinem Haus ein und tötete ihn.

Soweit zum Belegbaren, die Beweise dafür findest du im Ordner. Das Folgende sind meine Vermutungen, die ich aber für die Wahrheit halte. Seine Seele blieb in der Ruine des Hauses und suchte nachts die Plünderer heim. Dies behielt er auch nach dem Krieg bei. Wer etwas aufhebt, sei es auch nur eine Patronenhülse, der wird von ihm angegriffen. Ich weiß nicht wie er es macht, vielleicht durch partielle Materialisierung seines Astralkörpers. Vielleicht hat er auch Macht über den Boden, auf dem Bann von Fleury und lässt die Plünderer und Schatzsucher darin versinken. Was aber klar ist, er verlangt einen Preis für das Plündergut. Ich glaube man kann ihn so besänftigen. Ich werde es selbst versuchen. Mein Urururgroßvater hat dort gekämpft. Er wurde verwundet. Ich habe seinen alten Pass. Damit versuche ich ihn zu überzeugen, dass ich dort etwas nehmen darf. Ich hoffe es klappt und dass der Blutpreis, den er verlangt nicht zu hoch ist.

Wenn ich nicht zurückkehre, versuche du herauszufinden, was schief lief und mach es besser."
Ich habe recherchiert und glaube den Fehler gefunden zu haben.Ich werde es heute Nacht versuchen. Ich hoffe ich überlebe es.
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